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Full text of "Zeitschrift Für Sexualwissenschaft 5.1918 19"

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^Zeitschrift 

für 

Sexualwissenschaft 



Band V 

April 1918 bis März 1919 



A. Marcus & E. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn 

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Nachdruck verboten. 


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Druck: Otto Wictnd'scht BachdrackereI Q.m.b.H.» Ldpftif. 


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Inhaltsverzeichnis. 


Originalarbeiten. geit ^ 

Adler, Otto, Perverses vom Kriegsschauplatz.326 

Bloch, Iwan, Über traumatische Impotenz.>35 

— Zum Abschied!.367 

Hornstein, Karl, Alkohol und Sexualität.188 

Duck, Johannes, Frauenschioksal -- Völkerschicksal.. 81 

Fehlinger, H., Geschlochtsgomeinschaften.22 

— Pubertät und Klimakterium.165 

Fließ, Wilhelm, Innere Sekretion . 129 

— Sexualität und Symmetrie. Entgegnung auf den gleichnamigen Aufsatz von 

Paul Kämmerer.2£9, 281 

Gerson, Adolf, Darwin in Not?..12, 55 

Kämmerer, Paul, Sexualität und Symmetrie. Ein Beitrag zur Kritik der 

Periodenlehre von Wilholm Fließ und Hans Schlieper. 1, 41 

Koerber, Heinrich, Sexualität und Schuldgefühl.311 

Krämer, A., Phallosgebilde bei französischen Kämpfern # .376 

Krü2enecky, Jaroslav, Analytische Bemerkungen zum Problem der Ge¬ 
schlechtsbestimmung . 273, 317 

Löwonfeld, L., Über die Ehescheu und deren Bekämpfung.177 

Praetorius, Numa, Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen 26, 71, 108, 141, 

170, 204, 239 

— Zwei französische Dichter des 17. Jahrhunderts (Theophile de Viau und Jacques 

Vallee Des Barreaux) und ihre Beziehungen zur Homosexualität ..... 95 

— Ein homosexueller Dichter des 17. Jahrhunderts: Saint-Pavin, der „König von 

Sodom“. Eine sexuell-psychologische Studie.‘.261 

Reisinger, Ludwig, Volksvermehrung und Volkswohl.330 

Schneickert, Hans, Zur Geschichte der Berliner Bordelle.61 

Schultze, Ernst, Die sexuelle Bedeutung des Geruchsinnes.343 

Stümoke, Heinrich, Strindberg und die Frauen.367 

Theilhaber, Felix A., Zur Sexualpathologie der Blutungen, insbesondere des 

„gefährlichen Alters 44 .231 

Turel, Adrien, Sexualsymbolik.'.153, 198 

Vaorting, M., Der Einfluß der männlichen Geistesarbeit auf die biologische 

Höherentwicklung der Menschheit.225 

Kleine Mitteilungen. 

Fehlinger, H., Formen der sexuellen Vereinigung bei den Tieren.245 

— Goschlechtsbe8timmuug.295 

R., L., Kurze Mitteilung der bisherigen Erfahrungen über sexuelle Perversitäten 

der Tiere.67 

St ekel, Wilhelm, Ein Fall von Analerotik (Priapismus).271 


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IV 


Inhaltsverzeichnis. 


Ulitzsch, Ernst, Zur Frage der psychischen Geschlechtscharaktere 

— Die Beweiskraft der Kasuistik. 

— Sexuelle Volksheilkunde in Persien. 

— „Männerliteratur 41 .. 

— Die Erotik in der expressionistischen Kunst. 

Sitzungsberichte. 

Ärztliche Gesellschaft für Sexualwissenschaft und Eugenik in 


Berlin: 

Sitzung vom 28. März und 17. April 1918..145 

Sitzung vom 22. November und 20. Dezember 1918.333 


Referate. x . 78, 115, 148. 212, 317, 383, 378 

Btteherb$sprechungen . 31, 116, 149, 174, 214, 297, 338, 365 


Verschiedenes 

Brief aus dem Felde ..150 

Fließ, W., Zur Diskussionsbemerkung des Herrn Dr. Grimm.379 

Hötzel, Max, Ergänzende Bemerkungen zu Bornsteins Aufsatz „Alkohol und 

* Sexualität 44 .. 365 

Löwenfeld, Replik.248 

v. den Steinen, Karl, Kuriosum.299 


Seite 

69 

357 

358 

360 

361 


Bibliographie der gesamten Sexual Wissenschaft. 


Vom 1. März bis 31. Mai 1918.121 

Vom 1. Juni bis 31. August 1918.215 

Vom 1. September bis 31. Dezember 1918.300 

Vom 1. Januar bis 31. März 1919.380 


Namenregister.389 

Sachregister..392 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

Fünfter Band April 1918 1. Heft 


Sexualität und Symmetrie. 

Ein Beitrag zur Kritik der Periodenlehre von Wilhelm Fließ und Bans Schlieper. 

Von Paul Kämmerer 
in Wien. . 


I. Einführung. 

Die zeitliche und innere Ordnung der Lebensabl&ufe 
lassen Fließ und sein Schüler Schlieper an eine stoffliche Ordnung 
von Lebenseinheiten gebunden sein, die sich nach außen in doppelter 
Zweiheit darstellen: einerseits als je vorwiegend männliche und weibliche Indi¬ 
viduen, andererseits als rechte und linke Körperhälfte des bisexuell zusammen¬ 
gesetzten Einzelindividuums. Vom Zusammenhänge zwischen Zeit und Stoff 
(Periode und Geschlecht) soll hier abgesehen, nur der andere behauptete Zu¬ 
sammenhang zwischen Stoff und Form (Geschlecht und Seitenbau) der Kritik 
unterworfen werden. Wie Fließ und Schlieper sich diesen Zusammen¬ 
hang vorstellen, findet sich — abgesehen von den Hauptwerken genannter 
Autoren 1 ) — auch in der vorliegenden „Zeitschrift für Sexualwissenschaft“ 
kurz beschrieben 2 ). Auf die eigene Darstellung der beiden Forscher muß ver¬ 
wiesen, auf sie muß nachfolgende kritische Erörterung basiert werden, ohne 
daß Lektüre der letzteren die Kenntnis der ersteren verständnismäßig unbedingt 
voraussetzt. 

Daß sich die Kritik mit ihren' Darlegungen ausführlich beschäftige, 
fordern übrigens Fließ und Schlieper einmütig: „... Über männlich und 
weiblich, über rechts und links, über den Zusammenhang der Generationen, 
über die organische Grundlage des Künstlertums, über die Stellung des Todes 
und seinen notwendigen Platz in der Ordhung des Lebens? Für diese Fragen 
hat die Kritik noch nicht den Augenpunkt gefunden, und so ist sie ihnen bisher 
blind gegenübergestanden. Und stumm a ). Man muß ihr wohl noch Zeit lassen" 
(Fließ 1914, S. 121). „Gerade diese Dinge, die von der Kritik am meisten ver¬ 
nachlässigt worden sind, werden am leichtesten Allgemeingut werden" (Schlie¬ 
per S. 185). 


*) Fließ, W., „Der Ablauf des Lebens. Grundlegung zur exakten Biologie". 
Leipzig u. Wien. Verlag Franz Deutieke. 1906 (zitiert als „1906"). — „Vom Leben 
und vom Tod. Biologische Vorträge“. Jena 1909. Verlag Eugen Diedarichs. 2. Auflage 
1914 (zitiert als „1914“). — Schlieper, H., „Der Rhythmus des Lebendigen“. 
Jena. Verlag Eugen Diederichs. 1909 (zitiert als „S c h 1 i e p e r“). 

*) Fließ, W., „Männlich und Weiblich“. Zeitschr. f. Sexualw. I, 1, 1—6, April 

1914. 

*) Ganz stimmt das nicht: denn H. Henning, „Neupythagoräer“ (Annalen der 
Naturphilosophie IX. Band, 3. Heft, 1910) hat in seiner sonst vorwiegend bei der Mathe¬ 
matik einsetzenden Kritik S. 281—236 auch gegen die eeiualwissenschaftlichen An¬ 
schauungen von Fließ einige Bedenken erhoben! 

Zeitschr. t Sexualwissenschaft V. 1. 1 


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2 


Paul Kämmerer. 


Ein Teil des Versäumten soll also mit den gegenwärtigen Blättern nach¬ 
geholt sein. 

II. Zellteilung und Zweiteilung. 

Zuerst sei ein Vorwurf entkräftet, den Fließ gegen die „heutige Biologie“ 
erhebt, indem er sie als einzige Ursache der zweiseitigen Symmetrie angeben 
läßt, daß Zweiteilung die einfachste Form der Teilung sei, und 
die Natur arbeite immer einfach. Fließ wendet dagegen ein, Zweiteilung sei 
nur dann einfach, wenn sie Gleichteilung ist; das treffe aber nie zu. Schon 
die erste Teilung der Keimzelle scheide letztere in Urgeschlechts- und Urkörper- 
zelle; die Ungleichheit der späteren Teilungen aber bestehe im wesentlichen 
darin, daß männliche und weibliche Substanz den Teilprodukten in verschie¬ 
dener Menge (wie 23:28) zugeschoben werde. Im Endresultat 'erhalte die rechte 
Körperhälfte beim Mann mehr männliche, beim Weib mehr weibliche, also stets 
ein Plus der dem Geschlecht zuständigen Substanz; während die linke Körper¬ 
hälfte zu ansehnlicherem Prozentsatz als die rechte den Sitz gegengeschlecht- 
jicher Substanz bildet Bei Mannweibern und Weibmännem sei daher zu aller¬ 
meist diese heterosexuelle, die linke Seite etwas stärker entwickelt 

Darauf ist der Reihe nach zu erwidern: 1. Die Biologie hat sich keineswegs 
mit der Erklärung durch das Einfachheitsprinzip der Zwei- und Gleichteilung 
begnügt, sondern die Ursachen der zweiseitigen wie jeder Sym¬ 
metrie überhaupt in Bewegungs- und Wachstumsnotwen- - 
digkeiten gesucht Die Lehrbücher begründen den bilateralen Bau mit Er¬ 
fordernissen gleichmäßiger Belastung im Interesse raschester und bequemster 
Fortbewegung: sie vergleichen den Säugetierkörper mit einem vierräderigen 
Wagen, den Vogelleib mit einem zweiruderigen Kahn, dessen Ladung so ver¬ 
teilt sein muß, daß auf keiner Seite ein Übergewicht entsteht. — Der Radiärbau 
entwickle sich bei festsitzendon Lebewesen, die der geradlinigen Fortbewegung 
entbehren oder ihr entsagt haben, wie Pflanzen, Schwämme, Quallen- und 
Blumenpolypen, Seelilien, Röhrenwürmer, Moostierchen, — oder solchen freibeweg¬ 
lichen, die von festsitzenden abstammen und deren ererbte bauliche Eigentüm¬ 
lichkeiten noch nicht ganz abgestreift haben, wie Seeigel, See- und Schlangen¬ 
sterne, Medusen. Bilaterale Blüten (Lippen-, Rachen-, Schmetterlingsblütler, 
Orchideen) verdanken ihre von der radiären abweichende Form der Anpassung 
an besondere Bestäubungsart durch bestimmte Insekten; regelmäßig („iso- 
phylle“) und unregelmäßig zweiseitige („anisophylle“) Blätter resultieren aus 
dem Zusammenwirken von Licht und Schwerkraft, — worüber jede Pflanzen¬ 
physiologie Ausführliches mitteilt 

Man mag diese Erklärungen annehmen oder ablehnen, — keinesfalls läßt 
sieh sagen, die Biologie habe die Zweiseitigkeit überhaupt noch nicht als 
Problem erkannt, die Frage nach ihren Ursachen noch gar nicht aufgeworfen. 
Nur ist Fließ zuzugestehen, daß er dieselbe Frage präziser und detaillierter 
»teilt, indem er auf die innerhalb anderer Symmetrien oder scheinbarem Symme¬ 
triemangel bestehenden Bilateralitäten (z. B. der Blumenblätter in der Strahlen- 
blüta, des einzelnen Seeigelstachels, des einzelnen Seesternradius oder Polypen¬ 
fangarmes usw.) hinweist. 

2. Die Zweiteilung der Zellen aber ist — im Gegensätze zur Annahme 
Fließ’ —, soweit wirkliche Beobachtung reicht, in der Tat meist eine raffi¬ 
niert genaue Gleichteilung. Am Chromatin des Zellkernes, das wäh : 
rend der Teilungsphasen in scharf umrissenen „Chromosomen“ gleichsam aus- 


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Sexualität und Symmetrie. 


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kristallisiert, läßt sich (wie Fließ ja ebenfalls darstellt) die Genauigkeit der 
Aufteilung beurteilen. Bei jedem Teilungsschritt wird jedes Chromosom der 
Länge nach gespalten, die Spalthälften auf die Tocbterzellen so verteilt, daß 
jede wiederum dasselbe Chromosomensortiment empfängt wie die Stammzelle, — 
von jedem Chromosom die Längshälfte. So kommt es auch, daß jede Zelle 
derselben Tier- oder Pflanzenform dieselbe Chromosomenzahl in sich be¬ 
herbergt. 

Damit diese Zahl bei der Befruchtung keine Verdoppelung erfahre, muß 
sie in den reifen Keimzellen auf die Hälfte herabgesetzt werden: dies geschieht 
bekanntlich durch die Reduktionsteilung’, bei der allerdings keine Spal¬ 
tung der Chromosomeh eintritt; sondern zwei Halbpartien ganzer Chromosomen, 
die sich zuvor (gleich und gleich paarweise: „Konjugation der Chromosomen“) 
zusammenfanden, wandern in die beiden Tochterzellen hinüber. Hier geschieht 
es häufig, wenn die Chromosomenziffer eine ungerade ist, daß ein Chromosom 
(das „Hetero-“ oder „Idiochromosom“ bzw. auch wohl eine zusammengehörige 
Gruppe solcher) ungepaart bleibt und einzeln in die eine Tochterzelle gleitet, 
die dadurch in den alleinigen Besitz des überzähligen Chromosomes gelangt 
während die andere Tochterzelle in bezug auf diese Chromosomensorte leer 
ausgeht. Das ist dann freilich eine ungleiche Aufteilung, die — wie wir hören 
werden — wirklich mit dem Geschlecht zu schaffen, hat, wenn auch nicht in 
der Art, wie Fließ es meint; sondern in der Weise, daß die Zelle mit dem 
Minus an Chromatin eine männlich prädisponierte Zelle darstellt 

Sonst aber ist die Gleichteilung eine strenge: R. Goldschmidt 1 ) ver¬ 
gleicht sie dar Teilung eines Sackes Bohnen, die sich nicht begnügt den Sack 
mitten durchzuschnüren, sondern jede einzelne Bohne halbiert Der Reduktions¬ 
teilung entspräche es beim Bohnensack, wenn alle Bohnen gezählt und je die 
Hälfte der Gesamtmenge auf getrennte Häufchen gelegt würden: da könnte 
gelegentlich wohl ein Böhnchen übrigbleiben. 

Aus vielen Erfahrungen — sie sind in jedem Lehrbuche der Biologie nach¬ 
zulesen — geht hervor, daß neben der genauen Aufteilung der färbbaren Kern¬ 
substanzen etwaige Ungenauigkeiten bei Aufteilung der 
Zellenleibsubstanzen keinerlei vererbende, entwick- 
lungs- und geschlechtsbedeutende Rolle spielen. Was die erste 
Eifurchung anbelangt die angeblich die Urkeimzelle von der Urleibeszelle 
trennt, so hat embryologische Untersuchung diese mit „Chromatin-Diminution“ 
in den körperlichen (somatischen) Zellen einhergehende „erbungleiche“ Teilung 
nur bei wenigen niederen Tieren wirklich nachweisen können: in ihrer Ver¬ 
allgemeinerung für eine Theorie der Keimplasma-Kontinuität (W e i s m a n n) 
ist sie Hypothese. 


III. Bilateralität und Bisexualität. 

Nun soll also drittens laut Fließ unsymmetrische Aufteilung der Ge¬ 
schlechtsanlagen (Substanzeinheiten männlichen und weiblichen Stoffes) auf 
Körper- und Gliederhälften erfolgen; in dieser Asymmetrie soll das 
Wesen der Symmetrie gelegen sein. Der Mann habe rechts mehr 
männliche, das Weib rechts mehr weibliche Substanz; Individuen, die ins 
sexuelle Zwischenreich gehören, mit Einschluß der echten (Keimdrüsen-) Zwitter, 
sei rechts homologe Sexualsubstanz fortgenommen und links meist entsprechend 


*) „Einführung in die Vererbungswissenschaft“. — Leipzig 1911. Verlag W. Engel- 
mann. 

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Paal Kämmerer. 


viel heterologe Substanz hinzugegeban. Daher die Link Betonung (Linkigkeit, 
Linkshändigkeit) der Hermaphroditen und Pseudohennaphroditen, zu welch 
letzteren Fließ alle Künstler, überhaupt produktive Menschen und Genies 
rechnet 

Die von Fließ (1906, 1914) sowie von Schlieper baigebrachten Be¬ 
lege sprechen jedoch keineswegs — und je mehr Details vorliegen, 
desto minder — eindeutig zugunsten dieser Behauptung. Die 
Künstlerin mit der linken größeren Brust und ebendort stärkeren Warze (1914, 
S. 66, 67) ist zwar'linksbetont aber nicht in maskuliner, sondern in femininer 
Richtung. Ebenso istSchliepers Schäferhündin (S. 127), wenn sie rechts 4, 
links 5 Brustwarzen bat just auf ihrer gegengeschlechtlichen Seite weiblicher 
und wäre dort nicht maskulin, sondern hyperfeminin: ihr von Schlieper 
(S. 128) geschildertes sexuelles Verhalten und Zuchterfolg fände in dieser Be¬ 
leuchtung mindestens ebensogut Deckung wie in der anderen, der der ana¬ 
tomische Befund widerspricht Dar Mann mit verkümmerter Seita, einschlie߬ 
lich des links schwächeren Bartes (1906, Nr. 15, S. 451; 1914, S. 68) ist zwar 
feminin, aber nicht linksbatont Also entweder das eine oder das ander» 
stimmt in diesen Fällen nicht: Fließ nimmt, um den letzterwähnten zu er¬ 
klären, Zuflucht zur Annahme, es könne ausnahmsweise einmal „der Linken 
männliche Substanz fortgenommen und der Rechten die äquivalente Menge 
weiblicbar Substanz hinzugefügt werden. Dann wird die Rechta überwiegen 
und doch das Verhältnis zugunsten der weiblichen Substanz ausfallen“. 

Die Beschreibung Napoleons waist eher auf eunuchoiden Typ, 
der — wde der Kastratentyp — durchaus keine direkte Konvergenz zum weib¬ 
lichen Typ bedeutet, sondern Erreichung einer asexuellen Sonderform, die die 
Speziesmerkmale möglichst frei von Geschlechtsmerkmalen zum Ausdruck 
bringt. Daß dieser Typ weibähnlicher aussiaht als der ausgesprochen männ¬ 
liche, kommt nur daher, weil er dem infantilen Typ nähersteht, dem auch das 
Weib zeitlebens näher bleibt. 

Auch das Beispiel des Leistenbruches ist unstimmig: bedeutet er die 
Störung oder Schwächung eines exquisit männlichen Vorganges (des Hoden¬ 
abstieges aus der Bauchhöhle in das Skrotum und Verwachsung der dabei mit¬ 
gezogenen Bauchfellfalte), so sollte er nach Fließ’ Annahme häufiger links 
Vorkommen und nicht rechts, wie es die Statistik lehrt. Fließ aber verwendet 
den rechten Leistenbruch (1906, Nr. 13, S. 450; Nr. 14, S. 459) ganz ebenso als 
Stütze seiner Ansicht wie den linken (Nr. 22, S. 453). 

Durchprüfung einer größeren Anzahl von Zwitterbildungen bei Tier und 
Mensch läßt ersehen, daß einfach alle Kombinationen von primären 
mnd zugehörigen bzw. eben auch nich’t zugehörigen sekun¬ 
dären Geschlechtsorganen Vorkommen, nach Körperseiten angeordnet 
bzw. ungeordnet oder bunt geimischt, ohne jede Bevorzugung und Regel in 
bezug auf links und rechts. Schon unter den verhältnismäßig wenigen Fällen, 
die Fließ aus der überreichen Literatur zusammenstellt, befinden sich einige 
(XVII—XX, XXII in 1906, S. 477—483), von denen Fließ selbst sagt, daß sie 
„nicht brauchbar“, „nicht einwandfrei“, in ihrer Deutung „schwierig“ seien; 
Fall XVII deshalb, „weil die Sexualcharaktere so gemischt sind, daß über die 
ursprüngliche Anlage nicht geurteilt werden kann“. Besonders lehrreich sind 
die „Halbseitenzwitter“ (Hermaphrodismus lateralis): der halbseiten- 
zwitterige Gimpel Tichomirows (Schlieper, S. 133) ist, da er ein Ei, 
wenn selbst ein kümmerliches, im Legeschlauch (also bereits im Eileiter, nicht 
mehr im Eierstock!) hatte, eher ein Weibchen als ein Männchen, wie die statt- 


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Sexualität und Symmetrie. 


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gefundene Ovulation nahelegt Das widerspricht dann der geschlechtlichen 
Flankenverteilung, denn jener Zwitter hatte rechts die rote Brust- und Bauch- 
f&rbung des Männchens nebst Hoden, links die graue Färbung des Weibchen* 
nebst Eierstock. Aus der hypothetischen Folgerung: das Männchen hat seinen 
etwaigen weiblichen Einschlag links, darf eben nicht der umgekehrte Schluf 
werden: ein Zwitterwesen mit rechtsgelegenem Hoden ist seinem verwaltendem 
Ursprünge nach ein Männchen. Besser entspricht der von Poll 1 ) beschrie¬ 
bene Halbseitenzwitter eines Gimpels den Fließ-Schliepersehen Voraus¬ 
setzungen, denn Farben- und Geschlechtsdrüsenverteilung ist so wie beim 
Exemplare von Tichomirow, aber die männlichen Genitalien etwas besser 
entwickelt. Man sieht also, daß alle Kombinationen Vorkommen: rein nach dem 
Zufallsgesetz und den Regeln der Wahrscheinlichkeit ist das Ergebnis der 
Fließ-Schliepersehen Anschauung etwa ebensooft günstig wie ungünstig, 
und nochmals ebensooft nicht dafür entscheidend. Beispielsweise' entsprechen 
bei den durch W e n k e 2 ) in ziemlicher Anzahl bekannt gewordenen Halbseiten- 
zwittem der Insekten innere und äußere Geschlechtsunterschiede sich keines¬ 
wegs immer so „seitenrichtig“, wie bei den bisher für Hermlaphrodismus late¬ 
ralis beschriebenen Vögeln. Sondern es kommt vor, daß die weiblich aussehend* 
Seite innen den Hoden birgt, die männliche den Eierstock. 

Immerhin bedenklich fürs Stimmen der Fließ sehen Seitenhypothese ist 
ferner die Widerlegung des alten Glaubens, daß weiblich und männlich 
disponierte Keimzellen auf die Keimstöcke einer Körper¬ 
seite beschränkt seien: so sollte etwa, um eine für Fließ willkommen* 
Version herauszugreifen, der rechte Eierstock nur Mädchen, der linke Knaben 
hervorbringen. Noch neuerdings tauchte ein Ausläufer dieses Aberglaubens in 
Gestalt des Schoenersehen „Zahlengesetzes“ auf, wonach sich vom rechten 
Ovar stets zwei männliche Eier nach einem weiblichen, im linken zwei weib¬ 
liche nach je einem männlichen loslösen. Zahlreiche Erfahrungen an einseitigen 
Kastraten beiderlei Geschlechts, auch experimentelle Erfahrungen an Ratten, 
Kaninchen, Fröschen und Kröten, wobei bald nur ein Hoden, bald nur ein Eier¬ 
stock, bald der rechte, bald der linke entfernt wurden, zeigen zum Überfluß* 
daß von verbliebenen Keimstöcken stets beide Geschlechter, und zwar an¬ 
nähernd im Verhältnis 1:1, entspringen. Die Vögel und Bandasseln (Lithobius) 
besitzen überhaupt nur einen Eierstock; daher mußten sich besonders einwand¬ 
freie Aufschlüsse zur Lokalisationsfrage gewinnen lassen, wenn man etwa 
Hähne einseitig kastrierte: auch das ist mit dem unzweifelhaften Resultat er¬ 
ledigt, daß von Lokalisation dar Geschlechter in einem Ovarium oder Hoden 
gar keine Rede sein kann (Literatur, auch über Zwitter und Halbseitenzwitter, 
bei Kämmerer 3 )). 


IV. Linksheit und Zwitterigkeit. 

Das Faktum häufiger Linksheit bei Künstlern und anderen Tatmenschen, 
sowie ihre häufigen Anklänge an Hermaphroditismus secundarius will ich gar 
nicht in Abrede stellen. Fließ hat recht, wenn er 1914 voraussieht, jeder seiner 
Leser werde „die Beispiele zu Dutzenden bringen“, — auch ich kenne solch«. 


*) „Zur Lehre von den sekundären Sexualcharakteren“. — Sitzungsber. der Ge* 
Naturforsch. Freunde Berlin Nr. 6, S. 881—358, Taf. VII, vm, 1909. 

*) „Anatomie eines Argynnis paphia-Z wittere“. — Zeitschr. f. wies. Zool. T.YTT 
•4—188, 1906. 

*) „Ursprung der Geschleehtsqnterschiede“. — Abderhaldens Fortsehritte der 
Naturwissenschaftlichen Forschung V, 1—240, 1912. 


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Paul Kämmerer. 


Was ich bezweifeln, ja bestreiten muß, ist nur, daß die drei Dinge — Linksheit» 
Zwitterigkeit, Zweiseitigkeit — irgend fester miteinander korreliert sind. Links¬ 
heit und Zwitterigkeit mögen auf dem gemeinsamen Boden der geistig-künst¬ 
lerisch-gelehrten Produktionskraft ein indirektes Korrelat besitzen, — die zwei¬ 
seitige'Symmetrie hat bestimmt nichts damit zu schaffen. 

Hierfür kann ein mehr kritischer und demgemäß negativer, sowie ein 
positiver Nachweis erbracht werden. Den ersten erbringe Ich an dem 
reichlichen, von Fließ selbst gebotenen Beispielmaterial. Dia Kriterien dieser 
Beispiele, sowohl für Geschlechtlichkeit als für Linksheit, lassen nämlich viel 
au wünschen übrig. 

Das Tragen von Kindern oder Paketen, das Heben des Kleides mit dar 
linken Hand, von Fließ als Linkshändigkeit gewertet, ist sicher oft umgekehrt 
au deuten: man überläßt dem linken Arm eine stabilere, simplere, ruhigere Be¬ 
schäftigung, um den rächten für mannigfaltigere, wechselndere und kompli¬ 
ziertere Hantierungen frei zu behalten. Nicht Linkser, sondern Rechtser wollen, 
wenn sie links Pakete tragen (und deshalb tun sie es), rechts Türen öffnen, 
Schirm oder Stock als Stütze oder Sonde verwenden; dem links sitzenden Baby 
kann man rechts allerlei zureichen. Links überreichen die „weicheren Lebe¬ 
männer“ der Dame ihres Herzens Blumen, weil sie mit der Rechten den Hut ab- 
xiehen und zierlich schwenken, oder die Hand der Dame ergreifen und an ihre 
Lippen ziehen wollen. Das Reichen der Linken ist (Beispiel 34) oft nur Affek- 
tation oder Herablassung; andererseits lernt jeder Linke die Rechte geben, um 
der Höflichkeit zu genügen. Wenn bei mühsamen Beschäftigungen die rechte 
Hand, die damit begonnen, nach einiger Anstrengung von der linken abgelöst 
wird (Beispiel 46), wie beim Einfädeln (S. 469) und Auswringen (Beispiel 53, 
wobei übrigens beide Hände ziemlich gleichzeitig und gleichmäßig in Aktion 
treten): so ist daraus ebenso eher auf Rechtsheit zu schließen, als wenn die 
Linke begonnen, und in zweiter Reihe mit der Rechten abgewechselt hätte. 
Wenn dem Kinde, das die linke Hand benutzt, auf die Finger geklopft wird, so 
ist dies für Fließ (Beispiel 41) ein Zeugnis für dessen Linksheit; ein Klaps 
auf die Linke ist aber bei der ersten Erziehung sehr verbreitet, namentlich um 
dem Kinde begreiflich zu machen, es sei unartig, die linke Hand zu geben u. dgL 
In Wien sagt man dem Kinde: „Das ist dein garstiges Handerl!“, wenn es mit 
dem linken Händchen etwas tun wollte; nicht alle Kinder aber, denen die aus¬ 
gesprochene Rechtsheit mehr oder weniger erst anerzogen wird, sind aus¬ 
gesprochene geschlechtliche Zwischenstufen x ). 

Das Zukneifen des linken Auges (Beispiel 26) halte ich entschieden für ein 
Merkmal der Rechtsheit, weil hier nicht das Schließen, sondern das 
angestrengte Fixieren des Auges Aktivität bedeutet. Was man 
aber mit einem Auge allein besser zu erfassen glaubt, das faßt man ins rechte 
Auge: ungeübte Mikroskopiker und Astronomen tun dies, — geübte halten beide 
Augen offen und wechseln ab, verwenden das linke, wenn sie zeichnen, weil 
sie dann das rechte brauchen, um die zeichnende (rechte) Hand zu überwachen. 
Beim Begutachten von Gemälden, beim Blinzeln nach dem Sonnenstand u. dgL 
sind analoge Gelegenheiten gegeben. Im Beispiel 29 wird von Fließ gerade 
wieder Unbeweglichkeit des linken Auges infolge Ophthalmoplegia externa com- 
pleta als Zeichen der Linksheit angenommen. 

Ob die Taschen der Frauenkleidung (Beispiel 55b) rechts oder links liegen, 
ist viel zu 9ehr Modesache 1 ), um als Kriterium verwendbar zu sein. Ebenso 


*) Ähnlich Henning, Annalen der Naturphilosophie IX (1910), S. 235. 


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Sexualität und Symmetrie. 


7; 


das Schreiben init übergroßen Buchstaben bei Frauen (Beispiel 40 und S. 442), 
oder in kleiner, allenfalls von oben links nach unten rechts geneigter Steilschrify 
bei Männern: es gibt Zeiten und Orte (gewisse Schulen, Internate), wo die eine 
oder andere jener Schriften schablonenmäßig gelehrt wird und sich nachher bei 
allen daraus hervorgegangenen Zöglingen vorfindet, ohne jede Rücksicht auf 
Links oder Rechts und auf Sexualvarianten. 

Vollends die Kriterien für Männlich und Weiblich, wo 
Fließ sie verwendet, um eine Person als Mannweib oder 
Weibmann darzutun, schwanken in bedenklichster Weise und werden 
unbewußt dem Lehrsätze angepaßt, den sie beweisen sollen. Es ist Fließ 
einerlei, ob die Schilddrüse links oder rechts größer, geschwollen und druck¬ 
empfindlich ist (Beispiele 53, 54 links, 40 rechts): allemal ist’s ein Zeichen für 
männlichen Einschlag beim Weibe. Eine lange Reihe verbreitetster Krankheiten; 
darunter sogar Gonorrhöe. Syphilis und Phthisis, verweisen den Patienten — sei 
er Mann oder Weib — ins sexuelle Zwischenreich, zumal wenn er obendrein 
linkshändig ist und irgendwelche Begabung besitzt; es ist auch gleichgültig, 
ob die Krankheit sich auf beide Körperseiten erstreckt oder nur auf eine (Bei¬ 
spiel 28: linksseitige Kieferhöhleneiterung) und auf welche. Zigarettenrauchen 
fördert beim Manne (Beispiel 0) die Diagnose weiblichen, beim Weibe (34) 
männlichen Einschlages, und erst recht gilt der Nichtraucher (10) als weiblich 
beanlagt. Ebenso nimmt Vorliebe für Alkohol (Beispiel 7, 10, 21) diese beiden 
Gestalten an; dasselbe gilt vom Geschäftsgeist (11, 14). Organisationsgabe be¬ 
deutet beim Manne (1) weiblichen, Abneigung gegen Ordnungmachen beim 
Weibe (54) männlichen Anklang. Eine Bergsteigerin (32) ist selbstredend ver¬ 
männlicht, aber auch ein Bergsteiger (18), „groß und kräftig ... durchaus männ¬ 
lich im Auftreten", ist verweiblicht, lediglich weil er künstlerische Neigungen 
hat und Vorliebe für eine energische Frau mit Bärtchen. Ein „glänzender 
Schläger mit ... riesigen Händen und Füßen" ist ebenso weibisch, wie sein 
Kommilitone mit hoher Stimme und hübschem Kindergesicht, beide weil links¬ 
händig (auch der Schläger?). Weil Helmholtz als Knabe rechts und links 
schwär unterscheiden lernte und später Kunstverständnis offenbarte, gilt ef als 
Weibmann (S. 468), wobei ihm die Mathematik nicht heraushelfen kann. Weil 
Frau Z. (Beispiel 55) sich Kleidung und Hüte selbst fertigt „mit anmutigem, 
kindlich farbenfrohem Geschmack“, trägt sie ein Merkmal des sexuellen 
Zwischenreiches; ebenso ihr Töchterchen, denn es „ist dick, von zart rosiger, 
fettreicher Haut und etwas knabenhaftem Ausdruck“. 

Nach demselben Grundsätze exemplifiziert Schlieper: Ehud, der 
mit dem Schwerte in der linken Hand den König von Moab erstach (Bibel, Buch 
der Richter 3, 14—30), hat damit doch nicht wie ein Weib gehandelt. Wenn in 
künstlerischen Darstellungen Verdorbenheit, Gemeinheit, Dirnen- und Zuhälter- 
tum mit unsymmetrischen Gesichtshälften wiedergageben werden, so ist das 
zwar vollkommen richtig bobachtet, aber es gelangt darin allgemeine Abnormität 
zum Ausdruck, und es darf nicht voreilig daraus geschlossen werden, die Ab¬ 
normität bestehe just im Überwiegen gegongeschlechtiger Tendenz. Jene 
Wiedergaben bildender Kunst bevorzugen auch nicht regelmäßig gerade die linke 
Gesichts- und Körperhälfte, und bei P a s c i n, auf dessen Bilder Schlieper 
(S. 138) sich beruft, läßt sich Uberwiegen der Linksheit schon gar nicht als 
Regel auffinden. , 

Allgemeine Normstörung, die sich ii> ' ' in Asymmetrie ausspricht, Ist 

freilich häufig mit sexueller Störung kon .liait: das Sexualleben ist viel zu 
sehr allgemeine Tonart unseres ganzen Seins, als daß es bei Gleichgewichts- 


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8 


Paul Kämmerer. 


Schwankungen irgendwelcher konstitutioneller Art ganz intakt bleiben könnte, 
aber die Störung muß nicht gerade gegengesdhlechtiger Be¬ 
schaffenheit sein. Sie kann eich auch in anderswohin ausschweifenden Bahnen 
oder nur in abnormer Steigerung des zuständigen Geschlechtsbedürfnisses 
äußern. Dies kommt in mehreren der von Schlieper herangezogenen Bei¬ 
spielen zum Vorschein. 

Die Taube, die „mit einem Glasscherben ein Phantasieverhältnis durch 
mehrere Wochen weiterführte“ (S. 131), braucht nicht homosexuell gewesen zu 
sein; ein Glasscherben ist keine Taube, weder gleichen, noch entgegengesetzten 
Geschlechtes. Oder sollte ihr Spiegelbild im Glase den Reiz geliefert haben? 
Gutes Singen und Nachahmen bei Vögeln, was Schlieper (S. 131—134) als 
künstlerische Begabung fürs sexuelle Zwischenreich beansprucht, sind dort 
spezifisch männliche Attribute: man darf nicht vom Menschen rückschließen, 
wo das Weib sich am Mitbesitz stimmlicher und sonstig künstlerischer Fähig¬ 
keiten erfreut Wären die bestsingenden und -imitierenden Vogelmännchen 
Weibmänner, so sollte man erstens erwarten, daß auch die Weibchen singen 
können, was bekanntlich nicht der Fall; nur die Mannweiber (hahnenfedrigen 
Weibchen) unter ihnen können es zuweilen, aber, trotzdem sie dem „Zwischen¬ 
reich“ angehören, nur stümperhaft Sie können es wohl nicht weil sie herm- 
aphroditisch, sondern weil sie maskulin sind; nicht ihr Zwittertum, sondern der 
Anteil ihrer Männlichkeit bestimmt ihre Fähigkeit Wären die talentiertesten 
Vogelsänger Weibmänner, so stünde es zweitens wohl schlimm um die Zucht, 
denn die besten, lautesten, ausdauerndsten Sänger erringen — soweit ist man 
über das sexuelle Wahlvermögen immerhin unterrichtet — den besten Lock¬ 
erfolg; und daß damit Degenerationsgefahren für die Nachkommenschaft ver¬ 
bunden sind, hat Schlieper selbst am Beispiele seiner hyperfemininen (nach 
ihm maskulinen) Schäferhündin Scharri (S. 127, 128) dargetan. Wenn laut 
Schlag die kleineren Dompfaffen gelehriger sind, so bedeutet das: die Form 
Pyrrhula europaea Vieill. ist gelehriger als die Form Pyrrhula pyrrhula L.; nicht 
aber bedeutet es: kleinere Männchen seien gelehriger, weil sie weiblichen Ein¬ 
schlag haben. In diesem Sinne ist denn auch Gelbtönung der Flügelbinden kein 
Weiblicher Geschlechtscharakter, sondern eine geschlechtlich indiffemte Aber¬ 
ration. . 

Schlieper (S. 133) folgert aus seiner Anschauung, man müsse bei 
sangasbegabten Vogelmännchen die Linksbetonung des menschlichen Künstlers 
wiederfinden; eine männliche Kalanderlerche, die „den Grünling, die Rauch¬ 
schwalbe, den Gelbspötter, die Dorngrasmücke usw." zu imitieren wußte, be¬ 
stätigt ihm jene Folgerung, denn 3ie „ist ganz einseitig links organisiert, von 
der Schädeldecke und dem Auge herab bis zu den Zehen und Krallen. Der linke 
Sporn ist ca. einen Zentimeter länger als der rächte. Eine albinistische 
Schwungfeder rechts und der bei jeder Mauser nach links wachsende Ober¬ 
schnabel macht die Linksbetonung unzweifelhaft“. Ähnlich „zwei vorzüglich« 
Rotkehlchen mit großem Umfang der Stimme und ungewöhnlichem Strophen¬ 
reichtum“ (S. 132). Damit tritt aber jetzt Schlieper seinem Meister Fließ 
entgegen, der bereits 1006, S. 486 einschalten mußte, daß seine Regel nur für 
Säugetiere erwiesen sei: „Nicht etwa, als ob bei den Vögeln oder irgendwo in 
der Natur die biologische Bedeutung der Symmetrie eine andere wäre oder sein 
könnte. Die eine Seite muß immer mehr dem Männlichen, die andere dem 
Weiblichen entsprechen. Aber welche die männliche, welche die weibliche ist, 
das wechselt offenbar: wird doch schon bei den Vögeln nur e i n Ovarium und 
Eileiter, der linke, ausgebildet—“ 


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Sexualität uud Symmetrie. 


9 


Aus allen Fließ- und Schliepersehen Beispielen scheint mir folgendes 
hervorzugehen: 

1. Die beiden Körperseiten stellen, unbeschadet ihrer im: großen und ganzen 
spiegelbildlichen Zuordnung, ein Mosaik kleiner Asymmetrien dar, 
so zwar, daß paarige Organe wohl nie im geometrischen Sinne einander spiegel¬ 
bildlich gleich sind. Sondern ist bei demselben Individuum der rechte Partner 
des einen Organpaares (und ebenso die rechte Hälfte eines unpaaren Organes) 
etwas größer und stärker, so ist es bei einem anderen Organpaare (und einer 
anderen Organhälfte) der linke. Die rechts stärkeren Organpartner behaupten 
zwar die Mehrheit; im ganzen besteht ein Vorwalten der rechten Seite und 
darunter als deutlichster Exponent die generell gewordene Rechtshändigkeit, 
die aber auch gegenwärtig noch durch erziehliche Einflüsse individuell unter¬ 
strichen wird. Trotzdem lassen sich bei wohl jedem Exemplare, bei allen 
Personen auch etliche linksseitige Präponderanzen feststellen. 

2. Ferner ist es nur eine Binsenwahrheit, daß jedes Individuum zu 
irgend etwas begabt und geschickt erscheint. Faßt man es daher als produk¬ 
tiv veranlagt und sucht seine linksseitige piöce de resistance bzw. seine rechts¬ 
seitigen wunden Punkte auf: dann kann man in jedem Einzelwesen die Merk¬ 
zeichen seiner Gelinktl^it und Künstler- oder Tatmenschenschaft zur Diagnose 
verarbeiten, daß es überdies ins geschlechtliche Zwischenreich gehöre. 

3. Diese Diagnose wird noch dadurch erleichtert, daß tatsächlich jedes 
Individuum in gewissem Betracht doppelgeschlechtlich ist: denn auch bei ge¬ 
trenntgeschlechtlichen Lebewesen ist wirklich der vergleichsweise „reine“ 
Mann, das relativ „unvermischteste“ Weib wohl ebenso selten, wie andererseits 
der vollkommenste Zwitter mit Zwitterdrüsen (Ovotestee); dazwischen liegt der 
große Durchschnittshaufen von „Männern“ und „Weibern" 
mit mehr oder minder ansehnlichen, heterosexuellen Ein¬ 
sprengseln. Wollte man die Geschlechtsvarianten in eine Reihe upd diese 
in einer Kurve zu graphischer Darstellung bringen, so wäre es eine symmetrische 
und zweigipfelige Kurve: ihre Tiefen punkte (Stellen größter Seltenheit) lägen 
in der Mitte (echtes Zwittertum), zu Beginn und am Ende (volle Männlich- und 
Weiblichkeit); Anfangs- und Schlußpunkt erhöben sich steil 2u den Gipfeln 
(Stellen größter Frequenz, vorwiegende Männlich- bzw. Weiblichkeit) und 
senkten sich sehr allmählich (Hermaphrodismus secundaris) zu dem medianen 
Minimum (Hermaphrodismus verus) hinab. 

4. Aus 1 bis 3 folgt: Linksheit, Zwitterigkeit, Talent müssen sehr oft 
zusammenfallen, aber nur, weil ihre Kurven viele Schnittpunkte haben, ihre 
Erscheinungsgebiete sich weithin decken. Sie tun es also sozusagen von wegen 
ihrer Streuung, ihrer räumlichen Verbreitung, ihrer Häufung an gleichem Ort 
nicht aber, weil sie einander ursächlich bedingen. 

V. Asymmetrische Funktion und Vererbung. 

Dafür muß nun noch ein positiverer Nachweis erbracht werden. Den 
direktesten liefern Asymmetrien, die ganz offenkundig gar nicht vom Geschlecht, 
sondern nur vom ungleichmäßigen Gebrauch der rechten und 
linken Seite abbängen. Ein lehrreiches Beispiel liefern die ungleich- 
scbarigen Krebse, die, wie der Hummer, mit der gewöhnlich rechts sitzenden 
großen Knack- oder Knotenschere (beim Pistolenkrebschen Alpheus „Schnalz¬ 
schere“) Schaltiere zertrümmern, mit der kleinen Zwick- oder Zähnchenschare 
das Fleisch aus der klaffenden Schale herauslangen. Oder die Flachfische, die 
sich als junge, noch streng bilaterale Brut im Seichtwasser derart umlegen, daß 


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10 


Paul Kämmerer. 


die morphologisch rechte Flanke zur physiologischen Oberseite, die morpho¬ 
logisch linke Flanke zur physiologischen Unterseite wird, — bei etlichen Arten 
auch umgekehrt. 

Im experimentellen Verfolg (besonders von Przibram 1 ) durchgeführt) 
lassen solche Asymmetrien erkennen, daß keine getrennten Anlagen 
für Rechts und Links bestehen: sondern es gibt nur Anlagen für Vorn 
und Hinten, sowie für Oben und Unten. Bei Entwicklung dieser beiden Achsen 
— der antero-posterioren Längs- oder Hauptachse und der dorso-ventralen 
Tiefen- oder Sagittalachse — ergibt sich die richtige Anordnung der lateralen 
Quer- oder Transversalachse von selbst. Eine Hauptstütze dafür ist das Ersatz¬ 
wachstum der großen Schere bei obenerwähnten Krebsen, wobei sich, wenn sie 
rechts saß, der „Rechtshänder" in einen „Linkshänder“ verkehrt Bai den Winker- 
krabben, wo die Ungleichscherigkeit männliches Geschlechtsabzeichen ist ge¬ 
lingt der Scherenaustausch zwar nicht; da jedoch die männliche Riesenschero 
trotzdem bei manchen Winkerkrabben (Individuen und Arten) rechts, bei an¬ 
deren links steht legt auch dieses Beispiel nur gegen Fließ Zeugnis ab. 

Ebenfalls nur scheinbar für Fließ sprechen variationsstatistische Unter¬ 
suchungen von Harris 2 ), der bei Bohne und Pimpemuß eine schwache 
Korrelation zwischen Symmetrie und Fruchtbarkeit heraus- 
fand: asymmetrische Hülsen und Schoten bergen eine geringere Zahl keim¬ 
fähiger Samen als symmetrische. Aber Harris sagt daß diese Beziehung 
zwischen Unsymmetrie und Unfruchtbarkeit kaum andeutungsweise vorhanden 
sei; überdies braucht sie keineswegs auf stärkeren gegengeschlechtigen Gehalt 
unregelmäßiger Früchte bezogen zu werden; sondern Symmetriestörung ist not¬ 
wendige Folge fast jeder Entwicklungsstörung. Letztere ist zugleich Ursache 
des geringeren Samengehaltes. Mißgestalt und Mißernte sind beide gemeinsam 
bedingt durch den Mißwuchs, ohne daß ein falsches Mischungsverhältnis der 
Geschlechtsstoffe hierzu nötig wäre. 

Vererbungsversuche mit verschiedenäugigen Katzen (Przi¬ 
bram 3 ) zeigten insofern Umkehrbarkeit der Seitenanlagen, als eine Katze, die 
etwa rechts ein gelbes und links ein blaues Auge hatte, außer Nachkommen 
mit beidseits gleichfarbigen Augen und solchen, bei denen das gelbe Auge aber¬ 
mals rechts saß, in gleicher Häufigkeitschance noch andere Katzenkinder mit 
rechtem blauen und linkem gelben Auge bekam. — Unsymmetrische 
Farbflecken, etwa bei Foxterriern und Meerschweinchen, sind absolut 
nicht fest vererbbar, sondern finden sich, bei der Nachkommenschaft an allen 
möglichen Körperstellen in mannigfachem Wechsel von Rechts und Links (Mac 
Curdy-Castle 4 )). Asymmetrie an sich wird also vererbt, aber Linksbeto¬ 
nung nicht unbedingt als solche, sondern ebensooft als Rechtsbetonung. Wenn 
sich daher unter den Nachkommen linksbetonter Eltern solche befinden, die 
ihnen darin gleichen, so darf nicht voreilig auf spezifische Erblichkeit der 
Linksbetonung geschlossen werden; genaueres Nachsehen und genügende Nach¬ 
kommenzahl wird gewöhnlich das Vorhandensein auch der entgegengesetzten 
Kombination feststellen. Bestimmt wissen wir, daß beim Menschen der Situs 
viscerum inversus (rechte Herzspitzen-, linke Leberlage usw.) nicht auf die 


*) „Asymmetrie-Versuche als Schlüssel zum Bilateralitätsprobleme“. — Verh. 
VIII. Internat. Zoologenkongreß Graz 1910, S. 272, Taf. I. — Erschienen Jena 1912. 
Verlag Gust. Fischer. 

*) Arch. f. Entwicklungsmech. XXXV, 500—522, 1912. 

») Ebenda XXV, 260—265, 1908. 

«) Papers of the Station for Exp. Evol. Nr. 8. Washington 1907. 


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Sexualität und Symmetrie. 


11 


Kinder übergeht, und daß nach Lang 1 ) und Kün kel 2 ) sämtliche Nach¬ 
kommen linksgewundener Weinbergschnecken, gleichgültig, oh nur ein oder 
beide Eltern ein linksgewundenes Gehäuse besaßen, rechtsgewunden waren. 

Schließlich sei an einen entwicklungsmechanischen Versuch von Roux 8 ) 
. erinnert, der aus dam Zweizellenstadium des Froschaies nach Abtötung der 
einen Furchungskugel die andere zum Halbembryo aufzog. War dieser ein 
Flanken- und nicht etwa ein Rücken- oder Bauchembryo, so konnte unter 
günstigen Umständen „Postgeneration“ auftreten, — das Flankenstück 
ergänzte das ihm fehlende, die linke Hälfte eine rechte, die rechte eine linke. 
Also mußte doch jede Hälfte auch die Anlage für die jeweils andere in sich 
getragen haben: Vernichtung des für letztere bestimmten Keimmateriales konnte 
die Möglichkeit ihrer nachträglichen Entwicklung aus der übriggebliebenen 
Seitenhälfta nicht aufheben. 

Wenn also die Anlagen, die Erbeinheiten für Links und Rechts gemeinsaiü 
und im Keim ungetrennt gegeben sind, so wird das auch für die Geschlechts¬ 
anlagen gelten. Wenn gewisse Menschenkategorien statt normaler, angeborener 
{durch Erziehung verstärkter) und bis tief ins Tierreich hinabreichender Vor¬ 
herrschaft ihrer rechten Seite eine solche der linken, oder keinerlei 
Bevorzugung irgendeiner Seite besitzen, so kann das nicht mit seitenweiser 
Deponierung des Geschlechtscharakters, sondern muß wohl wie bei den krasseren 
Asymmetriefällen der Tiere mit funktionellen Tauschvorgängen Zusammenhängen. 

Bei bildenden Künstlern und Musikern ist evident, daß ihre Beschäftigung 
stärkere Beanspruchung auch der linken Hand mitbringt. Aber jeder intensiv 
schaffende Mensch ist schließlich genötigt, alles, was funktionsfähig ist, in den 
Dienst seiner Arbeit zu stellen: schon die größere Ausdauer, die sie von ihm 
verlangt, verlegt unwillkürlich das Schwergewicht der ganzen 
Haltung gern abwechselnd auf beide Körperhälften. Be¬ 
anspruchung nur eines Körperteiles, etwa der Hand, und die ihrer vermehrten 
Verrichtung folgende Verstärkung zieht aber korrelativ allmähliche Kräftigung 
der ganzen betroffenen Seite, oder doch ansehnlicher Bezirke derselben, nach 
sich: Ja, diese Korrelationswirkung greift sogar auf die entsprechenden Glieder 
der zunächst nicht oder minder betroffenen Seite über 4 ). 

Ergänzt wird die individuelle Funktionswirkung durch die 
von ihr ausgehende — von vielen Forschern freilich noch bestrittene — gene¬ 
relle Vererbungswirkung, mag sie auch schwach sein und erst binnen 
vielen Generationen merklich werden. Sie spielt wohl mit, wenn Personen links 
sind, bei deren eigener Beschäftigung das Bevorzugen oder gleichmäßige Heran¬ 
ziehen beider Hände und Hälften nicht in Betracht kommt. Übrigens bin ich 
davon durchdrungen, daß nicht immer die Funktion und deren abgeschwächte 
Vererbung als Ursache vorliegt: Austauschprozesse ähnlicher Art wie bei 
Scherenumkehr heterocheler Krebse — beim Menschen natürlich nicht Restitu¬ 
tionsprozesse nach Verstümmelungen, aber vielleicht Regulationsprozesse nach 
einseitigen Störungen (etwa des Nervensystems) — dürften oft maßgebend sein, 
nicht aber die Sexualität. (Schluß folgt.) 

i) Vierteljahrsschr. Naturforsch. Ges. Zürich XLI, 1896. 

») Zool. Anzeiger XXVI, 556-664, 1903. 

•) Areh. f. Entwicklungsmech. I, 596—618 und Gesamm. Abh. II. Leipzig 1895. 
Eng elmann . 

. *) Volkmann, Ber. d. kgl. sfichs. Akad. d. Wies. S. 70—76, 1858; anschließend 
an G. Th. Fechners „Beobachtungen, welche zu beweisen scheinen, daß durch die 
Übung der Glieder der einen Seite die der anderen mitgeübt werden“. (Zitiert nach 
Henning 1. e.) 


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Adolf Geraon. 


12 


Darwin in Not? 

Von Adolf Gerson 
in Filehne. 

Oskar Hertwig versucht in seinem 1916 ‘erschienenen Buche „Das 
Werden der Organismen“ eine Widerlegung des Darwinismus 1 ). 
Daß der Darwinismus nicht der letzte Erklärungsgrund des lebendigen Seins 
sein kann, ist von einsichtigen Forschern schon kurz nach seiner Entstehung, 
u. a. von Herbert Spencer, dargelegt worden. Es ist sicher ein verdienst¬ 
liches Unternehmen, wenn jemand abzugrenzen sucht, in welchem Umfange 
die Erscheinungen der Organismenwelt durch das darwinistische Prinzip 
erklärt werden können, und wenn er gegen eine Überspannung und ver¬ 
kehrte Anwendung dieses Prinzips ankämpft. Es muß aber von vornherein als 
aussichtslos erscheinen, wenn jemand dieses Prinzip widerlegen, als völlig 
verfehlt und unverwendbar nachweisen wilL Ein Nachweis, daß die natürliche 
Auslese gar nicht vorhanden sei, oder daß sie doch auf die Gestaltung der Orga¬ 
nismenwelt keinen Einfluß habe, kann niemand gelingen. Aus diesem Grunde 
ist der Untertitel von Hertwigs Buch, „Eine Widerlegung von Darwins Zufalls¬ 
theorie“, nicht glücklich gewählt. 

Wer Darwins Schriften nur einigermaßen kennt, wird es auch befremdlich 
finden, daß Hertwig von einer „Zufallstheorie“ Darwins spricht. Das erweckt 
den Eindruck, als ob Darwin in seiner Lehre dem Zufall einen weitgehenden 
Einfluß auf die Entstehung der Arten eingeräumt habe, als ob er die Verände¬ 
rungen an einzelnen Individuen, die der Entstehung neuer Arten voräufgehen, 
für rein zufällige gehalten habe, als ob er die Variation für völlig gesetzlos an¬ 
gesehen habe. Das ist nicht der FalL Darwin hat in weitestem Maße das be¬ 
rücksichtigt, was vor ihm schon Lamarck gelehrt hatten nämlich, daß*die Indi¬ 
viduen durch die Einwirkungen von Licht und Wärme, von Luft und Wasser, 
von Kräften und Stoffen der sie umgebenden Natur unmittelbar verändert 
werden, so daß jede Veränderung in ihrer Umgebung durch unmittelbare Be¬ 
wirkung eine Veränderung an ihrem Körper — also gegebenenfalls auch eine 
Variation — bewirkt Darwin kennt und beachtet die Gesetze der Korrelation 
und des Wachstums, die ebenfalls auf Variationen hin wirken können. Er sagt 
ausdrücklich in „Entstehung der Arten“ von den Ursachen der Variabilität: 
„Etwas mag der bestimmten Einwirkung der äußeren Lebensbedingungen zu¬ 
geschrieben. werden; wie viel aber, das wissen wir nicht Etwas und vielleicht 
viel, mag dem Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe zugeschrieben werden.“ 
Und weiter: „Wenn ein» Abänderung für ein Wesen von dem geringsten Nutzen 
ist so vermögen wir nicht zu sagen, wie viel davon von der häufenden Tätig¬ 
keit der natürlichen Zuchtwahl, und wie viel von dem bestimmten Einfluß 
äußerer Lebensbedingungen herzuleiten ist. So ist es den Pelzhändlem wohl 
bekannt, daß Tiere einer Art um so dichtere und bessere Pelze besitzen, ja 
weiter nach Norden sie gelebt haben. Aber wer vermöchte zu sagen, wie viel 
von diesem Unterschied davon herrühre, daß die am wärmsten gekleideten Indi¬ 
viduen viele Generationen hindurch begünstigt und erhalten worden sind, und 
wieviel von dem direkten Einfluß des strengen Klimas? Denn es scheint wohl, 
als ob das Klima einige unmittelbare Wirkungen auf die Beschaffenheit des 
Haares unserer Haustiere ausübe.“ Aus diesen und zahlreichen ähnlichen Aus¬ 
sprüchen Darwins geht hervor, daß er die Variationen der Individuen keines- 

*) Eine ausführliche Darstellung der Lehre Hertwigs bietet M. Ho dann, Zur 
Revision des Darwinismus. Zeitschr. f. Sexualwissensch. 4. Bd. 3. u. 4. Heft 1917. 


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13 


Darwin in Not? 


wegs für zufällige, die Variabilität der Arten keineswegs für gesetzlos: gehalten 
hat. Es erscheint daher nicht angebracht, Darwins Theorie als „Zufallstheorie“ 
zu bezeichnen. Wenn Darwin das Gesetzmäßige der Variabilität nicht in dem 
Umfange erörtert, in dem er die Einwirkung der Auslese auf die Entstehung der 
Arten bespricht, so rührt dies wohl allein daher, daß ihm die Gesetze der Varia* 
bilität nicht genügend bekannt waren und zum Teil unerforschlich schienen. 

Aber wissen wir Heutigen denn von den Gesetzen der Variabilität viel mehr, als 
vor einem halben Jahrhundert Darwin wußte? Auch wer heute über die Ent* 
stehung der Arten schreibt, muß die Darstellung seiner geringen Kenntnis von 
den Gesetzen der Variabilität anpassen und läuft Gefahr, von einem späteren 
Fachgenossen wegen seiner „Zufallstheorie" geschmäht zu werden. 

Von den Anhängern und Nachbetern Darwins ist Darwins Lehre vielfach 
falsch verständen und falsch gepredigt worden. Darwins Satz, daß die Ent* 
stehung der Arten auf der natürlichen Auslese beruhe, ist von ^einzelnen so 
verstanden worden, daß sie nur auf der natürlichen Auslese beruhe, daß die 
Variabilität der Individuen wirkungslos bleibe. Wenn sich Hertwig gegen diese 
Verdrehung des Darwinismus wendet, so ist er nur im Rechte. Es muß also 
beachtet werden: 1. Die Individuen variieren; aber eine neue Art entsteht nur, 
wenn bestimmte Varianten vernichtet und bestimmte erhalten werden. 2. Neue * 
Arten entstehen durch Auslese; aber die Auslese kann nur stattfinden, wenn 
zuvor die gleichen Individuen einer Art zu variieren anfangen. 

Bei dem Kampfe, den Hertwig u. a. gegen den Darwinismus führen, handelt 
es sich in Wahrheit weniger um das Prinzip der Auslese, das Selektionsprinzip, 
als um die Frage, inwieweit der Mensch die Variabilität der Indviduen beein* 
flussen, die Variationen in bestimmte Richtungen leiten könne. Der Züchter, 
der nach einem yorhergefaßten Plane eine neue Art heranzüchtet, wird nur zu 
leicht dazu verführt, die Vorbedingungen, an die seine Tätigkeit geknüpft ist, 
zu übersehen, er hält die Macht der künstlichen Züchtung leicht für unbegrenzt 
und hält sich, falls man ihm einen genügend langen Zeitraum für seine Experi* 
mente zu Gebote stellt, leicht für fähig, aus einer Schwalbe einen Storch, und 
aus einem Fisch einen Vogel heranzuzüchten. Demgegenüber hat die neuere 
Forschung ergeben, daß der Züchter auf die Variabilität dar Individuen keinen 
Einfluß hat, und daß er nicht fähig ist, die Variationen in bestimmte Richtungen 
zu leiten. Aus dem Gefühl heraus, daß ältere Darwinisten und vielleicht auch 
Darwin selber einen Einfluß des Menschen auf die Variabilität der Individuen 
zu Unrecht angenommen haben, gelangt man heute zu einer Verwerfung des 
gesamten Darwinismus, die ungerecht und ungerechtfertigt ist. 

Die künstliche Züchtung hat zu der Erkenntnis geführt, daß vererbliche 
Variationen nur auf zwei Wegen entstehen können: 1. Durch Kombinierung von 
zwei verschiedenen Idioplasmeln, d. h. durch Verbindung einer männlichen und 
einer weiblichen Keimzelle mit differenten Merkmalspaaren, und 2. durch 
Mutation des Idioplasma, d. h. durch Veränderung der Keimzellen selber, 
etwa infolge äußerer Einflüsse. Die Gesetze, nach denen männliche 
und weibliche Keimzellen zweier Arten kombininert werden können, und 
nach denen sie ihre Eigenschaften auf die folgenden Generationen ver¬ 
erben, sind uns zum Teil durch die Mendelforschung erschlossen worden. < 

Hat man die Zahl der Abweichungen zweier Arten, die bei der Kreuzung 
Nachkommen erzeugen, festgestellt, so kann man rechnerisch ermitteln, wieviel 
verschiedene Formen in den einzelnen Generationen ins Leben treten und welche 
Formen ins Leben- treten müssen (Mendelsche Spaltungsregel). Die Gesetze, 
nach denen die Mutation des Idioplasma erfolgt, kennen wir noch nicht. Das 


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14 


Adolf Gereon. 


Wissen wirf aber sicher, daß der Mensch bei der künstlichen Züchtung neuer 
Arten an die Gesetzmäßigkeit des Idioplasma gebunden ist, und daß er nicht 
aufs Geratewohl neue Arten erzeugen, kann. 

Die Erfahrungen bei der künstlichen Züchtung haben ergeben, daß die 
Entstehung neuer Arten mehr von der Variabilität der Individuen, als von der 
Auslese abhängig ist. Denn die Variationen bilden das Material, aus dem die 
peuen Arten entstehen müssen; die Auslese ist unbedingt an dieses Material 
gebunden. Die Variationen aber entstehen ohne Rücksicht auf die Willkür der 
Auslese, ohne Rücksicht auf die von der Auslese gesuchte Form. Es hat daher 
den Anschein, als ob den Angriffen auf den Darwinismus eine gewisse Be¬ 
rechtigung innewohnt, insofern, als die neueren Forschungen über Vererbung 
und Variabilität gezeigt haben,. daß die Auslese erst in zweiter Reihe art- 
bestimmend ist. i ' 

Also doch Gefahr für Darwin? Für ihn, der die Macht der Variabilität 
nicht kannte, wie wir Heutigen sie kennen, und der daher der Auslese den 
überwiegenden Einfluß zubilligte? Doch nein; denn ich glaube zeigen zu können, 
daß der ganze Streit über das Verhältnis von Variabilität und Auslese zueinan¬ 
der, dieser Streit, der Hertwig veranlaßt, die Wissenschaft gegen Darwin in die 
. Schranken zu rufen, im höchsten Maße unfruchtbar und zwecklos ist, daß der 
Gegensatz zwischen 1 Auslese und Variabilität ein künstlich formulierter, ein in 
Wahrheit gar nicht vorhandener ist. 

Die Welt der Organismen besteht nämlich aus drei Reichen. Kleinste Lebe¬ 
wesen, Bionten (die wir noch nicht kennen, deren Dasein aber von zahlreichen 
Forschem hypothetisch angenommen wird) organisieren sich im unteren Reich 
zu Zellen; Zellen organisieren sich im mittleren Reich zu Individuen oder 
Personen (die wir als Pflanzen, Tiere und Menschen unterscheiden); und die 
Individuen organisieren sich im oberen Reich zu Staaten (Tierstaaten und 
Menschenstaaten). Die natürliche Auslese lernen wir in dem oberen Reiche 
der Staaten kennen. Wir können sie dahör als soziologisches Prinzip 
bezeichnen. Wir nehmen an, daß dieses soziologische Prinzip auch in den 
beiden anderen Reichen für die Organisation zu Zellen und zu Individuen wirk¬ 
sam ist, und darauf beruht eben der Darwinismus. Die Variabili¬ 
tät lernen wir in dem unteren Reiche der Bionten kennen; denn die Mendel¬ 
forschung hat erwiesen, daß alle Variationen zurückgeben auf Kombinationen 
von kleinsten Teilchen in den Keimzellen der Organismen. Wir können sie 
daher als biologisches Prinzip bezeichnen. Wir nehmen an, daß dieses 
biologische Prinzip auch in den beiden anderen Reichen für die Organisation zu 
Individuen un'd Staaten wirksam ist. Im mittlerem Reiche scheint die Auslese 
sich u. a. zu offenbaren bei dem sog. „Kampf der Teile im Organismus“ (Roux, 
Abderhalden), scheint die Variabilität sich zu offenbaren in den verwickelten 
Beziehungen zwischen den Keimzellen und somatischen Zellen. Aber mit den 
Hilfsmitteln, wie sie der Wissenschaft heute zu Gebote stehen, können wir weder 
das Prinzip der Auslese bis an die untere Grenze der Organismenwelt, noch 
das Prinzip der Variabilität bis an die o b e r e Grenze der Organismenwelt ver¬ 
folgen. Ist aber das Prinzip der Auslese von Anfang an wirk¬ 
sam gewesen— und daran zweifelt niemand — so beginnt seine Wirksam¬ 
keit auch heute sicher schon bei den niedersten Lebewesen, die den Wiesen des 
Urbeginns entsprechen, und geht durch alle drei Reiche der Organismenwelt 
hindurch. 

Unser im Monismus geschultes Denken hindert uns nun aber, für den Ur- 
beginn zwei gesondert wirksame Prinzipien anzunehmen. Wir können uns 


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nicht denken, daß am Urbeginn Auslese und Variabilität gesondert an der Ent¬ 
wicklung der Organismen gearbeitet haben, weil wir uns als den letzten Urgrund 
aller Entwicklung nur ein Einheitliches, Einziges denken können. War also die 
Auslese von Anfang an wirksam und ist sie auch heute noch von der unterem 
Grenze der Organismenwelt ab wirksam, so sind wir genötigt, anzunehmen, daß 
im letzten Grunde Auslese und Variabilität zusammenfallen, daß ad der unteren 
Grenze der Organismenwelt Auslese und Variabilität nicht unterschieden werden 
können, weil sie nichts als zwei verschiedene Ausdrucksformen einer und der¬ 
selben Kraft sind, oder, richtiger gesagt, weil sie nichts als zwei Begriffe für 
einen und denselben Gegenstand sind, zu deren Formulierung wir gekommen 
sind, weil wir uns dem Gegenstand von zwei verschiedenen Seiten aus genähert 
haben, und ihn von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus zu betrachten uns 
gewöhnt haben. 

An einem Beispiel soll gezeigt werden, daß nicht nur naturphilosophische 
Deduktion, sondern auch der-Zwang naturwissenschaftlicher Tatsachen für den 
behaupteten Zusammenhang zwischen Variabilität und Auslese spricht. Hert- 
wig sagt S. 489 seines Buches: „Ohne Zweifel sind die Gegensätze, die wir als 
weibliche und männliche Form einer Spezies bezeichnen, aus einer gemein¬ 
samen, indifferenten Grundform phylogenetisch hervorgegangen. Sie haben sich 
nur bei solchen Organismenarten ausbilden können, bei denen an Stelle der 
vegetativen Fortpflanzung durch Knospen und Sporen die geschlechtliche Ver¬ 
mehrung durch Keimzellen getreten ist. Denn in dem Prinzip, auf dem alle 
Geschlechtlichkeit beruht, daß die Entwicklung einer neuen Generation mit der 
Verschmelzung zweier Zellen beginnt, ist jetzt auch die Möglichkeit zu einer 
physiologischen Arbeitsteilung und Differenzierung gegeben.... Sind doch bei 
der Ausbildung der zu einer geschlechtlichen Entwicklung dienenden Zellen 
zwei sich gegenseitig ausschließende Aufgaben zu erfüllen: 1. Die reichliche 
Ausstattung der zur Fortpflanzung bestimmten Zelle mit besonders reichem Er¬ 
nährungsmaterial damit sich die Anfangsstadien der Entwicklung unabhängig 
von äußerem Nahrungsbezug rasch und kontinuierlich abspielen können; und 
2. die Möglichkeit der Befruchtung durch Annäherung und Vereinigung der 
beiden Zellen. Die eine Aufgabe verlangt eine große, gut ernährte Zelle; die 
zweite eine kleine und bewegliche. Hier liegt ein Gegensatz vor, der sich nach 
dem Prinzip der Arbeitsteilung innerhalb einer’ Zellengemeinschaft leicht da¬ 
durch lösen läßt, daß die einander widersprechenden Aufgaben von zwei Zellen 
durch ihre, ungleiche Ausbildung übernommen werden. Daher halte ich auch 
die Annahme für die wahrscheinlichste, daß dem getrenntgeschlechtlichen Zu¬ 
stand der hermaphroditische in der Phylogenese vorausgegangen ist. Zu ihren 
Gunsten läßt sich noch geltend machen, daß im Pflanzen- und Tierreich die 
tieferstehenden Arten im allgemeinen hermaphroditisch, die höherentwickelten 
getrenntgeschlechtlich sind, und daß sich fast in allen Klassen neben getrennt¬ 
geschlechtlichen auch hermaphroditische Arten bald in überwiegender, bald in 
geringerer Zahl vorfinden.“ Die hier von Hertwig angezogene Tatsache der 
Geschlechtertrennung soll für uns das Beispiel abgeben, an dem gezeigt werden 
soll daß Variabilität und Auslese letzten Endes zusammenfallen. und an der 
unteren .Grenze der Organismenwelt identisch sind. 

Es haben sich, wie allgemein angenommen wird, ungeschlechtliche Orga¬ 
nismen zu hermaphroditischen, und hermaphroditische zu getrenntgeschlecht¬ 
lichen entwickelt. Auf den höheren Stufen des Tierreichs, wo Männchen und 
Weibchen dauernd oder zeitweise in der Ehe leben und gemeinsam Brutpflege 
treiben, teilen sich Männchen und Weibchen die Arbeit dergestalt, daß ein Teil 


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Adolf Gerson. 


der Arbeit (etwa der Nestbau, das Heransebaffen der Nahrung, die Verteidigung 
dar Familie) dem Männchen, der andere Teil der Arbeit (etwa das Eierlegen, 
das Brutgeschäft, die Fütterung der Jungen) dem Weibchen zufällt. Weil beim 
Menschen und bei zahlreichen höheren Tieren das Zusammenleiban von Männ¬ 
chen und Weibchen und die damit verbundene Arbeitsteilung einen greifbaren 
Erfolg für die Erhaltung ihrer Art gezeitigt hat, meinen nun viele Forscher gleich 
Hertwig, daß die Geschlechtertrennung erfolgt sei einzig und allein zum ^vecke 
der Arbeitsteilung zwischen den beiden Geschlechtern, daß sie er* 
folgt sei aus dem Grunde, weil getrenntgaschlechtliche Arten infolge der Arbeits¬ 
teilung zwischen den Geschlechtern ungeschlechtlichen und hermaphroditischen 
überlegen waren. Das kann nun nicht richtig sein. Dann schon bei den Säugetieren, 
insbesondere bei Raubtieren und Nagetieren lebt ein großer Teil dar Artan außer 
der Ehe; Männchen und Weibchen dieser Arten finden sich nur zur Begattung 
zusammen und trennen sich dann sofort wieder. Und je tiefer wir in der Tier¬ 
reihe hinabstaigen, desto seltener wird die Ehe, und die niadersten Zwei¬ 
geschlechtlichen bei Würmern und Arthropoden kennen sie keineswegs. Finde* 
sich also die Arbeitsteilung zwischen Männchen und Weibchen nur bei einzelnen 
der höheren Getrenntgeschlechtlichen, so darf wohl nicht angenommen werden, 
daß bei den Tieren die Geschlechtertrennung wegen der Arbeitsteilung zwischen 
den Geschlechtern erfolgt sei. Endlich gibt es eine Anzahl Pflanzen mit rein 
männlichen und rein weiblichen Exemplaren, bei denen keinerlei Arbeitsteilung 
überhaupt denkbar ist, und wie will man bei diesen die Geschlechtertrennung 
auf eiine angastrabte Arbeitsteilung zurückführen? 

Wenn nun auch im oberen Reiche der Organismenwelt die Geschlechter¬ 
trennung nicht zum Zwacke der Arbeitsteilung zwischen den Gaschlachtam er¬ 
folgt ist, so ist doch die Möglichkeit, daß sie im m i 11ler e n Reiche — bei den 
Zellen — aus diesem Grunde erfolgt ist Hier scheint auf den ersten Blick ein» 
Arbeitsteilung zwischen männlichen und wedblichen Keimzellen vorhanden zu 
sein. Die weibliche Keimzelle scheint die Aufgabe zu haben, die zur Fortpflan¬ 
zung bestimmte Zelle mit Nährstoffen auszustatten; die männliche Keimzelle 
scheint die Aufgabe zu haben, die Befruchtung herbeizuführen. Die Entschei¬ 
dung hängt nun davon ab, ob die männliche Keimzelle tatsächlich mit der weib¬ 
lichen in einer Wirtschaftsgemeinschaft labt und für die gemeinsame Wirtschaft 
— den Zallhaushalt der zur Fortpflanzung bestimmten Zelle, der Zygote — einen 
Teil dar erforderlichen Arbeit leistet Das ist nun nicht der Fall Bei zahl¬ 
reichen Wirbellosen bis zu den Insekten hinauf entwickelt sich die weibliche 
Keimzelle auch dann, wenn die Befruchtung durch die männliche aus irgend¬ 
einem Grunde unterblieb (Parthenogenesis). Sie entwickelt sich auch, wie zu¬ 
erst Jacques Loeb gezeigt hat, bei der Behandlung mit gewissen chemischen 
Reagentien. Die Arbeit der männlichen Keimzelle ist also wenigstens auf einer 
gewissen niederen Stufe dar Geschlechtertrennung entbehrlich. Ferner: Die Be¬ 
fruchtung der weiblichen Keimzelle durch eine männliche desselben Tieres, eine 
„Selbstbefruchtung" kommt meines Wissens bei den Tieren nirgendwo vor. Bai 
den Pflanzen kommt die Selbstbefruchtung allerdings vor; aber die meisten 
Pflanzen haben Einrichtungen entwickelt, durch die sie die Selbstbefruchtung 
verhindern wollen. Es reifen bei ihnen männliche und weibliche Keimzellen 
zu verschiedenen Zeiten, oder es sind die weiblichen und männlichen in ver¬ 
schiedenen Blüten auf verschiedenen Teilen der Pflanze oder gar auf getrennten 
Pflanzen untargebracht u. dgl m. Wenn nun männliche und weibliche Keim¬ 
zellen durch Arbeitsteilung einander nützen sollen, so muß es uns Wunder 
nehmen, daß die Natur bei dm tierischen Zwittern und den meisten Pflanzen 


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Darwin in Not? 


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die Wirtschaftsgemeinschaft der auf demselben (tierischen und pflanzlichen) 
Individuum erwachsenen Keimzellen unterbunden hat, daß ihr nur die Wirt¬ 
schaftsgemeinschaft der männlichen Keimzellen des einen Tieres bzw.der einen 
Pflanze mit den weiblichen Keimzellen eines andern Tieres ’bzw. einer andern 
Pflanze genehm scheint Die Geschlechtertrennung bei Tieren und Pflanzen . 
scheint eben keinen andern Zweck zu haben, als die Wirtschaftsgemeinschaft 
der auf demselben Individuum erwachsenen männlichen und weiblichen Keim¬ 
zellen zu hindern. Während im Haushalt der Tiere und Pflanzen alle andern 
Zellen, bei den Tieren insbesondere Muskel-, Knochen-, Nerven-, Blut-, Drüsen-, 
Epithel- und andere Zellen, in inniger Gemeinschaft miteinander stehen und in 
wahrhafter Weise die Arbeit untereinander teilen zum Wohle des von ihnen 
gebildeten Individuums, machen gerade bei den Tieren und bei den meisten 
Pflanzen die K e i m zellen eine Ausnahme, indem männliche und weibliche des¬ 
selben Individuums streng voneinander geschieden, und außerhalb jeglicher 
Kommunikation erhalten werden. Wenn also von anderer Se^te behauptet wird, 
die Geschlechtertrennung sei erfolgt zum Zwecke der Arbeitsteilung zwischen 
den Geschlechtern, so kann in Hinsicht auf die Verhältnisse zwischen den 
männlichen und weiblichen Keimzellen desselben Individuums behauptet wer¬ 
den, daß dies unzutreffend ist. 

Was aber kann nun die Natur bezweckt haben, als sie die indifferenten 
Fortpflanzungszellen der niederen Pflanzen und Tiere sich in männliche und 
weibliche Keimzellen spalten ließ. Was für einen Vorteil können die einzelnen 
Individuen davon gehabt haben, wenn sich in ihnen zweierlei Arten von Fort¬ 
pflanzungszellen entwickelten, wenn aber die einen die andern nicht befruchten 
durften? Indem wir diese Fragen beantworten, gelangen wir nicht nur zur Er¬ 
kenntnis des Zusammenhanges zwischen Variabilität und Auslese, sondern auch 
zu einer neuen Auffassung von Zeugung und Vererbung. 


Je größer und organisierter eine Art ist, desto mehr Nährstoff muß bei ihr 
der mütterliche Organismus zur Entwicklung der Nachkommen hergeben. Bei 
den Vögeln sind die Eier daher viel größer als bei den Insekten, und im all¬ 
gemeinen auch als bei den Fischen und Reptilien. Und die Säugetiere geben 
erst recht viel Nährstoffe für ihre junge Brut her. Je mehr Nährstoffe nun 
eine Art einem einzelnen werdenden Individuum mitgeben muß, desto weniger 
Eier können ihre weiblichen Individuen zur Entwicklung bringen. Während bei 
einzelnen Pflanzen die Zahl der entwicklungsfähigen Samen in die Hunderte, 
bei einzelnen weiblichen Insekten, Fischen und Amphibien die Zahl der ent¬ 
wicklungsfähigen Eier in die Tausende und Millionen geht, reifen im Eierstock 
der Vögel und Säugetiere nur wenige hundert Eier, und von ihnen gelangen bei 
den Säugetieren und Menschen oft nur eine ganz geringe Zahl zur Entwicklung. 
Eine große Zahl niederer Tiere aber gibt ihren Eiern keinen Nährstoff mit, legt 
aber ihre Eier in andere Organismen hinein und ermöglicht es ihrer jungen 
Brut, von diesen Organismen zu zehren (Brutparasitismus). Insbesondere 
sind die zahlreichen Schmarotzertiere in der glücklichen Lage, ihre Eier ohne 
Nährstoffe ablegen zu können. Diese Tiere können, weil sie ihren Eiern keinerlei 
Nährstoffe mitzugeben brauchen, eine riesige Zahl Eier, weit über die Million 
hinaus, zur Reife bringen. Bei schmarotzenden Einzelligen kann sogar die Ver¬ 
mehrung erfolgen, ohne daß durch Zellteilung eine neue Zelle gebildet wird. 
Das fortpflanzungsfähige Wesen zerfällt bei ihnen vielfach, wie wir es z. B. bei 
der Gregarine sehen, in eine Unzahl kleiner Sporen, die in andere Zellen ge- 

Zeitachr. f. Sexual wissen Schaft Y. 1. 2 


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18 Adolf Gereon. 


langen, von deren Nährstoffen zehren ünd sich zu vollständigen Einzelwesen 
ihrer Art entwickeln. In ähnlicher Weise erzeugen zahlreiche niedere Pflanzen 
keine Samen, sondern Sporen, welche auf und in anderen Organismen heran¬ 
wachsen. Die Natur hat also die Vermehrung der Pflanzen und Tiere nach 
zwei verschiedenen Richtungen hin ausgebildet In der einen Richtung erfolgt 
die Bildung weniger, aber reichlich ausgestatteter Eier und Embryonen; in der 
andern erfolgt die Bildung einer Unzahl von Sporen, Samen und Eiern, die eine 
geringe oder gar keine Mitgabe an Nährstoffen erhalten. 

Da die männlichen Keimzellen der Pflanzen und Tiere in der Struktur 
ihres Kernes den weiblichen völlig gleichen und sich nur durch den gänzlichen 
Mangel an Nährstoffen von ihnen unterscheiden, so kann man sie als aus ver¬ 
kümmerten weiblichen Keimzellen hervorgagangen denken. Bei den Organis¬ 
men mit hermaphroditischen Geschlechtsdrüsen 1 ) gahen tatsächlich männliche 
und weibliche Keimzellen aus den gleichen Gebilden der Zwitterdrüse hervor, 
•und die männlichen Keimzellen sind offenbar nichts anderes, als verkümmerte 
weibliche Keimzellen, als Keimzellen, die infolge der reichlichen Aussteuer 
einzelner von ihnen ohne Mitgaba geblieben sind. So mögen, wie es auch 
Hertwig annimmt, in der Urzeit bei einem ungeschlechtlichen Lebewesan die 
ersten männlichen Keimzellen dadurch entstanden sein, daß ein Teil der Fort¬ 
pflanzungszellen dieses Lebewesens überreichlich ausgestattet wurde, und in¬ 
folgedessen für die andern keine Mitgabo übrigblieb 2 ). 

Ebenso aber, wie die männlichen Keimzellen mit den weiblichen der „be¬ 
güterten Richtung“ hinsichtlich ihrer Herkunft verwandt sind, stimmen sie mit 
den Sporen, Samen und Eiern der „unbegütertan Richtung" in ihrer Lebensweise 
überein. Sie werden in ungeheuren Mengen erzeugt. Sie bewegen sich glaich 
den Schwärmsporen zahlreicher pflanzlicher und tierischer Schmarotzer mit 
Hilfe von Geißelfäden. Sie dringen in andere Zellen ein und entwickeln sich 
in ihnen. Die Übereinstimmung zwischen den Schwärmsporen der pflanzlichen 
und tierischen Schmarotzer und don männlichen Keimzellen der höheren 
Pflanzen und Tiere ist eine so auffällige, daß man sich versucht fühlt, die Be¬ 
ziehungen des männlichen Geschlechts zum "weiblichen geradezu als eine A b - 
art des Parasitismus zu bezeichnen*). 

Und könnte denn nicht die geschlechtliche Zeugung in Wirklichkeit eine 
Abart des Parasitismus sein? Dafür, daß die geschlechtliche Zeugung 
tatsächlich eine Abart des Parasitismus ist, sprechen folgende 
Erwägungen: 


‘) Hermaphroditische Geschlechtsdrüsen finden sich bei Serranus und Chry- 
sophrys regelmäßig, beim Karpfen u. a. hin und wieder. 

*) Einzelne Individuen einer Vortizellen-Kolonie liefern durch wiederholte Teilung 
eine Nachkommeii8C''aft besonders kleiner Geschöpfe, welche sich von ihren Stielen ab- 
lösen und frei im Wasser umherschwimmen, man nennt diese kleinen Formen ,.Mikro¬ 
gameten“. Andere Individuen der Kolonie bleiben von normaler Größe, es sind die „Makro¬ 
gameten“. Bei den Paarungen kopuliert immer ein Mikrogamet mit einem Makrogameten, 
indem die ereteren freischwimmend die letzteren aufsuchen. Die Vorgänge bei der Vorti¬ 
zellen-Kolonie geben ein ungefähres Bild von der in der Urzeit erfolgten Scheidung der 
Keimzellen in männliche und weibliche. 

*) Selachier- und Pulmonatenspermien haben eine auffallende Ähnlichkeit mit den 
Zoosporen von Flagellaten, insbesondere von Polytoma uvella Ehr., die Bombinator- 
spermien mit den einzelnen Individuen von Herpetomonas Lewisi, einer im Hatten- 
blute lebendeo Flagellat.e. Bei einzelnen Sporozoen, z. B. bei Coccidium Schuber gi 
Sehaud., finden wir Bildungen, die aus der Teilung von männlichen Befruchtungs¬ 
individuen, Mikrogametoblasten, hervorgehen und sich in allen wesentlichen Dingen wie 
fadenförmige Spermien verhalten. 


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Darwin in Not? 19 


1. Die eben erwähnten äußerlichen Übereinstimmungen zwischen den 

Schwärmsporen der Schmarotzer und den männlichen Keimzellen können keine 
zufälligen sein. , 

2. Ebensowenig wie eine Muskelzelle unsores Körpers urplötzlich ‘die 
Fähigkeit erlangen kann, in eine andere Muskelzelle einzudringen, wie irgend¬ 
eine andere Zelle des Körpers urplötzlich die Fähigkeit erlangen kann, in eine 
gleichartige einzudringen, kann bei einem ungeschlechtlichen Vielzelligen der 
Urzeit eine Fortpflanzungszella urplötzlich die Fähigkeit erlangt haben, in eine 
andere einzudringen und in ihr zu wuchern. Das Auftreten verkümmerter 
Eizellen ist, wie wir oben sahen, erklärlich; aber die Umwandlung dieser ver¬ 
kümmerten Eizellen in bewegliche Samenzellen (Spermatozoon), ihr Eindringen 
in benachbarte unverkümmerte Eizellen und die Tatsache, daß die weiblichen 
Keimzellen bei den meisten Organismen erst dann zur Entwicklung gelangen 
können, wenn eine solche Samenzelle in sie eingedrungen ist, ist der Wissen¬ 
schaft bisher ein Rätsel gewesen. Keine der bisher aufgestellten Zougungs- 
theorien reicht zu seiner Lösung aus. Nimmt man aber an, daß das ungeschlecht¬ 
liche Vielzellige, bei dem in der Urzeit die männlichen Keimzellen entstanden 
sind, ein parasitisch lebendes oder Brutparasitismus trei¬ 
bendes Wesen war, so ist das Zustandekommen der geschlechtlichen 
Zeugung ohne weiteres erklärt. Dann haben nämlich schon die undifferenzier¬ 
ten Fortpflanzungszellen dieses Lebewesens, aus denen die männlichen Keim¬ 
zellen durch Verkümmerung hervorgegangen sind, die Fähigkeit, in andere 
Zellen einzudringen, in ihnen zu wuchern und in ihnen sich zu entwickeln, be¬ 
sessen, und die männlichen Keimzellen haben dann die Fähigkeit, in andere 
Zellen einzudringon, von ihnen in derselben Weise geerbt, wie die weiblichen 
Keimzellen desselben Individuums. Wir denken uns also in der Urzeit ein un¬ 
geschlechtliches vielzelliges Wesen, dessen Fortpflanzungszellen sich entwickel¬ 
ten, indem sie in Zellen anderer Organismen eindrangen und in ihnen wucherten. 
Die Fortpflanzungszellen dieses Wesens schieden sich sodann in solche mit 
reichlicher Mitgabe an Nährstoffen und solche ohne Nährstoffe. Die mit reich¬ 
lichen Nährstoffen versehenen Fortpflanzungszellen — wir nennen sie jetzt 
weibliche Keimzellen oder Eizellen — waren nun nicht mehr auf das parasitische 
Leben in anderen Organismen angewiesen, und konnten sich mit Hilfe ihrer 
Mitgabe außerhalb des Körpers ihres Wirtes entwickeln, und sie taten dies auch. 
Die Fortpflanzungszellen ohne Mitgaba aber blieben bei ihrem Brutparasitismus. 
Bei einzelnen Arten mögen die parasitisch labenden Fortpflanzungszellan mit 
Vorlieba in die Fortpflanzungszellen anderer Organismen eingedrungen sein, bei 
einzelnen Arten mögen die parasitisch lebenden Fortpflanzungszellen speziell 
in die Fortpflanzungszellen gewisser nahe verwandter Organismen ain- 
gedrungen sein, und endlich mögen die parasitisch lebenden Fortpflanzungs¬ 
zellen auch in die nährstoffreichen Eizellen von anderen Individuen ihrer 
eigenen Art eingadrungen sein. Das Entstehen der geschlechtlichen Zeugung 
ist damit genügend erklärt 1 ). Die männlichen Keimzellen der heutigen Pflanzen 
und Tiere stellen dann die ursprüngliche Form der Fortpflanzungszallen dar; 
die weiblichen Keimzellen stellen eine höhere Stufa der Entwicklung dar, bei 
welcher eine vom Körper des Wirtes unabhängige embryonale Entwicklung ge¬ 
währleistet wird. Die Arten, die neben der parasitisch sich entwickelnden Nach¬ 
kommenschaft noch eine Anzahl von Nachkommen aus freilebenden Eizellen 

- , 

1 ) Nur das Entstehen der geschlechtlichen Zeugung; nicht deren steigende Aus¬ 
breitung im Ties- und Pflanzenreich. Worauf letztere beruht, kann hier nicht dar¬ 
gestellt werden. 

2 * 


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Adolf Gerson. 


zeugen konnten, wurden den anderen, die nur eine parasitisch sich entwickelnde 
Nachkommenschaft zeugen konnten, überlegen, und so entstanden in der Urzeit 
neben den ungeschlechtlichen Vielzelligen hermaphroditische Arten, die gleich¬ 
zeitig zum Brutparasitismus bestimmte — männliche — Keimzellen und mit 
Nährstoffen versehene — weibliche — Keimzellen zeugen konnten. Aus ihnen 
sind dann später die getrenntgeschlechtlichen Arten hervorgegangen. 

S. Ist die geschlechtliche Zeugung ihrer Herkunft nach ein Parasitismus 
der männlichen Keimzellen an den weiblichen, so ist verständlich das Bestreben 
der Natur, die weiblichen Keimzellen vor dem Überfall durch die auf dem¬ 
selben (hermaphroditischen) Lebewesen erwachsenen männlichen Keimzellen 
zu schützen, dadurch, daß sie die männlichen und die weiblichen Keimzellen 
zu verschiedenen Zeiten reifen läßt, daß sie ihnen den Zugang zu den weib¬ 
lichen Keimzellen erschwert oder verbaut, daß sie die männlichen und weib¬ 
lichen Keimzellen möglichst weit auseinanderrückt, sie endlich auf zwei Indi¬ 
viduen verteilt und die Übertragung der männlichen Keimzellen auf die weib¬ 
lichen an genau bestimmte Vorbedingungen (Insektenbesuch u. a.) knüpft 

4. Bei den niederen Getrenntgeschlechtlichen, insbesondere bei Krebsen, 
Käfern und Spinnen, aber auch noch bei einzelnen Wirbeltieren bis zu den 
Säugetieren hinauf, setzt das Weibchen der Begattung durch das Männchen 
einen Widerstand entgegen. Es kämpft gegen das Männchen, und diese Kämpfe 
enden bei den Käfern und Spinnen nicht selten mit der Niederlage und dem 
Tode des Männchens. Der Instinkt, der die Weibchen zum Kampf gegen die 
Männchen treibt, trotzdem ihre Keimzellen der „Befruchtung“ durch die männ¬ 
lichen bedürfen, muß entstanden sein bei ihren Vorfahren und zu einer Zeit wo 
deren Keimzellen einer „Befruchtung“ durch männliche noch nicht be¬ 
durften, wo vielmehr das Eindringen der männlichen Keim¬ 
zellen in die weiblichen eine Schädigung für deren Träger 
bedeutete. 

5. Hätte die Natur die männlichen Keimzellen zur Befruchtung der eigenen 
weiblichen Keimzellen jedes Lebewesens geschaffen, so würde das ungleiche 
Zahlenverhältnis zwischen beiden unerklärlich sein. Die auf demselben Lebe¬ 
wesen erwachsenen männlichen und weiblichen Keimzellen hätten dann an 
Zahl annähernd gleich sein müssen, während doch die männlichen Keimzellen 
bei allen hermaphroditischen Lebewesen die weiblichen an Zahl um mehr als 
das lOOOfache übertreffen 1 ). Die übergroße Zahl der männlichen Keimzellen 
ist aber erklärlich, wenn man annimmt daß sie nicht zur Befruchtung der 
weiblichen Keimzellen desselben Individuums, sondern dazu geschaffen worden 
sind, ihrem Mutterwesen eine möglichst große Vermehrung auf Kosten anderer,' 
rivalisierender Lebewesen zu verschaffen. Als in der Urzeit die ersten berm- 
aphroditischen Lebewesen aus den ungeschlechtlichen entstanden waren, be¬ 
wirkte das Eindringen der männlichen Keimzellen des einen Individuums in 
die Fortpflanzungszellen der andern, daß deren Vermehrung gehemmt die aber 
des Individuums, aus dem die männlichen Keimzellen stammten, gefördert 


*) Beim Menschen wurden (von Lode) auf 1 cbmm Ejakulat 60876, beim Hunde 
61 795 Spermien gefunden. Auf das Gesamtejakulat berechnet ergaben sich beim Men¬ 
schen (rund 3370 cbmm) über 200 Millionen Spermien, beim Hunde (rund 950 cbmm) 
55 778000 Spermien. Lode berechnet daraus, daß ein Mann während seiner zeugungs¬ 
fähigen Jahre rund 340 Billionen Samenfäden hervorbringt. Vergleicht man damit die 
200 Eier, welche das menschliche Weib in seinen beiden Eierstöcken zur befrucbtungs- 
fähigen Reife bringt, so kommen auf jedes derselben nahezu 850 Millionen Spermien, 
während doch nur ein einziges Spermium für jedes Ei nötig ist Bei den Koniferen 
kommt rund 1 Milliarde Pollenkörner auf eine befruchtete Eizelle. 


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Darwin in Not? 


21 


wurde; denn aus den mit männlichen Keimzellen „befruchteten“ Fortpflanzungs¬ 
zellen der ungeschlechtlichen Individuen entwickelten sich Lebewesen, die nach 
dem hermaphroditischen Elter schlugen. In dam Kampf, den alle Arten um 
Wohnplatz und Nahrung führen, spielt noch heute die Produktion männlicher 
Keimzellen eine wichtige Rolle, insofern als jede Art — auch der Mensch — 
durch Produktion zahlreicher männlicher Individuen das Übergewicht über die 
andere zu erlangen sucht. Wie die höheren Tiere heute durch Vermehrung 
ihrer Männchen ihre Kampfkraft, und durch Kämpfe mit andern Arten ihren 
Nahrungsspielraum zu erweitern suchen, so diente in der Urzeit die Produktion 
männlicher Keimzellen den sie erzeugenden Individuen zur Verdrängung 
der andern, die keine männlichen Keimzellen oder nicht 
so zahlreiche aussenden konnten. 

6. Daß die Beziehungen zwischen männlichen und weiblichen Keimzellen 
ursprünglich feindliche waren und jetzt noch sind, darauf deutet, wie schon 
gesagt wurde, die Tatsache, daß die Weibchen sich vielfach gegen die Be¬ 
gattung durch die Männchen wehren und mit ihnen erbittert kämpfen. Dann 
sind wohl die Vorgänge, die sich zwischen den männlichen und weiblichen 
Keimzellen bei der „Befruchtung“ abspielen, als Formen eines Kampfes auf- 
zufassen. Das Vorstrecken des sog. Empfängnishügels, die Bildung der schützen¬ 
den Membran, die Bewegungen des Kernes, die Ausstoßung der Polkörperchen usw. 
bei der befruchteten Eizelle sind daher als Varteidigungsmaßregeln und Kampf¬ 
handlungen der Eizelle zu betrachten. Es wird schwer halten, für die sonder-* 
baren Bewegungserscheinungen, die die Befruchtung an der Eizelle hervorruft, 
einen anderen, einleuchtenden Grund zu finden 1 ). 

7. Aus dem feindlichen Verhältnis zwischen den männlichen und weib¬ 
lichen Keimzellen erklärt sich auch die Tatsache, daß bei der Kreuzung zweier 
Arten die Befruchtung bzw. die embryonale Entwicklung häufig unterbleibt 
Die weiblichen Keimzellen einer Art werden im allgemeinen nur durch die 
männlichen derselben Art befruchtet und die Befruchtung einer weiblichen 
Keimzelle durch männliche höherer oder niederer Arten ist um so weniger mög¬ 
lich, je entfernter sie mit ihr varwandt sind. In einzelnen Fällen erfolgt bei 
Kreuzung die Befruchtung der Eizelle, aber ihre Entwicklung endet bald; in 
anderen Fällen entstehen Bastarde, aber diese sind wenig lebensfähig; sie gehen 
zugrunde, bevor sie sich fortpflanzen können, oder sie erzeugen keine Keim¬ 
zellen, oder ihre Keimzellen degenerieren. Loeb u. a. konnten jedoch durch Be¬ 
handlung von Eizellen mit chemischen Reagentien bewirken, daß sie durch 
männliche Keimzellen weit entfernter Arten befruchtet wurden. Die Entwick¬ 
lung kam aber auch hier bald zum Stillstand. 

Die eben genannten Tatsachen lassen sich erklären, wenn man sie in Be¬ 
ziehung satzt zu ähnlichen aus dem Laben der Schmarotzer. Das Verhältnis 
zwischen Parasit und Wirt ist kein gleichförmiges. Es gibt Fälle, in denen 
der Parasit seinon Wirt in kurzer Zeit zugrunde richtet, und andere Fälle, in 
denen der Parasit seinen Wirt nur wenig schädigt, so daß dieser trotz des Para¬ 
siten das normale Altar erreicht. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es 
zahlreiche Abstufungen. In gewissen Fällen siegt der Parasit über den Wirt 


*) Bütschli ist es allerdings gelungen, die bei der Zellteilung entstehenden Strah- 
lungs- und Kernspindelsysteme in flüssiger Gelatine zur Darstellung zu bringen. "Wollte 
man aber aus dieser Tatsache darauf schließen, daß die Befruchtungsvorgänge an der 
Zelle rein physikalische Vorgänge sind, so wäre das ebenso irrig, als wenn jemand von 
den Leistungen der Drozschen Maschinenmenschen darauf schließen würde, daß alle 
Bewegungen beim Menschen rein maschinenmäßig zustande kommen. 


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22 H. Fehlinger. 


und richtet ihn zugrunde; in anderen siegt der Wirt über den Parasiten und 
macht ihn unschädlich. Ist das Wachstum und die Vermehrung eines Parasiten 
'eine zu reißende und gewaltsame, so werden alle seine Wirte zugrunde ge¬ 
richtet, ausgerottet; mit ihnen muß dann aber auch der Parasit 
enden. Ist umgekehrt die Organisation eines Parasiten eine zu unvoll¬ 
kommene, so gelingt es seinen Wirten, ihn unschädlich zu machen und aus¬ 
zurotten. Würden sich die pflanzenfressenden Tiere — die man gewissermaßen 
als Parasiten der Pflanzenwelt bezeichnen kann — im Laufe eines Jahres um 
das Zehn- und Hundertfache vermehren, so würden sie die Pflanzen in kurzer 
Zeit auf zehren und ausrotten. Wäre es ihnen umgekehrt nicht möglich gewesen, 
den Schutzmitteln, mit denen sich die Pflanzen gegen Tierfraß gewaffnet haben, 
eirKvervollkommnetes Vejdauungssystem mit Zähnen und Zellulose lösenden 
Säften entgegenzustellen, so hätten die Pflanzen die pflanzenfressenden Tiere 
unschädlich gemacht und ausgerottet. Ein Parasit kann sich daher nur dann 
auf die Dauer erhalten, wenn seine Organisation der seines Wirtes auf gewisse 
Weise angepaßt ist, wenn ein gewisses Gleichgewicht zwischen ihren beider¬ 
seitigen Wachstums- und Vermehrungsmöglichkeiten besteht Und bestehen bleibt. 
Diese Anpassung zeigt sich am deutlichsten beim Brutparasitismus. Ei und 
Larve des Parasiten sind so organisiert, daß sie den Kampf mit dem Organismus 
des Wirtes siegreich bestehen; aber ihr Wachstum und ihre Zahl halten sich 
hinwiederum in solchen Grenzen, daß der Wirt lebensfähig bleibt, bis die aus 
dem Ei geschlüpfte Parasitenbrut fähig ist, ihre Nahrung außerhalb des Wirtes 
zu suchen. (Schluß folgt.) 


Geschlechtsgemeinschaften. 

Von EL Fehlinger 
in München (z. Z. im Felde). 

Es ist nun schon länger als ein halbes Jahrhundert her, seitdem durch 
die Veröffentlichung der Werke von Joh. Jak. Bachofen A ), J. F. Mac Lennan 2 ) 
und L. H. Morgan 3 ) Zweifel an dem ursprünglichen allgemeinen Bestände der 
Monogamie auftauchten, und doch ist diese Frage noch immer nicht endgültig 
entschieden. Aber es mehren sich die Beweise dafür, daß die Monogamie 
nicht immer und überall die anerkannte Art der Regelung der geschlecht¬ 
lichen Beziehungen war, daß es vielmehr Zustände gab und noch gibt, welche 
die sexuelle Gemeinschaft größerer Gruppen von Personen wahrscheinlich 
machen. Hierher gehören vor allem gewisse polygame Einrichtungen, sowie 
die Unkenntnis des ursächlichen Zusammenhanges zwischen Kohabitation und 
Konzeption bei verschiedenen Völkern, bei denen also die Legitimität der Kinder 
keine Rolle spielen kann. Am meisten verbreitet ist eine Art Gruppenehe 
noch bei den Eingeborenen Australiens. Sie wurde bisher einwandfrei fest¬ 
gestellt bei vielen Stämmen Zentralaustraliens, des Nord-Territoriums, Queens¬ 
lands und Südaustraliens. Zwar bestehen Abweichungen zwischen den ein¬ 
zelnen Stämmen, aber im Grunde ist das System überall dasselbe. Die wich¬ 
tigsten Angaben sind enthalten in Howitt: „The Dieri and other kindred tribes 
of Central-Australia“; Journal of the Anthropological Institute, 20. Band; Howitt: 


1 ) Bachofen, Das Mutterrecht. Basel 1861. (2. Aufl. 1897. 
*) Mac Lennan, Primitive Marriage. London 1865.) 
s ) Systems of Consanguinity and Affinity. Washington 1871. 


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Geschlechtsgemeinschaften. 23 


„Native Tribes ot South-East Australia“, London 1904; Spencer und Gillen: 
„Native Tribes of Central-Australia“, London 1898; Spencer: „Native Tribes of 
the Northern Territory“, London 1914; Frazer: „Toteimsen and Exogamy“, 
London 1910. 

In weiten Gebieten Australiens, man darf wohl sagen bei der Mehrheit 
der Eingeborenen des australischen Festlandes, bestehen zwei Formen der ge¬ 
schlechtlichen Verbindung nebeneinander. Die eine Form besteht darin, daß 
jedes Mädchen einem Manne zur Frau gegeben wird, zumeist ohne Rücksicht 
auf den Altersunterschied und ebenso ohne Rücksichtnahme auf persönliche 
Sympathien; eine solche ist gewöhnlich gar nicht möglich, denn die Mädchen 
werden schon in sehr jungem Alter an Männer vergeben. Diese Verbindung 
entspringt anscheinend vornehmlich wirtschaftlichen Beweggründen, sie sichert 
dem Mann eine Hausjmlterin, die den größten Teil der Nahrungsmittel zu 
sammeln hat, denn der Ertrag der von den Männern betriebenen Jagden 
liefert nur einen kleinen Teil der überhaupt notwendigen Nahrung. Über¬ 
dies kann jeder Mann und jedes Weib mit einer oder mehreren Personen 
des anderen Geschlechts eine Verbindung eingehen, deren Zw^eck lediglich 
sexueller Verkehr ist Der Abschluß solcher polygamer Verbindungen geschieht 
nicht wie die Schließung der vorerwähnten „Ehen“ ohne jede Formalität, 
sondern unter Erledigung eines bestimmten Zeremoniells. Diese Art der ge¬ 
schlechtlichen Verbindung wird in der ethnologischen Literatur gewöhnlich als 
„Pirrauru“ bezeichnet, nach der bei dem Stamme der Dieri gebräuchlichen Be¬ 
zeichnung, da bei den Dieri die Gemeinschaftsehe zuerst festgestellt wurde. 
Die Männer einer Pirraurugruppe sind entweder leibliche Brüder oder auch 
laterale Brüder, Angehörige einer und derselben Unterabteilung des Stammes; 
ebenso sind die Pirraurufrauen einer Gruppe leibliche oder laterale Schwestern. 
Der sexuelle Verkehr mit einer Pirrauru-Gattin findet statt im Falle der Ab¬ 
wesenheit des Ehemannes, mit dem sie in wirtschaftlicher Gemeinschaft lebt, 
sowie bei gewissen Festem Wenn die Haushälterin eines Mannes stirbt, werden 
ihre hinterlassenen Kinder von einer Pirraurufrau dieses Mannes gepflegt, bis 
er wieder eine andere Haushälterin hat. Es ist nicht zu bezweifeln, daß wir 
es bei der Pirrauru-Einrichtung mit Gruppenehe zu tun haben, w'obei eine 
Anzahl von Männern der gleichen exogamen Gruppe mit einer Anzahl Frauen 
einer anderen exogamen Gruppe kohabitieren. Die Kinder sind mögliche Ge¬ 
schwister. 

Bei der Mehrheit der Stämme, welche die Einrichtung der Pirrauru haben, 
besteht Unkenntnis -des Zusammenhanges zwischen Geschlechtsverkehr und 
Empfängnis 1 ). Die Zeugung von Nachkommenschaft kann daher weder als 
Zweck der „häuslichen Gemeinschaft“ eines Mannes und einer Frau, noch der 
Pirrauru-Verbindungen in Betracht kommen. 

Dem australischen Pirrauru ähnliche Einrichtungen bestehen außerhalb 
Australiens ebenfalls. Codrington 2 ) hat festgestellt, daß auf den Salomo-Inseln 
und anderwärts in Melanesien die noch nicht mit einem bestimmten Manne 
verheirateten weiblichen Personen einer exogamen Klasse mit den Männern 
einer anderen exogamen Klasse, die als ihre möglichen Gatten in Betracht 
kommen, sexuellen Verkehr pflegen, der als zulässig gilt. Die exogamen 
Klassen spielen im Leben der Melanesier eine w T eit wichtigere Rolle als die 
individuelle Ehe. Auf den Fidschi-Inseln hat jeder Mann das Recht zum Ver- 


1 ) Vgl. Zeitschr. f. Sexualwissensch. 2. Bd. Heft 4. 

2 ) Codrington, The Melauesians, 8. 22. 


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24 


H. Fehlinger. 


kehr mit den Schwestern seiner Frau 1 ), bei gewissen zeremoniellen Anlässen 
ist der Verkehr zwischen den Gruppen männlicher und weiblicher Personen 
gestattet, die zueinander in dem Verhältnis möglicher Ehegatten stehen. 

Bei den Tnda in Södindien haben die Männer außer den eigentlichen 
Ehefrauen häufig Nebenfrauen und auch die Frauen sind zum Verkehr mit 
Nebenmännern berechtigt. Dabei wird sogar manchmal die Regel der Endo- 
gamie mißachtet; es gehört z. B. die Nebenfrau eines Mannes einer Stammes¬ 
gruppe an, aus welcher er eine Ehegattin in gewöhnlichem Sinne nicht nehmen 
darf 2 ). Auch bei anderen indischen Völkerschaften sind Anklänge an die Mehr¬ 
ehe vorhanden. Bei den Tschuktschen in Nordostasien sind die Nachkommen 
von Geschwistern in zweiter und dritter Generation in der Regel durch sexuelle 
Gemeinschaft verbunden; außerdem gibt es noch geschlechtliche Gemeinschaften 
von Nachbarn und befreundeten Personen. Eingehend beschrieben wurden diese 
Gruppenehen von Waldemar Bogoras 8 ). In Afrika kommt sexuelle Gemein¬ 
schaft, die als rechtmäßig gilt, zeitweise bei den Herero vor 4 ). Bei zahl¬ 
reichen anderen Bantustämmen ist sexueller Kommunismus besonders bei Ge¬ 
legenheit der Aufnahme Jugendlicher in den Kreis der Erwachsenen Brauch, 
doch scheint dieser Brauch keine Rechtsgrundlage zu haben. Über den früheren 
Bestand der Gruppenehe bei den nordamerikanischen Indianern hat L. H. 
Morgan (a. a. 0.) ausführlich berichtet und seine Forschungen sind durch neuere 
bisher nicht überholt worden. « 

So wie die Geschlechtsgemeinschaften keineswegs auf die Australier be¬ 
schränkt sind, so ist auch die Unkenntnis des Zeugungsvorganges, und in Ver¬ 
bindung damit der Glaube an dieWiedergeburt, weit verbreitet. In Melanesien 
scheint vor noch nicht langer Zeit der Zusammenhang zwischen Kohabitation 
und Konzeption nicht bekannt gewesen zu sein. R. Thurnwald schreibt 8 ), daß 
jetzt bei den von ihm besuchten Stämmen auf den Bisamrck- und Salomo-Inseln 
dieser Zusammenhang wohl bekannt ist, allein der Kausalzusammenhang wird 
keineswegs so festgefügt angenommen, wie von unseren psychologisch durch¬ 
gebildeten Ärzten. Phänomenologisch tritt bald conceptio ein und bald auch 
nicht. Absicht und wirkliches Vergessen, ungenaue Zeitberechnung und Fremd¬ 
heit der Männer den als inferior eingeschätzten Weibern gegenüber, das alles läßt 
es logisch möglich erscheinen, daß auch ohne cohabitatio die conceptio ein- 
treten kann. Dazu kommt das Wunderbare an dem ganzen Vorgang, dem man 
eben auch eine wunderbare Interpretation gibt und jene Art des Denkens, die 
die junge Menschenfrucht mit dem Ort, wo man sie findet, in Verbindung bringt: 
mit Früchten einer Pflanze, den Jungen eines Vogels usw. Codrington berichtet 
über gleiche Verhältnisse bei den Banks - Insulanern. (The Melanesians, 
S. 260—252.) 

Eine ähnliche Unkenntnis der Zeugung besteht bei einem Teil der Stämme 
in Zentralbomeo (Ostindien), die in bezug auf geistige Fähigkeiten und mate¬ 
riellen; Kulturbesitz weit über den australischen Eingeborenen stehen. A. W. 
Nieuwenhuis berichtete®), daß z. B. die Bahau nur eine sehr unbestimmte Vor- 


*) Thomson, The Fijians, S. 185, London 1908. 

*) Rivers, The Toda, S. 521, London 1908. 

*) Bogoras, The Chukehee, S. 002—005, Leiden 1909. 

4 ) Brinker, Charakter usw. der Bantu. Mitt. d. Seminars f. orientalische Sprachen, 
1900/III, S. 86. Köhler, Das Recht der Herero. Zeitschr. f. vergleichende Rechts- 
wissensch., 1900, S. 298. ' 

6 ) Thurnwald, Ethno-psychologische Studien an SüdseoVölkern. Beihefte z. Zeit¬ 
schr. f. angew. Psych. H. 6. S. 106. 

6 ) Nieuwenhuis, Quer durch Borneo. Leiden 1904. Bd. 1. S. 444 f. 


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Geschlechtsgemeinschaften. 


25 


Stellung von der normalen Dauer der Schwangerschaft haben; sie nehmen an, 
dafi die Schwangerschaft bloß vier oder fünf Monate währe, nämlich so lange, 
als man an den Frauen äußerlich die Schwangerschaft erkennt und daß das 
Kind kurz vor dem Sichtbarwerden der Schwangerschaftszeichen in den Leib 
der Mutter gelange. Diese borneischen Stämme wissen auch nicht, daß die 
Testikel zur Fortpflanzung erforderlich sind. 

In Afrika ist mindestens von den Baganda festgestellt, daß sie an die Mög¬ 
lichkeit der Konzeption ohne Kohabitation glauben. Auf einen ähnlichen Glauben 
weist der konzeptionelle Totemismus der Bakalai im Kongogebiet hin *). Kon¬ 
zeptioneller Totemismus — Annahme der Schwängerung durch die als Totems 
verehrten Tiere — besteht bei Indianerstämmen im nordwestlichen Amerika 
gleichfalls. 

In Hintarindien, Indonesien, Melanesien und anderwärts bleiben bei manchen 
Völkerschaften nur die kleinen Kinder bei den Eltern^ die größeren Kinder wer¬ 
den gemeinsam in besonderen Knaben- und Mädchenhäusem untergebracht und 
gewissermaßen gemeinsam erzogen. Die Beziehungen zwischen den Kindern 
und ihren eigenen Eltern sind kaum merklich enger, als die Beziehungen zu 
anderen Personen derselben Altersklassen. Diese Kindergemeinschaft dürfen 
wir wohl kaum lediglich als Kuriosität betrachten, sondern als einen Beweis 
dafür, daß die soziale Entwicklung von wenig zu höher differenzierten Formen 
vorgeschritten ist. Darauf weist eine weitere Tatsache hin, die Beobachtung 
einer noch viel weitergehenden Kindergemeinschaft auf den Inseln der Torres- 
straße (zwischen Neuguinea und dem australischen Festland). W. H. R. Rivers, 
der die Bevölkerung dieser Inseln sehr gut kennt, berichtet, daß auf den Murray- 
inseln in der Torresstraße Kinder von Familie zu Familie häufig und in einer 
Weise übertragen werden, wofür die Leute keinen zureichenden Grund anzugeben 
vermögen; noch bieten andere soziale oder religiöse Einrichtungen Anhaltspunkte 
zur Erklärung des Brauches, der sich vermutlich aus einer Gesellschaftsorgani¬ 
sation erhielt, in der „Kinder, soweit es sich um ihre Aufzucht handelte, größten¬ 
teils den Frauen einer Gruppe gemeinsam zugehörten“. Auf jeden Fall kann 
diese Adoption in Massen den zivilisierten Menschen zu verstehen helfen, daß 
Völker mit geringer Kultur in bezug auf die Elternschaft von den bei uns herr¬ 
schenden verschiedene Ideen haben und daß Gruppenmutterschaft nicht so ab¬ 
surd ist, als z. B. Dr. Thomas 2 ) meint. Die Existenz der Gruppenmutterschaft 
bei primitivem Gemeinwesen, deren Glieder im Kampf ums Dasein viel mehr auf¬ 
einander angewiesen waren, als die Glieder einer weitor vorgeschrittenen Gesell¬ 
schaft es sind, würde gewiß oftmals für dieso Gemeinwesen von erheblichem Vor¬ 
teil gewesen sein. Wenn man die „Gruppenmutterschaft“ annimmt, so ist es auch 
leicht erklärlich, daß Kinder dieselbe Anrede für ihre eigenen Geschwister, wie 
für alle anderen Kinder dor Gruppe gebrauchen *). Damit verliert auch das 
klassifizierende Verwandtschaftssystem alles Rätselhafte; es wird erklärlich, 
warum beim Bestände dieses Systems ganze Gruppen von Personen sich gegen¬ 
seitig als Ehemann und Ehefrau bezeichnen^ warum sich die Kinder aller Per¬ 
sonen dieser Gruppen gegenseitig Brüder und Schwestern nennen usw. Die An¬ 
nahme ist berechtigt, daß die Menschen auf tiefer Stufe dor Kultur bloß Gruppen¬ 
verwandtschaft kannten; von diesen Verwandtschaften wurden erst später 
weitere Unterscheidungen abgeleitet, wodurch das klassifizierende System, wie 

*) Frazer, Totemism and Exogamy. Bd. 2. S. 506 u. 507, 611 u. 612. 

*) Kinship Organisations and Group Marriago etc. Kapitel 11—14. 

*) The Classificatory System of Relationship. Anthrop. Essays etc. Oxford 1907. 
S. 307-323. 


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26 Numa Praetorius. 


wir es gegenwärtig vorfinden, zustande kam. Bei den Völkern, wo Rivers dieses 
System untersuchen konnte, waren Anzeichen einer Entwicklung vorhanden, 
die dahin geht, daß es immer mehr zur Kennzeichnung der tatsächlichen Bluts¬ 
oder Heiratsverwandtschaft, als zur Kennzeichnung der sozialen Stellung be¬ 
nutzt wird, was der anfängliche Zweck war. Eine Beziehung zwischen Heirats¬ 
regeln und dem klassifizierenden Verwandtschaftssystem besteht sowohl bei 
den drawidischen Völkern, als bei den nordamerikanischen Indianern und 
zweifellos bei anderen Zweigen des Menschengeschlechts. Rivers sagt: „Das 
klassifizierende Verwandtschaftssystem ist in einer oder der andern Form so 
weit über die Erde verbreitet, um es wahrscheinlich zu machen, daß es seinen 
Ursprung in einem universellen oder fast universellen Stadium der gesellschaft¬ 
lichen Entwicklung hat“, und „die Art der Gesellschaftsorganisation, aus der 
sich seine hauptsächlichen Eigenheiten am leichtesten erklären lassen, ist eine 
solche, die durch oine Form der Ehe charakterisiert ist, bei welcher bestimmte 
Gruppen von Männern die Ehegatten bestimmter Gruppen von Frauen sind.“ 


Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen 

(mit besonderer Berücksichtigung der Homosexualität) aus den Jahren 19lä 
bis in das Jahr 1917 (mit Ausschluß der Belletristik). 

Referierend und kritisch dfCrgestellt von Numa Praetorius. 

InhaltsTerzeiehnis. 

Einleitung. 

L Zusammenfassende Werke. 

Hirschfcld, Ellis. 

II. Die Psychoanalytiker der Frendsehen Schule und verwandte Autoren. 

A. Sadger, Coriot. 

B. Senf, Blüher. 

in. Theorie des Erwerbs. 

A; Ziemke, Hindersin, Fritsch. 

B. Französische Autoren: Magnan, P. L. Ladame, Ch. Ladame. 

IV. Angeborensein. 

A. Theorie und Einzelfälle. 

Näcke, Marcuse. 

B. Tierexperime*nt und konstitutionelle Grundlage der sexuellen 

Zwischenstufen. 

Steinach, Hirschfeld, Brandes, Goldschmidt. 

V. Juristisches und Homosexualität. 

Cohen, Colin, Nagler, Numa Praetorius. 

Humanitär-wissenschaftliches Komitee. 

VI. Die Homosexualität in verschiedenen Beziehungen. 

Deutsch (Alkohol und Homosexualität). 

Douglas (Weibliche Homosexualität in Amerika). 

Dück (Statistisches). 

Hirschfeld (Männliche Prostitution). 

Hughes (Kastration eines Homosexuellen). 

Leber (Kranke Homosexuelle auf den Marianen). 

Mökrchen (Tardivc Homosexualität). 

Moll (Charakter der Homosexuellen). 

Murtrie (Legende über lesbische Liebe). 

Numa Praetorius (Der Streit um Whitmans Homosexualität im „Mercure de 
France“ usw.). 

R e m 1 i n g e r (Männliche Prostitution in Marokko). 

R o h 1 e d e r (Impotenz, ärztlicher Rat und Homosexualität). 

Witry (Homosexuelle Bünde, Mord und Homosexualität). 


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Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 


27 


VH. Sonstige sexuelle Zwischenstufen (Transvestitismus, körperliches Zwittertum, sexueller 
Infantilismus). 

A. Transvestitismus: Ellis, Oehmig, Eug. Wilhelm, Marcusc. 

B. Körperliches Zwittertum: Eug. Wilhelm. 

C. Sexueller Infantilismus: Hirschfeld und Burchard. 

D. Hir^chfelds Sexualpathologie. 

Tin. Jahrbuch flir sexuelle Zwischenstufen, herausgegeben von Magnus Hirschfeld 
I. April 1913 bis 1. Januar 1917. 


Einleitung. 

Verfasser hat die Bibliographie der Homosexualität in dem seit 1899 von 
Magnus Hirschfeld im Namen des wisseoschaftlichen-humanitären Komitees 
herausgegebenen „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Be¬ 
rücksichtigung der Homosexualität“ (seit 1. Oktober 1909 in Vierteljahrsheften 
erscheinend) vom 2. Jahrgang 1900 ab bis zu Beginn des Krieges veröffent¬ 
licht, und zwar zuletzt in dem Juliheft 1914 einen Teil der Bibliographie 1913 
(bis zum Buchstaben „H“ nur). 

Da seit Kriegsbeginn der Inhalt der Vierteljahrshefte etwas geändert und 
gekürzt wurde und Verfasser die Bibliographie der Homosexualität fortan auch 
in einer anderen wissenschaftlichen von den Zwecken des wissenschaftlichen- 
bumanitären Komitees losgelösten Zeitschrift aufgenommen wünschte, hat er die 
ihm gewährte Gastfreundschaft dieser Zeitschrift in Anspruch genommen. 

Der Vollständigkeit halber werden auch die im Juliheft 1914 des Jahr¬ 
buch schon besprochenen Werke aus dem Jahre 1914 hier mitaufgenommen. 

Der größte Teil der homosexuellen Schriften seit 1913 stammt aus den 
Jahren 1913—1914. Denn seit Anfang des Krieges ist naturgemäß die homo¬ 
sexuelle Frage sehr in deu Hintergrund getreten und'auch die Literatur darüber 
eine kleine geworden. Dazu kommt, daß kurz vor dem Kriege, Anfang 1914, 
ein umfassendes und zusammenfassendes Buch erschienen ist, welches einen 
gewissen Abschluß in der wissenschaftlichen Behandlung der Homosexualität 
bedeutet. 

Dagegen fallen allerdings in die Zeit seit 1914 die Fortsetzungen und 
Ergänzungen in den hochbedeutsamen Forschungen Steinachs sowie neue 
Experimente von Goldschmidt, welche sämtlich für die konstitutionelle Er¬ 
klärung der sexuellen Zwischenstufen eine gesicherte Grundlage schaffen. 

I. Zusammenfassende Werke. 

Hirschfeld, Ellis. 

Das eben erwähnte große Werk ist das von Dr. Magnus Hirschfeld: „Die 
Homosexualität des Mannes nnd des Weibes 44 . Mit einem Namen-, Länder-, Orts¬ 
und Sachregister. Berlin, Louis Marcus. Bd. 3 des Handbuchs der gesamten Sexual¬ 
wissenschaft: Herausgeber Dr. med. Iwan Bloch (1067 S., 10 Mk., — 12 Mk. geh.). 

Das Buch bildet zweifellos die wichtigste literariscbeErscheinung der letzten Jahre auf 
dem Gebiet der Homosexualität. An groß angelegten Werken über den Gegenstand fehlt 
es ja nicht: Ich nenne nur diejenigen von Krafft-Ebing, Moll, Eulenburg, Schrenk-Notzing, 
Iwan Bloch, Rohleder, Karsch und unter den ausländischen die vou Ellis, Laupts, Raffa- 
lowich. 

Aber diese Werke sind entweder wegen der schon etwas weit zurückliegenden Zeit * 
ihres Erscheinens und des inzwischen angesammelten neuen Materials mitunter etwas 
veraltet oder aber sie beschäftigen sich nur — oder wenigstens eingehend nur — mit 
bestimmten Seiten des Problems, deshalb erfüllt das Buch Hirschfelds, trotz seiner Vor¬ 
gänger, ein wirkliches Bedürfnis, denn es behandelt die homosexuellen Fragen ausführ¬ 
lich nach allen Richtungen hin, in medizinischer, psychologischer, ethnographischer, 
historischer, soziologischer, juristischer Beziehung. 


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28 


Numa Praetorius. 


Am besten charakterisiert man das Buch als eine wahre Enzyklopädie der Homo¬ 
sexualität, welche unser gesamtes heutiges Wissen über die Materie verarbeitet hat 
Eine eingehende Inhaltsangabe ist hier nicht möglich, es sei nur folgendes hervorgehoben: 

Hirschfeld erfaßt und schildert den homosexuellen Mann und insbesondere auch das 
homosexuelle Weib, wie sie leben und leiben, nicht vom grünen Tisch aus mehr oder 
weniger theoretisch, auch nicht bloß auf Grund von ein paar Dutzend oder einigen 
wenigen Hunderten von Beobachtungen, sondern auf Grand jahrelanger täglicher Explo¬ 
rationen, auf Grund von Erfahrungen an einem Material, das in die Tausende geht. Des¬ 
halb vermag Hirschfeld auch alle Verhältnisse, welche die Homosexuellen betreffen, von 
allen Seiten hin zu beleuchten und nicht nur theoretisch zu erörtern, sondern auch wert¬ 
volle Ratschläge zu erteilen und für die schwierigsten Situationen die praktischen Lösungen 
anzuraten. Wenn man einem Teil den Vorzug geben will, so wäre der erste Hauptteil 
(Homosexuelle Männer und Frauen als biologische Erscheinung) wenigstens als der ein¬ 
heitlichere zu bezeichnen. 

In diesem Teil wird der urnische Mensch recht plastisch und mit charakteristischen 
Eigenheiten vor Augen geführt und Hirschfeld schildert ihn als eine vom Normalen 
sich unterscheidende Persönlichkeit, aus der auch ihr gleichgeschlechtlicher Trieb gleichsam 
wie ein Naturphänomen herauswächst. Allerdings ist es trotzdem heute noch nicht mög¬ 
lich die Homosexualität eines Menschen an objektiven Merkmalen mit unbedingter Sicher¬ 
heit festzustellen und es bleibt in dieser Hinsicht noch manches der zukünftigen Forschung 
Vorbehalten, namentlich wären Vergleiche in der Blutuntersuchung, in der Körperetraktur 
mittels Messungen u. dgl. zwischen einer größeren Anzahl von Heterosexuellen und einer 
gleich großen von Homosexuellen anzustellen. 

Jedeufalls ergibt sich aber aus dem Buch von Hirschfeld, daß der Streit, ob es 
eine erworbene Homosexualität gibt oder nur eine angeborene praktisch und namentlich 
hinsichtlich des § 175 von nur äußerst geringem Belang ist Möge man auch gewisse 
Fälle als erworben anstatt als Fälle von Bisexualität oder tardiver Homosexualität be¬ 
trachten, so drängt sich doch jedem aufmerksamen Leser der Hirschfeldschen Ausführungen 
und jedem, der selbst viele Homosexuelle kennen zu lernen Gelegenheit hatte, die Über¬ 
zeugung auf, daß derartige Fälle selten sind gegenüber der großen Masse der Homo¬ 
sexuellen, die eben auf Grund ihrer eigenartigen Konstitution für das gleich geschlecht¬ 
liche Fühlen prädestiniert waren. 

Im zweiten Teil begegnet man einem ungeheueren Material, insbesondere hinsicht¬ 
lich der Verbreitung der Homosexualität über den ganzen Erdball. Sehr geschickt sind 
hier die zahlreichen Berichte kundiger Homosexueller oder Beobachter der jeweiligen 
Länder verwendet. 

Gerade in diesem zweiten Teile gelingt es Hirschfeld, dem Kenner viel Neues über 
verschiedene Länder — Historisches und Soziologisches — zu bringen, andererseits nützt 
er aber doch schon bekannte Arbeiten manchmal nicht ganz aus. In letzterer Beziehung 
fallt es etwas auf, daß die Darstellung der Antike oder vielmehr der alten Griechen und 
Römer, nicht vielseitiger erschöpfend geworden ist. Namentlich kommen die römischen 
Zustände etwas knapp weg. 

Zwar sind die griechischen Schriftsteller, welche die Homosexualität behandelten, 
sehr genau und in interessanter Weise durchgegangen, aber man hätte doch eher ein 
abgerundeteres Bild der kulturellen, ethischen, sozialen Rolle der Homosexuellen in 
Griechenland und Rom gewünscht, wobei die Schriftsteller, die sich am eingehendsten 
mit der Homosexualität im Altertum beschäftigten, mehr hätten herangezogen werden 
sollen, so Schrenk-Notzing, Symonds (bei Ellis) und ganz besonders Iwan Bloch, der so¬ 
wohl in seinem „Ursprung der Syphilis“ als in seiner „Prostitution“ Bd. 1 am tiefsten 
und fleißigsten geschürft hat bezüglich der prostitutiven homosexuellen Verhältnisse und 
der sinnlichen Seite. 

Besonders verdienstlich ist die Tabelle über die Strafgesetze, welche in einer bisher 
noch nirgends erreichten Vollständigkeit angeführt sind. 

Der schon oben gerühmte Reichtum der Erfahrungen Hirschfelds begegnet einem 
auf fast jeder Seite, obgleich Verf. von spalten langen, ermüdenden, allzu zahlreichen 
Autobiographien mit Recht absieht. Nur verhältnismäßig wenige sind — an richtiger 
Stelle — zur treffenden Illustration angebracht, dagegen beleben das Ganze viele kürzer 
formulierte Beispiele: Gutachten, Beobachtungen aus der eigenen umfangreichen Praxis. 
f Dabei kommt auch sehr oft die unfreiwillige Komik zur Geltung, die die Mitteilungen 
über Ignoranz oder Dummheit in der Beurteilung oder Behandlung der Homosexualität 
seitens Laien, Ärzten, Richtern, Behörden liefern. 

Möge das — auch glänzend geschriebene — Werk des ersten Sachverständigen auf 
homosexuellem Gebiet dazu beitragen, in weiteren Kroisen ein richtigeres Verständnis 


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Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 


29 


der homosexuellen Frage zu verbreiten und namentlich eine gerechte Lösung des straf¬ 
rechtlichen Problems herbeizuführen. 

Von größeren Werken über die Homosexualität ist nur noch die letzte Ausgabe 
von Havelock Ellis: „Das konträre Geschleehtsgeftilil“, in englischer Sprache, zu 
nennen, die während des Krieges erschienen ist. 

Dann wird die neueste Literatur, namentlich die deutsche, berücksichtigt, insbe¬ 
sondere sind Hirschfeld und seine Mitarbeiter des Jahrbuchs an zahlreichen Stellen 
angeführt. 

U Oie Psychoanalytiker der Freudschen Schule und verwandte Autoren. 

A. Sadger, Coriot. 

Sadger von der Freudschen Schule bringt in der „Berliner Klinik“, Februar 1915 
eine Arbeit „Neue Forschungen zur Homosexualität 44 , die das ganze Heft ausfüllt 

Die allgemeinen Anschauungen Sadgers und Freuds über die Entstehung der In¬ 
version gehen dahin: alle Neurosen beruhten auf sexueller Basis und wiesen Spuren von 
Inversion auf; der Geschlechtstrieb völlig unabhängig vom Objekt, alle Menschen ur¬ 
sprünglich bisexuell veranlagt. Die Inversion entstehe durch Verdrängung der Liebe 
zur Mutter als erstes Sexualobjekt. 

Die Thesen von Sadgers sog. neuen Forschungen sind: 

1. Der Urning verhalte sich den weiblichen Sexualobjekten gegenüber genau wie 
der psychisch Impotente, weil er wie dieser an die Mutter, selten die Schwester ver¬ 
lötet sei. 

2. u. 3. Die spezifische Konstitution des Urnings weise einerseits eine von Haus 
aus herabgesetzte Muskelerotik auf, andererseits eine erhebliche Steigerung der genitalen 
Libido und der sexuellen auf die Geschlechtsorgane gerichteten Schaulust, zeige ferner 
häufig eine besondere Verstärkung jener erhöhten genitalen Libido durch Reizungein 
seitens des Vaters, der seinen Sprößling übertrieben Hebe. 

Nun, warum bewirkt dann nicht die Erhöhung der Liebe des Vaters später Ver¬ 
drängung dieser Libido auf das Weib, wenn nach Sadger große Liebe der und zur 
Mutter in umgekehrter Richtung wirkt? 

Zu ähnlichen Fragen regen Nr. 4 und 5 an. Sadger konstatiert e. Es bestehe beim 
Urning eine Überschätzung des männlichen Gliedes, welche manchen wie einen Dämon 
verfolge und 5. eine besondere Lust zum Hingreifen ad membrum. 

Diese allerdings bei vielen Homosexuellen vorhandenen Momente beweisen gerade 
das Direkte, Instinktive des Triebes, nicht einen Zusammenhang mit der Liebe zur Mutter. 

Trotzdem bringt es Sadger fertig, einen solchen Zusammenhang zu konstruieren: 
nämlich 6. es führe die Überbetonung der genitalen Libido ausnahmslos (1) zu früher 
Verliebtheit in das andere Geschlecht, vor allem in die Mutter (oder deren frühe Ver¬ 
treterin), auf welche der Urning grobsinnliche Gelüste nähre, 7. und deren starke Zu¬ 
rückweisung dann seine erste Enttäuschung bedinge; die weit stärker und schwerer als 
vom normalen Jungen empfundene zweite Enttäuschung sei das Fehlen des Penis bei 
der Mutter. 

8. Infolge der in der Reifezeit wieder durch die Mutter bewirkten Enttäuschung 
in sexualibus komme es zur Fixierung ans eigene Geschlecht auf dem Wege der Re¬ 
gression zur ungeliebten Mutter mit dem Penis und der steten Überschreibung vom Weib 
auf den Mann. 

9. Diese Regression ermögliche es ihm, die beiden stärksten Liebeaempfindungen 
jeglicher Menschen, zu Mutter und Ich, gleichzeitig zu geben und zu empfangen, daher 
die Hartnäckigkeit, mit der die Fixierung an den Mann vom Urning festgehalten werde. 

Jede Autobiographie und Analyse des Liebeslebens Homosexueller zeigt, daß meist 
sehr früh eine Verliebtheit in irgendeinen Mann oder Knaben besteht und oft frühzeitige 
Sucht, dessen oder anderer Männer Geschlechtsteile zu sehen oder zu fassen; von einer 
vorangegangenen infolge Zurückweisung inzestuöser Gelüste und Penismangel der Mutter 
zu homosexuellem Drang umgewandeltei Verliebtheit in die Mutter kann gar keine 
Rede sein. Wie man auch die Entstehung der Inversion auffassen mag, auf den ge¬ 
krümmten Schleich- und Umwegen der Auslegungskunst von Freud oder Sadger kommt sie 
nicht zustande. Die zwei weiteren Aufsätze Sadgers sind mehr polemischer Natur und v 
wenden sich in geradezu aggressiver Weise gegen die Homosexuellen. 


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30 Numa Praetorius. 


1. Welcher Wert kommt den Erzählungen und Autobiographien der Homo¬ 
sexuellen zu? 

2. Ketzergedanken über Homosexualität, 

beide im Archiv für Kriminalanthropologie und Kriminalistik von Groß ad 1. Bd. 53. 
H. 1 u. 2; ad 2. Bd. 59. fi. 3 u. 4. 

' Den Autobiographien der Homosexuellen will Yerf. jeden Wert absprechen. Er 
wirft den Homosexuellen vor Unaufrichtigkeit, maßlose Selbstverliebtheit usw., so daß 
er geradezu den absurden Satz auf stellt: „Der Weg zur Homosexualität führe über den 
Narzißmus“ (über diese angeblichen engen Zusammenhänge zwischen beiden z. vgl. weiter 
unten meine Kritik des Aufsatzes von Senf); einerseits sagt dann Verf., der Homosexuelle 
verberge, ähnlich dem Weib, sorgfältig, oft auch dem Arzt gegenüber, sein Geschlechts¬ 
leben (nur dein feindseligen oder verständnislosen Arzt gegenüber — deren Zahl 
nicht gering ist — gilt das, übrigens fällt es leider vielen — und gerade oft Psy¬ 
chiatern mit Namen, wie mir zuverlässig mitgeteilt wurde — gar nicht ein, die wegen 
nervösen Beschwerden sie konsultierenden und auf eine Beichte und Darlegung ihrer see¬ 
lischen Qualen erpichten Homosexuellen auch nur nach ihrem Sexualleben zu fragen). 
Andererseits beklagt sich Sadger wieder darüber, daß die Homosexuellen den Arzt ge¬ 
radezu mit schriftlichen Autobiographien überschütteten. 

Nach Sadger sollte man glauben, daß * alle bisherigen Sachverständigen auf dem 
Gebiet der Homosexualität sich durch die Urninge hinters Licht führen ließen. Ja, meint 
er wirklich, daß ein Mann von der wissenschaftlichen Qualifikation eines Krafft-Ebing 
(auf dessen Psychopathia sexualis wohl die Stichelei der „immer neu vermehrten vielen 
Auflagen“ gemünzt ist), daß ein sachverständiger und anerkannter Forscher wie Mob, 
Hirschfeld, Ellis, Iwan Bloch sich einfach durch erlogene Erzählungen täuschen Keßen 
und auf wertlose Konfabulationen ihre Werke auf bauten? 

Sadger selbst gibt sich der Illusion hin, daß e r durch die Psychoanalyse festge¬ 
stellt habe, daß die Homosexuellen nicht das Richtige sagten und nicht einmal sich 
selbst kennten. 

Allerdings bei dem wochenlangen Hinein fragen in die Patienten und der Fest- 

Ö des Arztes auf eine bestimmte Theorie, bei der absonderlichen Auslegung und 
isierung aller und jeder Gefühle würde es sich zur Genüge erklären, daß der Arzt 
gar nicht mehr in der Lage ist, das wahre Empfinden des Kranken zu eikennen und daß 
dessen Bekenntnis seines wirklichen Sexualgefühls nicht mit der Umdeutung seitens 
des Arztes übereinstimmt 

Sadger wendet sich auch gegen die Theorie des Angeborenseins und besonders der 
Unabänderlichkeit des homosexuellen Triebes. Dadurch würden viele, namentlich ältere 
Homosexuelle, abgehalten, sich durch die Psychoanalyse heilen zu lassen. 

Nun diesen Beweis der dauernden Heilung insbesondere älterer echter Homo¬ 
sexueller ist bis jetzt die psychoanalytische Schule schuldig geblieben. Bei Jugendlichen 
mit bisexuellem oder noch schwankendem Trieb kann vielleicht eine dauernde Zurück- 
drängung der konträren Neigung möglich sein, eventuell mag auch bei Jugendlichen 
mit ausgesprochener Homosexualität eine (übrigens kaum wünschenswerte) Art hetero¬ 
sexuellen Artefaktums erreicht werden und vorübergehende Maskierung des homosexuellen 
Triebes bisweilen gelingen, obgleich derartige Maskierungen doch gerade mit den 
Theorien der Psychoanalytiker in Widerspruch stehen, die ja stets Befreiung von Ver¬ 
drängungen, Herunterreißen, nicht Aufsetzen von Masken erstreben (zu vgl. Masken 
der Sexualität von Dr. Stekel in der „Neuen Generation“ vom 14. Februar 1913). 

Besonders in dem Aufsatz Nr. 2 kämpft Sadger insofern gegen Windmühlen, als 
er sogar „den Gemäßigten“ unter den über Homosexualität Schreibenden und Auf¬ 
klärenden unzulässige Beschönigung der Wirklichkeit vorwirft, indem sie stets die Homo¬ 
sexuellen als die besten, edelsten Menschen schilderten und die sexuelle Betätigung als 
kaum vorhanden außer unschuldigen Umarmungen und Küßchen beiläufig abtäten. Die 
ernsten Sachverständigen haben niemals sich derartiger Beschönigungen schuldig gemacht. 
Ich wüßte nicht, daß ein „gemäßigter“ Autor wie Moll z. B. jemals die Schattenseiten 
nnd die sexuellen Handlungen der Homosexuellen verhehlt oder daß ein Hirschfeld, den 
Sadger vielleicht zu den weniger Gemäßigten zählen wird, ähnliches getan hätte. 
In seinem neuesten Werk hebt er sogar audrücklich hervor, daß fellalio und irmmatio 
auf 40% zu schätzen sei und auch eigentliche Päderastie — wenn auch seltener zu 8% — 
vorkomme. 

Übrigens hätten ja gerade die Bestrebungen zwecks Aufhebung des § 175 gar keinen 
Sinn, wenn man behaupten wollte, die Homosexuellen verstießen kaum oder nur höchst 
Belten gegen ihn. 


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Bücherbesprechungen. 31 


Wenn etwas beitragen kann, ein falsches Bild der Homosexuellen zu erzeugen, als 
von Menschen, die sexuell weniger bedürftig und edler seien als die Heterosexuellen, so 
ist es gerade die Tendenz der Psychoanalytiker, eine unheilvolle Verwirrung in die bloßen 
Freundschaftsgefühle hineinzutragen unter Vermengung mit Homosexualität und Heraus¬ 
klügeln sog. unbewußter Homosexualität. 

Nicht recht verständlich sind Sadgers Spötteleien über das „Lied vom unverschul¬ 
deten Jammer und Martyrium“ der Homosexuellen, da er doch selber den § 175 für unge¬ 
rechtfertigt hält und seine Abänderung unter Aufrechterhaltung des Schutzes Jugend¬ 
licher bis zum 18. Jahr mit Ausnahme von Prostituierten und Erpressern verlangt, anderer¬ 
seits aber auch bei seiner Theorie von der Entstehung der Homosexualität infolge zwin¬ 
gender Assoziationen im Kindheits- und Pubertätsalter den Homosexuellen eine „Schuld“ 
für ihren Trieb und ihre Lage doch nicht zuschreiben kann. 

Mit den Gedankengängen Freuds zur Erklärung der Homosexualität operiert auch 
Coriot, Isodor: „Homosexuality“. In New York med. Journ. 1913, S. 589. 

Ödipuskomplex, Übermacht der alle anderen heterosexuellen Neigungen ausschließen¬ 
den Mutterliebe. Behandlung durch Hypnose, besser noch durch Psychoanalyse. Heilende 
Wirkung der psychoanalytischen Aufdeckung des unbewußten Ödipuskomplexes. Aus 
der Änderung des anfänglich homosexuellen, dann sexuell neutralen, schließlich hetero¬ 
sexuell werdenden Inhalts der Träume erkenne man die Heilung. Mitteilung der angeb¬ 
lich in dieser Weise geheilten Fälle. 

(Nach dem Referat von Hans Willige-Halle. In der Zeitschrift für die gesamte 
Neurologie und Psychiatrie — Referate und Ergebnisse — Bd. 7. H. 8 vom 15. Aug. 
■1918.) . (Fortsetzung folgt.) 


Bücherbesprechungen. 

Stekel, Dr. Wilhelm, Nervenarzt in Wien, Onanie und Homosexualität. (Die 
homosexuelle Neurose.) Urban & Schwarzenberg, Berlin, Friednchstraße 105b; 
Wien, Maximilianstraße 4. 1917. 387 S. Brosch. 15 Mk., geb. 17 Mk. 

Das Buch Stekels ist wohl das erste umfassendere Werk, welches die Onanie und 
die Homosexualität eingehend vom psychogenen und psychoanalytischen Standpunkt aus 
behandelt. 

I. Ungefähr zur selben Zeit wie das Werk Stekels ist der erste Band Hirschfelds: 
8exualpathologie (Geschlechtliche Entwicklungsstörungen mit besonderer Berück¬ 
sichtigung der Onanie), Bonn 1917, A. Marcus & E. Webers Verlag, erschienen. 

Hirschfeld steht auf anderem Boden als Stekel, auf dem der physischen Bedingtheit 
der Sexualität. Bezüglich der Onanie stimmen aber beide in vielen Punkten überein. 
Beide verwerfen die landläufige Anschauung von den angeblichen sehr schlimmen Folgen 
der Onanie und sehen umgekehrt die Hauptursachen der ihr zugeschriebenen Schädlich¬ 
keiten in den übertriebenen Schilderungen der Folgen und in der dadurch erzeugten 
Angst und neurotischen Symptomen. 

Stekel hebt insbesondere hervor, daß es das Aufhören der Onanie sei, welches 
Schädlichkeiten hervorrufe und den Ausbruch der Neurose hervorbringe, weil dann dem 
Sexualtrieb Gewalt angetan werde und eine gewaltsame Verdrängung stattfände. 

Überdies komme der Onanie eine soziale Funktion zu: Sie bilde den Schutz für 
die Gesellschaft gegen übermächtige, asoziale Triebe und rette manchen vor den Gefahren 
des Strafgesetzbuches. 

Diese Behauptungen Stekels können insofern als richtig anerkannt werden, als in 
manchen Fällen die Verdrängung des auf normale oder konträre oder sonst abnorme 
Betätigung gerichteten Triebes derart gelingt, daß die Onanie gewissermaßen als hin¬ 
reichender Ersatz betrachtet wird und allerdings auf diese Weise die von der Gesell¬ 
schaft verpönten Akte und für das Individuum nachteiligen gesellschaftlichen oder straf¬ 
rechtlichen Sanktionen verhütet werden. 

Was aber die gesundheitliche Seite an belangt, so wird doch sehr oft, wenn die 
Onanie nicht adäquate Befriedigung bildet und neben ihr das ungestillte Sehnen nach 
der zusagenden Betätigung mit oiner anderen Person weiter fort besteht (und das wird 
meist bei stärkerem Geschlechtstrieb zutreffen), die Onanie die aus der Nichtstillung des 
Triebes hervorgerufenen Schädigungen nicht beheben. 


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32 

Überhaupt aber fällt Stekel in das andere Extreme, die Schädlichkeit der Onanie 
an und für sich eigentlich so gut wie völlig zu leugnen. Das dürfte nun doch zu 
weit gehen. 

Die Onanie birgt sicherlich ihrem Wesen und ihrer leichten Ausübungsmöglichkeit 
nach die Gefahr des Exzedierens, und der Abusus der Onanie wirkt sicherlich schädlich. 

Sind diese Schädlichkeiten auch bisher nur allzuoft arg übertrieben worden und 
mag es auch keine spezifische durch die Onanie erzeugte Gesundheitsschädigung 
geben, so bleibt doch sicherlich wahr, was Hirschfeld S. 162 seines genannten Buches 
über diesen Punkt sagt: „Die mit größter Wahrscheinlichkeit nachgewiesene Folge ist 
bei exzessiver Onanie und neuropathischer Anlage eine reizbare Nervenschwäche (sexuelle 
Neurasthenie) meist allgemeinen, gelegentlich auch örtlichen genitalen Charakters (ejaculatio 
praecox). Ferner treten nach ihr seelische Depressionen hypochondrischer Färbung auf, 
die nicht allein durch unberechtigte exogen erzeugte Furcht Vorstellungen bedingt zu sein 
scheinen, sondern in vielen Fällen auch als endogene Reaktion auf die onanistisohe 
Reizung anzusehen sind. u 

Eine Hauptunklarheit in der Behandlung der Onanie besteht bei Stekel darin, daß 
man nicht recht weiß, was er eigentlich unter Onanie versteht. 

Zwar verlangt er als Merkmal die Alleinbetätigung und rechnet onanistisohe Akte 
zu zweien nicht zur Onanie im Gegensatz zu Hirschfeld und anderen, welche von 
onanistischen Akten auch bei Mitwirkung einer dritten Person sprechen, da, wo die Kon- 
trektation, die seelische Anziehung, fehlt, da, wo inadäquate Handlungen vorliegen. 

Andererseits bezeichnete man bisher als Onanie nur den Akt, der mit Ejakulation 
endet oder wenigstens sie beabsichtigt, wobei die Onanie allerdings, entsprechend auch 
der Annahme Stekels, nicht bloß durch mechanische, sondern auch psychische Reize be¬ 
wirkt werden kann. Nach Stekel braucht aber überhaupt der onanistisohe Akt nicht auf 
Erektion und Ejakulation abzuzielen. Er versteht anscheinend unter Onanie jede bewußte 
oder unbewußte Aufregung, deshalb operiert er besonders mit der sogenannten larvierten 
Onanie und begreift darunter eine ganze Anzahl von Handlungen, die zweifellos mit 
Onanie und überhaupt mit Sexualität nichts gemein haben: so Ludeln, Nasenbohren, 
Kratzen, Defäkation, wenn nur irgendwelche angenehmen oder erleichternden Empfin¬ 
dungen damit verbunden sind. Namentlich braucht nach ihm gar keine wirkliche sexuelle 
Lust zu entstehen; er behauptet, es komme eine Art Orgasmus vor, die Endlust bliebe 
aus oder werde so gedämpft, daß sie nicht als Lust zum Bewußtsein gelange, sondern 
_ als Schwäche, Müdigkeit 

Mit Recht bezweifelt auch Hirschfeld (S. 132—133), daß in solchen Fällen onanisti- 
sche Handlungen vorlägen. Daß bei einer derartigen weiten Begriffsbestimmung der 
Onanie alle Menschen sie einmal ausgeübt haben, ist sicher, dagegen ist es falsch, zu 
behaupten, daß alle Menschen im eigentlichen Sinne onanierten; mögen auch 90% oder 
meinetwegen 95% es tun, so gibt es doch Ausnahmen, deren mir einige zweifellose be¬ 
kannt sind. 

Interessant ist Stekels Kapitel über die Beziehungen der Religion zur Onanie, das 
namentlich die bemerkenswerte Biographie eines Mädchens enthält, das in einem in so¬ 
genanntem christlichen (!), tatsächlich aber unglaublich mittelalterlich fanatischen Geist 
geleiteten Damenpensionat wegen ihrer vertrauensvoll eingestandenen sinnlichen (aber 
gar nicht schlimmen) Gefühle eine überaus rohe Behandlung erfährt, derart, daß ihr 
Nervenzustand eine schwere Zerrüttung erlitt, ein typischer Fall christlichen Verständ¬ 
nisses, der die Gefährlichkeit gewisser religiöser Erziehungsmethoden gegenüber Jugend¬ 
lichen drastisch illustriert. 

Ein abschreckendes Beispiel sexueller Aufklärung von kirchlicher Seite bildet auch 
die von Stekel mitgeteilte unerhörte Schilderung der sog. schrecklichen Folgen der Onanie 
seitens eines gewissen Pfarrers Hauri, demgegenüber das auf der Psychoanalyse gegründete 
Vorgehen des Schweizer Pfarrers Pfister — wie man sich auch im einzelnen zu seiner 
Methode stellen mag —, doch wegen seiner echt christlichen Teilnahme, seines liebevollen 
Versenkens in den Geist der Jugendlichen und seines psychologischen Feinblicks rühmend 
hervorgehoben zu werden verdient. 

Im Anschluß an die Wiedergabe der Zwangshandlungen eines Onanisten, die recht 
gesuchte Deutungen erfahren, bringt Stekel allgemeine Schlußbetrachtungen. 

Manche davon enthalten Zutreffendes, zum Nachdenken Anregendes, vielen allerdings 
kommt nur der Wert subjektiv philosophischer Spekulationen zu. 

So erscheint es z. B. richtig, daß in den sozialen Bewegungen die individuellen Motive 
des Einzelnen die größte Rolle spielen, und ergötzlich wirkt u. a. das Beispiel des Sitt¬ 
lichkeitspredigers, der im Augenblick, wo er potent wird, das Interesse an seinem Verein 
zur Bekämpfung der Prostitution verliert. Die Nutzanwendung dieses Grundsatzes indivi¬ 
dueller Interessiertheit auf den Kampf gegen die Onanie dürfte aber nicht ganz stimmen 


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3,1 


so wie sie Stekel zieht. Er meint, das furchtbare Zetern gegen die Onanie entspringe 
der Absicht, Verstärkungen der eigenen Hemmungen zu schaffen, also der eigenen Fuicht 
der Onanie zu unterliegen. 

Tatsächlich * dürfte hauptsächlich eine sich forterbende, gewohnheitsmäßig ohne 
Prüfung hingenommene, irrtümliche Wertung der Onanie und ihrer angeblichen fürchter¬ 
lichen-Folgen die Ursache ihrer so argen Verpönung sein. 

In der Art und Weise, wie die Eltern sich zur Onanie der Kinder stellen, aber 
nicht bloß zu ihr, sondern überhaupt zum Geschlechtsleben der Kinder, tritt, wie Stekel 
richtig bemerkt, allerdings ein gewisser Neid hervor und insbesondere die Sucht, mög¬ 
lichst lange eine gewisse sexuelle Bevormundung über die Kinder zu bewahren. Daß 
gerade eine derartige Bevormundung einen neurotischen Trotz her vorrufen und den Trieb 
zur Onanie aus diesem Trotz heraus zu bestärken vermag, finde ich gleichfalls zutreffend. 

Andere Behauptungen Stekels sind weniger glücklich, so wenn er sagt, es liege 
in der Onanie auch die Revolte des Menschen gegen das Teleologische und diese Revolte 
gegen das Zweckmäßige der Liebe treibe das Individuum auch zur Homosexualität. 

Wer in aller Welt ist auf diese Weise homosexuell geworden? Der homosexuelle 
Trieb schließt den Menschen von der Zweckmäßigkeit im Sinne der Fortpflanzung aus. 

Die Revolte gegen das Zweckmäßige ist aber nicht Ursache, sondern Folge der 
Homosexualität. 

Die Onanie und der Kampf gegen sie hat nach Stekel eine tiefere, gleichsam kul¬ 
turell-metaphysische Bedeutung. Die Onanie repräsentiere die Ursexualität des Men¬ 
schen. ln ihr tobe sich der sexuelle Urmensch aus, der sich seine Lust raubte, wo und 
wie er wollte. Heute könne der Mensch seine Lust sich nur am eigenen Körper rauben. 
Mit der fortschreitenden Kultur nehme die Onanie immer mehr zu. Damit müsse auch 
die Reaktion gegen diese Art des Lusterwerbes zunehmen, weil das Bedürfnis nach ihr 
größer werde. Der Kampf gegen die Onanie sei zugleich ein Kampf gegen die kultur- 
widrigen Urinstiukte. Dieser Kampf sei berechtigt; trotzdem müßten die Ärzte jedem 
einzelnen seine sexuelle Freiheit und die Möglichkeit der Genesung wiedergeben. Die 
Menschheit habe im Kampfe gegen die Vergangenheit die notwendige Drosselung der 
wilden Urkraft Sexualität zu stark vorgenommen. Für so viel verlorene Lust, wie sie das 
Aufgeben der autoerotischen Triebe verlange, müsse Ersatz geschaffen werden, denn ohne 
Libido gehe der Mensch zugrunde. Die Energien der Sexualität sublimierten sich und 
wandelten sich um. 

Diese Sehlußbetrachtungen übertreiben Rolle und Charakter der Onanie ganz maßlos 
und vergessen, daß in der Regel die Onanie doch nur einen Ersatz für andersartige 
sexuelle Befriedigung (meist die normale, bei Konträrsexuellen die homosexuelle) bedeutet 
und nicht die selbständige Wichtigkeit hat, die ihr Stekel zuschreibt. Das Ziel der Ärzte 
und Sozialpolitiker wird es sein, einmal allerdings die Furcht vor den angeblichen schreck¬ 
lichen Folgen der Onanie zu beseitigen, zweitens aber zu verhüten, daß sie den Charakter 
adäquater Befriedigung erlange, drittens aber darauf hinzuwirken, insbesondere durch 
möglichste Schaffung der dazu nötigen äußeren Bedingungen, daß die normale Betätigung 
erstrebt werde und erreicht werden könne. 

H. Viel mehr noch als der erste Teil reizt der zweite zum Widerspruch, der die 
Homosexualität behandelt. 

I. Stekel verwirft die Ansicht von dem Angeborensein der konträren Sexualempfindung 
und die Theorie der sexuellen Zwischenstufen von Hirschfeld, und doch ist der Gegen¬ 
satz zwischen ihm und Hirschfeld gar nicht so groß wie Stekel meint. Beide sprechen 
oft nur eine andere Sprache für Dinge, die im Grunde sich sehr nahe kommen. Stekels 
Auffassung unterscheidet sich jedenfalls von der alten Erwerbstheorie derjenigen, die 
die Homosexualität ohne Zusammenhang mit einer angeborenen Anlage intra vitam ent¬ 
stehen lassen, seine Anschauung geht dahin, daß alle Menschen bisexuell sind, aber von 
Haus aus homo- und heterosexuellen Trieb besitzen. Er drückt sich also eigentlich falsch 
aus, wenn er sagt, die Homosexualität sei nicht angeboren. 

ln dem Moment, w o er Bisexualität anerkennt, gibt er das Angeborensein auch der 
Homosexualität zu; er meint im Grunde nur, daß es von vornherein nicht sicher sei, 
ob Homo- oder Heterosexualität sich voll oder überwiegend entwickeln wird und läßt für 
die dominierende Fixierung der einen der beiden Richtungen fast ausschließlich psychische 
Momente, bewußte und besonders unbewußte Assoziationen, Eindrücke, „Einstellungen“, 
Verdrängungen usw. (meist aus früher Kindheit, doch manchmal auch spätere „Um¬ 
biegungen“) entscheiden. 

Eine Wirkung dieser Verdrängung des einen Triebes zugunsten des andern, nament¬ 
lich wenn die Verdrängung nicht gut gelinge, sei die Neurose, insbesondere sei jeder 
Homosexuelle Neurotiker. Im Gefolge dieser Verdrängung stellten sich als neurotische 
Zeitschr. t Sexualwissenschaft V. X. 3 


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34 


Bücherbesprechungen. 


Reaktion der Abwehr des verdrängten Triebes Angst, Scham, Ekel, Haß ein. Auf diese 
Weise sei der Haß des Homosexuellen gegenüber dem Weibe zu erklären, der gerade 
die negative Einstellung, die negativ betonte Begierde beweise. 

Dem Normalhomosexuellen — wenn es einen solchen gäbe — müßte das Weib 
gleichgültig sein. 

Der gesunde Mensch sei eigentlich der dauernd bisexuell gebliebene, der sich 
bisexuell betätigen müßte. 

Daß die Grundlage aller Sexualität eine bisexuelle ist, wird man zugeben können, 
und gerade Hirschfeld und andere leiten ja die Homosexualität aus der bisexuellen Ur¬ 
anlage des Menschen her. 

Nur sind es nicht psychische Eindrücke und „Einstellungen“, welche die Trieb¬ 
richtung bestimmen, sondern die in der physischen Konstitution liegenden und wirkenden 
Momente, welche ab ovo den Geschlechtstrieb in bestimmte Richtung drängen. Der 
schwächste Punkt in der Theorie Stekels ist seine nahezu völlige Vernachlässigung der 
physischen Ursachen. 

Diese Vernachlässigung gibt ja Stekel als eine bewußte und gewollte selbst zu an 
einer Steile (S. 280). Wenn er sich damit entschuldigt, er beabsichtige eben die große 
Bedeutung der psychischen Momente hervorzuheben, so erspart ihm das nicht den Vor¬ 
wurf, durch Einseitigkeit die psychische Methode in falsche Beleuchtung gerückt zu 
haben, aus der notwendigerweise unrichtige Ergebnisse entspringen müssen. 

Bei der Frage nach der Entstehung und Entwicklung der Homosexualität ist von 
der physischen Basis auszugehn. Denn das Psychische ist selbst mindestens stark vom 
Physischen abhängig (möge man nun das Psychische als Produkt des Physischen oder 
als selbständiges Element auffassen. Auch letzteren Falles wird man das starke Gebunden¬ 
sein des Geistigen an das Körperliche anerkennen müssen). Jedenfalls weisen aber in 
puncto der Homosexualität die Tierexperimente der letzten Zeit eines Steinach und Gold¬ 
schmidt darauf hin, daß die konträre Sexualempfindung auf körperlicher Grundlage ent¬ 
steht (Vgl. das zusammenfassende Referat Hirschfelds in den Vierteljahrsberichten des 
wissenschaftlich-humanitären Komitees, Januar 1917: „Die Untersuchungen und 
Forschungen von Prof. E. Steinach über künstliche Vermännlichung, 
Verweiblichung und Hermaphrodisierung“, sowie über Goldschmidts For¬ 
schungen das Referat von Max Hodann in den gleichen Vierteljahrsberichten April-Juli 
1917: „Neue Forschungen zur Kenntnis der hereditär-physiologischen 
Grundlagen sexueller Zwischenstufen“ und den Aufsatz von Goldschmidt 
selber im Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie Bd. XII, 1: „Die biologischen 
Grundlagen der konträren Sexualität und des Hermaphroditismus 
beim Menschen 11 .) 

Eine direkte Bestätigung dieser Annahme bringt aber im Augenblick des Abschlusses 
dieser Besprechung die in den erwähnten Vierteljahrsberichten von Hirschfeld, Oktober¬ 
heft 1917, veröffentlichte Mitteilung Steinachs, daß es ihm gelungen sei, einen schweren 
passiven Homosexuellen, mit ausgesprochen weiblichen Geschlechtscharakteren, nach 
Kastration und Einpflanzung des Testikel eines einwandfrei heterosexuellen Mannes von 
dem homosexuellen Triebe ganz zu befreien und völlig normalfühlend umzugestalten. 

Demnach ist der Schluß wohl gerechtfertigt, daß bei der Entstehung der Trieb¬ 
richtung physische Substrate maßgebend sind, und zwar, daß wahrscheinlich die innere 
Sekretion der sog. interstitiellen Geschlechtsdrüsen eiae Hauptrolle spielt. Wahrschein¬ 
lich ist diese Sekretion verschiedener Art, männlicher, oder weiblicher oder gemischter, 
vorausahnend hatte ja auch Hirschfeld schon längst von Andrin und Gynäzin gesprochen. 

Von allen diesen körperlichen und chemischen Einwirkungen und Substraten findet 
sich bei Stekel sehr wenig, wenn er auch an einigen Stellen, namentlich gegen Ende sie 
kurz erwähnt. Und doch gelangen jetzt die meisten Sexualforscher dazu, die Homo¬ 
sexualität „konstitutionell 11 zu erklären. So hat Marcuse, der noch vor wenigen Jahren 
hauptsächlich eine — wenn auch nicht im Sinne der Wiener Schule gemeinte — psychi¬ 
sche Entstehung der konträren Sexualempfindung verteidigte, mit Recht letzthin betont, 
daß künftig jede Erörterung der Entstehung sexueller Anomalien infolge der neueren Tier¬ 
experimente von der physischen Grundlage ausgehen müsse. (Vgl. Marcuse: Ein Fall 
von periodisch-alternierender Hetero-Homosexualität in der Monats¬ 
schrift für Psychiatrie und Neurologie Bd. 41, H. 3, S. 188, 1917.) 

Desgleichen zieht Rohleder in seiner den Ergebnissen der Steinachschen Versuche 
gewidmeten lesenswerten Abhandlung: „Moderne Behandlung der Homosexua¬ 
lität und Impotenz durch Hodeneinpflanzung“ in der „Berliner Klinik“, 
Dezemberheft 1917, den Schluß, daß nunmehr zweifellos gleichsam eine anatomisch-phy¬ 
siologische Grundlage der Homosexualität insbesondere der Bisexualität in der zwitterigen 
Pubertätsdrüse gefunden sei. 


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Bücherbesprechungen. 


35 


Ich verkenne nicht, daß die Einwände, welche neuerdings Löwenfeld: (Sexual- 
chemi8mus und Sexualobjekt in dieser Zeitschrift, Augustheft 1917) gegen die 
Annahme eines Zusammenhanges zwischen der Entstehung der Homosexualität und der 
inneren Sekretion erhoben hat, zu denken geben, sie können aber doch gegen die Wucht 
des durch das Tierexperiment und namentlich zuletzt durch das gelungene Experiment 
am lebenden Menschen geschaffenen Wahrscheinlichkeitsbeweises nicht aufkommen, jeden¬ 
falls muß auch Löwenfeld zugeben, obgleich er in vielen Fällen äußeren Einflüssen eine 
ausschlaggebende Bedeutung zuschreiben will, daß sicherlich konträres Geschlechtsgefühl 
nur auf Grund einer eigenartigen Gehirnanlage entstehen kann, möge nun diese Anlage 
selbst durch die von der Pubertätsdrüse aus erfolgenden inneren Sekretion ausschließlich 
oder teilweise bedingt werden oder von ihr unabhängig sein. 

Die Bedeutung auch der psychischen, der seelischen Einilüsse für die Gestaltung 
der Geschlechtsgefühle will ich allerdings keinesfalls leugnen. An und für sich finde ich 
es gar nicht so schwierig, mich zu den Folgerungen zu bekennen, die Stekel als für den 
Anhänger mechanistischer Theorien ganz unannehmbar hinstellt, nämlich daß Wünsche, 
psychische Erschütterungen und Strebungen usw. körperliche Wirkungen hervorrufen 
könnten. Tatsächlich ist ja gar nicht zu leugnen, daß Erregungen, Wünsche, Schreck, 
Angst, Ekel auch den Körper beeinflussen (wobei ich dahingestellt sein lasse, ob diese 
Phänomene doch nichts weiter sind als physischer Natur) und ich halte es nicht für 
unmöglich, daß derartige seelische Vibrationen auch die Sekretion beeinflussen und die 
eine oder andere Richtung des Geschlechtstriebes begünstigen können. Aber soviel lehrt 
die tägliche Erfahrung desjenigen, der zahlreiche Homosexuelle kennen lernte, daß auf 
psychogene Weise regelmäßig sich konträre Sexualempfindung nicht entwickelt, sondern 
daß die große Mehrzahl ab origine derart auf die homosexuelle Geschlechtsrichtung ein¬ 
gestellt ist, daß die Ursache nur in einer körperlichen Eigentümlichkeit erblickt werden 
kann, die nicht durch seelische Einstellungen umbiegbar ist und auch nicht durch solche 
Einstellungen sich entwickelte. 

Weil die eine oder andere Richtung stark physisch, konstitutionell bedingt ist, setzt 
sie sich durch und damit sind dann allerdings Abwehrgefühle gegen die andere Richtung 
verbunden, und zwar je stärker, je ausgeprägter dies entgegengesetzte Geschlechtsgefühl; 
insofern ist es richtig, daß die Heterosexuellen durch Ekel, Haß, Angst vor der Homo¬ 
sexualität geschützt sind. 

Aber diese Gefühle beweisen nicht, wie Stekel meint, daß ein starker Kampf, eine 
starke gewaltsame Verdrängung der einen Richtung der Herrschaft der anderen voran¬ 
ging und daß dieser Kampf eine Neurose erzeugte wegen nicht völlig gelungener Ver¬ 
drängung. 

Bei dem Durchschnittsheterosexuellen und -homosexuellen findet ein solcher Kampf 
beider Triebrichtungen gar nicht statt, vielmehr setzt sich der Trieb auf Grund der 
drängenden chemo - physischen Substrate glatt durch. Wenn allerdings viele Homo¬ 
sexuelle neurasthenisch sind, so braucht man sich angesichts der sozialen und seelischen 
Konflikte, denen die Verpönung und Verfehmung ihres Triebes sie aussetzt, darüber nicht 
zu verwundern, und auch angenommen, die Neuropathie der Homosexuellen sei nicht durch 
die mißlichen äußeren Umstände hervorgerufen, so liegt kein Beweis vor, daß gleichsam 
ein unbewußter Kampf beider Triebrichtungen in eine Neurose ausartete, sondern die 
Vermutung hat mehr Wahrscheinlichkeit für sich, daß eine originäre Nervenschwäche 
besteht, auf Grund deren sich auch die chemo-physischen Grundlagen der Homosexualität 
leichter entwickelt haben mögen ohne eines Kampfes mit der heterosexuellen Richtung 
zu bedürfen. 

Konflikte, Kampf um die Vorherrschaft zwischen hetero- und homosexuellen Ge¬ 
fühlen werden bei schwankenden Naturen, bei auch später bisexuell Gebliebenen, bei 
gewissen Homosexuellen und Heterosexuellen mit Rudimenten der anderen Richtung wohl 
Vorkommen können. Es sind das aber Ausnahmen von der großen Menge der Hetero- 
und Homosexuellen. Ich gebe zu, daß Stekel manche interessante Einblicke gerade in 
die Psyche solcher Leute gewonnen und die Aufmerksamkeit auf Mischungen und Grenz- 
fälie von Homo- und Heterosexualität gezogen hat, die vielleicht bis jetzt von anderen 
weniger beachtet wurden. 

Es handelt sich meist gar nicht um homosexuelle, sondern um heterosexuelle 
Neurotiker, bei denen Keime der Homosexualität wohl angenommen werden können, 
obgleich man bei den oft mehr als gewagten Deutungen Stekels vielfach im Unklaren 
ist, ob es sich um eine anfechtbare subjektive Auslegung Stekels, oder tatsächlich um 
mehr oder weniger versteckte homosexuelle Triebe handelt. Jedenfalls lassen sich auch 
die unzweideutigen Fälle Stekels, wo bei äußerlich und nach dem eigenen Bewußtsein 
typisch Heterosexuellen doch homosexuelle Triebe aufgedeckt werden, durchaus mit * der 
Zwischenstufentheorie Hirschfelds vereinigen, ja sie böstätigen diese Theorie geradezu; 

3 * 


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36 


Bücherbesprechungen. 


denn es kommen eben zwischen dem Vollmann und der ganzen Frau Zwischenstufen in 
allen möglichen Schattierungen vor. Diese Fälle erfahren gleichfalls ihre natürlichste 
Erklärung in der Lehre der Sekretionen und der physischen Substrate der Sexualität, 
die ja die verschiedensten Gestaltungen und Mischungen aufweisen können. 

Daß bei derartigen Leuten mit ausgesprochener einseitiger Triebrichtung, aber mit 
verstecktem, unbewußt störendem und quälendem konträren Stachel, eine Neurose ent¬ 
stehen und die Aufdeckung der Ursache, das Bewußtwerden des als der eigenen Natur 
fremden Bestandteiles Heilung bewirken kann, mag zutreffen, obgleich andererseits auch 
die Gefahr besteht, daß das Hervorzerren latenter, verborgener Gefühle an das Tageslicht 
ihre Kraft bestärkt und infolge psycho-physischer "Wechselwirkung dann erst recht ein 
Kampf beider Richtungen und eine neurotische Verwirrung der Persönlichkeit erfolgt. 
Ob in vielen Fällen auch da nicht der Spruch zu Recht besteht: Quieta non movere? 
Jedenfalls kann die Heilung der eigentlichen Homosexuellen nicht durch psychoanaly¬ 
tische Methoden, insbesondere durch Aufdecken versteckter Triebe erfolgen. Denn hier 
stört gar nicht der Homosexuelle Trieb, im Gegenteil. 

Das scheint Stekel ja selbst einzusehen, denn er sagt, die Heilung des echten Homo¬ 
sexuellen sei nur möglich beiip Willen zur Gesundheit. Dieser komme aber nur bei den 
leichteren Formen der Homosexualität vor. Mit Recht erblickt Stekel die Heilung auch 
nicht schon in dem gelungenen Koitus, sondern in einer wahren Liebe zur Frau. 

Homosexuelle werden aber nun tatsächlich einer solchen echten sexuellen Leiden¬ 
schaft für eine Frau unfähig sein und selbst bei ausgesprochen Bisexuellen wird es kaum 
gelingen, eine dauernde, die homosexuelle Neigung für immer ausschließende Konzentra¬ 
tion auf das Weib herbeizuführen. 

2. Ein charakteristischer Irrtum Stekels, sowie der meisten Psychoanalytiker liegt 
darin, nicht nur für die Neurose, sondern allüberall einen sexuellen Untergrund heraus- 
autüfteln. In dieser Beziehung fallen die Psychoanalytiker in den entgegengesetzten 
Fehler der Psychiater der Schulwissenschaft, von denen viele (typische Beispiele wurden 
mir erst wieder neulich zuteil) es nicht der Mühe für wert halten, ihre neurasthenischen 
Patienten auch nur im mindesten nach ihrem Geschlechtsleben zu fragen, und die meist 
jede seelische Ausforschung vermeidend, sich auf das Verschreiben der bekannten Schlaf¬ 
mittel und höchstens einiger Wasserprozeduren beschränken. 

Diese Ärzte allerdings scheinen die Bedeutung der Sexualität bei den Neurotikern 
zu unterschätzen und auf die erfolgte Verdrängung sexueller Triebe nicht genügend Rück¬ 
sicht zu nehmen. 

Stekel und die Ärzte seiner Richtung dagegen sehen alles Heil im tagelangem Aus¬ 
fragen und Heraussuchen von Sexuellem und scheinen zu glauben, daß jedem neurotischen 
Zustand eine Verdrängung sexueller Triebe zugrunde liegt. 

So sehr man nicht mehr leugnen darf, daß verdrängte sexuelle Wünsche und 
Triebe neurotische Erscheinungen auslösen können und so sehr man die wissenschaft¬ 
liche Erforschung dieser Tatsache als ein Hauptverdienst der psychoanalytischen Schule 
wird anerkennen müssen, wird man aber doch die einseitige Betonung in dieser Hinsicht 
zurückweisen und nicht vergessen dürfen, daß derartige schädliche Verdrängungen auch 
durch Unterdrückung anderer als sexueller Gefühle stattfinden, so z. B. können sicher¬ 
lich neurotisch wirken: unbefriedigter Ehrgeiz, ungestillter Haß, erlittene Demütigung 
und tausenderlei seelische und soziale Konflikte, deren psychisches Räderwerk die Be¬ 
troffenen oft selbst sich nicht bewußt werden. 

Stekel und überhaupt die meisten Psychoanalytiker erblicken überall und in allem 
nur das Sexuelle; so begnügt sich Stekel nicht bloß offensichtlich Sexuelles zu erforschen, 
sondern Nichtsexuelles sexuell umzudeuten oder zum sexuellen Symbol umzuformen. 
Für diese Versexualisierung werden verschiedene Mittel gebraucht: Alle möglichen Sym¬ 
pathiegefühle, namentlich die freundschaftlichen, werden — ähnlich wie das schon 
Benedict Friedländer und seine Anhänger taten — (vgl. Die Renaissance des 
ErosUranios: Die physiologische Freundschaft, ein normaler Grundtrieb des Menschen 
und eine Frage der männlichen Geschlechtsfreiheit, Verlag „Renaissance 4 , Schmargen¬ 
dorf-Berlin 1904) zu sublimiert sexuellen oder auf sexueller Grundlage beruhend auf¬ 
gefaßt; auf diese Weise kann dann namentlich lebhafte freundschaftliche Zuneigung 
zwischen Männern ins Homosexuelle interpretiert werden. 

Des weiteren wird nicht zwischen homosexuellen Gefühlen und sonstigen konträren 
Neigungen unterschieden, jedes weibliche Merkmal beim Mann, jedes männliche beim 
Weib wird als homosexuell bezeichnet. Endlich wird oft aus homosexuellen Handlungen 
einfach auf Homosexualität geschlossen, ohne genau zu prüfen, aus welchen Motiven die 
Handlung vorgenommen wurde, insbesondere, ob sie homosexuellem Fühlen entsprang 
oder ob sie nicht faute de mieux oder aus sonstigen vom homosexuellen Kontrektations- 
trieb unabhängigen Gründen erfolgte. 


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So begreift man denn, daß Stekel leicht viele sogenannte „Masken der Homosexualität 4 
findet, Zustände, die verkappte konträre Sexualempfindung angeblich bergen. 

Daß tatsächlich Stekel in den mitgeteilten Biographien manche homosexuelle Ein¬ 
schläge aufdeckt und in vielleicht bisher oft verkannte psychosexuelle Tiefen hinein¬ 
leuchtet, soll nicht verkannt werden, aber wie viele subjektiv gefärbte Deutungen, wie 
viele gesuchte, wie viele in die Augen springende falsche Erklärungen überwuchern und 
maskieren die Wahrheitskörnchen. 

Oft handelt es sich im Grunde einfach um deutliche Zwischenstufen im Sinne 
Hirschfelds, die Stekel „Masken der Homosexua&tät“ nennt, so z. B. bei den Trans¬ 
vestiten. Diese Leute sind nicht homosexuell und nicht maskiert homosexuell, sondern 
sie haben konträre Züge, fühlen aber heterosexuell. 

Ebenso mag man z. B. Männer, die männliche Weiber lieben, als Zwischenstufer 
bezeichnen, dagegen nicht als maskierte Homosexuelle, denn sie sind Heterosexuelle. 

Noch viel weniger wird man regelmäßig impotenten Heterosexuellen, die nur bei 
Dirnen potent sind, versteckte homosexuelle Triebe zuschreiben mit der Behauptung, sie 
erregten sich bei den Dirnen nur infolge des Gedankens an die die Dirnen besitzenden 
Männer. 

Derartige psychische Verbindungen kommen bei Homosexuellen und auch bei 
Bisexuellen vor, die oft ganz bewußt sich das Bild des die Frau koitierenden Mannes 
vorphantasieren, um selbst den Beischlaf vollziehen zu können, auch unbewußt mögen 
Homosexuelle auf diese Weise potent sein. 

Die Vorliebe für Dirnen oder auch die einzige Beischlafsmöglichkeit mit diesen 
seitens Heterosexueller erklärt sich aber ganz natürlich aus anderen als homosexuellen 
Motiven, aus dem Reiz des Gemeinen, der Sucht nach starkem Kontrast, dem Aufregen¬ 
den des Milieus usw. 

Noch gewagter ist der Versuch Stekels, die Satyriasis und Nymphomanie, den stete 
ungestillten Trieb des Don Juan, sowie des sogenannten rudimentären Don Juan, d. h. 
des Mannes, der von Liebesabenteuern träumt und ihnen nachgeht, niemals aber die 
völlige Ausführung wagt, auf ungestillten, unbewußten, homosexuellen Trieb zurück¬ 
zuführen. 

Zu welchen seltsamen Erklärungen mitunter Stekel gelangt, beweist seine Behaup¬ 
tung, auch die Syphiliphobie bilde eine der Masken der Homosexualität. Die Angst vor 
der Syphilis sei das Symbol für die Angst vor der Homosexualität. 

Und doch ist gerade diese Phobie bei nervenschwachen, für alle Eindrücke emp¬ 
fänglichen Menscheu angesichts der tatsächlichen vielfachen Möglichkeit des Syphiliserwerbs 
und der heutzutage so häufigen Warnungen unter Ausmalung der schrecklichen Folgen 
der Krankheit psychologisch doch recht verständlich und hat mit „Flucht vor der Homo¬ 
sexualität 44 nichts zu tun. 

Auch die Beziehungen zwischen Alkohol und Homosexualität werden von Stekel 
6tark übertrieben. 

Es ist ihm zuzugeben, das oft der Rausch verborgene Triebe, so unbewußte homo¬ 
sexuelle und umgekehrt zutage fördern kann, aber Stekel übersieht, daß in vielen 
Fällen die Vornahme von sexuellen Handlungen in der Trunkenheit, die dem normalen 
Wesen des Betreffenden widersprechen, nicht einen Rückschluß auf den adäquaten Kon- 
trektationstrieb bedeuten, sondern grobsinnlicbe Befriedigung des Geschochtskitzels dar¬ 
stellen. 

Bei der Erörterung der sog. tardiven Homosexualität bringt Stekel zum Teil 
Fälle, welche eigentlich gar nicht als tardiv bezeichnet werden können, da der Durch¬ 
bruch der Homosexualität schon in der Pubertätszeit oder in den darauffolgenden Jahren 
vor sich geht; daher können sie auch nicht als Beweis dienen, daß duich bestimmte Er¬ 
eignisse und psychische Einwirkungen eine Umbiegung der Geschlechtsrichtung stattfand. 

Allerdings scheint es, daß auch Fälle Vorkommen, wo ziemlich spät nach hetero¬ 
sexuellem Geschlechtsleben eine ausgeprägte homosexuelle Neigung zutage tritt. Ob 
aber die Heterosexualität nicht Pseudo-Heterosexualität ohne wirklichen Kontrektationstrieb 
war und das Ereignis lediglich den letzten Anstoß zum Manifestwerden des längst nur 
der Erweckung wartenden homosexuellen Triebes bildete? 

Derartige Fälle sind aber — und das dürfte feststehen — nur verschwindende Aus¬ 
nahmen gegenüber der Unmasse der schon vor der Pubertätszeit oder um diese Zeit 
herum deutlich und in prägnanter Weise ausbrechenden Homosexualität. 

3. Am meisten zum Nachdenken, aber auch zum Widerspruch regen die Kapitel der 
zweiten Hälfte (Kap. VII—XIV) an, in denen namentlich die Entstehung der Homo¬ 
sexualität durch familiäre Einstellung — Beziehung zur Mutter, zum Vater, den Ge¬ 
schwistern erörtert werden, ferner Kap. X Homosexualität und Eifersucht, Kap. XI 
Homosexualität und Paranoia, Kap. XH und XIII Homosexualität und Sadismus. 


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Hinsichtlich der Beziehungen der Homosexualität zur Familie sind sich die Psycho¬ 
analytiker selber nicht einig über Bedeutung und Wirkung dieser sog. familiären Ein¬ 
stellung. Während Sadger stets eine Fixierung an die Mutter und Identifizierung mit 
ihr als Ursache der Homosexualität ansieht, erklärt Stekel, daß die verschiedensten Ent¬ 
stehungsmöglichkeiten vorkämen, daß bei dem einen die Liebe zur Mutter, bei dem andern 
zum Vater, bei andern zu den Geschwistern für die Entwicklung ihres Geschlechtslebens 
bestimmend sein könne, ja die Liebe zu einem Verwandten z. B. zur Mutter könne ver¬ 
schieden wirken, je nachdem das Ich eine aktive oder passive Rolle spiele. 

Tatsächlich ist zu bestreiten, daß bei der großen Masse der Heterosexuellen und 
Homosexuellen die Gefühle zu den Nächstverwandten das spätere Geschlechtsleben be¬ 
stimmen, sei es direkt, sei es durch psychische Reaktionen und Verdrängungen. Regel¬ 
mäßig wird mit der Liebe zu den Eltern und Geschwistern keinerlei sexuelles Gefühl 
verbunden und daher auch die Zuneigung auf das Objekt des Sexualgefühls nicht über¬ 
tragen. Meist wird instinktiv eine Schranke errichtet zwischen Verwandten- und Sexual¬ 
liebe. Es sind zwei Gebiete, die bei den meisten Menschen sich nicht berühren. 

Wurde z. B. die große Liebe zur Mutter hindern, daß irgendeine andere Frau im 
Leben geliebt werden kann und deshalb bewirken, daß die Liebe sich dem eigenen Ge¬ 
schlecht zuwendet, so müßte die Mehrzahl der Männer homosexuell werden. 

Ein charakteristisches Beispiel absonderlicher Deutung, wie man sie so oft bei Stekel 
findet, das zugleich typisch die psychogenetischen Fäden der Deutungsweise Stekels offen¬ 
bart, sei aus dem Kap. IX: „Die Rolle des Vaters und der Geschwister — Der Kinder- 
haß u angeführt. 

S. 297 wird behauptet: Der Wille junger Ehepaare, keine Kinder zu haben oder 
sich nur mit einem oder zwei zu begnügen, die Angst vor dem Kind äußere sich als 
Flucht vor der Geschlechtsbestimmung und enthalte ein Stück Homosexualität, ein Ab¬ 
weichen von den biblischen Grundsätzen der Fortpflanzung. 

Daß diese Eheleute von den biblischen Grundsätzen der Fortpflanzung abweichen, 
trifft zu, sie tun das aber nicht, weil sie etwa einen homosexuellen Einschlag in sich 
hätten oder nicht heterosexuell liebten, sondern weil ökonomische oder sonstige mit der 
Homosexualität in keinerlei Beziehung stehende Motive sie dazu veranlassen. Homo¬ 
sexualität und Wunsch, keine oder wenig Kinder zu haben, stimmen in den Folgen überein, 
nämlich in der Beschränkung bzw. Ausschaltung der Fortpflanzung. Zwei Erscheinungen 
mit ähnlichen Folgen aber deshalb einfach als wesensgleich oder wesensähnlich hinzu¬ 
stellen, ist ein logischer Fehler. Mit dieser Methode der Analogie kann man überall 
Identifizierungen herauskonstruieren. 

Die Kapitel Homosexualität und Eifersucht, Homosexualität und Sadismus, Homo¬ 
sexualität und Paronoia schürfen vielleicht am tiefsten psychoanalytisch, aber sie enthalten 
auch die subjektivsten und gewagtesten Ausführungen. 

Bei der Eifersucht will Stekel die verschiedensten Verkleidungen der Homosexualität 
nachweisen, dabei wird abermals jedwede Zuneigung homosexuell ausgelegt, so z. B. die 
Liebe der Schwiegermutter, die aus homosexueller Liebe zur Tochter auf don Schwieger¬ 
sohn eifersüchtig sei, und doch handelt es sich in diesen Fällen regelmäßig um Mutter-, 
liebe und nicht um Erotik. 

Wenn in dem einen von Stekel mitgeteilten Falle die Mutter angeblich anerkannt 
habe, daß sie ihre Tochter homosexuell liebe, so ist dies kein Beweis, daß dem wirklich 
so gewesen sei, da vieles dafür spricht, daß diese Patientin suggestiv beeinflußt die Aus¬ 
legung Stekels als richtig annahm. 

Umgekehrt kann man sicherlich nicht Stekel recht geben, wenn er das Ableugnen 
homosexueller Gefühle seiner Patienten einfach als irrig bezeichnet, weil sie sich über 
ihre verborgenen Gefühle täuschten. Daß sich sowohl unter den Sadisten als unter den 
Paranoikern auch Homosexuelle befinden, ist selbstverständlich, nicht begreiflich aber trotz 
aller psychoanalytischen Deduktionen Stekels, daß gerade die Homosexualität enge Zu¬ 
sammenhänge mit Sadismus und Paranoia habe. 

Allerdings versteht Stekel unter dem angeblich bei allen Homosexuellen an zutreffenden 
Sadismus nicht das, was man gewöhnlich darunter begreift, nicht die deutliche Anomalie 
der sexuellen Befriedigung durch Martern oder Quälen, sondern mehr psychische, von 
den Neurotikern „bewußtseinsunfähig gewordene sadistische Triebkräfte“, die verdrängt 
seien und zu dem beharrlich übersehenen und beiseite gestellten Inventarium der Homo¬ 
sexuellen gehörten. 

In der Tat kein Wunder, daß bisher diese sadistischen Triebkräfte des Homosexuellen 
übersehen wurden, wenn man sieht, was alles Stekel dazu rechnet. 

Sehr gewagt dürfte es sein, den Verfolgungswahnsinn in engste Verbindung mit der 
Homosexualität zu bringen, wie Stekel es tut. Nach ihm — wie schon nach Freud — 


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ist der Verfolgungswahn des Paranoikers durch Männer die Projektion eigener homo¬ 
sexueller Gefühle, die Umwandlung und Abwehr der Liebe in Wut und Haß. 

ln dem letzten Kapitel: „Rückblick und Ausblick“ gibt Stekel zu, daß die „organi¬ 
sche Disposition zur Homosexualität“ von Bedeutung sei, doch hält er die Psychogenese 
für das wichtigste. 

4. Es seien hier zum Schluß die eigenen Anschauungen Stekels über Wesen und Sinn 
der Homosexualität angeführt, die ein deutliches Bild seiner psychologisch-philosophisch- 
metaphisch-psychogenen Betrachtungsweise geben, die in den meisten Punkten ebensowenig 
beweisbar wie zu widerlegen ist und eher literarisch philosophisch-spekulativ als wissen¬ 
schaftlich genannt zu werden verdient. 

Die Geschlechtsdifferenzierung zwischen Mann und Weib durch die Kultur nehme 
zu. Der Homosexuelle sei eine Rückschlagserscheinung und repräsentiere eine Stufe der 
Menschheit, in der die bisexuelle Gestaltung dos Organismus viel ausgeprägter gewesen 
sei; er bringe daher schon die Disposition zur Einfühlung in beide Geschlecnter ab ovo mit. 

Soweit kann man Stekel zustimmen, weniger in dem Folgenden. 

Der Homosexuelle zersetze das Liebesgefühl, das aus Liebe und Haß bestehe, in 
seine zwei Komponenten und verteile sie auf die Geschlechter. Er hasse die Frau wie 
ein Urmensch und liebe den Mann als Kulturmensch. Erwachsen müsse dieser tödliche 
Haß verdrängt werden und zwischen dem Homosexuellen und dem Weib stehen. Weil 
er unfähig sei, ein ganzer Mann zu sein, weil er aus dem Infantilen nicht herauskommen 
könne, hasse er auch das Weibische in sich. Er überschätze die Männlichkeit und wende 
ihr mit dieser Wertschätzung seine ganze Liebe zu. Der Haß gegen alle Frauen ent¬ 
springe aus dem Haß gegen das eigeue Weibliche — als Reaktion gegen die persönliche 
Ohnmacht, das Weib in sich zu überwinden und ein ganzer Mann zu sein. Er könne 
schließlich in dem Bestreben zur Beendigung des inneren Kampfes zwischen Mann und 
Weib sich als Weib fühlen. Das heißt: er nehme dann nur ein Weib von dem Hasse 
aus . . . sich selbst. Auf diesem Wege werde er dann zum Transvestiten. Er könne 
sich heterosexuell betätigen, scheinbar dio Homosexualität überwinden und zur Buße für 
seinen Haß jenes Kleid anlegen, das ihm so verächtlich erschienen sei. Nur über die 
Brücke des Schuldbewußtseins werde der latente Homosexuelle zum Transvestiten. Und 
weiter heißt es: 

„Die polare Spannung zwischen Mann und Weib ist gewachsen! Das erklärt uns 
den Unterschied zwischen der griechischen Homosexualität und der modernen. Der 
Grieche war bisexuell. Er konnte neben dem Knaben noch den Freund und die Frau 
und Sklavin lieben. Der moderne Homosexuelle, der die bisexuellen Instinkte der 
archaistischen Zeit in sich trägt, findet ein anderes Geschlecht vor. Er wird sozu¬ 
sagen vor die Wahl gestellt und sucht dann immer den Typus, dem er selbst angehört, 
den Mann, der ein Weib ist, oder das Weib, das ein Mann ist. Ausnahmen beweisen 
nichts gegen die Regel, ln dem Maßo aber, als die polare Geschlechtsspannung zu¬ 
genommen hat, ist auch der Haß zwischen Mann und Weib stärker geworden. Der 
Homosexuelle, der scheinbar abseits von diesem Kampfe zu stehen scheint, nimmt in seinem 
Innern die feindlichste Stellung ein. Er haßt das Weib mit so grimmiger Leidenschaft, 
daß er aus Angst vor dieser Leidenschaft das Weib fliehen muß. Sein Haß ist der 
Wille zur Vernichtung! Aber diesem Hasse entspricht auch das polare Gegenstück: dio 
Liebe bis zur eigenen Vernichtung. Der absolute Wille zur Unterwerfung. 

Die moderne monosexuelle Homosexualität ist also eine Form, in der sich der 
Kampf der Geschlechter ausdrückt. Die Fülle angeborenen Hasses gestattet es dem 
Homosexuellen nicht, diesen Haß als Resonanz der Liebe nach Belieben umzugestalten; 
er muß ihn dem entgegengesetzten Geschlecht zuwenden. Dadurch wird allen Homo¬ 
sexuellen der Stolz auf das gleiche Geschlecht eigen. Sie nennen sich die „Eigenen“, 
sie blicken mit Verachtung auf die Frauenknechte und ,weibisch 4 gilt manchem männ¬ 
lichen Homosexuellen als Schmähung, ausgenommen die Typen, die Frauenkleider tragen 
oder sich als männliche Weiber gebärden. Den gleichen Haß können wir bei den weiblichen 
Homosexuellen finden. Die Suffragettenbewegung hat uns genug der Beweise geliefert. 

Es ist klar, daß die Zahl der Homosexuellen nicht abnehmen wird. Im Gegenteil! 
Die Tatsache der extremen polaren Spannung zwischen Mann und Weib unter bestimm¬ 
ten Umständen wird immer wieder gewisse Individuen mit entsprechender bisexueller 
Anlage in die Homosexualität treiben und dio Anzahl der Homosexuellen wird zunehmen.“ 

Die interessanten und geistreichen Auslassungen Stekels, gegen die sich gar Vieles 
erwidern läßt, haben den Hauptfehler, daß versucht wird, den Homosexuellen nach 
theoretischen, philosophischen Spekulationen zu erklären, denen aber die Wirklichkeit in 
vielen Punkten direkt widerspricht. 

So ist insbesondere die Rolle des Hasses maßlos übertrieben, ja falsch gedeutet. 


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Der Homosexuelle haßt regelmäßig gar nicht grimmig das Weib, er haßt nur den 
Geschlechtsverkehr mit dem Weib, ähnlich wie der ausgesprochene Heterosexuelle meist 
homosexuelle Betätigung verabscheut. 

Aber als Persönlichkeit haßt der Homosexuelle das Weib nicht, oft schätzt er die 
Frauen und mancher unterhält tiefgehende Freundschaften mit gebildeten Frauen, die 
eine größere seelische Gemeinschaft und Zuneigung aufweisen können als die Beziehungen 
des Heterosexuellen zum Weibe. Vielleicht stößt man auf die eigentlichen Weiberhasser 
und -Verächter gerade in viel größerer Anzahl bei den heterosexuellen Don Juans und 
Frauenjägern. 

Den sog. „Stolz auf das eigene Geschlecht“ und die Überschätzung der Homo¬ 
sexualität haben nur gewisse überspannte Homosexuelle, und zwar nicht infolge des Hasses 
gegen das Weib, sondern als Reaktion gegen die Verachtung der Homosexuellen seitens 
der großen Masse und gegen die Verfehmung seitens der öffentlichen Meinung. Ähnlich 
mehr sozial bedingt ist auch die Suffragettenbewegung, deren Übertreibungen namentlich 
als Gegendruck gegen die Vorenthaltung auf gerechtfertigte Ansprüche der Frau erscheinen. 

Unrichtig ist auch die Behauptung, daß der Homosexuelle stets den Mann sucht, 
der ein Weib ist. Die zahlreiche Klasse der Homosexuellen, die den echten Mann liebt, 
insbesondere kräftige Volkstypen bevorzugt, beweist das Gegenteil und bildet keine Aus¬ 
nahme, sondern eine mindestens ebenso häufige Erscheinung, wie die Gruppe, die durch 
zarte oder weibliche Männer angezogen wird. 

5. Mit Recht verlangt Stekel die Aufhebung des die homosexuelle Betätigung mit 
Strafe bedrohenden Paragraphen, ebenso täuscht er sich leider wohl nicht, wenn er 
glaubt,* daß nach dem Weltkrieg die Stimmung einer Erlösung der Homosexuellen von 
der sozialen und gesetzlichen Ächtung wegen der Frage der Volksvermehrung nicht 
günstig sei, sondern gerade das Gegenteil eintreten werde. 

Ich glaube auch mit Stekel, daß w T ir uns bald auf schärfere Bestimmungen gegen 
die Homosexualität gefaßt machen dürfen (d. h. wenigstens bei den Mittelmächten, denn 
die freiheitlichen Anschauungen der Ententegenossen, jedenfalls soweit Belgien, Frank¬ 
reich, Italien und Rußland in Betracht kommen, werden Strafbestimmungen gegen die 
Homosexuellen unmöglich machen); dagegen bin ich nicht der Ansicht, daß wir wieder 
auf den testamentarischen Standpunkt der Fruchtbarkeit um jeden Preis zurückkommen 
müssen. 

Einmal selbst angenommen, eine große Fruchtbarkeit sei wirklich unbedingt nötig, 
so bleibt es ein Wahn, daß die Straflosigkeit der homosexuellen Handlung die Yolksver- 
mehrung schädige, jedenfalls stehen die durch die Bestrafung hervorgerufenen privaten 
und öffentüchen Schäden in keinem Verhältnis zu einer Herabsetzung der Fruchtbarkeit 
infolge Freigabe homosexueller Betätigung. 

Sodann aber bestreite ich, daß eine möglichst große Fruchtbarkeit tatsächlich für 
Volk und Menschheit von besonderem Segen sei. 

Hauptsächlich vom militaristischen und imperialistischen Standpunkt, zum Zwecke 
möglichst baldigen neuen Krieges, zum Zweck der Erlangung möglichst vieler Soldaten 
ist sie von hoher Wichtigkeit. Diese Anschauung soll und wird aber hoffentlich nach 
dem Krieg anderen Auffassungen von Volksglück und Menschheitsziel weichen. Gerade 
die zu rasche Vermehrung einiger Völker hat zum Ausbruch des gräßlichen Gemetzels 
der letzten Jahre geführt. 

Trotz aller meiner Einwendungen gegen die Methode und Denkweise Slekels und 
gegen viele Einzelheiten, halte ich das Buch für die Wissenschaft — womit ich nicht ledig¬ 
lich die auf die Psychoanalyse eingeschworene Schule meine — für bedeutsam und beher¬ 
zigenswert, weil mit dem Gesuchten und Phantastischen gar manches Richtige, Feinsinnige 
und Tiefe im guten Sinne sich verbindet, insbesondere weil ich zugebe, daß die Schul¬ 
wissenschaft bisher die mehr oder weniger unbewußten psychischen Vorgänge und Wir¬ 
kungen des Seelenlebens nicht genügend gewürdigt hat und Stekel auf manche seelischen 
Zusammenhänge und Knäuel aulmerksain macht, die bisher unbeachtet blieben, mögen auch 
noch seitens Stekels und überhaupt der Psychoanalytiker gar viele lrrtümer, Wiilkürlich- 
keiten und Überspanntheiten in der Lösung der Probleme begangen w r erden. 

Numa Praetorius. 


Für die Redaktion verantwortlich: Br. Iwan Bloth in Berlin. 
A. Marens 4 B. Weben Verlag (Br. jur. Albert Ahn) in Bonn. 
Bruck: Otto Wlgand’aeke Bukdrackertl G. nu b. H. in Leipxlg. 


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Paul Kämmerer. 


42 


nach Steinachs >) Methode zu neuem Loben erweckt werden können!), aber 
nur der Bock bringt sie zu üppiger Entfaltung; die Kastration, die den hierfür 
verantwortlichen Zustrom des Hodensekretes versiegen läßt, bereitet nach 
nächstfolgendem Abwurf des Geweihes auch seinem neuerlichen vollwertigen 
Wachstum ein Ende. Kastration — mindestens wenn die Entfernung der Keim¬ 
drüsen vor Eintritt der Geschlechtsreife erfolgte — stellt eben nicht das Gegan- 
geschlecht her, sondern annähernd eine asexualle Sonderform, die der Romancier 
unzutreffend „Das dritte Geschlecht“ benannte. 

Dam muß eine Bemerkung von Fließ (Zeitschr. f. Sexualw. I, 1) weichen, 
die das Bestehenbleiben des Somageschlechtes nach Entfernung der Gonaden 
und Genitalien betont: genügend zeitige, präpuberale Operation läßt es nur so 
weit bestehon, als es eben eig3ntlich kein Geschlecht mehr ist, so weit, daß di® 
Geselltechtsabzeichen ihre primordiale Stufe rückgewinnen, da sie noch ge¬ 
schlechtlich indifferente Speziesabzeichen gewesen waren. 

Nicht die Anwesenheit rudimentärer Geechlachtsattribute, die scheinbar 
ausschließliches Eigentum des anderen Geschlechtes sein sollten, sondern di® 
gelegentliche Entwicklung jener Rudimente zum Höhe¬ 
punkte dessen, was sonst nur im fremden Geschlechte erreicht wird, ist ein 
Zeugnis doppeltgeschlechtiger Anlage. Daß Männer ihre Brustdrüse bis zur 
Milchargiebigkeit bringen; daß Frauen den längsten Vollbart beschämen; daß 
Hennen hahnenfiedrig und Hähne hennenfiedrig werden können, schließt die 
Bweisketta, die von der Existenz einer inneren Zwitteranlage (Spuren hetero- 
loger Keimdrüsen und Gescblechtswege) eröffnet und von den modernen Resul¬ 
taten der Geschlechtsbestimmung und Geschlechtsverwandlung erweitert wird. 

Das von Fließ verwendete Beispiel der Geschlechtsumwandlung, para¬ 
sitäre Kastration männlicher Dreieckskrabban (Inachus) durch Wurzel¬ 
krebse (Sacculina) mit der als Folge davon auftretenden Eibildung in den ver¬ 
ödeten Samenkanälchen, der inneren und äußeren Verweiblichung: dieses Bei¬ 
spiel ist insofern mit Vorsicht zu behandeln, als die schmarotzenden Sacculinen 
durchweg Weibchen sind, an denen alles rudimentär ist außer ihrem mon¬ 
strösen Eierstock; laut B i e d 1 2 i ist die Zuführung weiblicher Substanz aus 
‘ dem Schmarotzer, der einem Ovarialtransplantat vergleichbar wäre, in den Wirt 
nicht auszuschließen. Beweisender für das, was Fließ zeigen will, nämlich - 
gleichzeitige Anwesenheit männlicher und weiblicher Substanz von Haus aus, 
ist die parasitäre Kastration weiblicher Lichtnelken (Melandryum) durch den 
Brandpilz Ustilago violacea nach Strasburger Ä ) und die — von Fließ 
nicht erwähnte — analoge Kastration von Maiskolben durch Ustilago maydis 
nach Iltis 4 ), in welch beiden Fällen aus den weiblichen Organen Staubblätter, 
also männliche Organe, hervorgatrieben werden. Nur ist die Behauptung von 
Fließ, kein Experimentator könne die Leistung des Pilzes nachahmen, durch 
Versuche von Sh ul Im an der Lichtnelke Lychnis dioica, und von B larin g- 
h ejn e ) an Zea Mays überholt 

Was nun die Geschlachtsbestimmung und Geschlechts¬ 
entstehung, Anfang und Ausbreitung der Bisexualität anbelangt, so erhebt 
Fließ wiederum ungerechte Vorwürfe gegen die „moderne Biologie“. Fließ, 


i) Aich. f. Entwicklungsmech. XLII, Heft 3, 1916. 

*) „Innere Sekretion“. 2. Anfl., II. Teil. S. 225. 

») Biol. Zentral«. Nr. 20 ff., 1900. 

«) Zeitschr. f. induktive Abst.- u. Vererbungslehre V, 1—20, Taf. II, III, 1911. 
s) Botanical Gazette LII, Nr. 5, 1911; Science XXXVI, Nr. 928. 1912. 

•) „Mutations et Traumatismes“. Paris 1908. Verlag F. Alcan. 


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Sexualität und Symmetrie. 


43 


der der Kritik ihre Unsinnigkeit und Leichtfertigkeit so verargt (1914, besonders 
Kap. VIII, S. 107 ff.), sollte nicht in denselben Fehler verfallen, den er seine* 
bisherigen Rezensenten mit so viel Recht zum Vorwurfe macht Denn nie hat 
die Biologie gesagt (auch der von Fließ hierfür zitierte Oskar Hertwig 
nicht), „die Geschlechter seien nichts Fundamentales, nichts Prinzipielles, nichts 
Notwendiges. Sie sind unerhebliche Einrichtungen, Einrichtungen untergeord¬ 
neter Art". Nie hat sie geschlossen: „Der sexuelle Gegensatz kann auch bei 
den höheren Wesen nichts Prinzipielles sein, weil er bei den einzelligen nicht 
vorhanden ist“ Nach dieser Folgerung wären z. B. die Knochen der Wirbel¬ 
tiere nichts Prinzipielles, weil die niedrigsten nur Knorpel, oder weil die Wirbel¬ 
losen nichts dergleichen haben. 

Mindestens schon lange sagt die Biologie nicht mehr, es „fehlen die Ge¬ 
schlechter in der ganzen Gruppe der einzelligen Lebewesen“, weil sie ja den 
auch von Fließ ins Treffen geführten Generationswechsel zwischen 
sich teilenden und verschmelzenden Zellgenerationen ent¬ 
deckt hat, dessen Geltungsbereich ein immer weiterer wird, die Fabel von der 
endlosen, unsterblichen Weiterteilung der Zellindividuen immer mehr in die 
Enge treibt Auch daß in der Kopulationsepoche „zwei beliebige Zellen“ sich 
paaren, „sagen unsere Biologen“ wenigstens heute nicht mehr, seitdem Po¬ 
po f f u. a. aus ihrem physiologischen Verhalten die Verschiedenwertigkeit der 
nur zur Teilung befähigten („vegetativen“), und der zur Kopulation be¬ 
stimmten Zellen („Gameten“) auch dort erkannten, wo sie sich morpho¬ 
logisch nicht unterscheiden lassen, oder wo, wie beim Glockentierchen Car- 
chesium polypinum, wenigstens die eine Sorte der Gameten, die großen „Makro¬ 
gameten“, den vegetativen Zellen ganz gleich zu sein scheinen. 

Wohl ist anscheinend — ich will mich im Sinne von Fließ so vor¬ 
sichtig ausdrücken — bei den Urwesen eine „Isogamie“ weitverbreitet, bei 
der die kopulierenden Zellen (Gameten) einander wirklich gleichen: sie üben 
einen Geschlechtsakt aus, haben aber, soweit Beobachtung reicht, noch keine 
geschlechtliche Differenzierung erklommen. Das klassische Beispiel dafür ist 
die Alge Ulothrix, auch die „Konjugaten“ unter den Grünalgen und die Wimper¬ 
infusorien (z. B. Didinium, Paramaecium) mit ihrer Konjugation — letztere 
wenigstens in herrschender Ansicht — sind isogametisch. Geschlechtsakt ohne 
differente Geschlechter: das ist nicht so paradox, wie es klingt, ist kein Wider¬ 
spruch und nichts Überraschendes; nicht bloß die Geschlechtsfunktion — alle 
Lebensfunktionen werden zuerst von gleichartigen Zellen, bzw. auch von ein 
und derselben einzelnen Zelle ausgeübt, ehe Arbeitsteilung zwischen ihnen ein¬ 
setzt Die Reizbarkeit ist eine elementare, universale Fähigkeit des lebenden 
Stoffes vor der hierzu spezialisierten Nervenzelle, die Bewegbarkeit vor der 
hierfür besonders ausgestatteten Muskelzelle usw. 

Auch Andro- und Gynoplasma müssen nach allgemeinen Entwicklungs¬ 
gesetzen einmal aus sexuell indifferentem Grundstoff, aus asexuellem 
Protoplasma gebildet worden sein; und da alle Wahrnehmung dafür spricht, 
daß die Stufen jener Entwicklung uns im Protistenreiche noch unverwischt vor 
Augen stehen, so darf unsere diesbezügliche Behauptung wohl ziemlich ent¬ 
schiedene Form annehmen. 

Nun fragt aber Fließ, woher wir vom Mangel eines Geschlechtsunter¬ 
schiedes bei isogametischen ürwesen Kenntnis haben. „Man höre und staune: 
einfach daher, weil man mit unseren heutigen mikroskopischen und färbe¬ 
rischen Mitteln keinen Unterschied wahrnehmen kann. Ist das nicht köstlich? 

4* 


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Paul Kämmerer. 


44 


* 

Was wir heute nicht sehen, das existiert nicht, wenn auch tausend Vemunft- 
gründe für die Existenz sprechen.“ Fließ ist im Rechte, wenn er uns die 
Befugnis abspricht, die Existenz des Unsichtbaren abzuleugnen; er ist im Un¬ 
recht, wenn er daraus für sich die Vollmacht ableitet, die Existenz des Unsicht¬ 
baren zu behaupten. Die Vernunftgründe sprechen für allmähliche Entwick¬ 
lung, für Entstehung von Verschiedenem aus Gleichem und nicht für unver¬ 
mitteltes Vorhandensein von Verschiedenem. 

Die Periodik braucht darunter nicht zu leiden. Da Fließ die Allgemein¬ 
gültigkeit, die Allverbreitulig einer weiblichen Periode von 28 und einer männ¬ 
lichen Periode von 23 Tagen im ganzen Tier- und Pflanzenreich beansprucht, 
so müsse überall schon Weibliches und Männliches vorhanden sein: denn 28 Tage 
betrage die Lebensdaifcr einer Stoffeinheit Gynoplasma, 23 Tage die einer Ein¬ 
heit Androplasma. Und da der Lebensablauf des Individuums sich aus Summen¬ 
funktionen beider Perioden, der 28- und der 23tätigen, zusammensetze, so 
müsse auch weibliche und männliche Substanz in demselben Individuum zugegen 
sein, dessen Geschlechtscharakter nur ein vorherrschender, 
kein allein herrschender sei. Nach dem, was wir hörten, ist der letzte 
Teil dieses Lehrsatzes richtig, der erste unrichtig: die Periodenlehre kann nur 
gewinnen, wenn sie diese Unrichtigkeit abstreift und die Entwicklung getrennter 
Geschlechtssubstanzen aus ungeschlechtlicher Lebenssubstanz anerkennt; denn 
das zweifellose Beisammensein und Aufeinanderwirken der beiderlei Plasmen 
im selben Keim und dann — verdeutlicht und verschärft — im selben Indi¬ 
viduum wäre entwicklungshistorisch gar nicht denkbar ohne ihr ursprünglich 
ungetrenntes Beisammensein in der Urzelle. 

Durch Erwähnung der von S c h a u d i n n entdeckten Binnenbefruchtung 
bei der Darmamöbe und Flagellaten ist dies übrigens auch bei Fließ zum 
Ausdruck gebracht: das Beisammensein der beiderlei Sexual¬ 
plasmen in der S tam mze 11 e jedes, auch des hüchstdifferen¬ 
zierten Individuums ist nur z w a n g s 1 ä u f i g e biogenetische 
Folge ihrer Stammesentwicklung aus asexue 11 ein IIrp 1 asma. 
Die periodischen Abläufe — meinetwegen selbst diejenigen von 28 und 23 Tagen, 
die ja bestimmt nur ein winziger Ausschnitt sind aus dem reichen Perioden¬ 
repertoire des Organismus — mögen trotzdem allgemein verbreitet sein: nur 
dürften sie, wo weibliches und männliches Plasma noch ungeschieden ist, 
ebenfalls nicht getrennt konstatierbar sein, sondern sich in resultierenden Mitteln 
von 28 und 23 bewegen. 

An sein „Was Ihr nicht rechnet, glaubt Ihr, sei nicht wahr; was Ihr 
nicht wägt, hat für Euch kein Gewicht“ knüpft Fließ nochmals an und fragt: 
„In allem Ernst: wie weit gehen denn unsere heutigen Mittel zur Unter¬ 
scheidung? Ein einziges Beispiel wird das erhellen. Sie wissen schon aus 
dem vorigen Vortrag, daß ganz früh, bei der ersten Teilung nach der Be¬ 
fruchtung, sich die Urgoschlechtszelle von der ürkörperzelle absondert. Von 
der ersteren stammen alle Fortpflanzungszellen, von der zweiten der ganze 
übrige Körper ab. Welcher Mikroskopiker kann aber sagen, ob aus dieser 
Urgeschlechtszelle Samenkörper oder Eier hervorgehen werden?“ Die Antwort 
lautet: „Jeder Mikroskopiker kann das!“ Fließ selber ist damit vertraut, 
da er (1914, S. 81 in einer Fußnote) anführt, was er aber drei Seiten vorher 
nicht anwendet. Ja, es ist gar nicht einmal nötig, die sogenannte Urgeschlechts- 
zelle dafür in Anspruch zu nehmen, da die angebliche ürkörperzelle — wir 
betonten schon vorhin das für die meisten Lebewesen höchst Problematische 
dieser Unterscheidung — und sämtliche später aus der „ürkörperzelle“ ent- 


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45 


Sexualität und Symmetrie. 


standenen Organzellen ebenfalls verraten, ob wir es mit einem männlichen oder 
weiblichen Keimling zu tun haben. 

Man braucht nur die nächstfolgende Teilungsphase abzuwarten, in der die 
Chromosomen wieder deutlich werden, und sieht dann, ob der Chromosomen¬ 
bestand das „X-Chromosom“ in einfacher oder doppelter Zahl enthält: im 
ersteren Fall stammt der Keim aus Befruchtung zweier Keimzellen, von denen 
die eine das X-Element hatte, die andere nicht — es wird diesfalls ein sperma¬ 
produzierendes Männchen daraus. Im zweiten Falle stammt der Keim aus 
Befruchtung von Keimzellen, die beide das X-Element besaßen — es wird ein 
Weibchen daraus, die „Urgeschlechtszelle“ wird Eier liefern. Oder, um wenig¬ 
stens eine der vorkommenden und mikroskopisch erkennbaren Varianten dieses 
Verhältnisses zu erwähnen: die Teilungsfigur zeigt zwar stets zwei „Hetero¬ 
chromosomen“, aber das eine Mal sind beide gleich groß (2 X-Elemente), 
das andere Mal findet sich neben dem größeren (X-Element) ein kleineres 
(Y-Element). Zwei große machen abermals den Keim zum Weibchen, das 
kleinere neben dem großen macht ihn zum Männchen: immer ist die Ent¬ 
stehung von Männlichkeit an einen Fehlbetrag von Chromatin gebunden. 

Wir sprachen auch schon von der Reduktionsteilung, die den Chromosomei- 
bestand auf die Hälfte herabsetzt und unpaare Chromosomen immer nur der 
einen von beiden aus ihr hervorgehenden Keimzellen zuweist. Hat also die 
Reduktionsteilung mit heranreifenden Keimzellen (Keimmutterzellen) zu tun, 
die vorher 2 X-Elemente enthielten, so enthält nachher jede nur 1 X-Element. 
Hatte aber die Reduktionsteilung mit Keimmutterzellen zu tun, die schon vor 
der Teilung nur 1 X-Element enthielten, so enthalten nach der Teilung 50% 
der reifgewordenen Keimzellen das X-Element, die übrigen 50% enthalten es 
nicht. Nach dem oben Gesagten sind es die Eier (als weibliche Zellen), die 
vor der Reduktionsteilung stets 2 X-Elemente beherbergen, die Samenfäde» 
(als männliche .Zellen) nur 1 X-Element: im Reifezustand, den die Reduktions¬ 
teilung herbeiführt, enthalten daher sämtliche weibliche Sexualzellen das X-Ele- 
ment, dagegen bekommt es nur die Hälfte der reifen, männlichen Sexualzellen. 
Verschmilzt nun ein X-freier Samenfaden mit einem beliebigen Ei, so empfängt 
der befruchtete Keim nur ein X-Element und wird zum Männchen; verschmilzt 
ein X-haltigcr Samenfaden mit irgendeinem Ei, so empfängt der befruchtete 
Keim 2 X-Elemente und wird ein Weibchen. 

Für Tierarten, die dort, wo im soeben ausführlicher abgeleiteten Fall 
das X-Element fehlt, ein kleineres Y-Element tragen, gilt genau dasselbe: alle 
Eier sind untereinander gleich, % a ^ er Samenfäden gleichen den Eiern und 
haben das X-, % statt dessen das Y-Element. Erstere Sorte liefert bei Be¬ 
fruchtung weibliche, letztere männliche Keime. 

Daraus folgt aber, daß im regelmäßigen Verlaufe der Geschlechtsverteilung 
genau ebenso viele Männchen wie Weibchen entstehen müssen. Stati¬ 
stische Aufsammlungen haben dies vielfach bestätigt; wo das Geschlechtsverhältnis 
der erwachsenen oder doch der bereits fertig entwickelten Tiere und getrennt¬ 
geschlechtigen Pflanzen ein anderes ist als 1:1, da liegt es (wenn nicht a* 
der Unvollständigkeit der Aufsammlung) meist daran, daß das eine Geschlecht 
schon während der Entwicklung oder im späteren Alter größerer Sterblichkeit 
unterworfen ist. * Manchmal läßt sich auch das Walten eines geschlechts¬ 
bestimmenden Faktors erweisen oder wahrscheinlich machen, der die Geschlechts¬ 
proportion mehr oder weniger zugunsten des einen Geschlechtes verschiebt Davoa 
jedoch, daß das Verhältnis männlicher und weiblicher Exemplare im ganze® 
Tier- und Pflanzenreiche 105 oder 106:100 betrage, wie Fließ es behauptet 


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46 


Paul Kämmerer. 


und mit Beispielen der deutschen, italienischen Statistik und Heyers Aus¬ 
zählungen des Bingelkrautes (Mercurialis annua) belegt, kann gar keine Bede 
sein. Ebensowenig ist das Verhältnis der männlichen zu den weiblichen Tot¬ 
geburten — der preußischen und dänischen Statistik mit 128 bis 129:100 
entnommen — „unverrückbar in der Natur gegeben“. 

Fließ kommen diese Zahlen deshalb zustatten, weil der totgeborene 
Knabenüberschuß sich zum lebendgeborenen wie 128:105 oder noch genauer 
wie 129:106 ■=» 28:23 verhält. Da die stets wiederkehrenden Ziffern 28 
und 23 hier nicht Tage, sondern ein Verhältnis von Individuen bezeichnen, 
wird jenes Resultat zum Nachweise benützt, daß die Zahlen allemal Lebens¬ 
zeiten der beiderlei (männlichen und weiblichen) Substanz¬ 
einheiten vorstellen, an deren Vielfachen wir die Anzahl solcher vorhandener 
Substanzeinheiten zu messen in der Lage seien. Aus derselben Geburten¬ 
statistik, der die obigen Überschußzahlen der tot und lebendig geborenen Knaben 
entnommen sind, steht weiter fest, daß die Gesamtzahl der Totgeburten sich 
zur Gesamtzahl der Geburten überhaupt verhält wie 2:51, was man, da 


51 — 28 + 23, auch schreiben kann 


1 + 1 


Gilt die 28er Kategorie 


28 + 23' 

für Mädchen, die 23er für Knaben, so ergibt sich von ersteren auf je 27, von 
letzteren auf je 22 Lebendgeburten eine Totgeburt Multipliziert man Zähler 
und Nenner des Bruches, der das Verhältnis totgeborener Knaben und Mädchen 


darstellt, entsprechend mit jenen Zahlen 


129-22 

100-27’ 


so gewinnt man als Probe 


aufs Exempel abermals das von der Statistik unabhängig festgestellte, oben bereits 
aafgeschriebene Geschlechtsverhältnis der Lebendgeburten 

Eine Bestätigung dessen, daß die 28er Kategorie weiblich, die 23er 
männlich ist, hat Fließ noch nicht mit verwertet: sie ist in der von ihm 
(1914, S. 35) benützten zehnjährigen Statistik des Deutschen Reiches gegeben, 
wo je eine Totgeburt auf 28 eheliche, dagegen bereits auf nur 23 uneheliche 
Geburten entfällt; der Grund dafür liegt darin, daß im unehelichen Verhältnis 
die Knabengeburten um vieles häufiger sind als die Mädchengeburten. 

Wie dann Fließ weiter die Abhängigkeit dieser Werte prüft, ihre ana¬ 
lytische Funktion aufsucht und zum Ergebnis gelangt, 28 und 23 seien trotz 
ihres arithmetisch verschiedenen Wertes biologisch gleichwertig; das Verhältnis 
der Tot- zu den Lebendgeburten mit 2 : 51 = 1 + 1 : 28 -f- 23 bedeute also, 
die Zahl aller Geburten stehe um eine „biologische Dimension“ höher 
als die der Totgeburten . . ., das alles umgreift einen der fesselndsten, genialst 
durchgeführten Abschnitte im Fließ sehen Werke: man wird ihm vollen 
Beifall nicht versagen können, wenn seine Geltung hinsichtlich der Zahlen 28 
mnd 23 nur für diejenigen Zeiten und dasjenige Lebensmaterial behauptet 
wird, dessen Statistik dabei verwendet wurde. Die Statistik anderer Länder, 
Zeiten, Menschen, Tiere und Pflanzen ergibt nämlich, wie gesagt, ganz andere 
Werte, die anderen periodischen Abläufen ihrer Lebenseinheiten entsprechen. 

Was die biologische Gleichsetzung von 28 und 23 und ihre Verwertung, 
als einfaches Dimensionsverhältnis der Lebend- und Tot-, der Mädchen- und 
Knabengeburten betrifft, so ist noch folgendes zu bemerken: Fließ erkennt 
daraus, „daß auch die Gesamtzahl aller geborenen Knaben (lebend und tot) 
biologisch gleich derjenigen aller Mädchen sein muß. Damit aber wird 
•ine Forderung unserer Vernunft befriedigt. Die Natur hat beide Geschlechter 


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Sexualität und Symmetrie. 


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erschaffen. Sie braucht beide in gleicher Weise. Ihr müssen also auch beide 
gleichwertig sein“. Fließ kommt also durch seine Ableitung biologischer 
Äquivalente zur Erfüllung eines Postulates, das die Natur selbst, wie wir 
früher zur Kritik des „unverrückbaren“ Geschlechtsverhältnisses 105 Knaben 
zu 100 Mädchen bereits ausführten, noch viel genauer, nämlich tatsächlich in 
arithmetischer Äquivalenz (100 : 100) befriedigt hat durch Einrichtung 
der kraft des Reduktionsteilungsmechanismus in gleicher Häufigkeit auftretenden 
männchen- und weibchenerzeugenden Keimzellen — eine Genauigkeit, von der 
die Natur bloß abgeht, wenn biologische Gründe (ungleiche Sterblichkeit und 
ihr entgegen wirkende geschlechtsbestimmende Faktoren) eine arithmetische Ver¬ 
schiebung hervorrufen und erforderlich machen. Dann aber ist diese arithme¬ 
tische stets zugleich auch eine biologische Verschiedenwertigkeit 

Ein solcher Fall liegt eben bei den Knabenüberschüssen von 5% der 
Lebenden und 28°/ 0 der Toten vor uns. Warum, fragt Fließ, ist der Knaben¬ 
überschuß bei den Totgeburten um so vieles gewaltiger als bei den Lebend¬ 
geburten? Weil, so lautet unsere Antwort, das Männchen sich stets 
an den Grenzen der Entwicklungsmöglichkeit heranbildet: 
geht es dem Keimling so schlecht, daß er gerade noch imstande ist, sich zu 
entwickeln, so wird ein Männchen daraus. Wie stimmt diese Erkenntnis mit 
deijenigen der Geschlechtschromosomen überein? 

Sehr gut, seit durch Wilson 1 ) mehr als wahrscheinlich geworden, daß 
jedes Plus an Chromatin die Assimilationstätigkeit der Zelle 
erhöht, und folglich dies Plus an Kernsubstanz unter entsprechenden Be¬ 
dingungen auch Aussicht auf ein Plus an Zellenleib-Substanz verleiht. Die 
Zelle mit dem größeren Zellenleib aber — das ist die befeser ernährte Zelle, 
und bessere Ernährung wirkt weibchenbestimmend. Jetzt haben wir die Kette 
von Ursachen und Wirkungen beisammen, die vom frühest sichtbaren Ge¬ 
schlechtsunterschied (der Zahl und Größe geschlechtsbegleitender Chromosomen) 
zur endgültigen Geschlechtsentfaltung heraufführen. Wie es scheint, kann 
diese Kette zuweilen auch umgekehrt verlaufen, so daß jede Wirkung zur 
Ursache und jede Ursache zur Wirkung wird: ist z. B. die äußere Emährungs- 
möglichkeit sehr schlecht, dann kann das genaue Geschlechtsverhältnis 1 : 1 
nicht eingehalten werden — dann wird ein Teil weiblich vorbestimmter Keime 
(in Mitteleuropa, wo der Konkurrenzkampf scharf ist, die mehrfach erwähnten 
5%) in solche mit männlicher Tendenz umgeschaltet. 

Wie sich das im Detail vollzieht, ist noch unbekannt: vermutlich wird 
vom Zelleib aus gelegentlich der dem äußeren Einflüsse zunächst unterstehen¬ 
den Teilungen der Chromatingehalt des Kernes reguliert, also etwa bei Hunger¬ 
wirkung ein Chromoson in den schmächtig gewordenen Zelleib ausgestoßen, wo 
es zerfällt. Einstweilen genug daran: der geschlechtsbestimmende Vorgang 
vollzieht sich und unterliegt bei einer langen Reihe niedriger Tiere und Pflanzen 
der experimentellen Beherrschung. So fließt der Überschuß an Knaben- 
Gesamtgeburtep und die noch größere Überzahl von Knaben-Tot- 
(und Fehl-) Geburten aus derselben Quelle: aus schwierigen Existenzver¬ 
hältnissen, die einen großen Prozentsatz der Bevölkerung darben lassen (nur 
dieser kommt tatsächlich für den durchschnittlichen Knabenüberschuß der ganzen 
Bevölkerung auf!), weshalb sich das Geschlechtsverhältnis zuungunsten der 
Mädchengeburten verschiebt. Resultieren aber zahlreichere Geburten aus schlech¬ 
terer Keimernährung, so äußert sich die Folge hiervon selbstverständlich auch 


i) Arch. f. mikr. Anat. LXXVII, 249—271, 1911. 


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Paal Kämmerer. 

darin, daß die schlechter ernährten (männlichen) Keimlinge ihr Entwicklungs¬ 
ziel in geringerer Menge lebensfähig erreichen als die besser ernährten (weib¬ 
lichen) Keimlinge. 

Diese bei Rotatorien, Entomostraken, Fröschen, Sporenpflanzen ganz sicher, 
bei Blütenpflanzen und Säugetieren sehr wahrscheinlich erwiesene Umschalte- 
fähigkeit der durch Chromosomen angekündigten Geschlechtstendenz zeigt uns 
äufs neue die Anwesenheit von beiderlei Geschlechtssubstanzen im selben Kein 
und selben Individuum. Die Gesehlechtschromosomen bedeuten also nicht un- 
widerrufliche Bestimmung, sondern nur vorherrschende Neigung zur Entfaltung 
des einen Geschlechtes; unter Umständen kann diese Neigung und augenblick¬ 
liche Mehrheit der ihr behilflichen Geschlechtsstoffe unterdrückt, können doch 
noch die .entgegengesetzten Geschlechtsstoffe gefördert werden und dann der 
Entwicklung zum anderen Geschlecht Geltung schaffen. Wenn wir daher mit 
positivem Erfolg einen äußeren geschlechtsbestimmenden Einfluß (Mast, Hunger 
oder was diese Faktoren indirekt mitbringt, wie Wärme, Kälte; assimilations¬ 
fördernde oder hemmende Chemismen usw.) auf den unentwickelten Keim aus¬ 
üben, so tun wir im Grunde nichts anderes, als wenn wir bei einem ent¬ 
wickelten Zwitter (Süßwasserpolyp, Wassermelone lieferten positive experimen¬ 
telle Ergebnisse) die eine Art von Geschlechtsorganen vernichten und ihn da¬ 
durch zu einem reingeschlechtlichen Organismus machen. Deshalb nannte 
ich x ) den Zustand der unbefruchteten und unentwickelten Keimzelle, trotzdem 
Sie einseitig sexuell abgestcmpelt, also weder asexuell noch wie ein wirklicher 
Hermaphrodit deutlich bisexuell ist, den einer „potentiellenHermaphro- 
d i s i e“: er wiederholt ontogenetiscli den Zustand der zu allererst ungeschlecht¬ 
lichen Protistenzelle, der phylogenetisch zur Getrenntgeschlechtlichkeit (Gono- 
chorie) emporwuchs. Natürliche oder künstliche Keimes- und Stammesent¬ 
wicklung macht aus anlagenraäßig (potentiell) gegebener Mischgeschlechtigkeit 
die eigenschaftsmäßig (aktuell) gegebene Rein- und Eingeschlechtigkeit. 

Nochmals müssen wir zur Reduktionsteilung und den geschlechtsbegleiten- 
den Chromosomen zurückkehren; es muß noch daran erinnert werden, daß der 
Reduktionsteilung eine wie gewöhnlich chromosomenspaltende und nicht (wie 
erstere) ganze Chromosomen disponierende „Äquationsteilung“ vorangeht oder 
nachfolgt: beide zusammen bilden die ,,Reif et eil un gen“, welche die Sexual¬ 
zellen aus dem Zustande unreifer Keimmutterzellen in denjenigen reifer, kopu¬ 
lationsbereiter Keimzellen überführen. Dabei werden nun aber aus einer Samen¬ 
mutterzelle (Spermatozyte) vier reife Samenfäden (Spermatozoen); aus einer 
Eimutterzelle (Ovozyte) wird nur eine einzige reife Eizelle (Ovulum). Die 
Spermatozyte wird in zweimal zwei gleichgroße, gleichartige, gleich lebensfähige 
Zellen zerlegt — sie vollführt echte „Zellteilung“; die Ovozyte dagegen voll¬ 
führt „Zellknospung“, bei der die Teilprodukte sehr ungleich ausfallen, nämlich 
das eine abgeschnürte Stückchen viel kleiner — hier so klein, daß es für 
dauernde Lebensfähigkeit nicht ausreicht. So stößt die Eizelle bei ihren beiden 
Reifeteilungen nur zwei „Polzellen“ oder „Richtungskörperchen“ ab, von denen 
sich das erste zwar bisweilen nochmals teilen kann, die aber normalerweise 
doch samt ihren Chromosomensortimenten zugrunde gehen. Und nur die eine 
Eizelle, der ein Löwenanteil an Plasma verblieb, dauert aus. 

Die Richtungskörperchen spielen auf folgende Art in die Fließschen 
Ideengebäude hinein, wobei er sich zunächst auf den Entdecker der Ovogenese, 


i) Kämmerer, „Bestimmung und Vererbung des Geschlechtes bei PfUue, 
Tier und Mensch“. Leipaig 1918. Verlag Theod. Thomas. 


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Sexualität und Symmetrie. 


van Beneden, stützt (1914, S. 82): „Für die Befruchtung müsse der Samen 
seinen weiblichen, das Ei seinen männlichen Anteil verlieren, damit nach der 
Vereinigung wieder das richtige Mischungsverhältnis vorhanden sei. Also im 
Riehtungskörper des reifenden Eies wandert männliche Substanz aus. Nun sagen 
allerdings moderne Biologen, diese Deutung müsse aufgegeben werden. Denn 
der Riehtungskörper, welcher die Chromosomenhälfte fortführt, wäre seiner Form¬ 
entstehung nach ein rudimentäres Ei und könne als solches keine männliche 
Substanz fortführen. Dazu müßte es ein rudimentäres Samenkörperchen sein. 14 

Wiederum sagen das die Biologen durchaus nicht: erstens eben, weil 
cs keine solchen „rudimentären Samenkörperchen 44 gibt, die 
in Analogie und notwendiger Reziprozität zu den rudimentären Eikörperchen 
den weiblichen Anteil aus der Spermazelle wegtransportieren müßten; deun 
die ganze Substanz der Sperma-Mutterzelle wird ja auf 4 vollkräftige Si>ermien 
aufgeteilt 

Zweitens sagen das die Biologen nicht, weil sie auf Grund ihrer Kenntnis 
der Geschlechtschromosomen sehr genau wissen, daß es weibliche und männ¬ 
liche Samenkörperchen gibt (weibchenerzeugende mit und männchenerzeugende 
ohne X-Chromosom — immer nur den einfachsten, den sog. „Protenor-Typus“ 
der chromosomalen Geschlechtsdisponierung in Rechnung gezogen!); in anderen 
Fällen ebenso männliche und weibliche Eikörperchen (mäimchenerzeugende mit 
V- und weibehenerzeugende mit Z-Chromosom — „Eehinus-Typus“). Da das 
Männchen wie das Weibchen je seinerseits aus befruchtender Mischung von 
männlicher und weiblicher Substanz hervorging, so muß diese auch iu den 
vom Vater- wie vom Mutterkörper abgestoßenen Keimkörperchen gemischt zu¬ 
gegen sein; und da diese Keimzellen zwar, wie wir hörten, einsinnige 
Geschlechtstendenz, aber doppelsinnige Geschlechts Veran¬ 
lagung besitzen, so kann auch liier, auch nach der letzten Reifeteilung keine 
restlos reinliche Scheidung von männlicher und weiblicher Substanz vollzogen 
worden sein. Fließ selbst empfindet (1906, S. 515, 2. Absatz) die Schwierig¬ 
keit, die ihm daraus erwächst, daß er durchaus der veralteten Annahme von 
van Beneden folgen will; denn jeder Lebensvorgang geschieht ja nach 
Fließ durch Reaktion der beiderlei Geschlechtsstoffe aufeinander: restlos ent¬ 
mischte Zeugungskeime wären ja nach Fließ’ eigener Meinung weder lcbens-, 
noch dauer-, noch entwicklungsfähig. Es ist auch gar nicht einzüsehen, wozu 
der Umweg einer geschlechtlichen Entmischung und Wiedermischung dienen 
sollte, da das Mischungsverhältnis und seine Auffrischung auch ohnedem ein 
„richtiges“ bleiben kann. 

Wir besitzen aber noch einen Beweis dafür, daß die Polzellen in der Tat 
rudimentäre Eierchen und keine abortiven Ansammlungen rein dargestellten 
Androplasmas sind: ein Teil der Teratome, deren Zustandekommen Fließ 
auf parthenogenetischem oder vegetativem Wege erklärt (was für einen anderen 
Teil dieser Geschwülste wirklich recht akzeptabel ist), dürfte aus befruchteten 
Richtungskörperchen entstehen. „Mau hat viel hin- und hergeraten“, sagt 
Fließ, „was die Bildungen eigentlich seien. Heute faßt man sie in Ermang¬ 
lung eines Besseren als entgleiste Zwillinge auf. Aber Zwillinge existieren 
immer nebeneinander, nie ineinander.“ Macht man die Polzellen zu einem ge¬ 
wissen Prozentsätze für Entstehung der Teratome verantwortlich, so können sin 
in einem sehr engen und sehr bezeichnenden Sinne ganz wohl „entgleist# 
Zwillinge 44 und trotzdem ineinandergewachsen sein. 

Fließ wird uns antworten: wenn Mannes- und Weibesstoff in deren 
Keimprodukten, den Spermien und Eiern, reinlich geschieden und damit zu- 


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Paul Kämmerer. 


nächst, der Möglichkeit ihrer lebensspendenden Reaktion aufeinander beraubt 
sind, so schadet das nichts; für sich allein sollen sie ja gar nicht lebens¬ 
fähig sein, und in ihrer Vereinigung bekommen sie, was sie brauchen. — 
Wie aber bei der jungfräulichen Zeugung, der Parthenogenese aus 
Eiern allein? 

Auch dafür hat Fließ eine Antwort bereit: die Parthenogenesis habe 
nichts Jungfräuliches an sich. Denn in parthenogenetisch sich entwickelnden 
Eiern unterbleibt die zweite Reifeteilung oder sie führt nicht zur Ausstoßung 
des Richtungskörpers, sondern dessen Kern verschmilzt mit dem Eikern. Von 
der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung unterscheide sich diese „eingeschlecht¬ 
liche“ also nur durch Verlegung der sonst äußeren Befruchtung nach innen; 
und diese Binnenbefruchtung diene gleichzeitig als Beweis für den 
männlichen Charakter der Polzelle. 

Nun trifft aber das Ausbleiben der zweiten Reifeteilung durchaus nicht 
auf alle Parthenogenesen zu. Speziell bei künstlichen Parthenogenesen 
der Seeigel, Seesterne, Würmer, Weichtiere, Fische und Frösche, zu denen reife 
Eier verwendet werden, aus denen beide Richtungskörperchen schon enfemt 
sind, konnten die Eier ihren Chromosomenvorrat nicht auf den vollen Betrag 
ergänzen, sondern behielten in allen Zellen — auch des herangewachsenen 
Körpers — den auf die Hälfte reduzierten Bestand. Was Fließ von der 
Zentrosphäre des zu jungfräulicher: Entwicklung angeregten Eies sagt, die reak¬ 
tiviert wird, während sie sonst vom Zentrosom des eingedrungenen Spermiums 
beigestellt werden muß: das hat ja mit Fließ’ vorher geäußerten Behauptung 
bezüglich der Fortführung männlicher Substanz in den Polkörpern bereits nicht 
das geringste mehr zu tun. Und Tiere von jungfräulichem Ursprung sind, wie 
die beiden von Fließ erwähnten Seeigel der Delä ge ’sehen Züchtungen, 
männlichen Geschlechtes: folglich war erstens die männliche Substanz nicht 
entführt worden; zweitens war die Entwicklung ohne Binnenbefruchtung von¬ 
statten gegangen; drittens ist die Ursache, die solche Geschöpfe zu Männchen 
werden läßt, ganz offenbar in ihrem unvollständigen Chromatinvorrat gelegen, 
der dem Kern nicht diejenige Assimilationskraft verleiht, wie sie zur Herstellung 
der weiblichen Plasmarelation nötig wäre. Nur daß bei der echten Partheno¬ 
genese nicht bloß — wie, in den männchenerzeugenden Spermien — ein ein¬ 
zelnes X- oder Y-Element fehlt, sondern die Hälfte des ganzen Chromosomen¬ 
bestandes. 

Bei aller Anerkennung dessen, daß Andro- und Gynoplasma sich nie völlig 
trepnen — und zwar (über die gleiche Ansicht Fließ’ hinaus) auch nicht in 
den spezifischen Geschlechtszellen von Mann und Weib — wird sich mithin 
die Behauptung doch nicht aufrechterhalten lassen, jede Entwicklung werde 
einem Zeugungsvorgang, einem Aufeinander- und Zusammenwirken von Mann- 
und Weibstoff, verdankt. Wohl ist jeder Entwicklungs-, jeder Lebensvorgang 
eine Wechselreaktion verschiedener Stoffe, aber nicht bloß dieser Zweiheit, 
sondern einer Vielheit von Stoffen, die das Biomolekül aufbauen. Es ist der 
Kardinal-, ja sozusagen der einzige, ins Gewicht fallende Fehler der geistigen 
Pfadfinderarbeit von Fließ, daß sie die Möglichkeiten des Geschehens zu eng 
faßt, daß sie (wie bei den Perioden von 28 und 23 Tagen) eine Einheit, bzw. 
einheitliche Zweiheit dort sieht, wo eine unendliche Mannigfaltigkeit, eine All¬ 
heit herrscht 


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Sexualität und Symmetrie. 


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VII. Asexualität, Individualität und Lebensdauer. 

Das zuletzt Gesagte findet schließlich seine Anwendung auch dort, we 
Fließ sogar die „ungeschlechtliche“ (vegetative)Fortpflanzung als 
bisexuellen Vorgang retten will. Er tut es (1914, S. 89) kurz unter Hinweis 
auf die männlichen und weiblichen Sexualorgane, die von jedem Steckling so 
gut wie von jedem Sämling hervorgebracht werden: „Es müssen in ihm also 
männliche und weibliche Stoffe gewesen sein.“ 

Gewiß — aber das ist doch wohl noch nicht gleichbedeutend damit, daß 
die vegetative Fortpflanzung einem Zeugungsvorgang, einer chemischen und 
physikalischen Reaktion zwischen männlichem und weiblichem Stoff ihre Mög¬ 
lichkeit verdankt Vielmehr ist das Erscheinen von Blüten an jedem kleinsten, 
in die Erde gesteckten Pflanzenreis ein Beweis dafür, daß Keimplasma aus rein 
körperlichem (somatischem) Plasma regeneriert werden kann, oder, noch besser, — 
daß es mit der säuberlichen Scheidung von „Urkörperzelle“ und „Urgeschlechts- 
zelle“, die sich Fließ (1914, S. 61 und 78) zu eigen macht, nichts ist. 
Keimplasma und Soma sind nicht zwei getrennte, voneinander unabhängige und 
einander schroff gegenüberstellbare Bestandteile des Organismus; sondern un- 
meidbar wirken sie aufeinander und ineinander. 

Auf anderen Wegen, die mich hier entschieden zu weit führen würden, 
habe ich mich in meiner „Allgemeinen Biologie“ 1 ) bemüht, letzten Endes die 
Wesenseinheit von vegetativer und sexueller Fortpflanzung abzuleiten; und da 
wir also beide — Fließ und ich —, wenn zwar nicht im übereinstimmenden 
Detailsinne, so doch im großen das gleiche meinen, dürfte eingehendere Aus¬ 
einandersetzung darüber müßig sein. 

Nur die von Fließ vertretene Beziehung zwischen dem Alter 
vegetativer Abkömmlinge und dem ihres Stammes muß ange- 1 
fochten werden. Zwar mit dem Symmetrieproblem hat sie nichts mehr zu tun; 
aber sie ist, da Lebensdauern in Betracht kommen, ein Bestandteil der Perioden¬ 
lehre, dessen falsche Auffassung unrichtige Konstruktion des ganzen Fliefi¬ 
schen Lehrgebäudes mitbedingen müßte. 

Fließ ist der Meinung, daß Ableger, Ausläufer, Brutknospen, Brutzwiebeln, 
Stecklinge, Pfropfreiser — mit einem Wort alle auf ungeschlechtlichem Wege 
„selbständig“ gewordenen „Nachkommen“ eines Individuums — nicht ihrerseits als 
Individuen, nicht als Kinder des Uraprungsexemplares angesehen werden dürfen; 
sondern alle bilden zusammen nur ein und dasselbe Individuum, 
wovon sie räumlich getrennte Sektionen vorstellen. Von jenem bezogen sie 
aber ihren (nach Fließ periodisch bestimmten) Vorrat an Lebenskraft, die daher 
überall gleichzeitig aufgebraucht werden müsse — in neuesten, klein abge¬ 
trennten Teilen nicht später als im großen, gealterten Stamm. So hat Fließ, 
der Fortpflanzung durch Zeugung und Fortpflanzung durch Wachstum wesens- 
eins sein lassen wollte, doch wieder einen Grundunterschied zwischen ihnen 
aufgerichtet: jene bringe durch sexualchemische Reaktion, durch Aufeinander¬ 
wirken gegengeschlechtiger Kräfte Verjüngung; diese nicht, trotzdem sie doch 
auf eben demselben Aufeinanderwirken beruhen soll. 

Es ist Fließ zuzugeben, daß vegetative Fortpflanzung keine so starke 
Verjüngung hervorbringt wie sexuelle; lehrreiche Beobachtungen hierzu hat 
Braem 2 ) am Moostierchen Pectinatella magnifica angestellt Ähnlich steht 

*) Stuttgart 1915. Deutsche Verlageanstalt S. 280, 281. 

>) Aich. f. Entwicklungamech. XXXII, 1911 u. XXXV, 1912. 


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52 Paul Kämmerer. 


es bei jungfräulicher Zeugung; beweisende Zuchtergebnisse hierfür gewannen 
Woltereck 1 ) und v. Scharfenberg 2 ) an Daphniden. Andererseits ist 
^icht zu leugnen, daß auch bei der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung das 
Altera in den Nachkommen fortschreitet und jede Generation sich um einen 
Schritt dem Lebensende ihrer Rasse nähert: hierfür sprechen namentlich palä- 
Qntologische Befunde, besonders von S t e i n m a n n 3 ). Vegetative, unisexuelle 
und bisexuelle Fortpflanzung sind also in ihrem Einfluß auf das Altera von 
Person und Generation durch gradweise, nicht durch grundlegende Unterschiede 
getrennt. 

Doch darin kann Fließ nicht Gef olgschaft geleistet werden, 
daß vegetative Abkömmlinge ihr Stammstück nicht zu über¬ 
leben vermöchten. Fließ stützt sich auf zahlreiche Beispiele pflanz¬ 
licher Ableger und Edelreiser: Pyramidenpappel (Populus italica), vereinzeltes 
weibliches Exemplar vor mehr als 100 Jahren durch Fürsten Leopold in den 
Wörlitzer Park bei Dessau (Anhalt) eingeführt, durch Stecklinge über ganz 
Mitteldeutschland verbreitet, überall zugleich mit dem sterbenden Erstlings¬ 
exemplar greisend und dahinsiechend; Korallenbaum (Erythrina indica) von 
Ceylon, Sämlinge immergrün, Stecklinge mit der Stammpflanze gleichzeitigen 
Laubfall zeigend; amerikanische Wasserpest (Elodea canadensis), von der nur 
weibliöhe Ranken — in Mitteleuropa eingeschleppt — die Flüsse versperrten, 
mit einem Male aber verschwanden; Malvasierrebe und Kartoffelsorten, fort¬ 
gesetzt durch Pfropfreiser bzw. Knollen vermehrt, dann ausgestorben, immer 
wieder neue Sorten aus fremdbestäubten Samen gezogen; Borsdorfer Apfel und 
La France-Rose, ebenso plötzlich von den Märkten verschwunden, weil die 
Exemplare, denen die Okulate entnommen worden waren, zugrunde gingen. 
Alle Beispiele begrenzt wahr; falsch jedoch, sobald sie in unbegrenztem Sinne 
Geltung beanspruchen. 

Über die „Wörlitzer Pappel“ hat Welten 4 ) Erkundigungen ein¬ 
gezogen, aber nur erfahren können, daß von der sagenhaften alten Pappel den 
heute lebenden Einwohnern von Dessau und Wörlitz nichts Sicheres mehr be¬ 
kannt sei; sie soll im Dessauer Schloßgarten (also nicht im unfern davon ge¬ 
legenen Wörlitzer Park) gestanden haben und in den 70er Jahren des vorigen 
Jahrhunderts gefällt worden sein. Ob alle gegenwärtig in mitteldeutschen 
Gärten und Alleen angepflanzten Pyramidenpappeln Sprößlinge späterer Importe 
sind, muß bezweifelt werden; vielleicht haben ihre „Absprünge“ — darin be¬ 
stehend, daß .bei Pappeln und einer Reihe anderer Bäume der Laubfall vom 
Abwerfen ganzer Zweigspitzen und vorher kahl gewordener Äste begleitet ist 
— zum Irrtum verleitet, als handle es sich um eine Alters- und Absterbe¬ 
erscheinung. 

Ebenso handelt es sich beim Borsdorfer Apfel, den Weinreben- 
mnd Kartoffelsorten, sowie den La France-Rosen höchstens um ört¬ 
liches Absterben, bestimmt nicht um Aussterben dieser ausschließlich durck 
Pfropfreiser weitergezogenen Rassen, die an anderen als den von Fließ be¬ 
aufsichtigten Orten ohne weiteres erhältlich sind. Laut Schupp 5 ) ist es vom 


*) Internationale Revue der gesamten Hjdrobiol. u. Hydrographie IT, 91—128, 

1911. 

*) Ebenda SuppL 1910. 

») Einführung in die Paläontologie. 2. Aufl. Leipzig 1907. 

•) Koänoe 1917, Heft 1, S. 10—12. 

*) Kosmoe 1917, Heft 5, S. 134. 


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Sexualität und Symmetrie. 


53 


einer großen Menge sonstiger Zier- und Nutzpflanzen sichergestellt, daß Wuchs- 
sprößlinge ihre „Mutterpflanzen** bei weitem überleben; kurzlebige Pflanzen — 
wie Pelargonien, Heliotrop, Fuchsien, Coleus, bei denen die Züchter auf die 
mühseligere Samenvermehrung fast gänzlich verzichtet haben — ^eignen sich 
besonders zu jener Feststellung und müßten längst aus den Gärtnereien ver¬ 
schollen sein. 

Was hier von Landpflanzen in Kulturerde gilt* das gilt nicht minder von 
der wildwachsenden Wasserpflanze Elodea canadensis: einen Tümpel, 
worin sie dichte Rasen bildet (unterhalb der „Knödelhütte“, Spaziergang von 
Hütteldorf) habe ich sogar in meiner unmittelbaren Nähe. 

Bei allen Transplantaten stünde Fließ der Ausweg offen, daß sie vom 
„Wildling“, ihrem lebenden Substrat, Lebensenergie beziehen und deshalb länger 
davon zehren als das Exemplar ihrer Herkunft. Auch beweisen nichts gegen 
Fließ die von Knauer 1 ) angeführten Fälle, wo (wie bei Haut- und G<?fäß- 
stücken) verpflanztes Gewebe allmählich durch eigenes ersetzt wird. Selbst¬ 
verständlich spielt es ferner keine Rolle, wenn das Tier, dem die zur Ver¬ 
pflanzung verwendeten Gewebe entnommen wurden, dabei getötet wird; denn 
gewaltsamer Tod zählt nicht fürs periodisch-vorbestimmte Lebensende. — Da 
jedoch Fließ selber die Pfropfreiser in seine Behauptung einbezieht, muß ihm 
entgegen gehalten werden, daß men schliche Transplantate sogar aus 
frischen Leichenteilen (Knochen mit Beinhaut und Mark, Gelenke in 
Operationen von Küttner-Breslau) auf ihrer lebensfähigen Unterlage ein 
neues Eigenleben beginnen, das doch — am Lebenslaufe ihres verstorbenen 
Heimatsorganismus gemessen — längstens binnen wenigen Stunden hätte zu 
Ende gehen müssen. — — 

VIII. Zusammenfassung. 

Die kritische Untersuchung Fließ scher Anwendungen der Sexualitätslehre 
hat uns — mit Rücksicht auf ihren Zusammenhang mit der Periodenlehre — 
weit über ihren Zusammenhang mit der Bilateralitätslehre hinausgeführt. Wir 
fassen alles in kurzen Thesen zusammen: 

1. Ein Kausalnexus zwischen Symmetrie* und Geschlecht 
besteht in keiner Weise und auf keinem Gebiete des Lebens. 

2. Die geometrisch-strenge, spiegelbildliche Gleichheit im Verhältnisse 
zwischen rechter und linker Körperseite ist wolil stets durch mehr oder minder 
unbedeutende Asymmetrien gestört: von paarigen Organen wird meist das eine 
im Vergleich zum anderen etwas verschieden groß, stark und geschickt sein; 
desgleichen bei unpaaren Organen ihre linke Hälfte im Vergleiche zur rechten 
und umgekehrt. Ein Befund, wonach z. B. an einigen Stellen die linke Seite 
vorwaltet, berechtigt noch nicht dazu, den betreffenden Organismus in seiner 
Gänze als „links“ zu bezeichnen. 

3. Bei irgendwelchen aus dem Durchschnitt hervortretenden Individuen 
— seien sie Plus- oder Minusvarianten — werden gewöhnlich auch jene Sym- 
metriestörungen deutlicher heraustreten. Und da die Norm („Mode“ im variations¬ 
statistischen Sinne) beim Menschen die Prävalenz der rechten Seite heischt, 
wird* umgekehrtes Prävalieren der linken Seite auffälliger sein. 

4. Zu den Abweichern vom Mittelwert gehören auch geschlechtliche 
Zwischenstufen einerseits, Künstler und sonstige Tatmenschen andererseits. 

*) Kosmos 1917, Heft 4, S. 110, 111. 


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54 


Paul Kämmerer. 


Partielle oder totale Linksbeit, produktive Begabung aller Art und Androgynie 
bzw. Gynandrie -werden daher öfter in Kombination treten; es besteht aber 
zwischen ihnen keinerlei direkte, kausale Korrelation. 

5. Ohne daher irgend auf die Flanken des Organismus und 
der Organe ungleichmäßig verteilt zu sein, ist jede lebende 
Substanz — etwa ausgenommen die allerursprünglichste 
(asexuelles Archiplasma niederster Einzeller) — doppelge¬ 
schlechtig: sie enthält in wechselndem Mischungsverhältnis 
männlichen Stoff („Androplasma“) und weiblichen Stoff („Gyno- 
plasma“). 

6. Dieser Satz gilt mit Einschluß der reifen Keimzellen (Ovula und Spermien): 
ihre Reifung — einschließlich der Chromatinreduktion und Ausstoßung von 
Richtungskörpem — hat mit Entmischung von Andro- und Gynoplasma nicht 
das mindeste zu tun. 

7. Hingegen hängt es mit dem Mechanismus der Reduktionsteilung aufs 
innigste zusammen, daß die Geschlechter genau im Verhältnis von 1:1 herge¬ 
stellt werden, insolange die Geschlechtsverteilung nicht selektiv oder deter¬ 
minativ aus ihrer Bahn gelenkt ist Die periodischen Zahlen 23 und 28 haben 
absolut nichts damit zu schaffen. 

8. Von der durchgängigen Bisexualität des Plasmas machen 
vegetative Sprößlinge keine Ausnahme: indes istdies nureine 
Selbstverständlichkeit; einen Schluß auf die Natur der un¬ 
geschlechtlichen Fortpflanzung als latent geschlechtlicher 
Zeugung läßt es nicht zu. 

9. Bisexuelle Nachkommen sind zwar stärker 1 verjüngt als unisexuelle, und 
diese stärker als vegetative; andererseits aber altern auch letztere nicht derart 
in gleichem Schritt mit ihrem Stammexemplare, daß sie synchron mit ihm 
zugrunde gehen. — — 

Den Anschuldigungen von Fließ und Schlieper wider die Kritik, mit 
denen ich vorliegende Studie eingeleitet habe, kann ich im allgemeinen nur 
zustimmen: auch ich habe schwer unter der Oberflächlichkeit, ja unbewußten 
und bewußten parteilichen Böswilligkeit einer engherzigen Kritik gelitten und 
kann den diesbezüglichen Empfindungen eines Bahnbrechers vom Range eines 
Fließ um so besser nachfühlen. Die imgewöhnliche Ausführlichkeit, mit der 
ich alles, was mir an seinem Schöpferwerke Schlacke erscheint, zu entfernen 
trachte — ein Streben, mit dem ich nunmehr einem Teil der Forderung 
Fließ’ nach kritischer Prüfung von „Männlich und Weiblich, Rechts und Links, 
der organischen Grundlage des Künstlertums“ bereits nachgekommen bin —, 
diese Ausführlichkeit muß mir das Zeugnis ausstellen, wie ernst es mir mit 
der Bewunderung ist, die ich seinen epochemachenden Forschereigenschaften 
entgegenbringe. 


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Darwin in Not? 


55 


Darwin in NotP 

Von Adolf Gerson 
in Filehne. 

(Schluß.) 

Betrachten wir nun das Verhältnis der männlichen zu den weiblichen 
Keimzellen unter demselben Gesichtspunkt, so wird verständlich, warum die 
männlichen Keimzellen einer Art im allgemeinen nur die weiblichen Keimzellen 
derselben Art befruchten können, warum Kreuzungen verschiedener Arten im 
allgemeinen unfruchtbar and oder unfruchtbare Bastarde ergeben, warum die 
Befruchtung um so weniger möglich ist, je weiter die Arten hinsichtlich ihrer 
Verwandtschaft auseinander gehen. Die Befruchtung der weiblichen Keimzelle 
und die Entwicklung des Eies zum lebenden Wesen ist nämlich nur dann mög¬ 
lich, wenn männliche und weibliche Keimzellen einander so angepaßt sind, wie 
die parasitische Brut und ihr Wirt es sind. Ist die in der männlichen Keimzelle 
einer Art ausgebildetei Fähigkeit zum Parasitismus 1 ) schwächer als die in der 
weiblichen Keimzelle einer anderen Art ausgebildete Fähigkeit, sich zu 
schützen 2 ), so ist eine Kreuzung dieser beiden; Arten unmöglich, da dii männ¬ 
liche Keimzelle dann nicht in die weibliche einzudringen, bzw. sie auszubeuten 
vermag^ und die Befruchtung der weiblichen Keimzelle dann ausbleibt Ist die 
in der männlichen Keimzelle einer Art ausgebildete Fähigkeit zum Parasitismus 
stärker, als die in der weiblichen Keimzelle einer anderen Art ausgebildete 
Fähigkeit sich zu schützen, so richtet die männliche Keimzelle durch ihr starkes 
Wachstum und ihre starke Vermehrung in der weiblichen Keimzelle diese bald 
zugrunde 3 ). Ist dagegen die in der männlichen Keimzelle einer Art aus¬ 
gebildete Fähigkeit zum Parasitismus gleich der in der weiblichen Keimzelle 
derselben oder einer anderen Art ausgebildete Fähigkeit sich zu schützen, so 
kann die männliche Keimzelle in die weibliche eindringen und von ihr zehren, 
die weibliche aber kann sich trotz der an ihr zehrenden männlichen Keimzelle 
lebensfähig erhalten, und darin liegt dann auch die Bürgschaft für die Erhal¬ 
tung der männlichen Keimzella Es zeugen daher nur solche Individuen und 
Arten Nachkommen, deren männliche und weibliche Keimzellen 
einander angepaßt sind. 

Es sind vor allem männliche und weibliche Keimzellen einer und der¬ 
selben Art einander angepaßt weil alle Wesen einer und derselben Art die 
gleiche Stammesentwicklung durchgemacht haben, und weil mithin auch ihre 
Keimzellen die gleiche Stammesentwicklung durchgemacht haben. Männliche 
und weibliche Keimzellen verschiedener Arten aber werden aus einem be¬ 
stimmten Grundp diese Anpassung vermissen lassen. Je höher wir nämlich in 


l ) Die Parasitennatur der männlichen Keimzellen scheint sich auch aus der Be¬ 
obachtung zu ergeben, daß sie nach der Einführung in die Bauchhöhle eines Tieres dort 
in derselben Weise wie Bakterien aller Art von Leukozyten aufgezehrt werden. Bei Ein¬ 
führung von Schafbockspermien in die Bauchhöhle von Kaninchen erlangt das Blutserum 
des Kaninchens eine spermiozide und agglutinierende Eigenschaft frischen lebenden Schaf¬ 
bockspermien gegenüber; es bildet sich eine Art Immunserum. 

*) Die weiblichen Keimzellen besitzen die Fähigkeit, sich gegen feindliche Angriffe 
eu schützen, nicht nur den männlichen Keimzellen fremder Arten, sondern auch den 
Bakterien gegenüber. Während die andern Zellen des Körpers bei Infektionen sehr leicht 
deren Beute werden und zugrunde gehen, wissen sich die weiblichen Keimzellen zu er¬ 
halten, und zwar durch phagozytische Aufnahme und Verdauen der Bakterien. 

*) Es erfolgen dann zunächst lebhafte Zellteilungen, die aber bald erlahmen und zu 
körnigem Zerfall der ganzen Zellmasse führen. 


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56 Adolf Gereon. 


der Tier- und Pflanzenreihe hinaufsteigen, desto mehr erlischt die Fähigkeit 
der Individuen zum Parasitismus. Während unter den Würmern und Insekten 
die Parasiten noch recht zahlreich sind, ist unter den Wirbeltieren kein einziges 
ausgesprochen parasitisch. So mag auch bei den Keimzellen in aufsteigender 
Tier- und Pflanzenreihe die Fähigkeit zu parasitischer Lebensweise einer ge¬ 
setzmäßigen Abänderung unterworfen sein, einer Abänderung, die sich ent¬ 
wicklungsgeschichtlich begründen läßt Die weiblichen Keimzellen mögen in 
der Urzeit, als die Scheidung der Fortpflanzungszellen in männliche und weib¬ 
liche eben erst begann, und männliche und weibliche Keimzellen einander noch 
stark glichen, die Fähigkeit zu parasitischer Lebensweise annähernd ebenso 
besessen haben, wie die männlichen Keimzellen 1 ), und sie mögen diese Fähig¬ 
keit nur in dem Maße verloren haben, wie sie vom mütterlichen Organismus mit 
Nährstoffen ausgestattet und eigener Nahrungssuche enthoben wurden. Die 
männlichen Keimzellen dagegen mögen in der Urzeit als sie noch gewohnt 
waren, vom mütterlichen Organismus Nährstoffe zu empfangen, und als sie 
noch den weiblichen Keimzellen an Größe, Schwerfälligkeit und in der fehlenden 
Ausstattung mit Bewegungsorganen völlig glichen ‘b. die Fähigkeit zu para¬ 
sitischer Lebensweise nur in dem geringen Grade besessen haben, wie sie auch 
die weiblichen Koimzellen der Urzeit besaßen, und sie mögen die Fähigkeit zu 
parasitischer Lebensweise in aufsteigender Tier- und Pflanzenreihe in dem 
Maße vervollkommnet haben, wie sio kleiner und beweglicher wurden, und wie 
an ihnen kontraktile der Fortbewegung dienende Fasern entstanden. Nimmt 
im allgemeinen die Fähigkeit zu parasitischer Lebensweise in aufsteigender 
Tierrciho bei den weiblichen Keimzellen ab, bei den männlichen zu, so kann die 
Anpassung zwischen männlicher und weiblicher Keimzelle, auf welcher, wie 
oben gesagt wurde, die Befruchtungs- und Entwicklungsmöglichkeit der weib¬ 
lichen Keimzelle beruht, bei Wesen verschiedener Arten nur in den seltensten 
Fällen — nur rein zufällig — vorhanden sein, sie kann um so weniger vorhanden 
sein, je weiter die Arten verwandtschaftlich auseinanderstehen, sie kann im 
allgemeinen nurbei Wesen derselben Art vorhanden sein und sie kann, 
wie die zahlreichen Fällo von Unfruchtbarkeit bei menschlichen und tierischen 
Ehen zeigen, auch bei Wesen derselben Art fehlen. 

8. Auch die von Mendel entdeckten Tatsachen der Vererbung verlangen 
eine Deutung in derselben Richtung. In jedem männlichen Wesen sind nicht 
nur die Eigenschaften des männlichen Erzeugers, sondern (latent) auch die 
Eigenschaften des mütterlichen .Organismus vorhanden, und in jedem weiblichen 
Wesen sind nicht nur die Eigenschaften des mütterlichen Organismus, sondern 
(latent) auch die Eigenschaften des männlichen Erzeugers vorhanden. Dies 
beruht darauf, daß jedes getrenntgeschlechtliche Lebewesen durch Verschmel¬ 
zung einer männlichen und weiblichen Keimzelle entsteht. Es fragt sich aber, 
warum Wesen, die durch Verschmelzung einer männlichen und einer weiblichen 
Keimzelle entstehen, unbedingt die Merkmale beider Eltern tragen müssen, wes¬ 
halb die weiblichen Nachkommen nicht rein weibliche, die männlichen nicht 
rein männliche Eigenschaften zeigen können. Es ist doch geradezu befremd- 


*) Bei zahlreichen weiblichen Keimzellen, bzw. den „Ureiern“, aus denen sie hervor¬ 
gehen, hat man amöboide Bewegungen festgestellt. Bei einzelnen Zölenteraten, auch 
noch bei einzelnen Würmern, machen die weiblichen Keimzellen Wanderungen vom Orte 
ihrer Entstehung bis zu ihrer „Reifungsstätte“ und legen mit Hilfe amöboider Bewegungen 
verhältnismäßig große Strecken zurück. 

*) Spermien in Form kugeliger Zellen (ohne Faden oder Schwanz) bei Ascaris- 
megalocephala, bei Myriopoden, Dekapoden, Nematoden u. a. 


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Darwin in Kot? 


67 


lieh, daß auch beim Manschen noch das männliche Geschlecht eine Anzahl 
Geschlechtscharaktere des weiblichen, das weibliche eine Anzahl Geschlechts* 
charaketre des männlichen besitzt; denn ein Vorteil ist aus dieser rudi¬ 
mentären Zweigeschlechtlichkeit nicht zu ersehen. Geht man aber von der 
unter 7. erschlossenen Tatsache aus, daß in der durch die Verschmelzung einer 
männlichen und einer weiblichen Keimzelle entstehenden Zygote männliche und 
weibliche Zellbestandteile einander das Gleichgewicht halten müssen, 
daß weder die männlichen das Übergewicht über die weiblichen, noch die weib¬ 
lichen das Übergewicht über die männlichen erhalten dürfen, weil sonst eben 
beide Teile zugrunde gehen würden, so ist die| Zähigkeit, mit welcher 
sich männliche und weibliche Artmerkmale, die der Zygote durch die Keimzellen 
überliefert worden sind, durch tausend und abertausend Zellteilungen hindurch 
erhalten, erklärlich. Die Verschmelzung von männlicher und weiblicher Keim¬ 
zelle in der Zygote ist also eine rein äußerliche; innerlich verschmelzen beide 
ebensowenig miteinander, wie etwa der Parasit mit seinem Wirt verschmilzt; 
und! nur indem die beiden Zellbestandteile, der männliche und der weibliche 
ihre Eigenart getrennt bewahren, kommt das Resultat zustande, daß das aus 
der Zygote durch Zellteilung entstehende Individuum männliche und weibliche 
Merkmale, väterliche und mütterliche Eigenschaften an sich vereinigt 1 ). 

9. Lebewesen, die durch Kreuzung zweier Arten entstanden sind, zeigen 
bei ihrer Nachkommenschaft das Mendelsche Spaltungsgesetz, wonach in jeder 
von Bastarden erzeugten Generation nur die Hälfte den Bastardcharakter trägt, 
ein Viertel aber auf die männliche Stammart und ein Viertel auf die weibliche 
Stammart zurückschlägt. Bleiben eben männliche und weibliche Keimzellen¬ 
teile in der Zygote gesondert 2 ), so sind wir genötigt anzunehmen, daß die Zelle 
eine Organisation kleinster Lebewesen ist, und daß der Zellorganismus aus 
diesen kleinsten Lebewesen etwa in derselben Weise entsteht, wie die Individuen 
aus Keimzellen entstehen. Von dieser Annahme führt ein weiterer Schritt zu 
der Annahme, daß der Gegensatz der Geschlechter, wie er im oberen Reichp 
der Individuen und im mittleren Reiche der Zfellen vorhanden ist, auch im 
unteren Reiche der kleinsten Lebewesen vorhanden ist. Gehen aber die Zellen 
hervor aus der Paarung von je zwei geschlechtsverschiedenen 
kleinsten Lebewesen, so muß bei der Paarung dieser kleinsten Lebe¬ 
wesen in einer Zygote, die durch Verschmelzung! zweier Keimzellen A und B 
entstanden ist, nach den Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung die Hälfte 


*) Boveri nimmt auf Grund von Beobachtungen an Reeigeleiern an. daß die ge¬ 
schlechtlichen Zwischenformen zwischen männlichen und weihlichen Wesen bei einzelnen ' 
Arten entstehen, wenn das Eindringen des Spermatozoon in das Ei durch irgendwelche 
Umstände gehemmt wird, so daß sich dann der Spermakern nicht auf die bei den ersten 
Furchungen entstehenden Blastomeren gleichmäßig verteilt, sondern sicli nur mit einzelnen 
bzw., einer einzelnen Blastomere verbindet. Der Widerstand, den das eindringende Sperma¬ 
tozoon findet, ist wohl zurückzuführen auf die Eizelle. Nach Beobachtungen von Koeh- 
ler entstehen die geschlechtlichen Zwischenformen dann, wenn die Spermatozoon und 
Eizellen nicht das erforderliche Optimum der Reife besitzen, wenn also reife und unreife 
Zellen aufeinander einwirken. Auch diese Tatsache wird verstündich bei der Annahme 
eines Kampfes zwischen männlichen und weiblichen Keimzellen, da der Ausgang des 
Kampfes wesentlich von dem beiderseitigen Entwicklungsstandpunkt abhängen muß. 
Boveri, Th., Über die Entstehung der Eugstersehen Zwitterbienen. Arch. f. Ent¬ 
wicklungsmechanik 41, 264ff. (1915). Weitere Literatur dorts. S. 308f. 

*) Daß in jeder Eizelle männliche und weibliche Teilchen vorhanden sind, ist schon 
früher von Balfour, Minot und VanBeneden behauptet worden („Ilernjaphroditis- 
mus der Zelle“). Nach ihnen werden bei der Richtungskörperbildung die männlichen 
Kernteüe ausgestoßen und das Ei somit auf die Befruchtung angewiesen. 

Zeitachr. f. Sexualwissenschaft V. 2. 5 


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58 


Adolf Gereon. 


der aus A stammenden kleinsten Lebewesen eich mit anderen aus A,. und die 
Hälfte sich mit solchen au6 B paaren; und ebenso mufi die Hälfte der aus B 
stammenden kleinsten Lebewesen sich mit anderen au9 B, und die Hälfte sich 
wiederum mit solchen aus A paaren. Auf diese Weise würde eine Spaltung der 
Zellen zu */* A, x / 4 B und */ 4 AB, wie sie die Mendelsche Spaltungsregel fordert, 
zustande kommen. 


Die geschlechtliche Zeugung muß also tatsächlich eine Form des Parasitis¬ 
mus sein. Und der Kampf ums Dasein besteht demnach nicht nur in dom aus 
Individuen bestehenden oberen Reiche der Organismen, sondern auch in dem 
aus Zellen bestehenden mittleren, und insbesondere auch zwischen den bei der 
Zeugung sich verbindenden Keimzellen. Geht die Variabilität der Tiere und 
Pflanzen, wie die Biologen der Gegenwart mit Recht annehmen, auf diel Kom¬ 
binierung zweier verschiedener Idioplasmen zurück, so ist sie unzweifelhaft von 
dem Kampfe zwischen männlichen und weiblichen Keimzellen abhängig, so ist 
sie mehr oder weniger ein Resultat der natürlichen Auslese. 
Ebenso wie der Züchter bei der Heranzüchtung einer neuen Varietät abhängig 
ist von den sich ihm bietenden Variationen seiner Versuchstiere und -pflanzen, 
wie überhaupt im oberen Reiche der Organismen die Auslese mit dem Material 
von! Variationen rechnen muß, das ihr die vorhandenen Individuen und deren 
geschlechtliche Verbindungen liefern, können im mittleren Reiche der Organis¬ 
men die Variationen nur erzeugt werden durch Auslese zwischen den mit¬ 
einander kämpfenden Keimzellen. Variabilität und Auslese .sind 
auf dieser Stufe nicht voneinander zu trennen, und sicher 
auch nicht im unteren Reiche der Organismen, deim der kleinsten Lebewesen. 

Die kleinsten Lebewesen, die das untere Reich der Organismen bilden, 
konnten bisher nicht voneinander isoliert und einer auf das einzelne Lebewesen 
gerichteten Untersuchung zugänglich gemacht werden. Wir wissen daher über 
ihre Beziehungen zueinander nur wenig; doch erlauben uns Mendelforschung, 
Bakteriologie, Serologie und verwandte Wissenschaften gewisse Rückschlüsse 
auf sie. Hier soll nur ganz kurz edngegangan werden auf einige Rückschlüsse 
solcher Art, die geeignet sind, die oben entwickelte Ansicht über Variabilität 
und Auslese, bzw. über Parasitismus und geschlechtliche Zeugung, zu stützen. 

In der Bakteriologie ist man von der von Metschnikoff und seinen An¬ 
hängern vertretenen Ansicht, daß die in den Körper der Vielzelligen aingedrun- 
genen parasitären Mikroorganismen nur durch Phagozytosa besonderer Zellen, 
dar Leukozyten, vernichtet werden können, und von der gegensätzlich gerich¬ 
teten Ansicht Pfeiffers und seiner Anhänger, daß die Vernichtung der Mikro¬ 
organismen allein durch das Blutserum des infizierten Tieres, bzw. durch die 
im Blutserum enthaltenen Antikörper, erfolgen könne, abgekomman und nimmt 
nunmehr an, daß die Vernichtung der eingedrungenen Mikroorganismen nur bei 
vereinter Tätigkeit der Leukozyten und der im Blutserum enthaltenen Anti¬ 
körper erfolgen könne. Über das Wesen diesar Antikörper ist man noch im 
Unklaren; man vermutet aber, daß sia in derselben Weisa auf das in dar Blut¬ 
bahn befindliche blutfremde Eiweiß oinwirken, in der die von den Zellen der 
Darmwand ausgeschiedenen Fermente auf das im Darm befindliche fremde 
Eiweiß einwirken, daß sie das für die Leukozyten zunächst unverdauliche und 
gefährdende artfremde Eiweiß abbauen, und daß sie demnach selber Fermente 
darstallen. Man hat die Antikörper, deren Tätigkeit sich auf den Abbau art¬ 
fremden Eiweißes beschränkt, auch .als Opsonine oder Abwehrfermente 


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Darwin in Not? 


59 


bezeichnet. Ebenso aber, wie in der Blutbahn und im Darm von Zellen aus- 
geschiedene Gebilde niedrigster Organisation bei der Vernichtung parasitärer 
Mikroorganismen und beim Abbau artfremden Eiweißes die Zellen unterstützen 
und ersetzen, sind umgekehrt in der Blutbahnf und in den Geweben der Viel¬ 
zelligen von den Mikroorganismen ausgeschiedene Gebilde niedrigster Organi¬ 
sation, die sogenannten Toxine, tätig, die Zellen des Körpers anzugreifen 
und zu zerstören, die Mikroorganismen vor den Antikörpern zu schützen, und 
diese in gleicher Weise zu unterstützen und zu vertreten, wie dies die Antikörper 
in bezug auf die Leukozyten tun. Man hat u. &. nachgewiesen, daß das durch 
Zerreibung, Abtötung oder andere Weise aus Mikroorganismen und artfremden 
Zellen gewonnene Eiweiß, wenn es in den Körper eines Warmblüters subkutan, 
intraperitoneal oder intravenös 'eingeführt wird, dort eine ähnliche Reaktion 
hervorruft, wie die Infektion mit Mikroorganismen selber, und man hat endlich 
nachgewiesen, daß nicht nur das Eiweiß artfremder Zellen im Blutserum 
eine Reaktion hervorruft, die der von Mikroorganismen bewirkten gleicht, 
sondern daß sogar artgleiches Eiweiß von anderen Individuen derselben 
Art, oder von einzelnen Organzellen desselben Individuums, in die Blut¬ 
bahn eingeführt, die genannte Reaktion erzeugen. An dem Kampf zwischen 
Individuum und Individuum, zwischen Zelle und Zelle schließt sich mit¬ 
hin der Kampf von Gebilden niedrigster Organisation, die zum unteren Reiche 
der Organismen, dem der kleinsten Lebewesen, gehören, ein Kampf, den wir 
besonders innerhalb der Blutbahn der Warmblüter mit Hilfe der serologischen 
Methoden verfolgen und erforschen können 1 ). 

Es ist hier zunächst darauf hinzuweisen, daß ebenso, wie jeder Parasit 
einem bestimmten Wirt angepaßt ist, wie die Mikroorganismen im allgemeinen 
nur in bestimmten höheren Tieren ihre tödliche Wirkung entfalten können, und 
häufig innerhalb des infizierten Organismus nur in einer bestimmten Zeitform 
wuchern können, auch die Wirkung der Antikörper (Opsonine) einerseits, die 
des artfremden Eiweißes bzw. der Toxine andererseits nur eine spezifische 
ist, indem der Angriff der einen sich immer nun gegen einen genau bestimmten 
Gegner richten, der Schutz der anderen immer nur vor einem bestimmten 
Gegner bewahren kann. Wie ferner beim Eindringen eines Parasiten in einen 
Wirt dreierlei Möglichkeiten entstehen, indem 1. der Organismus des Wirtes 
den Parasiten durch Gegenwirkung vernichten, oder 2. der Parasit durch über¬ 
große Ausbreitung den Wirt vernichten, oder 3. Parasit und Wirt sich das 
Gleichgewicht halten und nebeneinander fortbestehen können, so hat auch beim 
Eindringen artfremden Eiweißes in die Blutbahn der Warmblüter die Beob¬ 
achtung ergeben, daß dreierlei Möglichkeiten entstehen können: 

1. Das eingedrungene artfremde Eiweiß wird durch die Antikörper voll¬ 
ständig abgebaut und von den Leukozyten aufgezehrt. Es erfolgt dann voll¬ 
ständige Heilung. Unter Umständen erfolgt gar keine ernstliche Erkrankung, 
sondern nur ein unmerklicher Temperaturanstieg, eine vielleicht örtlich be¬ 
grenzte Vermehrung der Leukozyten u. dgL Die im Körper nun in größerer 
Menge verbleibenden Antikörpej schützen ihn auch vor weiterer Infektion, sie 
machen ihn immun. 

2. Der infizierte Organismus besitzt nicht die spezifischen Antikörper und 
kann sie nicht oder nicht ausreichend erzeugen. Das artfremde Eweiß breitet 
sich dann im Organismus aus, greift die Organzellen, denen es angepaßt ist, an, 
und richtet den Organismus zugrunde. 

') Siehe besonders: Abderhalden, E., Abwehrfermente 1914. 

5* 


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Adolf Gereon. 


#0 


3. Der infizierte Organismus läßt zwar die Ausbreitung des artfremden Ei¬ 
weißes zu, aber nur bis zu einer gewissen Grenze, nur,so weit, als sein Bestand, 
sieht bedroht ist. Jede weitere Ausbreitung hindert er, indem er Opsonine 
bildet, und mit ihrer Hilfe die Menge des artfremden Eiweißes auf das Höchst¬ 
maß, beschränkt. Das artfremde und das arteigene Eiweiß bestehen dann im 
Serum nebeneinander, so wie ja auch im Körper gesunder Menschen und Tier» 
Parasiten und parasitäre Mikroorganismen wuchern. 

Man bezeichnet den Zustand, in den Menschen und Tiere gelangen, wenn 
in ihnen artfremdes Eiweiß bis zur Grenze der Erträglichkeit aufgespeichert ist, 
als Anaphylaxie oder Überempfindlichkeit. Denn während bei 
Menschen und Tieren, die nach 1. immun sind, auch die Injektion größerer 
Dosen von artfremdem Eiweiß ohne Schaden ertragen wird, während toi Men¬ 
schen und Tieren, die nach 2. an Infektionskrankheiten leiden, vielfach eine 
Besserung ihres Zustandes erzielt wird, wenn man ihnen ihr eigenes Serum oder 
das gleich infizierter Tiere subkutan in nicht zu großen Dosen injiziert (da da¬ 
durch die Bildung von Opsoninen abseits vom Krankheitsherde angeregt wird), 
erzeugen bei Menschen und Tieren, die nach S. bis zur Grenze der Erträglichkeit 
mit artfremdem Eiweiß gefüllt sind, ganz minimale Dosen desselben Eiweißes, 
intravenös injiziert, äußerst schwere und tödlich wirkende Anfälle. Der Orga¬ 
nismus kann nämlich jeden Zuwachs an artfremdem Eiweiß nur allmählich aus- 
gleichen, und solange dieser Ausgleich nicht erfolgt ist, wirkt die ganze in 
ihm enthaltene Menge artfremden Eiweißes auf seine Zellen, nicht nur das neu 
injizirte, sondern auch das vorher darin enthalten gewesene Eiweiß. 

Die Beziehungen zwischen arteigenem und artfremdem Eiweiß, die man 
sonst allgemein als biochemische aufzufassen pflegt, haben, wenn man sie als 
Beziehungen kleinster Lebewesen zueinander betrachtet, eine auffällige Ähn¬ 
lichkeit mit den Erscheinungen des Parasitismus. Das ergibt sich besonders 
aus den zuletzt angegebenen Tatsachen. Wir müssen hier auf die Anführung 
weiterer Tatsachen verzichten, es sollen nur noch einige angeführt werden, aus 
denen das Gemeinsame von Parasitismus, geschlechtlicher Zeugung und Bio- 
chemismus besonders deutlich wird. Erwähnt wurde schon die Tatsache, daß 
bei intraperitonealer Injektion von Spermien das Blutserum der Tiere eine sper- 
miozide und agglutinierende Wirkung Spermien gegenüber erhält (M o x t e r). 
Sodann ist von Wassermann und J olles gezeigt worden, daß Serum von Syphi¬ 
litikern bei Seeigeleiem den Furchungsprozeß auslöst. Ferner ist noch bedeut¬ 
sam die Tatsache, daß das Eiweiß des Embryos auf den mütterlichen Organis¬ 
mus als artfremdes wirkt und in ihm dieselben Störungen hervorruft, wie jedes 
andere artfremde Eiweiß; es besteht wenigstens kaum ein Zweifel, daß die in 
den meisten Fällen tödliche Eklampsie der Schwangeren auf ihre Infektion mit 
dem Fruchtwasser zurückzuführen ist. Und endlich hat Wolff-Eisner nach¬ 
gewiesen, daß auch das Heufieber eine anaphylaktische Erkrankung ist, indem 
das Eiweiß der Pollenkörner von Adoxantum odoratum, ins Blut gelangt, 
dort dieselben Störungen hervorruft wie jede andere Infektion. Diese Tatsachen 
zeugen für einen innigen Zusammenhang zwischen dem Parasitismus und der 
geschlechtlichen Zeugung; denn wenn die männlichen Keimzellen dem Blut¬ 
serum gegenüber ihre parasitäre Natur nicht verleugnen, so ist daran nicht zu 
zweifeln, daß sie sie auch den weiblichen Keimzellen gegenüber besitzen. Diese 
Tatsachen zeugen aber auch dafür, daß der Kampf ums Dasein schon bei Wesen 
niedrigerer Organisation, als sie die Zellen darstellen, vorhanden ist, daß er schon 
im unteren Reiche der Organismen, dem der kleinsten Lebewesen, wirkt und 
webet. , 


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Zur Geschichte der Berliner Bordelle. 61 


Mögen sich mm auch einzelne Anschauungen Darwins über das Verhältni* 
■von Variabilität und Auslese zueinander im Laufe der Zeit als unrichtig er¬ 
wiesen haben, auf eine Überwindung der gesamten darwinistischen Theorie, 
wie sie 0. Hertwig erstrebt, wird man zu Unrecht hoffen. Der Fortschritt der 
biologischen Wissenschaften wird das Prinzip des Kampfes ums Dasein, da« 
Prinzip der natürlichen Auslese, nicht erschüttern und nicht beseitigen; im 
Gegenteil, er wird es festigen und zu umfassenderer Geltung erheben. 


Zur Geschichte der Berliner Bordelle. 

Von Dr. jur. Hans Schneickört 
in Berlin. 

Durch Königliche Kabinettsorder vom 5. August 1844 wurde die Aufhebung 
der Bordelle in Berlin mit Wirkung vom 1. Januar 1845 ab befohlen, und seit¬ 
dem wurden solche hier keine mehr errichtet. Eine der ersten Folgen dieser 
Maßregel war die vollständige Ratlosigkeit der mit der Handhabung der Polizei 
zunächst beauftragten Behörden, die teils aus dem Mangel an neuen gesetz¬ 
lichen Bestimmungen, teils aus der Neuheit der Lage, in welche die Polizei der 
Prostitution gegenüber versetzt worden war, die nun weder in den bis dahia 
gemachten Erfahrungen, noch in den bisher ange wendeten Mitteln eine Abhilf« 
zu finden vermochte. In den damals geltenden Bestimmungen des § 099 de« 
Allgem. Landr. Teil II, Titel 20 war vorausgesetzt worden, daß von der Polizei 
geduldete Bordelle vorhanden seien. Dieser Paragraph lautet: „Liederlich« 
Weibspersonen, welche mit ihrem Körper ein Gewerbe treiben wollen, müsse* 
sich in die unter Aufsicht des Staates geduldeten Hurenhäuser begeben.“ Gege* 
die Unzucht überhaupt gab es dagegen keine Strafgesetze. 

Im April 1850 wurde der Berliner Syphilidologe Dr. Fr. J. Behrend 
vom Ministerium des Innern beauftragt, das Verfahren anzugeben, welches für 
die in Berlin etwa wieder zu gestattenden Bordelle von ihm für notwendig 
erachtet werde. In einer umfangreichen Denkschrift, die unter dem' Titel: „Di« 
Prostitution in Berlin und die gegen sie und die Syphilis zu nehmenden Ma߬ 
regeln“ im Jahre 1850 im Verlag von Palm und Enke in Erlangen erschiene» 
ist, sind auf Grund amtlicher Quellen folgende Tatsachen der Vorgeschichte 
der Aufhebung der Bordelle in Berlin zu entnehmen. 

Das älteste Freudenhaus bestand in der letzten Hälfte des 15. Jahrhundert* 
in der Rosenstraße in Berlin. Es war förmlich privilegiert und mußte dem 
Stadtrate, behufs der nötigen Beaufsichtigung, vierteljährlich eine Abgabe vo» 
einem halben Schock Groschen zahlen. Die Disziplin über die Dirnen führte 
der Scharfrichter von Berlin aus. Nach den Ratsstatuten aus dem jahre I486 
mußten die Dirnen, die wie einige andere Gewerbe als unehrlich galten, um 
sich von den ehrlichen Frauen und Jungfrauen zu unterscheiden, kleine Mäntel¬ 
chen in Form von Schleiern auf dem Kopfe tragen. Auf die mannigfaltig 
wechselnden Strafen und Maßnahmen gegen die „fahrenden Weiber“ und di* 
Winkelhurerei soll hier nicht näher eingegangen werden. 

Der 30jährige Krieg, der fast auf alle damalige^ Verhältnisse i* 
Deutschland auflösend wirkte, lockerte auch die eben begonnene Sittenpolizei. 
Unter der Regierung des Kurfürsten Friedrich III. hatte sich die Zahl der 
Dirnen in der Stadt Berlin und nächsten Umgebung sehr angehäuft, so daß an de* 


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62 


Hans Schneickert 


Stadtrat im Jahre 1090 der strenge Befehl erging, solche Personen aufzugreifen 
und in däa Zucht- und Spinnhaus in Spandau abzuliefem. Um die Überwuche¬ 
rung der Prostitution wirksam zu bekämpfen, wurde sogar befohlen, sämtliche 
Freudenhäuser in Berlin auszurotten und die Dirnen im Spandauer Zucht- und 
Spinnbause einzusperren. Man glaubte damit das Übel mit der Wurzel zu 
vertilgen. Aber alle noch so scharfen Maßnahmen konnten das Übel der 
Prostitution nicht beseitigen, so daß man gezwungen war, die Freudenhäuser 
wieder zu dulden. 

Bei den neuen Vorschriften machte zum ersten Male das sanitäts¬ 
polizeiliche Moment sich geltend, was um so verwunderlicher war, als 
die Syphilis schon um mehr als anderthalb Jahrhunderte über Europa sich zu 
verbreiten begonnen hatte. Allein die Folgen des 30jährigen Krieges und der 
höchst mangelhafte Zustand dos Medizinalwesens in früherer Zeit gibt eine 
genügende Erklärung dafür. Der sanitätspolizeiliche Gesichtspunkt mußte aber 
sogleich entschieden in den Vordergrund treten, da die Sorge für die öffent¬ 
liche Gesundheit ein wichtiger Teil der Landespolizei wurdet eine Sanitäts¬ 
behörde begründet und für Unterricht im ärztlichen Wissen gesorgt worden war* 

Nach dem ältesten Berliner Bordellreglement aus dem 
Jahre 1700 mußte in jedem Viertel der Stadt ein dazu bestellter ChirurguS 
forensis die' Dirnen allo 14 Tage untersuchen, was die Mädchen mit je zwei 
Groschen zu honorieren hatten. Bei festgestellter Krankheit wurde das Mädchen 
in den Pavillon für Geschlechtskranke in die Charitö geschickt, wo sie unent¬ 
geltlich geheilt wurde. 

Dieses älteste Bordellrdglement hatte bis zum Jahre 1702 Geltung und 
War auch für die später folgenden vorbildlich geblieben. 

Einen höchst nachteiligen Einfluß auf die Prostitution und deren Ein¬ 
schränkung durch polizeiliche Maßregeln hatte der 7jährige Krieg. Eine 
im Jahre 1717 vorgenommene Visitation der Hurenwinkel und Bordelle brachte 
die Überzeugung, daß die liederlichen Frauenzimmer größtenteils Soldatenkinder 
waren, welche aus Mangel an Erziehung und schicklichem Broterwerbe das 
Laster zu ihrem Gewerbe gemacht hatten. Die Spinn- und Zuchthäuser waren 
nur zu bald angefüllt worden und alle bisherigdb Mittel zur Zerstörung des 
Übels waren nicht ausreichend, solches in der Wurzel zu tilgen. Andere Mittel 
wußte man nicht sogleich anzuwenden, und so sah man sich genötigt, dem 
Hange zur Ausschweifung durch die größere Toleranz von öffentlichen Freuden¬ 
häusern, diel man der polizeilichen Aufsicht strenge unterwarf, aufs neue ein 
Ableitungsmittel zu verschaffen. Die Zahl solcher Häuser vermehrte sich mit 
.der Zunahme der Bevölkerung und dem Zuflusse vieler 1 Fremdeii und der Ver¬ 
größerung der Garnison unter dem Könige Friedrich n., besonders nach Be¬ 
endigung des 7jährigen Krieges immer mehr, so daß im Jahre 1780 an 100 solcher 
Häuser vorhanden waren, in deren jedem 7 bis 9 Mädchen gehalten wurden. 
So berichtete Fidicin über die damaligen unhaltbaren Verhältnisse. 

Die wiederholten Versuche, die Bordelle in Berlin gänzlich aufzuheben, 
hatten sich immer durch größere Zunahme der Winkelhürerei bestraft. Man 
hatte die feste Überzeugung gewonnen, daß, um von zwei Übeln das kleinste 
bu wählen, die Prostitution unter polizeilicher Beaufsichtigung eine gewisse 
Duldung erfahren müsse und daß diese Duldung ein besseres Mittel sei, den 
traurigen Folgen dieses untilgbaren Gebrechens der Gesellschaft zu begegnen, 
als der vergebliche Versuch, es gewaltsam auszurotten. 

Im Jahre 1791 wurden auf Vorschlag des Polizeipräsidiums durch Reskript 
des Generaldirektoriums, der damals zuständigen Ministerialinstanz, neue Grund- 


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Zar Gesohiohte der Berliner Bordelle. 


63 


Sätze aufgestellt, die eine Besserung der sitten-, Sicherheit»- und 
sanitätspolizeilichen Maßnahmen bedeuteten. Bemerkenswert ist 
der folgend? neue Grundsatz, um dessen Bestand auch heute noch bei der neu¬ 
zeitlichen Bevölkerungspolitik gekämpft werden muß: „Eine mit 
venerischer Krankheit beibaftete Manns- oder Frauensperson, die überfährt 
wird, in solchem Zustande den Beischlaf ausgeübt und den anderen angesteckt 
zu haben, soll neben Erstattung der Heilungskosten, auch des etwaigen sonstigen 
Interesses, mit dreimonatiger Zuchthaus- oder Festungsstrafe belegt werden 
oder dieses Vergehen mit 100 Talern Geldstrafe verbüßen.“ Hier sei ein¬ 
geschaltet, daß gegenwärtig ein Antrag des Reichstagsausschusses für Bevölke- 
rungspolitik folgenden Wortlaut hat: „D?r Herr 1 Reichskanzler soll ersucht 
werden, eine Ergänzung des Reichsstrafgesetzbuches durch eine Gesetzesvorlage 
nach der Richtung zu bringen, daß jede Person, die, obwohl si? weiß oder wissen 
mußte, daß sie geschleichtskrank ist, trotzdem geschlechtlich verkehrt, bestraft 
werden kann.“ Eine ähnliche Bestimmung enthielt schon der Art. 76 des 
schweizerischen Vorentwurfes zu einem Strafgesetzbuch vom Jahre 1903. 

In dem Reskript von 1791 tritt zum ersten Male auch der Schutz der 
Jugend in den Vordergrund, insbesondere in der Anweisung, Minderjähriga 
von der Einschreibung als Dime fernzuhalten. 

Das von 1792 bis 1829 in Kraft gewoseno Reglement führte den Titel: „Ver¬ 
ordnung wider die Verführung junger Mädchen zu Bordells und zur Verhütung 
der Ausbreitung venerischer Übel“ und enthielt 24 ausführliche Paragraphen; 
die §§ 11 und 12 setzten die Strafbestimmungen für die schuldhafte Ansteckung 
mit Geschlechtskrankheiten fest. Es war damals auch eine besondere „Huren- 
heilungskrankenkasse" eingeführt worden 1 ), um die Bordellwirte von 
den ihnen schwer fallenden Kur- und Verpflegungskosten in der Charitö zu 
entlasten, da sie andernfalls zu leicht zur Verschweigung von Krankheiten ihrer 
Bordellinsassen neigten. In diese Kasse mußte jeder Bordellwirt für jede 
Dime, die er hielt, 6 Groschen zahlen. Um die Einkünfte dieser Kasse später 
zu erhöhen, wurden durch Reskript vom Dezember 1795 sämtliche Bordelle in 
Berlin, je nach dar Art ihrer inneren Ausstattung und der ungefähren Schätzung 
der dort verkehrenden Kunden in drei Klassen eingeteilt. Es gab damals 
6 Bordelle erster Klasse mit 16 Dirnen, 8 zweiter Klasse mit 33 Dirnen und 
40 Bordelle dritter Klasse mit 141 Dirnen, zusammen 190 Dirnen, wozu noch 
67 sogenannte „Einspännerinnen“ kamen, d. h. Dirnen, die außerhalb der Bor¬ 
delle wohnen durften, insgesamt demnach 257 eingeschriebene Prostituierte. 

Mit dem Jahro 1800 wurde das Polizeipräsidium wiederholt angewiesen, 
dahin zu wirken, daß die Zahl der eingeschriebenen Dirnen und somit auch die 
Zahl der Bordelle sich vermindere, und daß außerdem die Winkelhurerei 
nach wio vor auf das ernstlichste verfolgt werde. Als darauf gegen das Jahr 
1795, trotzdem die Bevölkerung um fast 20000 Seelen zugenommen hatte, und 
trotzdem der Fremdenverkehr bei den großen politischen Bewegungen in an¬ 
deren Ländern in hohem Grade gegen früher vermehrt war, die Zahl der Bor¬ 
delle und der Eingeschriebenen sich wieder um vieles vermindert hatte, wurde 
dies als Beweggrund angesehen, auf die gänzliche Unterdrückung dieses damnl ? 
zuerst so benannten „schändlichen Polizeiinstituts“ hinzuwirken. Traten Klagen 
ein, daß die Winkelhurerei dagegen übermäßig zunähme, so wurde diese Zu¬ 
nahme, gewöhnlich der Nachlässigkeit der Polizei baigemessen, die nicht strenge 


*) Solche Kamen gibt es auch heote noch; z. B. in Hildesheim (vsrl die 
„Polizei“ 1916/17, S. 419). 


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Hans Schneickert. 


&4 


genug in der Verfolgung derselben sich zeige. Auf Grund solcher Klagen, ganz 
besonders aber apf die Beschwerde, daß die Geschlechtskrankheiten unter den 
Soldaten sich sehr zu verbreiten beginne, ließ die Polizei eine genaue Unter¬ 
suchung anstellen. Aus dem 1 Bericht des damaligen Stadtphysikus ging mit 
Bestimmtheit hervor, daß die Syphilis weniger durch die ein¬ 
geschriebenen Dirnen, als durch die Winkelhuren ver*- 
breitet worden sei, daß die Zahl dar letzteren bedeutend zugenommman, 
und zwar in dem Maße, als die Zahl der eingeschriebenen Dirnen abgenommen 
hatte. Aus diesem Grunde fühlte sich der Stadtphysikus gezwungen, eher für 
eine zu gestattende Vermehrung der Bordelle, als für ein Anstreben auf Ver¬ 
minderung derselben sich auszusprechen. 

Die unglückliche Zeit, die im Jahre 1809 auf Preußen hereinbrach und 
alle Bande der Gesellschaft lockerte und löste, gestattete auch der Prostitution 
eine Freiheit, die sie sehr 1 lange nicht gehabt hatte. Es wurden infolge dieser 
Verhältnisse und der Überzahl fremder Truppen, womit Berlin und Potsdam 
überzogen worden waren, weit mehr Bordelldimen und „Einspännerinnen“ als 
früher eingeschrieben. Aber trotzdem hatte die Menge der Winkeldimen so zu¬ 
genommen, daß alsbald sehr üble Folgen sich bemerkbar machten. Namentlich 
wurde die Syphilis in hohem Grade verbreitet 

Als endlich General von Wrode von Potsdam aus ernstliche Beschwerde 
erhob, daß fast alle seine Kavalleristen syphilitisch angesteckt worden seien 
und ernstliche Maßregeln dagegen verlangte, wurden genaue Untersuchungen 
vorgenommen, die ergaben, daß von sämtlichen eingeschriebenen Dirnen augen¬ 
blicklich nur eine einzige geschlechtskrank war. Dagegen wurden allein in 
Potsdam an 200 mit Syphilis behaftete Winkeldirnen ermittelt Ferner ergab 
sich, daß noch außerdem an 200 bis 300 Frauenspersonen sich herumtrieben, 
die brotlos oder der Arbeit entwöhnt waren und der Gewerbsunzucht nach¬ 
gingen. -Darunter waren ganz junge Mädchen von 12 und 13 Jahren, die sich 
den französischen Soldaten anhingen. Auch das Verbot gegen die Verbindung 
der Bordelle mit Tanzböden und Schankwirtschaften wurde nicht mehr beachtet 
Darüber beklagte sich besonders das französische Gouvernement, da nicht nur 
ein großer Teil der französischen Garnison Berlins syphilitisch angesteckt 
worden war, sondern auch mehrere Bordelle in eigentliche Spielhöllen, in denen 
unaufhörlich Raufereien, Duelle, Selbstmorde und Kassendiebstähle hervor¬ 
gerufen wurden, sich umgewandelt hatten. Eine im Jahre 1808 vorgenommene 
Visitation ergab in Berlin 433 eingeschriebene Dirnen, wozu noch etwa 400 noto¬ 
rische Winkelhuren kamen, von denen 60 hochgradig syphilitisch waren. Ein 
solches Übermaß der Unzucht, die bei der damals sehr verminderten Bevölke¬ 
rung Berlins (150 000 Seelen) noch um so greller horvortrat, mußte natürlich die 
Polizei zu der größten Gegenwirkung anr 9 gen. 

In einem Ministerialreskript vom Mai 1809 wird zum ersten Male! die 
Zweckmäßigkeit der Duldung der Bordelle offiziell in Frag« 
gestallt! und betont, daß es auf jeden Fall unschicklich und schädlich sei. 
solche Wirtschaften zu konzessionieren und ihnen dadurch eine gewisse 
Sanktion zu geben. In der Antwort, die das Polizeipräsidium' auf Grund seiner 
Erfahrungen darauf geben mußte, war die, daß es zu dem allergrößten Unheil# 
führen wurde, die Bordelle aufzuheben oder gar zu sehr einzuschränken; es 
gab damals nur noch 43 Bordelle in Berlin mit 198 Dirnen, wozu noch 113 ein¬ 
geschriebene „Einspännerinnen“ kamen, zusammen also 311. Dia Einwohner¬ 
zahl Berlins betrug damals 180 000 Seelen. Ein Erlaß des Ministeriums vom 
Oktober 1810 verbot u. a. die Duldung der sog. „Einspännerinnen", die entweder 


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Zur Geschichte der Berliner Bordelle. 


65 


in den Bordellen unterzubringen seien, oder ausgewiesen, oder in ein Arbeits¬ 
haus verschickt werden müßten; es war ferner befohlen, daß unter keinen Um : 
ständen die Zahl der vorhandenen Bordelle vermehrt werden dürfe, vielmehr 
mit allen Mitteln eine Verminderung derselben angestrebt werden müsse, daß 
die Bordelle aus den verkehrsreichen Gegenden in abgelegene Straßen zu ver¬ 
legen seien und schließlich, daß die Zahl der gegenwärtig eingeschriebenen 
Dirnen nicht überschritten, auch minderjährige Mädchen durchaus nicht -mehr 
eingeschrieben werden dürfen. 

Auf die befohlenen einschränkenden Maßregeln folgte auch schnell, wie 
vorauszusehen war, das alte Übel, nämlich das starke Anwachsen der heim¬ 
lichen Prostitution. Die Syphilis verbreitete sich rascher und in größerem 
Maße als kurz zuvor, so daß im Jahre 1811 die um diese Zeit nicht sehr zahl¬ 
reiche Garnison von Berlin 305 Venerische zählte. Auf Grund einer neuen 
Untersuchung, die nur alte Erfahrungen brachte, und auf Grund eines Gut¬ 
achtens eines Obermedizinalrates, stellte das Polizeipräsidium im August 1811 
beim Minister den Antrag, sämtliche einzeln lebende Dirnen zu beseitigen und 
nur noch in Bordellen zu dulden. Dieser Antrag wurde aber vom Minister ab- 
gelehnt, weil die Absicht entschieden dahin gehe, die öffentliche! Duldung des 
Hurengewerbes überhaupt künftig abzustellen. Wenn die Polizei zugleich, wie 
in allem anderen Ländern* und auch in den diesseitigen, außer dam großen 
Städten, jede der körperlichen Preisgebung verdächtige Person nötige, ein er¬ 
laubtes ehrliches Gewerbe nachzuweisen, wenn das Bekenntnis des Huren¬ 
gewerbes nicht mehr gewagt werden dürfe, werde es schon dadurch zum Teil 
unterdrückt und eine große Reihe von Folgen der öffentlichen Liederlichkeit 
werde abgewendet. Diese Ansicht beweist das Vorherrschen gewisser Dogmen 
•und den daraus entsprungenen theoretischen Standpunkt, von welchem aus 
höheren Orts die Frage der Prostitution damals aufgefaßt wurde. 

Um diese Zeit hatte das Polizeipräsidium wiederholt gegen den grundlosen 
Vorwurf sich zu verteidigen, daß! es die Gewerbsunzucht gleich einem ordent¬ 
lichen Gewerbe hege und pflege, daß es Verträge dafür schließe, daß es Ein¬ 
künfte davon ziehe, und daß es bei Zulassung von Dirnen in die Bordelle nicht 
abmahnend und widerstrebend genug verfahre. Um das Jahr 1812 wird das 
Polizeipräsidium wiederholt angewiesen, dem Schandtreiben gegenüber ein* 
andere) und würdigere Stellung einzunehmen; es antwortete, wie immer, durch 
Tatsachen, die es durch Untersuchungen genau festzustellen sich bemühte. 

Im Jahre 1814 wurde höheren Orts von neuem) beim Polizeipräsidium auf 
Einschränkung und Verminderung der Bordelle gedrungen und die Frage der 
gänzlichenl Schließung derselben in Anregung gebracht. Der Zwang der Ver¬ 
hältnisse hatte aber keine Änderung gebracht. 

Mit dem Jahre 1816 kam eine das Bordellwesen betreffende Frage zur 
Erörterung, welche bis dahin noch nicht angeregt war, nämlich die Frag« 
das Einflusses der Bordelle auf die nächste Nachbar¬ 
schaft Diese Frage zieht sich durch die folgenden Jahre hindurch, führt 
zu Beschränkungen und endet nach mancherlei Episoden mit der Aufhebung 
der Bordelle im Jahre 1845. 

Die Zeit der Einwohnerpetitionen fand erst im Jahre 1839 einen 
günstigeren Boden, als eine gewisse religiös-asketische oder kirchliche Dogmatik 
auf dio Regierungsmaximen ihren Einfluß auszuüben begannen und nicht mehr 
mit derselben Unbefangenheit in den verschiedenen Verwaltungszweigen nach 
idem praktisch Zweckmäßigen und unumgänglich Notwendigen gefragt wurde. 


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6 g Hans Schneiokort. 

Die Zahl der Bordelia war im Jahre 1841 auf 28 mit 246 Dirnen zurückgegangen, 
im Jahre 1844, also kurz vor ihrer Aufhebung, auf 24 mit 240 Dirnen. 

Der eigentliche Kampf gegen die Bordelle, bei denen mitunter sehr un¬ 
lautere Privatinteressen mitspielten, begann im Jahre 1840, der durch einen 
anonymen Brief „einer Anzahl Berliner Bürger“ ani Prinz Wilhelm, den Onkel 
des regierenden Königs, ausgelöst wurde, in dem laute Klagen gegen die Bor¬ 
delle an der „Königsmauer“ geführt wurden. Den Brief wurde so dem 'König 
in die Hand gespielt, dessen Kabinett vom Polizeipräsidium Aufschluß über die 
angeregten Punkte verlangte. 1841 gelangte eine neue Beschwerde „mehrerer 
Bürger Berlins“ an das Ministerium und kurze Zeit darauf mischte sich, auf¬ 
gefordert von einigen christlich und religiös gesinnten Bürgern, das Schul¬ 
kollegium der Provinz Brandenburg in diese Angelegenheit, dem das Polizei¬ 
präsidium eine achtungsvolle, aber entschiedene Zurückweisung der Beschwerde 
zuteil werden ließ. Die Geistlichkeit ließ aber nicht locker und brachte wieder¬ 
holt, mit besonderer Wirkung aber bei einer Stadtverordnetenwahl, die Unzucht 
hinter der „Königsmauer“ zur Sprache. 

Ein Geistlicher im Verein mit einem Branntweinfabrikanten und einigeir 
Bürgern häufte nunmehr Beschwerden auf Beschwerden an die Ministerien des 
Innern und der geistlichen Angelegenheiten, und brachte schließlich eine mit 
50 gesammelten Hauseigentümer- und Mieterunterschriften versehene wahre 
Philippika gegen die Bordelle an den Tag und forderte darin von dem damaligen 
Minister des Innern, dem Grafen von Arnim, die gänzliche Aufhebung der Bor¬ 
delle. Damit setzte der Erfolg endlich ein, indem im Februar 1843 verfügt 
wurde, daß die Hälfte der Bordelle außerhalb der Stadtmauer unjerzubringen 
sei. Die Kontrolle der übrigbleibenden Bordelle sollte bis auf weiteres wenig¬ 
stens sechsmal täglich von Gendarmeriepatrouillen ausgeübt werden. Jede 
dritte Übertretung der Bordallvorschriften durch den Bordellwirt oder die In¬ 
sassen habe die sofortige Schließung seines Bordells zur Folge. Sollten diese 
Maßregeln eine gründliche Besserung das gegenwärtigen Zustandes nicht zur 
Folge haben, so werde nichts übrig bleiben, als die Aufhebung sämtlicher Bor¬ 
delle eintreten zu lassen. Für diesen Fall habe jedoch das Polizeipräsidium 
schon jetzt in vorläufige Erwägung zu ziehen, welche Anordnungen alsdann 
zu treffen sein werden, um der gewerblichen Unzucht auch dann mit Erfolg 
entgegenzutreten, wenn Bordelle nicht mehr ausdrücklich konzessioniert, son¬ 
dern nur insoweit geduldet würden, als die Notwendigkeit es erfordere und die 
Sorge für Aufrechterhaltung des öffentlichen Anstandes es gestatte. Das 
Polizeipräsidium erwiderte darauf, daß keine Gegend in Berlin ausfindig zu 
machen sei, wohin 1 die Hälfte der hinter der „Königsmauer“ befindlichen Bor¬ 
delle zu verlegen wäre, daß aber im unweigerlichen Notfälle bei jedem dritten 
Übertretungsfalle das Bordell geschlossen und an seiner Stelle ein neues nicht 
mehr genehmigt werden solle. Damit erklärte sich der Minister einverstanden. 

Zu diesem Experiment kam es! aber nicht mehr, da die von jenem Geist¬ 
lichen gelleitete Königsmauer-Agitation von neuem begann und dieser Unent¬ 
wegte sich am 12. März 1844 direkt an den König wandte. Bald darauf wurde 
durch den Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg beim Minister des Innern 
orneut die Frage der gänzlichen Schließung der Bordelle an¬ 
geregt. Inzwischen hatte aber die Vorstellung des Geistlichen beim König vollen 
Erfolg gezeitigt und am 26. August 1844 wurde dem Polizeipräsidium vom 
Minister das Innern angezeigt, daß durch königlichen Befehl über eine Immediat- 
vorstellung des Predigers X die hier bestehenden Bordelle bis zum 1. Januar 
1846 zu schließen seien. Das Polizeipräsidium habe die nötigen vorbereitenden 


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Klein« Mitteilungen. 


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Schritte dazu zu tun, damit die Ausweisung dör noch in den Bördelien befind* 
lieben Weibspersonen in das Ausland oder in andere Verhältnisse erfolge. 

Am letzten Tage des Jahres 1845 wurden in aller Ruhe, Und ohne dafl eine 
Störung eintrat, sämtliche Bordelle in Berlin geschlossen und zugleich auch den 
einzeln wohnenden eingeschriebenen Dirnen die Duldung entzogen. Alle nicht 
in Berlin heimatberechtigten Dirnen erhielten Marschbefehl entweder nach ihrer 
Heimat, oder ihren Wünschen gemäß nach den von ihnen bezeichneten Orten 
außerhalb Preußens. Einzelne Ausnahmen traten nur da ein, wo ein redlicher 
Broterwerb glaubhaft nachgewiesom wurde, oder wo das betreffende Mädchen 
gar keine Heimat hatte; in dieser Lage befanden sich Dirnen, die bis n 
15 Jahren in) einem und demselben Bordelle verblieben waren. 


Kleine Mitteilungen. 

Kurze Mitteilung der bisherigen Erfahrungen Ober sexuelle Perversitäten 

der Tiere 1 ). 

Anknüpfeud an die betreffenden Fälle, welche Moll*) und Bloch*) üi 
ihren Werken erwähnen, mögen einige Beobachtungen aus den letzten Jahren, 
wie sie sich in einigen Zeitschriften zerstreut finden, in aller Kürze hervar¬ 
gehoben werden. Einleitend möge auf H. E11 i s 4 ) verwiesen werden, welcher 
in einer seiner Schriften der sexuellen Perversitäten der Tiere besonders aus¬ 
führlich gedenkt. So berichtet er auf Seite 168 seines erwähnten Werkes, 
daß Pferde, welche nur wenig arbeiten, oftmals dep Penis so lange hin und 
her bewegen, bis Samenerguß erfolgt; eine Manipulation, die als Onanie be¬ 
zeichnet werden muß. Ein Gewährsmann teilte Ellis auch mit, daß Bullen 
und Ziegenböcke Samenergüsse bervorriefem, indem sie sich aufrichteten und 
ihre Vorderfüße zum Ausüben des Reizes benutzten. Stuten reiben die Vulva 
an geeigneten Gegenständen. Hirsche, welche in der Brunstzeit kein weib¬ 
liches Tier gefunden haben, reiben so lange an Bäumen, bis Samenerguß er¬ 
folgt. Ebenso wird berichtet, daß Schafe und Kamele masturbieren. Elefanten 
pressen den Penis zwischen die Hinterbeine, um Ejakulation zu erzielen. 
F 6 r 6 (Berversions sexuelles chez les animaux, Revue philosophdque 1897) 
erwähnt Fälle, in welchen weibliche, ja sogar männliche Tiere (beispielsweise 
Hund und Katze) Masturbation an den Brustwarzen trieben. Äffen sollen 
selbst in der Freiheit der Onanie sehr ergeben sein, wobei die männlichen 
Affen die Hand benutzen, um den Penis zu reiben und zu schütteln. 

Anschließend an die Darlegungen H. Ellis' möge Lomer 6 ) zu Worte 
kommen, der von Bullen berichtet, welche den Penis so lange in der Vorhaut 
hin und her bewegen, bis Ejakulation eintritt. Lomer bezeichnet den Affen 
als den größten Onanisten unter den Tieren. Er führt weiter F 6 r 6 an, nach 
Welchem junge Hunde Notzuchtsakte an Hühnern verübt haben. Unter 
anderem soll auch ein Truthahn Hühner, Enten und Gänse nicht verschmäht 
haben. 

Im Jahrgang 1913 der „Sexualprobleme“ finden sich Mitteilungen Heims*) 
über sexuelle Verirrungen bei Vögeln. Er erwähnt einen zahmen Pfau, im 


*) Vorliegende Ausführungen sollen den Zweck haben, zur weiteren Beachtung 
eines Gebietes anznregen, das bis jetzt keine weitgehende Behandlung gefunden hat. 

*) Moll, Untersuchungen über die Libido sexualis. 

•) Bloch, Sexualleben unserer Zeit. 1908. 

4 ) H. Ellis, Geschlechtstrieb und Schamgefühl. 1901. 

Ä ) Lomer, Geschlechtliche Abnormitäten bei Tieren. Neurol. Zentralbl. 1906. 

•) Heim, Sexuelle Verirrungen bei Vögeln in den Tropen. „Sexualprobleme 41 . 1913. 


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Kleine Mitteilungen. 


Besitze eines hoUändiseh-indischen Bauern, der einen bestimmten Hahn der 
großen Hühnerzucht wie einen weiblichen Pfau behandelte. Der Gewährs¬ 
mann Heims berichtete weiter von einem Gänserich, dessen Ehehälfte über¬ 
fahren wurde, nach welchem Ereignis er sich mit einem Hund zu schaffen 
machte. Lag dieser auf der Steinplatte vor dem Hause, so setzte sich der 
Gänserich auf ihn und brachte es bis zum Samenerguß. Ein einsamer, zahmer 
Lori-Papagei benutzte die Hand .seines Herrn als Mittel zur geschlechtlichen 
Reizung, was Berichterstatter (Heim) selbst gesehen. Fischer-Sigwart 
machte Heim von einem Enterich Mitteilung, der einem Kaninchen seine 
Zuneigung geschenkt, das er regelmäßig betrat und auf dessen Rücken jeweils 
ein nasser Fleck von der Samenflüssigkeit des Vogels konstatiert wurde. 

Von Interesse sind die Darlegungen Jakobs 1 )? welcher erwähnt, dal 
männliche Hunde oft ständig an ihrem in Erektion befindlichen Penis lecken 
(also Auto-Cunnilingus), oder diesen so lange an weichen Gegenständen reiben, 
bis Samenerguß eintritt. Neu dürfte die Beobachtung Jakobs sein, nach 
welcher die onanierende Hündin gerne einen Vorderfuß benutzt, um mit der 
Pfote oder den Krallen oftmals sehr ungestüm das Vestibulum vaginae, resp. 
die Klitorisgegend zu bearbeiten, wobei häufig Verletzungen verkommen. 
Auch reitet sie häufig unter reibenden Bewegungen auf etwas spitz zulaufen¬ 
den Gegenständen. Eine stets zu beobachtende Erscheinung ist der Ge¬ 
schlechtsverkehr, oder wenigstens der versuchte Geschlechtsverkehr männ¬ 
licher Hunde untereinander. Nach Jakob wird dabei der Penis in den After 
eingeführt, oder am Schenkel, Kopf oder in der Maulregion gerieben. 
Bei weiblichen Hunden soll gegenseitiges Belecken der Geschlechtsteile Vor¬ 
kommen. Cunnilingus ist überhaupt ein regelmäßiges Vorkommnis bei den 
Haustieren (Rind, Hund). Ich hatte selbst Gelegenheit zu sehen, wie ein Stier 
nach dem Koitus die Vulva der Kuh beleckte. Daß männliche Hunde bei 
läufigen Hündinnen Cunnilingus üben, und diese der Prozedur durch ruhiges 
Verhalten und Aufrichten des Schweifes entgegenkommen, konnte wiederholt 
beobachtet werden. Der Cunnilingus dürfte als Anregung und Werbemittel 
zum Koitus geübt werden und ist in dieser Hinsicht als normale Erscheinung 
zu werten. Der Cunnilingus der Tiere stellt somit die primitivste Äußerung 
männlicher Erotik vor, die in der Ritterlichkeit des menschlichen Mannes dem 
Weibe gegenüber ihren Höhepunkt erreicht, im primitiven Gebaren der Tiere 
aber sicherlich ihre Wurzel hat. 

Auf ein Vorkommnis, welches seltener Erwähnung findet, soll schließlich 
noch verwiesen werden. Es handelt sich nämlich um abnorme Kopulation bei 
Insekten, wie sie Weber 1 ) gesehen und geschildert hat Weber bemerkte 
am 14. Mai 1914 in einem Behälter, in welchem männliche und weibliche Mai¬ 
käfer gehalten wurden, drei eng beisammensitzende Männchen. Bei näherer 
Betrachtung ergab sich, daß das eine Männchen sein Kopulationsorgan in die 
Kloakentasche des zweiten Männchens eingeführt hatte, welches mit eventrier- 
tem Kopulationsorgan dasaß. Laboulböne machte eine ähnliche Beobach¬ 
tung. Bei dem passiven Individuum war in seinem Falle der Kopulationsapparat 
nicht au9gestreekt Von gleichen Fällen (wie die beschriebenen) berichten 
Noel, Maze, F6r6. Die entsprechenden Darlegungen beziehen sich auch 
auf andere Käfer, so auf Lucanus, Rhizotrogus, auch Männchen verschiedener 
Gattungen wurden in abnormer Kopula gesehen. Gadeau de Kerville 
(Perversions chez les Col6opt&res males. Bull. Soc. Eut. France LXX. 1896) 
erklärt diese Erscheinung als „peddrastie par necessit6‘\ welche nach ihm 
geübt wird, wenn die Männchen keine Weibchen linden, zum Unterschied vom 
der „p6döraa4ie par goüt“, welche — wie im Falle Webers — trotz vor¬ 
handener Weibchen betrieben wird. 


*) Jakob, Diagnose und Therapie der inneren Krankheiten des Hundes. 1913. 

*) Weber, Abnorme Copula bei Melolontha vulgaris. Zool. Aoz. 1916. Bd.46. 8.219. 


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Kleine Mitteilungen, 69 


Eine Erklärung für die sexuellen Perversitäten der Tiere zu finden* hält 
schwer; wahrscheinlich spielt die „p6d6rastie par necessit6“ doch eine wesent¬ 
liche Bolle. Der Detumeszenztrieb drängt stürmisch nach Entspannung, so 
daß ein männliches Tier, ohne erst nach dem Weibchen lange zu suchen, 
irgendein Objekt angeht, um sein Sperma abzusetzen. Für diese Ansicht 
spricht auch Floerickes 1 2 * ) Mitteilung, nach welcher Gras- und Wasser¬ 
frösche, die zur Paarungszeit kein Weibchen gefunden, Fische anfallen, um 
dem Umklammerungsreflex Genüge zu leisten. Fehlt schließlich das Weib¬ 
chen überhaupt, wie etwa in den Fällen Heims, so ist es begreiflich, daß 
die Männchen in ihrer sexuellen Erregung sich irgendeinem anderen Lebe¬ 
wesen zuwenden. Wird der abnorme, sodoraitische*) Geschlechtsverkehr 
lange Zeit fortgesetzt, so wird er so zur Gewohnheit, daß er später dem 
normalen Koitus vorgezogen wird, auch wenn diesen zu üben Gelegenheit 
vorhanden ist. L. R. 


Zur Frage der psychischen Geschlechtscharaktere. 

Von Dr. Ernst Ulitzsch, z. Z. Insel ösel. 

Einer Notiz der „Vossischen Zeitung“ (andere als Zeitungsliteratur steht 
einem auf ösel augenblicklich schwer zur Verfügung) entnahm ich die Nach¬ 
richt, daß es durch ein Heilverfahren S t e i na c h scher Methode gelungen 
sei, bei einem Homosexuellen die Umwandlung des psychischen Sexualcharak¬ 
ters zu erzielen. Freilich war dies eine Zufallstherapie, als man gerade einen 
Hoden exzerpieren mußte, und auch der betreffende Homosexuelle vor der 
Frage der Kastration stand. Selbstverständlich würde dies an der Frage an sich 
nichts ändern, selbst wenn Steinachs Methode vorläufig immer ein Spiel 
des Zufalls bleiben sollte. Denn nichts hindert, zu glauben, daß es in Zukunft 
gelingen werde, ein Serum zu erzielen, das die Exzerption der Hoden über¬ 
flüssig macht. Indem möchte ich, immer auf jener Zeitungsnotiz fußend, doch 
folgende Bemerkungen machen: 

Bei Steinachs Experimenten mit Ratten war es verhältnismäßig ein¬ 
fach, die Resultate zu beobachten. Die schon damals daran geknüpften Hoff¬ 
nungen gleicher Ergebnisse beim Menschen wagte ich seinerzeit mit einigen 
Fragenzeichen zu beantworten, da psychische Elemente bei Tieren kaum in 
Frage kommen. Wir haben augenblicklich (und vielleicht immer) nur den 
einen Maßstab zur Wertung der Geschlechtsveranlagung: däs ist die offene 
Aussage. Wenn ein Durchschnittsmensch behauptet, heterosexuell zu sein, 
so glaubt man ihm, weil man gar nichts anderes erwartet. Der 
Beweis dafür ist aber auch, wie bei mathematischen Grundsätzen, schwierig, 
oder überhaupt nicht zu erbringen. So beruhen die Heilungen Homosexueller, 
die man nach den verschiedenen Therapien unternommen hat, lf?tzten Endes 
immer auf den Aussagen der Betreffenden, da sich ein wissenschaftlicher 
Beweis dafür eben leider nicht führen läßt. Einstweilen auch bei Steinachs 
Methode nicht. 

Bei jener ersten Heilung ist als Beweis Heirat und spätere Abscheu vor 
homosexuellen Akten angegeben worden. Daß eine Heirat nichts beweist, 
leuchtet jedem Kenner der Literatur ein. Man schätzt wohl nicht, zu hoch, 
wenn man annimmt, daß 8 / 5 aller Homosexuellen verheiratet ist. Und der in 
Worten bekundete Abscheu muß auch in gutem Glauben hingenommen werden. 
Der Frage, wie weit Homosexuelle fortpflanzungsfähig sind, ist noch nicht 
nähergetreten worden; daß es viele sind, steht fest. Eine Anzahl homo¬ 
sexueller Väter scheint ihre besondere Geschlechtsveranlagung auf die Nach- 


1 ) Floericke, Kriechtiere und Lurche Deutschlands. 

2 ) Unter Sodomie kann man den Geschlechtsverkehr zwischen Vertretern ver¬ 

schiedener Arten verstehen. 


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Kleine Mitteilungen. 


komraenschaft zu vererben; dagegen sind mir auch Fälle bekannt, in denen 
eine Nachkommenschaft vorhanden war, an deren Heterosexualität nie ein 
Zweifel laut wurde. Manchmal waren einige Kinder heterosexuell, andere 
homosexuell, und zwar sowohl Knaben als Mädchen, so daß in Wirklichkeit 
noch viele Geheimnisse dunkeln. 

Die Wirksamkeit der Steinach sehen Methode aber mußte sich auf dem 
umgekehrten Wege ergeben, wenn man einem Heterosexuellen die Hoden 
eines Homosexuellen einnähte. Träte dann Homosexualität auf, so wäre ein 
Teil des Beweises erbracht. Wie verhält es sich aber nun mit der Bisexualität, 
der ja ein großer Prozentsatz der Forscher an sich zweifelnd gegenübersteht. 
Die Annahme läge nicht fern, daß der eine Hoden heterosexull, der andere 
homosexuell reagierte. Auch wäre es interessant, die Reaktion zu erfahren, 
falls nur ein heterosexueller Hoden eingeflickt würde und der andere homo¬ 
sexuelle an Ort und Stelle zurückbliebe. 

Gesetzt, durch Steinachs Methode wäre uns ein Mittel Ln die Hand 
gegeben, das Geschlecht des Menschen nach Belieben willkürlich zu ver¬ 
tauschen, äo ließe sich das erfolgreich doch nur bei jüngeren Individuen durch¬ 
führen. Denn neben dem Geschlechtlichen laufen so viele davon ausstrahlende 
Fäden, daß eine Operation eines Erwachsenen sie nicht ohne weiteres zer¬ 
reißen könnte. Das Weltbild eines Heterosexuellen muß ein anderes sein, als 
das des Homosexuellen — vielleicht sogar des Junggesellen ein anderes, als 
das des Familienvaters. Wie ich mir nickt vorstellen kann, daß es einem nach 
Steinach operierten Heterosexuellen ein Leichtes sein würde, in das gleich¬ 
geschlechtliche Lager zu schwenken, so wird ein etwa im Mannesalter stehen¬ 
der Homosexueller seine Vergangenheit und seine von der Sexualität beein¬ 
flußte Weltanschauung nicht von sich abstreifen können wie eine Schlangen¬ 
haut. Eine so vollständige Umwandlung wie bei den Experimentalratten kann 
sich beim Menschen nicht in kürzerer Zeit vollziehen, wahrscheinlich wird ein 
vollkommenes Abreagieren überhaupt nicht möglich) sein. Unsere Welt¬ 
anschauung, mehr noch unsere Phantasie, sind meis t nichts als kritische Nieder¬ 
schläge der Erlebnisse ; zum mindesten ist erwiesen, daß die Erlebnisse unsere 
Phantasie stark in wunschgemäße Bahnen lenken. Nun hat aber jeder Mensch 
immer nur dieselben typischen Erlebnisse — von Äußerlichkeiten abgesehen, 
und selbst die werden von den Wünschen in einer bestimmten Richtung wider¬ 
gespiegelt — da eben jeder triebhaft dieselben Situationen zu wiederholen 
sucht — komplementär der erotischen „Lieblingssensation“. Kann man an¬ 
nehmen, daß alle diese Erlebnisse nun infolge der Hodenoperation vergessen — 
-unterdrückt im Sinne Freuds — werden? Wohl nicht. Denn es müßte sonst 
eine Lücke im Gedächtnis entstehen, da durch den Filter der sexuellen Welt- 
und Moralanschauung schließlich auch das mechanische Wissen getropft ist. 

Die aus der Naturwissenschaft hervorgegangene Sexologie operiert mit 
den dort verwendeten Ausdrücken männlich und weiblich. Durch die viel¬ 
fache Verwendung, die diese beiden Wörter gefunden haben, ist aber ihr In¬ 
halt verbraucht, so daß sie jetzt nicht viel mehr als leere Hülsen sind. Denn 
was ist beim Menschen eigentlich männlich und was ist weiblich? Grob ge¬ 
sprochen, nicht einmal die Geschlechtsteile, die zum Teil rudimentär beim 
anderen Geschlecht nachzuweisen sind. Die medizinische Auffassung vom 
Körperbau ist hier beeinflußt von dem in Statuen uns hinterlassenen. Schön¬ 
heitsideal der Griechen. Aber wie wenig moderne Menschen entsprechen dem 
noch! Und wenn nun, vom Körperlichen zu schweigen — seelische Eigen¬ 
schaften in Frage kommen, welche kann man nur für die Männer, und welche 
nur für die. Frauen mit Beschlag belegen? Wer sich in völkerkundliche 
Studien vertieft, wird schließlich erkennen, daß die Diagnose der Männlichkeit 
oder der Weiblichkeit sowohl eine ethnologische, als historische 
und soziologische Frage ist. % Die Auffassung schwankte in den ver¬ 
schiedenen Jahrhunderten bei den verschiedenen Völkern —• und noch heute 


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Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 


71 


ersoheint ein Diplomat „feminin“ einem Rollkutscher gegenüber — äußerlich 
wenigstens. 

Denn wir haben erfahren, daß es für die „Seele“ (bildlich gesprochen) 
nicht von Belang ist, was für ein Körpergehäuse sie bewohnt. Wir sehen 
Männer, deren Körper eine starke Annäherung an die weichen Formen der 
Frauen zeigt, die Charaktereigenschaften besitzen, die zumeist Eigentum der 
Frauen sind und dennoch einwandfrei heterosexuell sind. Casanova, dieser 
beete Frauenkenner, hielt es sogar für vorteilhaft, wenn ein Mann starke An¬ 
näherung an die Frau zeige, da sie dann leichter zu gewinnen sei. „Ein Mann 
von ausgeprägter Männlichkeit macht nie lange Eindruck bei den Frauen; er 
wirkt auf sie teilweise erheiternd, teilweise abschreckend.“ Wenn man die 
modernen und historischen Frauenlieblinge betrachtet, scheint aus Casanova 
nicht nur sein Zeitalter zu sprechen, das ja allgemein für feminin erklärt 
wird — wie weibisch erscheinen alle Don Juans, zum anderen sehen wir, 
daß nicht alle Homosexuellen sich in den Körperformen den Frauen nähern, 
ja, daß einige von jener potenzierten Männlichkeit sind, für die Frauen, bei 
heterosexuellen Männern, kein Verständnis mehr haben. Wie überall, so sind 
auch im Geschlechtlichen alle Dinge im Fluß. Wird hier wirklich die Sexual¬ 
chirurgie Grenzpfähle errichten können, innerhalb derer man jenseits von 
Gut und Böse lebt? 


Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen 

{mit besonderer Berücksichtigung der Homosexualität) aus den Jahren 1913 
bis in das Jahr 1917 (mit Ausschluß der Belletristik). 

Referierend und kritisch dargestellt von Numa Praetorius. 

(Fortsetzung.) 

B. Senf und Blüher. 

Anklänge an die Theorien der Freudianer finden sich bei Senf und besonders bei 
Blüher, obgleich beide doch wieder ihre eigenen Wege gehen. 

Senf, Max Rudolf, Dr. jur., Narzißmus in den „Sexualproblemen 11 von Marcuse. 
März 1913. 

Verf. hat schon in früheren Schriften seine etwas verwickelte und dunkel gefaßte 
Ansicht von der Entstehung der sexuellen Anomalien, insbesondere der Homosexualität 
auseinandergesetzt, so in seinem Buch „Das Verbrechen als strafrechtlich - 
psychologisches Problem)“ (Hannover, Helwingsche Verlagsbuchh. 1912), 
ferner in dem Aufsatz: „Geschlechtstrieb und Verbrechen“. Mit einem 
Anhang: „Zur Psychologie des Lustmörder s“. In dem Archiv für Kriminal¬ 
anthropologie und Kriminalistik von Groß Bd. 48. H. 1 u. 2 (16. Juli 1912). (Beide von 
mir eingehend besprochen in dem Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen Januar 1914. 
S. 100—111.) 

Danach huldigt Senf im Grund der Theorie der die Homosexualität erzeugenden 
zwingenden psychischen Assoziationen, die aber nicht Intra vitam, sondern durch Gene¬ 
rationen hindurch sich bildeten und Gefühlserscheinungen hervorbrächten, bei denen die 
echte Homosexualität das letzte Glied darstelle. Sie ergäbe sich nicht aus der an und 
für sich anzuerkennenden bisexuellen Anlage des Menschen, sondern sei als sekundäre 
Neubildung aufzufassen, die besonders durch Mikroskopie, d. h. den Anblick der Er¬ 
regung eines anderen Mannes gefördert werde; allmählich entwickle sich das Streben, 
diese Erregung selbst zu genießen und daraus: beim virilen Homosexuellen der Wunsch 
des Besitzes des anderen Mannes, beim femininen die eigene Substituierung als Objekt 
'dieser Erregung ähnlich wie das Weib. 

In dem obigen Aufsatz läßt nun Senf aus dem homosexuellen Charakter, der selbst 
ans der Dissolution des normalen sexuellen Erlebnisses entstehe, den Assoziationakomplex 
des „Narzißmus“ sich entwickeln, der verschiedene Gruppen umfasse, in denen die 
eigene Person zum Mittelpunkt und Gegenstand des Geschlechtslebens gemacht werde. 


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Numa Praetorius. 


Er unterscheidet: 1. Integritätserotik, (L h. das Bewußtsein, daß die eigene 
sexuelle Anziehungskraft durch die Unberührtheit geschaffen, gesteigert und unterhalt» 
werde, daher der Drang des Niemalsunterliegens. Man finde diese Form namentlich bei 
Frauen und Homosexuellen. 

2. Die Inspirationserotik, d. h. die sexuelle Entspannung und die Quelle aller Wollust* 
werde in dom eigenen seelischen Wirken gefunden. Der Zustand führe zur sog. roman¬ 
tischen Liebe, die alle Lebensverhältnisse in die Emotionen der Liebe auflosen, ferner 
zur Belanglosigkeit der Geschlechtsunterschiede des Liebesobjekts, da nur die aus dem 
Verkehr mit einem bestimmten Typus Mensch, aus bestimmter Situation oder Milien # 
(abenteuerlicher, raffinierter usw.) sich ergebenden Stimmungsfaktoren maßgebend seien/ 
Der Inspirationserotiker könne daher leicht homosexuellen Reizen unterliegen. 

3. Die Konturerotik, d. h. die Freude an den Linien des eigenen Körpers, das 
wollustbetonte, die sexuelle Entspannung vermittelnde Fühlen der eigenen Körperlichkeit; 
sie könne zur Lust am gleichgeschlechtlichen Körper führen, doch handle es sich nicht 
um wirkliche Homosexualität, weil das Liebesgefühl fehle und das etwa vorhandene Wohl¬ 
gefallen am Körperlichen niemals erotischer Selbstzweck sei. 

Bei allen narzistischen Formen habe wohl der homosexuelle Faktor in der Aszendenz 
«ine Rolle gespielt. Vielleicht habe sich auf dem Boden der die Lust am Begehrtwerdei 
in sich schließenden femininen Homosexualität die Integritätserotik herausbildet, ferner 
bei einer Mischung der genialen mit der homosexuellen Anlage durch Zurücktreten der 
letzteren die Inspirationserotik, während die Konturerotik eine zur Unkenntlichkeit ver¬ 
kümmerte homosexuelle Anlage darstelle. 

Die behaupteten Zusammenhänge zwischen sog. Narzißmus und Homosexualität 
sind recht fraglich. Regelmäßig hat die Homosexualität jedenfalls mit Narzißmus nicht 
mehr und nicht weniger zu tun als die Heterosexualität. 

Wenn man allerdings den Begriff des Narzißmus statt ihn auf die charakteristische 
sexuelle Anomalie einer Art Autoerotismus zu beschränken (wie dies auf gewisse Fälle 
von Onanie zutrifft), im Sinne von Senf auf die verschiedensten psychosexueilen Bestand¬ 
teile ausdehnt, kann man schließlich jede Liebe — homo- und heterosexuelle — als Nar¬ 
zißmus bezeichnen, insofern jede in erster Linie physischer und psychischer Betäti¬ 
gungsdrang des eigenen Wesens und jede Libido und Wollust Genuß durch den und 
am eigenen Körper bedeutet. 

Vieles, was daher Senf zum Narzißmus zählt, ist einfach zur Liebessehnsucht nach 
einem anderen Wesen zu rechnen, so gehört die Zuneigung des reifen Mannes zum 
Jüngling zur gewöhnlichen Homosexualität und ist nicht, wie Senf will, sog. Inspi¬ 
rationserotik, die sich wesentlich an dem Wieder- und Miterleben längst abgeschlossener 
Entwicklungsgänge entzünde, denn diese Homosexuellen haben nidit erst als reife 
Männer angefangen, den Jüngling zu lieben, sondern durchgängig diese Geschmacks¬ 
und Triebrichtung seit ihrer Kindheit oder Pubertät besessen, wie z. B. umgekehrt 
Gerontophile die ihrige nicht etwa im Alter verlieren. 

Die Fälle des weiteren, wo nach Senf durch einen bestimmten Typus Mensch oder 
unter bestimmten Bedingungen der Reiz ausgelöst wird, sind nicht narzistischen Cha¬ 
rakters, sondern gehören zur Bisexualität oder zum Fetichismus oder einer Abart des¬ 
selben. 

Mehr noch als Senf wird B1 ü h e r von den Theorien Freuds beeinflußt in seinen 
Arbeiten: 

1. Die drei Grundformen der Homosexualität in Hirschfelds Jahrbuch für sexuelle 
Zwischenstufen, in Vierteljahrsheften, 15. Jahrg., Heft 2, 3, 4 (Januar, April, Juli 1913). 

2. Die deutsche Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen. Ein Beitrag 
zur Erkenntnis der sexuellen Inversion. (Berlin-Tempelhof 1912, Verlag Bernhard Weise) 
und 2. verbesserte u. vermehrte Aufl. 1914. 

3. Zwei psychosanitäre Forderungen in den Sexualproblemen von Marcuse. 
Augustheft 1913. 

4. Niels Lyhne von J. P. Jakobsen und das Problem der Bisexualität. Eine 
literaturkritische Studie in „Imago“, Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf 
die Geisteswissenschaft (Hugo Heller u. Cie. Leipzig u. Wien). 

Blüher weicht zwar in vielen Punkten von Freud ab, wie dieser führt er aber alle 
möglichen Gefühle auf die Sexualität zurück und bringt die verschiedensten psychischen 
Erscheinungen mit Verdrängungen des Liebestriebes zusammen. Besonders fußen aber 
die Auslassungen Blühers auf den Theorien von Benedict Friedländer, die dieser in seinem 
Hauptwerk „Die Renaissance des Eros Uranios“ (1904, Verlag „Renaissance“ [Otto Leh¬ 
mann] Schmargendorf-Berlin, niedergelegt hat, wonach Freundschaft, Geselligkeitstrieb, 


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Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 


75 


ja allgemeine Menschenliebe gleichsam nur Abarten der Erotik seien und ihre Wurzeln 
aus letzterer zögen, so daß namentlich Freundschaft und Homosexualität ineinander 
übergingen. 

Eine derartige Umwandlung des bisherigen Sexualbegriffes ist falsch, nicht 
jedes Sympathiegefühl von Mensch zu Mensch ist, wie Blüher meint, sexuellen Ursprungs» 
nicht jede seelische Zuneigung, jede freundschaftliche, soziale Sympathie zwischen 
Männern ist als „I n v e r 8 i o n“ zu bezeichnen. 

„1 n v e r 8 i o n“ hat bisher bedeutet, und kann nur bedeuten „konträres Ge- 
schlechtsgefühl“ und ist synonym mit homosexuellem Gefühl; dem Begriff „Inversion“ 
eine andere Bedeutung zu geben und doch wiederum auf erotischer Grundlage aufzu¬ 
bauen, wie Blüher es tut, heißt eine Begriffsverwirrung anrichten, eine Verwirrung» 
die eben mit der Verwirrung des Begriffsinhaltes zusammenhängt, mit der irrigen Mei¬ 
nung, als ob eine scharfe Grenze zwischen Freundschaft und Liebe nicht existiere und 
„jedes seelische Ereignis den Freund und Gefährten zum Geliebten“ machen könne. 

Diese Anschauung ist verkehrt einerseits hinsichtlich der erwachsenen Homo¬ 
sexuellen, weil Freundschaft und Liebe auch bei ihnen in der Regel getrennte Ge¬ 
fühle sind und die Homosexuellen meistens wissen, wen sie lieben und begehren, wer 
„ihr Fall“ ist und mit wem sie Freundschaft — oft die innigste und herzlichste, aber 
ohne jedes sexuelle Verlangen — verbindet. 

Insbesondere muß gegenüber Blüher bestritten werden, daß im Gegensatz zu den 
Heterosexuellen bei den Homosexuellen oft nur ein Kontrektationstrieb zum eigenen 
Geschlecht bestehe, dagegen ein Detumeszenztrieb fehle. Regelmäßig ist ihnen, wie den 
Heterosexuellen die sinnliche Triebstillung in den Armen des Liebesobjektes Endziel 
der Wünsche. Dabei ist es auch gleichgültig, welche Form die Betätigung beim Homo¬ 
sexuellen annimmt, ob die extreme Form (seltener) oder andere Modalitäten, vielleicht 
sogar die leichteste Form — völlige physische Befriedigung schon durch innigste Um¬ 
armung und Küsse. 

Gerade letztere Form mag dazu verführen, der Homosexualität einen idealeren, 
vergeistigteren Anstrich anzusinnen, aber zn Unrecht, da auch hier neben dem Kon- 
trektionstrieb Stillung des Detumeszenztriebes am Liebesobjekt vorliegt. 

Ja es bleibt sich gleich, ob die Befriedigung des Triebes erzielt wird oder nur das 
Verlangen danach besteht, denn auch letzteren Falles sind beide Triebe der Kontrektion 
und Detumeszenz vorhanden. * 

In der zweiten Auflage seiner obigen Schrift ändert Blüher seine Anschauung 
von dem häufigen Fehlen des Detumeszenztriebes beim Homosexuellen dahin, daß 
dieser Trieb bestehe, aber nur der Verdrängung oft anheimfalle. 

Das eine ist gerade so unrichtig, wie das andere. Die Sache verhält sich nicht so, 
wie Blüher sie sich ausmalt, als ob regelmäßig das sinnliche Begehren im Gegensatz zu 
den Heterosexuellen völlig schlummere und nur durch besondere Umstände, Rausch, 
heftigen Affekt usw. zum Durchbruch käme. 

Dieses nur gelegentliche Erwachen eines sonst schlummernden homosexuellen 
Trieblebens trifft nur für Ausnahmefälle zu, so z. B. bei bisexuellen Naturen, wo der 
Trieb zum Weib über den Trieb zum Mann täuschen kann, oder bei Homosexuellen mit 
besonders schwachem Geschlechtstrieb oder namentlich bei jugendlichen Homosexuellen, 
ja bei solchen, die erst Mitte der Zwanziger zum klaren Bewußtsein ihrer wahren Natur 
gelangen und die längere Zeit auch abstinent gelebt oder heterosexuell — aber ohne Be¬ 
friedigung — verkehrt haben mögen. 

Andererseits ist nun aber auch Blühers Ansicht von der Vermengung von Freund-, 
Schaft und homosexuellem Gefühl erst recht hinsichtlich der Heterosexuellen verfehlt» 
denn bei diesen besteht eben regelmäßig keine Inversionsneigung und bei ihnen ist kein 
Raum für die Entstehung konträrsexueller Empfindungen. 

Auch hier hat sich Blüher zu seinen unrichtigen Anschauungen wegen des Vei-, 
haltens gewisser Jugendlicher verleiten lassen und aus dem öfteren Vorkommen homo¬ 
sexueller Gefühle und Handlungen bei Jugendlichen im Pubertätsalter oder in den ersten 
Jahren nachher, trotzdem später völlige Heterosexualität sich entwickelt, falsche Schlüsse 
gezogen. 

Wie schon Moll seinerzeit in seiner Polemik gegen Friedländer (vgl. Zukunft 
vom 27. Mai und 10. Juni 1905} treffend betonte, kann man aus derartigen Zuständen 
Jugendlicher keine Beweise für aie Beurteilung der Gefühle Erwachsener nerleiten, ins¬ 
besondere nicht für eine bei allen Menschen eingewurzelte Inversionsneigung, da es sich’ 
. bei ersteren nur um die tastenden, irrenden Gefühle in der Zeit des noch unbestimmten 
Geschlechtstriebes handelt. 

Seine Theorien wendet Blüher hauptsächlich auf die Wandervogelbewegung an, 
die er als ein erotisches Phänomen betrachtet. 


Zeitschr. 1 Sexualwissenschaft V. 2. 


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Numa Praetorius. 


Gerade aber weil hier vorwiegend Jugendliche, zum Teil Knaben, darunter auch 
noch recht junge, in Betracht kommen, sind Schlüsse aus den sexuellen Verhältnissen 
in dieser Gruppe auf die Homosexualität an und für sich nicht gestattet, selbst wann 
die ganze Wandervogelbewegung wirklich nur als erotisches Phänomen zu begreifen wäre. 

Mit Recht aber haben Dr. phil. Erich Janke und Dr. med. Hans Janke 
inMarcuses Sexualproblemen Juni 1913 in einer Entgegnung auf Blühen 
Auffassung betont, daß die Entstehung des Wandervogels sich ganz ungezwungen aus 
dem romantischen Hang der Jugend, dein Wandertrieb, dem Spieltrieb usw. erkläre. 

Daß auch homosexuelle Erwachsene in dem Wandervogel zu finden sind, ist leicht 
bj^reiflich, weil die Wandervogelbewegung einer gewissen Gruppe von Homosexuellen 
einen besonders günstigen Boden zur sentimentalen — und auch sinnlichen — Befriedi¬ 
gung ihrer Neigung abgibt Es ist daher des weiteren verständlich, daß solche Inver¬ 
tierte „Zentren und Wirbelpunkte“ der Bewegung werden und ihr Interesse für die 
Jungen wiederum bei diesen Gegenliebe weckt, ohne daß — selbst wenn homosexuelle 
Handlungen Vorkommen — homosexuelle Triebriehtung auf seiten der Jungen vorzu- 
liqgen braucht. 

Andererseits ist die Behauptung aber ganz übertrieben, daß ohne die homosexuellen 
Führer die ganze Bewegung undenkbar gewesen wäre; dabei begeht Blüher eben den 
Fehler, daß er allen mit Verständnis und Interesse die Bewegung Leitenden lnversions- 
iMÄgUüg zuschreibt, wobei er dann in den schon gerügten Circulus vitiosus verfällt, bei 
vielen das sexuelle Begehren als nicht bestehend oder verdrängt zu bezeichnen und doch 
von Invertierten zu reden. 

Unter den Homosexuellen unterscheidet Blüher den Männerheld und den inver¬ 
tierten Weibling, sowie den latent Invertierten. 

In den Hauptpunkten dieser Einteilung stimme ich Blüher insofern zu, als es 
allerdings einen Typus der Homosexuellen gibt, der vom Heterosexuellen im wesentlichen 
nur durch die konträre Liebesrichtung sich unterscheidet, die keineswegs als pathologisch, 
ab Entwicklungshemmung zu betrachten sei. Nur muß ich den Einwand erheben, daß 
Blüher in optimistischer Schwärmerei diesen sog. Männerhelden in Wesen, Charakter 
und Wirkung auf die geliebte Jugend allzu schönfärberisch schildert 

Was den Weibling anbelangt, so sieht Blüher sein charakteristisches Merkmal darin, 
daß er den Mann nicht wie der Männerheld aktiv liebt, sondern in passiver Form. Das 
trifft auf viele Effeminierte zu, doch möchte ich mehr in der Gesamtheit der weiblichen 
Züge, welche bei vielen sogar in körperlichen, androgynen Merkmalen sich ausprägen, 
di» Eigenheit des effeminierten Homosexuellen erblicken, während Blüher diese Zusammen¬ 
hänge nicht genügend anerkennt, wobei ihm zugegeben werden mag, daß manche recht 
unsympathische Weiblinge absichtlich Weibliches, ja Weibisches aus sich hervorkehren 
und „arrangieren“. 

Sodann darf aber nicht vergessen werden, daß die große Masse der Homosexuellen 
gleichsam ein Gemisch der beiden Typen, des virilen und des effeminierten, bildet, wie 
denn auch die Art zu lieben und das Alter des Liebesobjektes die mannigfaltigsten 
Variationen aufweisen. 

Die von Blüher angegebene dritte Kategorie der Inversion, die „latente“, kommt 
auch bei Erwachsenen vor, namentlich bei Bisexualität mit starker heterosexueller Rich¬ 
tung. Jtedoch ist es zweifelhaft, ob diese Form häufig ist, als falsch, ja geradezu grotesk 
muß man aber Blühers Versuch bezeichnen, mit Hilfe der sog. „Verdrängungstheoria“ 
Gegner der Homosexuellen, namentlich die im Wandervogel gegen die Homosexualität 
eiternden Sittlichkeitsfanatiker (den sog. Verfolgungstyp nach Bliiher) als verkappte Homo¬ 
sexuelle, als latente Invertierte zu charakterisieren! 

In sozialer Beziehung tritt Blüher nicht nur für Aufhebung des § 175 ein, sondern 
ihm kommt es hauptsächlich darauf an, daß alle homosexuellen Kräfte zum Segen eines 
gesunden Volkstums frei werden, damit dadurch insbesondere die nach ihm schädlich» 
Alleinschätzung der Frau und die in der europäischen Kultur sich breitniachende Frauen¬ 
herrschaft geschwächt werde. 

Auch diese Auffassung fußt eben auf der Vermengung der sozialen und freund¬ 
schaftlichen Gefühle mit den homosexuellen und der Überschätzung der Bedeutung der 
Homosexualität 

Meiner Ansicht nach würde bei den heutigen sozialen und kulturellen Zuständen 
einer- und der relativ geringen Anzahl der Homosexuellen andererseits selbst die Be¬ 
seitigung der moralischen Verfemung der Homosexuellen in den allgemeinen Beziehungen 
der Geschlechter und der Geltung der Frau keine Änderung hervorbringen, insbesondere 
erhielten die gesellschaftlichen und freundschaftlichen Verhältnisse zwischen Männern 
keine andere Gestaltung, etwa indem bloßgelegte homosexuelle Bestandteile zur größeren 


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Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 


Entwicklung gebracht würden, denn regelmäßig enthalten sie eben keine derartigen Be¬ 
standteile. 

Seine Auffassung von der sexuellen Färbung jeder Zuneigung zu einer anderen 
Person sucht Bliiher in der Besprechung von Jakobsons Roman Niels Lyhne an dem 
Helden zu exemplifizieren. Infolge seiner Gefühlsgemengselstheorie nimmt er eine 
Freundschaftserotik Niels Lyhnes an, obgleich er zugibt, daß Jakobsen die Freundschafts¬ 
gefühle seines Helden bis * zur Kälte abstrakt schildert im Gegensatz zu der verschwen¬ 
derisch ausgeschmückten Liebe zum Weibe und obgleich er verschiedentlich betont, 
daß die Inversion Niels Lyhnes der Sinnlichkeit, ja überhaupt jedes sexuellen Be¬ 
gehrens ermangele. 


III. Theorie des Erwerbes. 

A) Ziemke, Hindersin, Fritsch. 

Außerhalb der Freudianer geht wie seit langem der Streit weiter, ob die Homo¬ 
sexualität erworben oder angeboren sei. 

In dem Vortrag, gehalten auf der 8. Tagung der deutschen Gesellschaft für gericht¬ 
liche Medizin in Münster, 16.—18. September 1912, abgedruckt in der Vierteljahrs¬ 
schrift für gerichtliche Medizin und öffentliches ßanitätswesen, 
3. Folge, Bd. 45, 1. Supplementheft 1913, betitelt: „Zur Entstehung sexueller Perver¬ 
sitäten und ihrer Beurteilung vor Gericht 44 betrachtet Ziemke (Kiel) die Entstehung, 
der Homosexualität stets als erworben auf Grund sei es psychopathischer Allgemein- 
konstitution, sei es bestimmter ausgesprochener geistiger Störungen. * 

Mitteilung verschiedener Fälle, dieVerf. alle für erworben hält, trotzdem er zugibt 
daß in zweien manches (insbesondere der frühe sexuelle Trieb) für Angeborensein 
spräche, aber die durch das Spielen mit den eigenen Genitalien in der Phantasie er¬ 
zeugten sexuell lustbetonten Vorstellungen hätten das okkasionelle Moment gebildet; in 
einem anderen Falle Prügelszene in der Schule wie ein psychisohes Trauma gewirkt 

In einem weiteren Fall (verheirateter Mann, Vater eines Kindes, homosexueller 
Verkehr erst im 45. Lebensjahr) sei der Umschwung Folge einer auf Grund von Neur¬ 
asthenie auftretenden sexuellen Impotenz bei fortbestehender Libido, und eines Ersatzes 
des normalen Verkehrs durch homosexuelle Betätigung. (Ob da nicht Durchbruch längst 
vorhandener schon in der Impotenz zum Weib sich kundgebender latenter homosexueller 
Neigung zu sehen ist?) 

Weitere Berichte über Fälle von Homosexualität als Ausfluß von Wahnvorstellungen 
und Zwangshandlungen unter dem Einfluß des chronischen Alkoholismus. 

Ausführungen über die Zurechnungsfähigkeit sexuell Abnormer, je nach dem Einzel- 
fall Tatbestand des § 51 Str.G.B. zu bejahen oder zu verneinen. An und für sich be¬ 
deute sexuelle Anomalie nicht ohne weiteres Unzurechnungsfähigkeit, sondern nur Vor¬ 
handensein eines einzelnen krankhaften Symptoms. 

Hindersin, Friedrioh von, Landgeriohtsrat a. D.: Zur Vorbeugung der 
Perversität und Aufhebung des § 175. Gesetzgeberische Vorschläge in der Zeit¬ 
schrift „Nord und 8üd u , Januarheft 1913. 

Für die Hauptursache der nach Verf. heute stark um sich greifenden Homosexualität 
wird gehalten: die allzu häufige Gelegenheit der Knaben den männlichen nackten Körper 
zu sehen, im Fluß-, Licht-, Luftbad, beim Turnen, Fußball, Ringen usw., dadurch früh-' 
zeitiges Erwecken homosexueller Liebe. Beweis einer Verbreitung der Homosexualität 
infolge derartiger Ursachen, insbesondere des hauptsächlich dem männlichen Körper an¬ 
gewandten Schönheitstriebes in den Zuständen der alten Griechen zu erblicken. 

Dem heute gefährlichen Zustand müsse abgeholfen werden. Jede Entblößung er¬ 
wachsener Männer vor Knaben zu vermeiden, auch bei Leibesübungen, das Baden Jugend¬ 
licher unter 18 Jahren mit Erwachsenen zu verbieten unter Androhung von Geldstrafen. 
Den § 175 verwirft Verf., insbesondere wegen der bei energischer Durchführung inqui¬ 
sitorischen Durchstöberung des Privatlebens. 

Die Gleichstellung der heutigen homosexuellen Zustände mit denen der Griechen 
ist verfehlt Heute sind die sozialen Verhältnisse, insbesondere der Frau ganz andere. 
Die Liebe zur Frau bildet heute für die große Mehrheit der männlichen Jugend das 
selbstverständliche Ideal und sentimentale Ziel, das regelmäßig unverändert bleibt, auch 
bei noch so häufigem Anblick männlicher Nacktheiten, der höchstens die geringe Zahl 
der homosexuell Geborenen oder stark schwankend Veranlagten beeinflussen mag. 
Übrigens sind heutzutage die Gelegenheiten gemeinsamen entkleideten Zusammenseins 
von Jünglingen und Männern eher selten und es fehlt gerade noch, in die gesunden 

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Numa Praetorius. 


* 


sportlichen und hygienischen, für Körper, und Geist höchst wertvollen Bestrebungen der 
Jugend das Gift der Sexualschnüffelei hineinzutragen. 

Fritsch, Gustav, Das angebliche dritte Geschlecht des Menschen. Ver¬ 
gleichend anatomisch untersucht. Mit 10 Textabbildungen im Archiv für Sexual¬ 
forschung von Max Marcuse. Bd. 1, H. 2 (S. 197—220). 

Fritsch bekämpft die Auffassung, wonach man berechtigt sei, sexuelle Zwischen¬ 
stufen, die man auch als sog. drittes Geschlecht bezeichne, anzunehmen. 

Diese Ansicht gehe von der falschen Meinung aus, als ob die Uranlage dee Men¬ 
schen eine doppeltgeschlechtlich veranlagte sei. 

In weit ausgeholten Darstellungen der Fortpflanzungsarten der Lebewesen, von 
den niedrigsten bis zum Menschen will Verf. nachweisen, daß die Entwicklung auf 
Differenzierung des Geschlechts beim Menschen gerichtet sei und nirgends sich 
Ansätze über eine solche Entwicklung hinaus beim Menschen vorfänden. 

Eine hermaphroditische Anlage würde zwei Keimdrüsen vorausetzen. Niemals seien 
solche erwiesen worden, die Zwitterdrüse bei gewissen sog. Hermaphroditen bedeute nur 
eine Drüse, meist stellten die Fälle von Zwittertum beim Menschen nur Mißbildungen 
der äußeren Geschlechtsorgane dar. Überhaupt handele es sich bei den genitalen Mi߬ 
bildungen um seltene Monstrositäten, die für die Anlage des normalen Menschen nicht 
beweiskräftig seien. 

Der Zweck, den Fritsch verfolgt, ist nicht eigentlich der, an und für sich die 
Zwischenstufentheorie ihretwegen zu entkräften, sondern wegen der Konsequenz», die 
er daraus befürchtet. 

Der Schluß des Aufsatzes deckt nämlich ungefähr folgenden leitenden Gedanken¬ 
gang ziemlich deutlich auf: ^ 

Fritsch hält die Aufrechterhaltung des § 175 Str.G.B. im Staatsintereese für wün¬ 
schenswert; er fürchtet aber, daß die Annahme sexueller auf Grund bisexueller Anlage 
entstehender Zwischenstufen und die Einreihung der Homosexuellen darunter einen 
Hauptgrund für die Abänderung des § 175 abgeben könnte. 

Würde dagegen die bisexuelle Anlage des Menschen als nicht bestehend und die 
daraus gezogene Annahme des Angeborenseins der Homosexualität als falsch erwiesen, 
so entfalle auch ein Hauptgrund für die Modifizierung des Strafgesetzes. 

In seinen Schlüssen irrt aber Fritsch völlig. Selbst wenn man annehmen wollte, 
daß die Uranlage des N o r m a 1 menschen keine bisexuelle sei, so beweist das nichts 
gegen die Auffassung, daß die Homosexualität aus angeborener Anlage, aus eigenartiger 
Konstitution, aus bisexueller Anlage sich entwickelt hat. 

Tatsächlich hat auch ein Forscher, Haiban (Die Entstehung der Ge¬ 
schlechtscharaktere. Eine Studie über den fonnativen Einfluß der Keimdrüse. 
Archiv für Gynäkologie Bd. 70. H. 2 — von mir besprochen in Hirschfelds Jahr¬ 
buch VII2. S. 709—714) — der besonders eingehend das Verhältnis der konträren Ge¬ 
schlechtsmerkmale zur Geschlechtsanlage bearbeitet hat, angenommen, daß diese kon¬ 
trären Merkmale, wozu er insbesondere die konträre Scxualempfindung rechnet, aus 
einem hermaphrodischen Ei herrühre, obgleich er annimmt, daß der Normalmensch sich 
entweder aus einem männlichen oder weiblichen Ei entwickle, obgleich er also für 
den Nortnalmenschen keine bisexuelle Uranlage supponiert. 

Die Tatsache aber, daß die Homosexualität jedenfalls auf organischer Basis, auf 
eigenartiger angeborener Konstitution beruht, dürfte nach den (weiter unten) bespro¬ 
chenen Experimenten und Keimtransplantationen an Tieren von Steinach kaum noch 
ernstlich bestritten werden können. Diese hochwichtigen gelungenen Versuche, die doch 
jedem, der sich mit den einschlägigen Fragen beschäftigt, zu denken geben müßten, er¬ 
wähnt Fritsch mit keiner Silbe. 

Seit dem Aufsatz von Fritsch sind nun aber von Goldschmidt Ergebnisse von viel¬ 
leicht noch mehr überraschenden Tierexperimenten veröffentlicht worden (siehe gleich¬ 
falls weiter unten), wodurch künstliche Zwischenstufen durch Rassenkreuzungen erzeugt 
wurden, die wohl zur Annahme der Zwischenstufentheorie beim Menschen zwingen und 
die Entstehung der Homosexualität auf Grund physischen Substrats außer Zweifel setzen. 

Übrigens scheint allerdings Fritsch zuzugeben, daß manchmal die Homosexualität 
angeboren und konstitutionell bedingt sein möge, aber dieser Tatsache will er dadurch 
die Bedeutung nehmen, daß er behauptet, es handle sich um sehr seltene Ausnahmefälle, 
BO daß er dann auch nicht wegen derartiger Ausnahme eine Abänderung des § 175 zu 
befürchten braucht. In Wirklichkeit jedoch ist das Vorkommen der konträren Sexual¬ 
empfindung nicht eine seltene, sondern eine relativ recht häufige Erscheinung. Um auch 
diese Häufigkeit des Vorkommens ihrer Wichtigkeit zu entkleiden, nimmt Fritsch za 


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Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 


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der schon von Moll in der ersten Auflage seiner „Konträren Sexualempfindung“ zurück* 

g ewiesenen und bespöttelnden sog. Lastertheorie zur Erklärung der meisten Fälle von 
omosexualität seine Zuflucht. 

Daß aber die konträre Sexualempfindung durch lasterhafte Gewohnheit usw. ent¬ 
stehe, werden heute nicht einmal die der Erwerbstheorie noch huldigenden Schriftsteller 
billigen, die doch meist nur einen kraft zwingender Assoziationen auf Grund disponierter 
Aplage sich vollziehenden Erwerb annehmen oder wenigstens annahmen. Denn auch bis¬ 
herige Anhänger der sog. Erwerbstheorie scheinen durch die Forschungsergebnisse Stei¬ 
nachs zur Theorie des Angeborenseins bekehrt worden sein, wenigstens sagt ein bis¬ 
heriger Verfechter der ersteren Anschauung, Marcuse, in seiner letzten Publikation: „Ein 
Fall von periodisch alternierender Hetero-Homosexualität 44 in der Monatsschrift 
für Psychiatrie und Neurologie Bd.41. H.3 (siehe weiter unten), daß eine wissen¬ 
schaftliche Erklärung jeglicher Art, sei es körperlicher, sei es psychischer Hermaphrodisie 
auf einer anderen Grundlage als der durch die Steinachschen Experimente festgefügte, 
künftig nicht mehr versucht werden kann. 

Diese Forschungen und Experimente eines Steinach und Goldschmidt in Verbindung 
mit den schon früheren namentlich seitens amerikanischer Forscher über Urkeime und 
Unellen Angestellten Untersuchungen stellen es aber außer Zweifel, daß überhaupt nicht 
nur bei den Zwischenstufen, sondern auch bei dem Normalmenschen die Uranlage eine bi¬ 
sexuelle ist. Natürlich ist es falsch, mit Fritsch von doppelgeschlechtlicher Anlage nur 
dann sprechen zu wollen, wenn das Vorhandensein von zwei Keimdrüsen bestehe. Viel¬ 
mehr ist bisexuelle Uranlage schon vorhanden, wenn der Urkeim, aus dem der Mensch 
sich entwickelt, männliche und weibliche Elemente enthält, dann ist eben auch begreif¬ 
lich, daß je nach der Mischung 'dieser verschiedenartigen Elemente auch Wesen sich ent¬ 
wickeln können, die nicht Vollmann oder -frau, sondern Zwischenstufen sind. 

Tatsächlich besitzt der Urkeim beide Elemente: männliche und weibliche. Das 
haben die neuesten Forschungen über die Zelle (namentlich amerikanischer Forscher) 
zweifellos ergeben. Vgl. insbesondere auch Haeckel, Gonochorismus und 
Hermaphrodismus: Ein Beitrag zur Lehre von den Geschlechts-Umwandlungen 
(Metaptosen) im Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen von Hirschfeld Jahrg. XUL ApriL 
lieft 1913 (S. 260—287): 

Er sagt S. 263 u. 264: „Wir müssen annehmen, daß in allem Keimplasma zwei 
verschiedene Substanzen gemischt sind, Androplasma, das männliche, und Gynoplasma 
das weibliche Idioplasma. Beide Sexualplasmen sind in chemischer Zusammensetzung 
sehr nahe verwandt und doch verschieden; beide liefen in beständigem Wettbewerb und 
Wechselwirkung; das Übergewicht der einen über die anderen bestimmt das Geschlecht 
des neuen Individuums, welches aus der Kopulation der beiden Geschlechtskeme beim 
Befruchtungsprozeß hervorgeht.“ Diese Forschungen tibergeht Fritsch mit völligem Still¬ 
schweigen. • 

Auch der Vergleich der sekundären Geschlechtsmerkmale liefert tatsächlich den 
Beweis einer doppeltgeschlechtlichen Anlage, und Fritsch ist im Irrtum, wenn er das be¬ 
streitet. In dieser Beziehung behauptet er, daß die Charakterisierung dieser Merkmale 
als männlich oder weiblich eine sehr schwierige, meist mehr oder weniger willkürliche 
sei, sog. konträre Merkmale seien meist nur mangelhaft entwickelt, oder hätten wie 
abnorme Behaarung (z. B. Bärte bei Frauen) .mit der geschlechtlichen Anlage nichts 
zu tun. 

Möge auch in manchen Fällen die Entscheidung darüber, ob ein Merkmal männ¬ 
lich, weiblich oder nicht genug differenziert sei, unsicher sein, so Ändert das nichts an 
der Tatsache, daß in sehr vielen Fällen sich bei jedem Geschlecht öfters Fälle mit 
deutlich konträr sekundären Geschlechtsmerkmalen vorfinden; darüber kann doch kein 
Zweifel bestehen, und nicht nur Hirschfeld, von dem Fntsch glauben lassen möchte, als 
sei er ungefähr der einzige eifrige Verfechter von dem Vorkommen von Zwischenstufen, 
ebenso nicht nur der von Fritsch immerhin erwähnte Neugebauer, sondern auch eine 
ganze Anzahl anderer Forscher, z. B. Haeckel, Hegar, Halban (die Fritsch nicht nennt) 
nehmen nicht nur die Häufigkeit konträrer sekundärer Geschlechtsmerkmale an, sondern 
fassen sie auch als Zeichen hermaphroditischer Anlage auf. Vollends haben die Exp«i- 
mente von Steinach und Goldschmidt die Abhängigkeit aller dieser Merkmale von der 
Geschlechtsdrüse erwiesen, und zwar in einem derartigen Maße, daß man auch nicht 
mehr mit Halban einen bloßen protektiven, lediglich fördernden Einfluß auf dis 
Entwicklung der — an und für sich nach Halban von der Geschlechtsdrüse unabhängig 
entstehenden Merkmale — annehmen kann, sondern auf einen formativen, bildende!* 
schließen muß. 


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Referate. 


Die Annahme ist jetzt berechtigt, daß die Entwicklung sekundärer Geschlechts¬ 
merkmale ganz von der Zwischendrüse abhangt und daß diese dafür entscheidend ist, 
welche von den latenten bisexuellen Keimen und Anlagen durch sie hervorgelockt 
und zur Potenz gebracht werden. ! 1 . ' ' 

Also bisexuelle Uranlage der Gesamtkonstitution, Konstitution der Drüse mit ihren 
Sekreten und Geschlechtsmerkmale aller Art stehen im Zusammenhang mitein¬ 
ander und letztere werden bestimmt durch die Formation der Konstitution, hauptsäch¬ 
lich aber durch die Sekretionsart und die ihre Grundlage bildende Driisenbeschaffenheit, 
und zwar ist dieser Mechanismus offenbar dem Wesen nach der gleiche bei 
Normaljnann, Normalweib und sexuellen Zwischenstufen und hat seinen letzten Grund 
in der bisexuellen Anlage der Urkeime. (Fortsetzung folgt.) 

Referate. 

Pathologie und Therapie. 

1. Schumann, Zur Behandlung der Sterilität der Kühe« (Berl. Tierärztl. Woch. 

1917. Nr. 35.) 

Der sogenannten „Stillochsigkeit“ wegen behandelte Yerf. 245 Kühe durch Ab¬ 
drücken des Corpus luteum persistens oder durch Massage des Uterus und der Ovarien. 
Das Abdrücken des Corpus luteum verursachte niemals Schwierigkeiten, Nachblutungen 
aus dem Ovarium wurden nie beobachtet. Nur in drei Fällen war die Menge der Abend- 
miloh vermindert. Einfaches „Umrindem“ wurde ebenfalls durch Abdrücken des Corpus 
luteum behandelt. Der chronische Gebärmutterkatarrh wird behandelt durch Hervorziehen 
der Cervix uteri und durch Ausspülen bzw. Infundieren von Arzneilösungen (physioL 
Kochsalzlösung, 70% Alkohol, Lugolsche Lösung), verbunden mit gründlicher Massage des 
Uterus. 18mal war der chronische Gebärmutterkatarrh mit Zystenbildung in den Ovarien 
verbunden. Die Zysten sind vom Mastdarm aus zu*zerdrücken. Als sicheres Symptom 
der zystischen Entartung des Ovariums darf die Senkung der Beckenbander sowie Schwel¬ 
lung und Vergrößerung der Vulva (Entropium vulvae) betrachtet werden. In 70% besteht 
Stiersucht, in 30% Stillochsigkeit. Die Indikation für die Behandlung des Gebärmutter¬ 
katarrhs gibt der Zuchtwert und der Milchertrag der in Frage kommenden Kuh. Den 
Grad des Leidens zeigt die Beschaffenheit der Zervix. Starke Schwellung und polypöse 
Wucherungen derselben sind ungünstig zu beurteilen. Pyometra erfordert nach Abgang 
des Eiters wiederholte Spülungen und Infusionen. Die Entleerung des Eiters erreicht man 
durch Abdrücken des Corpus luteum. In vier Fällen wurden Ovarialtumore, in 16 
Tuberkulose der Eierstöcke festgestellt. Bezüglich der Beziehungen des infektiösen Abortus 
zur Sterilität konnte Sch. feststellen, daß dauernde Sterilität nach dem Abortus selten ist, 
daß jedoch oftmals die Konzeption infolge zu langsamer Involution des Uterus ver¬ 
zögert wird. L. R. 

2. Frasch, Efn interessanter Fall ans der Geburtshilfe. (D. Tierärztl. Woch. 1917. 

Nr. 36.) 

Fr. wird zu einer Kuh gerufen und findet bei der Exploration den Darm, Magen, 
Milz, Leber, Lungen und Herz hinter einer das Kalb nach rückwärts abschließenden derben 
Muskel* und Sehnenplatte, die das Zwerchfell vorstellt, jedoch bedeutend dicker und 
härter ist als das normale Zwerchfell. Za beiden Seiten sind kurze gekrümmte Füße zu 
fühlen. Die Kuh mußte geschlachtet werden. Die Untersuchung des Kalbes ergab, daß 
der Kopf außerordentlich groß und dick, die kurzen Füße gekrümmt waren und die 
Lendenwirbel fehlten. Die Hinterfüße waren nur durch die Haut mit dem übrigen Körper 
verbunden. Fr. faßt das Gebilde als Perosomus auf. Außer dieser Mißgeburt fand sioh 
ein normal entwickeltes Kalb in der freien Bauchhöhle. L. R. 

3. Hadley-Lothe, Der Bulle als Verbreiter des seueheah&ften Verwerten». Journ. 

Amer. Vet. Ned. Assoc. 50. 1916. S. 143. (Aus Schweizer Arch. f. Tierheilk. Bd. 59. 

H. 9. 1917.) 

Obwohl es keinem Zweifel unterliegt, daß der Stier Abortusbazillen von infizierte* 
Kühen auf gesunde Tiere übertragen kann, so darf doch die Gefahr nicht zu hoch ein- 


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Referate. 79 

geschätzt werden, da der Organismus des Stieres zwar infizierbar ist, dem Abortusbazillus 
gegenüber aber widerstandsfähiger ist als der weibliche Organismus. Die Erreger werden 
infolgedessen abgeschwächt so daß sie angeblich] keine Gefahr für gesunde Kühe dar- 
steüen (?). L. R 

4. Schochet, Über den ProzeB der Ovulation. Anat. Record 10. 1916. S. 447. (Aus 
Schweizer Arch. f. Tierheilk. Bd. 59. H. 9. 1917). 

Autor hatte die Vermutung, daß die Follikelflüssigkeit ein Enzym enthalte, welches 
auf die Theca verdauend, verflüssigend einwirke und damit das Bersten des Follikels 
verursache. Das Experiment wurde mit Schweineovar, Fibrin, Bindegewebe, Muskulatur 
ausgeführt. Die Folllkelflüssigkeit baute Fibrin, fibrinöses Bindegewebe, Muskulatur, be¬ 
sonders Ovarialgewebe ab. Sie enthält somit ein proteolytisches Ferment, welches durch 
Verflüssigung der Follikel wand die Eröffnung derselben an der dünnsten Stelle durch 
gelingen Druck möglich macht. L. R. 


Kriegsliteratur. 

Prof. Fried 1 Pick: Über Sexualsttfrangen im Erlege. Wiener klm. Wochenschrift. 

1917. Nr. 45. 

„Es klagten über hochgradigere Störungen der Sexualfunktion von 25 Offizieren 
zehn, von 75 Angehörigen des Mannschaftsstandes drei. Es zeigt sich also für unser 
Material, welches keineswegs irgendwie besonders gesiebt ist — meine Abteilung hatte 
"bis in die jüngste Zeit, wo sie Sammelstelle für Malaria wurde, ein wahllos von den 
Transporten oder über Heimatwunsch kommendes, bis auf Infektionskrankheiten gar nicht 
gesichtetes Material —, ein auffallend stärkeres Befallensein der sozial höher Stehenden, 
was noch dadurch deutlicher wird, daß unter den drei Personen des Mannschaftsstandes 
ein Einjährig-Freiwilliger und ein wohlhabender Kaufmann ist. Dieses mehr als zehn¬ 
fach stärkere Befallensein der sozial höher Stehenden, vorwiegend der Stadtbevölkerung 
Angehörigen, stimmt ja sehr gut mit den Erfahrungen des Friedens überein, wo man ja 
auch Fälle mit Störungen der Potentia virilis fast nur in der Privatpraxis, äußerst selten 
im Krankenhausmaterial sieht. Was nun die Art der Störungen betrifft, so sind in der 
Mehrzahl der Fälle von den drei Partialfunktionen Libido, Erektion und Ejakulation alle 
drei erloschen (7 von 12 Fällen), in den übrigen wurde bei vorhandener Libido über 
ungenügende oder fehlende Erektion und vollständiges Ausbleiben der Ejakulation geklagt 

Auch bei Leuten, die nicht spontan klagten, ergab sich bei der Befragung durch 
Kollegen Stransky mehrfach die Angabe, daß — es handelte sich da meist um Verheiratete, 
die die Transferierung in ein Heimatspital wegen der Familie erbeten hatten — Verkehr 
zwar möglich, aber mit einer den Leuten auffallenden Gleichgültigkeit und ohne Libido 
stattfinde. Die oben genannten Fälle stärkerer Sexualstörungen standen im Alter von 
23 bis 42 Jahren und gaben alle an, früher sexuell voll leistungsfähig gewesen zu sein, 
weshalb ihnen eben die jetzige Abnahme so auffallend war. Dieser relativ großen Zahl 
von Fällen, welche mehr minder hohe Grade von Impotenz darstellen, steht nur ein Fall 
von Ejaculatio praecox gegenüber, betreffend einen 21 Jahre alten Fähnrich, der mit 
leichter Albuminurie und Herzhypertrophie bei uns lag und, seit 14 Tagen im Hinter¬ 
land, beim ersten Versuch Ejaculatio praecox bemerkte. Interessanterweise gab er auch 
an, bei starkem Trommelfeuer während großer Aufregung bemerkt zu haben, daß sich 
plötzlich ohne Erektion und ohne sexuelle Aufregung eine Ejakulation einstellte, also ein 
Analogon zu der bei Schreck- und Angstzuständen ja öfter zu beobachtenden Steigerung 
der Darmtätigkeit mit unwillkürlichem Stuhlabgang. Betrachten wir nun die Fälle in 
bezug auf ihre übrigen Krankheitserscheinungen, so zeigt sich, daß in sieben Fällen eine 
Erschütterung oder Verschüttung durch Granaten oder Lawinen die Ursache war und 
von diesen ein Fall Symptome einer Rückenmarkserschütterung, seohs Fälle das bekannte 
Bild mehr minder starker Schreckneurosen zeigten; in vier Fällen bestand eine hoch¬ 
gradige Neurasthenie mit verschiedenartigen Beschwerden, ohne daß ein Trauma spezieller 
Art vorausgegangen war, in einem Falle lag eine Colitis ulcerosa mit hochgradiger Anämie 
— wohl nach Dysenterie — vor. Während in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle 
die Sexualstörungen gegenüber den sonstigen Krankheitssymptomen zurücktraten und 
erst gelegentlich nach längerem Aufenthalt von den Patienten gemeldet wurden, waren 
unter den Fällen von Neurasthenie ohne Trauma zwei, welche angaben, daß sie wegen# 
anderweitiger Erkrankungen (Gelbsucht, Gelenkrheumatismus) ins Hinterland abgeschoben, 
zunächst keine nervösen Beschwerden hatten und erst in der Rekonvaleszenz obiger Er- 


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Referate. 


Kränkungen das Auftreten von Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Aufgeregtheit usw. be¬ 
merkten und als Ursache diaser Zustände die Erkenntnis ihrer Impotenz bezeichneten. 
In dem einen der Fälle (ein 25jähriger Leutnant) standen die Sexual Störungen derart int 
"Vordergrund, daß es zu den bekannten Minderwertigkeitsideen und Suizidäußerungen kam. 
Was den objektiven Befund der Urogenitalorgane betrifft, so war derselbe meist natürlich 
negativ; dreimal schien allerdings eine besondere Kleinheit der Testikel vorhanden za 
sein, doch sind ja die Größen Verhältnisse sehr schwankend, einmal — in dem Falle von 
Rückenmarkserschütterung — wurde zeitweise Blasenschwäche angegeben, sonst war in 
keinem der Fälle irgendein besonderer pathologischer Befund nachweisbar, insbesondere 
keine Sensibilitätsstörungen in dieser Gegend.“ 

Über die Ursachen dieser merkwürdigen Kriegsimpotenz, die von vielen Beobachtern 
bestätigt wird, weiß uns Pick eigentlich sehr wenig zu sagen. Er betont die Bedeutung 
der Unterernährung, sucht in Fällen von Erschütterung nach zentralen Lokalisationen 
der Neurosen, hält also im großen und ganzen diese Impotenz für eine organisch bedingte. 

Meine Erfahrungen, die sich auf ein weit größeres Material erstrecken, haben mir 
gerade das Gegenteil bewiesen. Ich konnte in jedem Falle, mit dem ich mich eingehend 
psychologisch befassen konnte, eine sichere seelische Wurzel nach weisen. Schon die von 
Pick hervorgehobene Tatsache, daß viel mehr Offiziere an Impotenz erkranken als Leute 
aus der Mannschaft gibt uns zu denken. Auch mein Material erhält fast zehnmal so 
viel Offiziere als gewöhnliche Soldaten, obgleich ich als Leiter einer großen Nerven¬ 
abteilung täglich fast nur mit der Mannschaft zu tun habe und sie gewissenhaft nach 
Störungen der Potenz ausgefragt habe. Dagegen erscheint fast täglich in meiner Sprech¬ 
stunde ein Offizier mit der gleichen Klage. Da sonst bei den traumatischen Neurosen 
das Verhältnis das umgekehrte ist, was gleichfalls von vielen Neurologen hervorgehoben 
wurde, so merken wir, daß an dieser Art der Impotenz vorwiegend intelligente Menschen 
erkranken, die psychischen Konflikten leichter ausgesetzt sind und deren Liebesieben viel 
differenzierter ist. 

Es ist fast unmöglich, in einem Referate auf alle seelische Wurzeln dieser Impotenz 
einzugehen, die nicht zu verwechseln ist mit der Abnahme der Libido im Felde. Dieses 
Fehlen sexueller Erregungen im Felde geht auf Strapazen, auf das Überwiegen des 
Lebensinstinktes, auf eine gewisse latente Depression zurück. (Übrigens wird auch eine 
gesteigerte sexuelle Erregung vor einem gefährlichen Kampfe häufig berichtet — und die 
vielen Schilderungen von Vergewaltigungen im Felde stimmen keineswegs mit dem Bilde 
des asexuellen Soldaten, daß so viele Neurologen jetzt entwerfen.) Der eigentliche psy¬ 
chisch Impotente des Krieges zeigt sich erst im Hinterlande. Er kommt angeblich voller 
Sehnsucht zu seiner Frau oder seiner Geliebten zurück und versagt hier vollkommen oder 
bringt es nur zu einer schwachen Erektion mit Ejaculatio praecox — trotz starken 
seelischen Verlangens. In diesen Fällen gelang es immer nachzuweisen, daß sich in der 
langen Zeit der Trennung zwischen den Ehegatten Schranken aufgerichtet haben, die 
dann kaum mehr niedergerissen werden konnten. Manchem Liebenden sind erst da 
draußen während der langen Trennung „die Augen aufgegangen“. Mancher machte 
draußen den furchtbaren Prozeß der „Entwertung des Liebesobjektes“ durch, der so oft 
zu psychischer Impotenz führt Manchem wuchsen die negativen Einstellungen gegen 
die Frauen in dem Maße, als er nur mit Männern zu tun hatte. Der ununterbrochene 
intime Verkehr mit Männern führt auch zu einem Ausbau der nie fehlenden homo¬ 
sexuellen Komponente. Die Krieger sind draußen sozusagen auf den Mann gestimmt 
und müssen sich im Hinterlande erst auf das Weibliche transponieren. 

Doch von alledem findet sich in der Arbeit von Pick kein Wort. Haben die 
Neurologen noch immer nicht gelernt, daß man sich auch mit dem psychologischen 
Faktoren der Neurosen beschäftigen muß? Daß es auch eine seelische Lokalisation der 
körperlichen Störungen gibt? 

Die Kriegsimpotenz gäbe eine sehr lehrreiche Arbeit für einen psychologisch ge^ 
schulten Neurologen. Sie wäre ein wichtiger Beitrag zum Thema der psychischen 
Impotenz. Dr. Wilhelm Stekel. 


Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Iwan Block in Berlin. 
A. Marcos k E. Webers Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn. 
Druck: Otto Wlgaod’sche Bnchdrockerel €L nt. b. EL in Leipzig. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

Fünfter Band Juni 1918 3. Heft 


Frauenschicksal — Völkerschicksal. 

Von Prof. Johannes Dück 

in Innsbruck. 

I. 

Psychologie und Statistik der Eheschließung. 

Die Frage eines hochwertigen Nachwuchses ist nicht bloß eine, sondern 
d i e Frauenfrage! „Die Frau und Mutter, in Glück und Not, spiegelt das Schick¬ 
sal der Familie im engeren, der ganzen menschlichen Gesellschaft im weiteren 
Sinn wider. Das Studium des Frauenlebens eröffnet weite Blicke in die mannig¬ 
fachen Probleme, welche über den engeren Kreis des Individuums hinaus den 
Staat und die ganze Menschheit angehen“ (Hirsch). Keine andere Frage aber 
hat es in unserer Zeit der wütendsten, leidenschaftlichen Kämpfe zwischen „eman¬ 
zipierten“ Frauen und „Mannesrechtlern“ so nötig, nicht vom Standpunkt nackten, 
gierigen, vermeintlichen Genüssen nachjagenden Egoismus aus, sondern von dem 
der Ein- und Unterordnung unter höhere Ziele des Stammes, Volkes, der Mensch¬ 
heit überhaupt aus betrachtet zu werden. In dieser Frage gipfelt der Gegen¬ 
satz: Herren-Sklaven-Moral einerseits und gesellschaftstüchtige Rangeinordnung 
andrerseits! — 

Wir gehön bei unseren Feststellungen und Überlegungen von unbestreit¬ 
baren und daher wirklich grundlegenden Voraussetzungen aus. Das, was die 
Frau zur Frau macht, was sie vom Mann unterscheidet, ist ihre Fähigkeit, 
Mutter zu werden. Das ist ein Vorzug und ein Nachteil zugleich! Ein Vor¬ 
zug, weil sie dadurch natürlichen Anspruch auf Fernhaltung aller jener Schädi¬ 
gungen hat, welche sie an der Erfüllung ihren fraulichsten Aufgabe hindern 
oder gar dazu untauglich machen könnten; darin liegt auch. alle wahre Ritter¬ 
lichkeit gegenüber der verlogenen „Galanterie“ begründet. Dann ein Nachteil, 
■weil sie durch eben diese Fernhaltung sich selbst eine gewisse Beschränkung 
in ihrer Betätigung auferlegen muß. 

Für den Mann dagegen stellt der Fortpflanzungsvorgang (im engeren Sinn) 
nur eine verhältnismäßig kurze Episode dar, die ihm kein natürliches Recht 
auf Fernhaltung der Kämpfe und Stürme des Lebens, aber eben darum auch 
keine solche Beschränkung in der Betätigung auferlegt, wie der Frau! Bei 
dieser ist ja nun einmal der Fortpflanzungsvorgang so eingerichtet, daß er sich 
über größere Zeiträume des Lebens erstreckt. Daher ergibt sich denkrichtig 
und notwendig folgende Verbindung: Entweder die Frau fühlt sich als d««^ 
was ihr Name ausdrückt, nämlich als wirkliche oder mögliche Mutter, dann hat 
sie Anspruch auf alle Rücksichtnahmen, die sich daraus ergeben; aber auch der 
Pflicht, sich von allem fernzuhalten, was sie in der Ausübung ihres wesent-, 
lichsten Berufs schädigen könnte; oder aber sie will mit dem Mann die Weite 
des Betätigungsfeldes teilen, mit ihm in Wettbewerb treten, dann darf sie auch 
Zeitschr. 1 Sexualwissenschaft V. 3. 7 

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Original fro-m 

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Johannes Duck. 


keine andere als allgemein menschliche Rücksichtnahme verlangen, sie muß ganz 
gleich alle Widrigkeiten des Daseins über sich ergehen lassen und den Kampf 
mit ihnen aufnehmen, wie der Mann; auf Rücksichten als Frau hat sie damit 
verzichtet. 

Nun fehlen aber tatsächlich die notwendigsten Voraussetzungen, damit das 
zweite überhaupt nur möglich wäre: auch die Frau kann nicht „aus ihrer Haut 
fahren“! Jüngst hat Sellheim in einem äußerst klaren Aufsatz über die 
„Geschlechtsunterschiede des Körpergebäudes“ (Umschau, 1917, H.30) ausgeführt, 
daß „die hochgradige, spielende Anpassungsfähigkeit (des Frauenkörpers), .die 
den Aufgaben des Fortpflanzungslebens zugute kommt, ihre Kehrseite fürs übrige 
Leben hat“, indem die Frau eben niemals dauernden, auch nicht oft wieder¬ 
holten Beanspruchungen „von außen her“ so gewachsen ist, wie der Mann. 
Die Frau wird, selbst wenn ihr aus irgendwelchen Gründen die Mutterschaft 
versagt ist, niemals ein geschlechtsloses Wesen oder gar ein Mann; gerade die 
neueren Versuche von Geschlechtsumwandlung bei jugendlichen Tieren (haupt¬ 
sächlich durch den Wiener Physiologen E. Steinach) haben aufs deutlichste 
experimentell gezeigt, wie schon mit den männlichen, beziehentlich weiblichen 
Keimdrüsen eine ganze Reihe anderer einschneidender physiologischer Vorgänge 
und Zusammenhänge verknüpft sind, die eben, zusammengenommen, mehr auf 
Kampf und Widerstand, oder auf Schonung und Rücksichtnahme eingestellt 
sind. Man kann ja auch nicht auf einer Mikrometerwage Kohlensäcke und 
auf einer Dezimalwage chemische Reagentien - Rückstände wiegen und doch 
nicht die eine oder die andere deswegen als „minderwertig“ auffassen. Sie 
sind eben anderswertig, jede ist für andere Aufgaben zweckmäßig gebaut. Diese 
Tatsachen sind so überzeugend, so notwendig mit dem Wesen von Mann oder 
Frau verbunden, daß eben alle Gewöhnungs- und Vererbungserscheinungen, selbst 
durch Jahrtausende in beliebiger Anzahl angenommen, nicht an den innersten, 
wesentlichen Kern von Mann oder Frau heranreichen. Diesen nun einmal 
grundlegend gegebenen Unterschieden gegenüber sind alle Untersuchungen über 
intellektuelle und ethische Verschiedenheiten nur solche, die sich auf Ableitungen 
aus diesen wesentlichen Voraussetzungen beziehen können. Die Frauenfrage ist 
somit auch eine Männerfrage; sie ist aber noch viel mehr. Sie ist eine Volks-, 
Staats- und Weltfrage; die Bedeutung der Frau als Mutter steht hier in erster 
Linie, die des Mannes als Vater erst in zweiter Linie; die Frau ist ja der 
„Mutterboden, in welchen das Samenkorn des künftigen Menschen hineingepflanzt 
wird, in welchem er wächst, aus welchem er seine Nahrungsstoffe während der 
intrauterinen Entwicklung und später während der Säuglingszeit entnimmt, 
unter dessen unmittelbarster Einwirkung er steht, bis er sich in gewissem Alter 
zum selbständigen Leben von ihm loslöst“ (Hirsch). 

Man hat nun zu allen Zeiten — um einen beliebten Einwand zu behandeln — 
als eine in der natürlichen Entwicklung der Frau stehen gebliebene, erstarrte 
Type die des „Nur-Weibchens“ gefunden und die „Dirne“ und die „alte Jungfer“ 
sind da näher verwandt, als man glaubt Ohne unseren späteren Betrachtungen 
vorzugreifen, soll doch schon an dieser Stelle festgelegt werden, daß selbst die 
Aufgabe, welche sich die Frau als „Nur-Weibchen“ setzt, sie schon notwendig 
unfähig macht, auf all die Rücksichtnahmen zu verzichten, welche ihm ein Wett¬ 
bewerb — ein wirklicher! — mit dem Mann auferlegen würde. Selbst unter 
diesem Gesichtspunkt also, den wir einstweilen gar nicht ethisch bewerten, wäre 
ein bedeutender Unterschied der Geschlechter von vornherein gegeben. Das 
Hinauswollen“ über die nun einmal von Natur gegebenen Schranken erinnert 
lebhaft an den Reiz, welchen schon jeder Bibelleser vom „Baum der Erkenntnis 


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Frauenschicksal — Völkerschioksal. 


83 


im Paradies“ her kennt, von dem „einzigen Baum, von dem sie nicht essen 
durften“. Der Beiz des Schönen liegt im Nichtbesitz, ist ja eine tausendfältig 
bestätigte Wahrheit. Und wenn die Mutterschaft sicher auch mit tausenderlei 
Beschwerden und Gefahren verbunden ist, so ist andrerseits der Kampf des 
Mannes ums Dasein för sich und die Seinen ebenfalls nicht auf rosenbestreuten 
Wegen. Beide Geschlechter aber haben ihre eigenen frohen, beseligenden Glücks- 
geföhle, ihre Vorzüge: die des Weibes liegen eben in erster Linie in der pflicht¬ 
gemäßen Rücksichtnahme, die der Mann auf sie als Frau — nicht als geschlechts¬ 
loses Wesen! — übt; die des Mannes aber in der großen Entwicklungsfähigkeit 
und in der Möglichkeit großer äußerer Machtentfaltung; darum kann jedes Ge¬ 
schlecht auf seinem Gebiet sein Glück suchen in der Befolgung des goldenen 
Spruches: 

Mach es wie die Sonnenuhr, 

Zähl die heitern Stunden nur! 

Doch kehren wir wieder zu den staatsbürgerlichen Überlegungen im engeren 
Sinn zurück! 

Die Frau ist ihrem innersten Wesen nach zur Mutterschaft bestimmt und 
deshalb von den entsprechenden Schädlichkeiten fernzuhalten. So hat die 
Allgemeinheit ein Interesse daran, ihr auch die Schutzhüllen zu geben, deren- 
sie zur Ausübung und Vorbereitung auf ihre wichtigste und edelste Lebens¬ 
aufgabe bedarf; diese Schutzhüllen aber sind in der Familie, in der Ehe und 
in gesellschaftlichen Sonderrechten gegeben. Für das „Nur“-Weibchen aber ist 
im staatsbürgerlichen Sinn kein Platz in der Ehe. Das sollten sich alle die¬ 
jenigen sagen, die das Weib dem Manne „gleichstellen“ wollen. Diese Gleich¬ 
stellung müßte, um wirklich eine solche zu sein, sich auf alle Verhältnisse 
erstrecken und damit hörte die Familie von selbst auf. Die einzige (aber uto¬ 
pische, wie aus andern Gründen erhellt) logische Folgerung wäre der Kommunis¬ 
mus. Das wollen aber gerade die fraulichsten Frauen am allerwenigsten. Gerade 
die „Familie“ ist ja das ureigenste Wirkungs- (und Herrsch-!) Gebiet der Frau; 
und zwar jeder Frau, auch wenn sie bloß der Möglichkeit nach Mutter ist. 
Wer möchte leugnen, daß nun einmal ein geradezu unzähmbarer „Bemutterungs¬ 
trieb“ in jedem Weibe liegt, ein Bemutterungstrieb, der ja mitunter Auswüchse 
zeigen kann, in der Regel aber nicht bloß der Frau innere Befriedigung ge¬ 
währt, sondern sie gerade dem Mann erst recht liebenswert und schätzenswert 
macht Und das trotz mancher vielleicht einmal hingeworfenen bärbeißigen 
Bemerkung! Dieser „Bemutterungstrieb“ sucht sich bei Frauen ohne Kinder 
einen Ersatz und bietet wohl den psychologischen Schlüssel zu mancher irrig 
als „Herrschsucht“ ausgelegten Erscheinung. 

Man sage mm ja nicht, daß die Frau in dem Wirkungskreis der Familie 
als Hausfrau, Gattin (=- Weibchen, aber nicht „Nur-Weibchen“! =» mögliche 
Mutter) und als wirkliche Mutter irgendwie zu kurz komme! Vielleicht an 
Betätigungsmöglichkeiten?! — Aber wie unendlich mannigfach sind die Tätig¬ 
keiten, welche die Hausfrau entwickeln kann, um ihr und ihres Mannes, ihrer 
Kinder - oder Eltern Heim zu einem wahren Paradies zu machen — freilich 
auch zur Hölle, wenn sie es nicht •versteht! — Oder etwa an Einfluß?! — 
Wenn die Frauen wüßten, welchen Einfluß sie mittelbar durch die Männer auf 
die Geschicke der Völker ausüben, würden sie sich glücklich schätzen, gewisser¬ 
maßen hinter den Kulissen soviele Fäden in ihrer Hand zu vereinigen. Oder 
etwa gar an innerer Befriedigung?! — An Glück, nach dem wir ja alle streben?! — 
Fragt die Tausende, welche eine gefeierte Mädchenzeit mit einer einfachen, 
Stillen Häuslichkeit vertauscht haben, fragt selbst die lautesten Schreierinnen 

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84 


Johannes Dück. 


nach „freier Liebe“, die sich schließlich doch bequemten, das schmale Reiflem 
ohne Stein an den Finger zu stecken, ob sie je ihren Schritt bereuten ? Ja, fragt 
selbst die Armen, -welche Schiffbruch auf der Fahrt nach dem heißersehnten 
einzigen Glück gelitten, und entweder als stille Dulderinnen neben einem 
Trunkenbold, übermäßigen Raucher oder Spieler ausgeharrt und manchen gänz¬ 
lichen Absturz durch ihrer Hände Arbeit verhindert, oder, wenn es durchaus 
unmöglich war, tränenden Auges von dannen zogen, auf den armseligen Planken 
ihres zerschellten glückhaften Schiffs, ob sie nicht trotz alledem die Erinnerung 
an die süßesten, beglückendsten Stunden ihres ganzen Frauendaseins im Kreise- 
der Familie und in ihrer Häuslichkeit mitgenommen! Ob das nicht vielfach 
der einzige Zufluchtsort ist, der sie trotz allem Ach und Weh vor freiwilligem 
Scheiden aus einem nun so inhaltslosen Erden wallen abgehalten hat?! 

Die Frau macht die Häuslichkeit, die Frau macht in erster Linie die 
Familie aus; von ihr hängt’s ab, ob sie Himmel oder Hölle ist, ob Mann, Kind 
qnd Eltern sich in ihr wohl uud geborgen fühlen oder nicht Die Frau hat’s 
in ihrer Hand, den Magnet anziehend oder abstoßend zu machen, der den Manu 
nach Hause mit unwiderstehlichem Sehnen — oder ins Wirtshaus mit ver¬ 
bissenem Groll und verhaltenem Ärger treibt ... die Frau, sie ahnt es ja selbst 
gar nicht, ist viel öfter die Königin und Herrscherin im Leben des Mannes, 
als er zugesteht und sie sich’s träumen läßt. — 

Aber, es gibt ein Aber! Es kostet auch Arbeit, die vielbesungenen 
„Rosenketten“ zu flechten! Viele Frauen glauben gar nicht, wie sie sich gerade 
durch Arbeitsamkeit und häuslichen Fleiß tausendmal mehr im Herzen des 
Mannes und in der Achtung aller Mitmenschen verankern als durch alle die 
Künste und Kniffe, die nur auf eine ständige neue Reizung der Sexualität des 
Mannes abzielen. Doch halt! Hier kommen wir an einen wunden Punkt So 
viele Frauen machen die sie betrübende Wahrnehmung, daß sie nach kurzen 
oder längeren Flitterwochen von ihren Männern links liegen gelassen werden, 
daß diese anderen Sinneskitzeln lieber folgen, und schieben das nun auf die 
Unmöglichkeit, Hausfrau und begehrenswerte Geliebte des Mannes zugleich sein 
zu können. Die armen Törinnen, die, sich selbst täuschend, die blasierten Reden 
unerfahrener Jungen mit der unverdienten Ehre ausstatten, sie für voll zu 
nehmen, statt sich nach den Männern, den ganzen Männern zu richten, die 
etwas sind und etwas leisten im Leben, die etwas zu sagen haben, die allein 
imstande sind, eine Familie zu gründen und die daher allein für eine Frau in 
Betracht kommen können. Diese dummen Wirtshausprahlereien, die zwischen 
Tabaksqualm mit lallender Zunge und stieren Auges im Zustand der akuten 
Alkohol- und Nikotinvergiftung verbrochen, nichts anderes als moralischen 
Katzenjammer zum physischen erzeugen, die von denen, die sie sprachen, selbst 
später nicht mehr als für sie bindend angesehen, sondern mit der damaligen 
Unzurechnungsfähigkeit abgestoßen werden. Und da sollten sich die Frauen 
täuschen lassen ?! Nein und tausendmal nein! Das ist ja eben die Kunst, sich 
niemals so gehen zu lassen, so zu benehmen, daß der Mann abgestoßen wird. 
Es gibt einen natürlichen „Chick“, einen Liebreiz, eine in der guten Kinder¬ 
stube erworbene Reinlichkeit und Sauberkeit — nicht bloß in körperlicher Be¬ 
ziehung — welche bei jeder Arbeit und in jeder Lage wie verklärend, Sonnen¬ 
schein spendend über einem Wesen liegen kann. Was macht es denn, daß 
z. B. eine plötzlich reichgewordene Kriegsgewinuerin trotz dem reichsten Brillant- 
schmuck, auffallendstem Pelzwerk, trotz „Maniküre“ und „Pediküre“, trotz 
teuerster Parfüms viel mehr abstößt als manches einfache aber „blitzsaubere“ 
Madel und manche junge Frau oder feine alte Dame, die den Hauch eines 


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Frauenschicksal — Völkerschicksal. 


85 


nach jeder Richtung reinlichen, beglückten und beglückenden harmonischen 
Lebens auf ihren Zügen trägt?! Es ist immer von vornherein verdächtig, wenn 
eine Frau um jeden Preis auffallen will, wenn sie die unmöglichsten Formen, 
die schreiendsten Farben, die unbegreiflichsten und unbehaglichsten Unarten 
{Rauchen, schmerzende Schuh- und Miederarten usw.) zur Schau trägt, wenn 
sie auf keinem Korso fehlt, stets im „Schaufenster“ des Kaffeehauses sitzt — 
da ist nicht viel Echtes dahinter! Auch der Bankrotteur sucht noch den 
drohenden Zusammenbruch durch größte Prachtentfaltung und Krediterjagung 
zu verhindern; auch sonst schreien im Leben diejenigen am meisten, die am 
wenigsten zu sagen haben; und so ist es eine alte Erfahrung, daß diejenige 
Frau nicht bloß die beste, sondern anch die glücklichste ist, von der man am 
wenigsten hört. Welche Frau, die etwas auf sich hält, könnte einen Stolz 
darein setzen, mit den Dirnen zu wetteifern; welches Mädchen von gesundet 
Natürlichkeit fühlt sich von halbwüchsigen Buben angezogen, die klüger sein 
wollen als es ihrem Alter zukommt? Laßt der Jugend ihren Frohsinn, aber 
nur wenn sie Jugend sein will, nicht wenn sie, geistig und körperlich ange¬ 
kränkelt, reife* Männer kopieren will! 

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, auf all die Einzelheiten ein¬ 
zugehen; nur auf eines soll ausdrücklich hingewiesen werden, das unbedingt 
zu den staatsbürgerlichen Hochzielen gehört, nämlich auf die kulturellen, vor 
allem wirtschaftlichen Vorbedingungen zur Schaffung einer Familie, einer Familie, 
die ein Hort der künftigen Generation, ein Paradies für die schaffende Gegen¬ 
wart und ein Glückswinkel für die Alternden sein soll. Und hier wollen wir 
an einige statistische Tatsachen anknüpfen! 


Einkommenshöhe der ein- 

Bevölkerungsschicht 

Anteil am Ges.-Eink. 

zelnen Bevölkerungsschichten 

Proz. d. Bevölk. 

Proz. d. Zensit. 

revid. Statist. 

bis 1 380 Mark 

671,9 

•750,78 

45,7°/, 

1380- 3 960 

291,7 

220,36 

29,5 „ 

3 960— 7 970 

20,6 

16,42 

7,0 „ 

7 970— 13 320 

9,4 

7,36 

3,7 „ 

13 320- 46 580 

5,1 

4,12 

6,5 „ 

46 580-150 000 

1,0 

0,81 

3,9 „ 

über 150000 Mark 

0,2 

0,15 

3,7 „ 


Daraus ergibt sich, daß 68% der Gesamtbevölkerung oder 75% = volle 
drei Vierteile der Steuerzahler nur ein Jahreseinkommen bis höchstens 1380 Mark 
ihr Eigen nennen können; trotzdem macht das fast die Hälfte des gesamten 
Volkseinkommens ausf 

Nimmt man aber die nächste Stufe noch hinzu, so ergibt sich, daß 98% 
der Bevölkerung oder nicht weniger als über 99% der Steuerzahler darunter 
fallen, d. h. weniger als 3960 Mark Jahreseinkommen haben; der Anteil am 
Gesamt -V olksein kommen beträgt für diese beiden Schichten zusammengenommen 
aber nun reichlich drei Vierteile. 

Da nun die verheirateten Steuerzahler zum weitaus größten Teil (annähernd 
04%) männlich sind, kann man die oben angegebene Zahl von 98—99% 
gleichbedeutend mit der Zahl derjenigen männlichen Erwerbstätigen setzen, die 
entweder schon eine Familie gegründet haben oder die dafür in Betracht 
kommen. Mit anderen Worten: 

Die Frauen von 75% der wirklichen oder möglichen Ehen müssen mit 


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86 


Johannes Dück. 


einem Monatseinkommen ihres Mannes von höchstens 115 Mark rechnen, die 
von weiteren 22% mit einem Monatseinkommen von höchstens 330 Mark; 
und das sind also 99% aller! Daß es sich da s e h r nach der Decke strecken 
heißt, ist ohne weiteres klar. Steht das aber mit der „Demokratisierung des 
Luxus“ im Einklang?! Steht das mit den Ansprüchen vieler Frauen nicht 
geradezu in schreiendem Widerspruch?! Doch davon später noch mehr. 

. Hier nur die Feststellung, daß nur etwa 6% der verheirateten (oder ge¬ 
schiedenen) Frauen einen Beitrag als Erwerbstätige zum gemeinsamen Haushalt 
leisten. Und nun eine Zusammenstellung der Verheirateten in Proz., nach 
den wichtigsten Berufen geordnet: 


Beruf und Stellung im Beruf 

von 100 männlichen sind 

verheiratet 

' 

Land- und Forstwirtschaft überhaupt . . 

54,3 

Selbständige. 

88,7 

Angestellte.. 

60,5 

Industrie, Bergbau überhaupt. 

51,9 

Selbständige. 

85,0 

Angestellte. 

58,2 

Handel und Verkehr überhaupt. 

62,6 

Selbständige. 

85,1 

Angestellte. 

503 

Freie Berufe, öffentL Dienst überhaupt . 

1 60,9 

Höhere Beamte. 

58,5 

Mittlere Beamte. 

59,7 

Dienstpersonal. 

71,7 


Aus diesen Zahlen ergibt sich nun deutlich, daß Einkommen und 
Heiratslust nicht in unbedingter Abhängigkeit voneinander stehen. Ins¬ 
besondere fällt das bei den freien Berufen und dem öffentlichen Dienst in die 
Augen, wo geradezu eine Umkehrung der Verhältnisse zu bemerken ist Es 
ist wohl kein Zweifel, daß von den Ursachen dieser Erscheinung in erster 
Linie die gewohnheitsmäßigen Ansprüche an eine „standesgemäße Lebensweise“ 
schuld sind, dann lockerere Anschauungen über Ehe und Sittlichkeit überhaupt, 
endlich aber — und das ist vom staatsbürgerlichen Standpunkt aus besonders 
beachtenswert — der Umstand, daß infolge langer Studiendauer, geringer 
Anfangsgehalte und unsicherer Anstellungsverhältnisse im Anfang bei gleich¬ 
zeitiger Gewohnheit der Gesellschaft, auch vom jungen verheirateten Be¬ 
amten usw., besonders vom Offizier, zu verlangen, daß er „ein Haus mache“, 
Dienstboten halte, manche einträgliche Kraftausnutzung als nicht standesgemäß 
lasse, trotzdem sie ihm einen durchaus ehrlichen Nebenerwerb brächte, und 
daß manche Luxusleistungen durch stillschweigenden oder gar offenen Zwang 
herbeigeführt werden; so kommt es, daß die Zeit der größten Heiratslust, eines 
geradezu physiologischen Ehe- und Familienbedürfnisses verstreicht und später 
die Heiratslust nicht mehr so vorhanden ist, oder eine Familiengründung infolge 
Erkrankungen durch Wirtshausleben samt den Folgeerscheinungen der Spiel¬ 
sucht, des Alkoholismus und der Nikotinvergiftung sowie infolge der durch 
außerehelichen Geschlechtsverkehr hervorgerufenen Krankheiten sehr gewagt, 
ja frevelhaft erscheint. 

Untersuchen wir nämlich die Zeit der größten Heiratslust, so dürfen wir 
sie wohl ohne allzu großen Fehler mit der Zeit der größten durchschnittlichen. 


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Frauen Schicksal — Völkerechicksal. 


87 


Heiratstaisache in Übereinstimmung bringen, da ja die physiologischen Verhält¬ 
nisse bei den verschiedenen Erwerbsgruppen nicht sehr verschieden sind und 
die unteren Schichten eben nicht die äußeren Gründe zum Aufschub einer 
Heirat haben, sondern heiraten, wenn sie dazu Lust zeigen. Und da ergibt 
sich nun: 

Die Heiratslust ist in den Lebensjahren 22—28 des Mannes weitaus am 
grüßten, und zwar erreicht sie in den Jahren 24—26 ihren alles überragenden 
Wert Von 30 Jahren ab sinkt sie so rasch und gewaltig, daß mit 31 Jahren 
z. B. nur mehr knapp ein Viertel der Männer mit 25 heiraten. Nun ergibt 
sich aber, daß nach unseren heutigen Gewohnheiten (wohlgemerkt!) nicht bloß 
nach dem Einkommen, gerade von den höheren Ständen die wenigsten mit 
25 Jahren schon heiraten können; und das gerade in der Zeit, wo es phy¬ 
siologisch am ehesten angezeigt wäre. Hier ist also ein wunder Punkt,, wo 
man sowohl in die Einkommensverhältnisse als noch viel mehr in die wohl¬ 
gepflegten Standesvorurteile hinsichtlich der gesamten Lebensführung vom 
staatsbürgerlichen Standpunkt aus eingreifen soll; es muß einmal allgemein 
anerkannt werden, daß sich jeder nach der Decke zu strecken hat, daß es 
unehrenhaft ist — nicht etwa fleißig zu arbeiten —, sondern mehr zu scheinen 
als zu sein; daß es für einen jungen Haushalt keine Pflicht ist, ein soge¬ 
nanntes „Haus“ zu führen, im Theater die teuersten Plätze einzunehmen; daß 
vor allem die Frau nicht im Nichtstun und Zigarettenraucheo, sondern in 
fleißiger häuslicher Arbeit sich Anspruch auf allgemeine Achtung erwirbt. 

Noch mehr tritt die Notwendigkeit einer früheren Heiratsermöglichung 
hervor, wenn man vergleicht, was für ein Lebensalter bei den weiblichen 
Partnerinnen bevorzugt wird, d. h. in welchem Alter die Mädchen stehen, die 
im Zeitraum der größten Heiratslust von den Männern heimgeführt werden; 
da zeigt sich, daß weitaus die größten Zahlen (überhaupt!) auf Mädchen von 
21 biB unter 23 Jahren entfallen, und zwar gerade in der Heirat mit Männern 
zwischen 24 und 26! Die Tatsachen widersprechen somit aufs schlagendste 
der Behauptung, daß es „natürlich“ sei, wenn der Mann bis Mitte Dreißig 
wartet, um dann ein Mädchen mit anfangs Zwanzig zu heiraten. 

Was Wunder, wenn sich angesichts dieser Widersprüche der „standes¬ 
gemäßen“ Heiratsmöglichkeit mit der physiologischen Heiratslust steigende Mi߬ 
heiraten ergeben, die trotz der Erschwerung der Scheidung im Deutschen Reich 
(dort gibt es nicht wie in Österreich Scheidung „im gegenseitigen Einverständnis“, 
welche das Gericht bewilligen muß, ohne Advokatenzwang, ja ohne daß über¬ 
haupt auf den Grund eingegangen werden darf), daß also im Deutschen Reiche 
die Scheidungen besonders in den Großstädten sehr rasch zunehmen?! Das 
zeigt folgende Zusammenstellung; 


Auf 100 000 Einwohner kommen Ehescheidungen (Durchschn.) 



1908—12 

1913 

Preußen . 

. 23,7 

26,9 

Bayern . 

. 13,6 

16,4 

Königreich Sachsen. 

. 33,5 

40,6 

Berlin. 

. 97,7 

110,3 

Hamburg. 

. 90,7 

93,4 

Bremen. 

. 56,1 

49,0 

Deutsches Reich überhaupt. 

. 23,3 

26,6 

(In Österreich aber leben derzeit etwa 400 000 

Geschiedene!) 



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88 


Johannes Diick. 


Schließlich mag im Rahmen dieser Betrachtungen noch ein Vergleich des 
Familienstandes beider Geschlechter folgen, um zu zeigen, 'wie viel schlechter 
derzeit die Eheaussichten der Frauen, besonders der verwitweten und geschiedenen 
sind, als die der Männer: 


Stand 1. Dezember 1910: 
Männer Frauen 

Ledige. 19 516 340 18 591604 

Verheiratete. 11608 028 11621685 

Verwitwete. 866 676 2 583 872 

Geschiedene. 49122 88 666 

Zusammen .. 32 040166 32 886 827 


Bemerkenswert ist ferner, daß trotz der (heute, 1916) rund 1 Million 
größeren Zahl der weiblichen Bevölkerung überhaupt doch mehr als 1 Million 
mehr männliche Ledige vorhanden sind. Derzeit, Juni 1917, schätzt man den 
Überschuß sogar auf 2,1 Millionen. Nach Jaeckel hat sich das Heiratsalter 
der männlichen Bevölkerung während des Weltkrieges um 100% erhöht; „das 
ist ein Ergebnis, welches die schlimmsten Befürchtungen noch übertrifft“. 

Um das Bild einigermaßen in seinen Hauptstrichen zu vervollständigen, 
müssen wir aber noch einige wirtschaft-statistische Zahlen hinzufügen. 

Das deutsche Volkseinkommen beträgt (nach Helfferich) etwa 43 Milliarden 
Mark jährlich, wovon etwa 7 Milliarden Mark, also ein knappes Sechstel, für 
öffentliche Zwecke aufgewendet werden, etwa 27—28 Milliarden dem privaten 
Verbrauch dienen und etwa 8—8% Milliarden, die sich durch den automa¬ 
tischen Wertzuwachs des vorhandenen Vermögens auf 10 Milliarden erhöhen, 
als Mehrung dem Volksvermögen Zuwachsen. 

Von den Ausgaben für den privaten Verbrauch aber entfallen jährlich, 
wie ich in meinen „Kaufmännischen Hochzielen“ J ) berechnet und nachgewiesen 
habe, reichlich 3 Milliarden als Ausgaben für Bier, Wein und Branntwein, also 
für alkoholische Getränke, über eine Milliarde für Tabak als Rauch-, Sehnupf- 
und Kautabak. Das macht für diese beiden als Schädlinge, in jedem Falle 
jedoch mindestens als Luxus anzusehenden Verbrauchsgegenstände 4—4 1 / 2 Mil¬ 
liarden Mark im Jahre. Da nun weiter durchaus nicht etwa der Anteil der 
höheren, wirtschaftlich leistungsfähigeren Klassen an dem Verbrauch von 
Alkohol und Tabak erheblich stärker wäre, vielmehr gerade die ärmeren davon 
sehr viel verbrauchen, darf man ohne nennenswerten B’ehler auch für eine 
ärmere Familie den durchschnittlichen Kopfverbrauch einsetzen.- Der beträgt 
also für Bier und Wein und Tabak sowie Schnaps zusammen im Jahre etwa 
70 Mark, oder für eine Familie von durchschnittlich 4 Köpfen nicht weniger 
als 280 Mark! Weil gerade die ärmeren Klassen verhältnismäßig mehr Kinder 
als die reicheren haben, ist die Kopfzahl von 4 sicher zu niedrig dafür an¬ 
gesetzt, soll aber beibehalten werden, um ja nicht zu hoch gegriffene Zahlen für 
unsere Beweisführung zu erhalten. Bei einem Jahreseinkommen von höchstens 
1380 Mark machen die Ausgaben für diese beiden Gegenstände also etwa ein 
Viertel des ganzen Einkommens aus. Rechnen wir aber niedrig noch etwa 
ein Sechstel für die notwendigen Ausgaben für die Wohnung, so verbleiben 
knapp 900 Mark für die Hausfrau, mit denen sie alle sonstigen Lebens- 


l ) Verlagsanstalt „Tyrolia“, Innsbruck und München 1917. 


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Frauenschieksal — Völkerschicksal. 


89 


bedingungen für Nahrung, Kleidung, Arzt, Apotheke, Fortbildung und Unter¬ 
haltung zu bestreiten hat, von dem Verlangen nach Ausschmückung des Heims 
gar nicht zu reden. Und das für mindestens 4 Köpfe! Wie wesentlich anders 
wäre es, wenn sie noch die 280 Mark, für Alkohol und Tabak ausgegeben, 
zur Verfügung hätte! Dann wird an die öffentliche Wohltätigkeit und die 
staatliche und gemeindliche Fürsorge herangetreten. Von Ausgaben für soziale 
Vorsorge (Versicherungen usw.) kann natürlich da keine Rede mehr sein. Doch 
das ist noch lange nicht alles! Die Ausgaben für Alkohol entziehen den Haupt- 
emährer hinsichtlich Zeit und Kraft großenteils noch seiner Erwerbsmöglichkeit, 
'selbst seiner Familie, sie schaffen viele Vorbedingungen für Krankheiten und 
Streitigkeiten, selbst Abstrafungen, kurz: sie führen die soziale Leiter hinunter 
statt hinauf! Nun kommen aber die Erträgnisse (abgesehen von Staatsmonopolen) 
nicht der Allgemeinheit, sondern einigen wenigen zu und so sammelt sich das 
■Held raschestens um einige wenige Hauptherde, wir segeln dadurch mit Eilzugs- 
geschwindigkeit einer Plutokratie entgegen. Die Zusammenballung des Geldes 
in einigen wenigen Händen muß naturgemäß eine unheimliche Kraftentfaltung 
der letzteren im Gefolge haben, die sich im Erwerb und in der hist ausschlie߬ 
lichen Beherrschung der öffentlichen Meinung, besonders durch die Erwerbung 
Tind Beeinflussung der Zeitungen zeigt; so kommt es, daß die Gemeingefähr¬ 
lichkeit des Alkohol- und Tabakmißbrauchs viel zu wenig erkannt wird, ja, daß 
eich sogar eigene Vereinigungen gegen die Bestrebungen zur Aufklärung ge¬ 
bildet haben. Gibt es etwas Bezeichnenderes, als daß sich erst kürzlich ein 
stellvertretendes Generalkommando auf Weisung des Kriegsministeriums ver¬ 
anlaßt gesehen hat, die Verbreitung der Schriften des „Deutschen Abwehr¬ 
bundes gegen die Ausschreitungen der Abstinenzbewegung“ bei den Ersatz¬ 
truppenteilen und in den Lazaretten zu verbieten? (Vgl. M. N. N. Nr. 519, 
■1916). In der Begründung heißt es, daß das dargestellte Bild über Nutzen 
und Schaden des Alkohols durchaus irreführend und falsch ist und daß diese 
Werbearbeit für den Alkohol im Gegensatz zu den Bestrebungen der Heeres¬ 
verwaltung stehe. Die Alkohol- und Tabakfrage ist aber viel, viel mehr eine 
Frauenfrage, als es die meisten glauben, schon weil sie vielfach die Heirats¬ 
fähigkeit, aber auch die Zufriedenheit in der Ehe an der Wurzel untergräbt 
Der Staat aber hat trotz aller Notwendigkeit von großen Steuern, ja gerade 
deswegen, ein hohes Interesse daran, daß solche Steuerquellen gefunden werden, 
die die Steuerkraft des Volkes überhaupt heben, nicht solche, die sie schwächen; 
der Staat, das Gemeinwohl, hat Interesse ebenso wie an einer vernünftigen 
Parzellierung des Bodens gegenüber einer Latifundienwirtschaft auch an einer 
möglichst gerechten Verteilung der Einkommen, nicht an der Zusammen¬ 
ballung von Riesenvermögen in den Händen einiger weniger. 

Das Wirtshausleben, das unlöslich mit der Alkohol-, Tabak- und Spiel¬ 
frage verknüpft ist, stellt aber einen der größten Feinde des Familienlebens 
dar; es veräußerlicht den Menschen, statt ihn zu verinnerlichen; es ist auf 
Schein statt auf Sein eingestellt, es häuft Kapitalien in kurzer Zeit in 
den Händen von Personen an, die weder an Bildung noch an Arbeitsleistung 
etwa im gleichen Verhältnis andere Übertreffen; so vor allem durch die Trink- 
gelder-MißWirtschaft, auf die nur nebenbei hingedeutet werden soll. Es ist 
Tatsache, daß sehr viele Zählkellner (um nur ein Beispiel zu bringen) sich in 
wenigen Jahren Zehntausende von Mark ersparen können, um mit etwa 50 Jahren 
als Besitzer größter Gaststätten aufzutreten; steht das im Verhältnis zu ihrer 
Arbeitsleistung, beziehentlich der anderer Berufe?! Dabei ist es ein Irrtum, 
wenn man glaubt, die Bequemlichkeit des Publikums sei die Hauptveranlassung 


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90 


Johannes Dück. 


zur Einführung der Zählkellner gewesen; nein, die Hauptursache ist vielmehr 
zweifellos eine kaufmännisch durchaus zu lobende Kontrolle der Einnahmen für 
den Wirt nach dem Grundsatz der Trennung von Zahlung und Kontrolle; aber 
daß die Kosten dieser Einrichtung der Gast statt der Wirt zu tragen hat, das 
ist entschieden Mißbrauch. Daß dabei eine Abstufung der Behandlung der 
Gäste nach dem zu erwartenden Trinkgeld herbeigeführt wird, ist menschlich 
durchaus begreiflich, gesellschaftlich und staatsbürgerlich indes sehr zu be¬ 
dauern, weil dadurch wieder das „Bloß-Geldverdienen“ als einziger Maßstab in 
der Beurteilung der Menschen eingeführt wird, ein Grundsatz, der dem Gemein¬ 
wohl schnurstracks zuwiderläuft; aber auch der Trieb, über die Verhältnisse 
zu leben, mehr zu scheinen als man ist, wird dadurch in mannigfacher Weise 
gefördert Das Wirtshausleben, als „Veräußerlichung“, das sich „Vomhinstellen“ 
(die wörtliche Übersetzung von „Prostitution“), ist der diametrale Gegensatz zur 
Verinnerlichung, zum Familienleben. Wo ein Familienleben zu zerfallen droht, 
führt daher der gerade Weg ins Wirtshaus. Daß man dem Deutschen leider 
nicht mit Unrecht den Vorwurf des größten Wirtshaus- (und Kaffeehaus-) Lebens 
macht, soll nebenbei erwähnt sein. Das Wirtshausleben führt zwangsläufig zu 
Alkohol-, Tabak- und Spielgewohnheiten, die durchaus mit dem Geselligkeits¬ 
trieb des Menschen nichts zu tun haben; es ist eine bewußte oder unbewußte 
Irreführung, wenn man Geselligkeitsbedürfnis und unsere Wirtshäuser mit ihren 
Trinkunsitten als ein und dasselbe oder vielmehr als notwendig verbunden 
hinstellt Da könnten wir von den Engländern, aber auch von den romanischen 
Völkern viel lernen; man hat auch bei uns angefangen, alkohol- und rauch¬ 
freie Zusammenkunftsorte für die Pflege der Geselligkeit zu gründen; man hat 
schüchtern den Versuch mit Lesekasinos, Volksbildungsvereinen usw. gewagt; 
hier ist ein Punkt, wo sich der Einfluß der Frau auf den Mann in hervor¬ 
ragend staatsbürgerlichem Sinn betätigen kann, ja muß, wenn sie nicht will, 
daß ihr ureigenstes Lebenselement, die Familie, noch weiter bedroht werde. 

n. 

Vererbung und Nachwuchs. 

Ist die Wirtschaftsfrage, die Frage der klugen, sinngemäßen Verteilung des 
Einkommens, eine der Hauptfragen der Frau und der Familie,- so ist für die 
Schaffung tüchtigen Nachwuchses weiterhin noch die gesundheitlicheBe- 
schaffenheit der Eltern von so einschneidender Bedeutung, daß wir ihr 
längere Betrachtungen widmen müssen. 

Es ist heute in den weitesten Kreisen bekannt, daß von allen Krankheits¬ 
ursachen der Tuberkulose und der Syphilis am meisten Bedeutung als Keim¬ 
verschlechteren zukommen. Daß der Alkoholmißbrauch dabei teils als mittel¬ 
bare Ursache, teils unmittelbar eine große Rolle spielt, mag von vornherein 
festgestellt werden. Es mögen auch hier wieder an die Spitze eine Reihe von 
statistischen Tatsachen treten, die uns als sichere Grundlagen unserer Betrach¬ 
tungen und Feststellungen dienen werden. 

Daß die Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich von (1911) 19,2 % 
der Lebendgeborenen auf (1913) 15,3% herabgegangen ist, mag man mit Recht 
als sehr erfreulich empfinden; daß aber infolge Lues nicht weniger als 200 000 
brauchbare Geburten ausfallen (Prinzing), muß uns doch zu denken geben. 

Man kann da und dort das Wort hören, „wie herrlich weit“ wir es gerade 
hinsichtlich der gesundheitlichen Verhältnisse gebracht haben; tatsächlich sind 


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Frauenschicksal — Völkerschicksal. 


91 


auch die Leistungen gerade der deutschen Heilwissenschaft nicht minder wie 
der deutschen Heilkunst höchster Anerkennung wert Aber man sollte sich 
hüten, aus richtigen Voraussetzungen durch Verschweigung wichtiger Punkte 
irrige Schlüsse zu ziehen. 

Zunächst scheinen die deutschen Sterbetafeln ein äußerst erfreuliches Bild 
des sieghaften Fortschritts in der Krankheitsbekämpfung zu geben; so stellt 
sich die 


Lebenserwartung in Jahren ausgedrQckt: 

1871/72 bis 1880/81 durchschnittlich auf 35,58 (männl.) und 38,45 (weibl.) 
1881/1890 „ „ 37,17 „ „ 40,25 

1891/1900 „ „ 40,56 „ „ 43,97 

1901/1910 „ „ 44,82 „ „ 48,33 „ 

bei der fteburt! 

Diese erfreuliche Zunahme gegenüber früheren Zeiten wird aber immer 
geringer, je älter der Mensch wird, und zwar so, daß vom 35. Lebensjahr ab 
nur mehr eine Zunahme von rund 1 1 / 2 Jahren für die Männer und etwas über 
3 Jahren für die Frauen gegenüber 1871/72 erreicht wird. Dies ist nun in 
mehrfacher Beziehung recht auffallend; warum gelingt es nicht, die mittlere 
Lebenserwartung gerade im kräftigsten Mannesalter halbwegs bedeutend 
zu heben? Warum sind die Frauen da um einen merklichen Vorsprung voraus? 

Die Antwort hat ein Berliner Arzt vor einigen Jahren (Eisenstadt in 
der Zeitschr. f. Vers.-Med. Nr. 9 und 10, 1910), wie folgt, gegeben: „Die wirk¬ 
liche Sterblichkeit steigt von 45—50 Jahren fortwährend, während die Todes¬ 
ursachen die Tendenz haben, sich einzuengen und sich um die durch sexu¬ 
elle Störungen und Alkoholismus erworbene Abschwächung 
der Konstitution zu sammeln. An Stelle der Tuberkulose treten andere 
Massenkrankheiten, nämlich die konstitutionellen Krankheiten und Herzleiden. 
Die moderne Kultur ist für die menschliche Konstitution ver¬ 
derblich, solange sie dem Individuum Freiheit im Sexual- 
und Ernährungswesen läßt“ (nach der D. med. Wochenschr. 1910, 
S. 2311, zitiert). Die letzteren Worte aber sind vom staatsbürgerlichen Ziel¬ 
bewußtsein aus geradezu ein Programm, das umwälzend in unsere gesamten 
* Anschauungen über das „Gehenlassen“ eingreift! Die Frau aber, als der wich¬ 
tigste wirtschaftliche Faktor, die Nächstbeteiligte, hat ein Hecht, noch 
mehr zu erfahren, um sich bei der Wahl ihres Lebens-Schicksalsgenossen da¬ 
nach zu richten. Wir zeigen zunächst an der Hand der neuesten statistischen 
Zahlen, wie sich seit dem Ausspruch Eisenstadts die Verhältnisse weiter 
in einer Weise entwickelt haben, die die Richtigkeit, ja noch mehr: die 
dringendste Notwendigkeit der Befolgung seiner Aufforderung 
zeigen. Daß durch diese „Freiheit im Sexual- und Ernährungswesen“ so ziem¬ 
lich jede Leistungsfähigkeit verschlechtert wird, ist gerade hinsichtlich natürlicher 
und berechtigter Ansprüche einer gesunden Frau der Grund mancher bitteren 
Enttäuschung in der Ehe. Nervenärzte und gewisse Zeitungsinserate sprechen 
da eine Sprache, die alle Vertuschungsversuche zuschande macht Nur ein 
gesunder Mann kann ein ganzer Mann sein! 

In einem Aufsatz über die „Fortpflanzung der Tüchtigen“ (Umschau 1917, 
H. 24) weist Vaerting überzeugend nach, „daß hochbegabte Männer sehr wohl 
ihre geistigen Fähigkeiten vererben können, nur muß die Zeugung der Nach^ 
kommen erfolgen, ehe das Reproduktivsystem durch starke geistige Tätigkeit 
tangiert ist“. Das steht ganz in Übereinstimmung mit den Ergebnissen des be- 


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92 


Johannes Duck. 


kannten Medizinalstatistikers Prinzing, daß die Sterblichkeit des Mannes die 
der Frau vom 35. Lebensjahr ab ganz erheblich übersteigt und daß die Über¬ 
anstrengung des -Mannes seine Keimzellen qualitativ ungünstig beeinflußt; übrigens 
ist nach St ekel die Impotenz der Künstler und Gelehrten zur Zeit ihres an¬ 
gestrengtesten Schaffens notorisch. Aus all dem -wird man der im Interesse des 
Volkes wie des Einzelnen gelegenen Forderung Vaertings 1 ) nach Frühheiraten 
des Mannes unbedingt beistimmen müssen. 

Fragen wir uns nun, welche Krankheiten eine bedeutende Zunahme 
gegen früher zeigen, so ergibt sich die Antwort aus der Statistik des Zugangs 
der Krankheitsfälle in den allgemeinen Krankenhäusern: 



1877/79 

1908/10 

(vom 1000 der Summe) 

Influenza. 

3,87 

15,46 

= um rund 400 %! 

Tuberkulose. 

38,01 

82,89 

- J) 

114 o/o 

Bösartige Neubildungen . . . 

13,66 

22,88 

1 11 

50 „ 

Nervenkrankheiten .... 

44,38 

59,46 

‘ 11 

36 „ 

Krankh. d. Kreislauforgane 

23,3 

35,81 

11 

50 „ 

Darunter Herzkrankheiten . . 

11,30 

17,79 

J - 11 

50 „ 

Krankh. d. Verdauungsorgane . 
Krankh. d. Ham- u. Geschlechts- 

100,60 

130,75 

'' 1 11 

30 „ 

oigane.. 

. 31,16 

70,14 

6=3 11 

mehr als 125 %! 


Bemerkenswert ist, daß bei Gonorrhöe und bei primärer und konstitutio¬ 
neller Syphilis ein Herabgehen der Krankenhausbehandlung zu finden ist, und 
zwar bei ersterer von 17,57 auf 16,58 und bei letzterer sogar von 50,98 
auf 20,78. 

Es unterliegt aber keinem Zweifel, daß dies in allererster Linie damit 
zusammenhängt, daß die betr. Kranken zu ihrem eigenen Arzt, beziehentlich in 
ihre Kassenordination gehen; in Wirklichkeit ist auch bei diesen beiden 
Krankheiten keine Abnahme, sondern vielmehr eine ganz erschreckende 
Zunahme festzustellen, wie das Ergebnis der neuesten Untersuchungen 
W. Claasens (Die Umschau, Nr. 19, vom 19. Mai 1914, S. 386) zeigt Auf 
Grund von Zahlen des Berliner Gewerkskranken Vereins, dem 1 / 6 aller Berliner 
Arbeiter angehören, kommt er zu der Annahme, daß 50 (fünfzig!) Prozent 
aller Mitglieder im Laufe ihres Lebens Syphilis erwerben. 
Auf 1000 männliche Mitglieder treffen im Durchschnitt 1906/10 in einem 
einzigen Jahr 22,1 Syphilisbehandlungen; 1892/95 im Verhältnis noch nicht 
halb so viel! 1910 sogar schon 23,6 bei männlichen, 16,3 bei weiblichen 
Mitgliedern. Erkrankungen an Gonorrhöe bei Männern 2 1 / s mal soviel, bei 
Frauen doppelt soviel als bei Syphilis. Als Hauptursache führt auch dieser Arzt 
wörtlich an, daß „die ganze Gesellschaft auf der Bahn entarten¬ 
der Genüsse abwärts getrieben wird“. — 

Damit die Zusammenhänge zwischen Alkoholismus, Geschlechtskrankheiten 
und anderen der oben angeführten und noch anzuführenden Krankheiten im 
Sinne Eisenstadts klarer erkannt werde, mag ein Wort eines der gewiß 
berufensten Vertreter, Kräpelins (Psychiatrie, 1. Bd., 8. Aufl., 1909, S. 69 
bez. S. 70) angeführt werden: „Von ungleich größerer Bedeutung noch, als die 
im engeren Sinn syphilitischen Geistesstönfhgen ist die progressive Para¬ 
lyse, von der wir heute wissen, daß sie sich ausschließlich auf dem 


*) Vaerting, Der Männermangel nach dem Krieg. 8eine Gefahren und seine 
Bekämpfung. München 1917. 


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Frauensohicksal — Völkerschicksal. 93 


£oden einer vorausgegangenen Lues entwickelt“ und „wir kennen 
zahlreiche Völker, durchgängig solche mit einfacher natürlicher Lebens¬ 
führung, bei denen trotz weiter Verbreitung der Syphilis die Paralyse sehr 
selten oder unbekannt ist ... diese Unterschiede weisen darauf hin, daß die 
Kulturrassen Schutzeinrichtungen verloren haben, die bei 
Naturvölkern die Entwicklung der Paralyse aus der Lues erschweren“. Hin¬ 
sichtlich der Tuberkulose aber sagt derselbe Gewährsmann: „Man pflegt der 
Tuberkulose einen erheblichen verschlechternden Einfluß auf die 
Veranlagung der Nachkommenschaft zuzuschreiben, auch hinsichtlich 
ihrer seelischen Eigenschaften.“ Und nun sehen wir uns die Statistik 
bezüglich progressive Paralyse (und Tabes dorsalis = Rückenmarks¬ 
schwindsucht) näher an: 

Gesamtzahl der Krankheitsfälle in den Irrenanstalten 
(Zugang) in Prozenten 


Paralytische Seelenstörung 

1877/79: 

11,11; 1898/1901: 12,36, 

oder in Gesamtzahlen: 

1902/04 

1905/07 

1908/10 

Paralytische Seelenstorung 

15 490 

17112 

18 333 

Tabes . 

774 

1010 

1393 


ferner Alkoholismus in gleichen Zeiträumen: 

1902/04: 12 853; 1905/07: 17 707; 1908/10: 21041. 


Nun haben wir aber schon oben gehört, daß Tuberkulose erheblich keim- 
verschlechternd wirkt; ferner, daß infolge Lues jährlich wenigstens 
200 000 brauchbare Geburten ausfallen; daß aber Alkoholismus ebenfalls 
ganz erheblich keimverschlechternd wirkt, daß ganz besonders Syphilis 
nicht bloß den oben angegebenen Ausfall einer Armee sonst brauchbarer Staats¬ 
bürger verschuldet, sondern bei den am Leben gebliebenen Nachkommen eine 
große Reihe von Minderwertigkeiten hervorruft, die sie in allen 
möglichen Heil- und Fürsorge-Anstalten oder auch in Zuchthäusern der All¬ 
gemeinheit zur Last fallen läßt, daß sie bei sehr vielen anderen Erkrankungen 
Mitursache ist, das bedenken nicht gar zu viele! Unddochgehtunsdas alle 
gar sehr an! Die Frau bringt nicht bloß ihr eigenes Lebensglück in Ein¬ 
satz, so daß sie nicht bloß wissen soll, um welche persönlichen Beziehungen 
es sich dabei für sie handelt, sondern sie ist auch mitverantwortlich für die 
Beschaffenheit des wichtigsten wirtschaftlichen Gutes: des Menschen der 
Zukunft! Hier ist das Gebiet, wo die Frau ihren Einfluß auf den Mann 
in nicht zu überbietendem staatsbürgerlichen Sinn betätigen kann, statt sich 
selbst in eigengefälliger Weise in den gefeierten Mittelpunkt des Genußlebens 
zu stellen und den Mann dadurch oft von höherwertiger, allgemein nützlicher 
Arbeit abzuhalten. Hier ist aber auch der Ausgangspunkt für alle die 
sozialen Vorsorgen, welche getroffen werden müssen zum Schutz des 
Höherwertigen gegenüber dem Schädlichen. Diese Forderungen aber hat die 
„Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene“ auf ihrer Delegierten¬ 
versammlung zu Jena am 6. und 7. Juni 1914 in folgenden Punkten aus¬ 
gesprochen : 

„1. Erhöhte Förderung der inneren Kolonisation mit Regelung des Erb¬ 
rechts im Sinne der Schaffung kinderreicher Familien. 


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94 


Johannes Düok. 


2. Schaffung von Familienheimstätten fflr kinderreiche städtische Familien 
(Gartenstädtische Siedelung, gemeinnütziger genossenschaftlicher Bau von Klein¬ 
wohnungen mit Gärten, Laubenkolonien usw.). 

3. Wirtschaftliche Förderung genügend kinderreicher Familien durch Ge¬ 
währung von wesentlichen Erziehungsbeiträgen an eheliche Mütter, bzw. über¬ 
lebende Väter und Berücksichtigung der Kinderzahl bei der Besoldung der 
Beamten und Angestellten. 

4. Beseitigung der für viele männliche Berufe (Offiziere, Beamte) be¬ 
stehenden Erschwerung der Eheschließung, soweit es irgend tunlich ist 

5. Erhöhung der Alkohol-, Tabak-und Luxussteuern, sowie 
Erhebung einer Wehrpflichtzusatzsteuer für die in Funkt 3 genannten Zwecke. 

6. Gesetzliche Regelung des Vorgehens in solchen Fällen, wo Unter¬ 
brechung der Schwangerschaft oder Unfruchtbarmachung ärztlich geboten er¬ 
scheint 

7. Bekämpfung aller die Fortpflanzungsfähigkeit bedrohenden Schädlich¬ 
keiten, insbesondere der Gonorrhöe und der Syphilis, der Tuber¬ 
kulose, des Alkoholismus, der gewerblichen Vergiftungen und 
der Berufsschädlichkeiten für die erwerbstätige Frau. 

8. Obligatorischer Austausch von Gesundheitszeugnissen vor der 
Eheschließung. 

9. Aussetzen großer Preise für ausgezeichnete Kunstwerke (Romane, 
Dramen, bildende Kunst), in denen das Mutterideal, der Familiensinn 
und einfaches Leben verherrlicht werden. 

10. Erweckung einer opferbereiten nationalen Gesinnung und des Pflicht¬ 
gefühls gegenüber den kommenden Geschlechtern, kraftvolle Erziehung der 
Jugend in diesem Sinne.“ 

Diese vor dem Weltkrieg ausgesprochenen Forderungen haben gewiß 
während desselben durch unendlich viele Erfahrungstatsachen neue Unter¬ 
lagen gewonnen: sicher ist, daß darin die Hauptpunkte zusammengefaßt sind, 
an denen in bezug auf die Schaffung günstiger Vorbedingungen für geeigneten, 
staatsbürgerlich brauchbaren Nachwuchs kein einziges Mitglied des Staates 
vorübergehen kann, sobald die Zeit seiner Mitwirkung gekommen ist Jeder, 
der etwas auf sich hält, muß pflichtgemäß zu diesen Fragen Stellung nehmen, 
wobei freilich auch eine persönliche Stellung zu metaphysischen Fragen, be¬ 
sonders religiösen Anschauungen, da und dort bestimmend eingreifen kann; 
jedenfalls aber darf es in Zukunft keinerlei Gleichgültigkeit in so 
unendlich wichtigen staatsbürgerlichen Dingen mehr geben; auch die Frauen 
sollen sich der gewaltigen Bedeutung dieser für ihre einschneidendste und edelste 
Lebensbestimmung wichtigen Fragen voll bewußt werden. 


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Zwei französische Dichter des 17. Jahrhunderts usw. 


95 


Zwei französische Dichter des 17. Jahrhunderts 
(Theophile de Viau u. Jacques Vallee Des Barreaux) 
und ihre Beziehungen zur Homosexualität. 

Von Nuraa Praetorius. 

I. Im 17. Jahrhundert verzeichnet die Kultur- und Literaturgeschichte Frank¬ 
reichs unter dem Namen „poötes libertins“ eine Dichter- und Schriftstellergruppe, 
•die viel von sich reden machte. 

Auch die! Homosexualität weist Beziehungen zu dieser Schule auf in der 
Person von mehreren Dichtem, unter andern von Thöophile, Des Barreaux und 
-Saint-Pavin. 

Thöophije de Viau, das Haupt der Gruppe, hat jahrelang mit dem jungen 
Dichter Des Barreaux in intimem Freundschaftsbund gelebt, dessen Gestaltung 
•den Schluß auf ein homosexuelles Verhältnis und mindestens auf gleich¬ 
geschlechtlichen Liebestrieb Thöophiles gestattet; ein dritter Schriftsteller, Saint- 
Pavin, war zweifellos konträrsexuell und* allgemein als König von Sodom be¬ 
zeichnet, einen Namen, den er selbst nicht zurückwies und sogar nicht zögerte 
4uif sich anzuwendeta. 

Ein französischer Gelehrter, Frödöric Lachövre, hat diese drei Dichter zum 
Gegenstand eingehender Studien gemacht. Er hat in einem ersten zweibändigen 
Werk 1 ) ausführlich den Prozeß dargestellt, den Thöophile de Viau wegen Frei- 
gefisterei sich zuzog. 

In einem zweiten Buch *) hat dann Lach&vre überhaupt das Leben und die 
Dichtungen von Thöophile und Des Barreaux behandelt unter besonderer Berück¬ 
sichtigung ihrer Freundschaftsbeziehungen und deren Rolle in dem erwähnten 
Prozesse, in welchem auch die homosexuell verdächtigte Freundschaft der 
beiden berührt wurde. Dieses Buch enthält sodann in seinem zweiten Teil eine 
Schilderung des Lebens und der literarischen Produkte des Dichters Saint-Pavin. 
(Die erotischen Gedichte Saint-Pavins sind nur zum Teil in dem Band selber 
abgedruckt. Die gewagtesten sind in einem kleinen Separatdruck veröffentlicht, 
der nur dem Erwerber des Hauptbandes auf speziellen Wunsch hin ge¬ 
liefert wird.) 

Soweit das soeben genannte Werk aus dem Jahre 1911 sich auf Des Bar¬ 
reaux bezieht, ist es die verbesserte und vermehrte Auflage einer früheren 
Studie *) über diesen Dichter, andererseits enthält aber diese frühere Publikation 
einige in der späteren fehlende Einzelheiten. 

Lachövre, der Wesen und Verbreitung der Homosexualität nicht zu kennen 
scheint, sucht natürlich alles Homosexuelle möglichst zu verschleiern und um¬ 
zudeuten, aber da er sehr gewissenhaft die Tatsachen an und für sich mitteilt, 
so gibt er doch dem mit der Homosexualität Vertrauten die Möglichkeit, leicht 


*) Le libertinage devant le parlement de Paris Le proces de Theophile de 
Vian (11 juillet 1623 — 1 septembre 1625) publication integrale des pieces inedites des 
Archives nationales, portraits et fac-simile. 2 Vol. tire ä 500 exempl. namerotes 20 Frc. 
Librairie ancienne Honore Champion edit. 5 quai Malaquais Paris. 

*) Le libertinage au 17. siede. Disciples et successeurs de Theophile de Viau. 
La vie et les poesies libertines inedites de Des Barreaux (1599—1673) — Saint-Pavin 
(1595—1670). (Librairie ancienne Honore Champion edit. 5 quai Malaquais. Paris 1911. 
541 p.) 

') Le prinoe des libertins au 17. siede Jacques Vallee Des Barreaux (Paris 
Henri Ledere 1907). 


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96 Numa Praetorius. 


die richtige Erklärung der Tatsachen zu finden. Was übrigens Saint-Pavin an¬ 
belangt, so sprechen seine Verse für sich selben und gewähren eine treffliche 
Autobiographie eines zu seinem eigenen Geschlecht in Liebe Entbrannten. 

Die „poötes libertins“ besangen hauptsächlich die Liebe, die Wollust, den 
Wein, überhaupt die Genüsse der Wirklichkeit und führten auch tatsächlich 
meist ein den Freuden des Daseins gewidmetes, ungebundenes Leben, das manch¬ 
mal auch in Exzesse ausartete. 

Doch nicht nur ein oberflächlicher Epikureismus war die Signatur dieser 
lebenslustigen Gesellen; ihre für die damalige Zeit besonders auffallende Be¬ 
deutung bestand in der Kühnheit ihrer Anschauungen gegenüber dem herrschen-, 
den Dogmen- und Gottesglauben, in ihrer Freigeisterei, welche ja auch Thäophile 
nahe an den Scheiterhaufen brachte. 

Gerade insbesondere wegen dieser Freigeisterei wurden diese Dichter „liber- 
tins“ genannt 

Zwar schloß der Ausdruck „libertin“ implizite den Sinn mit ein von 
Männern, die in der Befriedigung sexueller und überhaupt sinnlicher Genüsse, 
sich keinen Zwang auferlegen und schrankenlos sich ihnen hingeben. 

Aber damals bezog sich das Wort „libertin“ nicht wie heute bloß auf ge¬ 
schlechtliches Gebiet und hieß nicht lediglich so viel wie. ausschweifender 
Mensch, Lüstling. Vielmehr sollte es auch die „intellektuell“ Ausschweifenden,, 
die von der herrschenden Moral und namentlich von dem strengein, orthodoxen 
Kirchenglauben sich Befreienden, kurz die Freigeister, kennzeichne^. 

Denn in den Augen der Orthodoxie lag ohne weiteres in der* Auflehnung 
gegen den blinden Dogmen glauben, in der Verwerfung der kirchlichen Grund¬ 
lehren, das Bestreben des Freigeistes, sich unbequemer Fesseln zur Zügelung 
seiner Leidenschaften zu entledigen; der Orthodoxie galt es für ausgemacht, daß 
Ungebundenheit im religiösen Glauben regelmäßig Ungebundenheit in geschlecht¬ 
licher und überhaupt in sittlicher Hinsicht in sich schloß. 

Möge auch bei dem einen oder andern aus der obigen Dichtergruppe die 
Loslösung vom hergebrachten Glauben mit etwas lockerem Lebenswandel in 
sexualibus zusammengetroffen haben, so ist es völlig verfehlt, einen derartigen, 
prinzipiellen Zusammenhang zu behaupten. 

Das Falsche, Unhaltbare, Lächerliche dieser Anschauung bedarf ja kaum, 
der Widerlegung, und die Geschichte, die Vergangenheit und die Gegenwart, die 
tägliche Erfahrung liefern für den nicht absichtlich Blinden Beweise in Hülle 
und Fülle, wie unabhängig voneinander religiöser Glaube und Sittlichkeit sind, 
wie oft Frömmigkeit und Unsittlichkeit und andererseits wieder höchstes 
ethisches Leben und Freigeisterei in ein und desselben Menschen Brust sich zu¬ 
sammenfinden. 

Gerade in dem Buche von Lachövre begegnet man gleich zu Beginn einem 
drastischen Beispiel von der Unabhängigkeit der Sittlichkeit von der Gläubigkeit 
in der Person des Großonkels des Dichters Des Barreaux, der wegen Heresie 
im Jahre 1574 verbrannt wurde und dessen Feinde sogar seine völlige Keusch¬ 
heit und seinen edlen Lebenswandel anerkennen mußten. 

Trotzdem scheint auch der offenbar in katholischen Vorurteilen befangene 
Verfasser des obigen Buches, wenn nicht ausdrücklich, so doch stillschweigend 
zu der Auffassung von der Identität von Religion und) Sittlichkeit sich zu be¬ 
kennen und den Fehler einer unheilvollen Verquickung beider Gebiete zu be¬ 
gehen. Klagt er doch über die heutige Freigeisterei in Frankreich und sieht er 
doch in ihr die Ursache einer düsteren Zukunft für sein Land, uneingedenk, daß 
diese Freigeisterei es war, welche nicht nur für Frankreich, für Deutschland. 


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Zwei französische Dichter des 17. Jahrhunderts usw. 


97 


und überhaupt für ganz Europa die moderne Kultur ermöglichte, sondern auch 
die furchtbaren Segnungen einer irregeleiteten, geradezu pervers zu nennenden 
Religion beseitigte, welche den Andersdenkenden, den Ungläubigen, nicht minder 
wie den sexuellen Normwidrigen mit dem Scheiterhaufen beglückte, Segnungen, 
die noch bis kurz vor der Revolution fortdauerten und von denen auch Lachävre 
selbst einige charakteristische Beispiele anführt 

Bei den Anschauungen von Lachävre ist es kaum verwunderlich, daß er 
homosexuelles Gefühl und gar homosexuelle Betätigung nur als ärgstes Ver¬ 
brechen betrachtet, um; so mehr, als er von dem Wesen und der Verbreitung 
der Homosexualität, überhaupt von den neuesten Forschungen hierüber, auch 
von den französischen eines Laupts oder Lacassagne, anscheinend nicht die ge¬ 
ringste Ahnung hat Deshalb gilt ihm die konträre Sexualempfindung und gar 
-betätigung als etwas derart Ungeheuerliches, daß er den sicherlich gleich¬ 
geschlechtlich veranlagten Männern Thöophile .und Saint-Pavin, bei denen er 
doch seiner Auffassung gemäß wegen ihrer Freigeisterei ohne weiteres alle 
sexuellen Kühnheiten erwarten sollte, nicht eine derartige Scheußlichkeit zu¬ 
traut und lieber zu den gesuchtesten Erklärungen greift als die naheliegende 
Homosexualität anzuerkennen. 

II. Im folgenden soll das Freundschaftsverhältnis zwischen Thöophile und 
Des Barreaux dargestellt und erörtert werden, während die (gleichfalls beendete) 
Untersuchung über die Homosexualität von Saint-Pavin später veröffentlicht 
werden soll 

Theophile de Viau, geboren 1590 zu Clörac in Südfrankreich, stammte aus 
einer Hugenottenfamilie, besuchte aber wahrscheinlich eine Jesuitenschule. 
Jedenfalls befreite er sich frühzeitig von jedem Dogmenglauben und war völliger 
Freigeist Im Jahre 1610 kommt er nach Paris, wo er sich bald durch sein 
dichterisches Talent auszeichnet und zahlreiche poetische Erzeugnisse ver¬ 
öffentlicht 

Er wird das Haupt der damaligen Dichterschule der „libertins“, der lebens¬ 
lustigen jungen Freigeister. 

Im Jahre 1618 macht er in Panis die Bekanntschaft des 19jährigen Des Bar¬ 
reaux, mit dem ihn von da an die engste Freundschaft verbinden sollte. 

Jacques Vallöe, seigneufl Des Barreaux, im Jahre 1599 in der Provinz ge¬ 
boren und einer reichen und hochgeachteten Familie entstammend, hatte seine . 
Studien in Paris vollendet. Nachdem er das „College“ velassen hat ist es der 
eigene Vater Vallöes, Präsident am Parlament und am Rechnungshof, der den 
Sohn dem Dichter Thöophile de~ Viau vorstellt und geradezu anvertraut Vallöe 
gerät ganz unter Thöophils Leitung und Einfluß, der für den 19jährigen, durch 
seine Schönheit bekannten und allgemein den „schönen Vallöe“ genannten Jüng¬ 
ling eine auffallende demonstrative Zuneigung an den Tag legt. Von Thöophile 
in den Kreis seiner Freunde und Schüler oingeführt nimmt Des Barreaux regen 
Anteil an den Festen, Versammlungen, Gelagen der lebensfreudigen Genossen. 

In Paris ist der beinahe 30jährige Thöophile fast immer mit dom 19jährigen 
Vallöe' zusammen und auch auf den kleineren häufigen Reisen des älteren 
Dichters in die Provinz begleitet ihn meist sein junger Freund. 

Nicht lange sollten beide diel fröhliche Intimität und glückliche Sorglosig¬ 
keit genießen dürfen. 

Thöophiles Feinde erheben die Beschuldigung des Atheismus gegen ihn und 
verbreiten mehrere, gegen den damals allmächtigen Günstling des Königs Lud¬ 
wigs XIII. den Herzog von Luynes, gerichtete Schriften, die sie mit dem Namen 
Thöophiles als Autor versehen. 

Zeitachr. f. Sexualwissenschaft Y. 3. 3 


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98 


Numa Praetoriufl. 


Die Folge dieses Manövers war ein 'administrativer Befehl an Thöophile, 
sofort Frankreich zu verlassen. Thöophile reist nach Spanien, überschreitet 
aber bald wieder die Grenze und begibt sich in sein FamilienschloB zu Bous- 
söres in der Provinz, wo er die Zeit eifrig mit Dichten und der Abfassung einer 
Rechtfertigungsschrift gegen die wider ihn erhobene Beschuldigung verbringt 
Die plötzliche Trennung der Freunde war für sie ein harter Schlag gewesen, 
den sie durch emsige Korrespondenz zu mildem suchten. 

Als Vallöe erfährt, daß Thöophile in Boussöres dauernd bleiben will, reist 
er zu ihm. Mehrere Wochen verbringen beide zusammen in gemeinsamer 
Dichterarbeit miteinander wetteifernd. Meist besingen sie denselben Gegen¬ 
stand, den Thöophile auswählt. Thöophile behandelt ihn meist mit Beziehung 
auf seine Lage und Vallöe speziell vom philosophischen Standpunkt 

Nach einigen Wochen dieses gemeinsamen Zusammenlebens kehrt Vallöe 
nach Paris zurück, aber ein eifriger Briefwechsel und; Austausch ihrer gegen¬ 
seitigen dichterischen Produktionen sorgt dafür, daß sie die Trennung nicht 
allzu hart empfinden. 

Nach längeren, zuerst fruchtlosen Bemühungen gelingt es endlich Thöophile, 
den Zorn des Herzogs von Luynes zu beschwichtigen. 

Er darf sein Exil verlassen, namentlich, da er sich verpflichtet, in das zur 
Bekämpfung der Aufständigen von Angers gebildete Königliche Heer einzutreten. 
In Paris angekommen, sucht er auch! den Freund zu veranlassen als Waffen¬ 
genosse im Dienst des Königs ihn in den Krieg zu 1 begleiten, aber Vallee zieht 
das bequemere genußreiche Pariser Leben vor, wo ihn insbesondere damals 
gerade eine Geliebte fesselte. 

Vergeblich wirft ihm Thöophile die Schande vor, auf eine ehrenvolle Tätig¬ 
keit wegen eines Weibes zu verzichten, wobei man allerdings das eigennützige 
Motiv deutlich merkt, den Freund auch im Krieg bei sich zu haben und nicht 
minder die offenbare Eifersucht gegen die Frau, die es verstanden, 1 im Herzen 
Vallöes einen großen Platz einzunehmen. Nach der Beendigung des Krieges, 
die nicht lange auf sich warten ließ, finden sich die Freunde in Paris wieder 
vereint. 

Ein unangenehmer Vorfall während einer gemeinsamen Reise der zwei 
Freunde in Tours, wo Vall6e beim Begegnen einer Prozession nicht sein Haupt 
entblößt hatte und beide nur mit Mühe der Volkswut entronnen waren, führte 
bald dem Ruf von Thöophiles Atheismus neue Nahrung zu, obgleich Des Bar- 
reaux und nicht er persönlich das Sakrilegium begangen hatte. Zur selben Zeit 
wurden zwei Gedichtsammlungen veröffentlicht, in denen sich auch mehrere 
recht freie befanden, die man Thöophile zuschricb. Die ultra-religiösen Kreise 
regen sich wieder über Thöophile auf und obgleich der Verleger der Samm¬ 
lungen die Ausgabe aus dem Verkehr zurückzieht, hält Thöophile seine Lage 
doch für sehr gefährlich und flieht nach England. Dort bleibt er nicht lange, 
dank der Fürsprache des englischen Ministers und insbesondere des Ver¬ 
sprechens, die reformierte Religion abzuschwören und den rechten Glaubenl an¬ 
zunehmen, läßt man ihn unbehelligt nach Frankreich zurückkehren. 

‘Inzwischen hatte Vallöe mit der Veröffentlichung der Werke seines Freundes 
dem Wunsch Thöophiles entsprechend begonnen, dabei aber d i e Gedichte weg¬ 
gelassen, in denen sich die Freigeisterei klar zeigte. 

Nur kurze Zeit nach Thöophiles Rückkehr aus England konnten die beiden 
Freunde ruhige Stunden zusammen verleben. Der gegen die Protestanten aus- 
gebrochene Krieg ruft Thöophile abermals unter die Waffen in den Dienst des 


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Zwei französische Dichter des 17. Jahrhunderts usw. 99 


Königs; auch diesmal möchte er den Freund überreden als Waffengenosse ihn 
zu begleiten, aber auch diesmal gelingt es ihm nicht. 

Thöophiles Feinde machen bald (1622) neue Vorstöße ihn zu verderben, und 
zwar sind besonders eifrig die beiden Jesuitenpatres Garassu und Voisin. 

Als Spion gegen Thöophile benutzen sie einen gewissen Sageot, einen 
früheren Protestanten, der durch den Pater Voisin, seinem einstigen Lehrer, dazu 
gebracht worden war, zum Katholizismus überzutreten. Thöophile und Sageot 
kannten sich von der Schule her, wo Thöophile einst (im Jahre 1611) Sageot 
und Voisin in einer derartigen verdächtigen Stellung überrascht hatte, daß er 
über die sexuellen Beziehungen des Paters zu seinefn Schüler keinen Zweifel 
hegen konnte. Thöophile traf nun im Jahre 1622 wieder mit Sageot zusammen 
und beging die Unvorsichtigkeit, ihm seinen Glaubenswechsel vorzuwerfen und 
dies in dem Augenblick, wo Thöophile das Versprechen abgegeben hatte, das 
gleiche zu tun. 

Sageot beeilte sich, die Vorwürfe Thöophiles dem Pater Voisin zu hinter- 
bringen, der sofort auch die Angaben Sageots offiziell zu Protokoll nehmen ließ. 

Während der Pater Garassu nur aus religiösem Fanatismus Thöophile auf¬ 
sässig war, spielten beim Pater Voisin persönliche Motive die Hauptrolle. 

Voisin hatte es Thöophile nicht verziehen, daß er ihn gleichsam in flagranti 
in der Befriedigung seiner homosexuellen Neigungen ertappt hatte, um so mehr, 
als Thöophile damals unklugerweise nicht einfach ein Auge zudrückte, sondern 
den Pater laut Sodomiter schalt. Dazu kam!, daß Voisin — anscheinend ein 
echter Homosexueller — gegenüber den Reizen desl schönen Vallöe nicht kalt 
geblieben war, und ihm einst einen direkten sexuellen Antrag gestellt hatte, 
aber von dem jungen Des Barreaux schroff zurückgewiesen worden war. 

Kein Wunder, daß Voisin Thöophila also denjenigen aufs ärgste und in 
blinder Eifersucht haßte, der nicht nur seine Sitten kannte, sondern mit dem 
begehrten Jüngling in der engsten intimsten Freundschaft lebte, deren Charakter 
als eines Liebesbundes Voisin wohl vermutete. 

Lachövre spricht von diesem Motiv nicht. 

Sehr richtig sagt dagegen Jean de Gourmont in seiner Besprechung des 
Buches von Lachövre (im Mercure de France, Mai 1911, S. 360): 

„Das wahre Motiv des Paters Voisin, hartnäckig Thöophile zu verfolgen, 
springt in die Augen. Der Priester verzieh dem Dichter nicht, ihm die plato¬ 
nische Liebe des jungen Dea Barreaux geraubt zu haben." (Diese Liebe hatte 
Voisin übrigens anscheinend niemals besessen sondern nur erstrebt.) Von Vallöe 
über die Manöver der beiden Jesuiten patres benachrichtigt, beeilt sich Theophile 
im Jahre 1Ö22, seinem Versprechen gemäß, seinen reformierten Glauben ab¬ 
zuschwören. 

Garassu und Voisin waren aber von der Aufrichtigkeit der Bekehrung des 
Dichters nicht überzeugt und! lauerten nur auf einen günstigen Umstand, um 
ihn zu verderben. Die Gelegenheit dazu wurde ihnen bald geboten, wenn sie 
diese Gelegenheit nicht vielleicht selbst geschaffen haben. 

Im April 1623 erschien eine Gedichtsammlung in zwei Teilen: ,,Le Pamasse 
Satyrique“ in welcher als erstes Gedicht das mit dem Namen Thöophile über- 
schriebene, von ihm horrührende sog. sodomitische Sonett stand. 

Diese Veröffentlichung mit diesem Sonett ohne Wissen und Willen Thöo- 
philes war anscheinend eine gegen den Dichter gerichtete Machination, um die 
öffentliche Meinung gegen ihn aufzubringen. 

Zugleich bereitete Garassu eine große und heftige Anklageschrift gegen die 
Freigeisterei und gegen den Dichter Thöophile vor. 

8 * 


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100 Numa Pnetorius. 


Theophile erkannte die Gefahr, in der er schwebte und bemühte sich, jedoch 
vergeblich, die Verbreitung der Sammlung durch Klage gegen die Buchhändler 
und Schritte bei dem Drucker, zu vereiteln, auch spielte er jetzt den völlig Be¬ 
kehrten und frommen Katholiken. Zu dieser Zeit hatte Thöophile das Unglück, 
daß der zweite Teil seiner Werke, von dessen Herausgabe er seinen Freund 
Vallöe entbunden hatte, doch herauskam, anscheinend ohne Willen Thöophiles. 

In diesem Band waren aber eine ganze Reihe freigeistiger Stellen. Die 
Katastrophe konnte jetzt nicht ausbleiben: 

Am 11. Juli 1623 erläßt nun auch das Parlament auf Antrag des General¬ 
prokurators einen Haftbefehl gegen Thöopbile sowie gegen drei andere Frei¬ 
geister, und am 18. August wird die Verbrennung der Schriften Thdophiles an¬ 
geordnet, die auch am andern Tag feierlich erfolgte. Kurz darauf erscheint 
auch die vernichtende Anklageschrift des Paters Garassu. 

Thöophile verbirgt sich! nach Erlaß des Haftbefehls in Chantilly, von wo- 
aus er den Freund benachrichtigt, der zu ihm eilt 

Im August flieht dann der Dichter nach Catelet mit Unterstützung des 
Herzogs von Montmorency und hält sich dort versteckt Inzwischen hatte sich 
bei Valide eine Wendung in seiner Anhänglichkeit an Thdophile vollzogen; von 
Angst gepackt, selbst einer Verhaftung sich auszusetzen, hat er schon vor dem 
18. August den Freund im Stich gelassen und ihn sogar bei Dritten schmählich 
verleugnet 

In Catelet, wo Thdophile durch den Herzog von Montmorency von dem 
Verhalten seines geliebten Valide erfährt dichtet er eine ergreifende Ode über 
diese Treulosigkeit. Die „Klage Thdophiles an einen seiner Freunde während 
seiner Abwesenheit". Er klagt daß sein unglückliches Los die heilige Freund¬ 
schaft, die Valide ihm geschworen, beendet daß sein Freund ihn straucheln 
sieht ohne ihm die Hand, zu reichen. Das Übermaß seines Unglücks ist nur des¬ 
halb so grausam, weil Valide ihn nicht mehr liebt. Niemals hätte er den Freund 
verlassen, sein Leben hätte er mit dem seinigen verbunden. Er habe nichts be¬ 
gangen, was Valide zwingen könne, ihm dem Rücken zu kehren, nichts habe er 
getan, als täglich seinen Tircis J ) etwas mehr zu lieben. Noch war die Ode nicht 
ganz fettig, als die Spione des Paters Voisin den Aufenthalt Thdophiles ent¬ 
deckten und seine Verhaftung veranlaßten. 

Um Thdophiles Lage noch zu verschlimmern, veranstalteten seine Feinde 
eine zweite Auflage der das sog. sodomitische Sonett ati erster Stelle enthalten¬ 
den Gedichtsammlung. Die Angst vor Des Barreaux wächst von Tag zu Tag, 
insbesondere seit Thdophiles Verhaftung. Denn dieser hatte auf seiner Flucht 
die in lateinischer Sprache gewechselte Korrespondenz der beiden Freunde mit¬ 
genommen und diese Briefe waren anscheinend in einem solchen Ton abgefaßt, 
daß man aus ihnen auf das Verbrechen des gleichgeschlechtlichen Verkehrs 
schließen konnte) und Valide bei ihrer Beschlagnahme und Verwertung durch 
die Behörde das allerschlimmste — Verhaftung, ja Feuertod — zu befürchten 
hatte. Diese Briefe wurden nun tatsächlich ,auch bei Thdophile vorgefunden 
und dem Generalprokurator beim Parlament überliefert. 

Des Barreaux und seine Familie strebten nun eifrigst danach, wieder in 
den Besitz dieser Briefe zu gelangen, um die furchtbare Gefahr von Des Bar¬ 
reaux abzuwenden. Ihren Bemühungen beim Präsident des Parlaments gelang 
es auch, daß dieser die Briefe vom Generalprokurator zurückerhielt und darin, 
einwilligte, daß sie vom Prozeß ausgeschieden würden. 


*) So nannte er Vallee. 


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Zwei frantösische Dichter des 17. Jahrhunderts usw. 101 


Inzwischen war die Ode Thäophiles aus Catelet bekannt geworden, ja sie 
wurde vor dem Justizpalast öffentlich verkauft. 

Entsetzt, man könnte aus dieser Ode einen neuen Verdacht über sein Ver¬ 
hältnis zu Thöophile schöpfen, schreibt Vallöe eine lange Epistel an den ge¬ 
fangenen Dichter als Antwort auf die Ode. 

Dieses lange Elaborat zeigt den Charakter von Des Barreaux in einem recht 
unschönen Licht und zeugt von einer beklagenswerten Feigheit Allerdings 
muß man ihm seine eigene gefährliche Situation und die entsetzliche drohende 
Strafe im Falle eines behördlichen Einschreitens wegen des Verdachts homo¬ 
sexuellem Verkehrs zugute rechnen. Das Schreiben war eben hauptsächlich nur 
auf die Wirkung nach außen, auf eine Irreführung der Feinde Thöophiles und 
der Behörde hinsichtlich des zwischen den Freunden bestandenen Verhältnisses 
berechnet Immerhin brauchte Vallöe nicht gerade einen so unwürdigen Ton 
anzuschlagen und namentlich der Schluß der Epistel, in welchem er den früheren 
Freund als Trost (!) auf die Reinigung durch den gottgefälligen Scheiterhaufen 
verweist, hat etwas Empörendes. 

Er wundert sich zunächst, daß Thöophile statt die auf ihm lastenden Be¬ 
schuldigungen zu widerlegen, sich damit vergnüge, ihm, Valläe, zu schreiben, 
und dazu noch in Versen; warum er sich denn gerade nur an ihn wende, der 
doch gar nichts für ihn zu tun vermöge. „Komische Sache: während man dich 
anklagt, klagst du mich an, aber die Anklagen sind recht verschieden. Du 
klagst mich an, ein wenig Undank und Nachlässigkeit gegen dich gezeigt zu 
haben und dich klagt man einer unendlichen Undankbarkeit gegen Gott an.“ 
Dann folgt eine heuchlerische Moralpredigt über die Pflichten gegen Gott, die 
Thäophile verletzt habe, sowie frömmelnde Ermahnungen, von der Gottlosigkeit 
umzukehren mit dem Wunsch, es mögen Thöophiles 1 Behauptungen wahr sein: 
er habe nicht die inkriminierten gottlosen Werke geschrieben. 

Auf ihr beiderseitiges Verhältnis eingehend, kündigt er Thöophile die einstige 
Freundschaft Thöophile möge sich nicht über seine (Vallöes) neue Sprache 
verwundern, er, Vallöe, sei nicht mehr der alte, der sich einst durch Thöophiles 
Eitelkeit habe anlocken lassen und leidenschaftlich diejenigen aufgesucht habe, 
die ihn gehindert seinel Verblendung zu erkennen. Aber Thöophile möge nicht 
glauben, es sei sein Unglück, das ihm den Freund nehme, sondern es sei Gott, 
der ihn, Vallöe, die Gesellschaft der Bösen oder der der Bosheit Verdächtigen 
habe fliehen lassen. Gottes Gnade habe ihm die falsche Freude der verderb¬ 
lichen Gesellschaft Thöophiles entzogen, um ihmi die wahren Freuden genießen 
zu lassen, die er denjenigen zuteile, die, um sich in Gottes) Liebe zu vereinigen, 
der vergänglichen Wollust entsagten. Das Ganze schließt mit einem Dithyram¬ 
bus auf Gott und Christus und mit der Ermahnung, Thöophile möge den bevor¬ 
stehenden Feuertod gelassen hinnehmen und als schöne Gelegenheit betrachten, 
dieses durch Gottes Gnade ihm auferlegte Kreuz mutig zu tragen und zu seinem 
ewigen Heil die läuternden Flammen, welche auch schon so viele Märtyrer 
freudig erstrebt hätten, zu umschlingen. 

Auch ein anderer Freund Vallöes, der gefürchtet hatte, dieser würde nicht 
den Mut haben auf Thöophiles Epistel zu antworten, verfaßte eine Erwiderung 
in Gedichtform, in welcher er Vallöe gegen Thöophiles Vorwurf der Undankbar¬ 
keit in Schutz nimmt, indem er anfrägt, ob denn Thöophile, der Vallöe zu lieben 
behaupte, beabsichtige, daß Vallöe ihn im „Scheiterhaufen“ umarme. 

Umgekehrt übernahm eine Reihe anonymer Freunde Thöophiles seine Ver¬ 
teidigung und einige veröffentlichten) Gedichte, in denen sie auch Vallöes Treu¬ 
losigkeit geißelten. 


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102 Nmna Praetorius. 


Insbesondere publizierte ein Freund Thöophiles unter dem Pseudonym 
„Dämon“ eine lange Epistel, in der er gegen Des Barreaux’ Schmähbrief Protee* 
erhebt und im einzelnen ihn zu widerlegen sucht. Dieser Dämon gibt an, er sei 
der Dritte in dem Freundschaftsbund Th6ophile-Vall6e gewesen. 

Nach Lachövre handelte es sich um den nicht näher bekannten Ducöe, den 
Thöophile in seinen Briefen auf ebenso herzliche Weise wie Des Barreaux an¬ 
redet: mit Theophilus Ducaeo suo. Unter anderm ruft Dämon Vallöe zu: Wenn 
er, Vallöe, Thööphile ermuntere zur Buße für seine Gottlosigkeit den Feuertod 
zu sterben, po habe er, Vallöe, die gleiche Gottlosigkeit begangen und müßte als 
Genosse an Thöophiles Bosheit auch als Genosse seiner Folter sich ihm an¬ 
schließen. Er, Dämon, könne es nicht glauben, daß Vallöe zu jenem gehöre, die 
' im Glück den Freund umschwänzelten, im Unglück ihm den Rücken kehrten. 

Diese Epistel ist das rechte Gegenstück zu derjenigen von Vallöe und zeigt 
einen Edelmut, eine Treue, eine Charakterfestigkeit, die ihrem Verfasser die 
größte Ehre macht 

Des Barreaux und seine Familie fuhren inzwischen fort, nach Möglichkeit 
alle Spuren 1 der einstigen Freundschaft Vallöes mit Thöophile zu verwischen. 
Trotzdem Thöophiles Werke verbrannt worden waren, gab es noch einige 
Exemplare der zweiten Auflage und die ganze dritte von dem Inhaber versteckte. 
In dem ersten Teil der Sammlung befand sich nun eine Ode, welche die Intimität 
Thöophiles und Vallöes während! ihres gemeinsamen Aufenthaltes in Boussöres 
besang. Des Barreaux wollte nun auch dieses Zeugnis seiner Beziehungen zu 
dem Verhafteten beseitigen und suchte wenigstens in allen Exemplaren die 
diese Ode enthaltenden Seiten herauszureißen. 

Wenn Des Barreaux gefürchtet hatte, Thöophile würde ihn als Mitschul¬ 
digen in sein Unglück hineinziehen, so irrte er sehr. Thöophile richtete seine 
Verteidigung so ein, daß er keinen Dritten! kompromittierte. 

Im März 1624 werden öffentlich zehn Oden verkauft, die Thöophile während 
seiner Flucht in Chantilly begonnen und im Gefängnis beendet hatte. Darin 
behandelt er auch seine Freundschaft mit Vallöe und sucht sie geschickt gegen 
diejenigen in Schutz zu! nehmen, welche ihren reinen Charakter beargwöhnen, 
indem er umgekehrt gegen solche Mißdeuter den Spieß herumdreht und gleich¬ 
sam sich verteidigend zu verstehen gibt, daß er, weil selbst unschuldig, den 
Vorwurf der Päderastie nicht fürchtet Es sei kein Verbrechen, die Schönheit 
in jeder Form zu lieben. Wer einen beleidigenden Verdacht äußere, äußere nur 
seine verbrecherischen Gedanken. 

Die Züchtigkeit gestatte sich eine ehrbare Freiheit und überschreite die 
lächerlichen Grenzen, welche die Verleumder vorschrieben, die unter dem 
Doktorkbid Sodomitarseelon verborgten. Die blinde Begierde, nach der die 
Seele des Brutalen trachte, sei weit entfernt von der geregelten Bewegung, von 
der das tugendhafte Herz erfüllt sei. 

Welch seltsame Entzückungen habe dieses Feuer, welches die Natur in 
das Herz zweier wahren! Freunde gelegt hat 

Natur habe diese Liebe gegründet: So liebten die Augen den Tag, so der 
Himmel der Engel. „So genießen Tircis und ich trotz dieser traurigen Gerüchte 
und ihrer grausamen Lüge die Früchte einer keuschen und treuen Freundschaft 
Nichts trennt unsere Wünsche, unsere Sorgen, unsere Freuden. Unsere gegen¬ 
seitigen Einflüsse umschließen sich in ein Band und meine Gefühle sind nichts 
als der Spiegel seiner Gedanken. Der Himmel gibt uns die Schönheit für ein 
Zeichen seiner Gunst: durch sie gibt die Gottheit selbst etwas von ihrer Spur 
kund. Alle best geformten Gegenstände! sollen am besten geliebt sein, es sä 


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Zwei französische Dichter des 17. Jahrhunderts usw. 


103 


denn, daß eine schlechte Seele, Sklave eines lasterhaften Körpers, die Gunst¬ 
bezeugungen des Himmels bekämpfe und ihren Ursprung verleugne.“ 

Die Beschuldigung des gleichgeschlechtlichen Verkehrs war gegen Thäo- 
phile nicht ausdrücklich vor der Anklage erhoben worden, vielmehr waren nur 
gewisse Gedichte wegen ihres homosexuellen Inhalts, so das sog. sodomitische 
Sonett, die man Thöophile zuschrieb, inkriminiert Jedoch fühlte Thöophile, 
daß er jeden Augenblick eine direkte Anklage homosexuellen Verkehrs zu be¬ 
fürchten hatte. Die Untersuchung ergibt auch, daß Thäophile in seinen Ver¬ 
nehmungen vor den Richtern eingehend über die Art und Weise ausgefragt 
wurde, wie er Des Barröaux kennen lernte und über ihre Beziehungen zu¬ 
einander. 

Deshalb kam es ihm gerade darauf an, in der obigen Ode sein Verhältnis 
zu Vallöe als ein rein ideales, als eine unverdächtige Freundschaft darzustellen. 
Als Vallöe das Verhalten seines Freundes in der Untersuchung erfährt, wird er 
beruhigt. Er weiß jetzt, daß Thöophile ihn in keiner Weise belastet hat, daß 
seine Briefe ini Sicherheit sich befinden, und erfährt wohl auch, daß den Be¬ 
hörden nicht daran liegt, eine Überführung und Verurteilung Thöophiles zu er¬ 
zielen. Denn wie Lachävre sagt: „In den Vernehmungen Thöophiles fällt ge¬ 
radezu die Mäßigung der Parlamentskommission auf. Sie suchten nicht Theo¬ 
phile in Verlegenheit zu bringen, sie legten keinen Nachdruck auf gefährliche 
Fragen, sie nehmen ohne Widerspruch sein Leugnen an, sie zeigen eine an 
Gleichgültigkeit grenzende Unparteilichkeit“ 

Als Des Barreaux sieht, welche günstige Wendung die Untersuchung nimmt 
macht sich auch eine edlere Gesinnung bei ihm geltend, er sucht jetzt seinem 
Freund zu helfen, indem er gegen den Hauptbelastungszeugen, den Pater Voisin, 
eine vernichtende Beschuldigung erhebt: Er erklärt der fromme Pater huldige 
selbst der Leidenschaft, die man in einigen Gedichten Thäophiles finden wolle, 
Voisin habe ihn, Vallöe, zur Zeit wo er sein Lehrer gewesen, einmal direkt zur 
geschlechtlichen Hingabe zu bestimmen versucht 

Diese Erklärung wird dem König hinterbracht, der über Voisin sich erbost. 
Voisin verliert den Kopf, er will durch übermäßigen taktlosen Eifer gegen 
Thäophile sich reinwaschen und sendet eine Flugschrift an die Richter, in der 
die Hinrichtung Thöophiles als gottgewolltes Opfer verlangt wird. Die Richter 
sind erbittert über Voisin, Thöophiles Kopf ist gerettet, er wird nur zur Ver¬ 
bannung verurteilt 

Voisin selbst wird auf Befehl des Königs aus Frankreich ausgewiesen. Als 
Voisin über Dijon nach Italien reist wird er unterwegs von Vallöe und einigen 
seiner Freunde in der Nähe von Dijon tüchtig durchgeprügelt und mit 
Schmähungen überschüttet 

Jetzt wo der Prozeß beendet und Thöophile gerettet war, nähert sich Des 
Barreaux wieder dem alten Freund und schreibt ihm zuerst einen innigen Brief, 
in dem er ihn versichert, er brenn« zu wissen, wohin er sich wenden werde. 
„Lebe wohl, mein lieber Thöophile,“ heißt es am Ende, „und behalte immer lieb 
Valläe, den, der Dich am meisten liebt unter allen Deinen Freunden.“ 

Thöophile beeilt sich, ihm zu antworten: Zwar kann er nicht umhin, ihm 
vorzuwerfen, daß er den Verbannten verlassen habe, aber immer denkt er an ihn. 
„Du liebst mich," schreibt er, „es ist wahr, es ist absolut sicher, aber Du weißt 
noch sicherer, daß Du allzusehr geliebt bist und Du willst nicht wiederkommen." 
Die schlimmen Ereignisse, die Thäophile durchgemacht hatte, waren nicht ohne 
großen Eindruck auf ihn geblieben und hatten eine Umänderung in ihm hervor¬ 
gebracht: Er war jetzt vorsichtig geworden. Zwar liebte er noch die Genüsse 


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Numa Praetorius. 


104 


des Lebens, aber er berührte nicht mehr die Fragen des Glaubens und der 
Religion. Während Thöophile noch in der Provinz weilt, ist Deß Barreaux 
wieder nach Paris zurückgekehrt Er ist immer der philosophische Freidenker, 
der sich nicht scheut die Religion zu bespötteln. 

Ein reger Briefwechsel entwickelt sich wieder zwischen den ausgesöhnten 
Freunden, die Anziehung, die Valtee auf Thöophile ausübte, war zu groß, als 
daß sich beide fremd bleiben konnten. Überall in den Briefen Thöophiles spricht 
der Ton herzlichster innigster Zuneigung: Immer wieder spricht Thöophile die 
Bitte aus, Valtee möge ihn nicht weniger lieben und in seiner Liebe nicht 
erkalten. 

„Ich habe keinen Grund Dir zu schreiben und schreibe Dir. . . . Deiner¬ 
seits liebe mich ohne Grund“ und ... 

•Und in einem andern Briefe: „Ich fürchte immer Du liebst mich weniger, 
da Du so sehr geliebt bist“ Zugleich warnt ihn Thöophilei vor dem Verkehr 
mit den Frauen. „Gefährlich ist der Verkehr mit den Frauen, sei darin vor¬ 
sichtig und so leicht auch Deine Wünsche Erfüllung finden mögen, bedenke, daß 
das Schicksal oft einem glücklichen Anfang ein unheilvolles Ende aufbewahrt“ 

Thöophile kommt bald mehr in die Nähe von Paris und erlangt wieder die 
Gunst des Königs, vor dem sogar seine Tragödie „Pyramus und Tisbe“ aufgeführt 
werden darf. Des Barreaux besucht den Freund bald auch öfters auswärts. 

Im September 1626 kehrt Thöophile nach Paris zurück, wo er aber gleich 
an Fieber erkrankt Valtee eilt anj das Krankenlager, trotz aller Pflege stirbt 
jedoch Thöophfle am 25. September 1626 in den Armen Des Barreaux’ und zweier 
anderer Freunde. 

Valtee war durch den unerwarteten Tod seines älteren Freundes tief er¬ 
schüttert tröstete sich aber bald. Er überlebte Thöophile fast um ein halbes 
Jahrhundert, denn er starb erst 1678 im Alter von 74 Jahren. Er wurde Rat am 
Parlament scheint sich aber um seine Stelle nicht viel bekümmert und lieber 
jahrelang die Freuden des Tisches und der Liebe uneingeschränkt genossen zu 
haben. 

Nach dem Tode Thöophiles findet man im Leben Valtees keinen ähnlichen 
Freundschaftsbund wie den früheren mit Theophile, dagegen hatte er zahlreiche 
Mätressen und besonders fesselte ihn jahrelang eine große Leidenschaft zu 
Marion de l’Orme. Viele seiner Gedichte besingen diel Frauen und besonders die 
Geliebte Marion. Allerdings der Ruf, den ihm seine frühere auffallende Intimität 
mit Thöophile eingebracht hatte, haftete ihm noch lange an. Die klatschhaften 
Höflinge, welche von seinen zahlreichen Erfolgen bei Frauen sprachen, spielten 
nichtsdestoweniger darauf an, daß Rat Des Barreaux kenne „das! häßliche Ver¬ 
gnügen, das man Sodomie nenne“. 

Ja, Tallämant des R4aux berichtet in seinen. „Historiettes“ (Ed. Paulin, Paris 
1854), daß kurze Zeit nach dem Tode von Thöophile, während eines Gelages, an 
dem auch der Graf de Lude teilgenomimen, Des Barreaux anfing zu] kreischen, 
wie das immer sein Fehler gewesen ist, worauf der Graf ihm lachend sagte: 
„Oh! als Witwe von Thöophile scheint es mir, daß Sie ein bißchen viel Lärm 
machen.“ 

III. War nun Thöophile wirklich homosexuell und gilt das gleiche von Des 
Barreaux? 

Soweit man dies heute noch beurteilen kann, möchte ich Thöophile für 
einen Homosexuellen, mindestens aber für einen Bisexuellen halten. Allerdings 


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Zwei französische Dichter des 17. Jahrhunderts, nsw. 105 


genügt ee nicht, daß eine intime Freundschaft zwischen einem jüngeren und 
einem etwas älteren Manne existiert, damit man gleich ein' Liebesverhältnis ver¬ 
muten darf. 

Ich bin der erste, der gegen derartige ungerechtfertigte Schnüffeleien pro¬ 
testiert Aber die Freundschaft Thäophiles und Vallöes hat nach ihrem ganzen 
Wesen und allen begleitenden Umständen eben den Charakter einer homo¬ 
sexuellen Neigung, wenigstens seitens von Thäophile. 

Die leidenschaftlichen Züge, die Tiefe, die Innigkeit, wie sie das jahrelang 
bis zu dem Tode Thöophiles dauernde Verhältnis des älteren Dichters zu Des 
Barreaux aufweist, die enge Intimität und die Überschwenglichkeit, mit der (iie 
Freundschaft zwischen dem Dreißigjährigen und dem erst Neunzehnjährigen ein¬ 
setzte, tragen deutliches konträrsexuelles Gepräge. 

Offenbar waren es nicht bloß die geistigen Vorzüge des Jünglings, sondern 
besonders seine von den Zeitgenossen gerühmten körperlichen Eigenschaften, 
die ihm den Beinamen des „Schönen“ eintrugen, welche Thöophile fesselten und 
zur Entstehung seiner auffallenden Zuneigung beitrugen, deren Fundament eben 
in der homosexuellen Anlage des Dichters ruhte. In der oben auszugsweise mit- 
geteilten, während der Untersuchungshaft Thäophiles: beendeten Ode, verwahrt 
er sich energisch gegen die Auffassung, als ob seine Zuneigung und seine Be¬ 
ziehungen zu Des Barreaux geschlechtlichen Charakter gehabt hätten, und stellt 
seine Liebe als bloße, reine, unschuldige Freundschaft dar. 

Natürlich beweist diese Ode keineswegs, daß Thäophiles Behauptungen der 
Wahrheit entsprechen. Denn er war es ja sich und seinem Freunde schuldig, 
in seiner furchtbaren Notlage alles zu bestreiten, was dem Verdacht der Homo¬ 
sexualität dienen und ihm der entsetzlichen' Gefahr einer Anklage und womög¬ 
lichen Verurteilung (zum Feuertod!) aussetzen konnte. 

Tatsächlich aber bat die Ode doch großen Wert für die Beurteilung des 
Gefühlslebens ThGophiles; denn die Schilderung der Anhänglichkeit, der Hin¬ 
gebung gegenüber dem Freund, die Bewunderung seiner geistigen und körper¬ 
lichen Eigenschaften ist von einer derartigen warmen, intensiven Empfindungs- 
welle getragen, daß — möge noch so sehr das Ideale, Edle des Verhältnisses 
verkündet werden — in diesem Panegyrikus auf die Freundschaft deutlich homo¬ 
sexuelle Liebe sich widerspiegelt. Ungewollt läßt uns da Thäophile in sein 
wahres Innerstes blicken, unwillkürlich enthüllt er sein» Seele, und offenbart 
uns sein wirkliches Gefühls- und Triebleben, über dessen reelle Natur und 
Wesenheit das vorgemalte Bild bloßer enthusiastischer Freundschaft den etwas 
schärfer Beobachtenden nicht täuschen kann. 

Der Charakter der Zuneigung Thöophiles als einer homosexuellen zeigt sich 
auch darin, daß sie den Prozeß überdauerte, in dem der jüngere Genosse den 
Freund geradezu schmählich behandelt hatte. Diese Leidenschaft glühte sogar 
nach dem Prozeß noch kräftiger auf und die späteren Briefe, von denen oben 
Bruchstücke mitgeteilt sind, atmen eine unerschütterliche Gebundenheit und 
eine Wärme der Empfindung, wie sie eben nur der Liebe, nicht bloßer Freund¬ 
schaft, möglich sind gegenüber jemand, der in der Notlage den Freund auf den 
läuternden Flammentod vertröstet hatte. 

Sehr richtig hat auch der oben schon erwähnte Jean de Gourmont in seiner 
Besprechung des Buches von Lachövre die wahre Natur der Empfindung Thöo- 
philes orkannt, und sich über dessen Liebe zu Valläe wie folgt geäußert: „Thöo- 
phile hat die Schönheit seines Geliebten besungen, indem er ihn als eine Seg¬ 
nung der Gottheit darstellte, und als Des Barreaux ihn schmählich verläßt, mit 


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106 


Numa Praetorins. 


dem Rat, die Flammen des Scheiterhaufens zu umarmen, verzeiht ihm Thöophile, 
wie man einem Weibe, das nicht weiß, was es tut, das Böse verzeiht, das es 
einem zugefügt hat.“ 

Wenn nun auch die Briefe Thöophiles, die uns erhalten sind, obgleich sehr 
innig und liebevoll und in ihrem eigentlichen Gefühlskern durchsichtig, allein 
und an und für sich betrachtet nicht unbedingt ein homosexuelles Verhältnis 
beweisen, so sind anscheinend in den lateinisch geschriebenen Briefen Th6o- 
philes an Vallöe viel deutlichere, noch beweiskräftigere, nicht mißzudeutende 
Töne homoerotischer Leidenschaft angeschlagen. Anscheinend lauteten diese 
Briefe derart, daß Vallöe und Thöophile befürchten mußten, sie könnten in dem 
Prozeß des letztem die Beschuldigung des gleichgeschlechtlichen Verkehrs der 
beiden Freunde nach sich ziehen, deshalb wurde auch Valfee von so schreck¬ 
licher zur Feigheit führenden Angst gepackt, als er die Beschlagnahme der 
Briefe erfuhr, und deshalb strengte sich auch die Familie Des Barreaux mit 
allen Mitteln an, die Ausscheidung der Briefe aus dem Prozeß und die Rückgabe 
zu erwirken, was ihr ja auch zum Glück gelang. 

Leider sind diese Briefe nicht mehr auffindbar und wahrscheinlich seitens 
der Angehörigen von Valfee oder durch ihn selber der Vorsicht halber vernichtet 
worden. 

Das sog. sodomitische Sonett, das an der Spitze der im Jahre 1623 er¬ 
schienenen Gedichtsammlung „Le pamasse satyrique“ stand und Thöophile zu¬ 
geschrieben wird, kann kaum als Beweis seiner Homosexualität gelten. 

In demselben jammert Thöophile in zynischer Weise darüber, daß er von 
der Syphilis heimgesucht sei, die ihn gar arg zugerichtet habe. Diese Krankheit 
habe ihm ein! Mädchen, die er Philis nennt, angehängt, er bitte Gott um Ver¬ 
zeihung, so schlecht gelebt zu haben und wenn sein Zorn ihn nicht töte, mache 
er das Gelöbnis, fortan nur noch Pädikatio zu üben. 

Das Sonett, welches die — natürlich ganz irrige, bei vielen Leuten auch 
heute noch verbreitete — Anschauung zum Ausdruck bringt, als könne die 
Syphilis nur durch den Beischlaf mit einem Weibe erworben werden, will eine 
schlimme Heimsuchung des Dichters scherzhaft-zynisch behandeln: und als 
Schlußpointe dem homosexuellen Verkehr in der extremen Form gleichsam als 
Schutzmittel gegen neue Ansteckung und Rache gegenüber dem weiblichen Ge¬ 
schlecht eine Huldigung darbringen. . ^ 

Der ganze frivole und scherzhafte Ton des Gedichtes gestattet es nicht, auf 
Grund dieser Verse anzunehmen, daß Thöophile überhaupt der Pädikatio zu¬ 
geneigt, ebensowenig aber auch umgekehrt, daß er überhaupt von einem Mäd¬ 
chen eine Geschlechtskrankheit erworben habe. Weder für die Art der sexuellen 
Befriedigung des Dichters, noch für die Natur seines Liebesgefühls läßt sich 
aus diesem frivol-spaßhaften Sonett ein Schluß ziehen. 

Weit sicheren Anhaltspunkt für Thöophiles Homosexualität gewährt ein 
Sonett von St.-Pavin, in welchem dieser mit Thöophile sehr gut bekannte 
Dichter ihn direkt als Liebhaber des gleichgeschlechtlichen Verkehrs schildert 
und zugleich aufdeckt, wie es sich mit Thöophiles Lobgesängen auf das Weib 
verhalte: Sie seien, plaudert St.-Pavin aus, der offenbar über Thöophiles Ge¬ 
sinnung gut unterrichtet war, nichts weiter als Deckmäntelchen, gewesen, um 
seine eigentliche Natur zu verdecken. Er, St.-Pavin, möchte nicht zu Ehren von 
Flauen schreiben, die e r nicht besitze, sondern andere. Aber fährt er fort: 

„Einst übte der famose Theophile in galanter Weise dies Handwerk aus für 
Höflinge und Bürger, es geschah mit so viel Geschick, daß er sich für die zu 


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Zwei französische Dichter des 17. Jahrhunderts usw. 107 


Ehren der Geliebten verfaßten Verse mit dem Liebhaber bezahlt machte (wört¬ 
lich .auf den Liebhaber bezahlt machte'): 

„Jadis le fameux Theophile, 

Pour gens de oour et gens de ville 
Faisait ce metier galamment 
C’etait avec tant s’adresse 
Qu’il se payail dessus l’amant, 

Des vers qu’il fit pour la maitresse.“ 

In der Tat hat Thöophile viele Gedichte zum Preis der Frauen abgefaßt, in 
denen er ihre Reize besingt und oft auch von seiner eigenen Verliebtheit spricht 
Ob es sich nun tatsächlich bloß um Heuchelei und Täuschung der Welt 
über sein eigentliches Liebesempfinden handelte oder ob Thöophile bisexuell 
veranlagt war und wirklich auch die Frauen oder gewisse Frauen liebte, jeden¬ 
falls dürfte die Auffassung wohl begründet sein, daß die Leidenschaft, die ihn 
zu Des Barreaux hinzog, einem starken homosexuellen Grundtrieb entsprungen ist 
Im Gegensatz zu Thöophile erscheint es mir recht zweifelhaft, ob Des Bar¬ 
reaux homosexuell war, ja, wenn er auch gewisse homosexuelle Ansätze gehabt 
haben mag, so halte! ich doch nicht einmal den Beweis einer wirklichen Bi¬ 
sexualität dieses Freundes von Thöophile für geliefert 

Ob zwischen beiden ein geschlechtlicher, Verkehr stattfand, ist nicht fest¬ 
zustellen; wenn es auch hierzu gekommen ist (wie dies die Leidenschaft 
Thöophiles und das intime Zusammensein beider nahelegt), so würde die Hin¬ 
gabe Des Barreaux’ nicht einen ihm selbst innewohnenden konträrsexuellen 
Trieb dartun. 

Vallöe war anscheinend eine jener Naturen, die sinnlich veranlagt, keinen 
Widerwillen verspüren, einem lieben und geschätzten Freund willfähig zu sein, 
eine jener Naturen, bei denen die Freundschaft, die Zuneigung, die Verehrung, 
die Dankbarkeit usw. einige Zeit homosexuelle Liebei zu einem intimen älteren 
Freund Vortäuschen können, bei denen aber der Grundtrieb heterosexuell ist 
und bleibt. 

Lachövre wehrt sich sehr gegen die Annahme, als hätten sexuelle Be¬ 
ziehungen zwischen Des Barreaux und Thöophile bestanden. Er beruft sich 
insbesondere, was Vallöe anbelangt, auf- das Zeugnis seiner intimen Bekannten, 
die versichert hätten, er habe stets die Sünde wider die Natur verabscheut und 
„nec agens nec patiens voluit nunquam inservire praOpostera libidini“ (Lachevre 
ob. zit Auf. 1907, S. 184). 

Daß zwei Freunde den homosexuellen Charakter ihres Verhältnisses sehr oft 
auch den nächststehenden Uneingeweihten geschickt zu verbergen wissen und 
natürlich selbst aufs entschiedenste Dritteln gegenüber kompromittierende Ver¬ 
mutungen zurückweisen, ist eine alltägliche bekannte Tatsache, und! so werden 
sich auch Thöophile und Des Barreaux benommen haben. Übrigens kann Des 
Barreaux sehr wohl im Ernst vor gewissen gleichgeschlechtlichen Akten einen 
Abscheu gehabt haben, so z. B. namentlich vor aktiver oder passiver Päderastie, 
die anscheinend mit dem inservire praepostera libidini gemeint ist 

Jedenfalls hat Des Barreaux nicht vor allem, was mit der Homosexualität 
zusammenhing, einen Ekel empfunden; denn er hat auch nach dem Tode von 
Thöophile noch freundschaftlich mit notorischen Konträren verkehrt — wahr¬ 
scheinlich in diese Kreise schon zu Lebzeiten seines Freundes eingeführt 

So wissen wir, daß er mit dem allgemein als Homosexuellen bekannten 


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108 


Nama Praetorius. 


großen Condö *) eng befreundet war und ebenso mit dem „König von Sodom*, 
dem Dichter St-Pavin,, der ganz offen über seine homosexuellen Gefühle mit 
Vallöe korrespondiert und sich bedankt, daß er ihm als Überbringer einer Ein* 
ladung einen entzückenden Pagen geschickt habe. 

Allerdings scheint sich Des Barreaux nach dem Tode Thöophiles nun auf 
kameradschaftliche Beziehungen zu Homosexuellen beschränkt zu haben, denn 
man hört nichts mehr von ihm, was den Verdacht gleichgeschlechtlichen Ver¬ 
kehrs begründen könnte, im Gegenteil hat Vallöe wohl nur noch Weiber geliebt 
und nur noch mit Weibern sexuell verkehrt Denn er hatte, wie wir erfahren, 
zahlreiche Frauen zu Geliebten und er unterhielt insbesondere jahrelang ein 
Liebesverhältnis mit der berühmten Kurtisane Marion de Lorme, deren erster 
glücklicher Liebhaber er war. 

Wenn daher Lachövre (ob. zit Auf. 1907, S. 184) sagt aus der Leidenschaft 
Vallöes zu Marion de Lorme und den ihr gewidmeten Gedichten gehe hervor, 
daß Dee Barreaux „nicht die Sitten und nicht die Seele eines Sodomiters“ ge¬ 
habt habe, so kann man ihm nur insoweit beistimmen, als diese Umstände die 
— mindestens stark überwiegende — Heterosexualität Vallöes beweisen. 

Dagegen hindern sie keineswegs, daß Des Barreaux sein Leben, lang Ver¬ 
ständnis und Interesse für die Homosexualität hatte und — mag er auch nach 
dem Tode Thöophiles „den Sitten eines Sodomiters“ entsagt haben — zu Leb¬ 
zeiten des Freundes mit ihm durch ein homoerotisches Band verbunden gewesen 
ist, das die Vermutung aufkommen läßt, daß Des Barreaux die Wünsche des 
verliebten und des geliebten Freundes nicht völlig unerhört gelassen hat 


Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen 

(mit besonderer Berücksichtigung der Homosexualität) aus den Jahren 1913 
bis in das Jahr 1917 (mit Ausschluß der Belletristik). 

Referierend und kritisch dargestellt von Numa Praetorius. 

(Fortsetzung.) 

B. Französische Autoren über Entstehung der Homosexualität: 

Magnan, P. L. Ladame, Ch. Ladame. 

Die folgenden französischen Schriftsteller neigen im allgemeinen der Erwerbs¬ 
theorie zu. 

Magnan: Bemerkungen in der Sitzung der Academie de medecine vom 21. bktober 
1913 über die vorgelegte Arbeit von Ladame, Dr. Paul (Geneve): ) 4 nTer ^ on sexuelle 
et pathologle mentale“ in den Archives d’anthropologie criminelle usw. von Lacassagne, 
Märzheft 1914. 

Magnan billigt die von Ladame in einer am 27. Juni 1913 der „Academie“ vor¬ 
gelegten Arbeit aufgestellte Ansicht, es sei nicht richtig, mit Näcke und andern in den 
Uraniem eine physiologische Abart, eine Art „drittes Geschlecht“, zu erblicken. Man 
dürfe sie insbesondere nicht mit den asexuellen Tieren, z. B. den Arbeitsbienen, ver¬ 
gleichen ; tatsächlich fände man in dem ganzen Tierreich kein Beispiel von Homosexuellen. 
Diese letzte Behauptung dürfte nicht zutreffend sein (vgl. über das häufige Vorkommen 
homosexueller Betätigung bei Tieren die zusammenhängende Untersuchung Earschs: 


l ) In seinen Memoiren sagt der Graf von Coligny-Saligny von Conde: „Der Bougre 
(,Päderast ( ), der er ist und ich beharre darauf, daß er es ist, auf den heiligen Evangelien, 
die ich in meiner Hand halte, dieser also offenkundige, eingefleischte Bougre hat nur 
zwei gute Eigenschaften, nämlich Geist und Mut.“ (Lachevre: oben zit. Auf. 1911. 
8. 389. Anm. 1.) 


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Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 


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„Über Päderastie und Tribadie bei den Tieren“ in Hirschfelds Jahrbuch, Bd. II, 
8. 126—161), ferner die Mitteilungen Dr. Heinroths, Assistenten des Berliner Zoolo¬ 
gischen Gartens, über das Liebesieben und -werben der Entenvöge) in Hirsche 
felds Buch: Die Homosexualität des Mannes und des Weibes, S. 633—635, sowie über die 
Beurteilung dieser homesexuellen Tierbetätigung als vielfach endogener Triebrichtung 
entspringend, Hirschfeld in dem genannten Werk 8.635 und Diskussion in der 
Sitzung der Gesellschaft für Sexualwissenschaft vom 20. Februar 1914, 
im Aprilheft 1914 der Zeitschrift für Sexualwissenschaft, S. 35 und 36; schließlich die 
Experimente von Steinach und die von Goldschmidt — siehe weiter unten. 

Die Homosexualität will Magnan ebenso wie andere sexuelle Anomalien lediglich 
unter einem psychischen Einfluß entstanden wissen; er schließt sich der Auffassung 
Ladames voll an, der Homosexuelle sei ein Degenerierter und Kranker. 

Mitteilung zweier früher schon veröffentlichter Fälle aus eigener Praxis, der eine 
im Bulletin de l’Academie de medecine Sitzung vom 21. Febr. 1911: „Inversion du sens 
gtnital chez un pseudo-hermaphrodite feminin* von Magnan und Pozzi; der andere in 
den Archives de Neurologie Nr. 7—12, 1882: „Inversion da sens gfenital et antres 
perversions genitales“ von Charcot und Magnan. 

Der zweite Fall betrifft einen Universitätsprofessor, der durch jahrelange Willens¬ 
anstrengung und moralische Hygiene seinen starken Trieb zum eigenen Geschlecht zum 
Verschwinden gebracht haben soll und angeblich in glücklicher Ehe lebt. 

Der andere Fall bezieht sich auf einen weiblichen Pseudohermaphroditen mit 
Charakter, Gebaren, Neigungen, Sexualtrieb des Männes. Die Person habe sich stets 
für einen Mann gehalten und in glücklicher Ehe gelebt Eine notwendig gewordene 
Operation habe die Existenz von Uterus und Ovarien, aber das Fehlen von Hoden er¬ 
wiesen. 

Mir scheint, daß gerade letzterer Fall ein Beispiel bildet von Entstehung der Homo¬ 
sexualität nicht auf psychischem Wege, sondern infolge eigenartiger konstitutioneller 
Störungen. 

Ladame, Dr. P. L., Chronique allemande: Les travaux rtaents des auteurs 
allemands sur l’homosexualitä in den Archives d’anthropologie criminelle usw. von 
Lacassagne, Oktober-Novemberheft 1913, S. 827—861). 

Ausführliche Darstellung einer Anzahl der in den letzten Jahren erschienenen 
Arbeiten deutscher Autoren über Homosexualität. Terminologie (Schonten, Ulrichs, Plato, 
Kerbeny, Ellis). Die ersten Erforscher der Homosexualität; Vorgeschichte des § 175 und 
seine Bekämpfung (Hirschfeld, Alsberg, Numa Praetorius, Hans Fuchs, Löwenfeld, Julius¬ 
burger, Westermark). Ätiologie (Näcke, Theorie des Erwerbs: Fleischmann, Stier, deren 
Bekämpfer Hirschfeld, Näcke, Burchard, Praetorius), Transvestiten (Hirschfeld. Ellis). 

Ladame hält eine homosexuelle Ansteckung für möglich und meint, Hirschfeld 
unterschätze diese Gefahren. Allerdings gibt er zu, daß diese Gefahren hauptsächlich 
nur gegenüber Jugendlichen in der Periode des undifferenzierten Geschlechtstriebes 
existierten, stets handle es sich auch nur um Ausnahmefälle, denn die echten üranier 
seien kraft ihrer sexuellen Konstitution invertiert, mögen sie nun durch Dritte zu Hand¬ 
lungen verführt worden sein oder nicht. 

Ladame, Dr. Ch., Privatdozent, „Homosexnalitö originaire et homosexnalitä 
aeqnlse 44 in den Archives d’anthropologie criminelle, de medecine legale et de Psycho¬ 
logie normale et pathologique von Lacassagne, Aprilheft 1914. 

Verf. (nicht zu verwechseln mit Paul Ladame) warnt ausdrücklich davor, die ge¬ 
borenen Homosexuellen mit Lasterhaften zusammen zu werfen und der Verachtung preis¬ 
zugeben. Er schildert auch mit Verständnis die mißliche soziale Lage der verfemten 
Homosexuellen, die ungerechte Verurteilung seitens der Gesellschaft, obgleich der Homo¬ 
sexuelle oft ein vortrefflicher und nützlicher Mitbürger sei und durch seinen ^sterilen 
Geschlechtsverkehr keine Gefahr für Rasse und Fortpflanzung bilde. 

Die Verantwortung des Homosexuellen, der ein Sittlichkeitsdelikt begangen, bestehe 
bei erworbener oder Pseudohomosexualität voll und ganz, sei dagegen ausgeschlossen bei 
dem geborenen Homosexuellen, der, wenn auch im übrigen psychisch intakt, nichtsdesto¬ 
weniger im Triebleben krank sei. Für solche homosexuelle Delinquenten, z.B. die an Minder¬ 
jährigen sich vergriffen, sei weder Gefängnis, noch volle Freisprechung, noch Irrenhaus 
am Platze, sondern Einweisung in die — noch zu gründende — Zwischenanstalt 

Ganz abgesehen davon, ob der scharfe Unterschied zwischen angeborener und 
erworbener Homosexualität gerechtfertigt ist und ob nicht letztere nur eine tardiv zum 


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110 


Numa Praetorius. . 


Darohbrach gelangte darstellt, müssen hinsichtlich der Zurechnungsfähigkeit beide Kate¬ 
gorien gleichgestellt werden, wie dies schon vor Jahren Moll in dem Aufsatz in der Zu¬ 
kunft Nr. 50, vom 13. September 1902 und später in der Zukunft Nr. 35, 1905, betonte, 
denn auch bei anderen geistig abnormen Zuständen beurteile man die Verantwortung 
nicht danach, ob der Zustand von Geburt an bestehe oder erst später entstanden sei. 

Die Auffassung von Ladame hängt allerdings damit zusammen, daß er erworbene 
und Pseudohomosexualität zusammen wirft, während beide verschieden sind. Auch die 
erworbene Homosexualität ist konträre Sexualempfindung, während die Pseudohomosexualität 
nur homosexuellen Verkehr bei durchgängigem heterosexuellen Fühlen faute de mieux 
oder aus sonstigen äußeren Gründen bedeutet. 

Mitteilung zweier vom Verf. begutachteter Fälle von sexuellen Handlungen geborener 
^Homosexueller mit Knaben von 9 und 13 bzw. 15 Jahren. 

Verf. hat bei beiden Tätern die Zurechnungsfähigkeit verneint, weil die Delikte 
Ausfluß der angeborenen Homosexualität, des kongenitalen pathologischen Zustandes ihres 
Nervensystems seien. 

Dies Ergebnis ist nicht unbedenklich. Denn wenn die Homosexuellen auch nicht 
für ihren Trieb verantwortlich sind, so folgt daraus nicht ohne weiteres Ausschluß der 
Zurechnungsfähigkeit für alle ihre sexuellen Handlungen. 

In den mitgeteilten Fällen scheint es auch, als ob die Täter durch ihren Trieb nicht 
gerade auf derart junge Knaben angewiesen gewesen seien. Da es sich anscheinend am 
Delikte in Genf handelte, so wären ja die gleichen Handlungen mit 16jährigen begangen, 
schon straflos gewesen. 

Tatsächlich bemerkt auch Verf. am Schluß, daß er jetzt auf Grund Beobachtung 
weiterer Inversionsfälle und wegen einer praktischeren Lösung bei dem einen Homo¬ 
sexuellen Verantwortung, wenn auch unter Zubilligung mildernder Umstände wegen seines 
nervösen Zustandes, annehmen würde. 


iv. Angeborensein. 

A. Theorie und Einzelfälle. 

Näcke, Marcuse. 

Näcke, Dr. P.: „Einiges zur Lehre von der Homosexualität und speziell ihrer 
Ätiologie“. Kritische Gänge und methodologische Betrachtungen in der Zeitschrift 
für die gesamte Neurologie und Psychiatrie Bd. 15, H. 5, 1913. 

Die ausführliche Arbeit ist hauptsächlich gegen den Aufsatz von Stier: „Zur 
Ätiologie des konträren Sexualgeiühls in der Monatsschrift für 
Psychiatrie und Neurologie H. 8. September 1912“ gerichtet. 

Stier hatte das frühzeitige Vorkommen der Homosexualität schon in der Kindheit 
bestritten auf Grund der Untersuchung von 8000 nerven- und geisteskranken Kindern 
und Jugendlichen und die Entstehung der Homosexualität aus einer disharmonischen 
oder gestörten Entwicklung zwischen dem niederen Zentrum — dem Triebe zur sexuellen 
Betätigung — und dem höheren die Auffindung des Sexualobjekts leistenden bewußten 
Vorstellungsleben erklärt unter unbedingter Ablehnung der Annahme inhalterfüllter Triebe. 

Näcke bemängelt die Behauptungen von Stier, weil er nicht genügende Kenntnis 
von der Homosexualität, ihrer Literatur und der maßgebenden Sachverständigen habe, 
auch die Homosexualität nicht in ihrem natürlichen Milieu, in der Freiheit studiert habe. 

Die Banalität der angeblich die Homosexualität verursachenden Gelegenheitsursachen 
spräche ziemlich sicher für das Angeborensein. Alle sog. erworbenen Fälle seien: tardive 
echte Homosexualität oder Pseudohomosexualität. Die Homosexualität sei keine Ent¬ 
artungserscheinung: Die meisten Urninge äußerlich kaum von den Heterosexuellen zu 
unterscheiden trotz des häufigeren femininen Einschlags. Das Angeborensein beruhe 
wahrscheinlich auf dem Vorhandensein zweier Libidozentren, von denen das heterosexuelle 
allmählich verloren gegangen sei bzw. sich nicht genügend entwickelt habe, während bei 
den Bisexuellen beide Zentren bestehen blieben. 

Stiers Theorie könne weder das Vorkommen homosexueller Züge schon in der Kind¬ 
heit noch die Unheilbarkeit echter Homosexualität erklären, wie es die Theorie des An¬ 
geborenseins ungezwungen täte. 

Die weitere Behauptung Stiers von der „angeblichen Verfehlung des richtigen Zieles 
bei disharmonischer Entwicklung des höheren geistigen Lebens oder bei sehr schwachem 
Trieb“ könne sich nicht halten gegenüber der Menge der vollkommen geistig harmonisch 
gebildeten Homosexuellen und der zahlreich unharmonisch gebildeten Heterosexuellen. 


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Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 111 


Zur Ergründung der Ursache der Korrelationsstörungen der Libidozentren schlägt 
Näcke Sektionen verstorbener Urninge vor und genaue Untersuchung der Organe mit 
innerer Sekretion, die vielleicht eine Rolle spielten. 

Diese letztere Vermutung hat sich inzwischen bestätigt (vgl. Experimente von 
Steinach und Goldschmidt). 

Näcke, Paul: geriehtliehe Medizin und die Homosexualität 46 im Archiv 

für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Bd. 53, H. 1, S. 322—329, 1914. 

Die Abhandlung will hauptsächlich den Aufsatz von Ziemke (siehe oben) wider¬ 
legen. Ein Teil der gegen Stier in der eben besprochenen Arbeit vorgebrachten Gründe 
ist hier wiederholt. 

Bemerkenswert ist in einer Anmerkung ein Bericht Nfickes über einen Brief des 
Physiologen Abderhalden, der Näckes Theorie eines doppelten Libidozentrums 
für möglich hält und zugleich zur Nachforschung anregt, ob die Homosexuellen im Sperma 
Unterschiede von den Heterosexuellen zeigten. Ferner habe Abderhalden unter Hinweis 
auf die Beziehungen zwischen Schilddrüsen und Keimdrüsen beim Weibe die Frage auf¬ 
geworfen, ob nicht schon an den Schilddrüsen der Homosexuellen Schwellungen u. dgL 
oder etwa gar häufig Basedowsymptome zu finden seien. 

Es wäre allerdings sehr wünschenswert, daß die Anregungen Abderhaldens befolgt 
und derartige genaue physiologische Untersuchungen an den Homosexuellen vorge¬ 
nommen würden, damit auf diese Weise versucht würde, eine Ergänzung und Bestätigung 
tder aus den Experimenten eines Steinach und Goldschmidt gewonnenen Schlüsse zu finden. 

M arcuse, Max: „Ein Fall ron periodisch-alternierender Hetero-Homosexua- 
in der Monatsschrift für Psychiatrie und Ne Urologie Bd. 41, H. 3 

(1917). 

Mitteilung des Falles eines 31jährigen Schriftstellers, der in nahezu vierteljährigen 
Intervallen ausgesprochen homosexuell fühle und während dieser auch etwa ein Viertel¬ 
jahr lang dauernden Periode dem homosexuellen Trieb und Empfinden gemäß lebe; in 
dem dazwischenliegenden Quartal sei er „normal“, habe aber von sich den Eindruck, 
daß der Grundzug seiner Veranlagung homosexuell sei; denn nur während der homo¬ 
sexuellen Periode fühle er sich „richtig wohl“ und sei nur in ihr schriftstellerisch pro¬ 
duktiv, dagegen leide er zur Zeit des normalsexuellen Empfindens dauernd unter einer 
gewissen Depression und könne nichts schaffen. 

Nach Marcuse ergab die nähere Untersuchung, daß es sich um manisch-depressive 
Seelenstörung handele, deren manische Periode mit homosexueller Inversion verknüpft, 
richtiger: durch sie charakteristisch werde bei erblicher familiärer Belastung. 

Derartige Fälle periodischen Wechsels zwischen homo- und heterosexuellem Fühlen 
seien äußerst selten. Häufiger bei ausgesprochenen Bisexuellen sei das Vorherrschen bald 
der einen, bald der anderen Triebrichtung, noch häufiger anscheinend, daß bei im 
Durchschnitt Normalsexuellen gelegentlich und meist rasch vorübergehend homosexuelle 
Triebe erwachten oder zum Durchbruch kämen. 

Oft fühlten diese periodisch Homosexuellen ihre „Anfälle“ voraus. In nahem Zu¬ 
sammenhang mit. allen diesen verschiedenen Phänomenen stehe die — nach Marcuse — 
Hoch recht proplematische sog. tardive Homosexualität und das von ihm — Marcuse — öfter 
beobachtete Auftreten homosexueller Neigungen bei alternden, bis dahin durchaus normal 
gearteten Männern. 

Jede wissenschaftliche Erklärung dieser Erscheinungen dürfe künftig nur noch auf 
Grund der durch die Steinachschen Experimente erzielten Feststellungen versucht werden. 

Richtig ist, daß derartige periodisch-alternierende Homo-Heterosexualität selten ist und 
regelmäßig bei psychischer Hermaphrodisie beide Triebrichtungen nebeneinander bestehen 
und fortgesetzt sich geltend machen. Sehr oft ist es ein besonderer Typus oder gewisse 
beim männlichen und weiblichen Geschlecht unterschiedlos anziehende Züge, welche das 
Geschlechtsgefühl wecken. 

Einen typischen Fall von tardiver Homosexualität beim alternden Mann hat Thotnas 
Mann in seiner prächtigen Novelle: „Der Tod in Venedig“ (Fischer, Berlin 1913) 
vor Augen geführt und in künstlerischer und psychologischer äußerst interessanter 
Weise die Entwicklung der unter dem Einfluß des Climacterium virile erwachenden, 
durch die Schönheit eines Knaben von 15 Jahren angefachten homosexuellen Liebe eines 
50jährigen, bisher den Regeln des Alltags gemäß fühlenden und lebenden Schriftstellers 
dargestellt und die Umwälzung verführerisch-tragisch geschildert: den Widerstreit des 
normalen Ichs mit der neuen bisher verpöntesten, jetzt aber als süß und beglückend 
empfundenen Leidenschaft, die eine völlig seelische Verwirrung hervorbringt und 
schließlich zum Untergang des Helden führt. 


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112 Numa Praetorius. 


B. Tierexperiment und konstitutionelle Grundlage der 
sexuellen Zwischenstufen. 

Steinach, Hirschfeld, Brandes, Goldschmidt. 

Steinach, Engen: 1. „Geschlechtstrieb und echt sekundäre Geschlechtsmerk¬ 
male als Folge der innersekretorischen Funktion der Keimdrüse 44 im ZentralbL 

f. Physiologie Bd. 24, Nr. 13, 1910. 

2. „Umstimmung des Geschlcchtecharakters bei Säugetieren durch Austausch 
der Pubertätsdrüse 44 im gleichen ZentralbL Bd. 25, Nr. 17, 8. 123, 1911. 

3. „Willkürliche Umwandlung yon Säugetiermttnnehen in Tiere mit ausgeprägt 
weiblichen Geschlechtscharakteren und weiblicher Psyche. 44 Eine Untersuchung über 
die Funktion und Bedeutung der Pubertätsdrüse, in Pflügers Archiv für die ge¬ 
samte Physiologie Bd. 154, H. 3 u. 4, S. 71—108, mit 6 Tafeln, 1912. 

4. „Femlnierung von Männchen und Maskulierung von Weibchen 44 im Zen - 
tralbl. f. Physiologie Bd. 27. S. 718, 1913. 

5. „Pubertätsdrüsen und Zwitterbildung 44 im Archiv für Entwicklungs¬ 
mechanik der Organismen Bd. 42, H. 3, 1916. 

6. „Experimentell erzeugte Zwitterbildungen bei Säugetieren 44 . Mitteilung 
am 11. Mai 1916 der Wiener Akademie der Wissenschaften vorgelegt 

Von der allergrößten, ja epochemachender Bedeutung für die Frage der Entstehung 
nicht nur der konträren Sexualempfindung* Bondern überhaupt der Zwischenstufen und 
ihres Charakters sind die Forschungsergebnisse und Tierexperimente von dem Wiener 
Physiologen Prof. Eugen Steinach, die zum Teil allerdings schon vor das Jahr 1913 
fallen, hier aber rekapitulierend dargestellt werden sollen, und zwar nach dem in den 
Vierteljahresberichten des wissenschaftlich-humanitären 
Komitees Januar 1917 abgedruckten, am 30. November 1916 von Dr. Hirschfeld 
im Komitee gehaltenen Vortrag: „Die Untersuchungen und Forschungen 
von Professor E. Steinach über künstliche Vermännlichung, 
Verweiblichung und Hermaphrodisierung.“ 

Steinach fing damit an, kastrierten Froschmännchen Hodensnbstanz, die brünstigen 
Fröschen entnommen war, unter die Haut zu spritzen. Die keine Spur von Umkl&mme- 
rungs- oder Begattungstrieb aufweisenden kastrierten Froschmännchen ließen schon 
12—24 Stunden nach der Injektion von Hodensubstanz den Umklammerungstrieb er¬ 
kennen, und zwar in 88°/ 0 der Fälle. 

Steinach davon ausgehend, daß wahrscheinlich die von den Keimdrüsen gebildeten, 
den Umklammerungsroflex herbei führenden Stoffe am Zentralnervensystem angreifen, 
spritzte kastrierten Fröschen einen brünstigen Froschmännchen entnommenen Brei ans 
Gehirn und Rückenmark ein. Das Ergebnis war dasselbe wie bei Einspritzung von 
Hodensnbstanz: auch jetzt wiesen die kastrierten Frösche den Umklammerungstrieb auf.. 
Dieser Trieb trat dagegen nicht auf, wenn zerriebene Leber- oder Muskelsubstanz von 
brünstigen oder ein Brei aus Gehirn und Rückenmark von n i c h t brünstigen Fröschen 
eingespritzt wurde. 

Aus diesen Versuchen war somit mit Sicherheit der Schluß zu ziehen, daß in der 
Brunst in den Keimdrüsen spezifische Stoffe erzeugt und an das Blut abgegeben werden, 
die am Zentralnervensystem angreifen und es, wie Steinach sagt, „erotisieren“. 

Noch wichtigere Resultate ergaben weitere Experimente an Ratten. Steinach 
kastrierte junge Rattenmännchen; adle körperlichen und psychischen Geschlechtsmerk¬ 
male blieben bei diesen Tieren auf kindlicher Stufe stehen. Wenn nun aber Steinach 
einer solchen kastrierten Ratte die herausgeschnittenen Hoden an irgendeiner anderen, 
gleichgültig welcher Stelle, im Körper wieder einnähte, und sie an wuchsen, so ent¬ 
wickelten sich die Tiere zu voller Männlichkeit. Die spätere mikroskopische Untersuchung 
der an gewachsenen Hoden zeigte nun aber, daß in ihnen die samenbildenden Kanälchen 
völlig verkümmert waren, während die Zwischensubstanz in den verpflanzten Hoden stark 
zur Ausbildung gelangt war. Aus dieser Tatsache folgerte Steinach, daß die Erzeugung 
der chemischen Stoffe für die innere Absonderung und die Erzeugung von Samenzellen 
zwar voneinander unabhängige Aufgaben der Keimdrüsen sind, daß der eine Anteil der 
Geschlechtsdrüse die Samenzellen für die äußere Sekretion liefert, der andere Anteil 
die chemischen Stoffe, die auf dem Wege der inneren Sekretion zur Entwicklung 
der zur Zeit der Pubertät auftretenden, körperlichen und psychischen Geschlechtsmerk¬ 
male bestimmt sind. 

Diesen zweiten innersekretorischen Anteil nannte Steinach Pubertätsdrüse. Des 
weiteren wurde das Problem der Geechlechtsspezifität der Keimdrüse gelöst. Es frag 
sich, ob männliche und weibliche Pubertätsdrüse ein hinsichtlich der Entwicklung der 


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Die 1 Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 

Geschlechtamerkinale gleiches Sekret oder ein je nach der Drüse versrh irdenes für die 
Entwicklung männlicher oder weiblicher Geschlechtsmerkmale spezifisches Sekret liefern. 

Steinach schnitt jungen Hatten und Meerschweinchen beiderlei Geschlechts di<* 
Hoden bzw. Eiu^töcke heraus und nähte dann den kastrierten Männchen Eierstöcke, 
den kastrierten Weibchen Hoden unter die Haut des Bauches. Die Folge war bei den 
angewachsenen und gut angeheilten Fällen (5Ü%): Der Geschlechtsapparat der Eier¬ 
stocksmännchen kam nicht zur Entwicklung, blieb vielmehr auf kindlicher Stufe stehen. 
Das besagt, daß das innere Sekret, welches den Gesclileehtsapparat zum männlichen 
Wachstum anregt, im Sekret der weiblichen Pubertätsdrüse nicht enthalten ist, daß also 
die Keimdrüse ein geschlechtspezifisches Sekret liefert. 

Es zeigte sich aber ferner, daß der Geschlechtsapparat der Eierstocksmäimchen 
in seiner Entwicklung hinter der beim einfachen Kastraten zurückbleibt. Demnach sind 
wohl im Sekret der weiblichen Pubertätsdrüse Stoffe, welche die Entwicklung der männ¬ 
lichen Gesclilechtsmerkmale unterdrücken, hemmen. Dieses Sekret bewirkt aber noch, 
daß das Wachstum der Eierstocksmännchen direkt in weibliche Bahnen gelenkt wurde. 
Die Tiere werden ganz den Weibchen ähnlich, sie bekommen einen kleineren schlankeren 
Kopf, einen geringeren Brustumfang als die Männchen, sie erhalten einen Fettansatz, 
das kurze, feine, weiche, geschmeidige Haar der Weibchen, die Brustdrüse entwickelt sich 
in Form und Größe wie beim normalen Weibchen, manchmal noch stärker :*!s bei diesem. 

Auch der Geschlechtstrieb der Eierstocksmännchen ist femimsiert. Sie haben keine 
Spur von männlichem Aggressionsdrang und verfolgen das brünstige Weibchen in keiner 
Weise; dagegen üben sie ihrerseits auf die normalen Männchen eint* Anziehung aus. 
werden von diesen verfolgt, besprungen und wehren sich gegen den Auf Sprung ganz 
nach Art der Weibchen, sie sind „weiblich erotisiert“. 

Die mikroskopische Untersuchung der angeheilten Eierstöcke ergab, daß gewöhn¬ 
liche Eizellen in ihneji kaum vorhanden sind, dagegen die Zwischensubstanz stark ent¬ 
wickelt ist, also sind auch im Eierstock zwei Drüsen örtlich verbunden, die die Eizellen 
liefernde und die weibliche Pubertätsdrüse mit innersekretorischer Wirkung. 

Die parallelen Versuche zur Vermännlichung der Weibchen hatten den gleich 
günstigen Erfolg: 

Der Organismus des kastrierten Weibchens wird in männlicher Richtung umge- 
modelt: Stillstehen oder Rückbildung der weiblichen Geschlechtsmerkmale: Brustdrüse, 
Gebärmutter, Begattungsapparat, dagegen Entwicklung der männlichen Merkmale: z. B. 
grobes, struppiges Haar. 

„Das ganze Aussehen gleicht dem des ausgewachsenen normalen Männchens; in 
bezug auf Robustheit und Größe des Kopfes wird dieses sogar übertroffen.“ 

Ferner: „Die maskulierten Weibchen erhalten ausgeprägt männlichen Sexualtrieb; 
sie unterscheiden sofort ein nichtbrünstiges von einem brünstigen Weibchen. Sobald sie 
ein solches aufspüren, verfolgen sie es unaufhörlich, umwerben es leidenschaftlich und 
springen auf. Normalen Männchen gegenüber benehmen sie sich mit männlicher 
Eigenart.“ 

Eine weitere Mitteilung, betitelt: „Experimentell erzeugte Zwitter¬ 
bildungen beim Säugetier“, die Steinach am 11. Mai 1916 in der Sitzung 
der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Akademie der Wissenschaften zu 
Wien vorlegte, berichtet über neue Versuche. 

Steinach setzte infantilen männlichen Meerschweinchen, die vorher durch Kastration 
neutralisiert waren, gleichzeitig einen Eierstock und einen Hoden ein. 

Beide Geschlechtsdrüsen faßten Wurzel, heilten an, wandelten sich zu mächtig 
wuchernden Pubertätsdiüsen und entfalteten nach beiden Geschlechtsrichtuiigen ihren 
Einfluß. Die männlichen und die weiblichen sekundären Geschlechtsmerkmale bilden 
sich aus, sowohl die präpubierten genitalen als die postpubierten allgemeinen, insbeson¬ 
dere auch die Milchdrüsen. 

„Aber“, sagt Steinach, „nicht allein die somatischen Merkmale, sondern auch die 
psychischen Geschlechtsmerkjnale stehen unter dem Zeichen der Zwittrigkeit. Je nach 
der stärkeren, mikroskopisch nachweisbaren Wucherung der einen oder anderen Puber¬ 
tätsdrüse folgen einander Perioden von ausgeprägt männlichem und ausgeprägt weib¬ 
lichem Sexualtrieb. Durch diese Experimente ist die für die Physiologie neue Tatsache 
erwiesen, daß das zentrale Nervensystem auf Schwankungen im Zufluß der Sexual¬ 
hormone so scharf reagiert, daß es wiederholt im individuellen Leben je nach der 
Speicherung dos spezifischen Hormons bald in männlicher, bald in weiblicher Rich¬ 
tung erotisiert werden kann. Damit ist auch die den ärztlichen Sexualforschern geläufige 
Erscheinung des „psychischen Hermaphroditismus“ in ihrem Ursprung und Wesen auf¬ 
geklärt.“ 

Zeitschr. f. Sexualwissenschaft V. 9 


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Numa Praetorius. 


Mit Recht hebt Hirschfeld in seiner Darlegung der Steinachschen Experi¬ 
mente in den Vierteljahresberichten des wissenschaftlich- 
humanitären Komitees vom Januar 1917 hervor, daß sie die von ihm seit 
20 Jahren vertretene Auffassung der Homosexualität und verwandter Erscheinungen als 
konstitutionell bedingter Zustände doppelgeschlechtlichen Charakters bestätigten, ebenso 
daß sie mit Iwan Blochs Annahme, die Homosexualität hänge mit embryonalen Störungen 
des Sexualchemismus zusammen, übereinstimmten. 

Trotzdem, sagt Hirschfeld, sei Ursprung und Wesen des Hermaphroditismus noch nicht 
ganz aufgeklärt. So zeigten die zweigeschlecht]ich beeinflußten Tiere einen periodischen 
Wechsel heterosexuellen und homosexuellen Empfindens, während bei den bisexuellen 
Menschen die Neigung zu beiden Geschlechtern nur ganz ausnahmsweise nacheinander, 
dagegen fast stets nebeneinander vorkomme, ln den meisten Fällen, wenn auch keines¬ 
wegs immer, sei es ein bei beiden Geschlechtern vorhandener sexueller Mischtypus (femi¬ 
nine Männer, virile Frauen), der solche psycliische Hermaphroditen anziehc. Vollends 
finde die Hauptgruppe der echten, ausschließlichen Homosexuellen in diesen Experi¬ 
menten nur teilweise eine Erklärung. 

Steinach hat dies, wie Hirschfeld bemerkt, wohl auch herausgefühlt und deshalb 
in seiner letzten (am 24. Oktober 1916) erschienenen Arbeit (oben Nr. 5) auch für die 
völlige Homosexualität eine sehr einleuchtende Deutung gegeben. 

Er schreibt: 

„Auch die dauernde oder im individuellen Leben auf tretende Homosexualität läßt 
sich auf das Vorhandensein einer zwittrigen Pubertätsdrüsc zurückführen, also wie es 
Hirschfeld richtig vermutet hat, wenn er von der angeborenen Disposition der Homo¬ 
sexualität spricht. Innerhalb einer solchen zwittrigen Pubertätsdrüse — nehmen wil¬ 
den Fall eines männlichen Individuums mit scheinbar normalen Testikeln — hemmen 
die an Masse überwiegenden männlichen Pubertätsdrüsenzellen die Wirksamkeit der 
weiblichen Pubertätsdrüsenzellen, und es entwickelt sich zunächst der durchaus männ¬ 
liche Geschlechtscharakter mit allen seinen körperlichen Merkmalen. Wenn nun früher 
oder später aus irgendeiner Ursache die männlichen Zellen in ihrer Vitalität zurück- 
gehen und ihre innersekretorische Funktion einstellen, so werden die vorhandenen weib¬ 
lichen Zellen durch das Nachlassen der Hemmung ,aktiviert 4 . Ebenso wie dadurch der 
eine oder andere somatische weibliche Geschlechtscharakter hervorgerufen werden kann, 
und etwa eine Mamma entsteht, kann sich der Einfluß auch auf das zentrale Nerven¬ 
system erstrecken und nun tritt die urnische Neigung in die Erscheinung.“ 

Weiter sagt Steinach: „Es gibt für alle Zwittererscheinungen nur eine Ursache 
und diese beruht auf dem Entstehen einer zwittrigen Pubertätsdrüse als Folge einer 
unvollständigen Differenzierung der Keimstockanlage, während die normale einge¬ 
schlechtliche Entwicklung durch die vollständig durchgreifende Differenzierung der¬ 
selben zu einer männlichen oder weiblichen Pubertätsdrüse bedingt ist.“ 

Er schlägt daher vor, die Einteilung der mannigfaltigen Formen und Übergänge 
nach stichhaltigeren Prinzipien vorzunehmen. Die Zwitterbildung könne vollkommener 
oder unvollkommener sein, mehr dem einen oder anderen Geschlecht zuneigen, mehr die 
somatischen oder mehr die psychischen Charaktere betreffen und auch in ihrem zeit¬ 
lichen Auftreten verschieden sein. 

Mit Recht macht daher Hirschfeld in seinem Bericht darauf aufmerksam, 
daß ihm schon diese Gesichtspunkte vorschwebten, als er vor nahezu 20 Jahren das in¬ 
zwischen auf 16 Bände angewachsene ursprünglich so befremdlich wirkende (und oft 
stark angefeindete N. Pr.) Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen ins Lebei^rief, und als 
er diese sexuellen Zwischenstufen in vier Gruppen einteilte: in Hermaphroditismus, 
Androgynie, Homosexualität und Transvestitismus. * 

In seinem Vortrag berichtet Hirschfeld noch über ähnliche Experimente wie die von 
Steinach, nämlich über solche von Prof. Brandes (Direktor des zoologischen Gartens 
in Dresden und Dozent an der tierärztlichen Hochschule dortselbst) an jungen Dam¬ 
tieren. 

Brandes pflanzte den Hoden eines Damhirsches in die Weiche eines weiblichen 
Damtieres und dessen Ovarien umgekehrt den Damhirschen ein. Nach einem Vierteljahr 
zeigte das frühere Weibchen deutliche Ansätze zu einem Geweih, ferner den nur männ¬ 
lichen Tieren eigenen Adamsapfel, es fängt insbesondere auch an zu springen, wie sonst 
nur Hirsche tun. Umgekehrt fehlen beim früheren Hirsch jeder Geweihansatz und jede 
Spur von dem Adamsapfel, während schon die beim Weibchen erst beim Dasein von 
Jungen entstehenden Milchdrüsen vorhanden sind. 

Eine nicht minder große Bedeutung als den besprochenen Experimenten kommt 
den überraschenden Kreuzungsversuchen Goldschmidts zu, dem es gelang, direkte sexuelle 
Zwischenstufen bei Schmetterlingen zu erzeugen. (Fortsetzung folgt.) 


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Referate. 


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Referate. 

Biologie. 

m 

We d gor, Milch bei einem Ziegenbock. (Münch». Tierürztl. Woch. l>9. Jahrg. 1918. 

Nr. 1.) 

Es handelt sich um einen einjährigen, weißen, hornlosen Ziegenbock, der bereits 
züchterisch Verwendung fand und kastriert weiden sollte. Er hatte zu beiden Seiten der 
Vorhaut, ungefähr 2 cm vor dem Hodensack, je eiue Zitze. Die rechte war klein, die 
linke so groß wie bei einer Kuh in gefülltem Zustand. Flüssiger Inhalt der Zysterne 
konnte durch Palpation festgestellt werden. Ein Strichkanal fehlte. Die Zitze wurde 
▼on der Mitte der lateralen Seite aus mit dem Trokar angestochen, worauf 200 cm 1 
weiße Milch entleert werden konnte. 2 Tage später konnten aus dem künstlichen Strich- 
kanal 18 cm 3 Milch ausgemulken werden. Nach einer Woche war keine Milch mehr 
vorhanden. L Keisinger. 


Pathologie und Therapie. 

A1 brechtsen, Die Unfruchtbarkeit des Rindes und ihre Behandlung. (Berl. 

Tierärztl. Woch. 1917. Nr. 2. [Übersetzt von Magnussen]). 

ln südlichen Gegenden wiid angenommen, daß der follikuläre Scheidenkatarrh au 
der Unfruchtbarkeit Schuld trägt, insbesondere durch Übergreifen auf die Gebärmutter¬ 
sehleimhaut. In Dänemark hat man, beeinflußt durch die Schweizer Zschokke und Heß, 
Eier.'toclvcikrankungeu für die Sterilität verantwortlich gemacht. Nach A. haben jedoch 
die Erkrankungen der Ovarien nur untergeordnete Bedeutung gegenüber der Endometritis 
und Motritis. Diese Uteruserkrankungen sind aber nicht Folge des follikulären Seheiden- 
katarriis, vielmehr haben sie ihre Ursachen in Infektionen der Gebärwege während oder 
nach der letzten Geburt. Die Behandlung der eigentlichen Unfruchtbarkeit geht haupt¬ 
sächlich dahin, die chronische Endometritis zum Abschluß zu bringen, um das wesent¬ 
lichste Hindernis für die Trächtigkeit aus dem Weg zu räumen. (Reinigung der Gebär¬ 
mutter von Belägen, gänzliche Entfernung der Sekrete, Ausspülungen.) 

L. R e i s i n g e r. 


Psychologie und Psychoanalyse. 

L’ötzl, Dr. Otto, Über einige Wechselwirkungen hysterifonner and organisch zere- 
braler Störungsmechanismen. (Jahrb. f. Psych. u. Neurol. Bd. 37. H. 3. 1917.) 

Eine geistreiche sehr anregende Arbeit aus der Wiener psychiatrischen Klinik von 
Wagner-Jauregg, die den Versuch macht, eine Brücke zwischen der offiziellen Neurologie 
und der Freudschulo zu schlagen. Pötzl betont, daß es neben der Psycbogenese der 
Hysterie noch eine Pathogenese gibt. An einigen sehr exakt analysierten Fällen wird der 
Nachweis geliefert, wie sich die hysterischen Symptome um einen organischen Kern 
gruppieren. Die Arbeit bedeutet einen Wendepunkt in der Schulpsychiatrie unserer Zeit. 
Sie kaun im Referate kaum angedeutet werden; ihre Lektüre muß aber jedem Neurologen 
und jedem Arzte, der sich für die Psychoanalyse interessiert, wärmstens empfohlen werden. 
Der Autor kommt zu dem bemerkenswerten Schlüße: „Man kann ein Gegner der analy¬ 
tischen Therapie sein, die klinische Richtigkeit der analytischen Methode und ihre Un- 
erläßliehkeit zum Verständnis der psychischen Vorgänge aber für erwiesen und feststehend 
halten. Wer dieser Ansicht ist, wird die analytische Therapie aber doch nicht voll ver¬ 
werfen können; er wird sie für eine notwendige Hilfsbedingung einer Therapie halten, 
nicht für die Therapie selbst.Diese Worte, sozusagen ex cathedra, zu hören, habe ich 
kaum erwartet, loh freue mich dieser glücklichen Wendung und hoffe, daß erst eine 
spätere unbeeinflußte Forschung Spreu und Weizen in der «Psychoanalyse sondern wird. 

Dr. Wilhelm Stekel. 


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Bücherbesprechungen. 


116 


Bücherbesprechungen. 

Freud, Prof. Sigm., Zur Psychopathologie des Alltagslebens. (Uber Vergessen, 

Versprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum.) Fünfte, vermehrte Auflage. 

Berlin 1917. Verlag S. Karger. Gr. 8“. 232 S. 6 Mk. 

Von allen Arbeiten Freuds ist die vorliegende die populärste und, sagen wir 
es rund heraus — die beste. Ich halte dafür, daß die Lektüre dieses Büchleins die 
beste Einführung in die Psychoanalyse bietet, weil es an klaren Beispielen die 
Phänomene der Verdrängung und des „Unbewußten“ im Sinne Freuds demon¬ 
striert. Es sind auch seelische Mechanismen, die ein jeder an sich selbst nachprüfen 
kann. Es handelt sich in diesen Fällen immer um einen seelischen Verrat. Ich glaube 
das Wesen der Entdeckungen des Wiener Forschers am besten durch einige gute Bei¬ 
spiele erklären zu können und will mit zweien beginnen, welche verdrängte sexuelle 
Gedanken enthüllen. 

Ein Arzt, der sich in seinen geheimen Verhältnissen stets mit der „Vorlust“ be- 
gnügt und es nie zum Koitus kommen läßt, spricht in einer Gesellschaft von Mädchen 
über Koketterie und will ausführen, daß die Mädchen nur mit den Männern koket 
tieren, die sie dazu herausfordern. Er will sagen: ln meiner Gesellschaft wird nie 
kokettiertl Und sagt: In meiner Gesellschaft wird nie koitiert! Unwillkürlich 
hat er seine Schwäche verraten. 

Ein Herr unterhält sich mit einer Dame und wird dabei von dem Gedanken be¬ 
herrscht, daß er sie gerne erobern würde. Sie erkundigt sich, wo ein Bekannter eine 
Stelle innehat. Er soll ihr die Auskunft geben: An der Hochschule für Boden¬ 
kultur v— und sagt gegen seinen Willen den bekannten Kalauer: An der Loch schule 
für Hodenkultur. ... Solcher Beispiele könnte ich hunderte anführen. 

Wenden wir uns zu einigen harmloseren. 

Vor einer Reihe von Jahren eröffnete der Präsident des österreichischen 
Herrenhauses die Sitzung mit folgenden Worten: „Hohes Haus! Ich konstatiere die 
Anwesenheit von so und so viel Herren und erkläre die Sitzung für geschlossen.“ 

I nter allgemeiner Heiterkeit verbesserte er den Fehler. 

Wenn die Sprache dazu da ist, um unsere Gedanken zu verbergen, so ist im 
Gegensatz dazu nichts geeigneter, unser innerstes Denken zu enthüllen, als das Ver¬ 
sprechen! Während der Präsident die Sitzung eröffnete, mag der Wunsch sein 
Inneres beherrscht haben: „Ol Wäre sie schon geschlossen.“ Dieser Wunsch war in 
diesem Falle mächtiger, als die sonst immer wache Kritik des Bewußtseins. Er hat 
sich gegen den Willen des Sprechers durchgesetzt. Ähnlich erging es einem Angestell¬ 
ten eines größeren Handlungshauses. Bei einem festlichen Bankette sollte er in feier¬ 
licher Rede die Verdienste des Chefs feiern, der sich bei seinen Beamten keiner allzu 
großen Sympathie erfreute. Am Schlüsse seiner heuchlerischen Lobrede sagte er: 
„So fordere ich Sie auf, das Wohl unseres geliebten Chefs auf — zustoßen!“ Die 
Unlustgefühie dem Chef gegenüber waren offenbar stärker, als seine Aufmerksamkeit. 

Nach Freud liegt also allen diesen scheinbar sinnlosen Irrtümern ein tiefer 
Sinn zugrunde. Wir versprechen uns nicht zufällig, wir vergreifen uns nicht zu¬ 
fällig und wir vergessen nichts, ohne die Absicht des Unbewußten. Besonders das 
Vergessen von Eigennamen und fremdsprachigen Worten, von Adressen und Zahlen 
kann mehr sein, als ein bloßes Spiel des Zufalls. Nach Freud ist es nie ein 
Zufall. Er führt in dieser Beziehung ein interessantes Beispiel an. Einmal bemühte 
er sich vergebens, den Namen Signorelli aus dem Gedächtnis zu heben, als er 
an die großartigen Fresken im Dome von Orvieto dachte. Statt des gesuchten 
Namens drängten sich ihm zwei andere Namen bekannter Maler auf — Botticelli 
und Boltraffio. Das ereignete sich auf einer Fahrt mit einem fremden Reise 
genossen von Ragusa nach einer Station in der Herzegowina. Kurz vorher hatte sich 
das Gespräch um die Sitten in Bosnien und der Herzegowina gedreht. In 
diesem Gespräch kam die Ansprache der dortigen Türken „Herr“ (Signor) wiederholt 
vor. Dieses verborgene Signor hatte den Gedankengang auf die Fresken von Orvieto 
gelenkt. Während dieses Gespräches dachte aber Freud an die Verzweiflung, in 
die die Türken bei sexuellen Störungen verfallen und die seltsam gegen ihre bekannte 
Resignation bei Todesgefahr abstjeht. Er selbst stand damals unter dem unangenehmen 
Eindrücke einer Nachricht, die er vor einigen Wochen in Trafoi erhalten hatte. 
Ein Patient, den er behandelte, hatte wegen unheilbarer sexueller Störungen seinem 
Leben ein Ende gemacht. Tn bewußte E rinn e r u n g ist dieser Vorfall auf der 
ganzen Reise nicht gekommen. Die Gedankenreihen des Unbewußten scheinen sich 


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Bücherbofsprechungen. 


117 


damit beschäftigt zu haben. Die Übereinstimmung von Trafoi und Boltraffio 
kennzeichnet deutlich den Weg der Assoziationsreihen. „Ich kann“, führt der Forscher 
aus, „das Vergessen des Namens Si^norelli flieht mehr als ein zufälliges Ereignis aul¬ 
fassen. Ich muß den Einfluß eines Motivs bei diesem Vorgänge anerkennen. Es 
waren Motive, die mich veranlaßten, mich in der Mitteilung meiner Gedanken zu 
unterbrechen und die mich ferner beeinflußten, die daran sich knüpfenden Gedanken 
(Trafoi) am Bewußtwerden anz.uschli« ßen. Ich wollte also etwas vergessen, ich hatte 
etwas verdrängt. Ich wollte allerdings etwas anderes vergessen, als den Namen des 
Meisters von Orvieto; aber dieses andere brachte es zustande, sich mit diesem Namen 
in assoziative Verbindung zu setzen, so daß mein Willensakt das Ziel verfehlte und 
ich das eine wider Willen vergaß, während ich das andere mit Absicht vergessen 
wollte. Die Abneigung, mich zu erinnern, richtete sich gegen den einen Inhalt; die 
Unfähigkeit mich zu erinnern, trat an einem andern hervor. Es wäre offenbar ein 
einfacherer Fall, wenn Abneigung und Unfähigkeit, sich zu erinnern, denselben Inhalt 
beträfen. Die Ersatznaiuen erscheinen mir auch nicht mehr >o völlig unberechtigt, 
wie vor der Aufklärung; sie mahnen mich (nach Art eines Kompromisses) ebensosehr 
an das, was ich vergessen, wie an das, dessen ich mich erinnern wollte, und zeigen 
mir, daß meine Absicht, etwas zu vergessen, nicht ganz gelungen ist.“ 

So ist es Freud gelungen, in einer Reihe von Beispielen zu zeigen, daß das 
Vergessen eine aktive Handlung des Unbewußten ist. Was wir unterdrücken 
wollen, vergessen wir am leichtesten. Sehr überzeugend ist das Beispiel eines Herrn, 
der beim Zitieren einer Stelle aus dem Virgil ein Wort nicht finden konnte. Freud 
ergründete es. Es hieß „a 1 i q u i s'\ Die nachfolgende Analyse ergab, daß sich 
tatsächlich an dieses Wort eine Reihe unangenehmer Gedanken knüpfte. Seiner 
Freundin war die Periode (Liquor!) ausgeblieben und er fürchtete eine Gravidität 

Sicherlich wird es manche Worte geben, die wir vergessen haben, weil ihr Ein¬ 
druck auf unsere Psyche zu gering war. Freud möchte seine Lehre vom Vergessen 
auf alle Fälle angewendet wissen. Diese Behauptung muß erst auf ihre Richtigkeit 
geprüft werden. Für diese Nachprüfung ist die voüe Beherrschung, oder besser gesagt 
Kenntnis der Technik der Psychoanalysen nicht unbedingt nötig. Die Assoziations- 
methode, die man anzuwenden hat, ist das geistige Eigentum Freuds. Sie besteht 
darin, daß man alles, was einem scheinbar zufällig durch den Kopf geht, wenn man 
an ein vergessenes Wort denkt, genau fixiert. Allmählich tauchen verschiedene 
Bilder auf, die einander ergänzen, und bald zeigt es sich, daß das scheinbar Sinnlose 
einen tiefen Sinn hat. So kann man die verworrensten Träume enträtseln. Auf 
diesem Wege tauchen einem die Brücken auf. die das vergessene Wort mit den 
unterdrückten Regungen des Unbewußten verbinden, fFreie Assoziationen.) 

Auch der Mechanismus der Erinnerung ist nicht so einfach, wie die Psychologie 
geglaubt hatte. Die Stärke der Eindrücke steht mit dem Erinnerungsvermögen nicht 
immer im direkten Verhältnisse. Oft fallen uns unbedeutende Vorfälle aus der 
Jugend mit auffallender Lebendigkeit ein. Bei näherer Analyse zeigt es sich, daß 
sich hinter diesen Jugenderinnerungen Bilder späterer Begebenheiten verstecken. 
Solche Erinnerungen nennt Freud „Deckerinnerungen“. Aus meinen ersten Kinder¬ 
jahren sehe ich deutlich eine Szene vor Augen, die sich in einem tiefen Graben ab 
spielte. Analysiere ich diese Erinnerung, so steigen später weniger unschuldige Be¬ 
gebenheiten an einem ähnlichen Orte auf. Wie die Silben ..elli“ in Signor e 11 i und 
Botti c e 11 i, w T ie Trafoi und Boltraffio — so wie diese Silben einander decken 
können und bei der Erinnerung für einander vikariierend auftauchen können, so decken 
sich ähnliche Bilder aus verschiedensten Zeiten und das Auftauchen eines Bildes 
kann die Erinnerung der andern ersetzen. Oft verwischen die Bilder ihre Züge. Dies 
ist ein insbesondere der Traumarbeit zukommender Vorgang, den Freud Verdich¬ 
tung“ genannt hat. Jede dieser Arbeiten kommt aus dem Unbewußten. Solche Ver¬ 
dichtungen kann die Psyche auch bei Wörtern vornehmen. Ich wollte einmal sagen: 
„Nehmen Sie sich ein Muster.“ Währenddessen tauchte das Wort Beispiel vor 
meinem geistigen Auge auf und ich sagte: „Nehmen Sie sich ein Musterspiel.“ Ich 
habe unbewußt aus Muster und Beispiel ein neues Wort gebildet und bin so beiden 
Regungen meiner Seele gerecht geworden. Natürlich ist dieses Versprechen noch 
tiefer determiniert. 

Das Versprechen bietet dem Psychologen ein reiches Feld wissenschaftlicher 
Tätigkeit. Es ist eigentlich sehr merkwürdig, daß die Literatur über diesen Gegen¬ 
stand so spärlich ist. Vor Freud haben bloß Meringer und Mayer sich mit 
diesem Thema eingehend befaßt. Meringer, der ein bedeutender Sprachforscher 
ist, hoffte beim Versprechen einen gewissen geistigen Mechanismus finden zu können, 


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118 


Bü<dieiT>csprevh'ingen. 


der ihm das Verständnis mancher linguistischer Erscheinungen, wie z. B. der Dessi- 
milation in den indogermanischen Sprachen, erleichtern sollte. Er fuhrt das Ver¬ 
sprechen auf die verschiedene Dynamik der Sprachlaute zurück. Doch gibt er selber 
zu, daß die letzte Ursache aller Spracherscheinungen im Zentralorgan des Nerven¬ 
systems zu suchen ist. Jedes versprochene Wort verrät ein Stück der geheimen Ge¬ 
dankenarbeit. die immer bei Tag und bei Nacht in uns vor sich geht. Auch K rae- 
Pfcl i n hat eine angehende Studie über diese Phänomene geschrieben, aber die ticfeien 
psychologischen Motive ganz vernachlässigt. 

Das ist aber unbedingt notwendig. Nehmen wir wieder ein Beispiel vor: Ein 
Herr erzählte in meiner Gegenwart einer Dame eine pikante Geschichte aus seiner 
Jugend mit einer harmlosen ..zimmerreinen“ Variante. Was er sich während dieser 
Geschichte gedacht hat, hat er unwillkürlich durch ein versprochenes Wort verraten. 
Er sagte: „Ich wittere Unrat“ ''statt Unheil), merkte den Fehler nicht und setzt dann 
fort: „Dann aber sind Tatsachen zum Vorschwein gekommen. ...“ U n rat und 
Vorschwein beweisen, woran er gedacht hat. 

Freud führt folgendes Beispiel an: Eine Dame denkt an eine verschollene 
Jugenderinnerung. Ihr Gedächtnis versagt, als sie sich erinnern will, an welcher 
Körperstelle sie eine dreiste Hand gefühlt hat Später antwortet sie einer Freundin 
auf die Frage, wo ihre Sommerwohnung gelegen ist: an der Berglende (anstatt 
Berglehne). 

So kann ein Sprechfehler, sei er noch so klein und unbedeutend, oft tieferblicken 
lassen, als die ausführlichste Bede. Die wahren Gefühle brechen mit elementarer 
Gewalt durch die Spinn engewebe der Lüge und Heuchelei. Wie das Stammeln lind 
Stottern die Konflikte des Innern. Furcht und Schuldbewußtsein, Verlegenheit und 
Unsicherheit deutlich verraten, so kann das Versprechen einen kleinen Beweis liefern, 
fl aß man nicht ganz bei der Sache ist. Die Dichter haben da? längst 
gewußt. Anzengruber charakterisiert auf diese Weise den heuchlerischen Erb¬ 
schleicher in „GNvisscnswurm“. Die Sprechfehler in den Nestroy sehen Possen 
reihen sich diesen Beobachtungen würdig an. Auch bei Shakespeare und Schiller 
finden sich motivierte Beispiele im Versprechen. 

Ebenso lehrreich sind Freuds Beobachtungen über das Verlesen und 
Verschreiben. Wir lesen oft ganz andere Worte, als die uns vorliegenden, im 
Texte gedruckten. Untersuchen w r ir die Ursache des Verlesens, so können wir fast 
immer finden, daß wir nicht anders leben wollten, daß ('ine peinliche, unterdrückte 
Vorstellung sich mit dem verlesenen Worte verbindet. Freud erhält ein Telegramm 
und teilt seiner Frau mit, daß die arme Wilhelm M. von den Ärzten aufgegeben ist 
Die Frau glaubt nicht, daß in dem Telegramm stehen könne: ..d i e arme Wilhelm M.“ 
Kr verteidigt seine Behauptung hartnäckig. Man liest das Telegramm noch einmal. 
Tatsächlich steht darin „d e r arme Wilhelm M.“ „Mein Versehen bedeutet also nicht 
einen sozusagen krampfhaften Versuch, die traurige Neuigkeit vom Manne auf die 
Frau zu überwälzen. Der zwischen Artikel, Beiw r ort und Name eingeschobene Titel 
paßt schlecht zu der Forderung, es müsse die Frau gemeint sein. Darum wurde er 
auch beim Verlesen beseitigt. Das Motiv dieser Verfälschung war aber nicht, daß 
mir die Frau weniger sympathisch wäre als der Mann, sondern das Schicksal des 
armen Mannes hatte meine Besorgnisse um eine andere, mir nahestehende Person 
rege gemacht, die eine der mir bekannten Krankheitsbedingungen mit diesem Falle 
gemeinsam hatte.“ 

Ebenso lehrreich sind einige andere vom Autor angeführten Beispiele. Alle 
zeugen sie von der unendlich feinen und energischen Verschiehunesfähigkmt. die unser 
unbewußtes Denken vollbringt, um unserem Bewußtsein die Existenz zu verschönern. 
Wie vieles sehen wir nicht und hören wir nicht! Welch unermüdlichen Berater. Leiter, 
- Helfer und Störer haben wir in unserem Unbewußten! 

Es haßt oft scheinbar gegen unseren Vorsatz und gegen unsere Vernunft. Freud 
revidiert eine Korrektur einer neuen Arbeit. Manchen fremdklingenden Namen muß 
er korrigieren, aber einen deutschen Namen hat merkwürdigerweise der Setzer gegen 
sein Manuskript verbessert, und zwar mit vollem Rechte. Kr hatte nämlich Buck r- 
l»ard geschrieben, woraus dpr Setzer Burckhnrd erriet. Fs handelte sich um 
die Abhandlung eine? Geburtshelfers, die Freud als besonders verdienstlich hervo r 
hob. Den gleichen Namen trägt auch der Kritiker. d*r den Autor durch eine unfreund¬ 
liche Kritik über seine „Traumdeutung“ geärgeri hatte. Fs ist rine kleine Hache der 
imbewrißten Gedanken. Das Verdrehen von Namen verrät sehr häufig die Tendenz, 
sich über jemanden lustig zu machen. 


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Bücherbesprechungen. 


119 


Wir können aus einem flüchtigen Schreiben mit Recht auf die Gefühle schließen, 
die den Schreiber bei Abfassung des Briefes beseelen, wenn wir es verstehen, zwischen 
den Zeilen zu lesen. Der Stil des Autors zeigt immer kleine Unterschiede in seinen 
verschiedenen Werken. Wir können ganz genau ermitteln, wo sich beim Nieder¬ 
schreiben innere Widerstände ergeben haben. Das Schreiben gegen eine innere 
Überzeugung ist ein schweres Stück Arbeit, ein permanenter Kampf gegen die dem 
Bewußtsein vielleicht unbekannten inneren Stimmen. 

Was ich beim Versprechen betont habe, gilt auch für das Verschreiben. 
Von kleinen Auslassungen einer Silbe, eines Lautes, will ich absehen. Auch sie 
sprechen deutlich in dem Sinn des Verständigen. Zerstreute Menschen sind ja eigent¬ 
lich nur jene, die nach den Stimmen des Unbewußten horchen. Ist ein Eindruck der 
Außenwelt so stark, daß er ihre Aufmerksamkeit ganz fesseln kann, so wird der Zer¬ 
streute zum aufmerksamsten Beobachter. 

Tausend psychologische Kleinigkeiten aus dem Alltagsleben bekommen von 
diesem Gesichtspunkte aus für unsere Beobachtung neues Interesse. All die kleinen 
Vergeßlichkeiten, das Nichtausführen von Vorsätzen haben oft pikante Motivierungen. 
Die Frau ist im Recht, wenn sie ihrem sonst zärtlichen Gatten Vorwürfe macht, daß 
er ihrer vergessen habe. Heute sei z. B. ihr Namenstag. Sonst habe er ihr immer des 
Morgens einen Blumenstrauß geschickt. Er entschuldigt sich mit Zerstreutheit. Er 
wäre so beschäftigt gewesen, daß er ganz daran vergessen habe. In Wahrheit/hat 
sie sein Herz nicht mehr ganz. Seine Sorgen, seine Ailtagsgedanken sind stärker 
geworden, als die Erinnerungen an den einst so gefeierten Tag. Eine andere Dame 
ist mit Recht beleidigt, wenn man sie auf der Straße nicht grüßt. Man hat sie nicht 
erkannt oder nicht gesehen. Aber gehen wir an etwas achtlos vorüber, das uns lieb 
ist? Wir sehen ja alle Leute, die an uns Vorbeigehen. Der Eindruck muß aber eine 
gewisse Stärke besitzen, um sich uns zum Bewußtsein zu bringen. 

All die zufälligen Einfälle, die uns durch den Kopf fliegen, sind kein Zufall. Sie 
verraten uns ebenfalls die permanente Assoziation der inneren und äußeren Gedanken. 
Ich greife ein Beispiel heraus. Bei einem Gespräch über Herrn W. sage ich: „Und 
wenn 1085 solcher W.s kommen, ich werde mich doch nicht ändern! 41 Wie komme 
ich nun zu der Ziffer 1085? Bei näherer Analyse zeigt es sich, daß sowohl die 
Summe 1085, als auch die Zahlen 10 und 85 zu dem Patienten fum einen solchen 
handelt es sich) in Verbindung zu bringen sind. 86 ist die Höhe meiner letzten 
Honorarnote. 10 Visiten habe ich ihm heuer schon gemacht. All diese Zahlen schweb¬ 
ten mir unbewußt vor, als ich an Herrn W. dachte. Daher die scheinbar zufällige 
Zahl 1085. . , 

Wir nehmen uns manches vor, das wir auszuführen vergessen. Man unterziehe 
diese kleinen Vergeßlichkeiten einer kleiner Analyse, und man wird immer auf innere 
Widerstände gegen die Ausführung unserer Vorsätze stoßen. 

Wie parteiisch ist unser Erinnerungsvermögen in Geldsachenl Wir glauben 
fest und steif, eine Schuld schon bezahlt zu haben, wir streiten und müssen zuletzt 
wider Willen zugeben, daß wir uns getäuscht haben.- Das Kartenspiel zeigt 
z. B. nach Freud auch den „unterdrückten 44 Charakter des Menschen. „Wo der 
gewinnsüchtigen Absicht abseits der großen Interessen der Lebensführung und daher 
eigentlich nur im Scherz freier Lauf gelassen wird, wie beim Kartenspiel, neigen sich 
die ehrlichsten Männer zu Irrtiimern, Erinnerungs- und Rechenfehlern und finden 
sich, ohne selbst zu wissen wie. in kleine Betrügereien verwickelt. Auf solchen Frei 
heiten beruht nicht zum wenigsten der psychische erfrischende Charakter des Spiels. 4 * 
Rechenfehler bei Zählkellnern, die Eigenschaft einer „schweren Hand 44 im Bezahlen 
von schuldigen Geldsummen unterliegen derselben Beurteilung. „Mit den intimsten 
und am wenigsten klar gewordenen Regungen hängt es zusammen, wenn gerade 
Frauen eine besondere Unlust zeigen, den Arzt zu honorieren. Sie haben gewöhn¬ 
lich ihr Portemonnaie vergessen, vergessen dann regelmäßig das Honorar zu schicken 
und setzen es so durch, daß man sie umsonst ,um ihrer schönen Augen willen* be¬ 
handelt hat. Sie bezahlen gleichsam mit ihrem Anblick. 44 

Voller Anregung sind auch die Bemerkungen Freuds Über das „Ver¬ 
greifen 4 *. Oft steigen wir, in Gedanken vertieft, einen Stock zu hoch, oder wir 
nehmen beim Weggehen aus dem Hause einen falschen Gegenstand mit. All das 
kann sich bei näherer Analyse als unbewußte Gedankenarbeit zeigen. Eine Reihe 
ungeschickter Bewegungen im Verkehr mit Damen kann ein erfüllter Wunsch des 
Unbewußten sein. Man beobachtet die zufälligen Situationen, wenn ein dichtgefüllter 
Tramwaywagen unvermutet bremst. Einige Arme strecken sich aus und helfen 


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Riich e rbespre« *h ungen. 


120 


gerade der jungen hübschen Dame. Selbst der alte Kondukteur tut sich mit einem 
Griff auf den mehr oder minder prallen Arm güPich. Ein Herr fällt einer Dame auf 
den Schoß und umgekehrt. 

Auch das Zerbrechen und Kn lienlassen ist oft mit unbewußter Kritik verbunden. 
Freud hat auf seinem Schreibtisch ein Tintenfaß, hinter dem ein Kranz von Bronze¬ 
statuetten und Terrakottafisürchen aufgestellt ist. Er selbst sitzt am Tisch, um zu 
schreiben und macht eine merkwürdig ungeschickte Bewegung, die wohl den Sockel 
des Tintenfasses zu Boden schleuderte, sonst aber gar keinen Schaden anrichtete. 
Einige Stunden vorher hatte die Schwester die Bemerkung gemacht, das Tintenfaß 
passe nicht mehr auf den Schreibtisch. Eine unausgesprochene Hoffnung, die 
Schwester werde ihm ein neues Tintenfaß kaufen, war wohl vorhanden. Die un¬ 
geschickte Bewegung war merkwürdig zielbewußt; die vielen wertvolleren Gegen 
stände waren verschont geblieben. Nur das Tintenfaß war das Opfer der unbewußten 
Kritik geworden. 

Solche dunkle Motive dürften nach Freud auch manche unserer Dienst¬ 
boten zum Fallenlassen zerbrechlicher Gegenstände treiben. Sie sehen in den 
Kunstwerken, für die ihnen das Verständnis fehlt, nur eine Quelle täglicher Arbeit. 
Eine „dumme Feindseligkeit“ gegen diese Dinge, auch gegen ihre Herrschaft, die sie 
mit dem Schaden treffen wollen, beseelt sie. Man weiß ja, was der Aberglaube für 
merkwürdige Deutungen an das Fallen und Zerbrechen von Gegenständen knüpfte. 
In dieser Arbeit des Unbewußten sieht Freud überhaupt eine Wurzel des Aber¬ 
glaubens. 

Man wird dem Forscher Dank zollen müssen. Er bat uns gelehrt, welch tiefer 
Sinn hinter dem Unsinnigen stecken kann. Alles, was wir an unterdrückten Gefühlen 
in unserem Inneren versenkt haben, was vom Bewußtsein abgedrängt wurde, es hat 
doch Macht über uns. Wir. werden unsere Stimmungen, unsere Ahnungen besser ver¬ 
stehen können.* Die Künstler werden lernen müssen, daß sie außer ihrem Bewußtsein 
noch eine zweite Quelle der Nnregum? in sich tragen. Ein Maler will ein bestimmtes 
Motiv malerisch ausdrücken. Nach Wochen merkt er, daß er ein ganz anderes Bild 
gemacht hat, als er beabsichtigte. So ergeht es manchem Dichter mit seinen Werken. 
Er beginnt und das zweite Ich leitet seine Feder. 

Der Analytiker kann durch die Analyse dieser „Symntomhandlungen“ die je¬ 
weiligen Einstellungen seiner Patienten erkennen. Wer zu spät kommt, hat innere 
Widerstände zu überwinden, er mag sich noch so motiviert mit der Störung der 
Elektrischen usw. entschuldigen. Wer gerne kommt, ist schon einige Minuten früher 
da. Auch die Art und Weise, wie der Patient ei nt ritt, jede seiner Bewegungen kann 
ein „psychischer Verrat“ sein. Fine Dame, welcher es immer darum zu tun war. 
im Verhältnis zum Manne sich als *üe stärkere zu erweisen, ließ immer irgendeinen 
Gegenstand fallen, um mich zu zwingen, mich zu bücken und ihn zu überreichen. 
Erst als ich diese herausgeforderte Huldigung unterließ, hörte diese Symptomhand¬ 
lung auf. f 

Ich habe diese Symntomhandlungen deshalb so eingehend besprochen, weil es 
unbegreiflichem oise noch imrn^r nsyrhnlogisch geschulte Ärzte gibt, welche in solchen 
Fällen von Zufall reden. Wenn ich die Zweifle!* zum Studium des Büchleins und zur 
Nachprüfung angeregt habe, so haben diese Ausführungen ihren Zweck erreicht. 

Dr. Wilhelm S t e k e 1. 

Stransky,’ Prof. Erwin, Krieg und Geistesstörung. Feststellungen^und Erwägungen 
zu diesem Thema vom Standpunkte angewandter Psychiatrie. Wiesbaden 1018. 
J. F. Bergmann. 

Die im Rahmen der rühmlicbst bekannten „Grenzfragen des Nerven- und Seelen¬ 
lebens 11 (Nr. 102) erschienene Broschüre enthält geistreiche und anrpgende Ausführungen 
über die gesünderen Nerven der mitteleuropäischen Völker, über die Psychopathologie des 
Deutschenhasses, über Massenpsyohologic. besonders über die Legendenbildung, über das 
Verhalten der Psychopathen im Felde und im Hinterlande und über den Krieg als Ver¬ 
ursacher psychischer und nervöser Störungen. Die Ideen des Autors des weiteren anzu¬ 
führen, erforderte mehr Raum als mir gegönnt ist; es würde auch stellenweise zu harter 
Polemik führen. Zugegeben kann werden, daß jed-T Arzt die Ausführungen Stranskys 
mit großem Interesse lesen und reiche Anregung empfangen wird. Einige glücklich ge¬ 
wählte Ausdrücke werden neu eingeführt: Der inin - re K ra n k h e i t sk on s en s, der 
die Neurosen bereitschaft des Hysterie fähigen ausdrückt (und hvsteriofähig erwiesen sich 


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Bibliographie der Sexualwissenschaft. 


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die Mehrzahl aller Krieger, die vor dem Kriege kein Zeichen von Neurose aufwiesen) 
und den „Krieg sk nall u (analog dem bekannten Zuchthausknall) für akute Situations¬ 
psychosen. Als „bescheidenen 11 Kriegsgewinn bucht Stransky den Umstand, daß die sexuelle 
Ätiologie der Neurosen von mir fallen gelassen wurde. Ich würde es als einen großen 
Kriegsgewinn betrachten, wenn Stransky mit der Technik tiefer eindriugender Psycho¬ 
analyse seine geistreichen Hypothesen an Einzelschicksalen beweisen könnte . . . 

Dr. Wilhelm Stekel. 


Bibliographie der Sexualwissenschaft 1 ). 

Biologie. 

(Anatomie, Physiologie, Entwiekelungsgeschichte, Vererbwngslehre.) 

Almquist, Hygiene, soziale Arbeit und die biologischen Gesetze. Zentralbl. f. 
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Btflsche, Wilh., Schatz- und Trutzbündnisse in der Natur. Mit vielen erläuternden 
Abbild. 4. u. 5. Aufl. Stuttgart 1917. Franckh. 8°. 77 S. 1 Mk. 25 Pf. 

Bonnet, Bob«, Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte. 3. neubearb. Aufl. Berlin 
1918. Parey. Gr. 8°. VH1, 478 S. mit 390 Textabbild. 22 Mk. 

Christeller, Bau und Lebenstätigkeit des menschlichen Körpers. Mit lllnstr. 
11.—15. Tausend. Berlin 1918. Vorwärts. 8°. 26 S. 40 Pf. 

Correns, C., Zur Kenntnis einfacher mendelnder Bastarde. Berlin 1918. Reimer. 
Lex. 8°. 48 S. mit 9 Fig. 2 Mk. 

Dekker, H., Naturgeschichte des Kindes. Mit zahlr. Abbild. 21. Aufl. Stuttgart o. J. 
11918.] Franckh. 8°. 103 S. 1 Mk. 25 Pf. 

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Monatsh. f. Geburtsh. 47. 1918. H. 1. 

Gonnnont, Remy de, Die Physik der Liebe. Übertr. von Rud. Brettschneider. 
Neue Ausg. -Berlin o. J. 11918. | Hyperionverlag. 8°. 266 S. 4 Mk. 

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Tempsky. Leipzig. Freytag. Gr. 8°. 69 -f- 219 S. mit 552 z. Teil färb. Abbild, im 
Text u. 14 Färbendrucktaf. 4 Mk. 35 Pf. 

Haberlandt, G., Physiologische Pflanzenanatoiuie. 5. neubearb. u. verm. Aufl. 
Leipzig 1918. W. Engelmann. Gr. 8°. XVI, 670 S. mit 295 Abbild, im Text. 22 Mk. 
50 Pf. 

Haecker, V., Eine medizinische Formulierung der entwicklungsgeschichtlichen Ver¬ 
erbungsregel. D. m. W. 1918. Nr. 5. 

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l ) Umfaßt die Zoit vom 1. März bis 31. Mai 1918 sowie Nachträge 
und Ergänzungen. Im Hinblick auf die durch die Kriegsereignisse bedeutend 
erschwerte Berichterstattung bitten wir wiederholt die Verfasser einschlägiger Arbeiten, 
uns zwecks* vollständiger und genauer bibliographischer Aufnahme möglichst umgehend nach 
Erscheinen einen Sonderabdruck zu übermitteln (unter der Adresse: Dr. Iwan Bloch, 
Berlin W. 15, Joachiinsthaierstr. 9j. 


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6.-8. umgearb. Aufl. von R. du Bois-Ke vmond. Berlin 1918. KI. 8°. IV, 308 8. 
mit 103 Abbild. 8 Mk. 80 Pf. 

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1918. Freytag. Gr. 8°. 136 S. mit 150 Textabbild, u. 16 Farbentaf. 3 M. 25 Pf. 

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579 S. m. Fig. u. 4 Taf. 12 Mk. 

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1918. F. C. \V. Vogel. Gr. 8°. III, 160 S. m. 156 z. T. färb. Figuren. 6 Mk. 

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1918. Karl Sigismund. 16°. 48 8. 20 Pf. 

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über den Begriff der Übervölkerung und Untervölkerung. Tübingen 1917. Mohr (Siebock). 
Gr. 8°. VII, 109 8. 3 Mk. 

Mutter, Die. Zeitschrift für Verbreitung anerkannter Gesundheits- und Erziehungs¬ 
lehren. Herausg. von E. Dietrich u. Olga Gebauer. Schriftleircriu: Julie Gebauer. 
16. 12 Nrn. Berlin 1918. E. Staude. Gr. 8°. 4 Mk. 

Theilhaber, F. A. , Die Sexualleiden der unverheirateten Ixdirerin. Die neue 
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Neuinann, Ernst, Grundsätzliches zur Alkohol frage. Stuttgart 1917. Mimir-Verlag. 
8°. 26 8. 75 Pf. 

Hachs, E., Die künstliche Unterbrechung der Schwangerschaft bei PJutkrankheiten 
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2. Abt darin (u. :u: Ledigenheime von B. Schrei) er. Soziale Hygiene, 
1 1 o b u r t e n r ü c k g a n g und da s Problem der körperlichen Entartung von 
A. Grotjahn. Leipzig. J. A. Barth. L**x. 8°. 14 Mk. 

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künstlichen Abortes berücksichtigt werden? D. m. \Y. 1918. Nr. 7. 

Willkrieg, dir. 9 „Rauschgetriinke ?!“ Fragen und Seufzer aus schwerer Zeit. 
Stuttgart 1917. Mimir-Verlag. 8°. 46 S. 1 Mk. 20 Pf. 

Wolf, Julius, Die Bevölkerungspolitik der Gegenwart. Leipzig 1918. B. G.Teubner. 
Gr. 8°. 39 S. 1 Mk. 

Ziegelroth, P., Der Geburtenrückgang und die Zukunft des deutschen Volkes. 
Leipzig 1918. Reichen buch. 8°. 50 S. mit eingedr. Tab. 80 Pf. 


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Arlow, Otto, Das Verhältnis der Frau zum Mann und die Moral. Mödling bei 
Wien o. J. [1918]. Mödlinger Nachrichten. Gr. 8°. 8 S. 50 Pf. 

Bergner, H., Die Ehe. Ärztliche Ratschläge und Belehrungen unter besonderer 
Berücksichtigung der durch den großen Krieg geschaffenen Verhältnisse. 15. Aufl. Berlin- 
Pankow o. J. [1918]. Linser-Verlag. Gr. 8°. 107 u. 3 8. mit 2 färb, zerlegbaren 

Modellen. 3 Mk. 50 Pf. 

Ehrler, A., A# Baur, und A. Gutmann, Glückliches Eheleben. Moralisch- 
hygienisch-pädagogischer Führer für Braut- und Eheleute sowie für Erzieher. 11. bis 
15. Tausend. Mergentheim o. J. [1918]. Ohlinger. 8°. VIR 350 S. 4 Mk. 20 Pf. 

Faßbinder, Nikol., Am Wege des Kindes. Ein Buch für unsere Alütter. Mit 
1 Titelbild. Freiburg i. B. o. J. [1918]. Herder. Kl. 8°. XV, 395 S. 4 Mk. 80 Pf. 

Feudrich, Anton, Mehr Sonne. Das Büchlein von der Liebe und Ehe. Stuttgart 
1918. Franckh. 8°. 111 S. 2 Mk. 25 Pf. 

Hartmann, Ernst, Frauenglück und Beruf. Ein Wort an die jungen Mädchen und 
alle, denen die Zukunft der weibl. Jugend am Herzen liegt. Grünberg o. J. [1918]. 
Weiß. 8 U . 20 S. 80 Pf. 

Hutten, K., Ehefragen. Ärztliche Belehrungen über gesunde, glückliche Lebens¬ 
gemeinschaft und ihre Vorbedingungen. Mit einem Anhang: (Die willkürliche Zeugung 
von Knaben oder Mädchen). Das Gesetz der Geschlechtsbildung. Von Dr. C. H. Fehlauer. 
2. Aufl. Berlin-Steglitz. Verlag der „Hausarzt-Zeitschrift^. 8°. 59 S. 1 Mk. 80 Pf. 

Krome, G., Lohnt e> sich? Ein Wegweiser für junge Menschen zum guten Ziel. 
Hamburg o. J. [1918]. Kauhes Haus. 16°. 32 S. 15 Pf. 

Lebensquell, Am. Ein Hausbuch zur geschlechtlichen Erziehung. Hrsg, vom 
Dürerbund. Betrachtungen, Ratschläge und Beispiele als Ergebnisse des Diirerhund- 
1 Preisausschreibens. 18.—20. Tausend. Dresden 1917. A. Köhler. 8". XII, 363 8. mit 
1 Titelbild. 4 Mk. 

Llpmann, Otto, Psychologische Berufsberatung. Ziele, Grundlagen und Methoden. 
Berlin 1918. C. Heymann. Gr. 8°. II, 30 S. 40 Pf. 

Maaßeu, Beiträge zur geschlechtlichen Jugenderziehung. Körper und Geist 26. 
1918. fl. 21 / 22 . 

Oertel, Kirchliche Pflege der mlinnl. Jugend zwischen dem 14. und 20. Lebens¬ 
jahr. Dresden o. J. [1918]. Verbandsbuchh. 8°. 10 8. 40 Bf. 

Pauen, Ein Ehekursus. Bochum 1917. Potthoff. S". 10 8. 35 Pf. 

Pietzker, Karl, Ein willenbildender Unterricht — - eine Forderung der Gegenwart. 
Halle 1918. Gesenius. 8°. 29 8. 50 Pf. 

Weide, Ernst, Leipziger Mutterkurse über Ernährung, Pflege, Entwicklung und 
Erziehung des gesunden Kindes von der Geburt bis zum Schulalter nebst Krankheits¬ 
verhütung, Säuglings- und Kleinkinderfürsorge. Leipzig 1918. Weicher. S°. 127 S. 

mit Abbild. 2 Mk. 


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126 


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Allgemeines, Vorgeschichte, Ethnologie und Folklore, Patho- 
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Binjamin von Tudela, * Des Rabbi iReisetagebuch. Ein Beitrag zur Kenutnis der* 
Juden in der Diaspora während des 12. Jahrhunderts. Von A. Martinet. Berlin 1918. 
I, Lamra. Gr. 8°. 28 S. 5 Mk. 

Björkman, E., Lord Byron. Uppsala 1918. Askerberg. 8°. 220 S. 3 Kronen. 

Boll, Franz, Sternglaube und Sterndeutung. Die Geschichte und das Wesen der 
Astrologie. Unter Mitwirkung von Prof. Dr. Carl Bezold. Mit einer Sternkarte und 
20 Abbild. Leipzig 1918. B. 0. Teubner. 8°. VIII, 108 S. 1 Mk. 20 Pf. 

Bonnet, Hans, Die ägyptische Tracht bis zum Ende des Neuen Reiches. Leipzig 
1917. Hinrichs. 4°. 73 S. mit 9 Taf. 18 Mk. 

Borehers, Marie, Die Bevölkerungsdichte im südlichen Indien. Nach dem „Census 
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Bomüller, Jobs., Unsere Welt. Schöpfung oder Ewigkeit? Mit naturwissenschaft¬ 
lichen Randbemerkungen zu Haeckels „Ewigkeit 14 . München-Gladbach 1918. Volksvereins¬ 
verlag. 8°. 32 S. 45 Pf. 

Burdach, Konrad, Deutsche Renaissance. Betrachtungen über unsere künftige 
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Burg, Paul, Sieben Abenteuer der schönen Pröpstin Königsmark. Bilder und 
Briefe aus deutscher Vergangenheit. Des neuen Dekamerone 2. Folge. Dresden 1918. 
Reißner. 8°. 149 S. 3 Mk. 

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1. Teil: Die Geschichte und Theorie der Statistik. Die Bevölkerungsstatistik. 4. erw. 
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7 Mk. 50 Pf. 

Floerke, Hanns, Die Moden der italienischen Renaissance. München 1917. Georg 
Müller. Gr. 8°. 112 S. mit 132 Taf. 25 Mk. 

Franenkleidung, Deutsche, Handbuch mit 160 Abbild. Herausgegeben vom Verband 
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82 S. mit 1 Schnittmusterbogen. 2 Mk. 50 Pf. 

Gerlach, K. A., Die Frau und das Genossenschaftswesen. Jena 1918. Gustav 
Fischer. Gr. 8°. 64 S. 1 Mk. 50 Pf. 

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Hackmann, Hans, Die Wiedergeburt der Tanz- und Gesangskunst aus dem Geiste 
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Hautkappe, Franz, Über die altdeutschen Beichten und ihre Beziehungen zu Cäsarius 
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Hertwig, Oskar, Dokumente zur Geschichte der Zeugungslehre. Eine historische 
Studie. Mit 25 Abbild. Bonn 1918. F. Cohen. Gr. 8°. 168 S. 20 Mk. 

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Hoeber, K. , Elisabeth Gnauck-Kühne. Ein Bild ihres Lehens und Schaffens. 
München-Gladbach 1918. Volksvereins-Verlag. Kl. 8°. 110 S. mit 5 Bildern. 1 Mk. 60 Pf. 

Kraepelfn, Emil, Hundert Jahre Psychiatrie. Ein Beitrag zur Geschichte mensch¬ 
licher Gesittung. Mit 35 Textbildern. Berlin 1918. Julius Springer. Gr. 8°. 1H, 115S. 
2 Mk. 80 Pf. 

Landsberg, Hans, Das galante Frankreich in Anekdoten. 2. Aufl. Stuttgart 1918. 
R. Lutz. 8°. 204 S. 2 Mk. 

Lindau, Paul, Nur Erinnerungen. 2. Bd. 4. Aufl. Stuttgart 1918. Cotta. Gr. 8°. 
X, 401 S. 6 Mk. 50 Pf. 


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Bibliographie der Sexualwissenschaft. 


12T 


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Nach archivalischen Quellen. 2. Ausg. Mit 9 Bildern u. 12 Kaks. u. Handschriftproben. 
Leipzig o. J. [1918J. Voigtlander. 8°. IX, 402 S. 6 Mk. 

Meyer, Gertrud, Volkstänze. Gesammelt. 3. unveränderte Aufl. Leipzig 1918. 
B. G. Teubner. V, 58 8. 1 Mk. 50 Pf. 

Müller, Paula, Die Verantwortung der Frau für die religiös-sittliche Erneuerung 
des Volkslebens. Berlin-Lichterfeldo 1918. E. Runge. 8°. 16 S. 75 Pf. 

Neuner, JL, Deutscher Natur-Dienst. Grundzüge und Richtlinien zu einem Leit¬ 
faden für eine deutsche Religion' auf wissenschaftl. Grundlage. 2. Aufl. München 1917. 
Selbstverlag. 8°. 101 S. 2 Mk. 

Pfeiffer, Ludwig, Venuslieder. Verliebtes und Galantes aus sorgloser Zeit. Mit 
82 Tafeln nach Bildern und Stichen des 17. u. 18. Jahrhunderts und mit 60 Vignetten 
von Herrn. Kothballer. München 1917. Etzold. 8". 159 8. 2 Mk. 80 Pf. 

Raufseisen, Herkules, Akademisches Lustwäldlein. Mit Einleitung und Nachweisen 
herausg. durch Arthur ko pp. Leipzig 1918. Dieterich. 16“. 180 8. 2 Mk. 50 Pf. 

Reinert, A., Die Nervenschwäche des Mannes (Pollutionen und Impotenz) ist heil¬ 
bar durch Nervenmassage. Hildesheim o. J. [1918]. Reinerts Institut f. Naturheilk. 
Gr. 8°. 22 S. 1 Mk. 

Schneider, Karl Camillo, Die Welt, wie sie jetzt ist und wie sie sein wird. Eine 
neue Natur-, Geist- und Lebensphilosophie. Wien 1917. Orion-Verlag. Gr. 8 Ü . XIII, 
713 S. mit 2 Tab. 15 Mk. 

Seiet)’, Georg, Die Politik des Löbens. Ein Grundriß für den Bau der Mensch¬ 
heits-Organisation. Mit einem Geleitwort von Rud. Goldscheid. Wien 1918. Anzen¬ 
gruber-Verlag. Gr. 8°. 278 S. 5 Mk. 

Szcepanska, E. v„ Die Kunst des Gefallens. 2. Teil: Schönheits- und Körperpflege. 
Ein praktischer Ratgeber für junge Mädchen und Frauen über Schönheitspflege. Körper¬ 
kultur, Putztisehgeheimnisse und Frauenkleidung. Leipzig o. J. [1918]. H. Hedewig. 
Gr. 8°. 98 S. mit 1 Taf. 2 Mk. 

Weher, Marianne, Vom Typenwandel der studierenden Frau — die Formkräfte des 
Geschlechtslebens. Berlin 1918. W. Moeser. Gr. 8°. 42 S. 1 Mk. 

Wilms, Hieron., Aus mittelalterlichen Frauenklöstern. Mit 10 Bildern im Text 
von R. van Bergen. 2. u. 3. Aufl. Freiburg i. Br. 1918. Herder. 8°. XV, 284 8. 
3 Mk. 80 Pf. 


Kriegsliteratur. 

Bethe, A*, Aufgaben der Physiologie während und nach dem Kriege. Frankfurt a. M. 
1918. Werner & Winter. Gr. 8°. 19 S. I Mk. 25 Pf. 

Boek, Franz, Krieg und Kultur. Posen 1917. Ostdeutsche Verlagsanstalt. 8°. 
20 S. 50 Pf. 

Bunse. Paul, Die reaktiven Dämmerzustände und verwandte Störungen in ihrer 
Bedeutung als Kriegspsychosen. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psyeh. 40. 1918. H. 4/5. 
S. 237—282. 

Fehlinger, Hans, Krieg und Rassenverbesserung. Die neue Generation 14. 1918. 
H. 1/2. S. 40—43. 

i) Heinze, IL, Über die Behandlung und Beurteilung der Kriegsneurosen. Inaug.- 
Diss. Breslau Jan. 1918. 8°. 

Hülse, Zur sogen. Blasenschwäche der Soldaten. M. m. W. 65. 1918. Nr. 9. 
8. 241—242. 

Kreuser, Zur Frage der Kriegspsychosen. Allg. Zeitschr. f. Psychiatr. 74. 1918. 
H. 1/3. S. 113-135. 

Latzko, A. , Frauen im Krieg. Geleitworte zur internationalen Frauenkonferenz 
für Völkerverständigung in Bern. Zürich 1918. Rascher. Gr. 8°. 14 S. 80 Pf. 

Lipschütz, B., Dermatologische Beobachtungen während des Krieges. Arch. f. 
Derm. 124. 1917. H. 3. S. 492—512 (mit 2 Tafeln). 

Lißntann, Neuro-sexologische Beobachtungen in der Front. M. m. W. 65. 1918. 
Nr. 11. S. 295-296. 

Lüwy, M., Zur Behandlung der Psychotraumatiker des Krieges im Kriege und nach 
Friedensschluß. Monatssehr. f. Psychiatr. 43. 1918. H. 1. S. 46 ff. 

Mahr und Härtung, Ein Jahr Militär-Nervenheilanstalt. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. 
u. Psyph. 40. 1918. H. 1/3. S. 229-236. 


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128 Bibliographie der Sexualwissenschaft. 


Opitz, Karl, Die Stillfähigkeit im Kriege. D. m. W. 44. 1918. Nr. 16. 8. 437 
bis 438. % 

Pankow, Die Bedeutung der psychogenen Kriegskoraponente bei der Bewertung • 
gynäkologischer Leiden. D. m.'W. 1918. Nr. 13/14. 

Pese, A., Heeresdienst und luetische Erkrankung des Zentralnervensystems. Inaug.- 
Diss. Breslau Jan. 1918. 8°. 

Richter, A„ Kriegsneurose und Psychogenie. W. kl. W. 1917. Nr. 52. 

Robert, Friedrich, Der Geburten-Ausgleich nach diesem Kriege. Das Gesetz auf 
d. selbstgewollten Knaben. Berlin-Pankow o. J. 119181. Linser-Verlag. Gr. 8°. 15 S. 

0° Pf. 

Simmel, Ernst, Kriegs-Neurosen und „psychisches Trauma 41 . Ihre gegenseitigen 
Beziehungen dargestellt auf Grund psychoanalytischer hypnotischer Studien. Mit einem 
Geleitwort von Dr. Adolf Schnee. München 1918. Otto Nemnich. Gr. 8°. 84 S. 

2 Mk. 50 Pf. 

• Stier, E., Wie kann der Entstehung von Kriegsneurosen bei der Feldarmee vor¬ 
gebeugt werden? D. militärärztl. Zeitschr. 1918. H. 7/8. 

Stöcker, Helene, Verzichtfriede und Menschenökonomie. Die neue Generation 14. 
1918. H. 1/2. S. 24-35. 

Stransky, E„ Krieg und Geistesstörung. Feststellungen und Erwägungen zu diesem 
Thema vom Standpunkte angewandter Psychiatrie. Wiesbaden 1918. Bergmann. Lex. 8°. 

77 S. 3 Mk. 

Teleky, Ludw., Aufgaben und Probleme der sozialen Fürsorge und der Volks¬ 
gesundheitspflege bei Kriegsende. Wien 1917. Braumüller. Gr. 8°. IV. 168 S. 2 Mk. 

Telling, E., Klinischer Beitrag zur Pathogenese der Basedow-Erkrankung bei 
Kriegsteilnehmern. Monatsschr. f. Psychiatr. 43. 1918. H. 3. S. 192 ff. 

WoUenberg, R., Krieg und Nerven. Straßburg 1917. Straßburger Druckerei. 8°. 

36 S. 60 Pf. 


Für die Kednktion verantwortlich: Dr. Iwan Bloch in Berlin. 
A. Maren* & E. Weber» Verlag (Dr. jur. Albert Ahn) in Bonn. 
Druck: Otto Wlgant’flche Bvehdrackerel 0 . m. b. H. in Leipslg. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

Fünfter Band Juli 1918 4. Heft 


Innere Sekretion 1 ). 

Von Dr. Wilhelm Fließ 
in Berlin. 

Es ist nicht meine Absicht, Ihnen heute ein Referat über die gesamte 
Lehre von der inneren Sekretion zu geben. Das ist. schon früher von anderer 
Seite geschehen. Ich will vielmehr einige Kapitel aus dieser Lehre hier be¬ 
sprechen, über die eigene Erfahrung oder doch ein eigenes Urteil mir zu 
Gebote steht. Gerade die Lehre von der inneren Sekretion berührt vielfach 
Gebiete aus der Interessensphäre unserer Gesellschaft. Dafür zeugt schon ihre 
Entstehungsgeschichte. 

Die Alteren von Ihnen werden sich noch des Aufsehens über eine Mit¬ 
teilung Brown Sequards erinnern, der im Juni 1889 in der Pariser Socidtö 
de Biologie über Verjüngung sprach. Brown war damals 72 Jahre alt und 
trug schwer an den Lasten des Greisenalters. Da spritzte er sich einen wässe¬ 
rigen Auszug zerriebenen Stierhodens unter die Haut und danach erlebte er 
einen Aufschwung seines ganzen Wesens. Eine fast jugendliche Frische kam 
über ihn. Die Schwäche wich, die Geisteskräfte wuchsen, die Gefühle be¬ 
flügelten sich. Man kann sich heute kaum vorstellen, welches Echo diese 
Mitteilungen in der Welt erweckten. Es war ein Taumel unter den Greisen. 
Überall wurde gespritzt und der Jungbrunnen des Mittelalters schien Wahrheit 
zu werden. Aber leider, es schien nur so. Die Ernüchterung kam. Sie kam 
auch vom Entdecker selbst. Denn die späteren Injektionen leisteten nicht mehr 
das, was die früheren versprochen hatten. 

Brown lebte noch fast fünf Jahre. Aber der Greisenverfall war nach dem 
Aufschwung noch stärker als zuvor. 

Was hatte hier Vorgelegen? War das alles unwirklich gewesen, was 
Brown an sich beobachtet hatte? Keineswegs. Es war ein Schwung über 
ihn gekommen. Das bestätigten alle, die ihn damals sahen. Aber der Schwung 
hielt nicht an, er war nur das kurze Vorspiel zum tragischen Abstieg des 
Befindens. 

Was mit Brown Scquard geschah, geschieht nicht selten bei älteren Leuten. 
Sie fühlen sich plötzlich veijüngt, ein Saft- und Kraftstrom scheint durch ihre 
Adern zu rinnen, sie heiraten gar in dieser Epoche. Aber das Vergnügen 
dauert nicht lange. Dann kommt das alte Elend, wieder, oder der Tod. Sie 
haben die Ehe nicht mehr vertragen, heißt es dann. Weit gefehlt. Das 
Schicksal rollt ab mit oder ohne Ehe. Es war nur eine Euphorie, der sie zum 
Opfer fielen, eine Euphorie, wie sie stets dem Niedergang voraufgeht Es 
gibt euphorische Tage, auf die dann der periodische Tag folgt, und es gibt 


l ) Nach einem Vortrag in der Ärztlichen Gesellschaft für Sexualwissenschaft am 
22. März 1918. 


Zeitsehr. t Sexualwissenschaft V. 4. 


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130 


Wilhelm Fließ. 


ganze euphorische Zeiten, an deren Ende der plötzliche Abstieg einsetzt Im 
März 1910 äußerte Josef Kainz zu einem vertrauten Freunde: „Ich fühle mich 
so frisch wie nur je und so wohl wie der Fisch im Wasser" und einige Wochen 
später mußte er sich bereits an Darmkrebs operieren lassen. Aber nicht nur 
vor Krankheiten kommt die Euphorie, sondern auch vor den großen Verände¬ 
rungen unseres Körpers überhaupt, also auch vor dem normalen Verfall im 
Greisenalter. Und in der Euphorie vor dem Niedergang werden bei Künstlern 
die schönsten Werke geboren: Weber schrieb kurz vor der letzten Verschlimmerung 
seines Brustleidens die Oberon-Ouvertüre, Chopin in der gleichen Verfassung 
die Polonaise in As-Dur. Und unser Brown Söquard dürfte in der dämmernden 
•Euphorie den Gedanken zur Organtherapie .gefaßt haben, dessen erstes Objekt 
er selber war. 

Die Enttäuschung war schmerzlich. Aber die ganze Sache hatte doch ihr 
Gutes darin, daß sie auf die innere Sekretion die allgemeine Aufmerksamkeit 
wieder hingelenkt hatte. Es möchte in den Keimdrüsen noch etwas anderes 
stecken als die Keimstoffe, die nach außen entleert würden, wie etwa der 
Speichel aus den Speicheldrüsen. Auch die Keimdrüsen, so hatte Brown 
Söquard schon seit Jahren gelehrt, geben direkt ins Blut Stoffe ab, die für den 
Körper wesentlich wären. Und das war ganz richtig. Schon 40 Jahre früher 
hatte der Göttinger Professor Berthold gezeigt, daß man die Folgen der 
Kastration aufheben könne, wenn man die entfernte Keimdrüse anderen Ortes 
wieder einnäht. In diesem Fall wird der männliche Kastrat keineswegs ver- 
weiblicht, Brüste und Fettpolster werden nicht vergrößert, und auch die Neigung 
zum anderen Geschlecht bleibt unverändert. Und das Analoge gilt dann auch 
für das kastrierte Weib. Aber Bertholds Forschungen blieben unbeachtet, da 
ihnen der autoritative Widerspruch Rudolf Wagners entgegengesetzt woirde, 
desselben R. Wagners, dem Carl Vogt in seiner köstlichen Schrift „Köhler¬ 
glaube und Wissenschaft“ so schonungslos die Maske vom Antlitz riß. 

In unserer Zeit hat freilich Steinach in Wien die Augen der Welt auf 
sich gelenkt, indem er die Berthold sehen Versuche modifizierte. Dem kastrierten 
Mann hat er die Keimdrüse des Weibes eingenäht, dem kastrierten Weibe die 
des Mannes. Den Mann hat er dadurch verweiblicht, das Weib vermännlicht 
im Aussehen und in den Trieben. Nur ist beim Mann kein Uterus ge¬ 
wachsen und das Weib hat keine Samen blasen und Vasa deferentia bekommen. 
Und noch ein viel Wesentlicheres fehlt: Der feminierte Mann produziert keine 
Eier, und das maskulierte Weib keinen Samen. Der Keimteil von Hoden und 
Eierstock geht dabei zugrunde, aber die Zwischensubstanz wächst. Und von 
ihr aus erfolgt durch innere Sekretion jene Düngung der normal vorhandenen 
weiblichen Substanz beim Mann und der männlichen Substanz beim Weibe, 
deren Wachstum schließlich zum Übergewicht über die ursprünglichen Ge¬ 
schlechtsmerkmale führt. 

Ich w r eise den Schluß weit von mir, den man aus den Steinachschen 
Versuchen hat ziehen wollen, daß die Anlage des Organismus asexuell ist 
und daß erst die Pubertätsdrüse das männliche oder weibliche Geschlecht 
hervorbringt. Denn dieser Schluß wäre doch dann erst diskutabel, wrenn der 
Mann zum Weibe und das Weih zum Manne geworden wäre. Der Mann 
müßte Eier und das Weib Samenzellen produzieren. Sie wissen aber, daß 
gerade die Eier eines dem Mann eingepflanzten Eierstocks degenerieren und 
verschwinden. 

Sie werden sagen: das tun sie, weil der Eierstock an einen unpassenden 
Ort verpflanzt ist, unter die Bauchhaut. Gewiß. Aber nur dort wächst er an, 


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Innere Sekretioü. 


131 


und zwar auch nur in 50 % der Fälle. An der Stelle des Hodens wächst er 
überhaupt nicht an, nie und nimmermehr. Ebensowenig wie der Hoden ins 
Ovarialbett verpflanzt werden kann. Wohl aber können Sie beim kastrierten 
Weib einen fremden Eierstock ins Ovarialbett verpflanzen. Dort wächst er 
ohne Schwierigkeiten an, und was das Wesentliche ist, er produziert dauernd Eier. 
Das hat man beim Kaninchen, bei der Hündin, beim Schwein und bei der 
Henne beobachtet. Auch beim Menschen. Die Frau^mit dem fremden Eierstock 
hat sogar nach 4 Jahren geboren. 

Die ursprüngliche Männlichkeit übt also einen hemmenden Einfluß auf den 
implantierten Eierstock aus, und vice versa. Das könnte aber nicht geschehen, 
wenn wirklich der kastrierte Organismus asexuell wäre. Da aber die Hem¬ 
mung besteht, so muß man schließen, daß die Pubertätsdrüse die 1 Entwicklung 
der weiblichen Charaktere nicht verursacht, sondern nur fördert Aus dem 
Satz: propter ovarium solura mulier est, quod est, muß man das solum 
streichen. Und das muß man, wie der kluge Möbius bemerkt, trotz aller 
tonenden Worte, die Yirchow an die Begründung des Satzes gewendet hat 

Im doppelgeschlechtigen Körper sind männliche und weibliche Potenzen. 
Es können die einen oder die andern gedüngt werden. Und diese Düngung 
besorgt die Pubertätsdrüse. Die weibliche Drüse düngt wesentlich die weib¬ 
lichen Stoffe, die männliche wesentlich die männlichen. Kein Drüsensekret, 
das lehrt die gesamte Naturerfahrung, kann etwas Neues schaffen, dessen An¬ 
lage nicht schon vorhanden war. Erschaffen kann nur der Keim. 

Aber auch die Pubertätsdrüse selbst besteht wie alles Lebendige aus 
weiblichem und männlichem Stoff. Und so ist 'es zu begreifen, daß mau 
durch Überpflanzung eines weiblichen Eierstocks auch exquisit männliche 
Charaktere beim kastrierten Froschmänncheu auslösen kann. Das haben die 
Versuche von Meisenheimer dargetan. Ein kastrierter Frosch entwickelt 
nämlich niemals die Dauraenschwielen, mit denen der normale Frosch in der 
Brunst das Weibchen umklammert. Wohl aber wachsen die Daumenschwielen, 
wenn man ihm Hoden oder Eierstöcke unter die Haut bringt. Die Eierstöcke 
wirken nicht ganz so stark wie die Hoden, aber sie wirken. Wie könnten sie 
das, wenn nicht männliche Anlagen da wären? Mit der Asexualität ist das 
Auftreten männlicher Charaktere durch Einwirkung der weiblichen Geschlechts¬ 
drüse nicht zu vereinigen. 

Es wäre gefehlt zu glauben, daß nur die Pubertätsdrüsen der Keimorgane 
als Sexualdrüsen anzuspreehen seien. Wir kennen noch andere innersekretorische 
Drüsen, deren Beziehung zu Geschlechtsvorgängen außer Zweifel steht. Da 
wäre zunächst die Schilddrüse zu nennen. Sie alle wissen, daß ein eigentüm¬ 
liches Krankheitsbild entsteht, das Myxödem, wenn ihre Funktion stark ver¬ 
mindert wird. Diese Erkrankung hat ihr experimentelles Gegenstück in der 
Cachexia. strumipriva, die auf chirurgische Entfernung des größten Teils der 
Schilddrüse folgt. Es schwillt dabei die Haut, es * atrophieren die Schwei߬ 
drüsen, die Bewegungen werden plump, die Stimme rauh und die Geisteskräfte 
schwinden. Was uns hier besonders interessiert: es hören bei Frauen auch 
die Menses auf, bei Männern die Potenz. Durch Zufütterung von Schilddrüse 
werden alle diese Erscheinungen wieder rückgängig. 

Die Zugehörigkeit der Schilddrüse zur Sexualität zeigt sich auch um¬ 
gekehrt darin, daß bei den Menses der Frauen regelmäßig eine leichte 
Schwellung dieses Organs zu beobachten ist und daß die Schwangerschaft eine 
Hypertrophie der Schilddrüse verursacht. Im Wochenbett tritt bei vielen Frauen 

10 * 


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132 


"Wilhelm Fließ. 


ein Embonpöint ein, der deshalb von Gnaden der Thyreoidea ist, weil man ihn 
durch Schilddrusenfütterung wieder rückgängig machen kann. 

Es ist wichtig zu wissen, daß die Veränderungen des ausgesprochenen 
Schilddrüsenmangels in allen Abstufungen bis zum Übergang ins Gesunde sich 
vorfinden, ja daß sie zu einem Konstitutionsbild geordnet sind, das häufig er¬ 
scheint. Man hat es früher wohl anämische Fettsucht genannt. Dahin gehören 
Leute mit feiner, leicht abschilfernder schweißloser, fast seidiger Haut, die 
immer frieren, öfters auch an Kopfdruek und jener Obstipation leiden, gegen 
die kein Mittel zu helfen scheint. Nur Schilddrüsengaben fegen die Leiden 
weg. Sie hören bei diesen Menschen, daß sie sich immerfort „erkälten“, aber 
diese Neigung schwindet bei der Zufütterungstherapie. Auch ein krampfhaftes 
Niesen gehört nicht selten zu ihrer Symptomatologie. Besonders bei Frauen 
findet sich dieses Symptomenbild. Es sind die Frauen, die auffällig früh grau 
werden, manchmal schon als Zwanzigerinnen, und die häufig künstlerisch be¬ 
gabt sind. „Doch mehr als Rosenwangen, hat dein graues Haar mich gefangen“ 
singt Julius Wolff auf eine Schöne dieses Typs. 

Mir ist aufgefallen, daß bei ihnen die Klimax sehr kurz ist, und daß 
die Menopause fast plötzlich einsetzt. 

Das Gegenspiel zum Myxödem ist der Basedow. Sind die Myxödematösen 
dick, so sind die Basedowkranken mager, ist beim Myxödem der Puls ver¬ 
langsamt, so ist er beim Basedow beschleunigt, sind dort die Bewegungen 
schleppend, so sind sie hier unrastig gesteigert, dort funktionieren die Schwei߬ 
drüsen schlecht, hier treten Schweiße ein, der Obstipation dort stehen hier die 
Diarrhöen gegenüber. Schon aus dieser klinischen Gegensätzlichkeit kann man 
schließen, daß beim Basedow eine krankhafte Überproduktion von Schilddrüsen¬ 
säften besteht. Und in der Tat, wenn man operativ ein genügend großes 
Stück der Schilddrüse ausschaltet, so geht sein Symptoinenkomplex ganz oder 
zum größten Teil zurück. 

Auch beim Basedow zeigt sich die Beziehung der Schilddrüse zur Sexualität 
darin, daß er unzweifelhaft häufig mit einer Schwangerschaft seinen Anfang 
nimmt und daß er frühestens in der Pubertät entsteht. Und noch eines: es 
ist Ihnen wohlbekannt, wie innig das Auftreten von Angst mit Anomalien der 
Sexualfunktion verbunden ist Ich weise nur auf die Angstfolgen des fort¬ 
gesetzten Coitus interruptus hin. Der Basedowausdruck ist gleichsam ein 
„kristallisierter, festgefrorener Angstausdruck“. Und die Angst spielt in der 
Symptomatologie des Basedow eine nicht immer erkannte Rolle. Namentlich 
die formes frustes des Basedow, bieten nicht selten als hervorstechendes Zeicheu 
Angstanfälle und eine seltsame Unrast der Kranken, die als nervös bezeichnet 
werden, bis ein Kundiger in der Pulsbeschleunigung und vielleicht dem Graefe- 
schen Symptom den Basedow wittert. Eine bald sich einstellende Schilddrüsen¬ 
vergrößerung bestätigt dann die Diagnose, und die Operation befreit die Kranken 
von aller Pein. 

Auch diese Angstform bestätigt den Zusammenhang der Schilddrüse mit 
der Geschlechtstätigkeit. Umsomehr als man nach sexuellen Mißbräuchen eine 
akut gesteigerte Druckempfindlichkeit des linken Schilddrüsenlappens wahr- 
nimmt. 

Die Schilddrüse steht in inniger Wechselbeziehung mit dem Hirnanhang, 
der Hypophysis cerebri. Exstirpiert man die Schilddrüse beim Tier, so liyper- 
trophiert die Hypophyse. Und umgekehrt führt eine partielle Exstirpation des 
Hypophysen-Vorderlappens zur Schilddrüsen-Vergrößerung. Ohne Hypophyse 
kann man nicht leben, ihre Entfernung bringt den Tod. Während der 


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Innere Sekretion. 


133 


Schwangerschaft wächst sie mächtig. Die Absonderung aus ihrem Hinterlappen 
scheint die Geburtswehen auszulösen. Wenigstens kann man durch Einspritzung 
des Hinterlappenextraktes vorhandene Wehenschwäche schnell beheben. Wenn 
aber der Vorderlappen der Hypophyse durch Geschwulstbildung gereizt wird, 
dann wachsen plötzlich Hände und Füße, die Körperlänge nimmt zu, die Lippen 
schwellen, Nase und Kinn werden größer und die ganzen Gesichtszüge ver¬ 
gröbern sich. Die Menses schwinden früh und die Geschlechtslust erlischt 
Nach Entfernung der irritierenden Geschwulst gehen alle diese Erscheinungen 
wieder zurück. Charcots Schüler Pierre Marie hat die Erkrankung zuerst unter 
dem Namen der Akromegalie beschrieben. Sie ist im Grunde nur eine ins Phan¬ 
tastische Übertriebene Erscheinung, die wir normalerweise beim Pubertätswachs¬ 
tum der Flegeljahre wahrnehmen. Das ist die Zeit, wo die werdenden Jüng¬ 
linge nicht recht wissen, wohin sie mit den wachsenden Extremitäten sollen, 
wo die Züge im Antlitz sich formen, die Lippen sich runden, das Kinn 
energisch und die Nase charakteristisch wird. Man bemerkt: zur Entwicklung 
der Pubertät ist die gesteigerte Funktion des Hirnanhangs ebenso nötig, wie 
zur Entstehung eines neuen Wesens während der Schwangerschaft Wo aber 
eine Drüse durch starke Leistung beansprucht wird, da kann sie sich auch 
erschöpfen. Und so sieht man im Anschluß an die Schwangerschaft, aber auch 
nach übermäßigem Pubertätswachstum, solche Erschöpfungszustände auftreten. 
Die kranken Frauen fühlen sich matt, zu geistiger Konzentration unfähig, 
klagen über Hinterkopfschmerzen, Kreuzschmerzen, oft auch über Ischias, ihre 
Menstruation ist meist verlängert, jedenfalls verändert, und nicht selten finden 
sich auch gröbere Störungen der Geschlechtsorgane vor, meist Eierstockszystta. 
Und in diesen Symptomenkomplex der Hypophysis-Insuffizienz, den ich genauer 
habe studieren dürfen 4 ), spielen auch oft Schilddrüsensymptome hinein, die 
das Bild mannigfach abtönen. Eine mangelhafte Funktion der Hypophyse ist 
vielfach familiär und so kommt es, daß Großmutter, Mutter und Kind daran 
leiden können. Für Sie ist es interessant zu erfahren, daß Knaben von hypo¬ 
physis-armen Müttern an Enuresis leiden, deren Hartnäckigkeit die ärztliche 
Kunst oft zu schänden macht. Es sei denn, daß Hypophysis-Vorderlappen 
zugefüttert und dadurch das Leiden mit einem Schlage beseitigt wird. Gerade 
wegen der Hartnäckigkeit der Beschwerden ist es wichtig, das Bild dieser 
Hypophysis-Insuffizienz zu kennen und durch die Substitutionstherapie zu be¬ 
seitigen. Es wäre ein Irrtum zu glauben, daß die Insuffizienz nur bei Frauen 
vorkäme, obwohl sie bei ihnen besonders häufig ist. Auch Männer leiden an 
ihr, und mancher Fall von rätselhaften Kopfschmerzen, von Müdigkeit, die als 
Erschöpfungsneurose gedeutet wird, und von Ischias fällt ihr zur Iiast, weicht 
aber auch ihrer Macht. Ich möchte Ihnen das an einigen Erfahrungen aus 
meiner ärztlichen Tätigkeit nachweisen. 

Da kommt zu mir ein etwa 42jähriger hochgewachsener, sehr intelligenter 
Mann, der Leiter eines unserer größten industriellen Werke, und klagt mir, er 
sei „fertig“ und müsse seine Tätigkeit aufgebeu. Früher sei alles spielend 
gegangen, jetzt sei er so „überarbeitet“, daß er sich überhaupt nicht mehr 
genügend konzentrieren könne. Dabei leide er an häufigen, ganz wüsten Kopf¬ 
schmerzen, die immer die Folge einer Stuhlverstopfung seien. Auch friere er 

*) Vgl. „Ein neuer Symptomenkomplex der Hypophysis cerebri“. Klinische Studie 
von Wilhelm Fließ. Medizinische Klinik 9. September 1917. XIII. Jahrg. Nr. 36. 
Der Vorderlappen dor Hypophysis ist bisher als funktionslos betrachtet worden und in 
der Therapie wurde nur Hinterlappenoxtrakt verwendet. Die getrocknete Vorderlappen¬ 
substanz habe ich zum erstenmal für die angegebenen Heilzwecke benutzt. 


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'Wilhelm Fließ. 


beständig. Er müsse wohl sehr blutarm sein. Mit dieser Vermutung stimmt 
allerdings recht wenig ein rosiger, blühender Teint, dem eine feine weiße, auf¬ 
fallend schwach behaarte Haut unterlegt ist. Der myxödematöse Anteil in 
der Konstitution ist deutlich. Und so sage ich ihm, er sei schilddrüsenschwach. 
„Nim weiß ich auch,“ erwidert er, „warum alle meine vier Kinder einen Kropf 
haben. Was ich zu wenig besitze, haben sie zu viel. Da ist der Ausgleich.“ 
Die Anerkennung meiner Diagnose, die in diasem prompten Schluß lag, brachte 
uns nahe, und so ging er bereitwillig auf meinen Vorschlag einer Schilddrüsen¬ 
fütterung ein. Die aber vertrug er schlecht Die Kopfschmerzen vor allem 
steigerten sich dabei ganz außerordentlich. Infolgedessen wurde diese Therapie 
unterbrochen und erst der chronisch entzündete Appendix entfernt, auf den 
ich die Stuhlbeschwerden zurückführte. Mit gutem Erfolg. Aber es blieb 
doch ein gewisser Best der Stuhlbeschwerden zurück und außerdem jene 
Hiuterkopfschmerzen an der Ansatzstelle der Nackenstrecker, die für die Hypo¬ 
physis-Insuffizienz so charakteristisch sind. Nun wurden Hypophysis-Tabletten 
zugeführt und dabei schwanden die Kopfschmerzen völlig. Es trat Arbeits¬ 
frische ein, die Konzentration war vorzüglich, die alte Elastizität des Geistes 
kam wieder. Das ständige Frieren und der Rest der Obstipation aber wich 
•rat, als geringe Schilddrüsengaben noch hinzukamen, die nun glänzend ver¬ 
tragen wurden. 

In einem anderen Fall handelte es sich um .einen etwa 65 jährigen Herrn, 
der wegen eines jahrelangen wässerigen Schnupfens sich von den verschie¬ 
densten Fachärzten vergeblich hatte behandeln lassen und der nun mit einem 
Mule an akuter Ischias erkrankt war, die ihn natürlich ganz ans Bett fesselte. 
Alle Mittel waren vergeblich. Die grausamen Anfälle wollten nicht weichen. 
Der Patient war klein von Statur und ursprünglich etwas beleibt. Ich kannte 
aber seinen einzigen Bnider, einen sehr begabten Musiker von deutlich akrome- 
galischem Typ. Und das brachte mich auf die Vermutung, mein Patient könnte 
das Hypophysis - Plus des Bruders mit einem Minus von seiuer Seite ausge¬ 
glichen haben. Ich gab ihm also 6 Hypophysis-Tabletten p. die; schon nach 
wenigen Tagen trat eine entschiedene Wendung ein, und in 2—3 Wochen war 
die Heilung da. Der Schnupfen aber verschwand gleichzeitig mit der Ischias, 
hatte also auch an der Hypophysis-Vorderlappen-Insuffizienz gelegen. 

Endlich behandelte ich einen zwanzigjährigen sehr hochgewachsenen Mann, 
der im Heere Dolmetscherdienst getan hatte, aber wegen eingetreteuer großer 
Hinfälligkeit und Schwäche zunächst einen längeren Erholungsurlaub nehmen 
mußte. Daneben bestanden Beinschmerzen (hauptsächlich im Ischiadicusgebiet), 
die ihn im Stehen, Sitzen und Liegen quälten. Mir fielen die blühenden Lippen 
des jungen Mannes auf, die im Verein mit der schmalen, schlanken Gestalt, 
den langen Armen und Beinen deutlich auf ein gesteigertes Pubertätswachstum 
hinwiesen, und ich faßte die Krankheit als eine Hypophysen-Vorderlappcn-Er- 
schöpfung auf. Die Therapie hat mir Recht gegeben. Denn im Verlauf von 
14 Tagen schmolzen die Beschwerden. Die Beinschmerzen waren fort und statt 
der Hinfälligkeit trat Wohlbefinden ein. 

Es hat sich in allen diesen Fällen um abortive Formen, formes frustes 
gehandelt, in denen nicht der ganze Symptomenkomplex entwickelt war. Am 
meisten waren die Zeichen noch im ersten Fall ausgeprägt. Allerdings ver¬ 
mischt mit Schilddrüsensymptomen. 

Im zweiten Fall mußte die Gestalt des Bruders zu Hilfe genommen 
werden, um die Diagnose zu ermöglichen. Die Familien Substanz ist 
ein Ganzes, und was der eine zuviel hat, fehlt dem anderen. 


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. 135 


Über traumatische Impotenz. 


Aber ein Bemerkenswertes ist noch zu erwähnen: es waren diese drei 
zwar Männer, aber sämtlich Männer, die einen stärkeren weiblichen Einschlag 
besaßen als der Durchschnitt. Denn alle drei sind Künstler und verraten auch 
in ihrem Habitus die stärkste Feraininität. Der hochbefähigte Großindustrielle 
hat feinsinnige Bücher über Malerei geschrieben, der zweite Patient mit der 
Ischias ist ein sehr bekannter Schriftsteller und auch selbst musikalisch begabt, 
der Dritte, Dolmetscher, studiert Musik und will die Kapellmeisterlaufbahn be¬ 
treten. Ich sage das, weil die Hypophysen-Vorderlappen-Insuffizienz wesentlich 
ein Frauenleiden ist und sonst noch besonders bei solchen Männern vorkommt, 
die stärkere weibliche Betonung auf weisen. 

Es ist ein schöner Beweis für die Doppelgeschlechtigkeit, daß wieder 
beide Geschlechter betroffen werden, wenn auch in verschiedenem Ausmaß. 
Wie es denn überhaupt keine Erkrankung gibt, die ausschließlich einem Ge¬ 
schlecht eignet. Ist doch Friedr. Hebbel an Osteomalacie erkrankt und ge¬ 
storben, die sonst fast nur Weiber befällt und durch Kastration geheilt wird. 

Gerade unserem Kreis wird es noch wichtig sein zu hören, daß noch eine 
andere innersekretorische Drüse mit den Geschlechtsorganen zusammenhängt: 
die Zirbeldrüse, die der Decke des Mittelhirns aufliegt. Auch sie ist für die 
sexuelle Reifung unentbehrlich und Geschwülste der Zirbeldrüse bringen schon 
bei kleinen Kindern eine vorzeitige Entwicklung der Geschlechtsorgane hervor. 
So sah man bei einem 4^jährigen Knaben einen Penis von 6cm Länge und 
Samenerektionen. Häufig geht damit auch eine geistige Frühreife Hand in 
Hand, und ich habe Grund zu glauben, daß Wunderkinder ihre vorzeitigen 
Eahigkeiten einer Reizwirkung von der Zirbeldrüse her verdanken. 

Über die übrigen innersekretorischen Drüsen habe ich nur geringe Er¬ 
fahrung und ich will daher nicht über sie sprechen, so wichtig sie auch sind. 

Meine Mitteilungen aber kann ich nicht schließen, ohne darauf hinzu¬ 
weisen, daß wir auf die großen Tatsachen der Biologie immer wieder stoßen, 
wo wir uns auch mit lebendigen Vorgängen beschäftigen. Die euphorischen 
Zeiten vor den periodischen Veränderungen, die Doppelgeschlechtigkeit aller 
Lebewesen, die Zusammengehörigkeit der Familiensubstanz und die Abstufung 
aller Krankheitsbilder bis in die normale Organkonstitution hinein kamen auch 
heute in unseren Sehkreis, wo wir nur über Altes und Neues aus der Lehre 
von der inneren Sekretion uns unterhalten wollten. 


t Über traumatische Impotenz 1 ). 

Von Dr. Iwan Bloch 
in Berlin. 

Verehrte Anwesende! Es ist heute schon erkennbar, daß die alte Einteilung 
der Impotenz in die beiden großen klinischen Formen der sogannten ^orga¬ 
nische n u und der sogenannten „nervösen u oder „psychischen u Im¬ 
potenz nicht mehr haltbar ist und daß der derzeitige Stand der Forschung, 
insbesondere der gerade auf diesem Gebiete umwälzenden und ganz neue An¬ 
sichten und Einblicke eröffnenden Lehre von der inneren Sekretion, uns einer¬ 
seits zu einer großen Erweiterung das Begriffes der organischen Impotenz 
zwingt, und andererseits dem tieferen Verständnis der „nervösen a oder „psychi- 

l ) Vortrag in der Ärztl. Gesellschaft f. Sexualwissensch. in Berliu am 17. Mai 1918. 


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136 


Iwan Bloch. 


schen u Impotenz neue Wege eröffnet, eine viel größere ätiologische und klinische 
Mannigfaltigkeit der hierher gehörigen Gruppen kennen lehrt, als man bisher 
annahm. Wir stehen hier allerdings noch in den ersten Anfängen der Forschung. 
Der sorgfältigen klinischen Einzelbeobachtung harrt die dankbare Aufgabe, in 
steter Verbindung mit der auf diesem Gebiete neuerdings so erfolgreichen Ex¬ 
perimentalforschung allmählich den Schleier zu lüften, der bisher das eigentliche 
Wesen der Impotenz verhüllte. 

Inzwischen kann eine kritische Durcharbeitung der einzelnen Formen der 
Impotenz auf Grund der uns bis jetzt zur Verfügung stehenden Erfahrungen 
klinischer und experimenteller Natur die erste feste Grundlage für den später 
zu errichtenden umfassenden Neubau liefern, für den augenblicklich unsere 
Kenntnisse noch in keiner Weise ausreichen. 

Nur in diesem, vorläufigen, Sinne bitte ich Sie die folgenden Darlegungen 
aufzufassen, die das zeitgemäße Thema der traumatischen Impotenz 
behandeln, das durch den nun im vierten Jahre wütenden Weltkrieg in den 
Vordergrund des Interesses gerückt ist, ebenso wie die jetzt wieder so 
brennend gewordene Frage der „traumatischen Neurose 41 überhaupt. 

Eine besondere Erörterung der traumatischen Impotenz rechtfertigt sich 
aber um so mehr, als gerade sie von den Neurologen und in den Werken 
über traumatische Neurose ziemlich stiefmütterlich behandelt worden ist, und 
als sie mir in der Tat vielfach auch unabhängig von den traumatischen Neu¬ 
rosen eine Krankheit sui generis zu sein scheint, die eine Betrachtung für 
sich allein erheischt 

Zwar unterliegt es keinem Zweifel, daß die Impotenz häufig nur eine 
Begleiterscheinung einer allgemeineren traumatischen Neurose darstellt. Paul 
Schuster sagt darüber in seiner 1914 in Lewandowskys „Handbuch 
der Neurologie“ erschienenen Arbeit „Trauma und Nervenkrankheiten”: „Objektiv 
nicht kontrollierbar sind die keineswegs seltenen Klagen der Unfall¬ 
neurotiker über mangelnde Libido und über Fehlen oder Seltenheit und Schwäche 
der Erektionen. Die Klagen werden aber so konstant vorgebracht und werden 
in gleicher Weise wie von den Traumatikem auch von uninteressierten Neuro¬ 
tikern geäußert, daß an dem Vorkommen der genannten Störungen der Sexual¬ 
reflexe nicht gezweifelt werden kann. Die Ejakulation ist anscheinend stets in 
Ordnung“ x ). 

Auf der anderen Seite aber imponiert in vielen Fällen die traumatische 
Impotenz als ein völlig selbständiges Krankheitsbild, in dem Erscheinungen 
einer allgemeinen traumatischen Neurose entweder gänzlich fehlen oder nur 
vorübergehend auftreten. 

Beide Formen der traumatischen Impotenz sind nun während des Krieges 
in entschieden gehäufter Weise aufgetreten, und zwar nach meinen und 
anderer Kollegen Erfahrungen bei Offizieren und Mannschaften in gleicher¬ 
weise. Die auf Veranlassung von Friedei Pick von Stransky 2 ) auf der 
deutschen inneren Abteilung des Roten Kreuzspitales Ferdinandkaseme in Prag 
vorgenommenen Statistik, wonach unter 100 untersuchten Fällen von 25 Offi¬ 
zieren zehn und von 75 Angehörigen des Mannschaftsstandes nur drei über 
hochgradige Störungen der Sexualfunktion klagten, und die hieraus gezogene 


J ) Paul Schuster, Trauma und Nervenkrankheiten, in M. Lewandowskys 
Handbuch der Neurologie, Berlin 1914, Bd. V, S. 1184. — Vgl. auch J, Hoffmann, 
Erfahrungen über die traumatische Neurose. B. kl. W. 1890, Nr. 29 (Fall III). 

*) Fried ej Pick, Über Sexualstörungen im Kriege. W. kl. W, 1917. Nr. 45. S, 1418, 


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Über traumatische Impotenz. 137 


Schlußfolgerung auf ein zehnfach stärkeres Befallensein der sozial höher Stehen¬ 
den kann ich auf Grund’ meiner in den letzten drei Jahren innerhalb und 
außerhalb des Lazaretts gemachten Beobachtungen an etwa 70—80 Fällen von 
durch den Krieg bedingten Sexualstörungen und von traumatischer Impotenz 
nicht anerkennen, insofern bei mir sogar die Zahlen für die Mannschaften 
prozentualiter überwiegen. Auch andere im Lazarettdienst oder an der Front 
stehende Kollegen haben mir bestätigt, daß sie bei Mannschaften mindestens 
die gleiche Häufigkeit der traumatischen Impotenz beobachtet haben wie bei 
den Offizieren. In einem mir soeben zugehenden Referat der Arbeit von Pick 
kommt St ekel zu derselben Ablehnung der erwähnten Statistik auf Grund 
seiner in einem Wiener Lazarett gesammelten Erfahrungen. 

Überhaupt erscheint es nicht angängig, die traumatische Kriegsimpotenz 
gesondert von der traumatischen Friedensimpoteiz zu betrachten, da der einzige 
Unterschied der größeren Massenhaftigkeit und Häufigkeit der die erstere be¬ 
dingenden Ursachen gegenüber den beiden gemeinsamen Momenten nicht in 
Betracht kommt. Die folgenden Ausführungen gelten deshalb der traumatischen 
Impotenz im allgemeinen und als einem Ganzen. 

Wir unterscheiden die durch psychische und durch körperliche 
Traumen verursachte Impotenz, ohne dabei natürlich die stets mit letzteren 
einhergehenden seelischen Erschütterungen zu vergessen. 

1. Psychische Traumen. — Diese teilen sich wieder ganz natürlich 
in unbewußte und bewußte seelische Traumen. 

Als Beispiele eines unbewußten psychischen Trauma und dadurch bewirkter 
Impotenz erwähne ich den tiefen seelischen Eindruck des Zusammen¬ 
treffens grausamer Szenen, z. B. der Abschlachtung eines Huhns, des Ge¬ 
prügeltwerden eines anderen Kindes, mit der ersten infantilen Sexual¬ 
erregung, und den daraus auf dem Wege frühzeitig abnorm fixierter Rinden¬ 
assoziationen entspringenden Sadismus und Masochismus, wodurch spätere Im¬ 
potenz im normalen Verkehr bedingt sein kann. Inwieweit man ferner das 
von Freud dnd seiner Schule herangezogene Inzestmotiv als psychisches 
Trauma und als angeblich häufige Ursache späterer Impotenz gelten lassen 
will, lasse ich dahingestellt und hoffe, daß in der Diskussion noch Näheres 
über die eventuelle Aufdeckung unbewußter psychischer Traumen durch die 
Psychoanalyse gesagt werden wird. 

Scheinbar im helleren Tageslichte, bisher aber nicht weniger dunkel in 
ihrem Wesen, tritt uns die Impotenz als Folge bewußter psychischer 
Traumen entgegen. Daß an sich Gemütsdepressionen die Potenz vermindern 
und bei besonderer Stärke ganz aufheben, ist eine alte ärztliche Erfahrung, 
der auch Sachs und Freund in ihrem Werk über die Erkrankungen des 
Nervensystems nach Unfällen Ausdruck geben, wenn sie sagen, daß Verminde¬ 
rung der Potenz bei allen nervösen Erkrankungen mit großen Gemütsdepressionen 
gewöhnlich sei l ). So ist großer und andauernder Ärger imstande, die Potenz 
gänzlich und für lange Zeit aufzuheben. Einen interessanten Fall dieser Art 
berichtet William J. Robinson 2 ). Je plötzlicher, akuter und intensiver 
aber die seelische Erschütterung ist, um so plötzlicher und nachhaltiger pflegt 
auch die Impotenz zu sein, der man in diesem Falle die allgemeine Bezeich- 


l ) H. Sachs und C. S. Freund, Die Erkrankungen des Nervensystems nach Un¬ 
fällen, Berlin 1899, S. 254—255. 

a ) William J. Robinson, Sexual Impotence, New York 1913, S. 151. — Der 
englische Arzt Dawson glaubt nach seinen Beobachtungenjjbehaupten zu können, daß 
Männer in dem Jahre, in welchem sie bankerott geworden sind, selten Vater werden. 


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138 Iwan Bloch. 


innig „Schreckimpotenz“ nicht mit Unrecht gegeben hat. Im Volke all¬ 
gemein bekannt, spielt sie bereits im antiken und mittelalterlichen Hexenglauben 
eine bedeutende Rolle, indem man den Hexen die Gabe des Impotentrnachens 
der Männer durch Schreck zuschrieb. Jedenfalls ist die Schreckimpotenz ein 
relativ häufiges Vorkommnis, das wohl schon von allen Spezialisten auf diesem 
Gebiet beobachtet worden ist. Es seien nur einige besonders illustrative Bei¬ 
spiele angeführt. Zunächst der berühmte Fall von John Hunter, in dem 
ein gewissenhafter und frommer Mann, eben im Begriff, mit einer Frau zu 
verkehren, bei der ihn erschreckenden Entdeckung, daß sie noch virgo intacta, 
sofort seine Potenz verlor 1 ). Ferner ein von Fürbringer 2 ) berichteter Fall, 
in dem ein Gutsbesitzer seine Potenz verlor, als sich neben ihm sein Bruder 
auf der Jagd erschoß. Ich selbst sah plötzliche Impotenz bei einem jungen 
Manne infolge des unerwartet durch Herzschlag erfolgten Todes seiner Mutter, 
nota bene bei einem Manne, der vorher regelmäßigen und normalen Geschlechts¬ 
verkehr und Liebesverhältnisse mit Frauen gehabt hatte und in keiner Weise 
ausschließlich an seine Mutter fixiert war. — Robinson erzählt, daß ein 
Mann beinahe ein Jahr seine Potenz gänzlich verlor, nachdem er von dem be¬ 
trogenen Gatten und mehreren Detektivs beim Ehebruch in flagranti ertappt 
worden war 3 ). Einen ähnlichen Fall teilen Onimus und Legros mit 4 ). 
Der Krieg mit seiner Häufung von Schrecken aller Art hat auch die Zahl der 
an Schreckimpotenz Leidenden bedeutend gesteigert. Heben doch auch Feh¬ 
lin g e r 5 ) und Pick 6 ) hervor, daß der Krieg als Ganzes beim Front¬ 
soldaten abschwächend auf den Geschlechtstrieb wirkt, daß die Libido an der 
Front bald gänzlich erlischt. Wenn dann die Schrecken des Angriffs, der 
ständigen Todesgefahr, der Anblick der Sdiwerverwundeten, Sterbenden und 
Gefallenen hinzukommen, so hört in vielen Fällen auch ohne körperliche 
Traumen die Potentia coeundi bald ganz auf. Nach solchen Schlachten in die 
Etappe oder die Heimat zurückgekehrte Soldaten machten, wie sie mir wiederholt 
berichtet haben, die deprimierende Entdeckung, daß ihre Potenz bei der Ehe¬ 
frau oder auch bei anderen Frauen vollständig versagte, ohne daß irgend ein 
anderer Grund als der angegebene vorlag. 

Am Schluß dieser kurzen Skizze der durch psychische Traumen bedingten 
Impotenz erhebt sich die Frage: Welches ist das Wesen, die Genese dieser 
Form von Impotenz? Ist sie wirklich rein psychisch? Ich glaube, mau muß 
bei Vorkommnissen wie der Schreckimpotenz unbedingt auch innersekre¬ 
torische Störungen als Ursachen einer länger dauernden Im potentia coeundi 
und erloschener Libido annehmen. Hierfür spricht überzeugend ein sehr 
interessanter, von dem holländischen Kliniker Pel 7 ) beobachteter Fall von 
Amenorrhoe und Akromegalie infolge von Schreck bei einem 
25jährigen erblich nicht belasteten Mädchen. Ähnlich erkläre ich mir auch 
einen Teil der jetzt so häufigen Kriegsamenorrhöen als Folgen solcher psychi¬ 
schen Traumen. Und das gleiche dürfte für die Entstehung der psychischen 

M A. Meyer, Uber das r männliche Unvermögen, Posen und Leipzig 1810, S. 28. 

2 ) P. Fürbringer, Die’Störungen der Geschleehtsfunktionen des Mannes, 2. Auf]. 
Wien 1901, S. 127. 

8 ) Robinson, a. a. 0., S. 152. 

4 ) Ch. Feie, La pathologie des emotions, Paris 1802, S. 202. 

5 ) Fehlin gor, Krieg und Geschlechtsleben, Z. f. Sexualw. 1910, Bd. III, II. 3, 
8. 126. 

6 ) Pick, a. a. O., S. 1110. 

7 ) P. Pel, Ein Fall von Akromegalie infolge von Schreck, B. kl. W. 1891, S. 503. 


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Über traumatische Impotenz. 139 


traumatischen Impotenz zutreffen. Hat man doch z. B. nach starken psychi¬ 
schen Erregungen einwandfrei eine starke Vermehrung des Nebennierensekrets, 
des Adrenalins, im Blute nachgewiesen. So deutet alles darauf hin, daß auch 
das Wesen der Impotenz nach psychischem Trauma in einer uns allerdings 
noch unbekannten Störung im endokrinen System zu suchen ist. 

2. Körperliche Traumen. — Die traumatische Impotenz infolge von 
körperlichen Läsionen erfordert eine ganz verschiedene Beurteilung, je nachdem 
das Trauma die Sexualorgane und ihre Umgebung sowie andere Körperteile oder 
endlich Gehirn und Rückenmark betrifft. Ich möchte heute die verschiedenen 
Formen der Impotentia eoeundi und generandi, die als Folgen von Zerstörungen 
der Hoden oder des Gliedes oder als Folgen von Querschnittstrennungen des 
Rückenmarks bzw. Verletzungen des Gehirns auf treten, außer Betracht lassen. 
Daß Zerstörung beider oder eines Hodens, oder des Penis, daß Schußver¬ 
letzungen des Hirns und Rückenmarks, die die Genitalzentren schädigen, die 
verschiedenen Formen von Impotenz herbeiführen, leuchtet ohne weiteres ein. 
Allerdings bedarf die reiche Kasuistik auf diesem Gebiete noch einer kritischen 
Durchforschung und zusammenfassenden Darstellung, die ich gelegentlich zu 
geben hoffe. 

An dieser Stelle und im Rahmen eines ja immer nur auf kurze Skizzie- 
rung zugeschnittenen Vortrages möchte ich nur auf die beiden häufigsten 
Formen traumatischer Impotenz eingehen, die auch gerade während des Krieges 
am meisten beobachtet worden sind: das sind die traumatische Impotenz 
infolge von Schmerzlähmung und diejenige infolge von Erschütterung 
des Gehirns und des Rückenmarks. 

Der experimentellen Erfahrung, daß Kälte- oder Schmerzempfindungen, die 
die Genitalien oder andere Hautstellen treffen, reflektorisch eine Erektion zum 
Schwinden bringen können, entspricht die klinische Beobachtung, daß schmerz¬ 
hafte Traumen und Affektionen der Genitalien ihrer Umgebung oder auch 
anderer Körperteile eine Impotenz durch sogen. „Schmerzlähmung“ zur Folge 
haben. Der Ausdruck „Impotenz durch Schmerzlähmung“ ist von Theodor 
Kocher geprägt worden. Auch Läsionen der Genitalien, die ihrer gering¬ 
fügigen Natur nach Impotenz nicht hervorzurufen brauchten, können diesen 
Zustand herbeiführen. 

Einen sehr lehrreichen Fall dieser Art, der mir von Herrn Kollegen Arthur 
Frankel. Reichen bergerstraße, überwiesen wurde, beobachtete ich vor einigen Jahren. 
Es handelte sich um einen 29jährigen Händler, der im Lokal eines Gastwirts beim Gang 
zum Telephon von dessen Hund angefallen und heftig in den Penis gebissen wurde, so 
daß er einen kolossalen Schmerz hatte und einen starken Nervenschock erlitt. Es fand 
sich bei der Untersuchung eine tiefe Bißwunde auf der oberen und unteren Seite der 
Eichel, die nach 4 wöchentlicher Behandlung mit essigsaurer Tonerde und Salben verbänden 
unter Hinterlassung einer Narbe heilte. Während dieser Zeit klagte Patient über perio¬ 
dische Schmerzanfälle in der Eichel, die mehrmals am Tage auftraten, auch über 
Schmerzen im Penis bei Bewegungen und beim Bücken. Vor allem aber klagte er über 
den vollständigen Verlust seiner Potenz, d. h. der Potentia eoeundi. Seit dem Hundebisse 
hatte er keinerlei sexuelle Erregungen mehr, keine Erektion des Gliedes, weder die spon¬ 
tanen Morgenerektionen, die vor dem Biß regelmäßig aufgetreten waren, noch die Erektion 
beim Coitus, den er seitdem dreimal vergeblich versucht hat. Er erklärte, daß das Glied 
jetzt wie tot sei, während er früher vollkommen beischlafsfähig gewesen sei. Er hatte 
mit 24 Jahren geheiratet und den Beischlaf mehrere Male in der Woche regelmäßig 
ausgeübt. Irgend ein sonstiger krankhafter organischer Befund war bei dem Patienten 
nicht zu erheben; es bestand nur eine ziemlich ausgesprochene Neurasthenie. Übrigens 
schwand nach etwa dreimonatlichem Bestehen diese Impotenz vollständig. 

Zu einer ähnlichen Schmerzlähmungsimpotenz führen auch Verletzungen 
der Hoden, die bekanntlich stets große Schmerzen verursachen. Eine wohl 


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140 


Iwan Bloch. 


den meisten Ärzten öfter vorkommende hierhergehörige Impotenzform ist die 
bei Varicocele, wo die oft heftigen ziehenden Schmerzen in der Leisten¬ 
gegend und im Samenstrang als Ursache der allerdings oft temporären Impotenz 
anzusprechen sind. 

Über die Impotenz, die durch Schmerzen von außerhalb der Genitalien 
gelegenen Organen und Teilen verursacht wird, hat der Londoner Spezialist 
J. L. M i 11 o n*) besonders reiche Erfahrungen gesammelt. Er sah Impotenz bei 
Neuralgien des Trigeminus, nach Gichtanfällen, nach schwereren Fußquetschungen, 
nach Verletzungen des Armes und Rumpfes. In allen diesen Fällen war die 
Impotenz von längerer Dauer, sie stellte sich entweder sofort nach der Ver¬ 
letzung ein oder auch Monate nachher, wie bei einem 29 jährigen Manne, bei 
dem 6 Monate nach einer schweren Fußquetschung vollständige Impotenz ein¬ 
trat Ein anderer Mann verlor Libido und Erektionsfähigkeit unmittelbar nach 
schmerzhafter Verstauchung eines Knöchels bei einem Fahrradunfall, und diese 
Impotenz hielt mehr als l J / 2 Jahre an. 

Der Krieg hat uns eine große Zahl solcher Impotenzfälle durch Schmerz¬ 
lähmung gebracht, die alle im Zusammenhänge mit schmerzhaften Schußver¬ 
letzungen an den verschiedensten Körperteilen auftreten. Glücklicherweise ist 
die Prognose eine günstige, da hier der Sprach cessante causa cessat effectus in 
vollem Maße gilt und die Potenz gewöhnlich mit der Heilung der Verletzungen 
und dem Abklingen der Schmerzen wiederzukehren pflegt. 

Der Krieg hat ferner wieder die Aufmerksamkeit auf eine zweite Kategorie 
körperlicher traumatischer Impotenz gelenkt, die ebenfalls ein großes theore¬ 
tisches Interesse darbietet: das ist die Impotenz infolge von Erschütterung 
des Gehirns und Rückenmarks bei Verschüttungen, Granatexplosionen, 
Streifschüssen und Stößen gegen Kopf und Rücken usw. Diese Beobachtungen 
bilden eine vollständige Parallele zu den zahlreichen Friedenserfahrangen über 
Impotenz infolge von Fall auf den Hinterkopf, Schlag auf den Nacken und 
Rücken, infolge übermäßigen Reitens, Rad- und Automobilfahrens. In allen 
diesen Fällen handelt es sich um eine gemeinsame Grundlage: nämlich um eine 
commotio cerebri et medullae spinalis. 

Als eine der auffallendsten Ursachen der Hodenatrophie bezeichnet Eng¬ 
lisch 2 ) die Traumen des Schädels und der Wirbelsäule. So wurde Atrophie 
beobachtet nach Verletzungen am Hinterhaupte von Lallemand, Hildanus, 
Fischer, Smith, Gail, Gurling, Larrey, auch nach Stoß, Schlag, Fall 
und Schußwunden. Auffallend war dabei die rasche Abnahme der 
Geschlechtsfunktion, deren Wiederherstellung nur in den seltensten Fällen 
erfolgte. Auf bloße Gehirnerschütterung beziehe ich auch einen von mir beob¬ 
achteten Fall eines 28 jährigen Soldaten, der am 10. November 1914 bei Lange- 
raark einen Steckschuß unterhalb der rechten Schläfe mit konsekutiver rechts¬ 
seitiger Facialislähmung und Verlust des Gehörs an dieser Seite bekam. Die 
Kugel wurde 10 Tage später extrahiert. Nach und nach fiel es ihm auf, daß 
er keine geschlechtlichen Regungen mehr hatte, daß die Erektionen seltener 
wurden und Pollutionen nur noch selten auftraten. Er konnte wegen Erektions- 
mangel den Geschlechtsakt nicht bis zu Ende durchführen. Es kam auch nicht, 
zum Samenerguß. Nach und nach stellte sich aber Libido und Potenz wieder 
ein, im Frühjahr 1916 war diese vollständig zurückgekehrt. 

') J. L. Mil ton, On the pathology and treatment. of Spermatorrkoea. liOndon 1887. 
p. 82—83. 

*) Englisch, Artikel „Hoden lk in Eulenburgs Keal-Enzyklopädie. 3. Auf!» 
Wien u. Leipzig 1896, Bd. X, S. 555. 


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141 


Hie Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 


Daß auch die von Herodot und Hippokrates geschilderte rätselhafte 
„Skythenkrankheit“, rovOoc. in ihrem Wesen nichts anderes war als 

eine solche traumatische Impotenz durch Gehirnerschütterung, habe ich bereits 
1911 ausführlich naehgewiesen 1 ). 

Die Rolle des Kleinhirns in der Ätiologie dieser Fälle von traumatischer Im¬ 
potenz, die nach den neueren experiraentalphysiologisclien Untersuchungen mit 
liecht von Fürbringer sehr skeptisch beurteilt wird, wird nach dem neuesten 
Stande der Forschung vom Großhirn übernommen. Ich verweise vor allem auf die 
epochemachenden Arbeiten von CarloCeni, der auch im ersten Jahrgang unserer 
„Z. f. S.“ eine lichtvolle Abhandlung darüber unter dem Titel: „Die höheren 
Genitalzentren bei Gehirnerschütterung' 4 veröffentlicht hat. Er fand in der ganzen 
Hirnrinde verbreitete höhere Genitalzentren, die eine besondere Einwirkung auf 
die Funktion und auf das trophische Verhalten der Geschlechtsorgane, besonders 
auf Spermatogenese und Eientwicklung haben. Er ermittelte, daß eine bloße 
Geliirnerschü11erung ohne Verletzung der Gehirnsubstanz genügte, um 
bei den Versuchstieren Verlust der Libido, der sekundären Sexualcharaktere 
und Atrophie der Hoden hervorzurufen. Es handelt sieh in den Hoden um 
eine akute Atrophie des spezifischen Parenchyms. 

Von großer Bedeutung auch für das Verständnis der traumatischen Im¬ 
potenz nach Hirnerschütterung auch beim Menschen ist das Schlußergebnis 
Cenis, daß nämlich die Empfindlichkeit der Genitalzentren des Gehirns gegen 
eine rein dynamische Einwirkung viel stärker ist als die der motorischen 
und der Sinneszentren, woraus sich erklärt, warum die Impotenz nach einem 
solchen Trauma viel länger bestehen bleibt als die allgemeinen Erscheinungen 
der traumatischen Neurose. 

Wie Sie aber aus dieseu nur skizzenhaften Mitteilungen ersehen, wird die 
Klinik nur im engsten Bündnis mit der Experimentalforachung hier theoretisches 
Verständnis und praktische Handhaben gewinnen können. 


Die Bibliographie der sexueUen Zwischenstufen 

(mit besonderer Berücksichtigung der Homosexualität) aus den Jahren 1913 
bis in das Jahr 1917 (mit Ausschluß der Belletristik). 

Referierend und kritisch dargestellt von Numa Praetorius. 

(Fortsetzung.) 

Goldschmidt, Richard (Kaiser-Wilhelm-Institut für Biologie, Berlin):. „Die 
biologischen Grundlagen der konträren Sexnalempflndung und des llernmphrodltis- 
mus beim Menschen 44 ; in dem Archiv fürRassen-undGese 11 Schaftsbiologie 
von Ploetz, vom 7. November 1916, Bd. 12, 1916/17, Heft 1. 

Die heute bei vielen Autoren, u. a. Hirschfeld, herrschende Auffassung der kon¬ 
trären Sexualempfindung als einer angeborenen Abnormität, ähnlich der Farbenblindheit, 
könne eine sichere Basis nur bekommen, wenn sich auf experimentellem Weg im Tier¬ 
reich die Erbkonstitution des Geschlechts feststellen und eine künstliche Veränderung 
erzielen lasse. Eist dann könnten auch begründete Analogieschlüsse hinsichtlich der 
menschlichen „sexuellen Zwischenstufen“ (eine durchaus zutreffeude Bezeichnung) ge¬ 
zogen werden. Dieser Zeitpunkt des experimentellen Beweises sei jetzt gekommen. 

Jede Behandlung des Geschlechtsproblemes habe von zwei fundamentalen Tatsachen¬ 
komplexen auszugehen, der Mendelschen Vererbung und den Beobachtungen über die 
Geschlechtschromosomen. Ihre Quintessenz sei, daß stets das eine Geschlecht in bezug 


*) Iwan Bloch, Der Ursprung der Syphilis. Zweite Abteilung. Jona 1911. 
S. 601-606. 


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Numa Praetorius. 



auf die Geschlechtsfaktoren ein Bastard sei, das andere nicht, so daß die Fortpflanzung 
in bezug auf die Geschlechtsfaktoren eine Rückkreuzung darstelle, bei der immer wieder 
beider Eltereharaktere zu gleicher Zeit produziert würden. 

In bezug auf die Geschlechtschromosoinen, die die Träger jener Faktoren seieu, 
bedeute es, daß das Bastardgeschlecht nur eines von ihnen besitze, das andere Geschlecht 
dann zwei, letzteres bilde somit bei der Reifeteilung Geschlechtszellen gleicher Art, jenes 
aber solche zweierlei Art, nämlich solche mit und solche ohne Geschlechtschromosomen. 
Letztere lieferten bei der Befruchtung nur das Bastardgeschlecht, erstere das andere 
Geschlecht (sog. heterozygote und homozygote Geschlecht). Bei vielen Insekten und Säuge¬ 
tieren, mkl. dem Menschen, sei das männliche Geschlecht das Bastard-: das heterozygote 
Geschlecht, bei Schmetterlingen und Vögeln aber sei es dies das weibliche. Die nächste 
Konsequenz scheine zu sein, daß das homozygote Geschlecht nur die Charaktere des 
eigenen, das heterozygote aber die beider Geschlechter enthalte. Die neuesten Versuche 
bewiesen aber, daß dies nicht richtig sei, vielmehr jedes Geschlecht die gesamten Eigen¬ 
schaften des anderen mitenthielten und daß ein besonderes quanitatives System bestimme, 
welches latent und welches potent werde. 

Männliche und weibliche Individuen enthielten die Erbfaktoren für beide Geschlechter. 


Folgende Formel der Geschlechter lasse sich aufstellen (wobei F weiblich, M männlich, 
m das Fehlen des Merkmals bedeute) F . FMm = ^ FFM . M = 

Das Weibchen (bei den Schmetterlingen heterozygot) enthalte in dem Faktor Jd ein 
Geschlechtschromosomen, das Männchen deren zwei. Zwischen den weiblichen und den 
männlichen Faktoren müsse ein derartiges Verhältnis bestehen, daß die zwei Faktoren M 
des Männchens die weiblichen Gruppen iiberträfen, dagegen das eine M des Weibchens 
von jener Gruppe unterdrückt werde. 

Schreibe man nun jenen Faktoren eine bestimmte Wirkungskraft in gedachten Ein¬ 
heiten zu, so könne man sagen, daß der weiblichen Gruppe FF die Kraft odor Potenz 
100 zukomme und jedem Faktor M die Potenz 60. Dann ständen in der weiblichen 

Formel 100 Einheiten für FF gegen 60^Mm und ein ? resultiere; in der männlichen 


Gruppe stände der Wert 100 für FF gegen 120 für MM und ein ^ erscheine. 

Bei einer Rasse mit doppelt großem Wert, nämlich 100 bzw. 120, würde sachlich 
nichts geändert; wenn man aber die beiden Rassen bastardiere, müsse es möglich sein, 
Kombinationen zu erzielen, bei denen etwa in der weiblichen Konstitution der Faktor M 
überwiege oder in der männlichen der Faktor F. Es könnten dann Individuen entstehen, 
bei denen die weiblichen Faktoren um 20, das andere Mal um 80 Einheiten stärker seien. 
Das könne ein Doppeltes bedeuten: Entweder sei der Faktoren komplex, dessen Kraft 
überwiege, für das entscheidende Geschlecht maßgebend. Dann würde eine Einheit 
mehr zugunsten von M ein Männchen erzeugen, gleichgültig, ob die Formel (also der 
Chromosomenbestand) eine männliche oder weibliche sei und ebenso natürlich umgekehrt 
beim Überwiegen des weiblichen Komplexes. 

Die zweite Möglichkeit sei aber die, daß männlich und weiblich nicht Alternative 
seien, sondern die extremen Endglieder einer natürlichen Reihe. Die Folge davon wäre, 
daß das eine oder andero Geschlecht entstände, wenn die Potenz werte zugunsten einer 
Faktorengruppe ein gewisses Minimum überschritten. Also es würde etwa ein Weibchen 
entstehen, wenn FF um mindestens 20 Einheiten über Mm oder MM überwögen, und ein 
Männchen, wenn Mm oder MM wenigstens um 20 Einheiten FF überträfen. Die Über¬ 
legenheit eines Komplexes über den anderen um 18, 12, 6, 1 Einheiten seien aber 
Zwischenfälle, sexuelle Zwischenstufen, die kontinuierlich alle Übergänge von einem 
Weibchen zu einem Männchen und vice versa darstellten. 

Diese zweite Möglichkeit habe sich nun als die tatsächlich allei n 
richtige durch das Tierexperiment, durch die Kreuzung von Schmetterlingsrassen 
erwiesen. 

Goldschmidt ist es geglückt, in Japan eine Anzahl von Rassen eines Schmetterlings, 
des Schwaiispinners zu finden, die sich nur dadurch unterscheiden, daß ihre Geschlechts¬ 
faktoren verschiedene Potenzwerte besitzen. 

Es ist ihm ferner gelungen, durch Kreuzung dieser Rassen untereinander und mit 
den europäischen es zu erreichen, daß sie sich nur durch die verschiedene absolute wie 
relative Potenz ihrer Geschlechtsfaktoren unterscheiden. Durch die richtige Kreuzungs¬ 
kombination der ihm bekannten Rassen kann Goldschmidt nunmehr nach Belieben jede 
geschlechtliche Zwischenform erzeugen, die in lückenloser Reihe von einem Weibchen zü 
einem Männchen und umgekehrt führt. Und weiter kann er auch das Extrem erreichen, 
daß alle Tiere, die konstitutionell Weibchen sein sollten, zu richtigen Männchen werden, 


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Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 


Das umgekehrte Extrem: Verwandlung aller Männchen in Weibchen, sei bisher 
noch nicht verwirklicht worden, da er eine Rasse von der dazu benötigten niederen Potenz 
noch nicht gefunden habe. 

Die Intersexualität dieser Tiere erstrecke sich auf alle Organe, in denen Geschlechts- 
unterschiede beständen, insbesondere auf die Geschlechtsinstinkte. Ein schwach inter¬ 
sexuelles Individuum übe keine Anziehungskraft mehr auf das andere Geschlecht aus. 
Die verschiedensten Grade seien erzeugt worden: auf der einen Stufe renne das Weibchen 
schon wie ein Männchen, auf der nächsten mache es einen flatternden Sprung, dann ver¬ 
suche es die Kopulation. Schließlich ließe sich kein Unterschied mehr zwischen dem 
echten Männchen und dem ganz umgewandelten Weibchen finden. Bei den schon fast 
völlig männlich sich benehmenden extremen Stufen seien auch die Geschlechtsdrüsen 
nicht mehr rein weiblich, sondern zeigten alle Übergänge von einem Ovar durch eine 
Zwitterdrüse zu einem Hoden. 

Für die männliche Intersexualität, soweit sie bisher gezüchtet worden, gelte eine 
entsprechende umgekehrte Stufenleiter. 

Goldschmidt schließt nun aus seinen Schmetterlingsexperimenten, daß die konträre 
Sexualempfindung und überhaupt der Pseudohermaphrodismus Stufen biologischer Inter¬ 
sexualität darstellten und die Ursache die gleiche sei, nämlich eine Faktorenkombination, 
die in bezug auf die Potenz der beiden Erbkomplexe anormal sei. 

Im einzelnen bemerkt er: 1. Bei dem gleichen Verlauf aller Prinzipien der Ver¬ 
erbungslehre im Tier- und Pflanzenreich dürfe man von den obigen Verhältnissen bei 
Schmetterlingen auf ähnliche beim Menschen schließen. 

2. Die herrschende Ansicht nähme an, daß die konträre Sexualempfindung ange¬ 
boren sei, die biologischen Indizien seien auch dafür gegeben. 

3. Die Erblichkeitsfrage der Homosexualität sei allerdings noch nicht ganz geklärt. 
Vielleicht vererbe sich nur die psychopathische Konstitution, doch käme nach Moll in 
50°/ o Fällen Homosexualität in gesunden Familien vor. Wünschenswert sei die Auf¬ 
stellung genauer Familien Stammbäume. 

4. Fraglich, wie beim Menschen die abnorme Faktorenkombination zustande komme. 
Bei den Schmetterlingen infolge Kreuzung verschiedener geographischer Rassen. Beim 
Menschen bis jetzt zuverlässige Mitteilungen über Intersexualität als Folge von Rassen¬ 
kreuzungen nicht bekannt. Die Verbreitung der Homosexualität bei den Indianern Nord¬ 
amerikas lege den Gedanken der Inzucht nahe. Bemerkenswert sei auch, daß nach Hirsch¬ 
feld die kurländischen Deutschen und die Oberbayern im Gebirge einen besonders hohen 
Prozentsatz von Homosexuellen auf wiesen. 

5. Ein wesentlicher Punkt, die kontinuierliche Variabilität der Erscheinung: jeder 
kleine Schritt zwischen den Geschlechtern habe erzeugt werden können und damit sei eine 
gewisse Korrelation der einzelnen Geschlechtscharaktere verbunden. 

Tatsächlich auch beim Mann verschiedene Stufen vorhanden, beginnend mit der 
Beeinflussung der sensibelsten Stelle des Menschen, der Gehirntätigkeit, daher die erste 
und niedrigste Stufe der Intersexualität die Homosexualität, bei der jedoch in extremen 
Fällen auch somatische Veränderungen nicht ausgeschlossen. 

6. Von der konträren Sexualempfindung führten kontinuierliche Variationen bis 
zur Pseudohormaphrodisie. Oft allerdings sei hier nicht entsprechendes konträres Emp¬ 
finden festzustellen, doch spiele vielfach die Erziehung eine Rolle. Wenn ein Pseudo¬ 
hermaphrodit Hoden und nicht ganz männliche Geüitalien besitze, so stelle er oft nicht 
ein männliches Intersexum, sondern ein fast völlig umgewandeltes weibliches Individuum 
dar, das treffe namentlich zu, wenn auch die Instinkte rein mäunlich seien. 

7. Beim Menschen, wo das männliche Geschlecht das heterozygote, also der Wert 
FF nur von der Mutter beeinflußt sei, müsse man erwarten, daß die extremen Fälle 
der Intersexualität häufiger von einem genetisch männlichen Individuum ausgingen. Das 
hebe auch Neugebauer hervor. 

Bei den Insekten bedinge die bei der Befruchtung gegebene Konstitution des Eies 
alles weitere. Bei den Säugetieren sei aber zur völligen Ausbildung der sekundären 
Geschlechtscharaktere die innere Sekretion durch das interstitielle Gewebe der Geschlechts¬ 
drüse nötig. Die Erbfaktoren seien die Determinationsursachen und die innere Sekretion 
der Schilddrüse die Vollendungsursachen. Zu den Determinationsursachen müßte die 
innere Sekretion hinzukommen, die die Geschlechtsfaktoiren ihres eigenen Geschlechts 
aktivierten. Die Hormone wären Reaktionsbeschleuniger, Aktivatoren, Kinasen für die 
Faktoren, auf die sie eingestellt seien, Reaktionshemmer oder Paralysatoren für die ent¬ 
gegengesetzten. 

Daraus ergäben sich für die Erklärung der Intersexualität zwei Möglichkeiten: 
Einmal könnte die abnorme Faktorenkonstitution ohne Einfluß sein auf die Ausbildung 
und Ausscheidung der interstitiellen Drüse, die somit normal funktioniere. Dann besage 


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144 Numa Praetorius. 

die Intersexualität, daß auch die normale Leistung der inneren Sekretion nicht genüge, 
um (im Falle der männlichen Intersexualität) die Wirkung des zu schwachen Komplexes 
MM genügend zur Geltung zu bringen oder auch den des starken F abzuschwächen. 

Die zweite Möglichkeit wäre, daß die interstitielle Drüse zu dem Erbkomplex der 
sekundären Geschlechtscharaktere gehöre und im intersexuellen Individuum nicht voll- 
kräftig arbeite. Der sachliche Effekt wäre dann der gleiche wie bei der ersten Möglich¬ 
keit Praktisch ließe sich folgern: Im ersteren Fall denkbar, daß durch eine Steigerung 
der Sekretion über das Normale iiinaus die Männlichkeitsfaktoren bis zur Erlangung 
ihres normalen Übergewichts aktiviert werden könnten. Im zweiten Fall müßten sie aber 
auf ihre normale Leistungsfähigkeit gebracht werden. Deshalb denkbar, daß Intersexua¬ 
lismus durch Behandlung mit Gonadenextrakten oder besser noch durch Transplantation 
normaler Gonaden „geheilt“ werden könne. 

Zwei logische Folgerungen seien zu ziehen: 

1. Es gäbe ein genetisches Geschlecht, das aber mit dem der Keimdrüsen 
nicht übereinstimmen müsse. Es 9ei ausschließlich in den Chromosomenverhältnissen 
bei der Befruchtung gegeben. 

2. Es gäbe eine aktuelle physische und psychische Intersexualität aller Grade. Das 
Individuum, welches genetisch einem bestimmten Geschlecht angehören solle, sei re vera 
ein Intersexum. 

Daraus folge, daß, da die Gesetze sich nicht auf den Chromosomenbestand, sondern 
auf die de facto Situation beziehen müßten — einem intersexuellen Individuum kein 
Gerichtshof der Welt ein Geschlecht zuweisen könne, wie dies bei den „erreux de sexe‘ k 
tatsächlich geschehe, denn ein solches Individuum gehöre in seiner realen Existenz 
keinem der beiden Geschlechter an. Daher seien wenigstens für die hochgradigen Inter- 
sexe (vulgo Hermaphroditen) besondere Rechtsnormen nötig. 

Die Experimente von Goldschmidt bestätigen glänzend die schon seit Jahren von 
Hirschfeld mehr intuitiv erfaßte und zuerst ausdrücklich aufgestellte und eingehend 
begründete Zwischenstufentheorie. 

Daß die von Goldschmidt aus seinen Kreuzungsergebnissen für die Homosexualität 
und überhaupt die Zwischenstufen gezogenen Folgerungen berechtigt sind, dürfte wohl 
kaum einem Zweifel unterliegen. 

Noch näherer Erforschung bedarf allerdings die Frage cler Erblichkeit der konträren 
Sexualempfindung. Dafür spricht u. a. die Tatsache ihres öfteren Vorkommens bei 
nahen Verwandten: bei mehreren Brüdern, bei Onkel und Neffe usw. Genaue Familieu- 
stammbäume sind am ehesten aufzustellen in den Herrscherfamilien, in denen so gut wie 
stets mehrere Fälle von Homosexualität sich vorfinden, z. B. im 17. und 18. Jahrhundert 
bei den verstorbenen Hohenzollern (Friedrich der Große, sein Bruder Heinrich und Georg 
von Preußen — vgl. hinsichtlich des letzteren Jahrbuch für sexuelle Zwischen - 
stufen Bd. V 2 , S. 1297 fg. und Bd. XIV, S. 53fg.), dann hei den Stamm- und Seitenlinien 
der französischen Königshäuser, der miteinander verwandten Valois, Bourbons und Conde, 
Ludwig XL, Heinrich III., Ludwig XIII. x ), Philipp d’Orleans, Sohn von Ludwig 111. und 
Bruder Ludwigs XIV., Ludwig XVIII.. der Große Conde und dessen Vater Heinrich II. 
Prinz de Conde. Für die Frage, ob Rassenkreuzung bei Entstehung der Homosexualität 
eine Rolle spiele, möge auf die Tatsache hingewiesen werden, daß z. B. sowohl Heinrich 111. 
wie Ludwig XIII. italienische Mütter aus dem Hause Medici hatten. Ob vielleicht auch 
das in Süditalien und im Orient besonders reiche Völkergemisch für die dort verbreitete 
Homosexualität in Betracht komme? obgleich zahlreiche andere Ursachen zu berück¬ 
sichtigen sind und vielfach es sich nicht um wirkliche konträre Sexualempfindung handelt 
— vgl. hierüber meine Aufsätze: „Die Homosexualität in den romanischen 
Ländern“ in den Sexualproblemen von Marcuse, März 1909 und „Per gleich¬ 
geschlechtliche Verkehr in Algerien und Tunis“ in der Andropophyteia von 
Krauß Bd. VII, S. 179 ff., 1910. 

Die Notwendigkeit besonderer Rechtsnormen für hochgradige Zwisch&istufen muß 
anerkannt werden, in dieser Beziehung ist diese Forderung schon im Jahre 1909 vom 
Amtsgerichtsrat a. D. Dr. Wilhelm in einer ausführlichen Abhandlung erhoben und die 
gesamte einschlägige juristische Materie unter Formulierung eines Gesetzesentwurfe> 
eingehend erörtert worden, und zwar in den Jurist i sch- psychia tri sehen Grenz - 
fragen Bd. VII, H. 6: Die rechtliche Stellung der (körperlichen) Zwitter 
de lege lata und de lege ferenda, ferner später: in der Vierteljahrsschrift für 
«gerichtliche Medizin und öffentliches Sanitätswesen Bd. 58, H. 2: 
Geschl ech tsbestimmung der (körperlichen) Zwitter, II. Zwitter und 
idesregister“. 

*) Über die Homosexualität Ludwigs XIII. habe ich eine längere Arbeit beendet. 


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Sitzungsberichte. 


145 


Ohne mir ein Urteil darüber anzumaßen, welche der beiden von Goldschmidt an¬ 
gegebenen Erkläruogsmöglichkeiten der menschlichen Intersexualität und ihr Verhältnis 
zu der Funktion der Geschlechtsdrüsen die richtige sei, scheint mir doch die zweite Er¬ 
klärung die größere Wahrscheinlichkeit zu besitzen. Denn da nach den Experimenten 
von Steinach feststeheu dürfte, daß hauptsächlich die Sekretion der Pubertätsdrüse das 
Geschlecht bestimmt, ist doch wohl aDzunehmen, daß die abnorme Beschaffenheit und 
Zusammensetzung der Pubertätsdrüse und daher wohl auch des produzierten Sekretes 
den Haupteinfluß auf die Erzeugung sexueller Zwischenstufen ausübt, d. h. der abnorme 
konstitutionelle Faktorenkomplex kommt wohl auch in der Drüse und ihrer Sekretion 
zum Ausdruck und macht sich von hier aus am entscheidendsten geltend. (Vgl. auch 
die obigen Erklärungen Steinachs.) (Fortsetzung folgt.) 


Sitzungsberichte. 

Ärztliche Gesellschaft für Sexualwissenschaft und Eugenik in Berlin. 

Sitzung am 28. März 1918. 

Vor der Tagesordnung stellt Herr Mg. Hirschfeld einen jungen Mann 
mit androgynem Kehlkopf vor, in Kombination mit Transvestitismus und kon¬ 
trärer Sexualempfindung; die hohe Stimme des Patienten wurde mehrfach aber 
vergeblich laryngologisch behandelt, da es sich in Wirklichkeit um eine auf einer 
sekretorischen Grundlage (feminine Pubertätszellen) entstandene Teilerscheinung 
handelt. 

Es folgt Fortsetzung der Diskussion Bornstein: Alkohol und Sexualität 

Herr Juliusburger: Die Schädlichkeit der kleinen Dosen alkoholischer Getränke 
wird zwar unter Hinweis auf gewisse Experimente beim Tier für Individuum und Keim- 
piasma behauptet, konnte aber bis jetzt aus den Ergebnissen beim Menschen keine Be¬ 
stätigung finden. Daß gewisse intellektuelle Leistungen auch nach kleinen Alkoholmengen 
schlechter werden, kann nicht als eine bleibende und den ganzen Organismus treffende 
Schädlichkeit angesehen werden. Die schädliche Wirkung der Erzeugung im Rausche ist 
theoretisch unbedingt zuzugeben, doch liegen keine einwandsfreien Fälle vor, welche sie 
beweisen. Insbesondere hat Naeckc eingehend darauf hingewiesen, daß die Lehre von 
der verderblichen Wirkung des Alkohols während der Zeugung nicht auf gesicherter 
Grundlage aufgebaut ist. Die Behauptung, daß jedesmal der Trinker vorher in mäßigem 
Grade alkoholische Getränke genossen hat, ist nicht aufrecht zu erhalten. Das Wort, die 
Mäßigen sind die Verführer, kann nicht mehr als berechtigt anerkannt werden. Ich ver¬ 
weise auf meinen „Beitrag zur Psychologie der sogenannten Dypsomanie und zur Psycho¬ 
logie des Alkoholismus“ aus dem Jahre 1912 und auf meine Arbeit „Alkoholismus und 
Psycho-Sexualität u aus dem Jahre 1916. 

Ich behaupte einen angeborenen Typus des Trinkers, der aus einer angeborenen 
Triebrichtung dem indifferenzierten primitiven Rauschbedürfnis auf dem Boden eines 
primären affektiv ethischen und intelektuellen Defektes sekundär dem Alkoholismus ver¬ 
fällt und durch diesen, rückwirkend, wieder schwere physische und psychische Schädi¬ 
gungen erfährt. 

Die durch Freud eingeleitete Erforschung der Bedeutuug der psychosexueilen Triebe 
und Komplexe führte mich zu einer von der bisherigen Auffassung abweichenden Psycho¬ 
logie des Alkohol trinkenden Menschen. Der Trinksitte liegen psychische Voraussetzungen 
zugrunde, die zum Teil psychosexuellen Charakter tragen. Ich erkenne nach wie vor 
einen berechtigten, guten Kern in den Ergebnissen der Freudschen Forschung an, unter 
Ablehnung aller Ausschreitungen und einseitigen Übertreibungen, sowie in scharfer Be¬ 
tonung der Notwendigkeit ethischer Sublimierungen, die leider so wenig berücksichtigt 
werden. Ich halte nach meinen neueren Auffassungen eine absolute. Abstinenz für die 
Allgemeinheit nicht mehr für erwiesen notwendig. Die Abstiuenz hat ihren historischen 
sbleibenden Wert. Erwiesen ist nicht die dauernde Schädlichkeit kleiner Alkoholmengen 
und ihrer Wirkungen für den Menschen. Der Trinker ist ein geborener Psychopath, ein 
Defektmensch, abgesehen von den sekundären Alkoholschädigungen. Seine Psychopathie 
wird wahrscheinlich durch Störung der inneren Sekretion hervorgerufen; daher muß zu 
Zeitschr. t Sexualwissensehaft V. 4. 11 


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146 


Sitzungsberichte. 


seiner Behandlung sowohl Psychotherapie, wie Organotherapie, wie bei unseren Psycho- 
neurosen, % z. B. der sogenannten Hysterie, in Betracht kommen. Das gute Beispiel kann 
auch durch relative Abstinenz gegeben werden, wenn nämlich alkoholfreie Intervalle 
eingehalten werden, wenn nur kleine Mengen alkoholischer Getränke naph getaner Arbeit, 
nach erfüllter Pflicht genossen werden. Auch auf diesem Wege kann erfolgreich die 
Wirksamkeit der Trinksitte gebrochen werden. 

Einen wichtigen Faktor spielt das Alter. Im Entwicklungsalter dürfen keinerlei 
alkoholische Getränke genossen werden. Der Charakter muß erst entwickelt sein, Maximen 
gebildet werden können. Der ganze Hemmungsapparat, der Sublimierungsapparat muß 
ausgebildet sein, dann erst kann die relative Abstinenz gestattet werden. Nach wie vor 
halte ich die völlige Abstinenz für die heranwachsende Jugend als ein unentbehrliches 
Mittel zur Willenspädagogik, zur Aszese. Daher ist die volle Abstinenz notwendig für 
die Jugend und alle Kranken. Für den gereiften erwachsenen Menschen genügt nach 
meiner jetzigen Auffassung die relative Abstinenz. Das vorgeschrittene Alter bedarf 
unter Umständen im Gegensatz zur Jugend kleiner Anregungsmittel gegen die kleinlichen 
Stöße des täglichen Lebens; aber es hat gelernt sich zu beherrschen und Maß zu halten. 

Die Lehren des Krieges scheinen mir noch nicht eindeutig vorzuliegen. Soweit ich 
die mir bekannt gewordenen Meinungen überblicke, scheinen kleine Alkoholmengen gele¬ 
gentlich vorteilhaft zu sein, größere unter allen Umständen schweren Schaden zu bringen. 
Im Kriege wird das Rauschbedürfnis, der Hunger nach Reizmitteln gesteigert; daher 
kommt Alkohol- und Nikotinmißbrauch nur allzuoft vor. Manche Neurosen, namentlich 
des Herzens, werden durch Alkoholmißbrauch und Nikotinmißbrauch im Felde mitbe- 
dingt sein. 

Für die Zeit nach dem Kriege erwächst freilich eine große Gefahr. Ihr ist zu 
begegnen durch Psychopädagogik in Lazaretten, durch weitgehende Belehrung und Auf¬ 
klärung über die Alkohol-Schädigungen, insbesondere auch in bezug auf das Geschlechts¬ 
leben. Es sollte nicht versäumt werden, bei der Psychotherapie in Lazaretten auf die 
Alkohol- und sexuelle Frage, besonders mit dem Versuch, den Willen zu beeinflussen 
und ihn ethisch zu stärken, immer wieder zurückzukommen. Eine Psychotherapie, welche 
nicht* nur Symptome beseitigen will, muß die ganze Persönlichkeit des Kranken ins Auge 
fassen und darf niemals wenigstens Versuche, den Willen zu ethisieren, vergessen. Von 
weitgehendem Optimismus wie von unfruchtbarem ^Pessimismus wird man sich gleich¬ 
mäßig femhalten müssen. 

Im übrigen ist die Zeit viel zu ernst und ihre Aufgaben zu'groß, als daß wir uns 
noch länger den Luxus gestatten können, theoretische Kämpfe oder persönliche Streitig¬ 
keiten zwischen absoluten und relativen Abstinenten vorzunehmen. 

Herr Bornstein bleibt im Schlußwort auf der Forderung strikter Ab¬ 
stinenz bestehen, da sich Mäßigkeit nicht anerziehen und predigeu lasse. 

Darauf hält Herr Wilhelm Fließ seinen Vortrag „Über innere 
Sekretion“. (Erscheint in dieser Zeitschrift.) 

In der Diskussion macht Herr Hirschfeld eine Bemerkung über die 
innersekretorische Bewertung der Nebennieren. 

Herr Juliusburger hat ein euphorisches Endstadium bei letal ver¬ 
kaufenden Psychosen oft gesehen. Zur Organtherapie habe in den meisten 
Fällen auch Psychotherapie hinzuzutreten. 

Herr Traube reiht die Hormone in die Klasse der Katalysatoren; erst 
eine genaue chemische Durchforschung derselben läßt hier weiteres erhoffen. 

Sitzung am 17. Mai 1918. 

Zu Beginn weist der Vorsitzende Herr Iwan Bloch auf die Geburts¬ 
tage zweier Vorstandsmitglieder hin: auf den 60. des Herrn Blaschko und 
den 50. des Herrn Magnus Hirschfeld, dem er ausführliche ehrende 
Worte widmet. Herr Hirschfeld dankt hierfür in launiger Weise und gibt 
zugleich die Gründung einer vom Minister des Innern genehmigten „Stiftung 
für wissenschaftliche Sexualforschung“ bekannt, als deren Grundstock Herr 
Hirschfeld aus eigenen Mitteln die Summe von 15 000 Mk. zur Verfügung 
stellt. 


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Zu der nebenstehenden Antwort des Herrn Dr. Bloch auf die Anfrage des Herrn Dr. Bord¬ 
stein bemerken wir, daß wir ans zu unserem lebhaften Bedauern veranlaßt sahen, den Redaktioos- 
vertrag mit Herrn Dr. Bloch zu kündigen, da es mehrfachen Versuchen nicht gelang, gewisse 
grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten aus dem Wege zu räumen. 

Der Verlag hat in Herrn Dr. Max Marcuse in Berlin einen neuen Schriftleiter gefunden, 
dessen Name und wissenschaftliche Persönlichkeit Gewähr bietet, daß die Zeitschrift allen Anforde¬ 
rungen genügen und nach mancher Seite auch noch Erweiterungen erfahren wird. 

Bei dieser Gelegenheit weisen wir darauf hin, daß soeben in unserem Verlage zu erscheinen 
beginnen: 


ABHANDLUNGEN 

AUS DEM GEBIETE DER 

SEXUALFORSCHUNG 

Herausgegeben im Aufträge der 

Gesellschaft für Sexualforschung 

von 

Prof. Dr. BROMAN (Lund) - Prof Dr. M. DESSOIR (Berlin) - WirkL Geheimrat 
Prof. Dr. ERB (Heidelberg) - Prof. Dr. P. FAHLBECK (Lund) - Prof Dr. HEYMANS 
(Groningen) — Minister a. D. Dr. VAN HOUTEN (Haag) — Geh. Med.-Rat Prof Dr. 
JADASSOHN (Breslau) - Hofrat Prof. Dr. L. VON LIEBERMANN (Budapest) - Geh. 
Hofrat Prof Dr. K. v. LILIENTHAL (Heidelberg) — Geh. Justizrat Prof Dr. F. v. LISZT 
(Berlin) - Dr.MAX MARCUSE (Berlin) - Geh. Justizrat Prof Dr. W. MITTERMAIER 
(Gießen) — Sanitätsrat Dr. ALBERT MOLL (Berlin) — Prof Dr. W. NEF (St Gallen) 
— Dr. PLACZEK (Berlin) — Geheimrat Prof Dr. SEEBERG (Berlin) — Geh. Med.-Rat 
Prof Dr. SELLHEIM (Halle) - Prof Dr. STEINACH (Wien) - Prof Dr. S. R. STEIN¬ 
METZ (Amsterdam) - Prof Dr. J. TANDLER (Wien) - Prof Dr. A. VIERKANDT 

(Berlin) Prof Dr. L. v. WIESE (Cöln) 

Redigiert von 

Dr. MAX MARCUSE, Berlin 

HEFT ls 

Wandlungen des Fortpflanzungs-Gedankens 

und -Willens 

von 

Dr. Max Marcuse in Berlin 


Als weitere Hefte sind zunächst vorgesehen: 

Dr. Ernst Schnitze, Die Prostitution der gelben Völker. — Sanitätsrat Dr. 
A. Moll, Behandlung der Homosexualität: chemisch oder psychisch? — 
Noma Praetorins, Das Liebesieben Ludwigs XIII. 

A. Marcus & £. Webers Verlag in Bonn. 

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Sitzungsberichte. 147 


Herr Bornstein interpelliert den Vorstand wegen der für 1. April 1919 
ausgesprochenen Kündigung des Herausgebers vonseiten des Verlegers der 
„Zeitschrift für SexualWissenschaft“. 

Herr Bloch: Die Anfrage des Herrn Kollegen Bornstein muß ich leider dahin 
beantworten, daß in der Tat der Verleger der „Z. f. S.* 4 mir als Herausgeber rum 
1. April 1919 gekündigt und einen neuen Vertrag mit einer außerhalb unserer Ge¬ 
sellschaft stehenden, Ihnen ja wohlbekannten gegnerischen Gruppe abgeschlossen hat, die 
also die von Eulenburg und mir drei Monate vor Ausbruch des Weltkrieges begründete 
und unter den schwierigsten Verhältnissen inmitten dieses Krieges bereits bis zum 
fünften Jahrgange fortgeführte Z. f. S. am 1. April 1919 übernehmen wird. Von diesem 
Zeitpunkte ab würde also unsere „Ärztliche Gesellschaft für Sexualwissenschaft 41 ohne 
offizielles Organ sein. Sie sah sich daher gezwungen, unverzüglich Verhandlungen mit 
einem hochangesehenen Verlage zwecks Gründung eines neuen Publikationsorgans 
einzuleiten, die in gedeihlichem Fortgange begriffen sind, sodaß aller Voraussicht nach 
die Kontinuität unserer Sitzungen, Vorträge und Verhandlungen keinerlei unliebsame 
Unterbrechung erfahren und das gesamte in ihnen verarbeitete wissenschaftliche Material 
in dem neuen Organ unserer Gesellschaft seinen Platz finden wird. 

Mit Eintritt in die Tagesordnung verliest Herr I. Bloch sein Referat 
über „Traumatische Impotenz“. Diese tritt allein oder in Verbindung mit 
allgemeiner traumatischer Neurose auf uncj trennt sich in psychisch-bedingte 
und körperlich-bedingte Impotenz. Die psychische zeigt wieder zwei Unter¬ 
arten, die unbewußte, etwa im Sinne Freuds, und die bewußte, die z. B. nach 
starkem Ärger, schwerem Kummer oder heftigem Schreck, auch Abscheu, ein- 
tritt. Die durch Körpertrauma gesetzte Impotenz erfährt hier keine weitere 
Erörterung, abgesehen von der Impotenz durch Schmerzlähmung und durch 
Gehirnerschütterung. 

In der darauffolgenden Diskussion, die mit der Fließschen „Über innere 
Sekretion“ kombiniert wird, bringt Herr Koblank 1. eine Anfrage wegen der 
jetzt im Kriege So häufigen Amenorrhöe der Mädchen; er dankt des weiteren 
Herrn Fließ für die Aufrollung eines neuen Krankheitskomplexes, der früher 
oft mit der Diagnose „Hysterie“ kurz abgefertigt wurde. Auch er halte den 
Funktionsunterschied und die Pathogenese der vorderen und hinteren Hälfte 
der Hypophyse für sehr wichtig. 

Schließlich regt Herr Koblank die Einsetzung einer Kommission zum 
„Studium der endokrinen Störungen“ an; ihr Zweck solle sein: die weitere 
Prüfung der schon gegebenen Heilstoffe und Fortsetzung der Untersuchung der 
Beziehungen der Nase zu dem endokrinen Systeme. , 

Herr Landeker weist auf eine Trias der Symptome vieler kranker Frauen 
hin: 1. ein degeneratives Ovariensystem verbunden mit spasmophilen Störungen 
und einem genitalen Bronchialasthma mit Quinckesehen Ödemen und Kalk¬ 
verarmung der Knochen. Dann bespricht er periodische profuse Diarrhöen, die 
er als vikariirende Menstruation auffaßt. Manche Formen der Dysmenorrhöe, 
besonders arythmische Blutungen, hat er mit gutem Erfolge mit Darreichung 
von Präparaten aus den Corpora lutea behandelt. 

Herr Ko erber erinnert daran, daß Rousseau in seinen Confessions einen 
Beitrag von Potenzlähmung durch Ekel und Schreck liefert und bespricht 
einzelne Parallelismen zwischen psychischer Impotenz und der Frigidität der 
Frauen. 

Herr Bloch gibt eine Erläuterung zur „Pensionsamenorrhöe“. 

Darauf hält Herr Adrian Turel einen Teil seines angekündigten Vor¬ 
trages „Über Sexualsymbolik“. Ko erber. 


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148 


Referate. 


Referate. 

Biologie. 

Leiewer, Hans, Feldunterarzt, Ein Fall von Transvestitismus mit starkem Abbau 
von Ovarium im Blutserum. (D. in. W. Nr. 18. 1918.) 

Auf Veranlassung des Yerf. wurde das Blutserum eines im Festungslazarett unter¬ 
gebrachten Transvestiten von Abderhalden untersucht. Es wurde ein starker Abbau des 
Serums mit Ovarium festgestellt. Die Ansicht, daß bei Transvestiten eine hermaphrodi- 
tische Anlage der Keimdrüsen vorliegt, erhält durch dies Untersuchungsresultat zum 
ersten Male eine biologische Stütze. Vaerting (Berlin). 

Ra8oenhygiene, Eugenik und Geburtenrückgang. 

Stöcker, Helene, Dämmerschlaf und Mutterschutz. (Die neue Generation. Heft 1/2. 
1918.) 

Der Bund für Mutterschutz hat der Frage der Schmerzlinderung bei der Entbindung 
sein besonderes Interesse zugewandt; nicht nur weil es allgemein menschliche Pflicht ist, 
sondern insbesondere weil die Schmerzersparnis eine Schonung und Förderung der mütter¬ 
lichen Kraft und Gesundheit bedeutet. Vielleicht spielt auch die Vorstellung mit, daß 
der Fortfall des Geburtsschmerzes bei vielen Frauen die Scheu vor der Schwangerschaft 
vermindern hilft. Die durch den Krieg gesteigerte Bedeutung der Bevölkerungspolitik 
veranlaßte die verdienstvolle Vorsitzende des Bundes, Helene Stöcker, zu einer Rund¬ 
frage an zahlreiche namhafte Geburtshelfer, um ihre Stellungnahme zum künstlichen 
Dämmerschlaf zu ermitteln. Der durch Morphium-Skopolamin erzeugte Dämmerschlaf 
löscht bekanntlich die Erinnerung an die Geburtsschmerzen. Kurz zusammengefaßt läßt 
sich sagen, daß die Befragten sämtlich den Wert der Methode anerkennen. Es gehört 
aber dazu sehr exakte Indikationsstellung, Beherrschung der Technik, ständige ärztliche 
Überwachung und geschultes Pflegepersonal. Der künstliche Dämmerschlaf ist also eine 
Domäne der Entbindungsanstalten. Daraus folgt schon, daß er nur für eine kleine An¬ 
zahl von Frauen in Betracht kommt. Der schädliche Einfluß der ’ Narkotika auf den 
kindlichen Organismus scheint festzustehen. Fast durchweg waren die Ärzte der An¬ 
sicht, Haß ein noch so heftiger Geburtsschmerz nur in den seltensten Fällen eine psy¬ 
chisch gesund veranlagte Frau abhalten wird, sich nach einem zweiten Kinde zu sehnen. 
Der Niedergang der Geburtenzahl ist zum größten Teil durch wirtschaftliche Verhältnisse 
bedingt. Die Einführung des Dämmerschlafs wird daran nichts ändern. Der mutig 
überwundene Geburtsschmerz steigert, wie nicht mit Unrecht gesagt wird, die Selbst¬ 
achtung der Frau und den Stolz und die Liebe des Gatten zu der Mutter seiner Kinder. 

Sprinz (Berlin). 

Teilhaber, Das Sexualleiden der unverheirateten Lehrerin. (Die neue Generation. 
Heft 1/2. S. 35. 1918.) 

Verf. ergreift noch einmal das Wort zu der von ihm in Fluß gebrachten Frage des 
Zölibates der Lehrerin. Er weist mit Geschick die Einwände zurück, die in Zeitungs¬ 
repliken gegen die von ihm geforderte Aufhebung des Eheverbotes erhoben worden sind. 
Insbesondere ist es vom ethischen Standpunkte höchst anfechtbar, wenn der Staat mit 
einem seiner Angehörigen einen Vertrag schließt, der diesen eines seiner heiligsten 
Rechte beraubt. Das von der jungen Präparandin abgeforderte Keuschheitsgelübde wird 
die Lehrerin oft genug in schwere Gewissenskonflikte bringen und moralisch korrum¬ 
pierend wirken. Die unausbleibliche Folge muß eine traurige, geschlechtliche Doppel¬ 
moral sein. Sprinz (Berlin). 


Kriegsliteratur. 

Fraenkel, L., Breslau. Eierstockstätigkeit und Kriegsamenorrhöe. (Zentralbl. f. 
Gynäk. 1917. Nr. 44.) - 

Die Kriegsamenorrhöe ist außerordentlich stark im Zunehmen begriffen, wie auch 
die immer mehr wachsende Zahl der Mitteilungen über diese Krankheit in den medizi¬ 
nischen Fachblättem beweist. Infolgedessen mehren sich auch die Hypothesen über Ur- 


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Bücherbesprechungen. 


149 


sache, Zusammenhang und Folgen. Bei der Hochflut von Spekulationen ist es von be¬ 
sonderer Bedeutung, daß Fraenkel in der Lage ist, einen praktischen Beitrag über 
die Frage des Zusammenhanges von Ovulation und Kriegsamenorrhöe zu liefern. Verf. 
hatte Gelegenheit, in zwei Füllen von Kriegsamenorrhöe die Ovarien durch Bauchschnitt 
freizulegen und zu untersuchen. An beiden Eierstöcken zeigte sich der gleiche Befund. 
Es fanden sich keine Anzeichen von frischer oder abgelaufener Ovulation. Es fehlten 
sowohl frische als ältere Corpora lutea und ebenfalls sprungreife normale Follikel. Da¬ 
gegen wurden viele zu Grunde gegangene Eier festgestellt. Die atretischen Follikel waren 
im allgemeinen erbsengroß, sie wurden gestichelt und dadurch entleert. 

Eine kleincystische Degeneration der Ovarien ist nun bei nervösen Frauen eine 
häufige Erscheinung, sie findet sich vor allem bei psychischen Störungen der Geschlechts¬ 
funktion. Der abnorme Ablauf der erotischen Funktion ist also als ätiologisches Moment 
für die kleincystische Degeneration zu bewerten. Da die beiden Patienten, deren Eier¬ 
stöcke untersucht wurden, eine ganz gesunde Sexualpsyche hatten, so sieht Verf. in 
seinen Befunden einen Beweis für die bereits von verschiedenen Autoren geäußerte An¬ 
sicht, daß die erzwungene sexuelle Abstinenz neben andern als Ursache für die 
Kriegsamenorrhöe verantwortlich zu machen ist. Es sind bis jetzt vier Faktoren für die 
durch den Krieg entstandenen Menstruationsstörungen genannt worden: Unterernährung, 
größere Arbeitsbelastung, psychische Alteration und Ausfall der geschlechtlichen Be¬ 
tätigung. Ich möchte hier wiederholen, was ich schon an anderer Stelle auseinauder- 
gesetzt habe, daß die mangelhafte Ernährung, insbesondere der Kohlehydratmangel infolge 
des sehr beschränkten Mehlgenusses, nach allen meinen Erfahrungen die ausschlaggebende 
Rolle spielt. Wir werden nach dem Kriege ein Mittel haben, diese Frage zu entscheiden, 
und zwar durch Vergleich mit der über dieses Problem entstandenen Literatur in den 
feindlichen Ländern. Drei der genannten Ursachen, die körperliche und psychische Mehr¬ 
belastung sowie die geschlechtliche Abstinenz sind für alle Frauen der kriegführenden 
Länder in gleichem Maße wirksam. Nur die Ernährungsschwierigkeiten sind verschieden 
groß. Alle Unterschiede, welche sich also beim Vergleich der feindlichen Literatur mit 
unsern Erfahrungen ergeben werden, sind auf Konto der Ernährung zu setzen. Ich 
möchte vorläufig z. B. bezweifeln, daß es in Frankreich und England überhaupt schon 
eine Kriegsamenorrhöe gibt. Vaerting (Berlin). 

Heil, Dr. Karl, Darmstadt. Die Zunahme der Gebärenden in den höheren Alters¬ 
stufen während des Krieges. (Zentralbl. f. Gynäk. Nr. 47. 1917.) 

Verf. war in seiner Praxis eine Zunahme der älteren Gebärenden während der 
beiden letzten Kriegsjahre aufgefallen. Da die Zahlen jedoch für eine statistische Ver¬ 
wertung zu klein waren, veranlaßte Verf. das statistische Amt des Großherzogtums dessen, 
für die Jahre 1910—16 eine Auszählung der Ehelichgeborenen nach dem Alter der Ge¬ 
bärenden vorzunehmen. 

Da absolute Zahlen nicht veröffentlicht werden dürfen, können nur die Prozent¬ 
zahlen mitgeteilt werden. Es fand sich eine auffallend hohe prozentuale Zunahme der 
älteren Gebärenden. Während bis zum Jahre 1914 die Prozentzahlen für die verschie¬ 
denen Altersklassen fast gleich bleiben, tritt mit dem Jahre 1915 eine Abnahme der 
jungen Gebärenden bis zum 30. Jahre ein, die mehr als 2°/o beträgt. Das folgende 
Jahrfünft hingegen zeigt schon eine geringe Steigerung. Am stärksten ist die Zunahme 
in den Altersklassen von 35—45 Jahren, sie macht über 3°/ 0 aus - Auch die Zahl der 
Gebärenden über 45 Jahre zeigt eine ErhöhungJ Vaerting (Berlin). 


Bücherbesprechungen. 

Kritik der Methodik der Wassermannschen Reaktion und neue Vorschläge für die 
quantitative Messung der Komplementierung. Mit 7 Abbildungen. München und 
Berlin 1917, Verlag von R. Oldenbourg. 

Die mannigfachen Unklarheiten, welche noch über die quantitativen Beziehungen 
der einzelnen Komponenten der W. R. zueinander bestehen, haben den Verfasser zu 
einer kritischen Prüfung der bisherigen Forschungsergebnisse und zu eigenen Versuchen 
Veranlassung gegeben. Es werden zunächst die Grundlagen der Komplementbindung, die 
einzelnen Bestandteile des haemolytischen Systems in ihrer Bedeutung und in ihren 


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Brief aus dem Felde. 


quantitativen Beziehungen geprüft. Es folgt eine Schilderung und kritische Besprechung 
der Originalmethode und der verschiedenen Modifikationen der W. R., dann eine genaue 
Beschreibung der eigenen Methode, deren leitender Gesichtspunkt die Wahl des Komplement¬ 
minimus (K. E.) als Grundlage der Komplementbindung ist, während die Originalmethode 
mit voller Absicht mit einem Komplementüberschuß arbeitet. Die vergleichenden Unter¬ 
suchungen zwischen der eigenen und den übrigen Methoden, über die im dritten Abschnitt 
berichtet wird, führen den Verfasser zu einer Ablehnung der Originalmethode als klinisch 
und technisch unzuverlässig. Als Vorzüge der abgeänderten Methodik werden hervor¬ 
gehoben: 1. Erhöhte Empfindlichkeit der Reaktion; 2. Vermeidung von Störungen durch 
unspezifische Hemmungen; 3. Qantitative Wertung des Grades der specifischen Einwirkung; 
4. Erleichterung der Durchführung durch Beschränkung auf einen spezifischen Extrakt 
und Wegfall der Vergleichssera. Auf die Einzelheiten der interessanten Arbeit einzu¬ 
gehen würde den Rahmen eines kurzen Referates überschreiten. Doch sei ihr Studium 
dem Serologen dringend empfohlen; er wird mancherlei Anregung daraus schöpfen 
können, selbst wenn er dem Verfasser auf den von ihm eingeschlagenen Wege nicht zu 
folgen vermag. M. Klopstock (Berlin). 

Krankheiten und Ehe. Darstellung der Beziehungen zwischen Gesundheitsstörungen und 
Ehegemeinschaft Begründet yon + Senator und Kami ne r. Neu bearbeitet und 
herausgegeben von C. von Noorden und S. Kam ine r. Zweite, neubearbeitete 
und vermehrte Auflage. Leipzig 1916. G. Thieme. Lex. 8°. XVI, 1111 S. 27 Mk. 

Nach zwölf Jahren liegt die zweite, völlig umgestaltete Auflage dieses großartigen 
Sammelwerkes vor, ein Ehrendenkmal der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit der 
deutschen Medizin inmitten des Krieges, wie kein anderes der kriegführenden Völker es 
auf weisen kann! 

Abgesehen von den alle Kapitel betreffenden Umarbeitungen, Ergänzungen und Be¬ 
richtigungen, die namentlich in den Kapiteln über Syphilis und Tuberkulose einen großen 
Umfang einnehmen, sind die Bedeutung von Klima, Rasse und Nationalität durch Mosz- 
kowski, die Menstruatiou, Schwangerschaft, das Wochenbett und die l^aktation durch 
Schrador, die Stoffwechselkrankheiten durch von Noorden, die Erkrankungen des 
Gefäßapparates durch His und Külbs, die Geisteskrankheiten durch Hoche neu bear¬ 
beitet werden. Zwei in der ersten Auflage fehlende Kapitel, das über die endokrinen 
Drüsen und das über die Vererbung von Sprachstörungen, fanden in Borges bzw. 
Gutzmann sachverständige Bearbeiter. Neu sind auch die Kapitel über den Familieu- 
begriff und die genealogische Vererbungslehre von Martius, über die Statistik der 
Geburtsziffern in den Kulturstaaten von E. Dietrich, über Krankheit und Ehetrennung 
von Jul. Heller. 

So stellt sich das Ganze auch in seinem neuen Gewände wiederum als ein für jeden 
Sexual- und Sozialhygieniker unentbehrliches Fundamental werk der Eugenik dar, das aber 
auch in der Bibliothek keines deutschen Arztes fehlen sollte. Denn an jeden Arzt 
werden nach dem Kriege die ein umfassendes und kritisches Wissen auf diesem Gebiete 
erfordernden Fragen der gesundheitsgemäßen Eheschließung und des gesunden Nach¬ 
wuchses als dringlichste Fragen des Volkswohles herantreten. Jeder ist berufen und 
verpflichtet, an ihrer besonneaen und gedeihlichen Lösung mitzuarbeiten. 

Iwan Bloch (Berlin). 


Wir erhalten von Herrn Dr. Hans Mühsam den folgenden Brief aus dem 
Felde: 


Sehr geehrter Herr Kollege! 

In der nur durch die Abschüsse der Kanonen ringsumher und die Einschläge feind¬ 
licher Granaten gestörten Grabesstille meines tiefen Unterstandes vor Verdun finde ich 
reichlich die in Berlin so karg bemessene Muße zur Lektüre. Da gebeu mir nun die 
Bemerkungen von Loe we nf eld in der Augustnummer (5. Heft) der „Zeitsehr. für Sexual- 
wissenschaft u , die ich heute bekam, Veranlassung zu Einwänden. Er faßt sein Urteil 
dahin zusammen, daß beim Menschen „das Sexualobjekt in erster Linie auf einem Erwerb, 
der nach der Geburt einsetzt, beruht 4 '. Ferner: „Dagegen liegt zur Zeit kein genügendes 
Material vor, daß die qualitativen Anomalien des Sexualtriebes in irgendwelchen Be¬ 
ziehungen zu Anomalien der inneren Sekretion der Keimdrüsen stehen“. Seine Beweise 
für diese Behauptung sind teils positiver, teils kritischer Natur. Was zunächst die 


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Brief aus dem Felde, 


151 


letzteren betrifft, so polemisiert er vor allem gegen die St ei nach-Hirschfeld sehe 
Hypothese von der zwittrigen Beschaffenheit der Pubertätsdrüse bei Homosexuellen, und 
ferner — deren Gültigkeit selbst angenommen — gegen die Folgerung, daß durch sie 
„die Entwicklung der ausschließlichen Homosexualität genügend erklärt“ würde. Positive 
Beweise für seine Annahme erblickt Loewenfeld 1. in der Verschiedenheit und dem 
individuellen Wechsel des Geschmacks, 2. in dem objektlosen Sexualtrieb des mastur¬ 
bierenden Kindes, 3. in den Schwankungen während der Pubertätszeit, 4. in der zeit¬ 
weiligen oder dauernden Änderung der Ti'iebsrichtung, 5. in dem Beibehalten des früheren 
Sexttalobjekts bei Kastrierten und 6. in dem Hirsch feldsehen Fall von Hodenhypoplasie 
mit normalem Geschlechtstrieb. 

Meiner Meinung nach wird der hier aufgeworfene Fragenkomplex durch folgende 
in den letzten Jahren bekannt gewordenen Forschungsergebnisse ausreichend, und zwar 
im Sinne von Steinach-Hirschfeld — wenn auch mit einer geringen Abweichung 
— erklärt. Die aufgefundenen Tatsachen sind folgende: 

1. Für die Entwicklung, resp. die Erhaltung der sekundären Geschlechtsmerkmale 
sind nicht die eigentlichen, die germinativen Keimdrüsen zellen (Hoden- und Eierstocks- 
zellen), sondern die Zwischenzeiten bestimmend. Meiner Erinnerung nach ist diese 
Tatsache zuerst von Tandler und Groß festgestellt, und von ihnen in der „Wiener 
klin. Wochenschr.“, etwa 1911, veröffentlicht, später von Steinach auf anderem Wege 
bewiesen worden. 

2. Die von entwicklungsgeschichtlicher Seite schon lange angenommene Zwittrig¬ 
keit aller Tiere, einschließlich des Menschen, ist durch Pick bewiesen worden. 
Wenn ich nicht irre, ist seine Arbeit darüber — nach einem Vortrag in der „Berliner 
medizinischen Gesellschaft“ — in „Virohows Archiv“ und in der ,berliner klinischen 
Wochenschrift“, ich glaube 1914, erschienen: Männliches resp. weibliches Keimdrüsen¬ 
gewebe ist stets auch in der entgegengesetzten Keimdrüse enthalten. Pick zeigte, wie 
z. B. versprengte Hodenkanälchen in Ovarien zu Tumoren von der Art der Adenome 
Anlaß geben können; und ich glaube mich erinnern zu können, daß er oder andere 
darauf hinwiesen, wie unter Umständen bei Kranken dieser Art eine Änderung im Ge¬ 
samthabitus beobachtet worden sei. 

3. Die Steinach sehen Experimente über Maskulation und Femination. 

4. Die Lehre von den Hormonen bei anderen Organen (Thyreoidea, Corpus luteum, 
Hypophyse usw.). 

Versuchen wir, auf Grund dieser Feststellungen diejenigen Argumente zu beurteilen, 
welche Loewenfeld als Beweise seiner Auffassung heranzieht, so ergibt sich daher 
folgende tatsächliche Grundlage für die Erörterung: Jedes Lebewesen — oder beschränken 
wir uns hier auf den Menschen — jeder Mensch ist bisexuell. Die beiden Sexual¬ 
charaktere sind aber normalerweise in einem und demselben Individuum quantitativ 
außerordentlich verschieden entwickelt: der Mann besitzt nur eine geringe Spur weib¬ 
lichen, das Weib nur eine geringe Spur männlichen Geschlechtsdrüsenmaterials. — Für 
die geschlechtsspezifische Entwicklung des Gesamtorganismus sind die Zwischenzellen 
seiner Keimdrüsen maßgebend, nicht aber die germinativen Zellen oder deren Funktion. 
Daraus folgt, daß die spezifische männliche und weibliche Orientierung schon im Kinde 
vorhanden ist; daß sie bei Keimdrüsenhypoplasie (Fall von Hirschfeld) besteht, wenn 
zwar der germinative Anteil der Keimdrüse, nicht aber die Zwischensubstanz fehlt, und 
daß sie bestehen bleibt, auch wenn die Geschlechtszellen nicht mehr produziert werden. 
Weiterhin folgt aber, daß in den St ei nach sehen Versuchen der pervertierte GeschJechts- 
charakter bis zur Resorption des letzten Stückchens transplantierten Keimdrüsengewebes 
bestehen bleiben muß, unabhängig von dem Erhaltenbleiben der sehr widerstandslosen 
eigentlichen Geschlechtszellen, sofern nur noch Zwischenzellen am Leben bleiben. 

Mit diesen Feststellungen werden die Loewenfeldscheu Einwände entkräftet: 

1. Die Verschiedenheit und der individuelle Wechsel des geschlechtlichen Ge¬ 
schmacks sind so lange bedeutungslos, als die allgemeine geschlechtsspezifischo Richtung 
beibehalten wird. 

2. Der objektlose Sexualtrieb des Kindes kommt für unsere Frage nicht in Betracht, 
da die spezifische Auslösung der schon in der Kindheit vorhandenen potentiellen Sexualität 
erst in der Pubertätszeit erfolgt. Wie dieser Vorgang der Reifung erfolgt, ist dabei 
gleichgültig. 

3. Die Schwankungen der Pubertätszeit, die Loewenfeld als Argument für seine 
Annahme heranzieht, sind ein sehr interessanter Beweis für das Gegenteil. Zur Pubertäts¬ 
zeit werden beide Anteile, der überwiegende und der eingesprengte, der stets zwittrigen 
Keimdrüse aktiviert. Beide produzieren ihre Hormone, deren Kampf miteinander sioh in 


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152 


Brief aus dem Felde. 


den Schwankungen dokumentiert, welche das geschlechtliche Innenleben des beran- 
wachsenden Organismus erschüttern, bis schließlich die mächtig sich entwickelnden 
Zellenlager des prävalierenden Anteils die schwächeren des rezessiven mechanisch zurück¬ 
drängen oder sein Hormon chemisch unschädlich machen. Aber die Zwittrigkeit bleibt 
bestehen! — Daß tatsächlich in der Pubertätszeit beim Manne auch weibliches Hormon 
vorhanden ist, gibt sich auch in dem nicht seltenen Schwellen der Brustdrüsen zu er¬ 
kennen; ja, diese können sogar absondern. 

4. In dem Bestehenbleiben der Zwittrigkeit findet die zeitweilige oder dauernde 
Änderung der Triebrichtung ihre Erklärung. Geht das spezifische Keimdrüsengewebe 
der Hauptrichtung zugrunde, oder erfährt seine Hormonbildung eine Änderung (die 
Thyreosen ohne anatomischen Befund geben dafür ein Analogon), so kommt der bis dahin 
zurückgedrängte Anteil zur Geltung, um bei Gesundung des ersteren wieder zu schweigen. 

5. Nach dem Gesagten ist es einleuchtend, daß Kastrierte jede Sexualität verlieren, 
wenn alle Zwischensubstanz fortgefallen ist; daß aber für eine Änderung des ßexual- 
obiektes keine Veranlassung besteht, wenn mit Erhaltung eines Bestes von Zwischen¬ 
zellen Geschlechtstrieb überhaupt noch bestehen geblieben ist 

Daß Erhaltenbleiben der germinativen Zellen bei Zugrundegehen des Zwischenlagers 
ausgeschlossen ist, braucht nicht näher erörtert zu werden. 

Demnach scheint mir die Steinach-Hirschfeldsehe Hypothese durchaus gut 
% fundiert zu sein, aber noch der Erweiterung zu bedürfen, daß nicht nur homo¬ 
sexuelle Individuen, sondern alle Menschen, ohne Ausnahme, Zwitter 
sind, und daß bei Schwund oder Funktionshemmung des dominierenden, den Geschlechts¬ 
charakter des Gesamtorganismus nach außen hin bestimmenden Anteiles der bis dahin 
zurückgedrängte und unbemerkt gebliebene hervortreten, und so eine — nach außen hin 
mehr oder weniger in die Erscheinung tretende — geschlechtliche Umorientierung des 
Gesamtorganismus sich entwickeln bann. 

Wir würden demnach — entsprechend den Bezeichnungen bei anderen Drüsen mit 
innerer Sekretion bzw. Hormonbildung — folgende Entstehungsmöglichkeiten für das 
Krankheisbild der Homosexualität, nach ihren Ursachen geordnet, angeben können: 

Ätiologisches Schema der Homosexualität. 

1. Primäre Atrophie der Zwischenzellen (Z. z.) das charakteristischen (dominieren¬ 
den) Anteils der Keimdrüse (K. dr.) 

b) ohne } se ^ un( ^ Ärer Hypertrophie der Z. z. des rezessiven Anteils. 

2. Primäre Hypertrophie der Z. z. des rezessiven Anteils der K. dr. 

b) ohne } se ^ un ^ ärer Atrophie des charakteristischen Anteils der Z.z. der K.dr. 

3. Funktionsstörungen ohne anatomisch nachweisbaren Befund (Germinosen): 

a) Aufhören der Hormonbildung im dominierenden Anteil, während derjenige 
des rezessiven Anteils bestehen bleibt; 

b) Fehlerhafte Hormonbildung des dominierenden Anteils, die mangelnde 
Neutralisierung des rezessiven Hormons oder Verlust der Einwirkung auf 
die geschlechtsspezifischen Organe bzw. deren Tätigkeit zur Folge hat; 

c) Überfunktion des rezessiven Anteils der K. dr. Die klinischen Folgen er¬ 
geben sich daraus von selbst. 

Diese Theorie gibt aber auch gleichzeitig den Weg zur therapeutischen Beeinflussung 
des Krankheitsbildes der Homosexualität an. "“Beini homosexuellen Mann ist Hoden-, 
bei der gleichgeschlechtlichen Frau Eierstocksgewebe zu implantieren. Im Falle der 
primären oder sekundären Atrophie des dominierenden Anteiles bei gleichzeitiger Hyper¬ 
trophie des rezessiven muß außerdem Kastration erfolgen. Die Implantation muß so 
oft wiederholt werden, nach Resorption des Irnplaotates, bis normale Verhältnisse ein¬ 
getreten sind. — Die Schwierigkeit dürfte vor allen Dingen in der Beschaffung des 
Implantationsmaterials liegen, besonders bei Männein. Da es ja aber nur auf die Zwischen¬ 
zellen ankommt, so könnten auch z. B. Leistenhoden dafür in Frage kommen. Ferner 
könnten mehrere Kranke gleichzeitig versorgt werden, da sehr geringe Mengen Drüsen¬ 
substanz zur ausreichenden Harmonbildung genügen. 


Für die Redaktion verantwortlich: Br. Iwaa Bloch in Berlin. 
km Mare» 4k B. Woben Verlag (Dr. jor. Albert Ahn) in Bon. 
Druck s Otto Wlgand’ache Bnehdrackeral G. m. b. KL in Leipzig. 


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Adrien Tnrel. 


aktiven Lebens, ganz vergleichbar dem herausfordernden Kokettieren einer Frau. 
Denn im Kinde wie im Weibe wie im Neurotiker liegt im Vergleich zum 
normal erwachsenen Mann eine Überentwicklung der feminin passiven Kom¬ 
ponente vor. 

Auch in unserem Fall ergab die körperliche Untersuchung des Patienten 
keinerlei Anomalien, welche die Herbeiführung geregelter Geschlechtsfunktionea 
hatten unmöglich erscheinen lassen. Gleichwohl hat er noch niemals verkehren 
können. Sein allgemeiner Trieb ging sehr stark zum Weibe. In ungefähr 
einem Dutzend von Fällen war er schon mit Frauen in völligen Körperkontakt 
getreten, aber immer, und gewissermaßen krampfhaft, impotent geblieben. 
Heftige Wein- und Lachkrämpfe blieben die einzige Auslösung. Er selbst ver¬ 
meinte homosexuell zu sein, hielt die aus der Pubertätszeit stammende Fixie¬ 
rung auf einen schönen und kräftigen Schulfreund für die einzige große Liebe 
seines Lebens und verwünschte sein Schicksal. Das einzige, was bei ihm eine 
Ejakulation auslöste, war die Vorstellung von Ring- und Gladiatorenkämpfen, die 
er sich während seiner Pubertätszeit als zwischen Knaben, und seit seinem 
19. Jahre etwa als ausschließlich zwischen Frauen sich abspielend beschrieb 
oder zeichnete. 

Im Zusammenhang mit diesen Vorstellungen hat er seit seinem 15. Jahre 
unter den quälendsten Gewissensbissen masturbiert. Zum Minderwertigkeits¬ 
gefühl, welches sich daraus ergab, gesellte sich eine schmerzhafte Schein¬ 
neuralgie des linken Hodens, die lange erfolglos mit Blaulicht behandelt wurde. 
Dazu kam noch ein ganzer Rattenkönig von anderen neurotischen Defekten, von 
denen die einen mehr psychischer, die anderen mehr somatischer Natur zu 
sein schienen: Kopf- und Augenschmerz, Angst vor Erblinden und vor Schwind¬ 
sucht, schwere Schlaflosigkeit, Herzflattem, Schwindel, Migräne, Stockschnupfen, 
Verstopfung, Blähungen, Gliederreißen und eine der seelischen Schwäche und 
Unausgeglichenheit vollkommen parallele Labilität des körperlichen Gleichgewichts. 
Alles dies floß mit Melancholie und verschwommenem Ehrgeiz zu einem völligen 
Minderwertigkeitsgefühl zusammen. 

Was hätte die approbierte Nerventherapie mit einem solchen Gewächs an¬ 
fangen können? Man hätte unheilbare allgemeine Konstitutionsschwäche ange¬ 
nommen, umsomehr als es ein Alterskind war. Für den reichen Neurotiker 
gibt es da Sanatorien, Kurorte, Reisen, Zerstreuungen, milde Betätigung, behut¬ 
sames Hinwegtrotten über die Abgründe. Ist der Kranke arm, so kann es für 
ihn nur gelten, die Zähne zusammenzubeißen und. sich zu bescheiden, es gilt 
für ihn das Kunststück fertig zu bringen, mit ganz verheddertem Innern, wenn 
ich so sagen darf, mit einer chronischen Darmverschlingung im Leibe, tunlichst 
ungekrümmt, brauchbar und heiter durch Beruf und Leben zu gehen. Hier 
kann heute schon die Symbolanalyse segensreich einsetzen in eine weite Lücke 
der übrigen Therapie. 

Schon gleich zu Beginn der Analyse wurde das entscheidende Wort: In¬ 
zestfixierung nachlässig in die Debatte geworfen. Der Patient nahm es 
sehr gelassen ohne Überraschung ebenso wie ohne sittliche Entrüstung hin. 
Diese Spur glaubte er längst als Sackgasse erkannt zu haben. 

Ein Zufall kam uns sehr entgegen. Patient mußte über Winter umziehen 
und bewohnte nun eine Stube, die nach Lage und Anlage vollkommen der¬ 
jenigen entsprach, die er während der entscheidenden Krämpfe seiner Pubertäts¬ 
zeit innegehabt hatte. Dieser Aufenthalt in der Gespensterkammer seiner 
Knabenjahre, die lokale Reiteratur begünstigte heftige Angstzustände und daraus 
erwachsende Traumausbrüche, welche anstatt der sich grell vordrängenden 


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Sexualsymbolik. 


151 


qualvollen Leidenschaft zu seinem Freunde nunmehr das Sterben seines Vaters 
und alle damit zusammenhängenden Vorstellungen unverrückbar in die Mitte 
stellten. 

Die in der Selbstanalyse vom Patienten ausgesprochene Hoffnung, daß der 
durch Jahre wie ein Alb getragene Druck der homosexuellen Liebe zu seinem 
Freunde nunmehr als Irreführung entlarvt und wie ein Kartenhaus zusammea- 
gefallen und erledigt sei, erwies sich als zutreffend: der Bann des Freunde« 
war unwiderbringlich dahin, nicht aber das Motiv der verdeckenden pseudo¬ 
homosexuellen Komponente an sich. Vater Goethe, der ja auch wohl vom 
unseren erbittertsten Gegnern nicht verdächtigt werden kann, die Freudianische 
Seuche kritiklos mitgemacht zu haben, spricht es an irgend einer Stelle aus, 
daß es ein beliebtes Mittel der Schwächeren sei, sich aus dem Haß in die 
Liebe zu flüchten. Wenn er nun noch hinzugefügt hätte, daß es ein ebenso 
beliebter Weg ist, sich aus zensurverbotener Liebe in den Haß zu flüchten, 
dann hätte er den Mechanismus dieser vorliegenden, und aller Neurose über¬ 
haupt, wenn auch etyras einseitig, aphoristisch festgelegt. Denn von Fall zu 
Fall im Laufe der Analysis glaubte unser Patient immer wieder in Jünglinge, 
die seine Lebensbahn gekreuzt hatten, verliebt gewesen zu sein. Und immer 
von neuem löste sich die Scheinliebe in Haß und erbitterte Rivalität auf. Wie 
eine solche Metathesis auf Grund der bisexuellen Veranlagung des Menschen 
in Fällen einer stärkeren femininen Komponente vielleicht sogar fcu dauernder 
Pseudohomosexualität führen kann, das breiter zu erörtern ist hier nicht der 
Ort. Hier sei nur gesagt, daß Patient selber noch lange hartnäckig an dem 
Glauben festhielt, er habe seinen Vater geliebt und seine Mutter ihres schwachen 
Charakters wegen gehaßt und verachtet 

Dementsprechend genügte diese erste Erkenntnis zum Potenzdurchbruch 
noch nicht. In den Tagen tastender und mühsamer Vorbereitung für den 
zweiten Durchbruch begann aber die Libido bereits von oben nach unten ab- 
zuwandem, die Bauch- und Beinpartien gewannen an Bedeutung und das 
zentrale Symbol des Frauenringkampfes begann sich in seine Bestandteile auf¬ 
zulösen. 

Unter Übergehung minder wesentlicher Berichte schreite ich sofort zur 
Wiedergabe des Haupttraumes der ganzen ersten Periode. 

Bericht: Krisis geht ungelöst fort. 

Es ist am Nachmittag in unserem Eßzimmer. 

Kopfschmerz, Erschöpfung, Nebel und Herbst, schweres Heimweh in die Ver¬ 
gangenheit 

Ich denke an meine Augenschmerzen, an meine quälende Furcht vor Erblindung 
m früheren Jahren. Weil mein Bruder mich mit einer Kelle ins Auge geschlagen hatte, 
fürchtete ich immer den Star zu bekommen, wie mein Vater, der nur noch ein Aage 
hatte, am Star zu erblinden fürchtete. Als Kind sah ich im Dunkeln weiße, schwimmende 
Pflaumengebilde. Später, in der Pubertätszeit alle Augenblicke heftige Migräne, mit 
einem zuckenden, grell weißgeäderten Feigenblatt mitten im Gesichtsfelde und mit wüstem 
stundenlangem Erbrechen. Abends in Erschöpfungszuständen seltsam wogende, hellgrau« 
Würste, ein Gefühl vom Schwellen der eigenen Gliedmaßen und des Hirns. Wahn¬ 
sinnsgefühl. 

Verse gehen mir durch den Kopf. Von Conrad Ferdinand Meyer: 

Wie nahe die Flut ich fühle, 

Als wär’ ich drein versenkt. 

Aus Gustave Flauberts Versuchung des heiligen Antonius: 

Möchtest du nicht wie in Fluten ins weiche Fleisch der brünstigen Frauen versinken? 

Ich fühle mit einer Art dumpfer Wut, wie meine Mutter mir bei aller Erotik immer 
lustraubend nahe war. Denn immer empfand ich, namenlos beschämend, ihre zur Rein¬ 
heit mahnende Gegenwart, ohne daß sie mich von irgend welchen M&sturbationsexzessen 
hätte abzuhalten vermocht Sie würzte nur alles mit Bitternis. 

12 * 


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Adrien Turel. 


Während dieser Überlegungen schlafe ich am Eßzimmertisch ein. Ich träume 
einen kurzen Traum: Ein dämmernder, weiter Saal. Neben mir steht mein Bruder. 
Vor mir bewegt sich etwas, was ich nicht deutlich sehe. Ich jauchze laut auf: „Nun 
wird es sich ja zeigen, was es eigentlich ist.“ Unweit von mir, auf einem Postament 
oder auch halb in der Luft schwebend erstarrt das Verschwommene zu einem kerzen¬ 
gerade aufrecht stehenden Bildwerk. Es sieht aus wie eine Mumie oder wie ein Wickel¬ 
kind, wie eine ägyptische Frauengestalt oder wie jener archaische dorische Apollo, der * 
mit geschlossenen Beinen und mit weit aufgerissenen Augen so leblos lächelt. Die 
Traummumie vor mir lebt. Mit stillen Händen schlägt sie windelartige Tücher vor ihrem 
Leibe auseinander. Man sieht den Bauch eines Weibes, ganz deutlich die Genitalien. 
Durch eine seltsame optische Verschiebung geht es wie ein Rollen durch den Körper, 
Nabel und Vagina rücken in die Mitte des Bewußtseins und schwellen vor. 

Wie ich aus diesem Traum erwachte, war mir übel vor Wehmut. Kopfschmerz 
betäubt mich. Ich habe das Gefühl, als wäre mein Leib gespannt wie ein Faß. Auf 
dem Sofa hockend und frierend schlafe noch zweimal wieder ein. 

Der Gedanke verfolgt mich, daß es mit den Trauminterieurs, die ich mir Nacht für 
Nacht aufbaue, irgend eine bestimmte Bewandtnis haben muß. Ich raffe mich auf und 
beschließe, meine Mutter doch endlich zu bitten, mir zu beschreiben, was für eine Ein¬ 
richtung in der Wohnung stand, in der ich geboren wurde. 

Ich gehe zu ihr, sage aber nicht das, was ich ursprünglich sagen wollte; frage 
vielmehr, gegen inneren Widerstand: „Mama, zeichne mir doch mal den Grundriß 
der Wohnung auf, in welcher ich zur Welt gekommen bin.“ 

Sie sagt: „Gern“ und nimmt Bleistift und Papier: „Siehst du“, sagt sie im 
Zeichnen, „es war eine merkwürdige Wohnung, mit zwei Schichten von Stuben ohne 
Korridor dazwischen. Die Hinterzimmer hatten keine Fenster. Durch Glastüren er¬ 
hielten sie den Tagesschein aus den Vorderzimmern. * 

Ich sah meiner Mutter mit seltsamer Erregung zu. Ich fühlte: das ist das 
Wichtige. Meine Augen und mein Geist fixierten sich mit schmerzhafter Anspannung 
auf den Plan. Das blieb den ganzen Abend so. Wir bekamen Gäste, aber ich blieb 
unnahbar, starr und geistesabwesend. Ich las noch die letzten Briefe Nietzsches an 
Overbeck. Die grausige Selbstschilderung des Ahnungslosen, wie der Messiasgrößenwahn 
und dann die Dämmerung über ihn kommt. Mir treten. Tränen in die Augen. Dabei 
fällt mir ein, daß ich immer nur über mein eigenes Unglück weine, und auch da nur 
über meine Impotenz, sonst über nichts, auch über die schwersten Rückschläge nie. Ich 
habe das Gefühl: Nietzsche ist mein Leidensgenosse. 

Ich beginne zu frieren und zeige Merkmale einer nahenden Influenza mit Glieder¬ 
reißen und Kopfschmerz, weigere mich aber (wie immer, da ich aus einem dunklen 
Prinzip stets erwarte, daß -es sich von innen her löst und nicht durch das Eingreifen 
eines deus ex machina), etwas einzunehmen. Ich gehe zu Bett, will masturbieren* 
schlafe aber darüber ein. 

Kurz nach 6 Uhr früh habe ich dann den folgenden Traum gehabt: 

Schauplatz: Unsere jetzige Wohnung, und zwar meine eigene Schlafstube als E߬ 
zimmer eingerichtet, oder auch das Eßzimmer in der Wohnung meiner Kinderjahre, dazu 
die Straße vor unserem Hause. 

Personen: Meine Mutter, ich, eine kleine zierlich gebaute Dirne, vielleicht meine 
Schwester. Dazu kommt ein „Graf“, der aber ganz im Hintergründe bleibt. 

Mit Mutter und Schwester sitze ich am Frühstückstisch. Es ist davon die Rede, 
daß in dem großen grauen Hause quergegenüber sich ein Graf eingemietet hat, der 
imi»erfort herüberschaut. Man weiß überall, er ist in irgend einen Einwohner unseres 
Hauses verliebt. Man zerbricht sich aber den Kopf darüber zu wissen, in wen. Meine 
Mutter sagt: „Ich möchte wissen, an wen er hängt.“ Ich schaue sie dabei an und sehe 
ihr Gesicht ganz genau. Sie lächelt strahlend siegesgewiß, aber doch leonardesk. Es ist 
völlig klar, daß sie sich nur verstellt. Sie weiß ganz genau, daß sie das Objekt des 
„Grafen“ ist, daß er sie liebt. Plötzlich kommt der Gedanke in unserer Mitte auf: Der 
Graf hängt sich nicht nur zum Fenster hinaus, um herüberzu starren, er hat sich auch 
hinausgestürzt. Er hat Selbstmord verübt. Typisch für unseren Familiencharakter geht 
man nun nicht Erkundigungen holen, sondern streitet sich unter Heraufbeschwörung 
prinzipieller Anschauungen herum. Dann bricht es ab. Mit meiner Schwester trete ich 
nun unten aus dem Torweg. Da sehen wir drüben vor dem grauen Hause einige Menschen 
versammelt und am Boden etwas wie einen flachen Haufen Lappen, wie eine Blutlache* 
als wenn jemand sich stark erbrochen hätte. Meine Begleiterin sagte traurig nickend* 
ja, ich wußte wohl, daß er sich töten würde. 

Hier brach es ab und ich erwachte. Ganz gegen meine Gewohnheit lag ich flach 
auf dem Rücken, die Knie und Knöchel zusammen, die Hände an den Seiten, den Hinter- 


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Sexaalsymbolik. 


157 


köpf scharf in das Kissen gedrückt Genau wie die Mumie vom Traum am Tische, oder 
wie ein Wickelkind. 

Der Gedanke kam mir, das Bewußtsein vielmehr: „Du liebst deine Mutter. Du 
liebst deine Mutter. Du wirst Selbstmord verüben müssen. Darum wird dir auf jeder 
Leiter schwindlig, weil du das Gefühl hast, du müßtest dich hinunterstürzen“. . . . Hierbei 
überwältigte mich solche Qual, daß ich laut aufstöhnte. 

Ich dachte: „Das wird Mama im Nebenzimmer hören.“ Dann fiel mir wieder 
ein: „Es ist ja Nacht, da ist meine Mutter gar nicht nebenan, sondern hinten in der 
Schlafstube und schläft.“ Mir fiel ein: „Wenn ich stöhne und schreie, soll es immer 
meine Mutter hören, ich will sie stören. Ich rüttle an ihrer kühlen Seele. Ich reize 
sie, auch im Wachen, es ist mir ganz gleich, ob sie mich liebt oder haßt, ich Will sie 
um jeden Preis in Wallung und mit mir beschäftigt sehen ... Es ist immer so ge¬ 
wesen, du hast immer nur geschauspielert und die Aufmerksamkeit deiner Mutter er¬ 
zwingen wollen. Als winziges Kind schon, wenn ich vom Spielen im Garten fortwährend 
mit künstlich ausgeheckten Sachen zu ihr ins Haus rannte, alles verlor, damit sie es mir 
immer von neuem geben mußte und unvermittelt, unter den fadenscheinigsten Vor¬ 
wänden in verzweifelte Tränen ausbrach. Aber sie blieb mit ihren Sinnen fremden 
Leuten zugewandt .... Und immer kam mein Vater dazwischen.“ Hier stockte es 
einen Augenblick. Wieder zerbarst eine analytische Schicht und wie eine Säule stieg 
<ler Gedanke empor: „Mein Vater ist ja auch in einem Anfall von Wahnsinn zum 
Fenster hinausgestürzt und wenige Tage darauf gestorben .... Ich habe meinen Vater 
zum Fenster hinausgeworfen. Nein, die Treppe hinunter, schon als Kind. Darum 
fürchtete ich mich immer so, wenn Papa mich in der Scheune die Treppenleiter hinauf¬ 
führte. Ich dachte immer: er wird nicht richtig aufpassen und mich fallen lassen. Ich 
mochte fünf oder sechs Jahre alt sein, als ich hörte, wie ein ganz entfernter Bekannter 
von uns in einem Hotel in betrunkenem Zustande von der Treppe hinabgestürzt und tot 
liegen geblieben sei. Das machte einen ungeheuren Eindruck auf mich. Hartnäckig und 
unwillkürlich übertrug ich den ganzen Vorgang auf unser eigenes Treppenhaus ünd be¬ 
trachtete es ebenso wie die kleine Wendeltreppe, die aufs Dach zur Sternwarte meines 
Vaters führte, nur noch mit heiliger Scheu. Ich sah mich im Dunkeln auf allen Vieren 
herumkriechen, mein Vater bemerkte mich nicht, trat mir schwer auf die Hände und 
stolperte über mich die Treppe hinunter.“ 

Bei all diesen Halluzinationen lag ich noch ganz unbeweglich auf dem Rücken, 
lange Wellen von Gänsehaut rieselten mir vom Kopf bis zu den Füßen. Tränen flössen 
mir aus den Augenwinkeln in die Schläfenhaare, aber ich konnte sie mir ebensowenig 
abwischen wie ehemals den Schweiß, der mir vom Gesichte floß, wenn man mir als 
Kind stundenlang nasse Umschläge machte. Dahinter noch dämmerte mir ein ganz hilf¬ 
loser Wickelkissenzustand. Immerfort stöhnte ich nach meiner Mutter, aber sie kam 
nicht. Einmal über das andere sah ich die Tür auf gehen und mein Vater drängte sich 
herein, zwischen uns. Ich haßte und fürchtete ihn. 

Ich wußte wohl, schon mehr als einmal hatte ich in diesem Wickelkissenstarrkrampf 
so gelegen, wie gefesselt, und verzweifelt geweint, wenn ich eine Frau hatte lieben wollen 
und dazu nicht imstande gewesen war. 

Plötzlich, ganz unvermittelt, fiel mir der „gröhlende Prolet“ ein. Vor fünf Jahren 
etwa, kurz nach dem Abiturium, lernte ich einen jungen Bildhauer kennen, der mich 
interessierte und zugleich sehr nervös machte, offenbar weil ich bei ihm gaoz ähnliche 
Schmerzen witterte wie bei mir selbst. Er modellierte eine Büste von mir. Dabei 
packte mich ein dunkler Drang, es auch mit der Bildhauerei zu versuchen. Ich bat ihn, 
mir einen Tonklumpen zu geben, da ich kneten wolle. Er ging darauf ein, sehr bereit¬ 
willig, aber nicht ohne einen Anflug von spöttischem Zweifel. Zu Hause angelangt, legte 
ich meines Bruders Reißbrett auf den Tisch, haute den Tonball darauf und ging ohne 
Überlegung, ohne jedes Zögern und Schwanken ans Werk. Ich stellte einen Spiegel zu¬ 
recht, nahm Schlips, Kragen und Hemde ab und begann zu modellieren. Ohne Eitelkeit 
oder Idealisiersucht, mehr noch, ich porträtierte gar nicht, ich benutzte meinen Kopf 
nur als anatomischen Leitfaden und knetete etwas wie einen römischen Plebejer mit 
dickem Kopf auf ganz kurzem gedrungenem Halse. Der Mann hielt nicht still, mit völlig 
und gemein linksseitig verzerrtem Maule schien er ludenhaft zu gröhlen. Mir schwebte 
etwas wie ein Demagoge vor, der einen aufreizenden Schlachtruf in eine Menschenmasse 
hineinschrie. Dementsprechend nannte ich die Büste den „gröhlenden Proleten“ und war 
nicht ganz ohne Recht sehr stolz darauf, denn sowohl mein Bruder als mein bildhauern- 
der Freund fanden sie bei aller Roheit und anatomischer Ignoranz lebendig und begabt. 
Ich dachte nun sofort, daß meine Mutter sich außerordentlich über dieses Produkt meiner 
Schöpferkraft freuen müßte. Ich führte sie also davor. Aber zu meiner tiefsten Ver¬ 
blüffung zeigte sie vor dem Gebilde, das ich mit Stolz und Befreiung betrachtete, alles 


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Adrien Turel. 


andere als Freude. Ekel vielmehr und erbitterte Ablehnung. Sie wurde ganz bleich und 
verstört, erklärte es für eine Schweinerei, dergleichen zu machen, ich solle meine Zeit 
auf nützlichere Sachen verwenden. In der Nacht träumte sie davon und kam auch in 
der Folge nur mit Haß und Verachtung darauf zurück. Mir erschien dieser Ausbruch 
hysterisch und unnatürlich, völlig unnatürlich. Ich versuchte, mir über den psychischen 
8toß hinwegzuhelfen, indem ich meine Mutter für unzurechnungsfähig und für von 
Kindeshaß verfolgt erklärte. Das war keineswegs ganz falsch, darüber aber vergaß ich 
ganz, daß ich von einem ebenso unnatürlichen Mutterhasse besessen war. Trotz äledem 
ist diese intensive Ablehnung der Büste von seiten meiner Mutter zum großen Teil der 
Anlaß dafür gewesen, daß ich den Proleten weder abgießen noch auch photographieren 
Meß. Er dörrte ein und zerbarst allmählich. 

Alles dies ging mir blitzartig während der Selbstanalyse durch den Kopf. Ich sah 
die Tonbüste vor mir stehen. Plötzlich geschah etwas ganz Unerwartetes. Ich oder 
jemand anderes kippte den Kopf nach hinten um, daß er wie der Schädel eines Säug¬ 
lings auf einem Kissen lag. Und ich sah mich selbst als kleines Kind mit linksseitig 
verzerrtem Munde brüllen. Ich hatte Krämpfe, Schaum und Speichel sickerte mir aus 
den tief herabgezogenen Mundwinkeln. Diese Brechkrämpfe habe ich nun wirklich ge¬ 
habt Infolge einer Brusterkrankung meiner Mutter erbrach ich ihre Milch einmal über 
das andere. Daneben litt ich an schwerem Durchfall. 

Die Diarrhöe wich später einer ständigen Neigung zur Verstopfung, aber das wütende 
Erbrechen stellte sich in der Pubertätszeit wieder ein und ist bis jetzt ein störendes 
Gebrechen geblieben. Gleich nach dem Tode meines Vaters stellten sich zugleich mit dem 
reuevollen Masturbieren mit Hodensperrung und späterer Scheinneuralgie des linken 
Hodens sehr häufige Migräneanfälle ein, die mit stundenlangem Erbrechen verbunden 
waren. Gleichzeitig trat Herzflattern ein, Schwindel und eine große Labilität gegenüber 
dem Alkohol. Während ich früher bis zu drei Flaschen Wein bei strahlender Laune 
vertragen hatte, wurde ich jetzt, besonders in Zuständen erotischer Spannung, von einigen 
Gläsern aus dem mühsamen Gleichgewicht geschleudert und wie ein Bündel Lappen in 
infantilem Brechkrämpfen auf den Teppich geworfen. Ich sage auf den Teppich, weil ich 
durchgehend den wie man sagen möchte, perversen Trieb hatte, mich mit diesen Anfällen 
im Salon, in öffentlichen Lokalen, vor meiner Mutter oder vor anderen geliebten Frauen 
unmöglich zu machen. Gegenwärtig kann ich es nur als eine Dostojewskysche Selbst¬ 
entwürdigung auffassen, als eine brutale Regression in die Kindheit, als einen Ausbruch 
des stets verleugneten Grundtriebes, der nach der Mutter schrie. 

Diese Entwicklung wurde durch die unglückliche Veranlagung meiner Mutter sehr 
begünstigt. Sie hatte uns wohl immer sehr geliebt. Aber aus einer neurotischen Be¬ 
lastung, die ich wohl teilweise von ihr geerbt habe, heraus, war sie asketisch kühl r 
selbstquälerisch und immer in Nebel gehüllt mit kalten verschleierten Augen. Je mehr 
sie mich nun mit sich selbst identifizierte, desto mehr duckte sie mich, wie sie sich 
selber duckte, wandte sich von meinem Schicksal wie gleichgültig ab und fremden 
Menschen zu. Nur wenn wir krank waren und litten, brach ihr abgedrosseltes Gefühl 
vorübergehend elementar hervor. Und so wurde wohl von Anbeginn bei mir die Neigung 
groß gezogen (und alledem kam wohl eine starke feminine Komponente entgegen), mich 
in eine infantile, hilflose Lage zu versetzen, um ihre Teilnahme auf diese Weise zu 
erzwingen. 

Der 8puk, der mich während der Selbstanalyse umgab, erreichte jetzt erst seine 
volle Höhe. Unter dem Bette saß jemand, der nach meinen Gliedern hascht, sobald ich 
sie unter den Decken hervorstreckte, nebenan schlürfte jemand in Pantoffeln herum, die 
Tür und die Wände sogar taten sich auf und überall her huschte es von kleinen, 
tückischen Männchen, die mich verspotteten und erdrosseln wollten. Aber ich war immer 
weniger in der Stimmung, mich vor ihnen zu fürchten. Ich stach in die Gespenster 
hinein, rief sie an und sie nannten ihren Namen. Es war überall der Vater, die Eltem- 
autorität, die ungeschickt und nörgelnd, manchmal sehr drückend, über meinem fein- 
»ervigen und reizbaren Kinderleben gestanden hatte. u 

Soweit der Bericht des Patienten. Er fällt in die dritte Woche der ana¬ 
lytischen Arbeit. Der Heftigkeit des Ausbruchs entsprechend, war die Befreiung 
•ine» ungemeine. Mehrere Phobien, wie der Schwindel, das verfolgende Männchen 
und dergleichen brachen zusammen und tauchten nur selten wieder auf, um 
rasch in nichts zu verebben. Und etwa 8 Tage später erfolgte bereits der 
Potenzdurchbruch in drei Absätzen: das erste Mal lange cunnilinctio mit 
Erektion ohne potentia coeundi, das zweite Mal stundenlange actio coeundi 
ohne Ejaculation, das dritte Mal zweimaliger coitus per actus. 


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Sexaalsymbolik. 


159 


Damit war der Kranke natürlich aus dem Allergröbsten heransgehauen, 
aber eben nur aus dem Allergröbsten, denn die Kulminationsspitzen'Seines neu¬ 
rotischen Symbolgebäudes ■waren wohl erfaßt, aber der innere Mechanismus 
war noch nicht genügend erkannt, und vor allen Dingen ist nach so kurzer 
Zeit das Hirn auch noch nicht gewöhnt, die Symbolik, wo sie auftaucht, richtig 
aufzulösen. Denn die Gesundung von erotischen Zwangsvorstellungen, d. h. 
nach Beseitigung der Haupthemmungen die Fähigkeit, die vasomotorischen Schal¬ 
tungen richtig zu beherrschen, ist Sache der Gewöhnung kaum weniger als 
der Erkenntnis und des Willens. Daher möchte ich, ehe wir zur theoretischen 
Formulierung übergehen, noch etwas weiter den Heilungsgang der betreffenden 
Neurose mit Ihnen verfolgen, um so mit dem Kranken zugleich in immer tiefer 
gelegene Schichten der Symbolerkenntnis zu dringen. Sodann ist das bisher 
Erreichte schon deshalb nicht ausreichend, weil es nicht genügt erfaßt zu haben, 
daß man zu einer gewissen Zeit seines Lebens den Vater gehaßt hat, den man 
immer geliebt zu haben wähnte. Man muß die eigentlichen traumatischen 
Knoten, die realen Anlässe und Anknüpfungspunkte dieses Hasses auffinden. 
Und das ist in unserem Falle bis jetzt noch nicht geschehen. Der Fenster¬ 
sturztraum hat uns nur die Oedipusgefühle des Kindes offenbart, ohne daß 
bisher irgend etwas in dem Betragen des Erzeugers diesen ungeheuren Grad 
der Feindseligkeit zu rechtfertigen oder auch nur zu erklären vermöchte. 

Der Kranke war zur Erkenntnis der Wurzel seines Vaterhasses gelangt 
Auch dieses Stadium genügt aber noch keineswegs. Die menschliche Gesell¬ 
schaft hat vollkommen Recht, wenn sie einen Menschen nicht für voll aus¬ 
gereift und daher auch nicht für vollwertig und zuverlässig hält, der sein 
Leben lang auf der Stufe promethidenhaften Trotzes gegen jede Autorität stehen 
bleibt, wie sie für die Neurose durch den unbedingten Vaterhaß repräsentiert 
wird. Das ist die juvenil draufgängerische Periode des Pubertätsdurchbruchs 
zum autonomen Manne. Sie muß durchgemacht werden, aber sie muß auch 
überwunden werden. Nicht nur vom gesellschaftlich-bürgerlichen, sondern auch 
vom höheren analytischen Standpunkte aus. Es ist einfach Unsinn, daß irgend 
ein Mensch unverkrüppelter seelischer Funktionen seinen Vater von Grund aus 
hassen kann. Das Virile an ihm mag sich gegen diesen ersten und eindruck¬ 
vollsten Vertreter zermalmender Autorität auflehnen. Aber gerade wir Freudi- 
aner, die wir mit der ursprünglichen fundamentalen Bisexualität jedes Indivi¬ 
duums rechnen, dürfen das dritte Drittel jedes Mannes, das Weib in ihm nicht 
vergessen. Diese feminine Komponente, die sich schmiegen, gehorchen will, 
die geleitet und befruchtet sein will, liebt den Vater und verachtet in eben 
dem Maße die hilflose Schwäche der Mutter. Auf diesen Punkt aber, den ich 
als Kern und Mitte dieses meines Vortrages betrachte, werde ich gegen Schluß 
noch einmal zurückkommen. Vorläufig wollen wir unseren Kranken noch ein 
Stück weiter auf seinem Wege zur Lösung und zur Reife begleiten. 

Traumbericht: Voller Neid anknüpfend an den Roman, der vor längerer Zeit von 
Alexander Castell im Tageblatt erschienen ist. Wir sitzen auf der Veranda und haben 
Kapaunen gegessen. Ein sehr alter, reichlich seoiler Herr aus unserer Bekanntschaft 
ist auch dabei. Meine Schwester aber nicht. Der Braten war saftig, ich habe nicht 
essen können, ohne mir alle Fröger dabei in widerlicher Weise mit brauner Tuoke zu 
beschmutzen. Dann gehe ich hinaus auf die Veranda und lese den Roman im Tageblatt 
Das Papier fällt mir etwas auf. Es ist grau wie Kriegspapier, aber auch wie das Käse¬ 
blättchen grau war, welches mein Vater während meiner Kinderjahre hielt. Es ist der 
Anfang des Romans. Es wird eine albern geiststreichelnde Zustandsschilderung gegeben. 
Es ist von einer adligen Dame die Rede, die offenbar nicht sehr adlig ist, denn alle Be¬ 
zeichnungen, die sich auf sie beziehen, werden in spottender Übertreibung in lauter großen 
Anfangsbuchstaben gegeben. Es wird da erzählt, daß Frau Sixt von Arnim (ich weiß im 


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Adrien Turel 


Traume genau, daß sie gar nicht Sixt von Arnim heißt, suche aber krampfhaft den Namen 
herauszulesen) irgend etwas getan hat, was mir spurlos entfallen ist Sie wird als etwas 
bezeichnet was mit lauter Initialen geschrieben wird: MAMA, MAMMA, MAMERTINA, 
MAMMOSA, MUMUR, MULIER, MUMU. Ich lese das und denke: Wie namenlos 
dumm der Kerl ist, wie eitel auf seine Witzchen. Hat er doch, während die ganze 
übrige Zeitung in Fraktur gedruckt ist seinen ganzen Roman in Antiqua setzen lassen, 
wie ich genau weiß, nur um seine Wortspielereien anbringen zu können. Denn das 
empfinde ich mit aller Bestimmtheit, schon im Traume, daß es in Fraktur nicht so ge¬ 
gangen wäre, weil dabei die gesuchten Wortbilder (gesucht!) nicht so scharf hätten her¬ 
vortreten können. Und nun, sage ich mir schadenfroh, ist doch alle Mühe umsonst 
Was dabei herauskommt ist nichts weiter als eine Beschimpfung, Mumu wird die Frau 
geschimpft also als eine Kuh. u 

Soweit gebe ich den Traum, der sich dann noch eine Weile in hand¬ 
greiflich deutlichen Verbindungen von Greisen, Frauen und Kapaunen ergeht 
Sofort wurde bei der Analyse klar, daß der Kern des Ganzen eben in den 
Wortsymbolen steckte, zu deren Unterbringung der Traum konstruiert war. 
Die Wortbedeutungen selbst sind ja schon durchsichtig genug: Mama gleich 
Mutter, Mamma gleich Amraenbrust gleich Busen, Mammosa gleich die Schwer- 
busige, Mamertina (Mamertiner gleich abgedankter Soldat, gleich Söldner, gleich 
Fechter, gleich Gladiator. Die Mamertiner waren Leute, die für die Ent¬ 
stehung des ersten punischen Krieges Bedeutung gewannen, indem sie keck 
und auf eigene Faust gegen die Karthager auf Sizilien vorgingen und dann von 
den Körnern unterstützt wurden). Dazu ist dann das Femininum Mamertina 
gebildet, wie der Kranke zu seinen Lustvorstellungen aus dem Juvenal das hapax 
legomenon gladiatrix ausgegraben hatte (Femininum zu Gladiator). Dann Mumur 
und Mumu, wovon der Träumer unter der Schmuggelmaske der Ironie bereits 
festgestellt hatte, daß es ein Kuhmuhen andeute. Aus dem ganzen Komplex also 
schält sich zunächst ganz einfach und fast überdeutlich der Grundbegriff Amme, 
mit im Kampf oder Arbeit wogenden schweren Brüsten. Sie besinnen sich 
vielleicht, daß ich ganz einleitend gesagt hatte, die einzige Ejakulation er¬ 
zeugende Vorstellung unseres Kranken sei vor Beginn der Analysis Frauenring¬ 
kämpfe oder Kämpfe weiblicher Gladiatoren gewesen. Nun verkehrte er aber 
bereits ganz normal. Wie konnte da diese Duellvorstellung ihre Symbolwucht 
für ihn behalten? Sie mußte offenbar an starke, noch unentdeckte Libido¬ 
quellen seiner ersten Kinderjahre geknüpft sein. Die Lösung dieser Fexier- 
bilder, dieses Wort- und Buchstabenspiels mußte uns also auch auf dem Wege 
der Heilung beträchtlich weiterbringen. Die Lösung verbarg sich hinter den 
Buchstabenbildern. Besonders der Buchstabe M erwies sich als für unseren 
Kranken bis zum Bersten mit Symbolwert gefüllt Kehrte er es um, so bekam 
er ein W. M war Mann, zugleich zwei Beine mit dazwischen herabhängendem 
Penis. W war Weib, mit verworrenen Vorstellungen von Pfählung, Begattung, 
Schwanz und hermaphroditischem Penis. M gleich Mann war das umgekehrte 
von W gleich Weib, das Antipodon, das Polare, verbunden mit Vorstellungen von 
Tauziehen, Ringkampf, Geschlechtskampf. Er nahm einen Bleistift und zeichnete 
eine Kuh, von vorne gesehen breitbeinig mit zwischen den Beinen herabhängen¬ 
den Eutern und mit drohend zum Stemmen und Stoßen gesenkten Hörnern. 
Nicht ohne Bedeutung machte er das Tier so unförmig breit, denn sofort 
knüpfte sich für ihn der Gedanke an einen Champagnerpfropfen daran, sodann 
an die Flasche selber, als an etwas Schwangeres, zum Platzen Gefülltes, zu¬ 
gleich ein Phallussymbol. Aber sofort verwandelte sich das M weiter. Es 
glich nun einem Amboß, einem wichtigen Bilde für seine Jugend, und dann 
wiederum einem Hackeblock, wie sie zum Holzzerkleinern gebraucht werden. 
Auf einem solchen hatte sein Vater Kleinholz gemacht und auch er hatte mit 


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Sexaalsymbolik. 


161 


einer winzigen Axt mit Feuereifer darauf arbeiten dürfen. Aber niemals hatte 
dieser Eifer lange angehalten. Denn die Neurotiker verrichten ja keine Arbeit 
um ihrer selbst willen, auch nicht um der körperlichen Betätigung willen, sondern 
immer nur als symbolische Abreagierung irgend eines Komplexes. Sobald sie 
die Katharsis der betreffenden Zwangsvorstellung gefunden haben, sobald sie 
also in unserem Falle genug Widersachern den Hals auf dem Blocke abge¬ 
hackt haben, wenden sie sich mit Ermüdung, mit Ernüchterung, ja mit Ekel 
•davon ab. Man kann geradezu hier das Wort anwenden: post coitum omne 
•animal trieste. Denn es liegt zwar kein coitus, aber doch ein paroxysmaler 
Ausbruch mit darauffolgender Erschlaffung vor. 

Nun kam aber erst die Hauptsache: Der Selbstanalysierende schrieb 
weiter: 

„Die Kuh könnte auch ein stoßender Bulle sein, wie ich sie immer sehr gefürchtet 
habe. Das M ist also ein doppelwertiges Symbol M plus W; immer Frauenschenkel, 
Mutterschenkel oder Arme mit dazwischen hängenden Brüsten, Männerschenkel mit da¬ 
zwischen ragendem Penis. Butterei, Molkerei, Waschküche, meine Mutter dort mit hoch¬ 
gekrempelten Ärmeln, stark erhitzt am Waschkübel, während ich sie sonst fast immer 
kühl und sehr zurückhaltend sah. Hier trat sie mir erregt und sinnlich nahe. 

Zu bemerken ist am hierhergehörigen Bilde vor allem, daß die Beine einfach weg¬ 
bleiben, nur ais Dame ohne Unterleib ragt die weibliche Figur aus dem Kübel. Ganz 
wie ich bei den Frauen ringkämpfen den Unterleib fast vergaß und nur Arme, Brust und 
Kopf betonte. 

Mit dem Kuhsymbol verknüpft sich außerdem offenbar auf das allerstärkste die 
Erinnerung an die einzige Schwester meines Vaters, an die ich als an sein weibliches 
Spiegelbild stark fixiert war. Mit dieser Tante hat meine Schwester wiederum eine ganz 
ausgesprochene Ähnlichkeit. Diese Tante, die nach dem Tode ihres Mannes in rabiater 
Aszese lebte und meinen Vater immer abwechselnd liebte und verwünschte, hat eine 
geradezu unsinnige erotische Furcht vor Kühen. 

Des weiteren knüpfen sich an die Kübel-Vignette hier zum ersten Mal auftauchende 
Erinnerungen an ein Baden meines jüngeren Bruders und meiner Schwester durch meine 
Mutter in einem großen hölzernen Trog, der auf Schemel gestellt wurde, weil ihr beim 
Bücken leicht die Nieren schmerzten. 

Ich bekomme also folgende Reihe: Badekübel, Waschkübel, Bruder und Schwester 
•durch die Mutter gebadet, eifersüchtiges Beiseitestehen meiner Person, Ring, Kampfring, 
Frauen ringkam pf. 

Bruder contra Schwester, ich contra Bruder, ich contra Schwester, Mutter contra 
Vater, ich contra Vater, ich contra Mutter, ich contra Weit und Staat, Mutter contra 
Weib, Mann in mir gegen Weib in mir. Und aus diesem Hexenkessel im Widerspiel 
löst sich alles in Wohlgefallen auf. u 

Soweit geht die Analysis. Ich muß nun gestehen, daß ich nicht ohne 
■eine gewisse Hochachtung eine der großen steifen M-Initialen betrachten konnte, 
aus denen der Kranke da ganze Komplexe seiner Kindheitsvorstellungen 
ins Bewußte heraufgehaspelt hatte. Wie viel Seiten hätte er mit Text voll¬ 
schreiben müssen, um den hier nur an gedeuteten Vorstellungsinhalt auszu- 
Bchöpfen, den diese vier Striche in ihm auslösten. Besser als aus irgend einer 
Ästhetik schien mir hier Bedeutung und Wesen des künstlerisch religiös neuro¬ 
tischen Symbols einzuleuchten. Wir müssen es vor allen Dingen als eine 
gewaltige Kurzschrift des Denkens betrachten, im Vergleich zu deren Lapidarität 
unsere kühnsten Stenographien breit und behäbig sind. An dieser Stelle sei 
mir gestattet, an ein wichtigstes Analogon aus der Sprachforschung hinzudeuten. 
Dieselbe Definition wie für das Symbol im allgemeinen läßt sich auch für das 
Wort in der Sprache geben. Nehmen wir das deutsche Wort „Wehrgeld“ d. h. 

Manngeld“, das Geld nämlich, welches man zur Sühne für die Ermordung 
eines Mannes zu entrichten hat, dazu das Wort „Wehrwolf 4 gleich „Mannwolf', 
dann die „Wehr“ gleich „Waffen“, das „Wehr“ gleich „Damm“ „Werra“ der 
^^Crieg“, im Französischen „guerre“, „loupgarou“, „se garer“, im Lateinischen 


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162 


Adrien Turel. 


„vir“ der waffenfähige, zeugungskräftige Mann, der eine Familie schaffen, er¬ 
nähren und schützen kann, ferner „vallum“ gleich „Wall“, „vallis“ gleich Tal. 
Alle diese Abwandlungen leiten sich von einem sanskritischen Urwort vri oder 
var ab, das so viel wie zeugungskräftiger Mann bedeutet. Die Gesamtheit der 
zitierten, scheinbar in ihrer Bedeutung so weit auseinandergehenden Worte der 
modernen Sprachen erblühen und verzweigen sich also ursprünglich aus einer ein¬ 
zelnen Wurzel. Das Wort erscheint uns also hier greifbar deutlich als ein frucht¬ 
bares Symbol, das den überdeterrainierten Kreuzungspunkt verschiedener Gedanken¬ 
reihen bildet. Denn wer das Wort „Wehr“ ausspricht, sagt wehrhaft schützende 
Mannesbrust, wer „vallum“" sagt, sagt auch „vallis“, „Wellenberg“ und „Wellen¬ 
tal“, Schwert und Scheide, Pyramide und Trichter, Positive und Negative, 
Penis und Vagina. Diese Überdeterminierung jedes Wortes kennt man längst, 
aber statt sie im angedeuteten Sinne auszubeuten, jammert man in Grammatiker¬ 
kreisen über die Verschwommenheit, über die Unfähigkeit des Wortes, einen 
festen Begriff scharf zu umgrenzen. Man hat verabsäumt, vom Worte aus die 
Gedankenbrücke zu schlagen zum künstlerischen Symbol einerseits und anderer¬ 
seits zum Buchstaben. Denn der Buchstabe hat sich ursprünglich ja gleichfalls 
aus zeichnerischen Symbolen entwickelt, ist dann mein erstarrt und hat die 
lebendige Vieldeutigkeit an das Wort abgetreten, das auch noch in unserer 
Sprache je nach Satz und Sinnzusammenhang flüssig und vieldeutig ist, pro- 
theisch wechselnd wie die Figuren, aus denen sich unsere Träume zusammen¬ 
stellen. Auch das Wort also ist ein Symbol, eine verblaßte Abart dieser ur¬ 
sprünglichsten und lapidarsten Form der Gedankenübertragung, die nicht die 
Begriffe Tropfen um Tropfen in den Hörer hinübersickern läßt, die vielmehr 
ein Zentrum anschlägt und strahlenförmig zündend ganze Komplexe mit einem 
Schlage aufleuchten und alsdann wieder versinken läßt Indem ich sage, daß 
das Heraufbeschworene fast immer wieder versinkt, spreche ich es eigentlich 
schon aus, daß das Symbol in mancher Beziehung nur ein dürftiges Surrogat 
für die logisch ausreichende Definition eines Begriffskomplexes ist. Denn wir 
wollen die Dinge nicht nur ahnen, wir wollen ihren Begriffs- und Gedächtnis¬ 
wert meistern wie der Virtuose die vertrauteste Klaviatur. In diesem Sinne 
spricht auch Silberer in seinen wundervollen Aufsätzen über Symbolbildungen 
das Symbol als Definitionssurrogat an, als Definitionssurrogat für Erkenntnisse, 
zu deren voller Erfassung die Kraft des betreffenden Intellektes nicht aus¬ 
reicht. Insuffizienz heißt er diese Unzulänglichkeit, für welche er drei ver¬ 
schiedene Ursachen annimmt: 

1. Vorübergehende Erschöpfung des begreifenden Intellekts. 

2. Begriffsschwäche. 

3. Übermenschlich schwere Zugänglichkeit des Erkenntnisobjekts. 

Das ist ganz ausgezeichnet Sehr gut und überaus wichtig ist auch die 
Kennzeichnung des Symbols als einer Form der Verdeckung, der Verschleierung, 
die es erlaubt, mit den großen Inzestvorstellungen des Unbewußten zu spielen, 
ohne sie bewußt werden zu lassen. Und bei dem Kampf, den wir noch gegen 
die landläufige Ästhetik durchzuführen haben werden, wird gerade dieser Punkt 
entscheidende Bedeutung gewinnen. Nur darf man von dieser neurotischen 
Seite der Symbolfunktion nicht ausgehen, um ihre Ausmerzung zu verlangen. 
Wer die Beseitigung der Symbolbildung verlangt, verlangt die Unterbindung 
des Erkenntnisfortschritts, weil unser ganzer Antrieb zur Erkenntnis und Fort¬ 
schritt mit der Neurose dieselben Wurzeln in den inneren Kämpfen unserer 
Bisexualität hat. Es ist doch kein Zufall, daß gerade die glänzendsten Geistes-' 
pioniere der Menschheit überaus stark dazu neigten, in Symbolen zu denkeuv 


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Sexualsymbolik. 163 


Auch Feldherren und Politiker, von den Dichtern gar nicht zu reden, in deren 
engerem Gebiete diese Geistesfunktionen liegen. Man -wird doch einem Bismarck 
und Napoleon keine inferiore Denkart und Geistesmethode zuBprechen wollen 
im Gegensatz zum ersten besten Logiker, dessen geklärtes Wässerlein sachte 
tropft und mühelos eingeht. 

Der Mensch hat keine höhere Geistesfunktion als das. Über die zu Tage 
liegenden Schichten breitester Erkenntnis hinaus tastet er sich mit ahnungsvollen 
Symbolen in das Erkenntnisgebiet kommender Geschlechter hinein. Es gibt 
vielleicht nichts Erhabeneres als einige Formen dessen, was ein übertriebener 
Rationalismus mit dem Schlagworte Aberglauben abzufertigen beliebt; d. h. nach 
«nserer Auffassung als die Versuche früherer Geschlechter mit zum Teil ganz 
unzulänglichen Mitteln Erkenntnisse zu erklettern, die erst einer wissenschaft¬ 
licheren Kulturstufe zugänglich werden konnten. Der alt-iranische Zarathustra- 
Glaube mit seiner Antithese Ahuramazda - Agramanainyu, Aharumazda gleich 
Lichtgott, der von oben her herrscht, und Agramanainyu gleich Satan, gleich 
Gott des Dunkels, der aus der Nacht der Unterwelt, dem Dämmer des Un¬ 
bewußten heraus rebelliert und ordnungsfeindlich in die Gesetzmäßigkeit der 
Welt einbricht, ist eine geniale Ahnung des großen Zweikampfes zwischen dem 
Bewußten und Unbewußten in uns, überhaupt ein Symbol des bisexuellen 
Aufbaues von Individuum und Gesellschaft Und ein Ausspruch Christi wie 
Matth. Kap. XII, '43—45: „Wenn der unsaubere Geist von dem Menschen 
ausgefahren ist, so durchwandelt er dürre Stätten, suchet Ruhe und findet sie 
nicht. Da spricht er: Ich will wiederkehren in mein Haus, daraus ich ge¬ 
gangen bin. Und wenn er kommt, so findet er es müßig, gekehret und 
geschmückt So geht er hin und nimmt zu sich sieben andere Geister, die 
ärger sind, denn er selbst; und wenn sie hineinkommen, so wohnen sie allda, 
und wird mit demselben Menschen hernach ärger, denn es vorhin war.“ Einen 
solchen Ausspruch nehmen wir, ebenso wie den griechischen Ödipus-, Orest- 
und Eumeniden-Mythos in Anspruch als Vorahnung der psychopathologischen 
Funktionen inzestiöser Art, welche wir vorhin als Regression im Zusammen¬ 
hänge des Gespensterstubentraumes besprochen haben. 

Das eben ist die symbolbildende Geistestätigkeit des Genies, daß es, mit 
exzeptioneller Kombinationsfähigkeit begabt, jenseits des von der Menschheit 
insgesamt beherrschten Materials in künftig erst fruchtbar zu machende Problem¬ 
schichten hineinsticht Die Zusammenhänge durchschaut er noch nicht ganz. 
Nur erste, hervorspringende, verräterische Symptome blitzen ihm auf, welche 
Analogieschlüsse auf Funktionen seines Erfahrungsgebietes gestatten. Diese 
Ähnlichkeit nagelt er mit der Gedankenstenographie des Symbols fest. Wenn 
er weiter grübelt und forscht, wird er allmählich das oberflächliche Definitions¬ 
surrogat des Symbols durch eine vollständige Erklärung des Vorganges ersetzen 
können. Das Symbol bleibt also hinter ihm zurück. Wenn es aber nun für 
ihn gilt, die nach vorn hin auseinanderwuchemden Gedankenreihen von neuem 
in eins znsammenzufassen, so wird er doch wieder auf das ursprüngliche Symbol 
als auf ihren in die Augen springenden Kreuzungspunkt zurückgreifen. Und 
wenn er anderen noch uneingeweihten Menschen seine Gedankengänge ver¬ 
mitteln will, so bietet sich als zündender Ausgangspunkt ganz natürlich wieder 
das Symbol, von dem er selbst ausgegangen ist. Das wirft er in die Geister, 
wie Hefe in den Teig. Die Hörer spüren Zusammenhänge, das Gleichnis packt 
sie und sie packen das Problem. Ihre tiefste Wißbegierde ist erregt, und wenn 
die eigene Intuition auch mit dem großen Fingerzeige des Symbols noch nicht 
ausreicht, um das Rätsel zu lösen, werden sie willig dem Geiste folgen, von 


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Adrien Turel, Sexualsymbolik. 


164 


dem sie spüren, daß er weiter vorgedrungen sein muß, da er sie sonst nicht 
mit solcher Sicherheit auf den Kreuzungspunkt der betreffenden Gedankenreihen 
hinweisen könnte. Das ist die fundamentale Bipolarität des Symbols. Als 
kühne Ahnung, als Wegweiser in Neuland, entspricht er den Funktionen der 
virilen Komponente in uns, als reflexiv zusammenfassender Gedankengang ent¬ 
spricht er dem femininen Teil unseres Ich. So bedeutet Bipolarität auch zu¬ 
gleich Bisexualität des Symbols. Zu meinem Leidwesen muß ich es mir hier 
versagen, auf die wichtigste und schwerst verkannte Form der Symbolik einzu¬ 
gehen, auf den Rhythmus; auszuführen, wie das Hinken, die Differenzie¬ 
rung des rhythmischen Taktes, wie man allerorten beobachten kann, sich daraus 
erklärt, daß ein Rhythmusabstand nichts ist als der Abstand zwischen einem 
virilen und einem femininen Hochton; wie unser ganzer bewußter Zeitbegriff 
nach Sekunden, nach Tageszeiten und Tagen, nach Jahreszeiten und Jahren, nach 
Lebensepochen und historischen Perioden sich nach dem Ebben und Fluten der 
miteinander ringenden männlichen und weiblichen Grundkomponente rhythmisiert. 

Wir behaupten also die tiefe Verwandtschaft, um nicht zu sagen die 
Identität der neurotischen, der künstlerischen und der religiösen Symbolbildung. 
Ihre Wurzeln sind die* gleichen. Diese Behauptung ist wohl nichts Neues 
mehr. So wenig sogar, daß ich hier auf einige Unterschiede aufmerksam 
machen möchte. Denn etliche Strudelköpfe haben, ihrer ungeklärten Erkenntnis 
froh, begonnen, neurotische und künstlerische Symbolbildungen miteinander zu 
verwechseln und füreinander einzusetzen. Nehmen wir die neurotische Symbol¬ 
reihe unseres Traumes: Mama, Mamma, Mamertina, Mamosa, Mulier, Mumur, 
und Mumu, so haben wir gesehen, welche Fülle des Gehalts für ihren Schöpfer 
darin steckte. Für einen und den anderen Menschen, dessen Komplexver- 
hedderung zu ähnlichen erogenen Frauenringkampf-Vorstellungen geführt haben 
würde, könnte sie zünden, Erinnerung weckend, erlösend also im Sinne «einer 
künstlerischen Katharsis wirken, aber das wird kaum bei dem Tausendsten der 
Fall sein. Der Normalmensch nicht nur, sondern auch jeder andere Neurotiker 
mit abweichendem Krankheitsbilde und daher auch mit abweichender Symbolik 
steht da wie vor einer Reihe von Hieroglyphen. Der Neurotiker, mag er nun 
Futurist, Dadaist oder sonstwie heißen, handelt also anmaßend, wenn er die 
Symbolik seines Spezialfalles zur Allgemeingültigkeit erheben will. Zum 
Künstler wird er nur dann, wenn er seine neurotische Spezialität überwindet. 
Das geschieht wohl unter der Einwirkung der Scham und der damit zu¬ 
sammenhängenden Neigung zur Verdeckung. Der betreffende Schöpfer hält seine 
Ausbrüche aus dem Unbewußten nur dann für künstlerisch reif, wenn er sie 
soweit abgeschliffen und in einen gesellschaftlich logischen Kausalnexus hinein 
verarbeitet hat, daß er sie für unauffindbar halten darf. Das wird im all¬ 
gemeinen darauf hinauslaufen, daß er ganz konsequent alles allzu verräterische 
Autobiographische ausmerzt, sodaß nur die ganz allgemein verständlichen eroti¬ 
schen Symbole übrig bleiben, die in jedes Menschen unbewußtem Erleben und 
Bedürfnis anklingen. Wunderlich und geheimnisvoll darf und muß auch des 
größten Künstlers Rede wohl bleiben, aber es muß eben jedermanns Wunder¬ 
lichkeit sein. Nur dann vermag das, was für ihn selbst eine Offenbarnng be¬ 
deutet, auch in den anderen fast unwiderstehlich Parallelströme auszulösen. 

(Schluß folgt.) 


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H. Fehlinger, Pubertät und Klimakterium 


165 


Pubertät und Klimakterium. 

Von H. Fehlinger 
in München (z. Z. im Felde). 

Bis zu einem gewissen Lebensalter entwickelt sich der männliche und der 
weibliche Körper im allgemeinen gleichartig. Von den primären Geschlechts¬ 
charakteren abgesehen, treten erst von diesem Lebensalter an jene Merkmale 
hervor, welche die beiden Geschlechter auffällig voneinander unterscheiden. 
Beim Menschen reicht das „neutrale Kindesalter“ von der Geburt bis ungefähr 
zum vollendeten 7. Lebensjahre. Darauf folgt vom 8. bis zum 15. Jahre das 
„bisexuelle Kindesalter“, währemddesse(n sich die für jedes Geschlecht charak¬ 
teristischen Körperformen auszubilden beginnen 1 ), doch erreichen sie die voll¬ 
kommene Ausbildung erst im folgenden Lebensabschnitt, welcher dem Eintritt 
der Fortpflanzungsfähigkeit unmittelbar vorausgeht, in der Periode der Puber¬ 
tät, die im Gegensatz zum bisexuellen Kindesalter durch eine auffallende Be¬ 
schleunigung der Geschlechtsdifferenzierung gekennzeichnet ist. Bei den ein¬ 
zelnen Tierarten nimmt der vorreproduktive Lebensabschnitt eine ungleiche 
Spanne der durchschnittlichen ganzen Lebensdauer ein und der Zeitpunkt der 
vollkommenen Ausbildung der Geschlechtsmerkmale fällt in verschiedene 
Wachstumsperioden. Bei manchen Tieren, vor allem bei den Insekten, fällt 
die vollkommene Ausbildung der Geschlechtsmerkmale noch in das larvale 
(oder embryonale) Stadium. Bei anderen, namentlich bei den Wirbeltieren, 
macht diese Ausbildung erst im' postembryönalen Stadium bemerkenswerte 
Fortschritte. Für die höheren Tiere gilt die Regel, daß der Eintritt der Re- 
produktionsfähigkeit erst am Ende der individuellen Entwicklungszeit erfolgt, 
wenn dar Körper vollkommen oder nahezu vollkommen ausgebildet ist. Aber 
es gibt Ausnahmen von dieser Regel. — Bisher sind die Pubertätserscheinungen 
eigentlich nur beim Menschen ziemlich genau beobachtet und beschrieben 
worden. Beim männlichen Menschen kommt) es in der Pubertätszeit zu einer 
raschen Vergrößerung der Testikel und des Ponis, es sprießen die Barthaare, 
der Kehlkopf erfährt eine weitgehende Umdimensionierung, die mit einer Ver¬ 
änderung der Stimme einhergeht. Bei der weiblichen Person hat dar Uterus 
zur Zeit dar Pubertät diet Entwicklung von der infantilen zur goschlechtsreifen 
Form vollendet und es tritt die Menstruation ein. Ungefahr gleichzeitig kommt 
es zur Ausbildung der Brüste. Bei beiden Geschlechtern nimmt die Fettvertei¬ 
lung (die schon vor dar Reifezeit bei Knaben und Mädchen nicht glaichartig 
war) die für Mann und Weib charakteristische Form an, wobei die Rundung 
der Schenkel, des Gesäßes und der Hüften beim weiblichen Geschlecht beson¬ 
ders deutlich wird. Bemerkenswert ist, daß die Gesamtmenge des Fettes zur 
Pubertätszeit abnimmt. Die Behaarung an den Genitalien und am Mons veneris 
stellt sich in der für die Geschlechter bezeichnenden Ausdehnung ein, ebenso die 
Behaarung in den Achselhöhlen. Als Zeichen der Allgemeinraife des Körpers 
schwindet der Thymus und die Epiphysenfugan beginnen sich zu schließen*). 

Es ist sicher, daß der Körper, um zu dem Zustande der vollkommenen Ge- 
schlechtsdiffarenzierung zu gelangen und dieselbe zu bewahren, der Zufuhr be¬ 
stimmter Stoffe aus den Keimdrüsen bedarf. Bei manchen Körpermerkmalen 


l ) Stratz, Der Körper des Kindes. 2. Aufl., 4. Abschnitt. Stuttgart 1904. 

*) Tandler und Groß, Biol. Grundlagen der sekund. Geschlechtscharakterc, 
S. 70—71. Berlin 1913. 


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166 H. Fehlinger. 


macht sich der Einfluß der Keimdrüse nur einmal geltend, bei anderen dagegen 
dauernd. Erfolgt vor dem Eintritt der Geschlechtsreife der Fortfall der Keim¬ 
drüse (Kastration), so erscheinen die Merkmale, welche wegen ihres normale» 
Eintritts bei erwachsenen Individuen Terminalcharaktere genannt werden, erst 
verspätet und nicht vollkommen ausgebildei Bei Spätkastration werden die 
Terminalcharaktere in ihrer Ausbildung durch den Fortfall der Keimdrüse nicht 
mehr beeinträchtigt Das Erfordernis des dauernden Einflusses der. Geschlechts¬ 
drüse zur Erhaltung sekundärer Geschlechtsmerkmale zeigt sich beispielsweise 
bei der Fettverteilung der Spätkastraten, die eine asexuelle Form annimmt. 
Ebenso scheint bei weiblichen Personen das funktionstüchtige Ovarium er¬ 
forderlich zu sein zur Erhaltung der schwachen Ausbildung einer Reihe voa 
Körpermerkmalen.. In diesem Sinne wurde die Tatsache gedeutet, daß ein An¬ 
flug von Bartbildung, die Vertiefung der Stimme usw. erst nach dem Klimak¬ 
terium aufzutreten pflegen, also zu einer Zeit, in der die Ovarienfunktion er¬ 
loschen ist 1 ). 

Nach den bisher gemachten Beobachtungen treten die Reifezeichen beim 
männlichen Geschlecht später und weniger markant auf, als beim weiblichen 
Geschlecht Beim Europäer fällt die Periode der Pubertät mit der zweiten 
Periode beschleunigten Körperwachstums zusammen, die beim männlichen Ge¬ 
schlecht zwischen dem 16. und 18., beim weiblichen Geschlecht aber schon 
zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr abschließt Der Abschluß der Pubertäts- 
jperiode kann sich allerdings individuell um mehrere Jahre verschieben 3 ). Der 
genaue Zeitpunkt des Eintritts der Geschlechtsreife, der beim Mädchen wegen 
des Auftretens der Menstruation erheblich leichter feststellbar ist als beim 
Knaben, weicht nicht nur individuell ab, sondern auch rassenmäßig. Das 
gleiche gilt von dem zeitlichen Unterschiede zwischen dem Eintritt der Ge¬ 
schlechtsreife und dem Abschlüsse des Körperwachstums. Bisher wurde fast 
allgemein angenommen, der frühere odelr spätere Eintritt der normalen Ge¬ 
schlechtsreife hänge ebenso wie die frühere oder spätere Vollendung des Körper¬ 
wachstums vom Klima ab. Ferner galt als Grundsatz, daß heißes Klima den 
frühen Eintritt der Reife begünstige. Neuere Forschungen haben jedoch ge¬ 
zeigt, daß mindestens die Annahme einer Beschleunigung der Geschlechtsreife 
durch heißet Klima falsch ist- Auch die Meinung, daß bei den sog. „farbigen 
Rassen“ die Geschlechtsreife früher eintrete als bei den „Weißen“, hat sich als 
falsch erwiesen. E. v. Balz fand z. B. bei den Japanern einen frühen Abschluß 
des Größenwachstums und eine unerwartet spät nach dem Abschluß des Wachs¬ 
tums eintretende Geschlechtsreife. Die Reifezeichen treten bei den Japanerinnen 
immer später auf als bei den Europäerinnen. Mischlingsmädchen nehmen eine 
Mittelstellung zwischen beiden ein*). 

Bei Melanelsiern auf Matupi stellte 0. Reche fest, daß die einzelnen Perioden 
des raschen und langsamen Körperwachstums — von der ersten Periode der 
Kindheit abgesehen — kürzer sind als beim Europäer; mit Beginn das 17. Lebens¬ 
jahres schien bei den Matupimädchen und mit dem 18. Lebensjahr auch bei den 
. Matupijünglingen das Größenwachstum abgeschlossen. Dagegen erscheinen die 
Zeichen der Geschlechtsreife später als beim Europäer; die Pubertät setzt 


*) Weißenberg, Das Geschlecht In „Handbuch der Sexualwissensch.“, S. 158. 
Leipzig 1912. • 

*) Martin, Lehrbuch der Anthropologie, S. 229ff. Jena 1914. 

*) v. Bälz, Anthropologie der Menschenrassen Ostasiens. Zeitschr. f. Ethnologie, 
Bd. 33. 


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Pubertät und Klimakterium. 


167 


bei den Matupi mit deim Aufhöran des Größenwachstums ein, also nicht s«ho» 
lange vorher, wie es beim Europäer der Fall ist Raches Feststellungen führte» 
zu dem überraschenden Ergebnis, daß von den Matupimiädchen unter 17 Jahre» 
noch kein einziges menstruiert hatte. Die sekundären Geschlechtsmerkmale 
bilden sich spät aus; der erste Ansatz des Übergangs von der Areolomamma zur 
Knospenbrust zeigte sich erst bei den 16jährigen Matupimädchen. Axillarhaar 
war bei den bis 16jährigen jugendlichen Matupi (mit einer Ausnahme) noch 
gar nicht, und bai den 17jährigen erst spärlich vorhanden, obzwar es bei Er¬ 
wachsenen meist reichlich ist. Von Bartwuchs war bei 17jährigen Jünglingen 
keine Spur; bei älteren Männern ist er stark entwickelt Noch kurz vor der 
Reife sehen Jungen wie Mädchen auffallend jung aus, so daß, man sie stets 
jünger einschätzt als sie tatsächlich sind 1 ). Von den Melanesiern (Papua) in 
Deutsch-Neuguinea sagt Richard Neuhauß ebenfalls, daß Jünglinge bis zum 

16. Lebensjahr sehr unentwickelt aussahen. Bei den Jabim auf der Insel Tami 
stellt sich die erste Menstruation gewöhnlich mit dem 15. oder 16. Lebensjahr 
ein*). — Von der Insel' Luzon berichtet A. E. Jenks, daß beim Stamm der Igo- 
roten (Malayan) Knaben wie Mädchen verhältnismäßig spät geschlechtsreif 
werden, und zwar gewöhnlich zwischen dem 14. und 16. Lebensjahr. Die unter 
den Igoroten angesiedelten zivilisierten Leute vom Ilokanostamm behaupteten 
mit Bestimmtheit, daß ihre Mädchen nicht menstruierten, bevor sie das 16. oder 

17. Lebensjahr erreicht haben *). Von anderen Völkern des weiten Insalgebietez 
zwischen dem asiatischen und' amerikanischen Festlande, liegen ähnliche An¬ 
gaben über spätes Auftreten der Geschlechtsreife vor. — Das Reifealter der 
Indianermädchen im Südwesten der Vereinigten Staaten suchte Ales Hrdlißka 
nach der Körperlänge der Mädchen zu bestimmen, weil tatsächliche Alters¬ 
angaben nicht erhältlich sind. Diese, Methode ist keineswegs verläßlich, denn 
es steht fest, daß die schon geschlechtsraifen Personen beträchtlich größer sind 
als gleichalterige, noch nicht geschlechtsreife Personen. Es stellte sich heraus, 
daß von den untersuchten Mädchen, die vermutlich im 12. bis 13. Lebensjahr 
standen, bereits sehr viele menstruiert hatten, und zwar von den Apachen¬ 
mädchen ein Drittel und von den Pimamädchen sogar drei Viertel. In der 
Altersklasse 13 bis 14 Jahre hatten vier Fünftel der Apachen- und neun Zehntel 
-der Pimamädchen bereits menstruiert und von 46 älteren Mädchen war nur 
eins noch nicht geschlechtsreif. Die ersten Zeichen der Entwicklung der Brüste 
bemerkte Hrdliöka bei angekleideten Indianermädchen im vermutlichen Alter von 
11 bis 12 Jahren. Aber erst) mit 15 bis 17 Jahren bekommt der Körper die 
typisch weiblichen Formen; bis dahin trägt er mehr oder weniger asexuellen 
Typus. Bei den Jünglingen fängt der Bart etwa im 15. oder 16. Jahr zu wachsen 
an 4 ). — Über den Eintritt der Geschlechtsreife bei den Negern waren keine 
verläßlichen Angaben aufzutraiben. Der Eindruck ist, daß bei ihnen der Ge¬ 
schlechtsverkehr keineswegs sehr frühzeitig beginnt, was bei früher Geschlechts¬ 
reife anzunehmen wäre. Bemerkenswert ist die geringe sekundäre Geschlechts¬ 
differenzierung bereits geschlechtsreifer junger Neger; Gesicht und Körperbau 
weisen bei Mann und Weib nur verhältnismäßig bescheidene Unterschiede auf. 
Über die aus Kreuzung von Hottentotten und Europäern hervorgegangenen 


*) Reche, Untersuchungen über Wachstum und Geschlechtsreife bei melanesischi» 
Kindern. Korr.-Bl. f. Anthrop., 41. Jahrg., Nr. 7. 

*) Neuhauß, Deutsch-Neuguinea, Bd. 1. Berlin 1911. 

*) Jenks, The Bontoc Igorot, 8. 46 u. 66. Manila 1905. 

4 ) HrdliCka, Physiological and Medical Observations among the Indians, S. 125 
bis 129. Washington 1908. 


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H. Fehlinger. 


168 


Bastards von Deutsch-Südwestafrika schreibt Eugen Fischer: „In einer Familie- 
menstruierten von den sechs Töchtern fünf zum ersten Male mit 15 Jahren, eine- 
mit 16 Jahren. Eine Bastardfrau hatte seinerzeit mit 17 Jahren zuerst men¬ 
struiert, von ihren 8 Töchtern' menstruierten 3 mit je 13 Jahren, die vierte, die 
kränklich (chlorotisch?) war, mit 17 Jahren. Eine andere Bastardfrau, die 
selber mit 15 Jahren die erste Menstruation hatte, hat von einem weißen Manne 
zwei Töchter, die mit 16 und 17 Jahren reif wurden. Ein Mädchen mit deut¬ 
licher Chlorose gab an, mit 16 Jahren die erste Menstruation gehabt zu haben, 
ihre Schwester sogar erst mit 18 Jahren.“ Von drei Mädchen weiß Fischer, daß 
sie mit 13, 14 und 16 Jahren reiften 1 ). 

Die ziemlich zahlreichen Angaben über das erstmalige Auftreten der Men¬ 
struation bei Europäerinnen sind zum Teil einander widersprechend. Buschan 
hat in seiner „Menschenkunde“ (S. 231) folgende Angaben zusammengestellt: 
In den Niederlanden zeigt sich die Menstruation zum erstenmal bei den höheren 
Ständen mit 13 Jahren, beim Mittelstand mit 14 und beim Bauernstand mit 
16 Jahren (Stratz); in Rußland bei den sogenannten privilegierten Ständen mit 
14,9 Jahren, bei den Bürgerinnen mit 15,3 Jahren und bei den Bäuerinnen mit 
16,2 Jahren. Die Schwedinnen menstruierten (im Durchschnitt?) mit 18, die 
Slowakinnen und Lappinnen mit 16 bis 17, die Däninnen und Norwegerinnen 
mit 16Y 2 , die Estinnen und Lettinnen mit 16, die Finninnen mit 16,8, die 
Russinnen mit 16,7, die Ungarinnen mit 14 bis 16, die Jüdinnen, Polinnen, 
Rumäninnen, Engländerinnen und Französinnen mit 14 bis 15 Jahren, die Nord- 
und Mittalitalienerinnen mit 14, die Süditalienerinnen mit 13 und die Spanierin¬ 
nen mit 12 Jahren. Für Deutschland stellt sich nach den umfangreichen Er¬ 
hebungen von R. Schäfer (10 500 Frauen) das mittlere Alter der ersten Men¬ 
struation auf 15,7 Jahre; 53,3 Proz. der Deutschen menstruierten zum erstenmal 
im 14. bis 16. Lebensjahr. — Dem Verfasser kommen diese Angaben zu hoch 
vor; bei sieben süddeutschen Frauen, von denen er sichere Angaben hat, be¬ 
gann die Menstruation ausnahmslos im 14. Lebensjahr. Von den Mädchea 
einer Landschule in der Oberpfalz hatten fast alle im letzten Schuljahre 
menstruiert. 

Von dem normalen Eintritt der Geschlechtsreife wohl zu unterscheiden 
ist die pathologische Frühreife, welche sich durch das überstürzte zeitliche Auf¬ 
treten einzelner Geschlechtsmerkmale, vielfach auch durch exzessive Entwick¬ 
lung derselben auszeichnet. Mit der pathologischen Frühreife in Zusammen¬ 
hang steht vorzeitiger Verschluß der Epiphysenfugen an den Röhrenknochen, 
was Kürze dar Extremitäten bei Länge des Rumpfes zur Folge hat; farner tritt 
die für erwachsene Personen bezeichnende Fettanhäufung und Terminalhaar¬ 
entwicklung sehr frühzeitig auf und die Geschlechtsorgane verlieren ihren kind¬ 
lichen Charakter. 

Gleichzeitig mit dem Eintritt der Pubertät stellen sich weitgehende Ver¬ 
änderungen der Psyche ein, die zu einem großen Teil mit dem Erwachen des 
Gaschlechtstriebes, den auf das andere Geschlecht gerichteten Vorstellungen, in 
Beziehung zu bringen sind. In der Zeit der Geschlechtsreife werden die intellek¬ 
tuellen Elemente der geistigen Entwicklung zeitweise wiedor zurückgedrängt 
und es findet ein Überwiegen des Gefühls statt. Die starke Gefühlserregbarkeit, 
die bald weichliche, bald dumpfbrütende Stimmung, dar plötzliche und häufige 

*) Fischer, Die Rehoboter Bastards und das Bastardierungsproblem, S. 123, 
Jena 1913. 


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Pubertät und Klimakteriuih. 


169 


Stimmungswechsel, gehören zu den Kennzeichen dieser vorübergehenden Zeit 
der Gefühlsdominanz t). Bedauerlicherweise ist den psychischen Erscheinungen 
in der Pubertätszeit bis nun wenig Beachtung zugewendet worden*). 

• # 

Vom Menschen, den Haustieren und einigen anderen Tierarten wissen wir, 
daß die Fortpflanzungsfähigkeit der Individuen ziemlich lange! vor dem physio¬ 
logischen Ende ihres Lebens erlischt Wahrscheinlich trifft diese Regel auch 
bei den meisten anderen Tierarten zu*). Das Ende der Reproduktionsfähigbeit 
ist charakterisiert durch das Aufhören der Erzeugung von Samen und Eiern, 
aber auch durch andere Veränderungen an den Keimdrüsen und am Körper 
der betroffenen Individuen. Diese Veränderungen sind im allgemeinen beim 
weiblichen Individuum deutlicher ausgeprägt als beim männlichen. Sie werden 
beim menschlichen Weibe als Klimakterium bezeichnet. Tandler und Groß 
bemerken, daß das Klimakterium mit Erscheinungen einhergeht von denen 
manche mit den Ausfallerscheinungen nach der Kastration in Übereinstimmung 
stehen. So zeigt sich die nach Kastration auftretende Atrophie des Genitals 
auch im engen Anschluß an das Klimakterium; ebenso wie gewisse Verände¬ 
rungen der Haut und ihrer Anhangsgebilde in beiden Fällen die gleichen sind. 
Die letzteren stellen sich dar als Verlust des Turgors, reichliches Auftreten von 
Falten und Pigmentanomalien im Sinne lokaler Hyperpigmentierung oder 
lokalen Pigmentschwundes, Auftreten von Warzen usw. Die Fettzunahme im 
Klimakterium ist besonders stark, manchmal exzessiv, Terminalhaare sprießen 
an der Oberlippe und am Kinn. Manche andere Alterserscheinungen stehen 
wohl gleichfalls in Zusammenhang mit dem Aufhören der Funktionsfähigkeit 
der Keimdrüsen. Bei dem Umstande, daß die körperlichen Eigenschaften der 
Individuen zur Zeit des Klimakteriums größtenteils längst festgelegt sind, 
können die aus dem physiologischen Fortfall der Keimdrüsenfunktion erfolgen¬ 
den Veränderungen nur beschränkte sein; dies um so mehr, als die Reaktions¬ 
fähigkeit des Organismus im Alter abnimmt und der Ausfall der Keimdrüsen¬ 
funktion ganz allmählich erfolgt Wie viele von den Alterserscheinungen wirk¬ 
lich auf die Unterfunktion der Geschlechtsdrüsen zu beziehen sind, läßt sich 
bei dem gegenwärtigen Stande unserer Kenntnisse nicht beurteilen. (Tandler 
und Groß, a. a. 0., S. 77—78.) 

Das Aufhören der Fortpflanzungsfähigkeit fällt in Mittel- und Nordeuropa 
bei weiblichen Personen zumeist in das Lebensalter von 45 bis 50 Jahren. Um¬ 
fangreiche Geburtenstatistiken aus allen Ländern dieses Teils der Erde be¬ 
weisen, daß bei über 50 Jahrö alten Frauen Geburten nur noch ganz selten Vor¬ 
kommen. Wie es sich diesbezüglich bei den „farbigen“ Rassen verhält, ist nicht 
ganz klar. Hrdliöka berichtet von den nordamerikanischen Indianerinnen, daß 
bei ihnen das Klimakterium augenscheinlich zu ungefähr der gleichen Zeit ein- 
tritt, wie bei Europäerinnen. Allerdings kommt dabei in Betracht, daß diesem 
Forscher genaue Altersangaben mangelten, und daß man das Alter der Indiane¬ 
rinnen nur zu leicht stark überschätzen kann. Sonst wurde von den Frauen 
der „Farbigen“ zumeist berichtet, daß sie rasch altern und daß die reproduktive 
Periode bei ihnen verhältnismäßig kurz ist So sagen Spencer und Gilten von 
den Australierinnen, daß bereits mit dem 25., längstens mit dem 30. Lebensjahr, 


*) Peters, Einführung in die Pädagogik, S. 27 u. 28. Leipzig 1916. 

*) Vgl. Kohl, Pubertät und Sexualität. Würzburg 1911. 

“) Tandler und Groß, Biol. Grundlagen der sekund. Geschlechtscharaktere. S. 75. 
Zeitachr. f. Sexnalwto—nachaft V. 5. 13 


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170 


Numa Pretorias. 


ein rascher körperlicher Verfall eintritt, ohne daß man außergewöhnliche Bnt- 
behrungen oder schlechte Behandlung dafür verantwortlich machen könnte. Dia 
Australierinnen erreichen anscheinend nur ganz ausnahmsweise ein Alter voa 
50 oder mehr Jahren 1 ). Die ethnographische Literatur enthält bedauerlicher¬ 
weise nur spärliche Angaben über den Eintritt des Klimakteriums bei außer¬ 
europäischen Völkern, so daß sich nicht sagan läßt, ob tatsächliche rassen- 
'mäßige Unterschiede bestehen. 


Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen 

(mit besonderer Berücksichtigung der Homosexualität) aus den Jahren 1913 
bis in das Jahr 1917 (mit Ausschluß der Belletristik). 

Referierend und kritisch dargestellt von Numa Praetorius. 

(Fortsetzung.) 

V. Juristisches und Homosexualität. 

Cohen, Colin, Nagler, Numa Praetorius, Humanitär-wissenschaf t- 

iiches Komitee. 

Cohen, Dr. G., Rechtsanwalt (Hannover), „Die gleichgeschlechtliche Liebe in 
Gegenwart nnd Zukunft 44 . (Spohr, Leipzig. 54 S. 1 Mk.) 

Das Eigenartige an dem Schriftchen besteht darin, daß ein Rechtsanwalt, der sich 
ausdrücklich als heterosexuell bezeichnet, nicht nur Duldung und Straflosigkeit der Homo¬ 
sexuellen verlangt, sondern auf Grund der Theorie eines sog. „dritten Geschlechts 14 für 
die Einreihung der Homosexuellen in die heutige Gesellschaftsordnung unter Anerken¬ 
nung von bestimmten ihrer Natur entsprechenden Rechtsverhältnissen energisch eintritt 
und dahingehende positive Gesetzesvorschläge macht (S. 40—54). 

Cohen fällt gerade in das entgegengesetzte Extrem wie Fritsch (siehe oben), der 
überhaupt die Berechtigung der Bezeichnung gewisser Menschen als Zwischenstufen 
leugnet. 

So sehr ich nun auoh die Benennung der mit charakteristischen konträren körper- 
hohen oder geistigen Merkmalen versehenen Menschen als Zwischenstufen und meinet¬ 
wegen auch als sog. »drittes Geschlecht 4 für richtig halte, und wenn auch zweifellos di© 
Homosexuellen'zu dieser Gruppe zu zählen sind, so erachte ich es doch für ganz untun¬ 
lich, die rechtlichen Verhältnisse der Homosexuellen als die eines »dritten Geschlechts 4 
speziell zu gestalten, denn die Mehrzahl der Zwischenstufen und namentlich der Homo¬ 
sexuellen bildet nicht eine derart weit vom Mann oder Weib sich entfernende und eine 
derart fest umgrenzte Gruppe, daß die rechtliche Zuzählung zum männlichen oder weib¬ 
lichen Geschlecht nicht mehr nach der Gestaltung der Geschlechtsteile bestimmt werden 
dürfte und für sie rechtlich eine dritte Geschlechtskategorie eingeführt werden müßte. 
Als Grundsatz muß daher weiter gelten: Rechtlich ist Mann wer Hoden, Frau wer 
Ovarien besitzt. 

Davon machen nur eine Ausnahme Leute mit mißgestalteten Geschlechtsteilen, hei 
denen die Geschlechtseinreihung entsprechend der Geschlechtsdrüse entweder der ganzen 
oder teilweisen Formung ihres Geschlechtsapparates und ihrem Gesamtwesen widerspricht 
0 d er — B. weil’ eine Geschlechtsdrüse nicht vorhanden oder nicht beweisbar ist — 
unmöglich erscheint. Höchstens könnte man noch dazu rechnen die völlig effeminierten 
Homosexuellen mit rein weiblicher Psyche, rein weiblichen Neigungen, insbesondere aus¬ 
gebildetem Transvestitismus und — bis auf die Geschlechtsteile — weiblicher Körper¬ 
bildung. Doch ist schon hei letzteren Vorsicht geboten. 

Jedenfalls kann man das, was für die körperlichen Zwitterwesen gilt, nicht ohne 
weiteres auf die Homosexuellen als solche anwenden. Zu Unrecht will nun trotzdem 
Cohen anscheinend in Nachahmung der Ausführungen von Amtsgerichtsrat a. D. Dr. Wil¬ 
helm in seiner Schrift über „Die rechtliche Stellung der (körperlichen) 


*) Spencer und Gillen, „Across Australia 44 . London 1914. 


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Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen, 


171 


Zwitter* in den Juristisch-psychiatrischen Grenzfragen, Bd. VII. H. 1, ähnliche Er¬ 
wägungen hinsichtlich der juristischen Stellung der Homosexuellen gelten lassen. 

Das Unbestimmte oder direkt Unrichtige in der Feststellung der Voraussetzungen 
der vorgeschlagenen Rechtssätze zeigt deren Haltlosigkeit: 

So soll für die Thronfolge nur der Homosexuelle mit überwiegend (?) männlichem 
Körperbau in Betracht kommen, weil nur ein solcher regelmäßig den männlichen Sinn 
besitze. So sollen alle — die männlichen und weiblichen — Homosexuellen wahlberech¬ 
tigt sein, weil der Grund des Ausschlusses der Weiber vom Wahlrecht ihre geistige 
Inferiorität sei, bei Homosexuellen aber meist höhere geistige Entwicklung bestehe. 

Das ist nicht zutreffend: Manche effeminierte homosexuelle Männer sind geistig oft 
recht minderwertig und viele homosexuelle Frauen dem Normalweibe durchaus nicht 
geistig überlegen. 

Nur in einer Hinsicht könnte die Homosexualität manchmal im öffentlichen Recht 
Berücksichtigung erheischen, nämlich bezüglich des Militärdienstes. Zwar wird man 
nicht, wie Cohen will, den Homosexuellen das Wahlrecht zubilligen können, ob sie dienen 
wollen oder nicht, aber die Klasse der nach dem Körperbau und der Psyche in hohem 
Maße effeminierten Homosexuellen, besonders der mit ausgesprochen transvestitischen 
Gebaren und Neigungen wird man als zum Militärdienst untauglich betrachten dürfen. 
Tatsächlich sollen auch im gegenwärtigen Kriege eine ganze Anzahl derartiger Leute auf 
Grund Augenscheins und ärztlichen Gutachtens vom Militärdienst befreit worden sein. 

Unter den Forderungen von Cohen findet sich auch das schon von Ulrichs erhobene 
Verlangen einer Ehe zwischen Gleichgeschlechtlichen. Allen Ernstes erörtert Cohen die 
moralischen und rechtlichen Verhältnisse eines solchen Bundes. 

Das für die Homosexuellen eifrig ein tretende Schriftchen kann doch ihnen indirekt 
schaden, weil es die Gefahr hervorruft, daß manche Gegner die berechtigten auch von 
Cohen verteidigten Forderungen — Duldung und Straflosigkeit — zusammen mit seinen 
undurchführbaren Vorschlägen verwerfen und die Homosexuellen der Überspanntheit und 
Maßlosigkeit in ihren Bestrebungen bezichtigen werden. 

Manches erscheint übrigens direkt lächerlich und klingt geradezu burlesk, so, wenn 
Verfasser nach passenden Vornamen für die Homosexuellen sucht und die Bezeichnungen 
„Lieblich, Stark, Weich, WUd, Schlank, Heftig* in Vorschlag bringt Die Broschüre 
dürfte die Homosexuellen wohl zum Ausraf berechtigen: „Gott behüte uns vor unseren 
Freunden. 4 

Colin, M. H., „Un cas d’uranisme. Crime passlonnel eommis par nn inverti“. 

In den Annales medico-psychologiques. Januar 1913. S. 69—86. 

Mitteilung und Krankenvorstellung in der Versammlung der Societe medico-psycho- 
logique zu Paris vom 30. Dezember 1912. 

Verfasser erkennt die angeborene Homosexualität an mit biologischem Ursprung im 
Sinne Hirschfelds, daneben angebliche Entstehung durch Erwerb infolge Mode, Ästheti¬ 
zismus, Nachahmung gewisser Berufe usw. 

Der mitgeteilte Fall betrifft einen 25jährigen von Geburt an Invertierten M., der 
seinen Freund H., mit dem er „en menage* lebte, aus Eifersucht und Wut wegen seines 
schlechten Betragens (Trunk, Verprassen der von M. gegebenen Gelder, Hingabe an andere 
Männer) tötete. Gegen M. Verfahren eingestellt wegen Unzurechnungsfähigkeit auf Grand 
ärztlichen Gutachtens von Roques de Fursac, dann Überweisung in die Anstalt Villejuif. 
Genaue Untersuchung seitens Dr. Colin. Verfasser hat Zweifel, ob die Inversion ein 
Zustand von Geisteskrankheit sei, ob man das Recht habe, ein Individuum wie M., das 
nie deliriert habe und nie delirieren werde, im Asyl zurückzuhalten. Aus Nützlichkeits¬ 
gründen und wegen sozialer Gefährlichkeit halte er die Internierung für gerechtfertigt. 
Doch zweifelhaft, wie lange man diesen Mann, der sein Brot verdienen könne, zurück¬ 
behalten dürfe. 

Diese Internierung erscheint nicht zulässig nach französischem Recht und wäre es 
auch nicht nach deutschem Recht Es handelt sich höchstens um einen vermindert 
Zurechnungsfähigen, der nach den Gesetzgebungen beider Länder zur Zeit nicht in ein 
Asyl gebracht werden kann, solange nicht ein spezielles Gesetz dies erlaubt. Gemein-^ 
gefährlich war der Mann auch nicht mehr und nicht weniger als eine Leidenschafts¬ 
verbrecherin, die ihren Geliebten tötet und dann vom Schwurgericht entweder frei¬ 
gesprochen oder sehr mild gestraft zu werden pflegt, ohne daß man sie in eine Irren¬ 
anstalt zu bringen gedenkt, auch nicht bei „krankhaftem Erotismus“ und „heftiger Reaktion 
bei erblicher Belastung* usw. 

Für derartige Personen, die Verbrechen begehen, wären eben die Gründung spe¬ 
zieller Anstalten und spezielle gesetzliche Maßnahmen nötig; natürlich aber dürfte die 

13 * 


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172 


Numa Praetorius. 


Tatsache der Inversion und auch die Begehung homosexueller Handlungen zwischen 
Erwachsenen allein niemals die Einsperrung rechtfertigen. 

Nagler, „Der Tatbestand der widernatürlichen Unzucht 44 (§175 R.St.G.B.). 
Im Gerichtssaal Bd. 82, H. 1. 

Verfasser hält die Aufstellung des Begriffes der beischlafähnlichen Handlung als 
Kriterium der Strafbarkeit der w. U. für ganz verfehlt und möchte im Gegensatz zu der 
Ansicht des Reichsgerichts das Anwendungsgebiet des § 175 eingeschränkt haben; der 
Begriff der „ Beischlaf ähnlich keit* sei ein völlig unsicherer, unfaßbarer, ins Uferlose 
führender. 

Nach Nagler dürfe w. U. im Sinne des § 175 nur bedeuten „die Einführung des 
männlichen Gliedes in eine Körperöffnung einer Person männlichen Geschlechts“, es solle 
strafbar sein außer immisso penis in anum, lediglich solche in os, nicht aber inter 
femora. ln Erwiderung auf diesen Aufsatz hat Referent im Bd. 83, H. 1—3 des Ge¬ 
richtssaales eine Abhandlung veröffentlicht: Numa Praetorius, Nochmals der 
Tatbestand der sog. widernatürlichen Unzucht (§ 175 R.St.G.B.). 

Ich führe darin aus: Nagler geht noch zu weit in der Begriffsbestimmung der 
w. U. Aus der geschichtlichen Entwicklung ergibt sich, daß der als § 175 in das R.St.G.B. 
übernommene § 143 des Preußischen St.G.B. mir die eigentliche Päderastie, die immissio 
penis in anum, als w. U. bestrafen wollte, nur diesen Akt hat die Carolina als „Un¬ 
keuschheit treiben“ mit dem Tod geahndet. 

Nur die eigentliche Päderastie stellt eine dem heterosexuellen Koitus zu ver¬ 
gleichende parallele Handlung dar, nur dieses Gegenstück wollte der Gesetzgeber mit 
Strafe belegen. Wenn man für die Festsetzung des Begriffs w. U. die Einführung in 
eine Körperöffnung entscheiden läßt, so frägt es sich gleich wieder — eine Frage, die 
deshalb auch Nagler aufwirft —, ob auch künstliche Körperöffnungen genügen; damit 
gelangt man dann doch wieder dazu, auch die sog. beischlafähnlichen, ja sogar onanisti- 
schen Handlungen (z. B. in die hohle Hand) als w. U. zu bezeichnen. 

Unrichtig ist es, mit Nagler zu glauben, daß durch seine Definition auch die Fälle 
getroffen würden, welche durch Abstumpfung des ethischen und ästhetischen Fühlens zu 
erklären seien, also (?) dem Bereich der erworbenen Konträrsexualität zugehörten. 

Denn — falls man überhaupt solchen Erwerb für möglich hält — so ist die Meinung 
irrig, daß die sog. extremeren Befriedigungsarten vornehmlich von Pseudohomosexuellen 
beliebt werden und zweitens, daß man aus der Art der homosexuellen Betätigung Folge¬ 
rungen auf die Art und Qualität des ethischen und ästhetischen Fühlens ziehen dürfe. 
Die Befriedigungsart der Homosexuellen bestimmt sich nach ihrem Reaktionsmodus und 
ihrer angestammten Libido und berührt nicht Geist und Charakter. 

Dazu kommt, daß manche noch unappetitlicheren Akte als Pädikatio oder Fellatio 
wie z. B. lambere anum cum lingua, sogar nach der Begriffsbestimmung des Reichs¬ 
gerichts, weil nicht beischlafähnlich, straflos sind. 

Daher ist es allein logisch: nur die eigentliche Päderastie als w. U. im Sinne des 
§ 175 aufzufassen im Gegensatz zu allen anderen straflosen unzüchtigen Handlungen. Diese 
Unterscheidung ist auch die einzige, die im Volke gemacht wird. Wenn der Gesetzgeber 
sich daher in den Motiven zum § 175 auf das Volksbewußtsein zur Rechtfertigung der 
Strafbarkeit beruft, so kann er höchstens die Päderastie haben strafen wollen. 

Im Anschluß an diese Arbeit teilte ich zwei sich widersprechende — wahrschein¬ 
lich denselben Fall betreffende — Entscheidungen des Reichsgerichts mit. Der Tatbestand 
war in beiden Urteilen der gleiche. Der Angeklagte hatte eine männliche Person an sich 
gedrückt, die beiden entblößten Glieder mit der Hand aneinandergepreßt und v dann auf 
Samenerguß abzielende Handlungen vorgenommen. 

Das eine Urteil des Reichsgerichts vom 18. April 1913 hatte diese Handlung als 
eine straflose, lediglich auf onanistischem Gebiet sich bewegende bezeichnet und einen 
beischlaf ähnlichen Gebrauch des Gliedes auch nicht in dem Aneinanderpressen des Gliedes 
mit der Hand erblickt, es hatte deshalb das verurteilende Erkenntnis der Strafkammer 
aufgehoben und die Sache zu neuer Prüfung und Aburteilung zurück verwiesen. 

Der erste Richter verurteilte dann abermals und auf erneute Revision erkennt das 
Reichsgericht am 30. Oktober 1913, daß die aus dem gegebenen Tatbestand vom ersten 
Richter gezogenen Schlußfolgerungen, es habe eine bei sch lafähn liehe Verbindung der 
beiden Körper stattgefunden, keinen Rechtsirrtum enthielten. Und doch hat der erste 
Richter nicht anders den Tatbestand festgestellt als früher, es bleibt daher unerfindlich, 
wie jetzt eine beischlafähnliche Verbindung der Körper vorliegen solle, während es sich 
tatsächlich nur um einen onanistischen Akt handelt. 

Beide Entscheidungen widersprechen sich direkt, nur die erste ist der bisherigen 
Rechtsprechung des Reichsgerichts gemäß, die „Beischlafähnlichkeit“ und Feststellung 


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Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 


173 


•durch bestimmte beischlafähnliche Handlungen erfordert. Wollte das Reichsgericht von 
der Entscheidung vom 18. April 1913 abweichen — und es ist tatsächlich von ihr ab¬ 
gewichen — so mußte es gemäß § 137 G.V.G. eine Plenarentscheidung der gesamten Straf¬ 
senate herbeiführen. 

Die gleiche Mitteilung und Besprechung der beiden Reichsgerichtsentscheidungen 
wurde vom Referenten auch in der Zeitschrift für Sexualwissenschaft von 
Eulenburg und Iwan Bloch Bd. 3, H. 4, Juli 1916: »Zur Anwendung des § 175 
SLG.B.“ veröffentlicht. 

In einer Broschüre »Gewichtige Stimmen über das Unrecht des § 175 8t.G.B.“ 
250 des Vorentwurfes zu einem deutschen R.StG.B.) (Verlag Spohr, Leipzig 1913, 
Preis 20 Pf.) hat das humanitär-wissenschaftliche Komitee eine Anzahl Äuße¬ 
rungen und Ausführungen aus Büchern, Schriften, Aufsätzen von mehr oder weniger 
bekannten Männern (Juristen, Ärzten, Literaten usw.) zusammengestellt, in denen Alle 
die Bestrafung der Homosexuellen oder die bisherige absolute Verpönung jeder homo¬ 
sexuellen Liebe als ungerechtfertigt aus den verschiedensten Gründen bezeichnen. Unter 
•diesen Männern finden wir an bekannten Namen: Bode, Iwan Bloch, Carpenter, Prof. 
Eulenburg, Forel, Freud, Goethe, Haffner weil. Bischof von Mainz, Halbe, Herder, Hirsch¬ 
feld, Gustav Jäger, Köhler, Krafft-Ebing, Leppmann, Mittermaier, Moll, Näcke, Pelmann, 
Rohleder, Schmidtmann, Richard Wagner, Wildenbruch, Zola. 

Am Schluß ist die Petition an den Reichstag abgedruckt. 


vi. Die Homosexualität in verschiedenen Beziehungen. 

Deutsch (Alkohol und Homosexualität), Douglas (Weibliche Homosexuelle in Amerika), 
Dück (Statistisches), Hirschfeld (Männliche Prostitution), Hughes (Kastration eines 
Homosexuellen), Leber (Kranke Homosexuelle auf den Marianen), Möhrchen (Tardive 
Homosexualität), Moll (Charakter der Homosexuellen), Murtrie (Legende über lesbische 
Liebe), Numa Praetorius (Der Streit um Whitmans Homosexualität im „Mercure de 
France 14 usw.), Remlinger (Männliche Prostitution in Marokko), Rohleder (Impotenz, 
ärztlicher Rat und Homosexualität), Witry (Homosexuelle Bünde, Mord und Homo¬ 
sexualität). 

Deutsch, Dr. Hugo, »Alkohol und Homosexualität“. (Aus der FürBorgestelle 
für Alkoholkranke in Brünn.) In der Wien. klin. Wochenschr. Nr. 3 vom 
16. Jan. 1913. 

Ein 39jähriger Arbeiter, Vater von 2 Kindern, in nüchternem Zustand nur hetero¬ 
sexuelle Libido und Abscheu vor homosexueller Betätigung empfindend, hat oft schon 
nach mäßigem Alkoholgenuß Gelüste des Herandrückens an männliche Personen und des 
Betastens ihrer Genitalien. Einmal läßt er sich hinreißen, die Genitalien eines jungen 
Mannes zu berühren. Anzeige, nur mit Mühe Vermeidung des Strafprozesses. 

Verfasser bemerkt, daß homosexuelle Vergehen bei sonst sexuell Normalen öfters 
nur bei chronischen Alkoholikern im akuten Rauschzustand oder bei moralisch sehr Ge¬ 
schädigten vorkämen, der mitgeteilte Fall stehe wohl in der Literatur einzig da; es handle 
sich wohl um Bisexualität mit latenter Homosexualität. 

Tatsächlich stellt dieser Fall durchaus kein Unikum dar. Im Januarheft 1914 des 
Jahrbuches für sexuelle Zwischenstufen hob ich gelegentlich einer Besprechung 
eines Aufsatzes von Näcke: „Alkohol und Homosexualität u (8. 89—91) hervor, 
daß manche sonst heterosexuell Fühlende im Rausch mit Vergnügen und anscheinend mit 
mehr als pseudo-homosexuellem Empfinden gleichgeschlechtliche Handlungen dulden und 
auch vornehmen. In seinem neuen Werk: „Die Homosexualität des Mannes 
und des Weibes 44 sagt Hirschfeld ähnliches (S. 209). Auch er nimmt latente Homo¬ 
sexualität an: 

„Bei vielen macht der Alkohol durch Herabsetzung der Hemmungen eine viel¬ 
leicht nur ganz schwache homosexuelle Komponente frei. 44 

Douglas, C. M., Murtrie (Newyork), »Die konträre Bexualempfinduiig: das 
Weibes in den Vereinigten Staaten von Amerika“. Im Archiv von Groß für Krimi¬ 
nalanthropologie und Kriminalistik Bd. 55, H. 1 u. 2, Nr. IX. 

In Amerika sei Kenntnis und Erforschung der konträren Sexualempfindung gering, 
und zwar die der weiblichen noch geringer als der männlichen. Die wenig über das Phä¬ 
nomen der Homosexualität unterrichtete Polizei kümmere sich darum nur bei Verführung 


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174 


Bücherbesprechungen. 


Unmündiger. Verf. berichtet über 7 weibliche und 3 männliche (ziemlich effeminierte) 
Homosexuelle; von den letzteren lebe einer angeblich abstinent aus praktischen und kon¬ 
ventionellen Gründen, während die zwei anderen angeblich mit invertierten Weibern 
sexuell — aber nicht mittels normalem Koitus — verkehrten. 

Ob letzteres richtig ist, dürfte zweifelhaft erscheinen, da echte, insbesondere effemi- 
nierte homosexuelle Männer mit homosexuellen Weibern höchst selten sexuell verkehren; 
vielleicht duldeten die Betreffenden faute de mieux seitens Frauen wollüstige Hand¬ 
lungen, die ihnen eigentlich nur seitens von Männern wirklich erwünscht gewesen. 

Sympathien zwischen homosexuellen Männern und Frauen kommen allerdings oft 
vor, doch fast stets nur als Gefühle freundschaftlicher nicht sexueller Art 

Dück, Johannes, „Aus dem Geschlechtsleben unserer Zelt 44 . In denSexual- 
Problemen von Marcuse. 

In mehreren Heften der Zeitschrift teilt Verf. das Ergebnis einer serologischen 
Rundfrage mit. In Heft 11 1914/15, unter Nr. VII, bespricht er die auf die Homo¬ 
sexualität bezüglichen Antworten. Resultat: 

Von 129 Männern: 

ausschließlich homosexuell. 2 = 1,6%, 

auch homosexuell. 9 = 6,9%, 

nur heterosexuell. 100 = 73,8%, 

in der Schule homosexuell, später nicht mehr 7 = 4,7%, 

erst später homosexuell geworden .... 4 = 2,4°/ 0 , 

keine Antwort. 7 = 5,4%, 

129 = 100%7 

Von 42 weiblichen Personen: 

ausschließlich homosexuell . .. 2 = 4,7%, 

auch homosexuell. 2 = 4,7%, 

nur heterosexuell.31 = 77,5%, 

in der Schulzeit etwas bisexuell. 1 = 2,4%, 

erst später homosexuell geworden .... 0=0 %, 

keine Antwort. 6 = 14,4%, 

42 = 100%. 

Die „auch homosexuell* bezeichnet Dück als „sicher pseudohomosexuell*, es handle 
sich meist um übersättigte „Genießer“. Diese Schlüsse sind nicht richtig, zweifellos wird 
die Mehrzahl dieser Gruppe „bisexuell“ sein und Dück berücksichtigt überhaupt die 
Bisexualität kaum. Nicht zutreffend ist es auch, die „erst später homosexuell Gewordenen 14 
als sicher pseudohomosexuell zu charakterisieren. 

Hier wird es sich (ob oft, stets oder meist dürfte bis jetzt nicht feststellbar sein) 
mindestens in einer Anzahl von Fällen um tardive Homosexualität, um späteren Durch¬ 
bruch oder Bewußtwerden der Inversion sei es auf Grund von Bisexualität, sei es weil 
tatsächlich nur PseudoheteroSexualität bestand, handeln. 

Schließlich ist es kaum angängig mit Dück die, welche keine Antwort gaben, zu 
den Heterosexuellen zu zählen, statt sie einfach auszuschalten. 

Dück gibt noch die Autobiographie eines „wissenschaftlich hochstehenden Homo¬ 
sexuellen“ nebst dessen Ansichten über Homosexualität, die nach Dücks Erklärung im 
wesentlichen den seinigen entsprächen. 

Danach seien alle in der Pubertät von späteren heterosexuell Verkehrenden be¬ 
gangenen homosexuellen Handlungen lediglich als ein völlig indifferenter Notbehelf zu 
betrachten, der keine Folgen nach sich ziehe und vielleicht dem normalen Koitus in jener 
Periode wegen der Gefahr des Erwerbs von Geschlechtskrankheiten vorzuziehen sei. 

(Fortsetzung folgt.) 


Bücherbesprechungen. 

Simmel, Dr. Ernst, Kriegsneurosen und Psychisches Trauma. Ihre gegenseitigen 
Beziehungen auf Grund psychoanalytischer und hypnotischer Studien. (Leipzig und 
München 1918. Otto Nemnich.) 

Die Psychoanalyse hat bisher von ihrer Arbeit in den Kriegsspitälern wenig Früchte 
gezeitigt. Spärlich kommen die neuen Erkenntnisse und das Problem der Pansexualität läßt 
sich mit dem Problem des Weltkrieges nicht in Einklang bringen. Als erste größere 


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Bücherbespreohungen, 


175 


Arbeit auf psychoanalytischem Gebiete bringt ans das Buch von Simmel eine Studie über 
das „psychische Trauma“. 

Das psychische Trauma wurde von Freud in die Wissenschaft eingeführt und hängt 
aufs innigste mit seinen Anschauungen über das Wesen der nervösen Erkrankungen zu¬ 
sammen. Er ist der Ansicht, daß in der Kindheit erworbene seelische Traumen (Er¬ 
schütterungen) durch das ganze Leben wirken können, besonders wenn sie nicht seelisch 
verarbeitet, sondern ins Unbewußte versenkt wurden. Dieses Versenken ins Unbewußte 
nennt Freud „Verdrängung“. In der Verdrängung sieht er die Hauptursache aller Seelen¬ 
krankheiten, „Psychoneurosen“ (Hypochondrie, Hysterie, Zwangsneurose). Dieses „Trauma“ 
ist nach Freud immer sexueller Natur. Die ersten Seelenforschungen der Freudschen 
Schule (der technische Ausdruck dieser Forschung lautet „Psychoanalyse“) waren ein Suchen 
nach diesem „psychischen Trauma“. Zuerst benutzte Freud die Hypnose. Bekanntlich 
erinnern sich viele Menschen in der Hypnose an viele Vorfälle, die sie im wachen Zu¬ 
stande vergessen haben. Diese Erscheinung der „Hypnotischen Hypermnesie“ wurde be¬ 
nutzt, um die Kranken nach dem „psychischen Trauma“ auszufragen. Dann wurde ihnen 
die in der Hypnose gefundene Tatsache mitgeteilt. Schon nach kurzer Zeit konnte Freud 
die Hypnose aufgeben und schuf eine neue Methode der „freien Assoziationen“. Jeder 
Patient durfte reden, was er wollte, er mußte aber alle seine Gedanken mitteilen. Mit 
Hilfe dieser „freien Einfälle“ wurde dann das seelische Trauma erforscht. Bald jedoch 
zeigte es sich, daß man die Bedeutung dieser kindlichen Erlebnisse maßlos überschätzt 
hatte. In vielen Fällen waren diese „Traumen“ nicht zu finden, in anderen kam man 
darauf, daß der Kränke sich die „Traumen“ kühn erfunden hatte. Man erkannte: die 
Phantasien wirken gleich „traumatisch“ w T ie die Erlebnisse. Einzelne Schüler Freuds 
kamen zu neuen Erkenntnissen: Es zeigte sich, daß nicht die Erlebnisse allein den Men¬ 
schen krank machen, sondern' auch die Art, wie er auf sie reagiert. Die Einstellung des 
Kranken zu seiner Umgebung und zur ganzen Welt ist jetzt Gegenstand der Psycho¬ 
analyse, die Korrektur dieser falschen Einstellung die Aufgabe des Seelenarztes. Nicht 
nur Psychoanalyse — sondern Psychopädagogie. 

Nun ist es die Tragik Freuds, daß viele Schüler über ihn hinausgehen oder seine 
ersten Forschungen annehmen, aber seine weiteren Fortschritte ignorieren, Methoden an¬ 
wenden, die er längst verlassen hat. So gibt es noch immer Ärzte, die die hypnotische 
Analyse der Wachanalyse vorziehen. Die Wachanalyse ist der offene Kampf mit dem 
Kranken, welcher die Erziehung ermöglicht. Die Hypnose ist eine Überrumpelung, welche 
die kranke Einstellung nicht beseitigt, sondern nur die Möglichkeit gibt, einige „einge¬ 
klemmte Affekte“ abzureagieren. Die weite Anwendung der Hypnose im Kriege hat 
natürlich einzelne Ärzte verleitet, sie zu analytischen Versuchen zu verwenden. Der 
Erfolg scheint diese Versuche zu rechtfertigen. Wenigstens erzählt uns Dr. Ernst Simmel 
in seinem Büchlein „Kriegsneurosen und Psychisches Trauma“ von ganz außerordentlichen 
Erfolgen. Freilich könnten die Zweifler erwidern: Erfolge bedeuten gar nichts. Jeder 
Arzt, der sich mit seinen Kriegsneurotikern liebevoll beschäftigt, hat wunderbare Erfolge. 
Der eine mit der Hypnose, der andere mit der Suggestion im Wachen, der dritte mit der 
Überredung, der vierte mit der Arbeit, der fünfte durch den elektrischen Strom, der 
sechste durch die Wirkung einer Narkose usw. . . Also der Erfolg als solcher beweist 
bei Nervösen noch gar nichts. Sonst müßten» wir die Wässer von Lourdes in den medi¬ 
zinischen Hausschatz aufnehmen. Wir wissen jedoch, daß der Glaube an ein Mittel schon 
der Anfang der Heilung sein kann, so daß Münsterberg in seiner „Psychotechnik“ mit 
Recht sagt: „Die Quellen von Lourdes fließen überall.“ 

Bei diesen Untersuchungen handelt es sich um eine wichtige Frage. Sie sind eine 
Probe auf die Richtigkeit der Theorien von Freud. Sind in der Tat alle Neurosen nur 
durch Unterdrückung sexueller Regungen entstanden? Darauf hat uns der Krieg eine 
eindeutige Antwort gegeben: Nein! . . . Wir sehen das Zittern nach einem Trommel¬ 
feuer, nach einer Verschüttung bei vorher ganz gesunden, sexuell normalen Leuten auf- 
treten. Die Sexualität allein kann uns das Zustandekommen einer Neurose nicht erklären. 
Es wäre auch unerklärlich, warum das Zittern in einer einzigen Sitzung bei Anwendung 
irgendeines der bekannten Mittel aufhört, obgleich sich an dem Sexualleben nichts ge¬ 
ändert hat Der Krieg hat den Beweis geliefert, daß meine Formel „Jede Neurose ist 
durch einen psychischen Konflikt entstanden“ die einzig richtige ist 1 ). Der Zitterer 
schwankt zwischen Pflicht und Angst und flüchtet in die Krankheit. An dieser Tatsache 
ändern auch die Untersuchungen von Simmel gar nichts, der übrigens von Freud nur die 
Methode, nicht aber die sexuelle Grundlage der Neurosen angenommen hat. Anderseits 
mußten selbst erbitterte Gegner Freuds, wie Friedländer und Nonne, zugeben, daß 


*) „Die Ursachen der Nervosität“. Wien 1907. Verlag der Hofbuchhandlung 
Wallishauser. 


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Bücherbesprechungen. 


176 


der Krieg Freud recht gegeben habe, weil er die Bedeutung der seelischen Faktoren auf¬ 
gedeckt habe. Haben doch vor dem Kriege die Ärzte immer wieder betont, daß die Ur¬ 
sachen der Nervosität in erblicher Belastung, Überarbeitung, Aufregungen, organischen 
Schädigungen zu suchen seien. Zu Beginn des Krieges hat Oppenheim auch für die 
Zitterer eine organische Schädigung des Nervensystems angenommen. Die Mehrzahl aller 
Nervenärzte hat sich nach ihren Erfahrungen dieser Ansicht nicht angeschlossen. Schon 
die unbestreitbare Tatsache, daß die bunten Bilder der „traumatischen Neurose 11 in den 
Gefangenenlagern nicht zu beobachten sind (wenn die Frage des Austausches nicht als 
seelischer Motor eine Neurose verursacht), gibt uns das Verständnis für die Motive der 
verschiedenen Kriegsneurosen. Das Publikum sieht aber noch immer in den Zitteren* 
unheilbare Unglückliche und hat mit ihnen viel mehr Mitleid als mit den Schwerver¬ 
wundeten, die es nicht verstanden haben, sich rechtzeitig in eine Neurose zu flüchten. 
Freilich ist der Zitterer auch ein bemitleidenswerter Kranker, welcher dem Felddienst 
nicht gewachsen ist. Eine Verwendung im Hinterlande befördert die Heilung. Es ist 
unbegreiflich, daß die Öffentlichkeit von jedermann Mut und Tapferkeit verlangt. Es gibt 
sehr viele Menschen, welche eben nicht mutig sind, und darunter sicherlich sehr wert¬ 
volle Menschen! Zum Kriegsberuf muß man auch eine gewisse Anlage haben. Das 
Trommelfeuer, die Gasvergiftung, die Verschüttung durch Minen, der nächtliche Überfall 
wirken auf den dazu Disponierten als „psychisches Trauma“. Noch monatelang erlebt er 
in seinen Träumen die überstandenen Schrecken und die Zitterneurose ist eigentlich nur 
„motorisch fixierte Angst“. Doch wer könnte sich rühmen, nie die Schauer der Angst 
empfunden zu haben? Rühren wir nicht an dem Problem des Mutes! Es hat auch 
seine Kehrseiten. ... 

Nun bringt uns das Buch von Simmel keineswegs den komplizierten Problemen 
„Mut und Feigheit 41 näher. Hier Zusammenhänge zwischen Lebenstrieb, Sexualität und 
Lebensüberdruß nachzuweisen, wäre ein verdienstliches Beginnen. Die Psychologie des- 
Helden als Lebensverächters, die Beziehungen von Persönlichkeit und Nationalismus, die 
Feigheit als Überkompensation einer Todessehnsucht, Mut als motorisch umgewertete 
Angst . . . genug der Aufgaben! Auf diese komplizierten Zusammenhänge geht Simmel 
nicht ein. Er zeigt uns, daß die Kriegsneurose einen Überbau über eine alte Neurose 
darstellt, daß die Soldaten schon während der Abrichtung, im Dienste, schon durch die 
Disziplin Traumen erleiden, so daß die Neurose den willkommenen Ausweg aus dem 
Konflikt darstellt. Dabei ist jede seiner Analysen eigentlich erst der Anfang einer Analyse. 
Aber wer könnte in Kriegsspitälern Analysen verlangen, wenn die Überfülle der Arbeit 
das Eingehen auf den Einzelnen verhindert? Immerhin ist der Versuch von Simmel 
dankenswert. Er hat an einigen plastischen Beispielen den Nachweis geliefert, wie kom¬ 
pliziert die Vorgänge sind, die wir als „Kriegsneurose 44 bezeichnen, und bewiesen, welch 
herrliches Instrument für die Seelenforschung die Methode der Psychoanalyse darstellt 
Sein Enthusiasmus ist so groß, daß er von der Psychoanalyse auch die Heilung der 
Psychosen erwartet. Ich bin etwas kühler geworden im Laufe langer arbeitsreicher 
Jahre. Die Psychose stellt ein „Noli me tangere! 44 dar. Organisches und Psychisches 
mengen sich und die Macht des Geistes zerschellt an den ehernen Mauern der Kon¬ 
stitution und organischen Minderwertigkeit. Psychopädagogik verlangt plastisches Material. 
Die meisten Psychosen stellen Erstarrungsformen dar, Fixationen, die sich nicht mehr 
umgießen lassen. Was wir erreichen können, ist ärztliche Erkenntnis. Daher wird die 
Psychoanalyse unsere Kenntnisse über die Genese der Psychosen erweitern, die Psycho¬ 
pädagogik wird nur für einzelne Grenzfälle in Anwendung kommen können. (Melancholie, 
Zyklothymie, leichte beginnende Paranoia, abortive Formen von Schizzophrenie.) Auch 
bei diesen leichten Formen bricht sich der Wille und die gute Absicht des Arztes an dem 
Trotz des Leidens, und Monate schwerer Arbeit sind oft vergeblich geopfert Freilich 
eine einzige unverhoffte Heilung entschädigt dann für die vielen vergeblichen 
Versuche. Dr. Wilhelm Stekel. 


Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Iwan Bloch in Berlin« 
1« Manu ft E* Weben Verleg (Dr. jnr. Albert Ahn) in Bonn« 
Druck: Otto Wlgund'eehe Buchdrnekerei 0. nu b. KL in Leipzig. 


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178 


Löwenfeld. 


machen. Die Zahl der ehefeindlichen Junggesellen ist aus leicht begreiflichen 
Gründen in den Städten, insbesondere in den Großstädten, erheblich größer als 
auf dem Lande, wo die Betätigung polygamer Neigungen schwieriger sich ge-, 
staltet und auch das Leben in einer wilden Ehe wegen des dadurch verur¬ 
sachten Ärgernisses sich meist nicht allzulange durchführen läßt. 

Man könnte vom Standpunkte der Volksvermehrung gegen das Verhalten 
der in Frage stehenden Ehegegner wenig einwenden, wenn sie wenigstens bei 
ihren verschiedenen länger dauernden Liaisons nicht auf die Vermeidung von 
Nachkommenschaft bedacht wären. Dies ist aber zumeist der Fall, zum Teü 
aus Rücksicht auf die Geliebte, deren Wünsche gewöhnlich nicht auf außer¬ 
ehelichen Kindersegen gerichtet sind, zum Teil aber, vielleicht zum überwiegen¬ 
den Teile aus rein egoistischen Motiven, da sie durch Nachkommenschaft enger 
an die Mutter gebunden würden, als ihnen lieb ist, sie auch die mit der 
Vaterschaft verknüpften Verpflichtungen den Sprößlingen gegenüber zu meiden 
suchen. 

Eine weitere, bedeutend kleinere Gruppe von prinzipiellen Ehegegnern 
wird von den Misogynen (ausgesprochenen Weiberfeinden) gebildet, die, wenn 
sie sich auch des sexuellen Verkehrs nicht ganz enthalten können, doch für 
das weibliche Geschlecht nicht ein Maß von Sympathie und Achtung aufzu¬ 
bringen vermögen, das ihnen eine dauernde und gesetzlich geschützte Ver¬ 
bindung mit einer Frau erträglich erscheinen läßt. Geringschätzung des weib¬ 
lichen Geschlechtes im allgemeinen findet sich nicht nur bei geistig völlig 
normalen, sondern auch sehr intelligenten Männern und bildet für die Be¬ 
treffenden kein Hindernis für das Eingehen einer Ehe. Ausgesprochene Weiber¬ 
feindschaft kann ebenfalls bei geistig hochstehenden Männern Vorkommen, ist 
aber immer ein dem Grenzgebiete zwischen Geistesgesundheit und Geistes¬ 
krankheit angehöriger Zug, eine psychopathische Minderwertigkeit, die den 
Träger in der Regel von einer Verehelichung abhält. Die Quellen der Miso- 
gynie sind verschiedenartig. Überwiegend sind es wohl schmerzliche Erfah¬ 
rungen im Verkehre mit Angehörigen des zarten Geschlechts. Das Umschlagen 
der Liebe in Haß, das bei leidenschaftlichen Naturen so leicht eintritt, spielt 
hier eine bedeutende Rolle. Verschmähte Liebe, oder was noch schlimmer ist, 
betrogene Liebe, (Untreue der Geliebten), weckt den Haß zunächst gegen den 
Gegenstand der Neigung, und dieses Gefühl überträgt sich allmählich ^uf das 
ganze Geschlecht. Auch betrübende Folgen des Verkehrs mit Priesterinnen der 
Venus vulgivaga (luetische Infektion) können den Anstoß zur Entwicklung der 
Misogynie geben. In manchen Fällen spielen auch ungünstige Verhältnisse im 
elterlichen Hause, ein Verhalten der Mutter, das die Achtung vor dem weib¬ 
lichen Geschlechte herabzusetzen geeignet ist, eine ursächliche Rolle. Der Ein¬ 
druck, welchen der Knabe im Elternhause erhalten hat, bleibt ihm unauslösch¬ 
lich und wird für sein Verhalten dem weiblichen Geschlechte gegenüber in 
den Mannesjahren bestimmend l ). 

II. Bei der zweiten Gruppe von Männern wird der Verzicht auf Ehe¬ 
schließung durch gesundheitliche oder eugenische Erwägungen veranlaßt Selbst¬ 
verständlich können hier die Fälle nicht in Betracht kommen, in welchen 
schwere und übertragbare Krankheiten vorliegen. Es ist nur zu bedauern, daß 


x ) Ich könnte hier auf ein sehr prägnantes Beispiel hinweiseu, das seinerzeit viel 
von sich sprechen machte, auf dessen Anführung ich jedoch in Anbetracht der mir auf¬ 
erlegten Diskretionspflicht verzichten muß. 


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Über die Ehescheu und deren Bekämpfung. 


179 


diese Zustände nicht immer zum Verzichte auf Verheiratung führen und nicht 
ganz selten namentlich syphilitisch Infizierte in einem Stadium der Erkrankung, 
in welchem eine Übertragung noch möglich ist, ebenso nicht völlig ge¬ 
heilte Gonorrhöische, eine Ehe eingehen. Die Männer, die wir hier im Auge 
haben, sind zum erheblichen Teile hypochondrische Neurastheniker, die den 
ehelichen Pflichten nicht genügen zu können glauben oder durch deren Er¬ 
füllung ihre Nerven zu schädigen fürchten, ohne daß für diese Annahmen 
genügende Gründe vorliegen. Auch sehr gewissenhafte Männer werden mit¬ 
unter lediglich durch geringe und heilbare Potenzmängel bei sonstigem guten 
Befinden veranlaßt, auf eine Verheiratung zu verzichten, da sie glauben, daß 
die Unzulänglichkeit ihrer Potenz der Gattin Enttäuschungen bereiten und der 
Erlangung ehelichen Glückes ein Hindernis bilden werde. Ferner gehören 
hierher Nervöse, die, ohne an erheblichen Beschwerden zu leiden, ihren Nerveu- 
zustand doch als ein so bedeutendes Übel betrachten, daß sie dessen Über¬ 
tragung auf eine Nachkommenschaft nicht für zulässig halten. Überstandene 
Krankheiten, deren Wiederkehr ohne genügenden Grund befürchtet wird (z. B. 
bei schon lange ausgeheilter Tuberkulose) und vermeintlich ererbte in Wirklichkeit 
aber nicht bestehende Krankheitsanlagen, insbesondere Disposition zu Geistes¬ 
krankheiten bedingen ebenfalls bei gewissenhaften Männern nicht selten den Ent¬ 
schluß, in ihrem eigenen Interesse und dem einer etwaigen Familie von einer 
ehelichen Verbindung abzusehen. Selbstverständlich können hier die Fälle nicht 
in Betracht kommen, in welchen erblich mit einer Disposition zu Geistes- und 
schweren Nervenkrankheiten belastete Männer der Ehe entsagen. Die Ehe- 
^ scheu dieser ist zweifellos genügend begründet und kann nur gebilligt werden. 
Daneben begegnen wir aber auch Fällen, in welchen auf Grund geistiger Er¬ 
krankung des Vaters oder der Mutter eine ererbte Disposition angenommen 
wird, die in Wirklichkeit nicht besteht, und deshalb auch keinen Grund für 
das Ledigbleiben bilden kann x ). 

III. Bei einer weiteren Gruppe von Männern geben ideelle Motive ver¬ 
schiedener Art in der Verehelichungsfrage den Ausschlag. Bei einem Teile 
derselben bildet das völlige Aufgehen in dem gewählten Berufe ein Hindernis 
für die Eheschließung. Es sind zumeist Gelehrte oder Künstler, die über der 
intensiven und ununterbrochenen Beschäftigung mit den Aufgaben, die sie sich 
gestellt haben, gar nicht dazu gelangen, dem weiblichen Geschlechte ein 
Interesse zuzuw r enden, das zu einer Gattinwahl führen könnte. Bei manchen 
von ihnen besteht auch die Befürchtung, sie könnten durch die Sorge für Frau 
und Kinder, die häuslichen Obliegenheiten des Mannes verhindert werden, ihrem 
Berufe sich so voll und ganz zu widmen, w T ie sie es für die Erreichung ihrer 
Ziele für nötig erachten. Auch bei Kaufleuten, Industriellen und Technikern 
kommt es vor — hier handelt es sich allerdings weniger um ideelle Motive —, daß 
sie in dem unablässigen Streben nach Ausdehnung ihrer Geschäfte, Sicherung 
und Erweiterung ihres Betriebs usw. ihre besten Jahre verstreichen lassen, 
ohne zur Gründung eines Hausstandes zu gelangen, und dann auf eine Ehe 
verzichten, w r eil sie sich hierfür zu alt erachten. In manchen Fällen hat das 
Ledigbleiben seinen Grund in Liebesverhältnissen in jüngeren Jahren, die nicht 


l ) Es ist heutzutage noch nicht festzustellen, aber sein wahrscheinlich, daß auch bei 
manchen unserer gebildeten Kriegsinvaliden Verstümmelungen und Folgen überstandener 
Krankheiten als Ursache einer Ehescheu wirksam werden, die in den gegebenen körper¬ 
lichen und gesundheitlichen Verhältnissen keinen genügenden Grund hat. 

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180 Löwenfeld. 


zu dem gewünschten Ziele führten: Tod der Geliebten infolge einer Erkran¬ 
kung oder eines Unfalles oder Unmöglichkeit, in deren Besitz zu gelangen, aus 
Gründen, die nicht von ihrem Wollen abhingen. Die stets genährte Erinne¬ 
rung an die Geliebte läßt hier kein Interesse für ein anderes weibliches Wesen 
aufkommen, das zu einer Ehe führen könnte. 

IV. Zweifellos am zahlreichsten sind die Fälle, in welchen wirtschaftliche 
Motive ein Hindernis für die Ehe bilden. Ich sehe hier von den Fällen ab, 
in welchen junge MenseheD, die infolge des von ihnen gewählten Berufes noch 
zu keinem selbständigen oder nur zu einem sehr bescheidenen Einkommen 
gelangt sind und auch auf keine Sustentation seitens ihrer Eltern oder eine 
Mitgift der Braut rechnen können, auf eine Vermählung verzichten, bis sich 
ihre materiellen Verhältnisse gebessert haben. Von einem Verzicht auf Ver¬ 
ehelichung kann ja hier im allgemeinen nicht gesprochen werden, sondern nur 
von einer Hinausschiebung derselben, die zwar an sich bedauerlich ist, aber 
doch auch der Vorteile für die Beteiligten nicht ermangelt. Die Männer, die 
wir hier im Auge haben, sind solche, die das durchschnittliche Heiratsalter 
weit hinter sich haben und zum Verzicht auf Verehelichung nur durch ihre 
materiellen Verhältnisse veranlaßt werden, ohne daß dabei unübersteigbare 
Hindernisse bestehen. Es sind in dieser Gruppe sehr verschiedene Typen ver¬ 
treten. Bei einem Teile der in Betracht Kommenden ist das Motiv bestimmend, 
daß sie das Vermögen, das Einkommen oder die Stellung nicht erlangt haben, 
welche sie für eine standesgemäße oder ihren speziellen Wünschen ent¬ 
sprechende Ehe für erforderlich erachten. Ihre materiellen Verhältnisse ge¬ 
statten ihnen nicht die Lebensführung, die sie sich als Junggesellen leisten 
können, in der Ehe fortzusetzen, und zu Einschränkungen können, respektive 
wollen sie sich nicht entschließen. Andere hinwiederum haben es wohl zu 
größerem Besitz oder einem einträglichen Geschäfte usw. gebracht, aber das 
Erworbene auf irgend eine Weise wieder verloren, wurden hierdurch genötigt, 
einem anderen Erwerbszweige sich zu widmen oder eine abhängige Stellung 
anzunehmen, und sind nun nicht mehr geneigt, sich mit den Sorgen für einen 
Haushalt zu belasten. Dazu kommen diejenigen, welche es für ihre Pflicht 
hielten, für den Unterhalt von Angehörigen, mittellosen Eltern oder jüngeren 
Geschwistern zu sorgen und durch die Erfüllung dieser Pflicht in den Jahren, 
in welchen sie gerne geheiratet hätten, verhindert wurden, sich einen eigenen 
Hausstand zu gründen. Mit den Jahren ist dann auch das Heiratsbedürfnis 
bei ihnen bedeutend zurückgegangen, die Schwierigkeiten der Gattinwahl haben 
sich dagegen gesteigert. Die Neigung eines jugendlichen weiblichen-Wesens 
zu gewinnen, besteht kaum eine Aussicht, und eine Verblühte hat auch für 
den gealterten Mann wenig Reiz. So gewinnt die Bequemlichkeit des Jung¬ 
gesellenstandes die Oberhand. 

V. muß ich hier noch einer kleinen Gruppe von Männern gedenken, die 
der Ehe keineswegs abhold sind, zeitweilig sogar das lebhafte Bedürfnis fühlen, 
zu heiraten, und dennoch, obwohl in ihren äußeren Verhältnissen kein Hindernis 
liegt, zu keiner Verehelichung gelangen. Die Betreffenden sind nicht frei von 
psychopathischen Minderwertigkeiten und besitzen in bezug auf das weibliche 
Geschlecht einen sehr ausgebildeten, in den einzelnen Fällen wechselnden Ge¬ 
schmack. Sie verfehlen nicht, mit Damen Bekanntschaften anzuknüpfen, wenn 
sich ihnen hierzu Gelegenheit bietet, lassen sich auch von Verwandten und 
Bekannten in Familien einführen, in welchen eine oder mehrere heiratsfähige 
Töchter sich finden; sie scheuen sich unter Umständen auch nicht, den Weg 


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Über die Ehescheu und deren Bekämpfung. 


der Annonce zu betreten, um zu einer auf andere Weise nicht zu erlangenden 
Auswahl zu kommen. In ihrem Verkehr mit den Damen, die als Heirats¬ 
objekte für sie in Betracht kommen können, unterscheiden sie sich nicht von 
irgendwelchen anderen Ehestandskandidaten von entsprechender Bildung. Sie 
finden mitunter im Laufe des Verkehrs auch ein Entgegenkommen seitens des 
Objektes ihrer Prüfung, das sie im Grunde in Anbetracht ihres Äußeren und 
ihrer Jahre nicht verdienen. Alles verläuft in den gewöhnlichen Formen bis 
zu dem Zeitpunkte, an dem eine bestimmte Erklärung nicht gut mehr zu ver¬ 
meiden ist. Auch in den Fällen, in welchen die Geprüfte gut bestanden zu 
haben schien und zweifellos das Wohlgefallen des Bewerbers sich erworben 
hatte, ist bei diesem mit dem Eintritt des erwähnten Zeitpunktes die Entschlu߬ 
fähigkeit in bezug auf Verheiratung wie abgeschnitten, und zwar ohne daß eine 
wesentliche Änderung in dem Urteile über die in Frage kommende Dame 
hierbei nötig wäre. Der Verkehr wird abgebrochen oder dessen Fortsetzung 
auf die lange Bank geschoben, was auf das gleiche hinausläuft. Zur Erklärung 
dieses Verhaltens werden die fadenscheinigsten Gründe angegeben, Mängel, die 
der Person oder deren Familie anhaften sollen, die aber für einen ernsthaften 
Bewerber nie in Betracht kommen können. Ich habe im Laufe der Zeit den 
Eindruck gewonnen, daß es sich in diesen Fällen um eine Zwangshemmung 
handelt, die aber nicht die Heiratsidee im allgemeinen, sondern immer nur das 
spezielle Objekt dieser Idee betrifft. Von psychoanalytischer Seite wird man 
diese Hemmung wohl ohne Bedenken auf einen un- oder unterbewußten 
Komplex zurückführen, eine Annahme, die- auch mir plausibel erscheint, und 
zwar dürfte es sich um den Mutterkomplex handeln, da die Betreffenden, wenn 
auch nicht beständig, so doch zumeist mit ihrer Mutter Zusammenleben. Es 
scheint, daß mit dem Mutterkomplex sich das Idealbild einer Frau, die ideali¬ 
sierte Mutter, verknüpft hat und dieses Bild im Unterbewußtsein geweckt wird 
und als hemmendes Moment sich geltend macht, wenn die Wahl einer be¬ 
stimmten Person als Lebensgefährtin bevorsteht. 

Beim weiblichen Geschlechte sind die Verhältnisse bezüglich der Ehe¬ 
scheu weniger durchsichtig als beim männlichen. Weibliche Personen, welche 
die Mitte der Dreißiger überschritten haben, kommen, ob sie mehr oder weniger 
Heiratslust haben, nur relativ selten zu einer Verehelichung, jedenfalls viel 
seltener als Männer im gleichen Alter. Es ist daher bei älteren Jungfern 
zumeist schwer, zu entscheiden, ob ihr Verharren im ledigen Zustande auf freiem 
Entschlüsse beruht oder lediglich ein Sichfiigen in eine nicht. zu ändernde 
Lage bedeutet. Wo eine ausgesprochene Ehescheu in den Jahren, in welchen 
noch Heiratsaussichten bestehen, vorliegt, sind in der Hauptsache ähnliche 
Motive wie bei den Männern maßgebend, doch mangelt es nicht an bemerkens¬ 
werten Unterschieden in dieser Hinsicht. 

Eine prinzipielle Abneiguug gegen Verehelichung wird durch polygame 
Tendenzen bei weiblichen Personen kaum hervorgerufen, weil ihnen die Ehe 
eine Art Schirm bildet, unter dem sie ihren Neigungen leichter nachgeben 
können als im ledigeu Zustande. Dagegen bilden traurige Erlebnisse in der 
Jugend und im elterlichen Hause, schlechte Behandlung der Mutter durch den 
Vater und andere Erfahrungen, die zu einem ungünstigen Urteile über den 
Charakter der Männer im allgemeinen führen — hierher gehören auch Ent- 
äuschungen in der Liebe — ein nicht seltenes Motiv der Ehescheu bei weib¬ 
lichen Personen. Wirtschaftliche Verhältnisse spielen bei der Ehescheu des 
zarten Geschlechtes nicht zu häufig und in anderer Weise eine Rolle als bei 
Männern. Eigene ungünstige materielle Lage bildet im allgemeinen eher einen 


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Löwenfeld. 


Antrieb zur Verheiratung als ein hinderndes Moment Günstige materielle 
Situation und Sicherheit eines ausreichenden beruflichen Einkommens, wie es 
z. B. bei Lehrerinnen, Beamtinnen sich findet, bildet dagegen für die Be¬ 
treffenden mitunter einen Grund, den ledigen Stand der Ehe andauernd vor¬ 
zuziehen. Gesundheitliche und eugenische Rücksichten bedingen, sofern es sich 
nicht um ausgesprochene Krankheit handelt, seltener als bei Männern einen 
Verzicht auf Verehelichung, häufiger dagegen gewisse ideelle Motive: so ins¬ 
besondere unglückliche Liebe (Tod des Geliebten, Unmöglichkeit einer Ver¬ 
einigung mit demselben ohne dessen Verschulden usw.), Fürsorge für jüngere 
Geschwister oder pflegebedürftige Eltern, Aufgehen in einem Berufe, wie es 
bei Künstlerinnen vorkommt. Auch Ehescheu infolge von Zwangshemmung 
scheint beim weiblichen Geschlechte nicht zu mangeln, wenigstens weisen 
einzelne meiner Beobachtungen darauf hin. 

Für die Volksvermehrung hat die Ehescheu der Angehörigen des zarten 
Geschlechts nicht dieselbe Bedeutung wie die der Männer. Der weibliche 
Überschuß in unserer Bevölkerung bedingt es, daß für die heiratslustigen 
Männer die Auswahl von Lebensgefährtinnen durch den Ausfall der ehescheuen 
weiblichen Personen nicht wesentlich erschwert wird. Im folgenden werden 
wir daher lediglich die Bekämpfung der Ehescheu bei Männern in Betracht 
ziehen. 

Wenn wir uns nunmehr fragen, was gegen die im Vorstehenden be¬ 
sprochene Ehescheu sich tun läßt, so ist vor allem zu berücksichtigen, daft 
wir derselben ganz vorwaltend in der gebildeten Klasse begegnen, welche 
zugleich den intelligenteren Teil der Bevölkerung repräsentiert, wodurch dieser 
Mißstand erhöhte Bedeutung gewinnt. Die gebildete Klasse liefert ausschlie߬ 
lich die Offiziere und zum großen Teile auch die Unteroffiziere unseres Heeres, 
und die Verluste, welche uns dieser männermordende Krieg an beiden Kate¬ 
gorien gebracht hat, sind ganz gewaltig und nicht bloß proportional der Ge¬ 
samtzahl unserer Verluste. Da die Dienstpflicht Offizieren und Unteroffizieren 
auferlegt, ihren Mannschaften im Kampfe voranzugehen und persönlicher Mut 
bei ihnen in gleicher Richtung wirbt, ist es begreiflich, daß die Verluste an 
gebildeten und intelligenteren Männern in unserem Heere besonders groß sind, 
und hierbei handelt es sich zumeist um Menschen im zeugungsfähigsten Alter, 
die in Anbetracht ihrer körperlichen und geistigen Eigenschaften einen beson¬ 
ders wertvollen Teil unseres Volkes, ja man darf sagen, eine Auslese desselben 
repräsentieren. Die Einbuße an Nachkommenschaft, die uns auf diese Weise 
erwächst, könnte das Zahlenverhältnis des gebildeten und intelligenteren Teiles 
unseres Volkes zu den unteren Bevölkerungsschichten sehr ungünstig beein¬ 
flussen und damit das intellektuelle und kulturelle Niveau unserer Nation 
herabdrücken, wenn die von der Kriegsfurie verschonten Kreise der Gebildeten 
sich nicht bemühen, den Ausfall durch Mehrung ihrer Nachkommenschaft mög¬ 
lichst anszugleichen. Aus diesem Grunde ist die Bekämpfung der Ehescheu in 
bevölkerungspolitischer Hinsicht keineswegs eine untergeordnete Angelegenheit 

Wenn wir die der Ehescheu zugrunde liegenden Motive in Erwägung 
ziehen, müssen wir sofort zugestehen, daß wir nicht in allen Fällen auf eine 
Bekehrung der Ehegegner rechnen können. So wird man bei den Misogynen 
vergeblich sich bemühen, auch bei den unter dem Einflüsse polygamer Ten¬ 
denzen oder unglücklicher Liebe Stehenden nicht sehr viel Aussicht auf Erfolg 
haben. Aber es bleibt doch noch eine große Anzahl von Fällen, in denen man 
unter den derzeitigen Verhältnissen eine Gesinnungsänderung in bezug auf die 
Ehe nicht vergebens anstreben wird. 


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Über die Ehescheu und deren Bekämpfung. 


183 


Zunächst müssen hier einige allgemeine Gesichtspunkte Berücksichtigung 
finden. Der Geburtenrückgang, der schon vor dem Kriege bei uns bestand, 
und der Verlust an zeugungsfähigen Männern, den wir durch den Krieg er¬ 
litten, gestatten es nicht mehr, die Ehe als eine Privatangelegenheit der Ein¬ 
zelnen zu betrachten, in der sich jeder pro oder contra entscheiden kann, ohne daß 
das Staatsinteresse dabei berührt wird. Vor dem Kriege konnte der einzelne, 
auch wenn er seiner staatsbürgerlichen Pflichten sich wohl bewußt war, doch 
noch dem Glauben sich hingeben, es komme auf die von ihm mögliche Nach¬ 
kommenschaft nicht an, der Staat gerate in keine Gefahr, wenn er auf eine 
Eheschließung verzichte. Zur Zeit liegen die Dinge jedoch anders. Die Ver¬ 
hältnisse haben sich durch den Krieg derart geändert, daß die Eheschließung 
zu einer staatsbürgerlichen Pflicht geworden ist, der sieh der einzelne nicht 
ohne die triftigsten Gründe entziehen kann, da viele einzelne eine Masse aus¬ 
machen, die für die Volksvermehrung keineswegs ohne Bedeutung ist und um 
so mehr ins Gewicht fällt, wenn es sich um Angehörige der gebildeten Stände 
handelt 

Unter den Mitteln, welche bei der Bekämpfung der Ehescheu in Betracht 
kommen, müssen wir in erster Linie die Förderung der Früh ehe anführen, ein 
seltsamer Gedanke anscheinend, der aber bei näherer Betrachtung sich als 
völlig begründet erweist. Die ursächlichen Momente, welche der Ehescheu 
zugrunde liegen — insbesondere Verschlechterung der Gesundheitsverhältnisse, 
ungünstige Gestaltung der materiellen Lage — treten häufig erst in späteren 
Jahren (nach dem 30. Lebensjahre) ein. Dazu kommt, daß junge Menschen 
zumeist mit geringeren Ansprüchen an die Ehe herantreten und in bezug auf 
ihre Lebensgefährtin leichter zu einer Wahl gelangen als Männer in reiferem 
Alter. In der Förderung der Frühehe dürfen wir daher ein wirklich wertvolles 
Mittel gegen die Ehescheu erblicken. Wir müssen uns aber zunächst darüber 
klar werden, was wir unter Frühehe zu verstehen haben. Ploetz, welcher 
sich vor kurzem in einem in der Münchener medizinischen Wochenschrift ver¬ 
öffentlichten Aufsatze mit diesem Thema beschäftigte, bezeichnet als Frühehe 
die Ehen, welche in den ersten 5 Jahren nach Erreichung der vollen körper¬ 
lichen Entwicklung geschlossen werden, also bei den Weibern etwa zwischen 
18 und 22 Jahren, bei den Männern etwa zwischen 21 und 25 Jahren. Hier¬ 
mit ist m. E. der Begriff der Frühehe etwas zu eng gefaßt Ploetz hält 
auch selbst die Bestimmung des 18., resp. 21. Lebensjahres als Zeitpunkt der 
vollen körperlichen Reife für ziemlich willkürlich. Nach meinen Wahrnehmungen 
wird bei beiden Geschlechtern vielfach, vielleicht sogar überwiegend, die volle 
körperliche Entwicklung später als an dem von Ploetz angenommenen Termine 
erreicht. Um diesen Fällen Rechnung zu tragen, darf man der Frühehe bei Männern 
eine zeitliche Ausdehnung vom 21. bis zum 28. Lebensjahre geben. Von den 
Mitteln, welche man zur Förderung der Frühehe speziell in den gebildeten 
Kreisen vorgeschlagen hat, ist vorerst nicht sehr viel zu erwarten, nicht des¬ 
halb, weil die betreffenden Vorschläge unzweckmäßig sind, sondern weil deren 
Durchführung auf große, zum Teil unüberwindliche Schwierigkeiten unter den 
gegenwärtigen Verhältnissen stoßen wird. Hierher gehört die u. a. auch von 
Ploetz vorgeschlagene Abkürzung der Zeit für die berufliche Ausbildung und 
die Erhöhung der Anfangsgehälter für die im öffentlichen und privaten Dienste 
stehenden Beamten sowie der Offiziere. Es ist sicher, daß die Studienzeit an 
den Gymnasien und höheren Realschulen eine Kürzung zuläßt, daß auch an 
dem Universitätsstudium in den meisten Fächern wenigstens 1 Jahr sich sparen 
läßt; hierfür haben die Erfahrungen während des Krieges genügend Belege 


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gebracht; allein mehr als 2 Jahre werden auf diese Weise sich nicht gewinnen 
lassen und dies auch nur von solchen jungen Leuten, die es mit ihren Pflichten 
als Studierende sehr ernst nehmen. Immerhin hat dieser Vorschlag den Vorteil, 
daß seine Realisierung keine materiellen Leistungen seitens des Staates erheischt. 
Die Erhöhung , der Anfangsgehälter der Beamten und Offiziere und die ebenso 
notwendige Besoldung der Staatsdienstaspiranten, die bisher für ihre Dienste 
keine Vergütung erhielten, wird dagegen ' in Anbetracht der ungeheueren 
Steuerlast, welche die Verzinsung der Kriegsanleihe allein uns auferlegen wird, 
von den maßgebenden Kreisen vorerst schwerlich bewilligt werden, und, selbst 
wenn diese Erhöhung in gewissem Maße zugestanden würde, bliebe es doch 

immer noch sehr fraglich, ob dieselbe einen genügenden Anreiz für jene Vielen 

geben könnte, die da glauben, ohne ein Einkommen, das ein standesgemäßes 
Leben ermöglicht, nicht heiraten zu können. In diesem Glauben liegt eines 
der wichtigsten Hindernisse für die Frühehe seitens gebildeter junger Männer, 
da er sich auf Gründe stützt, die man nicht ohne weiteres als unhaltbar oder 
belanglos erachten kann. Es läßt sich nicht in Abrede stellen, daß die soziale 
Achtung, welche ein junger Mann mit seiner Familie sich erwirbt, nicht ledig¬ 
lich von dem Maße seiner Bildung, seiner Berufsstellung und seinen Leistungen 
abhängt, sondern auch, und zwar für die besitzende Klasse zum guten Teile, 
von dem Aufwande, den er für seine Lebensführung und die seiner Familie 

zu machen in der Lage ist. Nicht wenige gebildete Männer mit geringem 

Einkommen würden persönlich die Beschränkungen, die ihnen im Falle einer 
Verheiratung ihre materiellen Verhältnisse auferlegen müßten, gerne hinnehmen, 
aber sie tragen ernste Bedenken, vou der Frau gleiche Entsagung zu bean¬ 
spruchen, da diese den Verkehr mit den standesgenössischen Familien sehr 
erschweren, zum Teil ganz unmöglich machen würde. Wenn diese Gründe 
in Wegfall kommen sollen, muß schon durch die Erziehung auf beide Ge¬ 
schlechter dahin gewirkt werden, daß bei der Beurteilung von Menschen nicht 
ihr Einkommen und der hierdurch ermöglichte Aufwand, sondern das Maß 
ihrer Bildung, ihre Leistungen und persönlichen Eigenschaften den Ausschlag 
gebeu. Die Lebensführung der Familien mit großem Einkommen darf nicht 
mehr, wie es bisher so vielfach der Fall ist, als ein Vorbild betrachtet 
werden, dem auch der weniger Bemittelte möglichst nahe zu kommen trachten 
muß, wenn er dabei auch nur den Schein einer besseren materiellen Situation 
erreichen kann, der noch dazu nur mit schweren Opfern sich erkaufen läßt. 
Auch bei der Bekämpfung dieses Mißstandes fällt dem Eiternhause eine, wich¬ 
tige Aufgabe zu. Die weniger Bemittelten müssen bei der Erziehung ihrer 
Kinder schon ein System einhalten, welches für ein eheliches Leben in be¬ 
scheidenen Verhältnissen vorbereitet und hierfür eine gewisse Grundlage bildet. 
Die Söhne müssen zu konsequenter Sparsamkeit. Bescheidenheit in ihren 
Lebensansprüchen und Unbekümmertheit um das Treiben anderer, die sich 
mehr gestatten können oder leichtfertigerweise sich gestatten, erzogen -werden. 
Hierher gehört auch die Bekämpfung der bei unserer gebildeten und ins¬ 
besondere der akademischen Jugend noch so verbreiteten Trinksitten, durch 
welche, von anderen Nachteilen ganz abzusehen, kostspielige Gewohnheiten 
gezüchtet weiden, die einer Frühehe hinderlich werden mögen. Bei den 
Töchtern der weniger Begüterten andererseits ist darauf Bedacht zu nehmen, 
daß sie neben der Ausbildung für einen bestimmten Beruf, in welchem sie 
ihren Unterhalt finden können, auch die für den Betrieb eines bescheidenen 
Haushalts erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten sich aneignen und keine 
Arbeit, die sie für sich selbst tun, als entwürdigend erachten. 


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Über die Ehescheu und deren Bekämpfung. 


Ein weiteres Mittel, das für die weniger Begüterten sieh empfiehlt, 
um Söhnen wie Töchtern das Eingehen einer Frühehe zu erleichtern, bildet 
4ie Heiratsversicherung. Bisher wurde für die Söhne durch eine Militär¬ 
versicherung , für die Töchter durch eine Aussteuerversicherung vielfach 
gesorgt; es ist aber auch sehr wünschenswert, daß für die Sohne nicht 
weniger als für die Töchter auf dem Wege der Versicherung ein, wenn auch 
geringes, Kapital für den Fall der Verheiratung zur Beschaffung der ersten 
Einrichtung usw. erlangt wird. Für die Kreise der Wohlsituierten liegen die 
Dinge einfacher. Sie können durch Gewährung einer Mitgift oder einer ge¬ 
wissen Rente ihren Söhnen, auch wenn diese eines eigenen Einkommens noch 
gänzlich ermangeln, eine Frühehe ermöglichen. Bisher ist jedoch in den 
oberen Schichten des Mittelstandes und bei den oberen Zehntausend die 
Neigung, auf möglichst frühzeitige Heirat der Söhne hinzuwirken, keineswegs 
sehr verbreitet gewesen. Dabei waren zum Teil rein egoistische Motive — 
Abneigung, von dem vorhandenen Besitze oder Einkommen bei Lebzeiten 
einen entbehrlichen Teil den Kindern abzutreten —, zum Teil gewisse 
praktische Erwägungen, deren antihygienische Natur nicht zu bezweifeln ist, 
im Spiele. Man glaubte, der junge Mann müßte sich vor der Verheiratung 
ausleben“, um die Qualitäten eines zahmen Ehemannes zu erlangen. Was bei 
diesem Sichausleben an Gesundheit oft eingebüßt wird, fand keine entsprechende 
Berücksichtigung. Unter den gegebenen Verhältnissen müssen die Begüterten 
es als eine ihrer staatsbürgerlichen Pflichten ansehen — nicht als eine Sache 
des Wohlwollens —, ihren Söhnen durch. Gewährung der entsprechenden 
Mittel, soweit dies nötig ist, frühzeitiges Heiraten zu ermöglichen und selbst 
in dieser Richtung ihren Einfluß bei den Söhnen geltend machen. Natürlich 
gilt das gleiche in bezug auf die Verheiratung der Töchter. Die Neigung der 
reichen Familien, ihre Töchter nur Männer ehelichen zu lassen, die über ein 
nach ihrer Meinung standesgemäßes Einkommen verfügen, ein Einkommen, 
welches der der Tochter mitgegebenen Mitgift oder zugesagten Rente entspricht, 
ist schon aus rassehygienischen Gründen verwerflich, da der wegen seiner 
materiellen Verhältnisse willkommene Schwiegersohn keineswegs selten geistig 
oder körperlich oder in beiden Hinsichten minderwertig ist Das gleiche 
gilt natürlich für das Bestreben der Reichen, die Gattinwahl der Söhne 
auf die Töchter gleichsituierter Familien zu beschränken. Hierdurch wird den 
in Betracht kommenden Männern die Gattiuwahl und zugleich eine Frühehe 
sehr erschwert. Aber auch wenn wir von den oberen Zehntausend absehen, 
muß zugegeben werden, daß vielfach die Frühehe junger gebildeter Männer 
mit bescheidenem eigenen Einkommen durch das Bestreben verhindert wird, 
eine „gute Partie“ zu machen, d. h. eine Partie, welche ein behagliches Leben 
gestattet. Da die guten Partien nicht allzu reichlich vorhanden sind uud um 
dieselben eine bedeutende Konkurrenz statthat, nötigt die Erreichung dieses 
Zieles den Ehestandskandidaten häufig, die für die Verheiratung geeignetste 
Zeit als Junggeselle zu verbringen. 

Auf einen Umstand sei hier noch hingewiesen, der vorerst besondere Be¬ 
rücksichtigung verdient. Wenn man für die Frühehe die Zeit vom 21. bis 
28. Lebensjahre annimmt, ist damit nicht ausgesprochen, daß es für junge 
Männer sehr wünschenswert ist, möglichst mit 21 oder 22 Jahren schon zu 
heiraten. Im Interesse der Volksvermehrung macht es keinen wesentlichen 
Unterschied, ob ein Mann mit 25 oder mit 21 Jahren heiratet Der 25-Jährige 
kann eine ebenso große Nachkommenschaft erzielen als der 21-Jährige, da die 
Zahl dieser nicht von der Gelegenheit zum ehelichen sexuellen Verkehr, sondern 


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Löwenfeld. 


von der Gebärfähigkeit der Fra«, deren Gesundheitszustand und anderen äußeren 
Umständen abhängt. Einen Vorteil hat die Verehelichung mit 21 oder 22 Jahren 
nur in bezug auf die Vermeidung von Geschlechtskrankheiten. Dieser Vorteil 
wird jedoch — von ökonomischen Schwierigkeiten ganz abzusehen — durch 
den Umstand ausgeglichen, daß die für die Wahl einer geeigneten Lebens¬ 
gefährtin erforderliche Reife des Urteils in den in Frage stehenden Jahren 
noch nicht völlig vorhanden ist und daher der Entscheid in dieser sehr wich¬ 
tigen Angelegenheit durch Eigenschaften des Wahlobjektes herbeigeführt werden 
mag, die für ein gedeihliches eheliches Leben keine Gewähr bieten. Tatsäch¬ 
lich denken auch bei uns wenigstens gebildete junge Menschen in dem in 
Frage stehenden Alter zumeist noch nicht ernsthaft daran, zu heiraten, und sind 
daher die Fälle, in welchen sie sich in das Joch der Ehe begeben, sehr selten. 
Das, was wir bei der Frühehe der Gebildeten anzustreben haben, ist nicht das 
möglichst frühzeitige Heiraten, sondern die Eheschließung etwa zwischen dem 
25. und 30. Lebensjahre auch bei sehr bescheidenen Einkommensverhältnissen. 
Der Wunsch, den jeder gebildete Mann haben mag, seiner Familie eine sichere,, 
möglichst angenehme Existenz zu bieten, muß unter den heutigen Verhältnissen 
durch das vaterländische Interesse zurückgedrängt werden. 

Professor D ü c k hat in seinem jüngst in dieser Zeitschrift veröffentlichten 
Aufsatze auf Grund der statistischen Ermittelungen über das Lebensalter der 
heiratenden Männer angenommen, daß die Zeit der größten Heiratslust beim. 
Manne auf das Alter vom 22. bis zum 28. Jahre, und in diesem Abschnitte 
hinwiederum in besonderem Maße auf das 24. bis 26. Lebensjahr entfällt, vom 
30. Jahre an dagegen ein gewaltiges Sinken der Heiratslust sich bemerkbar macht. 
D ü c k gelangt zu dieser Aufstellung dadurch, daß er die Zeit der größten Heirats¬ 
frequenz als die der stärksten Heiratslust betrachtet, eine Annahme, welche 
jedoch noch der Beschränkung bedarf. Die Heiratslust ist für den Zeitpunkt 
der Eheschließung nicht allein bestimmend, und man darf nicht annehmen, daß 
bei dem Manne, der bis zu seinem 30. Lebensjahre z. B. aus ökonomischen 
Gründen sich nicht entschließen konnte, zu heiraten, die Heiratslust bereits im 
Abnehmen sei. Das Gegenteil ist oft eher der Fall. Bei einem gesunden, 
sexuell normalen Manne wächst noch in den dreißiger Jahren die Heiratslust 
und das Heiratsbedürfnis (vorausgesetzt, daß er nicht ein sogenanntes Verhältnis 
hat), doch mag ungeachtet dieses Anwachsens von Lust und Bedürfnis die 
Eheschließung infolge verschiedener Gründe, die für das Individuum von aus¬ 
schlaggebender Bedeutung sind, hinausgeschoben werden. Die überwiegende 
Heiratsfrequenz in dem Alter von 22 bis 28 Jahren gestattet daher nur die 
Deutung, daß in dieser Lebensperiode die der Heiratslust entgegenstehenden 
Momente am leichtesten überwunden werden, was aber nicht allein durch 
die Intensität dieser Lust, sondern auch durch geringere Schätzung der ent¬ 
gegenstehenden Einflüsse bedingt sein mag. 

Die Männer, bei welchen gegenwärtig von einer Ehescheu gesprochen 
werden kann, haben indessen die Jahre der Frühehe mehr oder weniger lange 
hinter sich. Ihre Beeinflussung ist wohl etwas schwieriger als die jüngerer 
Männer, doch darf dieselbe deshalb keineswegs vernachlässigt werden. Soweit 
bei ihnen ideelle Motive maßgebend sind, müssen sie auf die staatsbürgerliche 
Pflicht der Verehelichung, die Segnungen des Familienlebens, das zwar Opfer 
erheischt, aber auch eiue Quelle reinster Freuden bildet, und die Bedeutung der 
Ehe als eine Versicherung gegen Einsamkeit in Krankheit und Alter hingewiesen 
werden. Die gleichen Argumente lassen sich bei denjenigen geltend machen, 
welche aus wirtschafllichen Gründen von einer Verehelichung absehen zu müssen 


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Über die Ehescheu und deren Bekämpfung. 


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glauben, obwohl ihre Verhältnisse diesen Verzicht nicht nötig machen. In 
den Fällen, in welchen gesundheitliche oder eugenische Rücksichten der Ehe¬ 
scheu zugrunde liegen, ist vor allem eingehende Untersuchung des körperlichen 
und geistigen Zustandes sowie die Eruierung der Abstammungsverhältnisse er¬ 
forderlich. Die Aufklärung, die auf Grund dieses Examens gegeben werden 
kann, erweist sich häufig als völlig genügend, die gegen eine Verehelichung 
bestehenden Bedenken zu beseitigen. Insbesondere gilt dies für die hypochon¬ 
drischen Neurastheniker, bei welchen die Ehe nicht nur zulässig ist, sondern 
mitunter sich geradezu als ein Heilmittel erweist, sofern sie dem Betreffenden 
die ihm so nötige Ablenkung von seinem Zustande und seinen übertriebenen 
Sorgen bei geringen Beschwerden verschafft Den Nervösen, welche ihren Zu¬ 
stand als ein so bedeutendes Übel erachten, daß sie dessen Übertragung auf 
eine Nachkommenschaft nicht verantworten zu können glauben, ist vor allem 
entgegenzuhalten, daß die Vererbung der Nervosität durch dip Verheiratung 
mit einer nervengesunden Frau aus ebensolcher Familie vermieden werden kann. 
Daneben ist weiter zu betonen, daß die ererbte Nervosität durch erziehliche 
und hygienische Maßnahmen sehr beschränkt werden kann und deshalb eine 
befriedigende körperliche und geistige Entwicklung der Kinder nicht verhindert 
In den Fällen, in welchen das Bestehen einer erblichen Belastung (ererbten 
Disposition zu geistiger Erkrankung) angenommen und als eilt die Ehe aus¬ 
schließendes Moment betrachtet wird, ist durch eingehende Prüfung der Ab¬ 
stammungsverhältnisse nicht selten der Nachweis zu liefern, daß die gegen die 
Ehe bestehenden Bedenken nicht gerechtfertigt sind. Wir können auf die hier 
in Betracht kommenden Verhältnisse nicht näher eingehen. Nur so viel sei 
bemerkt, daß nicht jede Geistesstörung des Vaters oder der Mutter eine erbliche 
Belastung der Nachkommenschaft bedingt Selbst die mit Recht so gefürchtete 
progressive Paralyse kann für die Nachkommenschaft ohne ernste Folgen bleiben, 
wenn die Krankheit erst längere Zeit nach der Erzeugung der Kinder zum 
Ausbruch kam. 

Auch die Fälle, in welchen eine Zwangshemmnng eine Rolle spielt, dürfen 
nicht als aussichtslos betrachtet werden. Derartige Hemmungeu können durch 
Aufklärung über ihr Wesen und ihre Wirkungen und energisches Zureden 
überwunden werden, und dieses Vorgehen dürfte sich auch bei den in Frage 
stehenden Ehescheuen wenigstens öfters nützlich erweisen. Selbstverständlich 
kann auch die Psychoanalyse Verwendung finden, wenn das oben erwähnte 
Vorgehen nicht zum Ziele führt und der mit der Ehescheu Behaftete sich zu 
diesem Verfahren versteht 

Ich muß schließlich betonen, daß mit Vorstehendem keineswegs alles er¬ 
wähnt ist, was für die Bekämpfung der Ehescheu sich dienlich erweisen mag. 
Es gibt noch vieles andere, was in gleicher Richtung, wenn auch nur indirekt, 
wirksam werden kann und schon von anderer Seite bei verschiedenen Gelegen¬ 
heiten vorgeschlagen wurde. Hierher gehört die Fürsorge für gesunde Woh¬ 
nungen zu erschwinglichen Preisen für die weniger Bemittelten in den Städten 
und insbesondere in den Großstädten, die Gründung von Gartenstädten, von 
Baugenossenschaften mit staatlicher oder kommunaler Unterstützung, welche den 
allmählichen Erwerb eines eigenen Heims auch bei bescheidenem Einkommen 
ermöglichen, die Begünstigung der Verheirateten bei Bemessung von Gehalt und 
Steuern sowie die Einführung besonderer Junggesellensteuern. Auch auf lite¬ 
rarischem Wege läßt sich manches zur Förderung des hier in Rede stehenden 
Zweckes tun, wie u. a. aus den von Professor Dück angeführten Thesen der 
Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene schon hervorgeht (Prämiierung von 


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Karl Bornstein. 


dichterischen Werken, m welchen das Mutterideal, der Familiensinn und ein¬ 
fache Lebensweise verherrlicht werden). Es bedarf aber auch des Zusammen¬ 
wirkens zahlreicher Faktoren, materieller und ideeller, um bei unseren Gebildeten 
die Berücksichtigung der aus unseren derzeitigen Verhältnissen erwachsenen 
staatsbürgerlichen Pflichten in Eheangelegenheiten in einem befriedigendem Maße 
herbeizuführen. Und unter diesen Faktoren stehen an Einfluß, wie wir schon 
früher andeuteten, die ideellen obenan: tiefwurzelnder patriotischer Sinn, und 
eine Lebensauffassung, welche die Segnungen des Familienlebens höher wertet 
als die Äußerlichkeiten und Genüsse, die ein größeres Einkommen ermöglicht. 


Alkohol und Sexualität 1 ). 

Von Dr. med. Karl Bornstein 
in Berlin-Schöneberg. 

Meine Damen und Herren! 

Vor vier Wochen fand in diesem Hause eine große Tagung statt. Die 
ärztlichen Abteilungen der Waffenbrüderlichen Vereinigungen Österreichs, Ungarns 
und Deutschlands fanden sich hier zusammen, um über den „Wiederaufbau 
der Volkskraft nach dem Kriege“ zu beraten. Das Programm war ein 
überreiches, und so kam es, daß die vorgesehene, stets notwendige Erörterung 
unterbleiben mußte. Besonders bedauerlich war es, daß der Vortrag des be¬ 
kannten Wiener Anatomen Prof. Tandler zur Frage der Bevölkerungspolitik, 
eines Themas, das sonst gerade jetzt vielleicht mehr als zuviel breitgetreten 
wird, nicht besprochen werden konnte. Dieser Vortrag fiel durch seine eigen¬ 
artige und tiefgründige Behandlung des Stoffes aus dem Bahmen der sonst be¬ 
liebten bekannten Art gewaltig heraus und bildete das Ereignis dieser Tagung. 
Man merkte, daß der Sozialarzt aus dem Orte kam, woBudolfGoldscheid 
seit Jahren seine Lehre von der Menschen Ökonomie predigte, wo Popper- 
Lynkeus, der gestern, am 21. Februar, sein 80. Lebensjahr vollendete, seine 
hervorragenden Werke, zuletzt „Die allgemeine Nährpflicht als Lösung der so¬ 
zialen Frage“ 2 ) geschrieben hatte. — „DerArzt muß lernen“, sagte Tandler, 
„sich auch um die Standesangelegenheiten und das soziale Ge¬ 
füge des Staates mehr zu kümmern als bisher. Der enge Zu¬ 
sammenhang zwischen ärztlicher Kunst und Volks Wohlfahrt 
macht die Ärzte von vornherein zu aktiven Politikern.“ 

„Aktive Politiker der Vol kswohlfahrt! Fürwahr ein herrlicher 
Ehrentitel für die Ärzte, den sie sich gern verdienen wollen.“ — 

So schrieb ich in dem Berichte, den ich über diese Tagung für die Deutsche 
medizinische Wochenschrift (1918, Nr. 8) erstattete. — 

Die Ärzte werden sich je länger je mehr auf diese Politik einstellen müssen. 
Auch die Wissenschaft wird nicht mehr, wie es immer noch häufig geschieht, 
einseitig nur die Wissensvennehrung im Auge haben dürfen, gleichgültig ob sie 
dem Allgemeinwohl dient oder nicht. Sie wird von der hohen Warte 


1 ) Nach einem Vortrag, gehalten am 22. Februar 1918 in der Ärztlichen Gesellschaft 
für Sexualwissenschaft im Langen beck-Virchowhause. 

2 ) Verlag Carl Reißner. Dresden 1912. 


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Alkohol und Sexualität. 


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der reinen exakten Wissenschaft auf die weit höhere und 
darum aussichtsreichere der Wissenschaft als Dienerin der 
Volkswohlf ahrt steigen müssen. — 

Ich unterscheide kalte und warme Wissenschaft; die kalte, die nur 
mit dem Verstände gemacht wird; die andere, bei der Herz und Verstand ver¬ 
eint wirken. — 

Es will mir scheinen, daß die jetzt sich überstürzenden Volksbeglückungs¬ 
bestrebungen kalte Verstandesmaßnahmen sind, von der Not der Zeit nicht im 
Interesse des Individuums, sondern aus Staatsgründen diktiert. Sorgen wir 
Ärzte durch eine aktive Volkswohlfahrtspolitik dafür, daß die Einzelzelle, das 
Individuum, dabei nicht zu kurz kommt. Daß von der riesigen Glücksfülle, die 
in der Welt geschaffen und geschafft werden kann, auch für den Allerletzten 
ein gehöriger Teil abfällt. Zeigen wir allen, daß es mehr Glücks- und Be¬ 
glückungsmöglichkeiten und Glücksmengen gibt, als sich selbst höchste Schul¬ 
weisheit träumen läßt. — 

Der Arzt, den schon Homer für wertvoller hält, „als viele andere Menschen 
zusammen“, weiß oder sollte es wissen, daß er vor allen anderen berufen ist, 
zu lehren und aufzuklären, das Glück zu mehren, das Unglück zu mindern. 
Man ruft ihn jetzt von allen Seiten, man überschüttet ihn mit Lob und Dank. 
Zeigen wir dem Volke, daß wir des höchsten Lobes, des heißesten Dankes 
würdig sein wollen. Der Menschen Wohlsein ist in unsre Hand 
gegeben; es sinkt mit uns, mit uns wird es sich heben! — 

Ich habe diese größere Einleitung vorausschicken zu müssen geglaubt, um 
meinen Standpunkt nicht nur für die heute zu behandelnde Frage festzulegen; 
um zu zeigen, von welchen Gesichtspunkten aus ich als sozialer Arzt die Dinge 
betrachte — ich bin überzeugt: in Übereinstimmung mit Ihnen —, um zu be¬ 
gründen, warum meine Schlüsse aus den Ergebnissen der Forschungen oft weiter¬ 
gehende sind, als sie vielleicht von anderen gezogen werden. — 

„Alkohol und Sexualität“ lautet mein Thema. Ich soll Ihnen dar¬ 
legen, wie der Alkohol das Geschlechtsleben und all das, was mit ihm direkt 
oder indirekt zusammenhängt, beeinflußt Das Geschlechtsleben, das für den 
Menschen die Quelle höchsten Genusses mit unvergleichlichen Werten sein 
soll und werden kann, andererseits aber auch Jammer und Elend für das Indi¬ 
viduum selbst, seinen Partner und die Nachkommen zeitigt, wenn es nicht, wie 
des Feuers Macht, bezähmt und bewacht wird. — 

Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an, wenn man sehen muß, wie 
oft dieses große Gut, das arm und reich gleichmäßig besitzen, durch Dumm¬ 
heit und Unvernunft, durch Leichtsinn und Untermenschlichkeit verschleudert 
und vielfach in das Gegenteil umgewandelt wird. Jeder Arzt sollte mit 
Stolz den Titel Sexualarzt tragen und als Sexualpädagoge 
hinausgehen, um jedes Individuum über die großen, höchste 
Glücksmengen verheißenden Güter aufzuklären, die ein jeder 
in sich birgt. Er sollte es lehren, wie er mit diesem kostbarsten Besitze 
wirtschaften, wie er es erhalten und vermehren soll zu seinem und seines 
Partners Nutzen. — 

Jetzt, wo selbst die bravsten Zeitungen täglich von den intimsten Fragen 
der Bevölkerangspolitik berichten — noch vor wenigen Jahren durfte man über 
ähnliche Dinge öffentlich gar nicht oder nur sehr vorsichtig sprechen —, 
wird man endlich diese Frage der Sexualität mehr in die Öffentlichkeit und — 
auch in die Ärzteschaft tragen dürfen, wo sie bis jetzt oft vergebens angeklopft 


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Karl Bornstein. 


hat. In diesem Kreise brauche ich mich über dieses etwas beschämende Kapitel 
der Geschichte der Medizin wohl nicht deutlicher auszudrücken. 

Ebensowenig wie von Geschlechtsfragen durfte man von Alkohol reden, 
es sei denn, daß man das Lob der sogenannten Mäßigkeit den Hörern zu Liebe 
und Dank verkündigte, daß man entgegen jeder ernst und streng wissenschaftlich 
feststehenden Tatsache von seiner guten Wirkung am Krankenbett sprach und 
damit längst Widerlegtes als wahr unterstellte, oder daß man von einem Nar¬ 
kotikum behauptete, daß es anrege und begeistere. — 

Gelegentlich des Antialkoholkongresses in Budapest habe ich vor 12 Jahren 
meine Stellung zur Alkoholfrage in einem kurzen Satze festgelegt, der also 
lautet: ,,Der Mensch lebt nicht vom Alkohol, sondern der Alkohol 
lebt vom Menschen, und er kräftigt nicht den, der ihn trinkt, 
sondern den, der ihn her stellt und verkauft* 1 Der Nutzen des Al¬ 
kohols drückt sich nur in der Dividende des Alkoholkapitals aus. Der Kon¬ 
sument hat nur einen negativen Nutzen, es sei denn, daß man Alkohol, wie 
auch andere Gifte, wohl dosiert wegen seiner Giftwirkung gibt. Kein Mensch, 
besonders aber kein Arzt, wird doch Morphium deswegen für kein Gift erklären, 
weil es bei gleicher Dosis schwächer wirkt als Strychnin? — 

Weil die Menschheit in ihrem kindlichen Unverstände jahrhundertelang 
ausgerechnet durch ein körperliches und soziales Gift sich gewisse subjektive 
Glücksempfindungen verschaffte, die sie in weit höherer und reinerer Form ohne 
innere und äußere Schädigungen durch harmlose Mittel in vielfacher Menge 
erhalten konnte, sollte darum das vernünftige und sehend gewordene Geschlecht 
es weiter tun, blind und taub für die Schädigungen, gefühllos gegen all das 
unendliche Weh und Leid, das dieses Volksgift über die Welt gebracht hat, 
blind und taub und gefühllos auch gegen die unermeßlichen Schädigungen, die 
der Alkohol selbst in kleinen Mengen besonders dem Geschlechtsleben, dem Ver¬ 
kehr der Geschlechter in seinen Folgen zufügt? — 

Um zunächst auf einen Punkt einzugehen, der jetzt im Vordergründe des 
Interesses steht, auf die Geschlechtskrankheiten und deren Bekämpfung, 
die man m. E. bis jetzt mit meist untauglichen Mitteln versucht hat Vor 
diesem Auditorium brauche ich wohl nicht des weiteren auszuführen, daß der 
Alkohol selbst in mäßigen Mengen, richtiger gesagt gerade in 
mäßigen Mengen, ein gewaltiger Kuppler ist, daß er die 
Sexualsphäre mächtig beeinflußt. Daß trotz dieser Erkenntnis und 
der erfahrungsgemäß und wissenschaftlich längst feststehenden Tatsache die Be¬ 
kämpf uug des Alkohols bei der Verhütung und Bekämpfung der Geschlechts¬ 
krankheiten meist nur eine platonische gewesen ist, muß von jedem Standpunkte 
aus bedauert und streng verurteilt werden. 

Forel fand in einer statistischen Erhebung bei 219 Fällen (190 Männer, 
29 Frauen), daß bei ca. 75 °/ 0 der Alkohol die Infektion beeinflußte; 50% 
waren leicht angeheitert. Hecht (Prag) ermittelte in der dermatologischen 
Klinik, daß von 972 geschlechtskranken Männern 45% zur Zeit der Ansteckung 
unter dem Einfluß des Alkohols standen. Diese Erhebungen lassen sich ja 
täglich vermehren. — 

So lange aus diesen feststehenden Tatsachen nicht die einzig mögliche 
Schlußfolgerung gezogen wird: Kampf gegen Alkohol als Erreger der Geschlechts¬ 
krankheiten bis zur Vernichtung, halte ich den Kampf gegen die Geschlechts¬ 
krankheiten für aussichtslos. Warum fürchtet man sich vor den stark wirkenden 
Mitteln, von denen man bestimmt weiß, daß sie helfen? Warum greift man 


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Alkohol uud Sexualität. 


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nicht zur Therapia magna sterilisans und behilft sich immer noch mit kleinen 
und kleinsten Mittelchen, die Symptome bekämpfend, ohne der Krankheit ener¬ 
gisch zu Leibe zu gehen? Ist der Verführer deswegen zu Schonen, weil er 
Alkohol heißt? Man will nach neuesten Gesetzen die Person bestrafen, die den 
Beischlaf ausführt oder gestattet, obwohl sie weiß, daß sie geschlechtskrank ist. 
Wer bestraft aber den Alkohol, obwohl man weiß, daß er in mindestens 50 % 
der Fälle geschlechtskrank macht, daß er die Hemmungen beseitigt und alle 
guten Vorsätze einschläfert? — 

Gelegentlich eines aufklärenden Vortrages gab ich meinen Hörern folgende 
kurze Ratschläge: 1. Haltejedes käufliche Weib fürkrank. 2. Mann, 
gehst du trotzdem zum Weibe, vergiß dieVorsicht nicht. (Für 
die Peitsche nach Nietzsche habe ich nichts übrig.) Das auch nur gering alko¬ 
holisierte Gehirn denkt weder an 1 noch 2. Es sieht in jedem Weibe eine 
Venus und — in me Bacchus excitat Venerem, sagt er nachher zur Entschul¬ 
digung. Und der ewige Einwand der Selbstgenüger mit den mäßigen Mengen! 
„Gerade die allgemeine mäßige Alkoholisierung“, sagte unser Mitglied, Kollege 
Juliusburger, vor Jahren, „züchtet fort und fort die Philister und die Simpel, 
läßt das träge Genüge von Heute erstarken und erstickt das Verlangen nach 
dem Morgen.“ — Sie erstickt auch im Augenblicke die bestgefaßten Vorsätze, 
und dieser Augenblick muß bitter gezahlt werden, gezahlt von dem unglück¬ 
lichen Individuum selbst, vielfach auch von dem von ihm infizierten anderen 
Teile, von der etwaigen Nachkommenschaft und von der Gesamtheit, der in 
vielen Fällen eine neue Generation vorenthalten wird. — 

Mehr denn je ist jetzt in der schrecklichen Periode der Entvölkerung und 
des Geburtenrückganges „der Schrei nach dem Kinde“ groß. Der Staat hat 
diesen früher von anderer Seite aus anderen Gründen ausgestoßenen Ruf, den 
vor vielen Jahren Ruth Bre als Wortführerin einer sozialen Gruppe prägte, in 
vergrößertem Maßstabe aufgenommen. Wer bevölkerungspolitisch mit Vernunft 
und Erfolg arbeiten will, wird sich klarmachen müssen, daß der Alkohol 
jede gesunde Bevölkerungspolitik illusorisch macht, daß unter 
den sozialen Mitteln, die nach der Ansicht auch der früher anders Denkenden 
als einziges Heilmittel in diesem Kampfe in Anwendung 'kommen müssen, die 
Alkoholbekämpfung in erster Reihe stehen muß. — 

Der Familie, dem Staate und der Gesellschaft kann nur an einem ge¬ 
sunden kräftigen Nachwuchse gelegen sein, von gesundem kräftigen Vater ge¬ 
zeugt, von gesunder Mutter geboren, die auch in der Lage ist, ihre höchste 
Pflicht, die Stillpflicht, zu erfüllen, aus gesundem Blute gute Milch abzusondern. 
Wer auch nicht geneigt ist, so weit zu gehen, wie v. Bunge (Basel), der bei 
den Töchtern trinkender Väter Stillunfähigkeit oder verminderte Stillfähigkeit 
nachgewiesen hat, wird nicht umhin können, den zellschwächenden Einfluß des 
durch Alkohol geschwächten Erzeugers auf die Nachkommenschaft zuzugeben. 
Das Material v. Bunges, dieses ernsten Forschers, der zu den hervorragendsten 
Vertretern der von mir sogenannten „warmen Wissenschaft“ gehört, wird ernst¬ 
lich studiert werden müssen. Wie wir später sehen werden, setzt Alkohol 
nicht nur die Qualität des Trinkers und seiner Nachkommenschaft herab, er 
macht in vielen Fällen den Alkoholverbraucher unfähig zur Zeugung von Nach¬ 
kommenschaft. — 

Der Alkohol spielt bei der Zeugung in jeder Beziehung eine verhängnis¬ 
volle Rolle. Der Trunkene ist bekanntlich unfähig zum Geschlechtsakte. Bei 
starker Trunkenheit tritt nach anfänglicher Erregung vom Zentralnervensystem 
aus bald Lähmung ein. Diese Wirkung, wie auch alle anderen, teilt der 


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192 


Karl Bornstein 


Alkohol mit sämtlichen Narcoticis; mag er auch durch seine verschiedenen 
kupplerischen Aufmachungen für die an ihn gewöhnten und verwöhnten Gaumen 
ein besonders wohlschmeckendes Erregungs- und Lähmungsmittel sein. In 
mäßigen Mengen schwächt er die Potenz, hebt aber die Libido. — Yiel zitiert 
wird ein Ausspruch Shakespeares in Macbeth: „Der Trunk befördert Buhlerei 
und dämpft sie zugleich. Er befördert das Verlangen und erschwert das Tun.“ 
— Der Alkohol wirkt als Erreger der Lust; die hemmenden ethischen und 
intellektuellen Vorstellungen fallen fort Die Unternehmungslust wird gesteigert 
Dann fortschreitende Lähmung der Potenz und schließlich Erlöschen des an¬ 
fänglichen Reizes. Wer in dem Kampfe für die Rechte der unehelichen Kinder 
und ihrer Mütter steht, weiß zur Genüge, wie oft das Mädchen mehr dem 
Alkohol als dem Manne und seiner und ihrer Sinnlichkeit das Kind zu ver¬ 
danken hat. Auch der Mann wäre in vielen Fällen nicht zum Verführer ge¬ 
worden, hätte das Mädchen nicht unglücklich gemacht, wo er sie zu beglücken 

gedachte, hätte der verfl.Alkohol nicht alle guten Vorsätze über den 

Haufen geworfen. Kinder, die der Alkoholstunde ihr Leben verdanken, sind 
schon aus diesem Grunde bedauernswert. Und was mancher Mann nicht durch 
Überredung erreichen kann — der Alkohol als Mephisto schafft Gretcheo, ohne 
daß der betreffende Mann ein Faust zu sein braucht 

Der Alkohol beeinträchtigt auch den Geschlechtsakt selbst Trotz anfäng¬ 
licher Erregung tritt eine Verlangsamung der sexuellen Tätigkeit ein; die 
Empfindungsvorgänge werden langsamer ausgelöst, die Ejakulation erfolgt später. 
Dadurch, daß die Dauer verlängert wird, ist bei Erkrankung eines der beiden 
Teile für den anderen die Ansteckungsgefahr vergrößert Der Alkoholisierte 
befindet sich in einer Selbsttäuschung. Er hält sich für einen Liebeshelden, 
während die Partnerin ihn viel niedriger einschätzt. — 

Der Alkohol macht auch bei Leuten, die sonst das zur Fortpflanzung und 
zur Erhöhung der Lebensfreude unentbehrliche Triebleben zu vermenschlichen 
und in eine höhere und beglückendere Sphäre zu erheben wissen, dieses Hohe 
und Höhere zu einer rohen tierischen Lust, die nicht das Miterleben und Mit¬ 
genießen des anderen Teiles als eigene Lust empfindet, die nicht nach der 
Achtung des Partners sich sehnt, wenn alles vorbei ist. Jeder von uns kennt 
Fälle, wo die Liebe des Weibes erlosch, als sich ihr der Mann in der bezeich¬ 
nten Weise nahte. In jedem Menschen schlummert nach Forel mehr oder 
weniger das Raubtier. Es kann und soll zu ewigem Schlummer gezwungen 
werden. Der Alkohol befreit es in solchen Fällen von den durch die Ver¬ 
menschlichung und durch Vernunft gelegten Fesseln und läßt es Triumphe 
feiern, denen beim Erwachen die Reue folgt. Die in ihren tiefsten Gefühlen 
verletzte Frau erfaßt vielfach ein Ekel vor diesem Manne, und statt das Mit¬ 
einander- und Füreinanderleben gibt es ein Nebeneinanderleben, oft auch eine 
Trennung. — 

Tritt diese Triebverrohung auch bei sonst feiner veranlagten Naturen ein, 
um wieviel mehr bei Menschen, wo das Raubtier weniger feste Fesseln hat 
So erlebte ich, als ich als junger Arzt in der Provinz Posen auf dem Lande 
tätig war, folgenden Fall. Eines Tages kommt außerhalb meiner Sprechstunde 
ein GOjähriger Bauer zu mir, ich sollte ihn von großen Schmerzen befreien. 
Nach einem Koitus hatte sich die Vorhaut zurückgezogen, bildete einen festen 
Ring um die Eichel und ging nicht mehr zurück. Er kam aus einem Dorfe 
von einem Hochzeitsfeste, das dort gewöhnlich 3 Tage dauert und mit Brannt¬ 
wein gefeiert wird. Sämtliche anwesenden Ehepaare hatten sich, als die Lustig¬ 
keit hochgestiegen war, in die Scheunen begeben um dort — trotz ihres hohen 


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Alkohol and Sexualität. 


193 


Alters — ihre Potenz zn beweisen. Das Schamgefühl hatten sie zu Hause 
gelassen. — Ein kalter Umschlag und sonstige Heilmittel ließen den ange¬ 
schwollenen Penis wieder zur Norm zurückkehren. — Man denke sich aber 
diese durch den Alkoholgenuß verursachte Szene in der Scheune! — 

So kommt es auch, daß das sogenannte Unnatürliche über das Natürliche 
siegt, daß, wie unser Freund Forel hervorhebt, der Alkohol sich nicht damit 
begnügt, durch die Lähmung der höheren ethischen Vorstellungen und der 
Vemunftsüberlegungen dem bestialischen Trieb völlig freien Spielraum zu ver¬ 
schaffen, sondern er hat auch eine große Neigung, den Trieb selbst pathologisch 
zu gestalten. Ein Teil derFä.lle von Exhibitionismus, der homo¬ 
sexuellen Triebe, der pathologischen Triebe zuKindern oder 
Tieren wird durch den Alkohol verstärkt oder bei einiger¬ 
maßen latenter Anlage hervorgerufen. Aus eigener ärztlicher Er¬ 
fahrung kann ich hier nicht mitreden: relata refero. Die auf diesen Gebieten 
erfahrensten Kollegen sitzen ja unter uns; sie werden mir widersprechen, falls 
ich irren sollte. — 

Eine Frage, die vielleicht nicht direkt zum Thema gehört, möchte ich hier 
gelegentlich streifen. Ich habe vorhin die Worte „natürlich“ und „unnatürlich“ 
gebraucht. Im allgemeinen weiß man ungefähr, was man damit meint In 
sexualibus, glaube ich, sind die Auffassungen recht verschieden, je nachdem, 
welchen religiösen, „moralischen“ oder Vernunftstandpunkt man einnimmt. — 
Z. B.: Es ist bekannt, daß man ärztlicherseits oft bei Kinderlosigkeit aus ge¬ 
wissen anatomischen Gründen den Coitus more bestiarum, also in Knieellen¬ 
bogenlage des Weibes, anrät. Ist das natürlich oder unnatürlich? Der katho¬ 
lische Pfarrer verbietet diese Art des Koitus, als gegen das kanonische Gesetz 
verstoßend. So haben es mir katholische Patientinnen oft erzählt. Bei der 
Beichte'spielen ja diese internsten Dinge eine große Rolle. — So wird vielerlei 
für unnatürlich erklärt, was nur eine Modifikation des nach gewissen An¬ 
schauungen als nur allein Natürlichen gilt. -Ich glaube, daß die bis jetzt noch 
nicht restlos definierten Begriffe „Natur“, „natürlich“, „unnatürlich“ nur Ver¬ 
legenheitsworte sind, bei denen sich jeder denkt was er will, Schlagworte, die 
sich einstellen, wo Begriffe fehlen. — 

Verzeihen Sie die Abschweifung. In einer Gesellschaft, wo das freie, oft 
erlösende Wort gesprochen wird, das anderswo noch verpönt ist, hielt ich es 
für richtig, auch auf das im Verkehr der Geschlechter angewandte „natürlich“ 
und „unnatürlich“ kritisierend hinzuweisen. Natürlich ist, was dem Wesen 
des Einzelnen, entspricht. Aber die Behandlung und Bewertung dieses Natür¬ 
lichen war oft unnatürlich, weil unvernünftig. Was Vernunft und Unvernunft 
ist, sollte man nachgerade wissen und mehr mit diesen besser definierten 
Begriffen arbeiten. — .— 

Weit schlimmer als die Wirkung des Alkohols auf Libido und Potenz des 
Einzelnen, auf die Vergröberung des auch sonst bei vielen recht rohen Ge¬ 
schlechtsverkehrs ist der verderbliche Einfluß des chronischen, oft nur mäßigen 
Alkoholismus auf das Keimplasma, ist die von Forel sogenannte Blastoph- 
thorie. — 

Bekannt ist, daß der Alkohol rasch resorbiert und in den Zellen größten¬ 
teils oxydiert wird. Nachdem er bei seiner allzuraschen Verbrennung, die 
einer Explosion gleicht, seine 7 Cal. pro Gramm' an den Körper zn wenig nutz¬ 
bringender Erwärmung abgegeben hat, verläßt er den Organismus nun zum 
größten Teil durch die Atmung als Wasserdampf und Kohlensäure. Ein ge- 

Zeitsohr. 1 Sexualwissenschaft Y. 6. ]5 


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194 


Karl Bornstein. 


ringer Teil wird als Alkoholdampf unverbrannt ausgeatmet, ein geringerer 
geht durch Niere und Harn. Je nach der Menge des aufgenommenen Alkohols 
tritt eine längere oder kurzer dauernde Zeit Alkoholisierung des Gesamtorganis- 
raus, also auch der Keimdrüsen ein, die scheinbar eine besondere Anziehungskraft 
für den Alkohol besitzen. Je feiner organisiert Teile unseres Körpers sind, 
desto schneller und intensiver reagieren sie auf Reize, desto eher müssen sie 
durch Gifte geschädigt werden. Daß die Keimdrüsen zu den feinst organi¬ 
sierten Teilen gehören, dürfte ohne weiteres einleuchten. 

Ehe man sich mit diesen wichtigsten Dingen wissenschaftlich beschäftigte, 
hatte Erfahrung und Vernunft erkannt, welch verhängnisvolle Rolle der Alkohol 
in der Fortpflanzungsfrage spielt. Die Wissenschaft hatte eigentlich nur nötig, 
auf kürzestem Wege den Beweisring zu schließen und zu einem unangreif¬ 
baren zu machen* um ihrer höchsten Pflicht zu genügen. Da aber die 
Wissenschaft von Menschen gemacht wird, und Menschen 
für Menschliches, Allzu menschliches besonders dann ein 
schnelles Verzeihen und Ignorieren haben, wenn sie selbst 
reichlich mit Allzumenschlichem behaftet sind, besonders aber 
dann, wenn sie die Konsequenzen aus dem als richtig Er¬ 
kannten zunächst für ihre so sehr geliebte eigene Person 
ziehen müßten — werden dann die Folgerungen durch sub¬ 
jektive Deutungen abgeschwächt und die Logik wird mit 
einem liebens w ürd igen Lächeln vergewaltigt. 

Hypokrates beschreibt die traurigen Folgen der Zeugung im Rausch. 
Diogenes sagte zu einem abgelebten Jüngling: Junger Mann, dein Vater hat 
dich im Rausch gezeugt. Plutarch verlangt Nüchternheit, wenn man starke 
Nachkommenschaft haben will. „Ebrii gignunt ebrios.“ In Carthago verbot 
man den Ehegatten jedes andere Getränk als Wasser an den Tagen der ehe¬ 
lichen Vereinigung. 

Aber heutzutage, wo wir es nach der Ansicht vieler in Kulturfragen und 
ähnlichen Dingen so herrlich weit gebracht haben sollen? Die herrschende 
Trinksitte gebietet, daß das Brautpaar mit allen „anstößt“, wenn es nicht An¬ 
stoß erregen will, daß es sich wehrlos den geistlosen Witzeleien einer ange¬ 
säuselten Gesellschaft aussetzen muß. Nur der nüchterne Zuschauer weiß den 
Tiefstand einer solchen Gesellschaftskultur richtig einzuschätzen. Statt der 
Weihe tritt blöde Entweihung ein. — Ein Seitenkapitel zum Thema: Alkohol 
und Sexualität! 

Es ist leicht nachzuweisen, daß nach Aufnahme kleiner oder größerer 
Mengen Alkohol der Körper eine kürzere oder längere Zeit alkoholinfiziert 
ist, daß jede Zelle weniger oder mehr alkoholisiert ist, besonders aber die 
Keimzelle. Vereinigt sich eine „berauschte“ Samenzelle mit dem Ovulum 
nach einem im Zustande des Angetiunkenseins vollführten Beischlafe, so zeigen 
uns die Folgen dieser Kopulation, daß der Alkohol das Sperma und durch das¬ 
selbe die Frucht minderwertig gemacht hat. Schädlich ist der akute Rausch, 
schädlich und verderblich der chronische Alkoholismus. Wer sieh mit diesen 
Fragen nicht nur im Vorübergehen oder im Vorüberhören beschäftigen will — 
und ich bin der Überzeugung, daß endlich jeder Arzt die Alkoholfrage gründ- 
lichst studieren muß, daß die Alkohologie ein zu wuchtiges Gebiet ist, als daß 
man mit Schlagw^orten vorbeireden sollte — wird all’ das bestätigt finden, was 
Wissenschaft, Vernunft und Erfahrung über und gegen # den Alkohol auch bei 
der wichtigsten Menschheitsfrage, der Sexualfrage, lehren. 


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Alkohol und Sexualität 


195 


Forel spricht von Rauschkindern*, Dinerkinderu, minderwertige Nach¬ 
kommen, die nach einem Gelage gezeugt werden. Abderhalden (Med. 
Klinik 1906, S. 1089) fand in Ehen, wo bei Vorhandensein mehrerer Kinder 
aus wirtschaftlichen Gründen Präventivverkehr stattgefunden hatte, oft minder¬ 
wertige Spätlinge, w r enn der Vater im Rausch die Vorsicht außer acht gelassen 
hatte. Mein Freund und Kollege Holitscher (Pirkenhammer bei Karlsbad) 
hat auf Grund dieser Mitteilungen genaue Forschungen angestellt und in drei 
Fällen unzweifelhaft festgestellt, daß die Minderwertigkeit dem akut - alkoholi¬ 
sierten Erzeuger zur Last zu legen sei. Die Familien waren sonst völlig 
gesund. Nach 4 gesunden Kindern kam ein fünftes, das zur Zeit der Be¬ 
fragung ein 4 Jahre altes idiotisches Geschöpf mit chronischem Hydrozephalus 
war. Im anderen Falle starb das Kind nach 1 X J 2 Jahren an Krämpfen. Ein 
drittes war hochgradig rachitisch und skrofulös, konnte mit fünf Jahren noch 
nicht sprechen und mußte sich auf Stöcken fortbewegen. 

Gelegentlich eines Vortrages, den ich über Alkohol hielt, gestand ein Zu¬ 
hörer in der Diskussion, daß er jetzt erst begreife, warum ein Teil seiner 
Kinder minderwertig und teilweis jung gestorben sei, während die später ge¬ 
borenen bessere Eigenschaften aufwiesen. Er war früher Lokomotivführer in 
Bayern und glaubte seinen durch die Hitze der Maschine verursachten Durst 
nur durch reichlichen Biergenuß auf jeder Haltestelle löschen zu können. Später 
ergriff er einen Beruf, der weniger, oft gar keinen Durst verursachte, der 
schließlich auch durch Wasser zu löschen war. Jetzt weiß er, warum die 
zweite Sorte seiner Kinder die bessere ist. — In Carthago war man damals 
schon klüger. Man hat in der Zwischenzeit nicht nur auf diesem Gebiete 
vieles verlernt; man ist eben mehr „Kulturmensch 44 geworden. — Selbst 
Jupiter, obwohl er Vorsitzender einer ganzen Göttergesellschaft war, war 
schwächer als der Alkohol; Vulkan hinkte nach der Sage um deswillen, weil 
Papa Jupiter bei der Zeugung nektartrunken gewesen sein soll. 

Jeder Arzt kann die in der Literatur niedergelegten Fälle vermehren, wenn 
er in der Anamnese bei minderwertigen Kindern jeder Art, seien sie epi¬ 
leptisch, idiotisch, imbezill, geistig oder körperlich anormal, 
auf die Aszendenz eingehender achtet, wenn er die Eltern genauer analysiert. 
Ich will mich nicht mit fremden Federn schmücken und die leicht zugäng¬ 
lichen Literaturauszüge auch für meinen Vortrag und seine Niederschrift aus¬ 
führlich benützen. Ich rate Ihnen dringend, das große preiswerte Werk von 
Hoppe: Die Tatsachen über den Alkohol, ein Handbuch der Wissenschaft vom 
Alkohol. 4. umgearbeitete und vermehrte Auflage; München 1912; Verlag 
Ernst Reinhardt,; Pr. geb. 10.50 M. nicht nur Ihrer Bücherei einzuverleiben, 
sondern auch gründlich zu studieren. Jeder Arzt muß sich mit. dieser 
ernstesten Frage ernstlich beschäftigen. Er hat sonst kein Recht, in dieser 
Frage mitzureden. Zur raschen Orientierung dient nebenbei ein Bändchen aus 
„Natur und Geisteswelt 44 , das im Teubnerschen Verlage 1911 erschienen ist: 
Georg Gruber (München): Der Alkoholismus, ein Grundriß; bevorwortet 
von Geheimrat Max von Gruber. Leicht zugänglich ist auch jedem Arzte der 
Aufsatz von Forel: Alkohol und Keimzellen (Blastophthorische 
Entartung) (Münch, med. Wochenschr. 1911 Nr. 49, S. 2596). 

Nur einige Tatsachen: Kinder, in den Weinlesemonaten oder Kirchweih¬ 
festen gezeugt, sind durchschnittlich körperlich und geistig minderwertiger. 
Genaue Statistiken über Tausende von sicheren Fällen sind besonders in der 
Schweiz von Bezzola aufgestellt worden, der 1900 aus Anlaß der Schweizer 

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196 




Earl Bomstein. 


"Volkszählung eine Idiotenzählung vorbahm. Die Zeugungszeit dieser Unglück¬ 
lichen ließ sich genau berechnen; sie fiel in die Fastnachtszeit und die Zeit 
der Weinernte. — Epilepsie desgleichen, teils aus akuter, teils aus chronischer 
Alkoholsuc^t stammend. Der Psychiater Weygandt sagt: „Wahrlich ein übles 
Erbteil für die Kinder, das ihnen die Trunksucht der Eltern mit auf den Weg 
gibt. Die Unschuldigen müssen es hart büßen, lediglich durch die Übertragung 
des Keimgiftes auf die Keimzellen der Erzeuger. Mit dem Tage der Empfängnis, 
9 Monate, ehe das arme Wesen das Licht der Welt erblickt, ist bereits ein 
trostloses Schicksal besiegelt: zum Blödsinn, zu Krankheiten aller Art und zum 
Verbrecher ist es prädestiniert, eine reine, gesunde, glückliche Entwickelung 
ist ihm von vornherein abgeschnitten. So gibt der Alkohol als Hauptfaktor der 
Vererbung eine beweiskräftige und unheimliche Bestätigung ab für das ernste 
Bibelwort, daß die Sünden der Väter heimgesucht werden an den Kindern bis 
in das 3. und 4. Glied.“ — Es ist vielleicht noch als Glück zu betrachten, 
daß viele derartige Familien in der 4. Generation aussterben. „Aussterben der 
Art.“ In vielen Fällen tritt bei Erkennen und Vermeiden der Spätgefahr durch 
Stärkung der Abwehrwaffe und Enthaltsamkeit der Gefährdenden und Gefähr¬ 
deten eine Regeneration ein. 

In ausgedehnten und für den Kenner der Frage beweisenden Tierversuchen" 
hat u. a. Laitinen (Helsingfors) die Schädlichkeit selbst kleiner Alkohol¬ 
mengen — 0,1 ccm pro Kilo Körpergewicht, entsp. 7 gr pro 70 Kilo, also 
3 / 4 Glas Wein für den Erwachsenen täglich — für die Größe, Lebensdauer 
und Widerstandsfähigkeit der Nachkommenschaft dieser alkoholinfizierten Tiere 
nachgewiesen. 

Natürlich ist das Tierexperiment nur ein Notbehelf; es interessiert nur 
als Versuchsmoment. Übrigens hat eine große Statistik Laitinens auch 
beim Menschen auf Grund ausgedehnter Umfragen ähnliches nachgewiesen. 
Immerhin sind diese exakten Forschungen derart, daß niemand an ihnen vor¬ 
übergehen darf, der seine Beweise über die Verderblichkeit des Alkohols durch 
die Wissenschaft ergänzen muß. — Ein mehr als beweisendes Zufallsexperiment 
am Menschen: Eine Frau bekommt in 1. Ehe von ihrem gesunden Ehemanne 
mehrere Kinder; alle sind gesund und kräftig. Der Mann stirbt an einer 
akuten Krankheit. Sie heiratet in 2. Ehe einen Trinker: die Kinder aus dieser 
Ehe sind lebensschwache Degenerierte, sterben. Der Mann geht zu Grunde. 
Sie heiratet zum 3. Male: Der Mann ist solide; die in der 3. Ehe gezeugten 
Kinder glichen denen der 1. Ehe. Tierexperimente ergaben gleiche Resultate; 
am Menschen lassen sich solche Experimente zu Forschungszwecken sonst 
schwer anstellen. Drei Dinge fehlen: die Versuchsfrau, die drei Versuchs¬ 
männer und — die Zeit Schließlich käme man auch mit dem Gesetze in 
Konflikt. Die Beweise bieten sich, ja in genügender Zahl ungerufen und unge¬ 
wollt. Man muß nur sehen wollen. — „Die Hoden der Alkoholiker“, sagt 
Bertholet (Lausanne) in seinem berühmten Buche: Die Wirkung des 
chronischen Alkoholismus auf die Organe des Menschen, ins¬ 
besondere auf die Geschlechtsdrüse (übersetzt von Pfleiderer, Ulm, 
Mimirverlag Stuttgart 1913) „sind diejenigen Organe, die im größten Prozent¬ 
satz Entaitungserscheinungen aufweisen, nämlich in 86 %. Diese Entartung 
tritt bei den Alkoholikern sehr früh ein und führt außerordentlich schnell zum 
vollständigen Schwund des Hodens mit Azoospermie (Verschwinden der Samen¬ 
fäden). Die Eierstöcke scheinen unter dem Einfluß des chronischen Alkoholis¬ 
mus den gleichen Gewebsveränderungen zu unterliegen und scheinen ebenso 
empfindlich zu sein wie die Hoden. Die alkoholische Blastophthorie 


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Alkohol nnd Sexualität. 


197 


der Fortpflanzungsorgane ist gleichermaßen bewiesen durch die Erfahrung der 
pathologischen Anatomie, des Experiments und der Hygiene.“ 

Ähnli che Befunde stellte A. Weichselbaum (Wien) fest 

Noch ein Wort zu einer Frage, die viele menschlich Denkende je länger 
je mehr interessiert, die in das dunkelste Kapitel des Menschentums gehört: 
die Prostitutionsfrage. Ein trauriges Kapitel! Es wäre weniger traurig, wenn 
man nicht auch an diesem Übel allzuviel herumpfuschte. Immer drum rum, 
wie bei der Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. 

Wer sich auch nur oberflächlich mit dieser ernsten Frage beschäftigt: 
weiß, welch verhängnisvolle Rolle der Alkohol in jeder Gestalt bei der Ver¬ 
führung der unglücklichen Geschöpfe zur Prostitution und beim Verbleiben in 
derselben spielt, wie er das arme Geschöpf immer tiefer sinken läßt, bis es 
früher oder später an einer Geschlechtskrankheit oder an Alkohol zu Grunde 
geht. — Man wird es später nicht verstehen können, wie man das Grundübel 
der Prostitution, den Alkohol, so lange sich an den ihn verfallenen Geschöpfen 
hat versündigen lassen können. Wer die Sanierung der Prostitution auf irgend¬ 
eine Weise bewerkstelligen will, ohne den Alkohol völlig von ihr zu trennen, 
macht die so sehr beliebte Sisiphusarbeit: kolossaler Energieaufwand, um nichts 
zu erreichen. — Ich verweise auf die grundlegenden Werke unseres verehrten 
Vorsitzenden Iwan Bloch! Auch das Kapitel Alkohol und Sexualverbrechen 
ist ein sehr trauriges; bei 77 °/ 0 der Sittlichkeitsverbrechen ist der Alkohol 
nach Bär das veranlassende Moment 

Maria Lischnewska und Kollege Juliusburger hielten vor längerer 
Zeit Vorträge über „Alkohol und Unsittlichkeit“ (für 25 Pf. vom Guttempler¬ 
verlage in Hamburg zu beziehen). Man lese dort die erschütternden Tatsachen 
und habe dann noch den Mut, dem Alkohol auch nur eine gute Eigenschaft 
zuzusprechen! „Wir brauchen aber nicht zu verzweifeln,“ sagt Juliusburger, 
„denn ein Grundgesetz des Lebens ist die Entwickelung, also der Weg nach 
oben. Nur muß es uns immer mehr zum Bewußtsein kommen, daß wir es 
mit einer großen Kollektivschuld zu tun haben, die nur durch sozial-ethische 
Maßnahmen abgetragen wurden kann. . . . Hier wird ein wichtiger Kampf 
zwischen Egoismus und Altruismus ausgefochten. Im Bekenntnisse zur Abstinenz 
liegt Bejahung des Altruismus, der die Kollektivschuld am Alkoholübel nicht 
mehr will. Und von allen Reformen ist die Alkoholabstinenz die leichteste, 
weil jedermann zu jeder Zeit bei sich selbst anfangen kann.“ 

Am Schlüsse eines Vortrages über „Alkohol und Geschlechtsleben“, den 
Magnus Hirschfeld vor Tausenden von Arbeitern hielt, heißt es: „So sehen 
wir, wohin auch immer auf dem Gebiete des Geschlechtslebens wir die Blicke 
lenken, den verderblichen Einfluß des Alkohols. Wie überall, zeigt er sich auch 
hier als ein böser Feind des Menschengeschlechtes, um so bösartiger, als er sich 
in der Larve des Freundes nähert, vorgibt, uns etwas Wertvolles zu bringen, 
während er in Wirklichkeit Wertvolles nimmt. — Wahrlich, wir haben allen 
Grund, gegen einen Feind zu kämpfen, der uns nicht erhöht, sondern erniedrigt, 
der keinen Segen, sondern nur Nachteil, Unheil und Schaden bringt, und mehr 
wie jede andere Ursache der Vervollkommnung der menschlichen Rasse hindernd 
im Wege steht.“ Diese Tatsachen, sagt Hirschfeld weiter, machten ihn bald 
zu einem überzeugten Abstinenten. 

Wer im Alkohol den schlimmsten Feind menschlicher Höherentwickelung 
sieht, wer gleich uns überzeugt ist, daß er nur Böses schafft, kann keine Kon¬ 
zessionen an die Mäßigen maclieu. Jeder Unmäßige war einstens mäßig: prin- 


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198 


Adrien Turel. 


cipiis obsta. Aber es hilft nichts, dem Alkohol alles Böse nachzusagen, wenn 
man dann selbst diesen Bösewicht einen oder mehrere Finger und schließlich 
die ganze Hand reicht. Keiner darf „Kollektivschuldner“ werden, um 
mit Juliusburger zu reden. Wer von dem elenden Alkohol genießt, ist am 
Alkoholelend mitschuldig, hat kein Recht, mitzureden und zu verurteilen. Wie 
will er der Jugend Lehren geben, daß der Alkohol ihr besonders schädlich ist, 
wie will er mit der Tatsache rechnen und abrechnen, daß bei ilir noch in er¬ 
höhtem Maße Alkohol und Geschlechtsleben, Alkohol und Frühreife, Alkohol 
und Geschlechtskrankheiten und Onanie in Zusammenhang stehen, wenn er 
selbst vor und nach, vielleicht gar während der Belehrung im Alkohol Kraft 
und Genuß sucht? In den Grundzügen der Sexualpädagogik unseres Kollegen 
Rohleder (Berlin 1912, Fischers medizinische Buchhandlung) mit einem Geleit¬ 
wort des ausgezeichneten Pädagogen, Studienrat Dr. Hartmann, Leipzig, der 
sich selbst vielfach mit dieser Frage literarisch beschäftigt hat, werden diese 
Dinge besonders eindringlich behandelt. Meirowskys Geschlechtsleben der Jugend, 
Schule und Elternhaus (12. Bändchen der Flugschriften der D. G. z. B. d. G., 
Leipzig, Ambr. Barth) dürfte Ihnen bekannt sein. 

Verba docent, exempla trahunt. „Wird die Entwickelung des Ganzen unsere 
Herzenssache, so eiwacht die Bruderliebe, der Entschluß, durch das Beispiel zu 
wirken. Die soziale Abstinenz ist ein soziales Mittel, um gegen ein soziales 
Übel Hilfe zu bringen. Die Abstinenz ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum 
höchsten Zweck, zur Kultur der Humanität.“ (Juliusburger, X. intern. Kongreß 
gegen den Alkoholismus, Budapest.) Wahrhaft goldene Worte, die jeder unter¬ 
schreiben muß, der als Kulturhygieniker gegen Kulturschädlinge kämpfen will. 
Und der Arzt als „aktiver Politiker der Volksw r ohlfahrt“ muß Stellung nehmen, 
muß kämpfen. Aber nur wenn er sich selbst frei macht, wird er frei machen 
können, wird er als verpflichteter Führer die Menschheit aufwärts führen können. 
Wird er mit dazu beitragen, daß auch die Sexualität zu reineren Höhen steigt 
und den Menschen zu einer Quelle schlackenfreier Glücksmöglichkeit wird, daß 
nicht Glück und Unglück im gleichen Augenblicke geboren werden. 


Sexualsymbolik. 

Von Adrien Turel 
in Berlin. 

Vortrag, gehalten in der Mai-Sitzung der Ärztlichen Gesellschaft für Sexualwissenschaft. 

(Schluß.) 

Fast den gleichen Mißerfolg wie der Neurotiker hat der sogenannte 
Dilettant mit seinen Kunstleistungen, und zwar aus den umgekehrten Gründen. 
Sind futuristische Symbolreihen zu ungezügelt individuell, so sind die dilettan¬ 
tischen viel zu banal und daher völlig wertlos, während jene in einem etwas 
psychiatrischen Sinne überaus wertvoll sein können. Nehmen wir den lyri¬ 
schen Dilletanten. Er ist sprachlich kombinationsarm, tausendmal ist er an 
den Worten Liebe und Triebe vorbeigelaufen, ohne auf ihren inneren Zusammen¬ 
hang irgendwie aufmerksam zu werden. Nun offenbart ihm ein Anfall von 
Verliebtheit ungeahnte Abgründe triebhafter Erotik. Er geht hin und dichtet 
irgendwelche vollkommen minderwertige Zeilen, deren Reimworte Liebe und 


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SexuaLsvmboük. 


199 


Triebe sind. Diese seine Schöpfung wird allerorten verlacht, was ihn verstört 
und kränkt, denn für ihn sind eben die Reimworte Liebe und Triebe geladen 
und gesättigt mit allen Schaudern neuester Erkenntnis, genau wie für unseren 
Neurotiker es das große Antiqua-M gewesen war. Wer ein großer Künstler 
sein will, muß schon erfüllt sein von allen ästhetisch-ethischen Wertgeffüllen 
und Vermögen seiner Zeit, dann kann es gar nichts anderes sein: jede Symbol¬ 
erkenntnis, die ihm aufblitzt, muß auch für seine Mitmenschen eine Offen¬ 
barung 6ein oder werden. 

Bei dem soeben besprochenen Traum und noch mehr in einigen darauf 
folgenden Ausbrüchen unseres Kranken tritt mit wachsender Schärfe hervor, 
was wir für die Krönung der Analysis, für die Versöhnung des Neurotikers 
mit der Welt für unentbehrlich halten: die Versöhnung mit dem Vater. Nicht 
unter dem Zwange eines Willensimperativs, soudern durch innere Lösung und 
Erkenntnis. Wie gesagt: der Mensch muß seelisch verkrüppeln oder doch 
einen großen Teil seines Impetus verlieren, der sich durch Jahrzehnte hin¬ 
durch zwingt, leidenschaftlich zu lieben und zu verehren, wo er haßt und viel¬ 
leicht sogar verachtet. Diese Rolle tückischen Verzichtes ist die Tragik des 
Lakaien, des Hundes und des Kindes. Um zum Manne zu reifen, muß man 
mit seiner Virilität zum Prometheustrotze durchbrechen, aber dies darf nur 
ein Übergangsstadium bilden, denn es ist der Geisteszustand des Nihilismus, 
der nach oben hin satanisch alle Autorität zersprengt und der nach unten sich 
dafür schadlos hält, indem er um so tyrannischer und maßloser in seinen 
Forderungen ist. Dabei können wir nicht nur gesellschaftlich, sondern auch 
individuell nicht glücklich werden, denn das Feminine, das mehr oder weniger 
in jedem von uns lebendig ist, kommt dabei nicht zu seinem Recht. Das 
sind Fragen feinsten und seltensten Gleichgewichts. Die allermeisten Menschen 
hauen diesen gordischen Knoten einfach durch, erdrosseln die eine oder die 
andere von beiden Komponenten, verleugnen sich selbst mit einer Art von 
Fanatismus, oder verkümmern in innerer Einsamkeit. 

Die großen Künstler nicht allein, die großen Männer überhaupt sind die¬ 
jenigen, die eine fruchtbare Synthese gefunden haben zwischen dem männlichen 
und dem weiblichen Elemente, ebenso wie zwischen der Abnormität und der 
Banalität des Symbols. Daher alle Widersprüche in ihnen. Denn die Voll¬ 
kommenheit dieser Synthese zu erreichen ist unendlich schwer. Schon der 
feinsinnig schüchterne Grillparzer spricht es in seinen Tagebüchern aus, sehr 
ängstlich, mit dem Gefühl etwas Ketzerisches zu sagen, daß ein Shakespeare 
etwas von seinen Verbrechern in sich haben müsse; ansonsten könne er un¬ 
möglich so tief darstellen, wie ihnen zu Mute ist. Wir werden natürlich viel 
weiter gehen und behaupten, daß Shakespeare in Macbeth, Schiller im Vater- 
Protest des Franz Moor oder des Don Carlos, Dostojewsky in seinen Brüdern 
Karamasof weiter nichts tun, als in großartigster. Weise ihre gesellschaftlich 
gebändigte Kriminalität künstlerisch abzureagieren. 

Der Neurotiker ist, wie schon Wittels sehr schön ausgeführt hat, nicht 
etwa ein willensschwacher, sondern vielmehr ein sehr willensstarker Mensch, 
manchmal sogar ein Willensriese von erstaunlicher Gewalt der Gestaltungskraft. 
Als solcher kommt er den Geistesheroen sehr nahe, ist mit ihnen überaus 
verwandt. Leider aber mit falscher Schaltung und Richtung, mit selbstquäle¬ 
risch reflexiver Wirkung der Energie. Ihm ist es nicht gegeben, in Gestalten 
wie Don Quichote, Falstaff oder Marmeladof das kindisch Phantastische, lakaien¬ 
haft Gemeine und Parasvtinhafte, das masochistisch Infantile seines Wesens 


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200 


Adrien Torel. 


nach außen hin abzureagieren und dadurch die Katharsis, die Reinigung seines 
Wesens von diesen Komponenten zu erziehen. Wie jener Esel, der zwischen 
zwei Bündeln Heu verhungert, bleibt er unschlüssig zwischen den im ver¬ 
krampften Gleichgewicht um seine Seele ringenden männlichen und weiblichen 
Komponenten. Typisch ist für ihn, daß er den geographischen lokalen, den 
logisch zeitlichen Zusammenhang der Dinge gar nicht kennen will. Alles läßt 
er in luftleerem Raume schweben, um es jeweils mit seinen vorübergehenden 
wechselnden Wunschphantasien zu verknüpfen. Landkarten, Statistiken, das 
Zahlengerüst der Geschichte und in äußersten Fällen überhaupt jeder Kausal¬ 
nexus ist ihm verhaßt. Denn der Anblick der Tradition und der Zusammen¬ 
hänge würde ihn lehren, daß seit Urzeiten sich die Menschen mit Religion, 
Philosophie, Kunst, Wortspiel und jeder Symbolik im weitesten Sinne, auch mit 
Aberglauben immer nur um dieselben großen zentralen Rätsel gemüht hat 
Wenn er die Gesamtheit sähe, so würde er alles Menschliche wie in einem 
riesigen Kolosseum sitzend erblicken, alle Augen und Seelen nach der Mitte 
der Arena gerichtet, wo das große Urphänomen sieh halb verhüllt abspielt, der 
Kampf der Bisexualität im Menschen, in der Gesellschaft, in der ganzen Natur. 
Er würde der suggestiven Nötigung nicht widerstehen können, auch dahin zu 
schauen, und weil er es nicht will, weil er um keinen Preis zwiespältig sein 
will, so darf er des Anblickes der Welt nicht genießen. Nur immer einzelne 
Strahlen und Stücke, die nichts beweisen, denn erst zwei Radien zumindest 
legen das Zentrum fest So sitzt er still wie ein Wickelkind, immer in Er¬ 
wartung der Gnade, des Geschenkes, der Erlösung von außen. Inzwischen 
wütet seine phantastische Gestaltungskraft gegen ihn selbst. Er will ein Kind 
sein, drum macht er sich dazu. Wenn er in scharfen Wettbewerb treten soll, 
so lähmt ihn Herzschwäche, wenn er studieren will Augen weh, Migräne, 
Fieber usw. Am Denken hindert ihn Gedächtnisschwund, am Schreiben Krampf. 
Wenn ihm sein Unbewußtes verbietet, irgendwohin zu gehen, gleitet er aus 
und verstaucht sich den Fuß. Das ist die Tücke des Objekts. Er mag so ge¬ 
wissenhaft sein w'ie er will, er kommt zu nichts, denn dunkle reflexive Kräfte, 
Introplastik, wenn ich es so nennen darf, die große fundamentale Neurose der 
Infantilität aus Mutterfixierung hält ihn unter ihrem beständigem Terror. Das 
Damoklesschwert der duckenden väterlichen Hand hängt immer über seinem 
Haupte. Eben dies muß im Tiefsten erschaut, aufgelöst und überwunden 
werden. Der Kranke ist gerettet, sobald er nicht theoretisch einsieht, sondern 
es von innen heraus erlebt, daß er seine ganze Kraft darauf verwendet hat, 
sich selbst zum Kinde zu machen. Dann kann man ihn aus der Kategorie der 
subalternen Charaktere, die wegen ihrer Labilität immer in der Kandare bleiben 
müssen, zur Vollreife emporheben. Unter Vollreife verstehe ich beim Mann 
einen Zustand, in dem die männliche Komponente durchaus die Führung hat, 
aber jeder Akt doch als doppelseitig beglückend empfunden wird.' Denn das 
ist die fundamentale Überdeterminierung jedes Symbols, daß es immer ein 
männliches und ein weibliches Symbol zugleich bedeutet. Nehmen wir den 
normalen Geschlechtsakt. Der absolute Mann müßte unbedingt nehmen, das 
absolute Weib müßte sich unbedingt geben. Dem ist aber fast nie so. Das 
Männliche am Weibe sträubt sich, und das Weibliche am Manne kommt dem 
entgegen, denn das widerstrebende Weib symbolisiert ihm das Weibliche in der 
eigenen Brust, das er ständig überwinden muß, um Mann sein zu können. 
Der endliche Triumph über die Frau ist ein beglückendes Symbol des Triumphes 
über sich selbst. So sehen wir Männer mit starker, aber heftig bekämpfter 
femininer Komponente, auch regelmäßig bestrebt, das Weib in Staat und Gesell- 


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Sexualsymbolik. 


201 


Schaft zu verdrängen. Sie wollen sie nicht zu Wort und Stimme kommen 
lassen, wie sie auch das eigene Feminine mit Baßstimme, Würde und Aktivität 
leidenschaftlich übertäuben. So gelangt man zur äußerlich paradoxalen Erkenntnis, 
•daß starker Eroberungstrieb, große Aktivität beim Eroberer eine gewichtige 
feminine Komponente voraussetzt. 

Manche Knaben reagieren sexuell, wenn man sie auf den Bauch drückt 
oder tritt, oder sie legen sich etwa mit dem Unterleib auf einen pfahlartigen 
"Gegenstand oder auf den Rand einer Badewanne, eines Zaunes, eines Tisches. 
Das nächstliegende ist dann zu sagen: Pfahlspitze oder Tischrand sind ein 
Penis, der in den Körper eindringt, es liegt also ein homosexueller oder rneta- 
tropistischer Akt vor. Nun sind mir aber mehrere Fälle bekannt, die diese 
einfache Deutung nicht zuzulassen scheinen. Mir sagte ein Knabe, der so ver¬ 
fuhr, durch das sich gegen seinen Leib stemmende Hindernis fühle er sich 
herausgefordert, zu einer Art von Wut gereizt und nun bestrebt, erst recht 
weiter vorzudringen, was sich in heftigen Erektionen ausdrückt. Das ist doch ein 
greifbar deutliches Symbol des ganz normalen Koitus, wo der weibliche mons 
Veneris sich dem männlichen Körper entgegenstemmt und so herausfordert, 
genau wie unser sogenannter Masochist es empfand. Jedes kraterartige Ein¬ 
drücken läßt die Randpartien schwellen. Jedes Eindringen fordert Protest heraus. 
Männlich und weiblich stehen da im Gleichgewichte gegeneinander. Das eben 
ist, um es noch einmal zu wiederholen, die fundamentale Überdeterminierung 
jedes Symbols, daß es janusköpfig ist zur männlichen und zur weiblichen Seite 
hin. Derart, daß im Menschen die feminine Komponente beim Manne nie er¬ 
drückt wird, sondern wirksam bleibt und den Menschen geschmeidiger macht, 
zum zoon politicon, zum Gesellschaftswesen befähigt. 

Bei der Frau muß wohl das Feminine vorwalten, aber - mit so weit wirk¬ 
samer Komponente, daß sie zum mindesten an ihrer Glückswahl vollen Anteil 
nimmt. Innerhalb ein und desselben Gesellschaftskreises müssen die Feminität 
des Mannes und die Virilität der Frau restlos ineinander passen. Es mag sein, 
daß in der gegenwärtigen Zeit eine allgemeine Maskulinierung der Frau und 
eine entsprechende Feminisierung des Mannes im Gange ist, sodaß sich beide 
Geschlechter vielleicht in der Mitte treffen. In dieser Richtung liegt womöglich 
eine ebenso einfache wie wenig vorausgesehene Lösung der Frauenfrage. 

Zum Schlüsse sei mir ein Wort der Entschuldigung oder vielmehr der 
Erklärung dafür gestattet, daß ich in diesem Raume, welcher der Medizin ge¬ 
widmet ist, so breit auf Fragen der Ethik und Ästhetik eingegangen bin. Aber 
von unserer Auffassung des Symbols ist die Überzeugung untrennbar, daß die 
Kunst zu den wichtigsten biologischen Funktionen der Menschheit gehört. Dazu 
kommt, daß die Polemik, die man gegen uns richtet, ihre Argumente durchweg 
•dem Rüstzeug der gesellschaftlich akkreditierten Ethik, um nicht zu sagen der 
Religion selbst entnimmt. Man beschuldigt uns des ärgerniserregenden Herum¬ 
plätschern in Pornographien. Die von unseren Theoretikern gewählte Termino¬ 
logie, die alles als Libido, Erotik bezeichnet, mag nicht ganz unschuldig an 
diesem Mißverständnis sein. Sie scheint tatsächlich alles in der Welt auf die 
Funktionen der engeren Geschlechtsorgane zurückzuführen. Und doch ist selbst¬ 
verständlich nicht zu leugnen, daß Phallus uud Phallusfunktionen ihrerseits.nur 
die stärksten Formen allgemeiner viril ausgreifender und erobernder, Yagina 
und Vaginalfunktionen dagegen nur die intensivste und lustvollste Form feminin 
rezeptiver Lebenstendenzen sind. Das Große spiegelt sich im Kleinen und das 
Spezielle im Allgemeinen. Gerade, wenn man den Menschen demütig als Zelle 
im Staatskörper, als Glied in der Kette der Geschlechter betrachtet, kann es 


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202 


Adrien Turel. 

gar nichts Wichtigeres geben als den Akt, durch den er einen Nachfolger schafft, 
durch welchen er die Tradition seiner Ahnen in die Zukunft pflanzt. An dieser 
Stelle wie an vielen anderen scheint mir die freudianische Theorie ganz organisch 
fortbauend an das Beste der Vererbungstheorie anzuknüpfen. 

Ich weiß nicht, ob meine Ausführungen Ihnen den Eindruck alles in den 
Ivot zerrender Erotomanie gemacht haben. Wenn es der Fall sein sollte, so 
kann es nur an der Unzulänglichkeit meiner sprachlichen Ausdrucksmittel und 
an der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit liegen, die mich zwingt, 
mich auf einen winzigen Teil der mir zur Verfügung stehenden Tatsachen¬ 
kombinationsreihen zu beschränken. Dadurch wird notwendigerweise die Aus¬ 
führung sehr lückenhaft. 

Wie wir sie erfassen, ist die Analysis, weit ab von aller Hypnose, eine 
gewaltige Schule des Willens und wenn ich so sagen darf der Nächstenliebe. 
Wir ducken niemand. Wir weisen nicht mit Fingern auf die Schwäche oder 
Hysterie der anderen, um uns in nasenrümpfenden Vergleichen der eigenen 
Vortrefflichkeit zu freuen.* Wir sagen dem psychisch Leidenden und Ver¬ 
krampften: Jetzt bist du gesellschaftlich minderwertig, aber dem braucht nicht 
so zu bleiben. Wenn du nur willst, so kannst du wachsen. Alles Nötige, 
Fruchtbare ist in dir, aber verkrampft. Deine yechte Hand ringt gegen die 
linke. Die hysterische Energie, die jetzt gegen dich selber wütet, mußt du so 
umzuschalten lernen, daß sie fruchtbar nach außen wirkt. 

Umschalten des Energiestromes, — ist dieses Wort mehr als ein leerer 
Schall? Goethe, den man doch schwerlich wird verdächtigen können, die freu- 
dianische Modeseuche gedankenlos mitgemacht zu haben, klagt in einem Ge¬ 
dichte an Christiane Vulpius, daß sie durch ihre Liebesansprüche den Energie- 
strom, der bei ihm aus der mächtigen Wurzel steige, auf halbem Wege zum 
Hirne ablenke. Der Faustdichter drückt also das Gefühl aus, daß in den Liebes- 
akten Kräfte querab strömen, die er wohl lieber zu geistigen Produkten subli¬ 
miert hätte. Von Napoleon I. wird uns erzählt, fast das Erstaunlichste an 
seiner Begabung sei die Fähigkeit gewesen, ganz willkürlich die einzelnen Ge¬ 
dankenkreise, die Schubfächer zu öffnen oder zu schließen. Ganz ähnlich wie 
Friedrich der Große scheint er fast seine gesamte Sexualität in geistige Energie 
vertobt zu haben. Der Bericht, den wir von den Ärzten haben, welche seinen 
Leichnam auf St. Helena untersuchten, besagt ausdrücklich, daß seine Geschlechts¬ 
organe knabenhaft in der Entwicklung zurückgeblieben gewesen seien. Bereit» 
vor seinem Sturze nun zeigen und mehren sich bei Napoleon die Anzeichen 
dafür, daß die Sublimierung ihm nicht gelungen war. Gänzliche Unrast, bös¬ 
artige Nervosität, Nachlassen der taktischen Schlagkraft, krankhafte Steigerung 
des Autoritätsprotestes gegen England. Sobald er nun seine sublimierte Ge¬ 
schlechtsenergie nicht mehr als Feldherr auswirken konnte, scheint sie retro- 
plastisch in den somatischen Bildungen des Krebses auf anderen Bahnen durch¬ 
gebrochen zu sein. So wäre dieser Riese weiter nichts als ein weithin sichtbares 
Beispiel für die Verkalkung der psychischen Bahnen, für das Erstaffen der 
Weichen und Schaltungen, an denen so viele pensionierte Beamte zugrunde 
gehen, sobald sie versuchen nach 40jähriger Dienstzeit den aüf bestimmte Funk¬ 
tionen mechanisch eingestellten Organismus umzuschalten. 

Es ist mir nicht bekannt, wie die Jesuiten gegenwärtig in ihren Schulen 
die Erziehung handhaben. Aber aus früheren Jahrhunderten weiß ich, daß sie 
auf ein wunderbar raffiniertes Training dieser Umschaltungen hinauslief. Diese 
Menschen lernten sich gänzlich zu beherrschen. Aus den aufwühlendsten 


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Sexualsymbolik. 


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erotißchen Visionen schalteten sie sich mühelos ins kühl Transzendentale oder 
weltlich politische Denken um. Bestrittener als die hier angeführten Beispiele 
von Umschaltungen auf verschiedenen Gebieten geistiger Tätigkeit ist die Ein¬ 
wirkung der Seele auf den Körper und ihre Fähigkeit, ihn nach ihrem Willen 
zu modeln. Der Hinweis auf die Fakire Indiens oder auf die Ekstatiker des 
Mittelalters dürfte wenig verfangen. Mehr schon die Autorität Imanuel Kants. 
Die Feinheit seiner psychologischen Beobachtung ist bekannt, dem Vollender 
der Aufklärungsphilosophie wird man keine abergläubische Gesundbeterei vor¬ 
werfen. Nun lese man seine Schrift von der Macht des Gemütes; wie er es 
erreicht habe, durch die bloße Anstrengung seines Willens Halsschmerzen, 
Reizungen der Schleimhäute usw. zu beseitigen, also den Körper vom Seelen¬ 
zentrum aus zu beherrschen, zu regulieren, durch psychisches Kommando vaso¬ 
motorische Umschaltungen zu erzwingen, welche die Drüsen funktionen regulieren 
und beherrschen. 

Wir behaupten und erstreben nichts anderes. Nur nicht auf dem Wege 
der Unterdrückung wollen wir es erreichen wie die Jesuiten, Kant, Schiller, 
Nietzsche, Paulus, sondern umgekehrt durch Auflösung der Verkrampfung und 
freies Wechselspiel der Kräfte. 

Niemand kann leugnen, daß sich auf dem Wege der Unterdrückung 
Großes erreichen läßt. Es geht nicht an, wie Wittels in seinen Büchern es 
tut, den Kulturzwang ganz einfach als eine unerträgliche Schnürbrust darzu¬ 
stellen , als eine Tyrannis, die den fundamentalen Trieben ihre natürliche 
Expansion verschlösse und sie in hysterische, abwägige Bahnen lenke. Der 
Kleiderkultur, jeder Kultur überhaupt liegt folgender einfache Prozeß zugrunde: 
Der Mensch ist ein Intensitätszentrum, das aus einer Anzahl von Ventilen nach 
außen verströmt und wirkt. Der nackte, d. h. der hemmungslose Mensch 
nun würde sich ira Übermaß aus dem großen Geschlechtsventil ergießen, oder 
bestenfalls aus allen Mündungen zugleich versickern ohne irgendwo gesteigerte 
Wirkungen zu erzielen. Hier trat nun das Feigenblatt, die Scham als großes, 
entscheidend wichtiges Kultursymbol in Kraft. Der Mensch begann Stauwerk 
und Dämme, Umschaltungen einzurichten, die die Grundenergie in einzelne 
besonders wichtige und wertvolle Richtungen zusammenfaßt. 

Eine vollständige und dauernde Sublimierung, ja auch nur eine irgendwie 
übertriebene (von Fall zu Fall wird das Maß des Möglichen verschieden sein) 
ist überaus verderblich. Kant ist aus der gesamten Weltgeschichte vielleicht 
das einzige Beispiel, wo die Sublimierung restlos gelungen vräre. Nietzsche ist 
an einem viel niedriger gesteckten Ziele gänzlich gescheitert. Und für die 
überwältigende Mehrzahl der Menschen ist dieser Weg vollends nicht beschreitbar. 
Die verleugneten großen erotischen Komplexe werden zur Hysterie. Solche 
Menschen sind als Krüppel anzusprechen. Bestenfalls wird man sagen können, 
es läge Hypertrophie des Hirnes vor. Die Kaulquappe ist ihr Wappentier. 


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Nurna Praetorius. 


Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen 

’ (mit besonderer Berücksichtigung der Homosexualität) aus den Jahren 1913 
bis in das Jahr 1917 (mit Ausschluß der Belletristik). 

Referierend und kritisch dargestellt von Numa Praetorius. 

(Fortsetzung.) 

Hirschfeld, Dr. Magnus: „Einiges über die Ursachen und Erscheinungs¬ 
formen der männlichen (nicht erpresserischen) Prostitution 44 , Im Archiv für Kri¬ 
minalanthropologie und Kriminalistik von Groß Bd. 52, 8.346—363 (1913). 

Die Ausführungen finden sich auch in Hirschfelds oben besprochenem Werk, S. 711 ff. 

Als Hauptwurzel der männlichen Prostitution betrachtet Verf. die zum heimlichen, 
vorübergehenden bezahlten Verkehr zwingende starke Verpönung der Homosexualität. 
Die zum prostitutiven Gewerbe veranlassenden Ursachen teils endogene (auf degenerativer 
Anlage beruhende Schwäche und Defekte der psychischen Konstitution, Mangel an Arbeits¬ 
lust, Hang zu mühelosem Genußleben usw.), exogene (materielle Not, Arbeitslosigkeit, 
Ansteckung durch das Beispiel anderer: besondere Brutstätte männlicher Prostitution 
Obdachlosenasyle, Fürsorgeerziehungsanstalten, Gefängnisse usw.). Unter den männlichen 
Prostituierten Homo- und Heterosexuellen. Auslassungen über Striche, Lokale, über Lock¬ 
mittel : Reizwäsche, Toilettenkünste, besondere auf fetischistische Neigungen spekulierende 
Kostümierung als Matrose, Jockey, Soldat usw., über Lebensweise, Zahl der „ Freier“, 
Bezahlung, über Alter und Vergnügungskunst, über Zukunft (Etablierung, ständiges Ver¬ 
hältnis, viele zuletzt Verbrecher und Zuhälter). Hervorgehoben, daß kein heterosexueller 
Prostituierter durch Gewohnheit gleichgeschlechtlichen Trieb erwerbe, ebensowanig werde 
ein homosexuell veranlagter Strichjunge aus Übersättigung am Mann heterosexuell. 

Mitteilungen über homosexuelle Bordelle in China und Konstantinopel. 

Homosexuelles Zuhältertum. 

Eingehende Erörterung der „Soldatenprostitution 44 . 

Die Bestrafung der männlichen Prostitution hält Verf. für ungerecht, zwecklos und 
schädlich. 

Die Prophylaxe der männlichen Prostitution habe die Beseitigung der Ursachen zu 
erstreben, also auch die Beseitigung des § 175 und der Vorurteile gegen homosexuelle 
Veranlagung und Betätigung. Zu fördern alle eine Besserung der nervösen und seelischen 
Gesundheit der Bevölkerung bezweckenden Bestrebungen sowie alle zur Beseitigung oder 
Milderung der sozialen Notlage auf wirtschaftlichem und moralischem Gebiet geeigneten 
Maßnahmen. 

Hughes, Chas. H.: „An emasculated homo-sexual 44 . In Alienist andneuro- 
1 ogist St. Louis Bd. 35, August 1914, Nr. 3, S. 277. (Nach dom Referat von Eulenburg 
in der Zeitschrift für Sexualwissenschaft und Eugenik, Oktoberheft 1914, S. 296.) 

Krankengeschichte eines etwa 30jährigen Homosexuellen, der vorangegangener Be¬ 
handlungsmethoden mit Diät, Elektrisation usw. überdrüssig, zwecks Befreiung von seiner 
„Perversion 44 sich kastrieren ließ. Seither Ruhe und Befriedigung; die Neigung zum 
eigenen Geschlecht verlor sich und an ihre Stelle trat eine eigentümliche, platonische 
Hinneigung zu gleichfalls auf operativem Wege geschlechtlos gewordenen Frauen, deren 
Bekanntschaft und Freundschaft er suchte. (Über die Kastration als Heilmittel der 
Homosexualität in juristischer und medizinischer Beziehung vgl. die Abhandlung von 
Dr. E. Wilhelm: Beseitigung der Zeugungsfähigkeit und Körper¬ 
verletzung de lege lata und de lege ferenda in den Juristisch-psychia¬ 
trischen Grenzfragen Bd. 7, H. 6 u. 7, 1911, S. 37 ff., sowie die dort angeführten 
Fälle fehlgeschlagener „Heilungen 44 .) 

Leber, A.: „Die kalte Waldkrankheit der Chamorro 44 (Chetnol maneögheng 
hälam-tano). In Münchn. med. Wochenschr. 1914, Nr. 2, S. 60. 

Auf den (deutschen) Marianen beobachtete Leber drei Fälle einer zum Teil der 
„psychischen Epilepsie 44 , sowie dem malaiischen „Amok 44 entsprechenden Krankheit 
Zwei der Patienten, ein 26- und ein 20jähriger Chamarro träumen von sexuellem Ver¬ 
kehr mit Männern und Weibern. Der 26jährige hat Neigung zu beiden Geschlechtern, 
aber noch keine passende Gelegenheit zu homosexuellem Verkehr gefunden seitdem er 
erwachsen ist, als Kind hat er mit Kameraden coitus modo bestiarum geübt, auch mutuelle 
Onanie. Er hat derartiges aufgegeben, weil ihm gesagt wurde, es sei vom Übel. Aber 


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Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 


205 


er meint, weil Hönde und das Rindvieh homosexuelle Akte ausführten, so müsse es 
der liebe Gott so gewollt haben, so könne es beim Menschen eigentlich auch nicht 
Sünde sein. 

Der 2Qjährige verlangt ab und zu nach Mädchen — zum Beischlaf. 

Moehrchen, Dr. Friedrich (Ahrweiler): „Tardive Homosexualität bei Tabi¬ 
kern“. In der Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Juni 1914. 

Mitteilung zweier Fälle von Tabikern, die früher ausschließlich heterosexuell nur 
mit Weibern verkehrten, nach Ausbruch der Tabes Abneigung gegen das Weib und Trieb 
zum eigenen Geschlecht verspürten, ja auch zu homosexuellen Handlungen sich hinreißen 
ließen. Der eine beim Weib völlig impotent. Verf. sieht in der Erscheinung keine 
Pseudohomosexualität, sondern echte Invertierung auf Grund latenter, individueller, 
bisexueller Anlage, zur Entwicklung gebracht durch die Schädigung der nervösen Zentren 
und der Unfähigkeit zur bisher ausgeübten heterosexuellen Betätigung. Es habe sich 
eine Art rückläufige Entwicklung vollzogen zu einem Stadium ähnlich demjenigen des 
undifferenzierten bzw. labilen Geschlechtstriebes in der Pubertätszeit. 

Im Gegensatz zu der gewöhnlichen angeborenen nicht krankhaften Homosexualität 
hält Verf. derartige wohl recht seltene Formen für krankhaft und verlangt den Schutz 
des § 51 St.G.B. — Freisprechung wegen Unzurechnungsfähigkeit — für die aus solcher 
tardiver Invertierung homosexuelle Akte Begehenden, da es sich trotz der nicht krank¬ 
haften bisexuellen Anlage um durchaus krankhafte Entwicklungsbedingungen handele, 
obgleich der Charakter echter Homosexualität damit verbunden sei. 

Moll, Albert, Sanitätsrat Dr. „Sexualität und Charakter 44 . In den Sexual- 
problemen von Marcuse, Januar, Februar, März 1914. 

In dem letzten Teil seines Aufsatzes (Märznummer S. 176—180) bespricht Moll auch 
den Zusammenhang zwischen dem sexuellen Leben und dem Charakter der Homosexuellen. 

Er beurteilt hauptsächlich die der effeminierten Gruppe sehr abfällig: die meisten 
zeigten mehr die schlechten Eigenschaften des Weibes als die guten: Schwatz-, Lügen-, 
Launenhaftigkeit, Eitelkeit, anwidernde Sucht nach Schraucksachen, die meisten seien 
sehr unsympathische Leute. Die Ursache für die Minderwertigkeit im Charakter sei 
zurückzuführen vielleicht zum* Teil auf die soziale Verfehmung, wahrscheinlich aber auf 
mangelndes stolzes Relbstbewußtsein des Mannes, der sich als normales Mitglied der Ge¬ 
sellschaft fühle und fühlen dürfe. 

Vielleicht hänge dieser Mangel mit embryonalen Vorgängen zusammen, so daß 
ebenso wie oft bei effeminierten Homosexuellen weibliche körperliche Merkmale be¬ 
ständen, auch die typischen männlichen Charaktereigenschaften nicht genügend zum 
Durchbruch kämen. 

Das Urteil Molls dürfte etwas zu scharf und allzu verallgemeinernd sein. Aller¬ 
dings hat er ja eigentlich nur die effeminierte Gruppe im Auge, aber auch unter dieser 
sind gar manche, die die schönsten Charaktereigenschaften aufweisen: „Herzensgüte, 
Großmut, Mitgefühl, soziales Empfindend Vergessen darf auch nicht werden, daß sich 
unter den edelsten Geistern der Menschheit Homosexuelle befanden. 

Mc Murtrie Douglas, C.: „A legend of lesbian love among the American 
Indians 44 . In Urol. and cut. Rev. April 1914. (Nach dem Referat von Oscar Sprinz- 
Berlin in der Zeitschrift für Sexualwissenschaft, August 1914.) 

Aus der Tatsache, daß über lesbische Liebe relativ weniger wie über die mann¬ 
männliche bekannt werde, sei nicht auf die größere Seltenheit ersterer zu schließen, 
sondern nur, daß die Liebesbündnisse unter Frauen weniger auf fielen. 

Mitteilung zweier Legenden aus dem Mythenschatze primitiver Indianerstämme 
Nordamerikas. In beiden gehe aus dem homosexuellen Verkehr zweier Frauen ein mit 
den Folgen des Lasters behaftetes Kind hervor. Die erigierte Klitoris der einen Frau 
habe einem Schildkrötenpenis geglichen und das Kind einer weichschaligen Schildkröte. 
Diese Legenden seien auf irgendein wahres, aber durch mündliche Überlieferung auf¬ 
gebauschtes und verdrehtes Ereignis zurückzuführen. Sie zeigten deutlich die große 
Verachtung der lesbischen Liebe bei den Naturvölkern, ferner die primitive Vor¬ 
stellung, daß aus jedem Bund ein Sprößling — so aus dem widernatürlichen Verkehr 
ein widernatürlicher — hervorgehen müsse. 

Numa Praetorius: „Der Streit um Walt Whitmans Homosexualität im 
,Mercure de France 4 und den ,Archives d’anthropologie criminelle 4 vom Jahre 
1918—14 44 . In der Zeitschrift für Sexualwissenschaft und Eugenik, 
Bd. 3, H. 8 u. 9, Nov. u. Dez. 1916. 


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206 Numa Praetorius. 

Bericht und kritische Besprechung einer Polemik, die sich im Anschluß an eine 
im Anekdotenteil der französischen Zeitschrift: „Mercure de France“, 1. April 1913, von 
Guillaume Apollinaire gebrachte Beschreibung des Leichenbegängnisses des berühmten 
amerikanischen Dichters entwickelte. 

ln diesem Artikel hatte Apollinaire — allerdings in etwas witzelnder Form — 
lediglich Mitteilungen wiedergegeben, die ihm von einem Augenzeugen gemacht wurden. 

Danach habe die Bestattung Whitmans einer Art Volksfest geglichen, an dem viele 
Homosexuelle — insbesondere frühere Geliebte des Dichters, „Camerados“, wie er sie 
zu nennen pflegte — teilgenommen. 

Dieser Artikel entfesselte einen gewaltigen Sturm bei vielen WhitmanVerehrern; 
in dem in einer Anzahl Nummern des „Mercure“ und auch der „Archives“ sich ent¬ 
spinnenden Streit für und wider des Dichters Homosexualität, standen auf der eineu 
Seite: der Amerikaner Harrison Reeves, der Deutsche Eduard Bertz, der Franzose 
Apollinaire, der in England lebende Raffalovich, der Engländer Rivers, auf der anderen 
Seite der in Amerika geborene französische Dichter Stuart Merrill, der Franzose Bazal¬ 
gette, die in Amerika ansässigen Benjamin de Casseres und Albert Schinz, welche aufs 
energischste die Homosexualität Whitmans bestritten. 

Die Homosexualität Walt Whitmans ist seinerzeit festgestellt worden durch Bertz in 
seiner großen Studie: „Walt Whitman. Ein Charakterbild“ in dem „Jahrbuch 
für sexuelle Zwischenstufen“ von Hirschfeld, ßd. VII 1 , S. 153—289, ferner in seiner 
Broschüre „Wh itman-Mysterien“. „Eine Abrechnung mit Johannes Schlaf“ 
(besprochen von mir im erwähnten Jahrbuch, Bd. IX, S. 551—562), und in seinem philo¬ 
sophischen Werk: „Der Yankee-Heiland“. „Ein Beitrag zur modernen 
Religionsgeschichte“ (Dresden 1906, Verlag Reißner). 

Von maßgebenden Sachkennern wurde Bertzs Ergebnissen durchaus zugestimmt. 
Auch in dem neusten Buch über die Fragen des englischen Arztes Rivers: Walt 
Whitman Anomaly“ gelangte der Verfasser zum gleichen Resultat wie Bertz. 

Wer daher Whitmans Homosexualität bestreitet, muß mindestens die Hauptschrift 
von Bertz kennen, ln dieser Lage befinden sich aber nicht die in der erwähnten 
Debatte tätigen Gegner Merrill, Bazalgette usw., wie schon aus ihren Ausführungen 
hervorgeht. 

In der Polemik des „Mercure“ und der „Archives“ wurden neue Beweise für 
Whitmans Homosexualität erbracht. 

So gab Bertz nunmehr au, daß ihm von einem seiner Freunde, einem berühmten 
amerikanischen Dichter, mitgeteilt worden sei, ein geachteter Rechtsanwalt aus Chicago 
habe ihm anvortraut, daß Whitman mit ihm in der Jugend eine sexuelle Handlung 
vorgenommen habe. 

Harrisou Reeves seinerseits beruft sich auf genaue Angaben eines lange Jahre mit 
Whitman befreundeten Greises, eines Verlegers aus Philadelphia, der einen Zipfel des 
Leichentuchs beim Begräbnis gehalten und dessen Erzählung in allen Einzelheiten den 
Bericht des Zeugen von Apollinaire über den Charakter des Leichenbegängnisses stets 
bestätigt habe. Dieser Verleger habe ihm, Reeves, stets erzählt, daß jeder, der Whitman 
ein wenig gekannt, ihn für zweifellos homosexuell gehalten; iu vorurteilslosen Gesprächen 
mit intimen Freunden habe sich der Dichter auch gar nicht bemüht, seine Neigung für 
schöne Jünglinge zu verbergen. Dieser Mann, der Oscar Wilde Whitman vorgestellt, 
habe weiter erzählt, daß beide Dichter von nichts anderem miteinander gesprochen 
hätten als von hübschen Buben, davon, wie fad die weibliche Liebe sei und von 
dem, was andere Dichter, namentlich Swinburne, über die homosexuellen Neigungen 
gesagt hätten. 

In der Gegend des (Geburtsorts Whitmans hätten die Einwohner diesen Verleger 
viel übGf die „Singularitäten“ von Walt gegenüber den Buben und von seiner „speziellen 
Moral“ gesprochen. 

Die Weigerung des Präsidenten Eliot in der Harvard Universität, Whitman die Ab¬ 
haltung eines Vortrags zu gestatten, sei allgemein mit dem Ruf der Homosexualität des 
Dichters erklärt worden. 

Tn den „Archives d'anthropologie criminelle“, Maiheft 1914, sieht seinerseits Raffa¬ 
lovich in dem Ton und Inhalt der von Rivers veröffentlichten Briefe Whitmans an den 
zweifellos homosexuellen berühmten Schriftsteller John Addington Symonds einen sicheren 
Beweis auch für die konträre Sexualempfindung des ersteren. 

Die Gegner Merrill und Genossen können eigentlich nichts Stichhaltiges gegen die 
Feststellung von Whitmans Homosexualität Vorbringen. Sie begnügen sich hauptsächlich 
mit blindem Negieren und großen Entrüstungsworten, die namentlich bei Bazalgette 
gegen Bertz ins Persönliche ausarten. 


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Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 


207 


Nur Merrill versucht eine logische Widerlegung, indem er hauptsächlich die Anony¬ 
mität der neuen Gewährsmänner rügt, wogegen Apollinaire mit Recht ein wendet, daß 
ein Hauptzeuge, der Verleger aus Philadelphia, der ja einen Zipfel des Leichentuchs ge¬ 
halten, gar nicht so anonym sei. 

Treffend charakterisiert Bertz die Standpunkte beider Parteien, als den der Wissen¬ 
schaft und den des Glaubens. 

Er, Bertz, habe auch nicht die Homosexualität Whitmans aufgedeckt, um, wie 
Merrill und Bazalgette glauben machen wollten, ihn zu verunglimpfen, sondern um zu 
zeigen, auf welcher Grundlage das von den Whitmanschwärmern so sehr bewunderte 
Prophetentum des Yankee-Heilands beruhe. Er habe die abnormen Quellen der Whit- 
man-Lehre von der Kameradschaft die alle Männer umschließen solle, enthüllt und dieses 
als allgemeingültig erstrebte Ideal als eine aus invertiertem Gefühl fließende, den 
Heterosexuellen unverständliche Forderung entlarvt. Deshalb sei der Fortschritt der 
Kultur daran interessiert, daß Whitmans Homosexualität festgestellt werde, damit seine 
Lehre richtig beurteilt werde und das Falsche und Verkehrte an ihr an das Tageslicht 
komme, dagegen sei ihm, Bertz, niemals die Absicht eingefallen, wie Merrill und Bazal¬ 
gette spöttelnd sie ihm untergeschoben, es für einen Kulturfortschritt zu halten, daß 
Whitman homosexuell sei. 

Ein Hauptgrund, weshalb Merrill und Genossen gegen die Erkenntnis der Homo¬ 
sexualität Whitmans sich sträuben, liegt darin, daß sie sich die Homosexuellen nur als 
lasterhafte Menschen vorstellen und sich keine Rechenschaft darüber geben, daß das 
konträr-sexuelle Gefühl einen dem heterosexuellen parallelen, tief eingewurzelten, ein¬ 
geborenen, vom Laster zu trennenden Trieb bildet und daß auch große Männer, aus¬ 
gestattet mit vielen moralischen Eigenschaften, doch ihr eigenes Geschlecht lieben können, 
ohne deshalb verkommene Menschen zu sein, möge man nun die Homosexualität als 
physiologische Varietät oder als krankhafte Erscheinung betrachten, die auch bei genialen 
Männern und bei „degeneres superieurs“ ebenso wie andere Anomalien Vorkommen karm. 

Bei dieser Auffassung wird man auch die homosexuelle Beteiligung eines Whitman 
fricht für etwas so Entsetzliches halten, wie dies Merrill, Bazalgette und Genossen tun. 
und wenn man auch bei dieser Betätigung regelmäßig nicht die extremste Form anzu¬ 
nehmen hat, so wird man überhaupt kein großes Gewicht darauf legen, w T elche Art der 
sexuellen Befriedigung — ob eine mehr oder weniger extreme, oder ästhetische oder 
überhaupt nur eine an Küssen und Umarmungen sich begnügende — dem Homosexuellen 
adäquat ist und Whitman adäquat war; denn zur Charakterisierung der Homosexualität 
kommt es auf die innere seelisch-sinnliche Neigung, nicht die jeweilige der Reaktions¬ 
fähigkeit des einzelnen Homosexuellen entsprechende Handlung an. 

Der ganze Streit um Whitmans Homosexualität zeigt in recht typischer Weise, 
wie ungemein schwierig es ist, selbst wenn die Homosexualität eines bedeutenden Mannes 
so klar liegt und so überzeugend bewiesen wuirde, wie bei Whitman, dieser Tatsache die 
allgemeine Anerkennung zu verschaffen; diese ganze Debatte lehrt aufs deutlichste, was 
alles soüst ernste und intelligente Männer aufbieten, wenn es gilt zu verhindern, daß 
die Inversion einer hochgeschätzten Berühmtheit auch nach ihrem Tod ans Tages¬ 
licht komme. • 

Remlinger, P.: „La Prostitution an Maroe“. In den Annales d’hygiene 
et de medecine legale, Februar 1913, nach einer Wiedergabe in den Archives 
d'anthropologie criminelle usw. von Lacassagne, vom 15. April 1913, S. 303, 304. 

Große Verbreitung der männlichen Prostitution in den marokkanischen Städten, 
ln Marokko knüpfe sich an die Homosexualität — wie übrigens auch an die Syphilis — keine 
Schande. Für die Notablen von Fez sei es ebenso standesgemäß einen „mezlough“ 
(Knaben) oder einen ,,chassas u (Epheben) sich zu halten wie eine Mätresse. Abends 
spazierten die „zameul u (passive Päderasten) umher auf der Suche nach einem begüterten 
„louat“ (aktiver Päderast). 

Nach der Besetzung von Settat und Bir-Rechid durch die Franzosen habe die 
Militärbehörde gleich nach Sonnenuntergang alle Kinder auf der Straße festnehraen und 
medizinisch untersuchen lassen und infolge der Feststellung der Zeichen der Päderastie 
bei den meisten Knaben jedem unter 15 Jahre alten Knaben das Ausgehen nach Sonnen¬ 
untergang verboten. 

Die maurischen Cafes seien Zentren männlicher Prostitution, in gewissen gäben 
Epheben mit langen goldenen Ringen in den Ohren, und von Stadt zu Stadt ziehend, Vor¬ 
stellungen von Tanz und Gesang. Man nehme sie mit nach Hause wie Chansonetten¬ 
größen. 

Die maurischen Bäder, obgleich diskreter, doch auch fast stets Prostitutionsorte. 


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208 


Numa Praetorius. 


Die männliche Prostitution in Marokko eine wahre Konkurrenz der weiblichen der 
Art, daß in Rabat muselmanische Frauen zur Entschuldigung ihrer Preisgabe an Europäer 
anführten, die Muselmanen zögen ja doch die Reize der mezlough und lassas den ihrigen vor. 

Übrigens sei auch Saphismus und besonders Tribadismus gang und gäbe. 

.Eine Folge der Päderastie in Marokko die Häufigkeit des rektalen Trippers und der 
syphilitischen Erscheinungen an anum und rectum, überhaupt die extragenitalen Iniüad- 
sklerosen. Der Hygieniker hier noch wehrloser wie gegenüber den Gefahren der weib¬ 
lichen Prostitution. 

An eine Repression von Praktiken, deren Beurteilung als entehrend der marokka¬ 
nischen Geistesverfassung unbegreiflich erscheine, sei nicht zu denken. 

Nur von einer anderen Erziehung der Eingeborenen in diesem Punkt — eine 
schwierige Aufgabe — sei Änderung zu erwarten. Mindestens sei Verbreitung über den 
Ursprungsort zu verhindern. 

Robleder, Dr. Hermann: „Die Funktionsstörungen der Zeugung beim 
Manne*, Bd. IQ der Monographie über die Zeugung beim Menschen (Leipzig 1913, Verlag 
von Georg Thieme). 

Unter den Irapotenzformen wird die durch sexuelle Anomalie, besonders Inversion 
bedingte hervorgehoben. Die konträre Sexualempfindung habe manchmal keine Impotenz 
beim Weibe, oft aber partielle, oft völlige zur Folge. 

Erwähnung eines seit Jahren verheirateten, aber zum Beischlaf völlig unfähigen 
homosexuellen Patienten, der wegen der Sehnsucht der Gattin nach einem Kind in seiner 
Verzweiflung sogar seiner Frau den Rat zu außerehelicher Befruchtung gegeben habe. 
Diesem Homosexuellen habe „ein Spezialarzt für Geschlechtsleiden 11 , den er darüber 
konsultiert, ob er heiraten dürfe, trotzdem ihm niemals ein Koitus gelungen sei, geant¬ 
wortet: „Er solle nur heiraten, das finde sich schon in der Ehe!“ 

Rohleder selbst warnt vor dem Anraten der Ehe bei Impotenz sexuell Abnormer, 
besonders Homosexueller (S. 168—172). Eine Ehe nur zu gestatten bei Bisexuellen mit 
stark überwiegender heterosexueller Triebrichtung. Denn eine Beeinflussung der Trieb¬ 
richtung nach dem 17.—18. Lebensalter durch äußere Umstände und so auch durch die 
Ehe sei kaum zu erwarten, ja es könne ursprüngliche teilweise Impotenz eines Homo¬ 
sexuellen durch den fortgesetzten ehelichen Verkehr sich zu einer vollständigen entwickele 
der jahrelang erzwungene Koitus könne auch zu Zerebrasthenie und sonstigen Schädi¬ 
gungen führen. Zu erwägen sei auch die Ungewißheit über die vielleicht große Stärke 
der Libido der Frau, dem ein schwach potenter Bisexueller nicht oder nur unter Auf¬ 
bietung von Phantasiebildern genügen könne. 

Auch weiblichen Homosexuellen sei die Ehe nicht anzuraten, da der Koitus ihnen 
physisch und psychisch widerwärtig, ja geradezu unmöglich sein könne und Ehescheidung 
oder Ehebruch mit einer Freundin zu befürchten sei. 

Die Therapie bei sexuell Abnormen, insbesondere Konträren, hält Rohleder für 
ziemlich aussichtslos (S. 134—137). Weder durch die hypnotische bzw. Suggestiv- 
behandlung, noch die psychoanalytische Behandlung Freuds habe er Erfolge gesehen. 
Auch die Kastration als Heilmittel verwirft er, ebenso den Versuch des sexuellen Ver¬ 
kehrs mit einem Weib, da der Ekel oft nur gesteigert und der Gesundheitszustand 
ungünstig beeinflußt werde. 

Den Rat zu homosexuellem Verkehr erachtet er stets und unter allen Umständen 
für unstatthaft, auch schon deswegen, weil der Arzt eventuell sich der Beihilfe oder 
Anstiftung zu § 175 schuldig mache. Der Arzt solle den Patienten diskret im Hinblick 
auf § 175 vor irgendwelchem homosexuellen Verkehr warnen. 

Witry, Dr. (Metz): „Un eottple d’homosexuels*. ln der Gazette des hopi- 
taux, Nr. 102, 9. September 1913. 

Mitteilungen über einen Homosexuellen. A. aus alter Familie mit berühmten Vor¬ 
fahren, aber auch verschiedenen Degenerierten, zeigt weibliche Neigungen (Vorliebe für 
Seide, für Sticken usw.), abhold und unfähig jeder ernsten Beschäftigung, nimmt einen 
Mann B. aus den niederen Volksklassen zu sich, verschwendet sein Vermögen, sinkt bis 
zum Vagabund herunter und wirft sich schließlich, hungernd und zerlumpt, ins Wasser. 

A.s Genosse B. hat sadistische Neigungen, einen auf einer Bank schlafenden jungen 
Mann erdrosselt und seine Geschlechtsteile abgeschnitten. 

Zur Strafe für das Verbrechen veranlaßte A. den B. die — ein balsamierten — 
Geschlechtsteile des Erdrosselten auf sich zu tragen. A. erzählte die Tat des B. Witry, 
und B. später den Selbstmord des A. 


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Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 


209 


Witry, Dr. (Metz): „Un menrtre pseudo-homosexuel 44 . In der Gazette des 
höpitaux vom 5. Februar 1914. 

Bericht über einen Sadisten (wahrscheinlich den B. des obigen Falles), der einen 
jungen männlichen Prostituierten tötete und dessen Geschlechtsteile verstümmelte. 

Der Täter, ein verheirateter Vater von mehreren Kindern, Sadist, ist nicht homo¬ 
sexuell und wurde nur durch eine unglückliche Verkettung von Umständen zum Mörder 
des Jungen. Seine sadistischen Neigungen hatte er manchmal auch an seinen Kindern 
und an Tieren ausgelassen. Er vertraut sich dem Arzt an, weigert sich aber, sich dem 
Gericht zu stellen. Verf. hat ihn längere Zeit behandelt und nur mit Mühe vom Selbst¬ 
mord abgehalten. 

VII. Sonstige sexuelle Zwischenstufen (Transvestitismus, Zwittertum, 

sexueller Infantilismus). 

A. Transvestitismus. 

Ellis, Oehmig, Eugen Wilhelm, Marcuse. 

In der Zeitschr. f. Psychotherapie u. medizinische Psychologie 
von Moll, Bd. V, H. 3/4, hat Haveloc Ellis in einem Aufsatz: „Sexo-ästhetische 
Inversion 44 jene sexuelle Zwischenstufen untersucht, bei denen trotz heterosexuellen 
Geschlechtstriebes eine Umwandlung der gesamten Persönlichkeit im Sinn des anderep 
Geschlechts besteht, sich namentlich in der Sucht äußernd, ganz und gar wie eine Person 
des anderen Geschlechts zu leben, insbesondere die Kleider dieses Geschlechts anzulegen. 

Diese zuerst eingehend von Hirschfeld in seinem Buch „Die Transvestiten“ studierte 
und von ihm Transvestitismus benannte Erscheinung will Ellis lieber sexo-ästhetische 
Inversion nennen, denn oft sei das Kleideranlegen des anderen Geschlechts, das Trave¬ 
stieren, nicht ein unbedingt nötiger Moment bei dieser Anomalie, es sei meist auch nicht, > 
worauf Hirschfelds Ausdruck mißverständlich hindeuten könne, eine „Maskierung 41 des 
eigenartigen Fühlens erstrebt, im Gegenteil. 

Diese Erscheinung habe keinen Zusammenhang mit der Homosexualität, sei viel¬ 
mehr als Modifikation der Heterosexualität zu betrachten. 

Von den zwei Komponenten der Heterosexualität: das kraftvolle, kampflustige, 
aktive Hauptmoment und ein sekundäres des Abwartens und Mitfühlens, trete bei der 
sexo-ästhetischen Inversion das zweite hervor: „die Einfühlung“, während das primäre 
und mehr männliche Element fehle. 

Vielleicht sei diese Disharmonie mit einem wohl bei allen sexuellen Perversionen 
maßgebenden Mangel an Gleichgewicht der inneren Sekretion verbunden und auf das 
Fehlen gewisser zur Weckung des vollentwickelten Gcschlechtssinnes nötigen Hormone 
zurückzuführen. 

Ellis betrachtet also die sexo-ästhetische Inversion als angeborene Zwischenstufe 
und weist namentlich ihre Entstehung aus Gelegenheitsursachen zurück, insbesondere 
z. B. durch Lektüre. 

Mir scheint es, daß man die Erscheinung eher für unentwickelte Homosexualität 
als verkümmerte Heterosexualität zu halten hat. Auch die von Ellis gewählte Bezeich¬ 
nung dürfte mit der Hineinziehung des sicherlich kaum eine Rolle spielenden „ästhe¬ 
tischen“ Punktes noch weniger glücklich sein als die von Hirschfeld. 

. Oehmig, 0., Anstaltsarzt, „Beitrag zur Lehre vom Transvestitismus 44 (mit 

2 Textfiguren). In der Zeitschr. f. die gesamte Neurologie u. Psychiatrie. 
Originalien, Bd. 15, H. 1 u. 2. 

Mitteilung eines Falles von Transvestitismus. 

Besprechung in Anlehnung an Hirschfeld. 

Abgrenzung von den Homosexuellen und Bisexuellen, mit denen echte Transvestiten 
nichts gemein hätten, Erörterung der Beziehungen zu Fetischismus und Masochismus. 

Wiedergabe der Theorie von Näcke über die doppelgeschlechtliche Anlage, von 
Hirschfelds Zwischenstufen, sowie der Ansichten von Freud und von Stiers Erwerbstheorie. 
Darlegung der für die forensisch-soziale Lage der Transvestiten in Betracht kommenden 
Momente nach einem Kapitel der Schrift von Amtsgerichtsrat a. D. Dr. Wilhelm: „Die 
juristische Beurteilung der (körperlichen) Zwitter“. 

Wilhelm, Dr. Eugen: „Die Transvestiten und das Recht 44 (nebst bibliogra¬ 
phischem und historischem Material). In den Sexual-Problemen von Marcuse, 

Juni und Juli 1914. 

Zeitsehr. f. Sexualwissenschaft V. 6. 10 


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210 


Numa Praetorius. 


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Verfasser erörtert folgende Rechtsfragen: 

1. Ist das öffentliche Tragen einer dem anderen Geschlecht zukommenden Kleidung 
erlaubt oder nicht und eventuell strafbar? 

Das Ausgehen in konträrer Tracht könne nur auf Grund § 360 St.G.B. als grober 
Unfug bestraft werden, wenn die Voraussetzungen hierfür vorlägen, also wenn eine 
Störung der Öffentlichkeit erfolge, z. B. unliebsames Aufsehen, Ärgernis usw. erregt 
werde. 

Besprechung der Bedeutung der in der letzten Zeit von der Berliner Polizei manchen 
Transvestiten ausgestellten sog. „Erlaubnisscheine andersgeschlechtliche Kleidung an- 
legen zu dürfen. Diese sog. „Erlaubnis 1 * lediglich eine Warnung vor grobem Unfug und 
Aufklärung über die Rechtslage. 

2. Ist es statthaft, eine dem Pseudogeschlecht entsprechende amtliche Änderung des 
Vornamens und einen diesbezüglichen Vermerk im 8tandesregister zu erwirken? 

Verfasser verneint die Frage. Höchstens könnte vielleicht die Behörde die Bei¬ 
fügung eines dem Pseudogeschlecht angemessenen Vornamens mit dem vorangesetzten 
Wort „genannt“ gutheißen oder die Änderung des Vornamens in einen solchen auf beide 
Geschlechter passenden genehmigen. 

3. Haben die Transvestiten das Recht, die dem Geschlecht, dessen Kleider sie an- 
legen, vorbehaltenen Öffentlichen Orte zu betreten? Vemeinung > Umgekehrt liefen sie 
Gefahr, bei Besucli der ihrem wirklichen Geschlecht vorbehaltenen Orte in Verkleidung 
wegen groben Unfugs entfernt und bestraft zu werden. 

4. Inwiefern sind die Transvestiten für die aus ihrer Anomalie fließenden straf¬ 
baren Handlungen verantwortlich zu machen? 

Ablehnung der grundsätzlichen Annahme der Unzurechnungsfähigkeit gegenüber der 
anderen Ansicht von Pettow. Gerichtliche Entscheidungen. Unterscheidungen der ver¬ 
schiedenen Grade des Zusammenhangs zwischen Transvestitismus und Delikt. In der 
Regel bei allen Arten höchstens verminderte Zurechnungsfähigkeit. 

Erörterung der mit dem Transvestitismus verwandten sog. „Rückkehr zur Kind¬ 
heit“ und ihre Beziehungen zum Recht. 

Im zweiten Teil Mitteilung der schon vor dem Buch von Hirschfeld: „Die Trans¬ 
vestiten“ erschienenen (dürftigen) Literatur über den Verkleidungstrieb sowie der seit¬ 
herigen Bibliographie. Besprechung der Literatur über ,*die sog. Rückkehr zur Kindheit“. 
Erwähnung des von Hirschfeld in seinem Buch über „Die Homosexualität des Mannes 
und des Weibes“ beschriebenen „Zisvestitismus“ und seine Beziehungen zu § 360 St.G.B. 

Zum Schluß zwei Seiten aus den Memoiren von Saint-Simon mit der "Beschreibung 
des homosexuellen effeminierten trausvestitisch veranlagten Abbe d’Entragues. 

Marcuse, Max, veröffentlicht in der Zeit sehr. f. Psychotherapie und 
medizinische Psychologie von Moll Bd. VL H. 3 u. 4, 1914, „Ein Fall von 
Geschlechtsumwandlungstrieb 44 einen lehrreichen Beitrag zur Frage des Transvesti- 
tismus. 

A„ 36jähriger, intelligenter Mann, steht .seit der Kindheit unter dem drangartigen 
Wunsch ein Mädchen zu werden. 

Das Vorhandensein des Gliedes macht ihn geradezu unglücklich und laßt ihn an 
dessen gewaltsame Beseitigung denken, dagegen sehnt er sich nach Wachse;! der Brüste 
und überhaupt nach allgemeiner Verweiblichung einschließlich Sucht nach Schwanger¬ 
schaft. Am liebsten legt er männliche Kleidung zu Hause, ab, trägt weibliche Unter¬ 
wäsche, beschäftigt sieh mit Vorliebe mit Nähen und Sticken. 

Homosexuelle Neigung und Betätigung fehlt, ja wird verabscheut. Marcuse erörtert 
den Fall nach den verschiedensten Seiten hin in recht gründlicher Weise. Wie alle 
sexuellen Anomalien betrachtet Marcuse diesen Trieb nicht als eine einzige Besonderheit 
in einem sonst völlig normalen psychischen Organismus, sondern als eine die gesamte 
Persönlichkeit durchdringende Störung auf Grund psychopathischer Konstitution. 

Fraglich könne nur sein, ob der Trieb primär ein eingeborenes Symptom der Psycho¬ 
pathie sei oder seine Entstehung auf degeuerativer Basis intra vitam erfolge durch, 
determinierendes Erlebnis und äußere Einflüsse. Letzteres hält Marcuse für möglich, 
wenngleich, wie er betont, diese Annahme au Wahrscheinlichkeit verliere, je mehr — 
insbesondere seit den Versuchen Steinachs — die Bedingtheit der sexuellen Perversionen 
durch innersekretorische Vorgänge wahrscheinlich werde. 

Im Hiubliek auf diese Steinachschen Experimente, durch welche infolge Verpflan¬ 
zung der andersgeschlechtlioheii Drüse auf Ratten die konträren körperlichen Geschlechts¬ 
merkmale und sexuellen Instinkte erzeugt werden, wirft Marcuse die Frage auf, ob durch 
Kastration (Beseitigung von Hoden und Glied) und Einpflanzung von Ovarien A. seinem 
Wunsche entsprechend gauz vorweiblicht werden und so zu völliger psychischer 


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Die Bibliographie der sexuellen Zwischenstufen. 


211 


Harmonie gelangen könnte. Marcuse will trotz des Drängens des Patienten die Operation 
nicht vornehmen, weil das Ergebnis zu unsicher und zweifelhaft sei, man wisse auch 
nicht, ob überhaupt, wenn man durch Entfernung der jetzigen Geschlechtsdrüsen den 
etzigen Zustand ändere, man einen befriedigenden Ersatz gewähre. 

Die gleichen Bedenken beständen bei Bestehen lassen der Hoden und Einpflanzung 
von Ovarien daneben, ebenso wenn man durch Operation die weiblichen Komponenten 
in den Keimdrüsen zu beseitigen strebe, in dieser Richtung sei überhaupt jeder Versuch 
untunlich,' weil Patient keinesfalls „auf Kosten seines Weibtums“ gesunden, „nicht Mann, 
sondern Weib werden“ wolle. 

Dagegen hat Marcuse dem Patienten Ovarialpräparate verabreicht und glaubt ge¬ 
wisse günstige Wirkungen davon erhoffen zu dürfen. 

Die beim Patienten auftretenden deutlichen und ausgeprägten „Abstinenzerscheinungen“, 
d. h. schwere psychische Alterationen, Depressionen, Vernichtungsgefühle usw„ wenn 
dem Trieb nicht nachgegeben werde, besserten sich durch Aufgabe der völligen Abstinenz. 
Der Arzt müsse die Befriedigung des Triebes erlauben, soweit dies ohne soziale oder 
kriminelle Gefährdung möglich sei. So sei wesentliche Besserung eingetreten, seitdem 
A. beständig weibliche Unterkleidung und Wäsche trage und es sei für A. zu erstreben, 
daß er die Möglichkeit erringe, seine äußere Lebensführung als Frau zu gestatten. 

Wegen der in dieser Beziehung auftauchenden juristischen Fragen verweist Marcuse 
auf den unten besprochenen Aufsatz von Eugen Wilhelm. 

Rechtliche Erwägungen hat Marcuse selbst hinsichtlich der Frage nach der Zu¬ 
lässigkeit der operativen Behandlung des Falles angestellt. In dieser Hinsicht ist es 
richtig, daß es sich allerdings um eine therapeutische Indikation handelt, insoweit die 
Kastration und Ovarieneinsetzung in Betracht kommt, ebenso daß, soweit zwecks 
Erlangung der Ovarien eine gesunde Frau dieses Organes beraubt werden müßte, die für 
den Transvestiten vorhandene therapeutische Indikation keine solche für die gesunde 
Frau wäre. 

Aber auch was die Operation an dem Transvestiten anlangt, möchte ich betonen, 
daß der Arzt dadurch mit dem Gesetz in Konflikt kommen könnte vom Gesichtspunkt 
des Schadensersatzes und der strafrechtlichen Verfolgung w*egen fahrlässiger Körper¬ 
verletzung. 

Die Zustimmung, ja das ausdrückliche Verlangen des Patienten, würde diese Ge¬ 
fahren nicht beseitigen, und zwar auch dann nicht, wenn der Patient einen vollgültigen 
Willen äußern kann. 

Dieser vollgültige Wille spielt hier nicht die entscheidende Rolle, wie Marcuse an¬ 
zunehmen scheint, da ein gefährlicher körperlicher ärztlicher Eingriff, falls er mittels 
einer zu Heilzwecken noch nicht als zulässig anerkannten Operation ausgeführt wird, 
durch die Zustimmung des Patienten nicht rechtmäßig wird. 

Würde deshalb die Operation zum Schaden des Patienten ausschlagen und würde 
•er später die frühere Einwilligung bereuend, Anzeige erstatten, so würde es sich trotz 
der Zustimmung fragen, ob der Arzt nicht ein medizinisch unzulässiges operatives Mittel 
angewandt und dadurch fahrlässigerweise den Patienten körperlich geschädigt luvt. 
Tatsächlich ist aber die Zulässigkeit der Kastration (und gar die Ovarieneinpflanzung 
bei einem Mann) als Heilmittel sexueller Anomalien in der medizinischen Wissenschaft 
und Praxis sehr bestritten. 

Mindestens täte der Arzt, der die Operation vornehmen wollte, gut, sich durch 
Hinzuziehung von wenigstens zwei Spezialisten auf den in Betracht kommenden Ge¬ 
bieten einigermaßen zu decken. 

(über die juristische Beurteilung derartiger Operationen vgl. die Arbeit von 
Amtsgerichtsrat a. D. Dr. E u g. Wilhelm „Beseitigung der Z e u g u n g s - 
fähigkeit und Körperverletzung de lege lata und de lege 
f e r a n d a“ in den Juristisch -Psychiatrischen Grenzfragen 1911, 
Bd. VII, H. 6 u. 7.) 

Übrigens dürfte Marcuse insofern im Recht sein, als er meint, sein Patient, trotz¬ 
dem er nicht geschäftsunfähig und unzurechnungsfähig im Sinne des Gesetzes sei, be¬ 
sitze in dem speziellen Zusammenhang hinsichtlich seiner Anomalie keine hinreichend 
klare Einsicht und genügende freie Willenstätigkeit zur Abgabe seiner Zustimmung. 
Diese mangelhafte Willensbeschaffenheit des Zustimmenden würde aber, wenn der Arzt 
eine medizinisch indizierte, als zulässig anerkannte Operation ausgeführt hätte, ihn 
nicht wiegen eines unbefugten Handelns gegen den Willen des Patienten strafbar 
machen, ebensowenig wegen Körperverletzung, er wäre vielmehr straffrei, auch wenn 
nachher der Patient die Operation bereuen würde, umgekehrt wäre er trotz vollgültiger 
Zustimmung strafbar bei Schädigung durch eine unzulässige Operation. 

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212 


Referate. 


Schließlich sei bemerkt, daß der von Marcuse gewählte Ausdruck „Geschlechts- 
umwandlungstrieb“ zwar den Kern der Sache besser wiedergibt, wie das Wort Trans¬ 
vestitismus oder gar Transvestismus, trotzdem würde ich die Bezeichnung „Trans¬ 
vestismus“, mag sie auch ungenau sein, als die praktisch geeignetste erachten wegen 
ihrer Kürze, Anschaulichkeit und der leichten Möglichkeit der Subjekt- und der Adjektiv- 
Bildung (Transvestiten, transvestitisch). 

B. Körperliches Zwitter tum. 

Eugen Wilhelm. 

Wilhelm, Dr. Eugen: I. Geschlechtsbestimmung der (körperlichen) Zwitter; 
II. Zwitter und Standesregi9ter. In der Vierteljahrsschrift für gerichtliche 
Medizin und öffentliches Sanitätswesen von Straßmann, 3. Folge, 48, 2. 

Verfasser, der eine ausführliche Monographie im Jahre 1909 über die „rechtliche 
Stellung der (körperlichen) Zwitter“ in den juristisch-psychiatrischen Grenzfragen 
VII. Bd„ H. 1 veröffentlicht hat, erörtert jetzt wieder zwei spezielle Fragen desselben 
Gegenstands, dazu angeregt durch die Diskussion, welche im Anschluß an seine 
Monographie in den Verhandlungen der 8. Tagung der Deutschen Gesellschaft für ge¬ 
richtliche Medizin in Karlsruhe vom 23. bis 26. September 1911 stattgefunden hatte. 

Er untersucht einmal, ob stets und unbedingt das Geschlecht auch bei den körper¬ 
lichen Zwittern sich nach dem Vorhandensein von Hoden oder Ovarien bestimmen 
soll, und kommt zu dem Ergebnis, daß bei Leuten mit mißgestalteten Geschlechts¬ 
teilen für die Geschlechtsfixierung nicht wie bisher lediglich die Natur der Geschlechts¬ 
drüsen, sondern die Mehrzahl der gesamten Geschlechtsmerkmale entscheiden solle. 

Sodann prüft er, ob und inwiefern gesetzliche Maßnahmen nötig sind, um dem 
oft existierenden Mißstand in der rechtlichen Lage der Zwitter zu steuern. 

Er schlägt vor, gleich bei der Eintragung eines Zwitters in das Geburtsregister 
das Unbestimmte, Zweifelhafte des Geschlechts im Standesregister kenntlich zu machen, 
während die Entscheidung über das Geschlecht und die Eintragung desselben erst 
später erfolgen solle. 

Schon nach de’m jetzigen Gesetz sei es nicht unzulässig, ein Geschlecht als unbe¬ 
stimmtes, ungewisses im Geburtsregister einzutragen. Dies sollte jedoch durch die 
Ausführungsverordnung des Bundesrats oder die Ausführungsbestimmungen und Dienst¬ 
anweisungen der einzelnen Landesregierungen ausdrücklich für zulässig erklärt werden. 

Verfasser verbreitet sich über die rechtliche Grundlage (§ 21 Personenstands- 
geöetz) der dabei zu erfolgenden Prüfung des Sachverhalts durch den Standesbeamten 
und eventuell hinzuzuziehende Sachverständige. 

In längeren juristischen Ausführungen untersucht er ferner, in welcher Weise 
und auf Grund welcher Bestimmungen des Personenstandsgesetzes eine spätere Um¬ 
schreibung des unbestimmten Geschlechts in ein bestimmtes stattzufinden habe und 
wie auch hier Vorschriften in den Ausführungsbestimmungen oder den Dienstanwei¬ 
sungen der Standesbeamten über das zu beobachtende Verfahren gegeben werden 
könnten. 

Zum Schluß werden an einigen der Schrift Hirschfelds: „Geschlechtsnm Wandlungen“ 
(Irrtümer in der Geschlechtsbestimmung, sechs Fälle aus der forensischen Praxis) in 
„Beiträgen zur forensischen Medizin 1912“ entnommenen Beispielen die vom Ver¬ 
fasser verfochtenen Forderungen illustriert unter Klarlegung ihrer praktischen Bedeutung. 

(Schluß folgt)“ ~ 

Referate. 

Biologie. 

Hutschenreiter, Vagina und Uterus der Pferdestnte in ihren Reaktionen auf 
den Koitus. Inaug.-Diss. Tierärztl. Hoohseh. Wien. Wiener tierärztl. Monats¬ 
schrift 1915. 

Folgende Ergebnisse sind bemerkenswert: 

1. Bei der geschlechtsgesunden Stute reagiert Vaginal- und Uterusschleimhau^ immer 
alkalisch, unabhängig davon, ob die Stute roßt oder nicht. 


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Referate. 


•213 


2. Das Spermatozoon wird in der Vagina der gesunken Stute meist vor der 4. Stunde, 
im Uterus meist vor der 10. Stunde bewegungslos. 

3. Vernichtung der Spermatozoen erfolgt in der Vagina und im Uterus durch 
Phagozytose, welche mit erhöhter Sekretion der Vaginalschleimhaut vor sich geht. 

4. Bei der rossenden Stute wird ein Teil des Spermas beim Koitus in den Uterus 
ejakuliert. 

5. Jede Vaginalspülung begünstigt die Phagozytose, Natr. bicarb. hebt die Be¬ 

wegungen der Spermien auf; physiologische Na CI (0’9) ist für die Bewegungen in¬ 
different. L. Reisinger. 


Rassenhygiene, Eugenik und Geburtenrückgang. 

Rosenthal, Der eheliche Präventivverkehr, insbesondere in ethischer Beziehung» 
Neue Generation H. 5. S. 109. 

Der eheliche Präventivverkehr ist zunächst ohne Zweifel eine private, eheliche An¬ 
gelegenheit. Es steht fest, daß der beträchtliche Rückgang der ehelichen Geburten auf 
dieser beabsichtigten Vorbeugung der Empfängnis beruht Weil nun der Moment ge¬ 
kommen ist, wo der notwendige Volkszuwachs nicht mehr gesichert ist, hat der eheliche 
Präventivverkehr eine eminent soziale Bedeutung gewonnen. 

Der Präventivverkehr ist das Mittel, durch das der Geschlechtsakt von seiner mög¬ 
lichen Folge, der Zeugung, losgetrennt, der Geschlechtsgenuß zum Selbstzweck erhoben 
wird. Ein solcher isolierter Geschlechtsverkehr ist vom Standpunkt der christlichen 
Asketik zu verdammen. Dem stemmt sich die Auffassung entgegen, daß der Mensch 
nicht bloß geistiges Wesen ist, sondern körperlich die gleiche Existenzberechtigung hat 
Nach einem andern Gedankengange ist der isolierte Verkehr „naturwidrig, da die Natur 
den Geschlechtsverkehr nur zum Zweck der Fortpflanzung geschaffen hat.“ Dagegen 
wendet Verf. ein, daß die Natur nichts im menschlichen Sinne will, keine Zwecke und 
Absichten hat, die wir nicht selbst in sie hineinlegen. Der sexuelle, isolierte Verkehr 
ist demnach grundsätzlich sittlich indifferent. Er hört jedoch auf, das zu sein, wenn 
dadurch andere Interessen verletzt werden. Ein solcher Konflikt ist jetzt aktuell ge¬ 
worden zwischen den staatlichen Interessen und den privaten Willensrichtungen. Der 
Staat sieht sich durch die vorherrschende Tendenz zur Geburtenbeschränkung in seinem 
Bestände gefährdet. Trotzdem lehnt Verf. ganz entschieden eine Rechtspflicht des Ein¬ 
zelnen dem Staate gegenüber zur Fortpflanzung ab. Der Staat mag das Recht haben, 
im Notfälle die Hingabe des Lebens zu fordern, aber für seine Zwecke Leben zu 
schaffen, ist er nicht zu fordern befugt. Es gibt aber doch eine sittliche Bindung, 
und diese liegt in dem Wesen der Ehe selbst. Die Ehe ist eine gesellschaftlich geschützte 
und staatlich privilegierte Institution. Der Hauptzweck der Ehe und dabei der tiefste 
Grund ihrer Vorzugsstellung liegt in der Aufzucht der Nachkommenschaft. Vom Willen 
und Zweck der Empfängnis losgelöst ist die Ehe ohne jeden sozialen Wert. Der Mensch 
hat auch sittliche Pflichten gegen sich selbst. Die Aufzucht der Nachkommenschaft 
ladet zwar Erschwernisse und Verantwortungen auf, sie ist aber für Manu und Weih 
ein wesentlicher Faktor der vollen Eigenentwicklung. In welchem Maße jeder Einzelne 
an der Familienbildung teilzunehmen hat, das wird von der Rücksicht auf seine Person, 
auf die Persönlichkeit des Liebespartners und von den Existenzbedingungen der mög¬ 
lichen Flüchte abhängen. 

Nach dem Standpunkt des Verf. ist also 1 eine allgemeine Rechtspflicht zur Fort¬ 
pflanzung nicht anzuerkennen; wohl aber erwächst dem Einzelnen aus der ihm obliegen¬ 
den sexuellen Verantwortlichkeit und vornehmlich aus dem Wesen der Ehe 
die sittliche Pflicht, an seinem Teil zur Selbsterhaltung des Volkes mitzuwirken und ihre 
in der Familienbildung gipfelnden sozialen Zwecke zu erfüllen. S prinz (Berlin). 

Vaerting, Disharmonien in der Ehe. Die neue Generation H. 6 . S. 167. 

Die Zahl der Ehescheidungen nimmt von Jahr zu Jahr zu. Schuld an dieser be¬ 
trübenden Erscheinung ist vielfach das Fehlen der sexuellen Harmonie, welche die 
Voraussetzung einer glücklichen Ehe ist. Nach des Verf. Ansicht heiraten die Mädchen, 
besonders die der gebildeten Stände, zu früh, zu einer Zeit, wo ihr Geschlechtsleben noch 
gamicht recht erwacht ist; im Gegensatz zu dem Ehegatten, der schon auf der Höhe 
seines sexuellen Begehrens ist; denn der Geschlechtstrieb erwacht beim Manne viel 
zeitiger als beim Weibe, und sein Heiratsalter ist gewöhnlich erst zwischen 25 und 
30 Jahren. Durch diesen brutalen Eingriff in die sexuelle Entwicklung des Weibes wird 


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214 


Bücherbe8prechungen. 


das Weib selbst betrogen um den Genuß höchster Freuden des Daseins, zugleich seine 
Nachkommen um den Vollbesitz geistiger und körperlicher Kräfte. 

Wenn später auch beim Weibe das Maximum der sexuellen Triebe erreicht ist, ist 
die männliche Potenz bereits erheblich im Rückgänge. Dieses Mißverhältnis treibt viele 
Frauen zu sexuellen Verirrungen, oder wird für den Mann der Anlaß zu sexueller Über¬ 
anstrengung. Die Frigidität so zahlreicher Frauen hat häufig nur die eine Ursache, da& 
der Ehepartner nicht mehr imstande ist, ihre sexuelle Lust zu wecken. 

Das Altersverhältnis der Ehegatten muß so verschoben werden, daß die verschie¬ 
denen Phasen des Anstiegs, der Höhe und des Verfalls des Sexuallebens des Mannes 
mit dem seiner Ehegattin besser im Einklang stehen. S prinz (Berlin). 


Bücherbesprechungen. 

Kämmerer, Paul, Geschlechtsbestimmiuig utd Geschleehtsrerteilnngr. Zwei gemein¬ 
verständliche Vorträge. 94 S. mit 16 Abbild. Wien 1918. Moritz Perles. 

Die hier abgedruckten Vorträge hat Prof. K. in Wien und Berlin wiederholt ge¬ 
halten. Nun werden sie noch weiteren Kreisen zugänglich gemacht. Sie bezwecken, 
den Erwachsenen sexuelle Aufklärung zu vermitteln, die ihrer nicht minder bedürftig sind, 
als die Wachsenden. Ref. befürchtet aber, daß gerade einige der wichtigsten Stellen für 
ein großes Publikum schwerverständlich geschrieben sind. Sonst verdient die Schrift 
Anerkennung. Prof. Kämmerer geht von der Tatsache aus, daß schon bei vielen Tier¬ 
arten in den männlichen Keimzellen eine ungerade Zahl von Chromosomen festgestellt 
wurde, während das weibliche Geschlecht immer durch eine gerade Chromosomenzahl 
ausgezeichnet ist. Folglich enthält von den aus der Reifeteilung hervorgehenden Samen¬ 
zellen die eine Hälfte um ein Chromosom mehr als die andere Hälfte. Versuche haben 
gezeigt, daß im Fall der Befruchtung der Chromatin Vorrat der Samenzellen das Geschlecht 
des werdenden Individiums entscheidet: Die Stammzelle mit dem ansehnlicheren Chro¬ 
matinvorrat entwickelt ein Weibchen, die mit dem minderen Chromatin Vorrat ein Männchen. 
Der tiefere Sinn des größeren Cbromatinbesitzes liegt darin, daß diese Substanz auch die 
Funktion hat, die Stoffwechselvorgänge der Zelle zu regeln. Es liegt also nahe, daß eine 
Zelle, die ein Mehr an Chromatin hat, zugleich über ein energischeres Stoffwechsel¬ 
vermögen verfügt; sie wird voraussichtlich in die Lage kommen, sich besser zu ernähren, 
wenn die äußeren Bedingungen es zulassen: „Der chromatinreichere Zellkern mästet sich 
einen umfänglicheren Zellenleib heran; diese größere, besser ernährte Zelle ist weiblich 
und macht alles weiblich, was an Zellen im selben Individium von ihr abstammt. 11 Die 
Beeinflussung geschlechtlich bereits disponierter Zellen durch die Ernährung hält Kämmerer 
für möglich: Heftiger Mangel, meint er, kann eine weiblich veranlagte Zelle männlich 
umschalten und stärkste Mast vermag eine männlich vorbereitete Zelle weiblich umzu- 
stimmen. Bei höheren Pflanzen und Tieren stoßen jedoch derartige Versuche wegen des 
komplizierten und schwer lenksamen Stoffwechselmechanismus auf erhebliche Widerstände, 
aber daß die Beeinflussung stattfinden kann, beweisen die bejahend ausgefallenen Experi¬ 
mente über willkürliche Geschlechtsbestimmung an niederen Pflanzen und Tieren, die 
Kämmerer kurz zusammenfassend anführt. Der Autor nimmt ferner einen Zusammen¬ 
hang zwischen dem Reifungs- und dem Ernährungszustand der Keimzellen an. So 
kommt das verschiedene Größen Verhältnis zwischen Eikern und Eileib, vom Ei in aufein¬ 
anderfolgenden Stufen seiner Reife angenommen, ebensovielen Ernährungsverschieden- 
heiteü gleich, die sich im natürlichen Verlaufe seines Daseins, auch ohne äußere Schwan¬ 
kungen der Ernährungsbedingungen, der Reihe nach einfinden; vom Ernährungsminimum 
des frühreifen Stadiums leitet die Wellenkurve des Keimlebens zum Optimum der Voll¬ 
reife hinan und neuerlich zu einem Minimum, der Überreife, hinab. Gleiche Eigestalten, 
wie sie im sich selbst überlassenen Werden des Eies periodisch zutage treten, werden 
auch durch direkte Beeinflussung seiner Ernährung hervorgebracht: das Vollreife gleicht 
einem jedenfalls wohlgenährten, das früh- und überreife (unabhängig vom Reifegrad) 
einem unterernährten Ei. a Je nachdem zu welcher Periode des Reifungsvorganges das 
Ei von der Befruchtung ereilt wird, die ihm fortab eine ganz andere Bahn aufzwingt, je 
nachdem wird weibliche oder männliche Richtung ein geschlagen. „Im tatsächlichen 
Geschehen durchkreuzen sieh offenbar der innere Ernährungszustand, den der Reifegrad 
spontan mit sich bringt, und der äußere Ernährungseinfluß. 4 * Gute Ernährung von 
außen wird den Einfluß der Früh- oder Überreife mildern, schlechte wird ihn steigern. 


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Bibliographie der Sexualwissenschaft. 


215 


Beim Menschen stehen der willkürlichen Beeinflussung des Geschlechts kaum überwind- 
liche Schwierigkeiten entgegen, weil wir „noch immer nicht imstande sind, dem Stoff¬ 
wechsel menschlicher Keime von außen her in die eine oder die andere Richtung zu 
zwingen“. Dennoch ist Kämmerer „ganz davon durchdrungen, daß scharfe Entfettungs¬ 
kuren, namentlich noch kombiniert mit der Obsorge dafür, daß ein spätreifes Ei für die 
Besamung zur Verfügung steht, die Wahrscheinlichkeit einer Knabengeburt auf mehr als 
90°/o erhöhen, ebenso die einer Mädchengeburt als Folge einer Mastkur in Verbindung 
mit Befruchtung eines möglichst jungen Eis. Aber davon, daß der Erfolg gewährleistet 
werden könnte, ist nicht die Rede“. Ein weiterer Grund hierfür ist, daß vom schlechten 
Ernährungszustand des Gesamtorganismus die Keimzellen nicht unbedingt mitbetroffen 
sein müssen. Die willkürliche Beeinflussung des Geschlechterverhältnisses beim Menschen 
ist auch gar nicht wünschbar, weil dann Not an dem einen Geschlecht, dem weiblichen, 
eintreten könnte. — Die starke Verschiedenheit des zur Befruchtung kommenden Eies 
in bezug auf seinen Reife- und Ernährungszustand bewirkt nicht bloß, daß beide Ge¬ 
schlechter in schwankendem Häufigkeitsverhältnis entstehen, sondern auch Individuen, die 
Männliches und Weibliches in buntem Mischungsverhältnis vereinigen: die geschlechtlichen 
Zwischenstufen; man darf sich dabei freilich nicht gleich richtige Zwitter vorstellen, 
„sondern das Heer aller jener immerhin noch „echten“ Männer mit weiblichem und der 
Weiber mit männlichem Einschlag“. Das kommt erst recht zum Ausdruck in dem 
zweiten Vortrag Kämmerers über „Geschlecntsverwandlung und Zwitterbildung“, in 
welchem er die große Bedeutung der inneren Sekretion darlegt. Die Möglichkeit der 
Verweiblichung männlicher und der Vermännlichung weiblicher Individuen ist durch eipe 
bedeutende Anzahl von Tierversuchen erwiesen, von denen Kämmerer die wichtigsten 
erwähnt. Er erörtert auch die praktische Anwendung der Ergebnisse in der Medizin 
und der Rassenhygiene. H. Fehlinger. 


Bibliographie der Sexualwissenschaft 1 ). 

Biologie. 

(Anatomie, Physiologie, Entiuickelungsgeschichte, Vererbungslehre.) 

Bernstein. F., Bemerkungen zur Abhandlung „Körpermaßstudien an Kindern“ von 
M. v. Pfaundler. Zeitschr. f. Kinderheilk. 16. 1917. H. 1/2. S. 78ff. 

Deegener, P., Die Formen der Vergesellschaftung im Tierreiche. Ein systematisch¬ 
soziologischer Versuch. Leipzig 1918. Veit & Co. Lex. 8°. XII, 420 S. 12 Mk. 50 Pf. 

Erinnerungen an Theodor Boveri. Tübingen 1918. Mohr. Gr. 8°. VII, 161 S. 
mit 4 Abbild. 9 Mk. 40 Pf. 

Fttrbrlnger, Zur Frage der Sexualperiodizität beim weiblichen Geschlecht. Monats- 
schr. f. Geburtsh. u. Gynäk. 47. 1918. H. 1/2. 

Heidenhain, Über die Geschmacksknospen als Objekt einer allgemeinen Theorie der 
Organisation. M. m. W. 65. 1918. Nr. 22. S. 579—581. 

Htfrmann, Jacob, Über Menstruatio praecox. Inaug.-Diss. Leipzig 1918. 8°. 

Käthe, Eine Mißbildung in vier Generationen. Med. Klin. 14. 1918. Nr. 2. S. 642 
bis 643. (Mit 3 Abbild.) 

Keltler, H., Über vikariierende Menstruation. W. kl. W. 1918. Nr. 17/18. 

Kühn, Alfred, Anleitung zu tierphysiologischen Grund versuchen. Leipzig 1917. 
Quelle & Meyer. Gr. 8°. VIII, 165 S. mit 74 Abbild. 3 Mk. 20 Pf. 

Lauter, Georg, Einfluß der mütterlichen Ernährung auf die Fruchtentwicklung. 
Inaug.-Diss. Straßburg, Febr. 1918. 8°. 


l ) Umfaßt die Zeit vom 1. Juni bis 31. August 1918 sowie Nachträgo 
und Ergänzungen. Im Hinblick auf die durch die Kriegsereignisse bedeutend 
erschwerte Berichterstattung bitten wir wiederholt die Verfasser einschlägiger Arbeiten, 
uns zwecks vollständiger und genauer bibliographischer Aufnahme möglichst umgehend nach 
Erscheinen einen Sonderabdruck zu übermitteln (unter der Adresse: Dr. Iwan Bloch, 
Berlin W. 15, Joachimsthalerstr. 9). 


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216 


Bibliographie der Sexualwissenschaft. 


Leiewer, Hans, Ein Fall von Transvestitismus mit starkem Abbau von Ovarium im 
Blutserum. D. m. W. 1918. Nr. 18. 

Lenz, Frftz, Der phylogenetische Haarverlust des Menschen. Arch. f. Rassen- u. 
Gesellschaftsbiol. 12. 1918. H. 3/4. S. 333—336. 

Moell, €., Über Vererbung psychischer Anomalien. D. m. W. 1918- Nr. 25—27. 
Nägler, Kurt. Am Urquell des Lebens. Die Entdeckung der einzelligen Lebewesen 
von Leeuwenhoek bis Ehrenberg. Mit 38 Abbild. Leipzig 1918. Voigtländer. Kl. 8°. 
116 S. 1 Mk. 20 Pf. 

Prjll, Zur Frage der Lebensdauer der Spermatozoen. Zeitschr. f. Geburtsh. u. 
Gynäk. 79. 1918. H. 3. 

Rüge II, €•, Über Geschlechtsbildung und Nachempfängnis. Zentralbl. f. Gynäk. 
1918. Nr. 29. 

Rüge II, Ce, Follikelsprung und Befruchtung! Arch. f. Gynäk. 109. 1918. H. 1/2. 

Siegel, P. W., Zur Frage der Superfoecundatio und Superfoetatio bei Zwillingen. 
Zentralbl. f. Gynäk. 1918. Nr. 18. 

Siemens, H. W., Die Erblichkeit des sporadischen Kropfes. Inaug.-Diss. München. 
Jan. 1918. 8°. 

Sippel, A., Corpus luteum und Menstruation. Zentralbl. f. Gynäk. 1918. Nr. 22. 


Psychologie und Psychoanalyse. 

Bunuemann, Der Begriff des Mittels in der Hysterielehre. Arch. f. Psvch. 59. 
1918. H. 1. 

Ferenczi, S., Pecunia — ölet. Int. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse 4. 1918. 
H. 6. S. 327—329. 

Freud, 8 ., Eine Kindheitserinnerung aus „Dichtung und Wahrheit“. Imago 5. 

1917. H. 2. S. 49—57. 

Freud, S., Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre. Int Zeitschr. f. ärztl. 
Psychoanalyse 4. 1918. H. 6. S. 277—287. 

Frend, S., Trauer und Melancholie. Int. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse 4. 1918. 
H. 6. 8. 288-301. 

Friedländer, Grundlinien der psychischen Behandlung. Eine Kritik der psycho¬ 
therapeutischen Methoden. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u- Psych. 42. 1918. H. 1/2. S. 99 
bis 139. 

Friedländer, R», Die Bedeutung der psychosomatischen Wechselwirkung für die Neu¬ 
rosenfrage. Neurol. Zentralbl. 1918. Nr. 10. 

Gumpertz, Karl, Psychologie der BegehrungsVorstellungen. Zeitschr. f. Psychother. 
u. med. Psychol. 7. 1918. H. 4. S. 217— 224 . 

Haimann, Henrik, Eine Fehlhandlung im Felde. Int. Zeitschr. f. ärztL Psycho¬ 
analyse 4. 1916/17. H. 5. 8. 269. 

Heufiner, A-, Einführung in die Psychologie. Göttingen 1918. Vandenhoeck & 
Ruprecht. 8°. IV, 237 8. 4 Mk. 

Krüger, H., Psychisches Werden und Vergehen. Zugleich ein Beitrag zur Lehre 
von den endogenen Psychosen. Monatsschr. f. Psychiat. 44. 1918. H. 1. 

Lessing, Th., Über die Möglichkeit universaler Charakterologie. Arch. f. Philosophie, 
n. Abteil. 24. 1918. H. 4. 

Löwenthal, 8., Über Dysbulie. (Ein Beitrag zur Simulationsfrage.) M. Klin. 14. 

1918. Nr. 14. S. 341—343. 

Markuse, H., Aufsätze zur energetischen Psychiatrie. Arch. f. Psychiat. 59.1918. H. 1. 
Meyer, Adolph F., Dr. C. G. Jungs Psychologie der unbewußten Prozesse. Int. 
Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse 4. 1918. H. 6. S. 302—314. 

Moell, C., Über Vererbung psychischer Anomalien. D. m. W. 1918. Nr. 25—27. 
Oppenheim, H., Zur Psychopathologie des Geizes. Zeitschr. f. Psychother. u. med. 
Psychol. 7. 1918. H. 4. S. 193—205. 

Reik, Th., Vom Seelenleben eines zweijährigen Knaben. Int. Zeitschr. f. ärztl. 
Psychoanalyse 4. 1918. H. 6. S. 329. 

8allwürk«E. v., Die Seele des Menschen. Psychologische und pädagogische Grund¬ 
begriffe. Das Wesen der 8eele, Vorstellung und Anschauung. Gefühl und Handeln. 
Mit 1 Fig.-Tafel. Karlsruhe 1918. Braun. Gr. 8°. IV, 134 S. 4 Mk. 50 Pf. 


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Bibliographie der Sexualwissenschaft. 


217 


Schneider, Kurt, Die Lehre vom Zwangsdenken in den letzten zwölf Jahren. 
Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psychiatr. Referatenteil Bd. 16. 1918. H. 2. S. 113—146. 
Sichert, H., Betrachtungen über den Selbstmord. Monatssohr. f. Psychiat. 43.1918. H.5. 
Tausk, Viktor, Bemerkungen zu Abrahams Aufsatz „Über EJjaculatio praecox“. 
Int. Zeitschr. f. ärztl. Psychoanalyse 4. 1918. H. 6. 8. 315—327. 

Willner, Bruno, Betrachtungen über das Wesen und die Entstehung der funktio¬ 
nellen Neurosen. Zeitschr. f. d. ges. Neurol. u. Psychat. 42. 1918. H. 1/2. S. 140—168. 



Pathologie und Therapie. 

Aron, H., Über Wachstumsstörungen im Kindesalter. Jahrb. f. Kinderheilk. 4. 
1918. S. 273 u. H. 5. 8. 380 ff. 

Bendlx, B # , Zur „Fieberbehandlung 11 der Vulvovaginitis gonorrhoica bei kleinen 
Mädchen. Therap. Monatsh. 31. 1917. H. 5. 

Borehardt, L*, Über Hypogenitalismus und seine Abgrenzung vom Infantilismus. 
B. kl. Woch. Nr. 15. S. 348-^-350. 

# Czerny, Adolf, Inwieweit läßt sich die Prognose zerebraler Anomalien bei Kindern 
beurteilen? B. klin. W. 55. 1918. Nr. 24. S. 561—563. 

Dziembowski, Dystrophia adiposo-genitalis mit Myopathie. D. m. W. 43. 1917. 
Nr. 21. 

Elkisch, Franz, Kombinierte Blutdrüsenerkrankungen. inaug.-Diss. Berlin 1918. 8°. 
Franke, F., Zur Amputation des Penis. Zentralbl. f. Chirurg. 1918. Nr. 20. 
Goenner, A., Gynäkologische Unfallerkrankungen. Zentralbl. f. Gynäk. 1918. Nr. 16. 
Graudenz, Ernst, Körperliche Mißbildungen bei Psychosen. Inaug.-Diss. Kiel 
1918. 8°. 

Guggisberg, Beiträge zur Physiologie und Pathologie der Plazenta. Korr.-Bl. f. 
Schweizer Ärzte 1918. Nr. 20. 

Heimann, Fritz, Die Behandlung der Amenorrhoe. B. kl. W. 54. 1917. Nr. 34. 
S. 822—826. 

Hofstätter, R*, Über Versuche der therapeutischen Verwendung von Pinealextrakten. 
Monatsschr. f. Geburtsh. 45. 1917. H. 3/4. 

Hofetätter, R*, Über die Mukosa des amenorrhoischen Uterus (mit spezieller Be¬ 
rücksichtigung der Kriegsamenorrhoe.) W. kl. Woch. 1918. Nr. 27. 

Httssy, P., Zur Biologie der Schwangerschaftstoxikosen. Korr.-Bl. f. Schweizer 
Ärzte 1918. Nr. 21. 

Jacobsohn, Leo. Die Heilung der Homosexualität im Lichte der Steinachschen 
Forschungen. Ther. d. Gegenwart 59. 1918. H. 4. S. 135—137. 

Kneise, 0., Der Rückenschmerz. Beziehungen der Gynäkologie zur Urologie, 
internen Medizin und Abdominalchirurgie. Arch. f. Gynäk. 109. 1918. H. 1/2. 

Krisch, Hans, Die Prophylaxe und* allgemeine Behandlung der hysterischen Er¬ 
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Knthe, E., und H. Voswinckel, Über ein neues { Antidysmenorrhoikum. Med. 
Klin. 14. 1918. Nr. 20. S. 496—497. 

Leja, Anton, Beitrag zur Klinik und Symptomatologie der Schwangerschaftspsychosen. 
Inaug.-Diss. Kiel 1918. 8°. 

Lipschütz, B., Über Ulcus vulvae acutum. W. kl. Woch. 1918. Nr. 17/18. 
Mqjor, Gustav, Zur Prophylaxe des jugendlichen Schwachsinns. Zeitschr. f. 
Psychother. u. med. Psychol. 7. 1918. H. 4. 8. 225—246. 

Meyer-Rnegg, H., Kompendium der Frauenkrankheiten. Ein kurzes Lehrbuch für 
Ärzte und Studierende. 3. umgearb. Aufl. Leipzig 1917. Veit & Co. 8°. VIII, 360 S. 
mit 161 teils färb. Figuren. 8 Mk. 

Naegeli, Übersicht über die Symptomatik der Osteomalazie als innersekretorischer 

r iglandulärer Erkrankung. Nach 11 eigenen und nach Literaturbeobachtungen. M. m. 
65. 1918. Nr. 22. S. 585-586. 

Naegeli, Über den Antagonismus von Chlorose und Osteomalazie als Hypogenitalis¬ 
mus und flypergenitalismus. M. m. W. 65. 1918. Nr. 23. S. 609—610. 

Naegeli, Über die Konstitutionslehre in ihrer Anwendung auf das Problem der 
Chlorose. D. m. W. 1918. Nr. 31. 

Niederländer, Hans, Über einen Fall von Eifersuchtswahn bei Tabes dorsalis. 
Inaug.-Diss. Königsberg, Dez. 1917. 8°. 


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218 


Bibliographie der Sexualwissenschaft. 


Nnck, 0., Hysterie und ihre Beziehung zur Ontogenie. Med. Klin. 24. 1918. Nr. 17. 
S. 416—417. 



Ries, Ein Unterstützungsmittel bei Enuresis nocturna der Erwachsenen. Med.-techn. 
Mitteil. 1918. Nr. 8. 8. 29—30. 

Rütter, Ein Fall von Ulcus rodeus vulvae. Monatsschr. f. Geburteh. u. Gynäk. 46. 
1918. H. 6. 


Sehierlitz, Georg, Über eineu Fall von Hypophysistumor. Inaug.-Diss. Kiel 1918. 8°. 
Schiff, E., Frühzeitige Entwicklung der sekundären Geschlechtscharaktere bei einem 
zweijährigen Mädchen infolge eines Hypernephroms der rechten Nebenniere. Jahrb. f. 
Kinderheilk. 87. 1918. H. 6. 8. 519 ff. 


Simmonds, M., Atrophie des Hypophysisvorderlappens und hypophysäre Kachexie. 
D. m. W. 1918. Nr. 31. 


Thiemich, M., Zur Frage des vorzeitigen Rückganges und Versagens der Laktation. 
Monatsschr. f. Kinderheilk. 14. 1918. Nr. 6. S. 315 ff. 

Yoelekel, ÜL, Störungen der inneren Sekretion bei Eunuchoiden. B. kl. W. 55. 
1918. Nr. 15. S. 345—348. 

Weitz, Wilh., Über die Pathogenese der Enuresis. Med. Klin. 14. 1918. Nr. 30. 
S. 729—732. 

Wodak, E., Über Enuresis mit Myelodysplasie. Jahrb. f. Kinderheilk. 87. 1918. 
H. 1. S. 87. 

Wormser, Über nasale Behandlung der Dysmenorrhöe. Arch. f. Gvnäk. 109. 
1918. H. 1/2. 

Ziegler, Friedrich, Ein Fall von Glansmißbildung mit sekundärer Urethrastriktur. 
Inaug.-Diss. Leipzig 1918. 8°. 

Zieler, Wie wird die Heilung des Trippers beim Manne festgestellt V D. m. W. 
1918. Nr. 24. 


Zivilrechtliche, strafrechtliche und kriminalanthropologische 
Beziehungen des Sexuallebens. 

Fürst, Bruno, Die Bedeutung des Hypnotismus für 8trafrecht und Strafprozeß. 
Frankfurt a. M. 1918. Kesselring. Gr. 8°. 31 S. 1 Mk. 50 Pf. 

Heimberger, Der ärztliche Eingriff, im besonderen die Schwangerschaftsunter¬ 
brechung und die Sterilisierung, in strafrechtlicher Beleuchtung. M. m. W. 65. 1918. 
Nr. 17. S. 455—457. 

Hellwig, Albert, Die Schundliteratur und ihre Bekämpfung. Arch. f. Strafrecht 64. 

1917. S. 146—160. 

Lenz, Fritz, Der Gesetzentwurf zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. M. 
m. W. 65. 1918. Nr. 30. S. 820-822. 

Lenz, Fritz, Die Strafbarkeit der geschlechtlichen Ansteckung. Arch. f. Rassen- 
u. Gesellschaftsbiol. 12. 1918. H. 3/4. S. 337—342. 

Meier, Josef, Rechtliche Stellung des unehelichen Kindes. M. m. W. 65. 1918. 
Nr. 23. S. 622-624. 

NießJ v. Mayendorf, Zur forensischen Beurteilung Hysterischer. Arch. f. Psych. 59. 

1918. H 

„ishausen, Th. v., Der Entwurf eines Gesetzes gegen die Verhinderung von Ge¬ 
burten. Med. Klin. 14. 1918. Nr. 15. S. 381—382. 

Rapmund, Otto, Die dem Reichstag vorgelegten Entwürfe eines Gesetzes zur Be¬ 
kämpfung der Geschlechtskrankheiten und eines Gesetzes gegen die Verhinderung von 
Geburten. Zeitschr. f. Med.-Beamte 31. 1918. Nr. 5. S. 85—108. 

Schaeffer, R., Die Anmeldepflicht jeder Fehlgeburt. 1). m. W. 1918. Nr. 20. 
Spinner, J. R., Abtreibungsversuche bei nichtbestehender Gravidität. Die neue 
Generation 14. 1918. H. 3/4. S. 60—70. 

Tosettl, Ein Beitrag zum kriminellen Abort. Zeitschr. f. Geburtsh. u. Gynäk. 79. 
191S. H. 3. 


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Bibliographie der Sexualwissenschaft. 


219 


Prostitution und Bekämpfung der venerischen Krankheiten. 

Baader, Ernst, Die Arsentherapie der Syphilis bis zur Salvarsanära. Inaug.-Diss. 
Berlin 1918. 8°. 

Bloch, Bruno, Einiges über die Bestrebungen der Schweizerischen Gesellschaft zur 
Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Korr.-Bl. f. Schweizer Ärzte 1918. Nr. 23. 

Fünfte Sitzung der Sachverständigenkommission der D. G. B. G. Zeitschr. f. 
Bekämpf, d. Geschlechtskrankh. 18. 1918. Nr. 8. S. 197—210. — Nachträgliche Bemer¬ 
kungen von A. Blaschko, ebenda S. 211—214. 

Hubert, Georg, Ein weiterer Beitrag zur Häufigkeit der Lues. M. m. W. 65. 
1918. Nr. 23. S. 619-621. 

Johnsson, J. W. 8 ., Kondomen. Ugeskrift for Laeger 1918. Nr. 2. S. 65—66. 

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VII, 207 S. 4 Mk. 


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Gr. 8°. IV, 28 S. mit 11 Abbild. 80 Pf. 

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Der irdische Pflichtenkreis. Münster i. W. 1918. Aschendorff. Gr. 8°. IX, 220 S. 
3 Mk. 50 Pf. . 

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Payot, Jules, Die Erziehung des Willens durch Selbstbemeisterung. übers, von 
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Posner, C., Die Hygiene des männlichen Geschlechtslebens. Dritte, verbesserte 
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Rosenstein, W., Der Unterricht in Gesundheitslehre und Kinderpflege an den 
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Bob&, Lonls, Fra Renaissance til Empire. Kulturhistoriske Afhandlinger. Kopen¬ 
hagen 1916. Hagerup. Gr. 8°. 188 S. Zahlr. Abbild. 

Briefe an Friedrich Sehlegel. Hrsg, von Heinrich Finke. Köln 1917. Bachem. 
8°. 104 S. 2 Mk. 50 Pf. 

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346 S. 7 Mk. 50 Pf. 

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16°. 292 S. 3,50 Fr. 

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Riebeth, A., Über die Behandlung der funktionellen nervösen Erkrankungen bei 
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Rietschel, Haas, Die Kriegsenuresis und ihre Beziehungen zum Salz und Kohle» 
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Schmidt, Philipp, Über den Einfluß der Kriegsernährung auf das Körpergewicht 
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Schttlein, Über den Einfluß des Krieges auf die Erkrankungen des weiblichen 
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Studien zur Physik and Biologie des Weltkrieges. Neu-Buddhistische Zeitschr. 
Frühjahrsheft 1918. 

Teleky, Ludwig, Menschenopfer. Eine Kriegs- und Friedensbetrachtung. W. kL 
W. 1918. Nr. 19. 

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Für die Redaktion verantwortlich: Br. Iwaa Bloch in Berlin. 
A. Marens £ E. Weben Verlag (Br. jnr. Albert Ahn) in Bonn. 
Bruck : Otto Wlgund’sche Bnchdrackerel 6. m. b. H. in Leipmlg. 


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Zeitschrift 

für Sexualwissenschaft 

Fünfter Band Oktober 1918 7. Heft 


Der Einfluß der männlichen Geistesarbeit auf die 
biologische Höherentwicklung der Menschheit. 

Von Dr. M. Vaerting 
in Berlin. 

In der Entwicklungsgeschichte der Organe des Menschen nimmt die Hirn¬ 
organisation eine Ausnahmestellung ein. Das menschliche Gehirn hat sich vor 
allen andern Organen so exzessiv entwickelt, daß durch diese einzig dastehende 
stammesgeschichtliche Vervollkommnung des Hirnes der Mensch zu einer über¬ 
ragenden Stellung unter den Lebewesen der Erde emporgehoben wurde. 

Von einer gewissen Stufe der Vollkommenheit des Hirns an hat sich' die 
Fortentwicklung des Menschen fast ausschließlich auf die Weiterentwicklung 
des Gehirns allein beschränkt Wallace 1 ) beschreibt diesen Vorgang 
folgendermaßen: „Zu gleicher Zeit mit der Erreichung jenes Grades der In¬ 
telligenz, der sich durch den Gebrauch von Werkzeugen, Kleidung usw. be¬ 
kundet, macht sich eine Neigung geltend, daß Abänderungen des Gehirns an 
Stelle von Abänderungen des ganzen Körpers treten, d. h. auf einer gewissen 
Stufe der Entwicklung beginnt das Gehirn mehr al6 der übrige Körper abzu¬ 
ändern.“ Die Vervollkommnung des Gehirns hat also unter Zurückdrängung 
der andern Organe rückwirkend sich selbst gefördert 

Spencer*) hat diese Erscheinung durch Zuchtwahl zu erklären gesucht 
Die natürliche Zuchtwahl führt zum Überleben derjenigen mit dem höchst- 
ausgebildeten Gehirn, während die niedrig Begabten verschwinden. 

Bassenbiologisch ist nun die Frage von höchster, einschneidendster Be¬ 
deutung, wie es heute um den Entwicklungsprozeß der menschlichen Hirn¬ 
anlage steht Gerade heute, wo man an der Intelligenz der Menschheit 
verzweifeln muß, liegt diese Frage besonders nahe. Drei Fälle sind möglich: 
Wir befinden uns entweder noch immer in einem Stadium der Weiter¬ 
entwicklung, oder wir sind in einen Stillstand oder Rückgang ein¬ 
getreten. Die Entscheidung dieser Frage ist von außerordentlicher Schwierig¬ 
keit Denn die Vollkommenheit der geistigen Organisation findet ihren Aus¬ 
druck in Begabungshöhe und Begabungshäufigkeit. Es fehlen aber alle Maßstäbe, 
diese Größen auch nur annähernd vergleichend zu bestimmen. Der einzige, 
heute mögliche Maßstab für die Begabung sind die Leistungen, die diese Be¬ 
gabung ausführt. Dieser Maßstab aber ist hier nicht zu gebrauchen, weil es 
sich um die Messung der Verschiebungen der allgemeinen Menschheitsbegabung 
durch Jahrtausende handelt Die kulturellen Leistungen der Menschheit in den 


l ) Wallace, Über den Ursprung des Menschen. 

*) Prinzipien der Biologie I, S. 512. 

Zeitrehr. f. Seznalwiarenrehaft V. 7. 17 

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M. Vaerting. 


einzelnen Jahrhunderten oder Jahrtausenden können kein absolutes Maß geben 
von der Entwicklungshöhe des Hirnes der Träger dieser Leistungen. Denn 
selbst bei Stillstand der Hirnentwicklung müssen die geistigen Leistungen 
der Menscheit trotzdem noch zunehmeu, weil das bereits von der Menschheit 
erworbene Geistesgut von Geschlecht zu Geschlecht vermehrt weitergegeben 
; wird, und dadurch die Fortsehrittsbedingungen sich aufsteigend erleichtern. 
Man hat sogar berechnet, daß diese Bedingungen so günstig wirken, daß selbst 
bei gleicht»] eiben der Höhe des menschlichen Intellekts der Fortschritt der Kultur 
im Verhältnis einer geometrischen Progression zunehmen müsse. 

Der heute erreichte Stand der Hirneütwicklung des Menschen läßt sich 
also sehr schwer ermitteln. Daher kommt es denn wohl auch, daß man bei 
den Biologen in diesem Punkte auf gänzlich entgegengesetzte Meinungen stößt. 

Spencer, Galton, de Candolle u. a., sie alle haben einen Ausblick auf das 
Menschengeschlecht in der Zukunft gegeben. Als Vertreter des Optimismus 
soll Spencer 1 ) herausgegriffen werden. Nach einer Erwägung aller Möglich¬ 
keiten, in deren Richtung die weitere Entwicklung stattfinden könnte, kommt 
er zu dem Schluß, ,,daß sie sich hauptsächlich in Richtung einer höheren 
intellektuellen und emotionellen Ausbildung bewegen muß.“ Er fragt: 
Wird sich die Intelligenz vermehren? Und antwortet überzeugt: Ohne Zweifel 
außerordentlich. Für den Fortschritt in dieser Richtung ist noch ein weiter 
Spielraum gegegeben und ebenso weit gehen die Forderungen hierfür.“ Und 
gerade von der fortschreitenden Zivilisation erwartet er rückwirkend eine 
Steigerung der Intelligenz. ,Jener zukünftige Fortschritt der Zivilisation, 
welchen der nie aufhörende Druck der Bevölkerung hervorrufen muß, wird 
von vergrößerten Kosten für die Individuation begleitet sein, sowohl was die 
Struktur als was die Funktion betrifft, ganz besonders aber die Struktur und 
Funktion der Nerven. Der friedliche Kampf ums Dasein in den Gesellschaften, 
die fortwährend an Menge und Komplikation zunehmen, muß als Begleit¬ 
erscheinung eine Weiterbildung der großen Nervonzentren hinsichtlich ihrer 
Masse, ihrer Kompliziertheit und ihrer Leistungsfähigkeit nach sich ziehen . . . 
Schon jetzt ist das Gehirn des zivilisierten Menschen nahezu um dreißig Prozent 
größer als das Gehirn des Wilden -). Schon jetzt läßt sich daran ferner eine 
größere UngbJ-hartigkeit erkennen, besonders in der Verteilung seiner ober¬ 
flächlichen Windungen. Und fernere Veränderungen ähnlicher Art, wie sie bis¬ 
her unter der Zucht des zivilisierten Lebens stattgefunden haben, werden, .wie 
wir wohl schließen dürfen, gewiß auch in Zukunft fortdauern.“ Man sieht, daß 
Spencers Optimismus größer ist, als die Überzeugungskraft seiner Argumente 
für die andauernde Höherentwicklung des Gehirns. Denn erstlich ist es doch 
sehr zweifelhaft, ob mit steigender Zivilisation die Anforderungen an die Hirn¬ 
tätigkeit proportional zunehmen. Wenn Spencer sagt, daß heute der Landtnann 
Chemie studieren und neue mechanische Einrichtungen sich an eignen muß, so 
beweist das nicht, daß der heutige Landmann mehr Geisteskraft in seinem Be¬ 
rufe aufwenden muß als sein Kollege vor ein paar Jahrtausenden. Denn dem 

U Prinzipien der Biologie 11. Kapitel Yili. <iahen >teht hinsichtlich der Entwicklung 
des Menscherrgisehlechts auf demselben Standpunkte wie Speiurr. (Hemlitary Genius 

s. m ff.). 

2 ) Hirngewicht ist aber kein Beweis. Die Chinesen haben ein weit größeres 
Durchschnittsgewicht als die Europäer, und-doch wird, mau kaum behaupten wollen, daß 
ihre Intelligenz größer ist als die der höehst»teheud<*n Kulturvölker. 'Fernerhin haben 
neuere Untersuchungen festgestellt, daß die Hi'rngröße nicht: für die Größe der geistigen 
Begabung entscheidend Dt. 


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Der Einfluß d. männlichen Geistesarbeit auf d. biologische Höherentwicklung usw. 227 


wird seinerzeit der Flegel mindestens so viel — wenn nicht mehr — zu 
schaffen gemacht haben, wie es heute die Dampfdreschmaschine tut. Falls aber 
wirklich Spencer doch damit recht hätte, daß der Aufstieg der Kuftur an den, 
der sich in ihr seinen Platz erobern und behaupten will, größere geistige 
Forderungen stellt, gerade infolge dieses Aufstieges, so wäre diese Tatsache 
trotzdem noch kein Beweis für die intellektuelle Höherentwicklung der Mensch¬ 
heit Denn dadurch wäre nur bewiesen, daß das. Denkvermögen des Indivi¬ 
duums eine schärfere Ausbildung erfährt als in früheren Zeiten. 

Aber wie steht es mit der Vererbung dieser besser geübten und 
stärker ausgebildeten geistigen Fähigkeiten? Denn von dieser Vererbung allein 
hängt der Stand der Hirntüchtigkeit der folgenden Generation ab, und damit 
die Weiterentwicklung der angeborenen Intelligenz. 

Die Prüfung dieser Frage zeigt nicht nur, daß Spencers Hoffnungen für die 
Zukunft des Menschengeschlechts vollkommen unbegründet sind, sondern eröffnet 
im Gegenteil wahrhaft trostlose Perspektiven. Gerade die stärkere Ausbildung 
und Inanspruchnahme des Gehirns beim Manne setzt die Vererbungsfähigkeit 
geistiger Anlagen außerordentlich herab. Die tüchtigsten Väter haben die 
schlechtesten und unbegabtesten Söhne. Die Nachkommen der genialen und 
talentierten Männer haben so selten tüchtige Söhne gehabt, daß man in dieser 
Erscheinung ein Naturgesetz sehen zu müssen glaubte. Wie falsch diese Theorie 
ist, habe ich bereits früher nachgewiesen. Nicht die Höhe der angeborenen 
geistigen Begabung schmälert des Mannes reproduktive Kraft, sondern die 
Größe der geistigen Leistung. Die Nachkommen der tüchtigen Väter stehen 
nicht deshalb an Fähigkeiten so weit hinter ihren Erzeugern zurück, weil diese 
hoch begabt sind, weil die Natur sich gleichsam bei ihrer Hervorbringung er¬ 
schöpft hat. Die Natur kann die höchsten Begabungen hervorbringen, ohne sich 
zu erschöpfen. Aber der Mann kann in intensiver Geistesarbeit seine Zeugungs¬ 
kraft so schnell erschöpfen, daß die Nachkommen schon in der ersten Generation 
auf eine tiefe Stufe der Begabung zurückgeschlcudert werden. 

Schon allein die Beschaffenheit der Nachkommenschaft der tüchtigsten 
Männer zeigt also, daß von der gesteigerten Hirnausbildung keineswegs mit 
Spencer eine günstige Wirkung auf die biologische Höherentwicklung der 
Menschheit erwartet werden darf. Gerade in dieser gesteigerten Hirnausbildung 
liegt im Gegenteil die große Gefahr einer Verkürzung des psychischen Erb¬ 
gutes der Menschheit. 

Es gibt nun eine große Zahl von Gelehrten, die einen Stillstand oder sogar 
Rückgang in der Intelligenz annehmen. De Candollo 1 ) sagt: ,,Die Geschichte 
stimmt darin mit der Theorie überein, daß sie nachweist, wie unregelmäßig 
und zweifelhaft selbst während des Verlaufes einiger Jahrhunderte der Fort¬ 
schritt der Intelligenz und Moral gewesen ist.“ Die Ursache dieses Stillstandes 
und Schwankens mit negativem Ausschlag schreibt de Oandolle dem Kämpfe 
des Menschen gegen die Selektion zu. Schallmayer-) hält es für möglich, daß 
die vererbten intellektuellen Begabungen der Kulturvölker unter denen der 
wilden Vorfahren stehen. Und heute wird mancher mehr als früher geneigt 
sein, Schallmayers Ansicht zuzustimmen. 

Wie nun Spencer in dem Fortschritt der Kultur den Faktor erblickt, 
der die Vervollkommnung der Intelligenz fördert, so machen jene Rasseiic 

l ) Geschichte der Wissenschaften und der Gelehrten seit 2 Jahrhunderten (Deutsch 
von W. Ostwald). 

a ) Vererbung und Auslese S. 277. 

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M. VaertiDg. 


biologen, die einen Rückgang annehmen, meistens ebenfalls die Zivilisations¬ 
steigerung für diesen Rückgang verantwortlich. Selbst Galton, der die 
Menschheitsintelligenz in der Höherentwicklung wähnt, fürchtet, daß die Rassen¬ 
verbesserung nicht schnell genug fortschreiten wird, um den Ansprüchen der 
rapid zunehmenden Kultur zu genügen, so daß die Rasse Gefahr läuft, zu dege¬ 
nerieren gerade infolge dieser Ansprüche, die sie sieht erfüllen kann. 

Die Zivilisationssteigerung wird nun vielleicht nicht ganz mit Unrecht für 
den Niedergang der angeborenen Intelligenz verantwortlich gemacht. Jedoch 
sind die Gründe, welche man dafür ins Feld führt, m. E. durchaus unrichtig. 
Man hat bis heute den Einfluß nicht erkannt, welchen die Geistesarbeit des 
männlichen Geschlechts auf die Vererbungsfähigkeit ausübt Zwar hat man 
bemerkt, daß die Nachkommen der genialen Männer fast stets an Begabung sehr 
tief unter ihren Vätern standen. Aber man forschte nicht nach den Ursachen 
dieser Erscheinung, sondern begnügte sich damit, sie als Naturgesetz zu er¬ 
klären. Reibmayr 1 ) spricht von dem Naturgesetz der biologischen Unfrucht¬ 
barkeit des Genies. Man vergaß, zwischen Möglichkeit und Notwendigkeit zu 
unterscheiden, sondern entschied sich ohne Prüfung für eine naturgesetzliche 
Notwendigkeit Deshalb haben die schlechten Vaterleistungen der Genialen auch 
die Erkenntnis von dem allgemeinen Einfluß der geistigen Arbeit 
auf die Zeugung nicht gefordert. Es läßt sich nun physiologisch nachweisen, 
daß die geistige Tätigkeit des Mannes von ungünstiger Wirkung auf seine 
Sexualfunktion sein muß. Die Geistesarbeit beeinflußt direkt die wichtigste und 
bedeutungsvollste Funktion, die- Samecbildung. Je stärker die geistige An¬ 
strengung, um so geringer wird die Samenmenge, das ist eine bekannte Er¬ 
scheinung. Bloch 2 ) weist darauf hin, daß bei sonst gesunden Männern Impo¬ 
tenz vorkommt, die durch starke geistige Tätigkeit und künstlerische Produktion 
hervorgerufen wird, die „Impotenz der Gelehrten und Künstler“. Nun aber 
scheint ein enger Zusammenhang zu bestehen zwischen der Menge des Samens 
und seiner Qualität In der Jugend, wo die Samenmenge am grüßten ist, ist 
auch die Qualität der Fortpflanzungszellen am besten. Und im Alter sinkt mit 
abnehmender Samenproduktion auch die Qualität der Nachkommenschaft Mante- 
gazza 8 ) bemerkt ausdrücklich, daß das Produkt der Zeugung aller Wahrschein¬ 
lichkeit nach um so besser ist, je reicher an Spermien das Ejakulat war, der 
es entstammt. 

Die Hirntätigkeit hat beim Manne diesen starken Einfluß auf die Fort¬ 
pflanzungszellen, weil diese beständig in großer Zahl neu gebildet werden. In¬ 
folgedessen muß jede Veränderung im Zustande des Gesamtoiganismus auf die 
Geschlechtsfunktion zurückwirken. Die Hirnarbeit aber beeinflußt durch ihren 
großen Energieverbrauch intensiv den ganzen Organismus. Die beständige 
Neubildung der Keimzellen bildet die physiologische Grund¬ 
lage des schädlichen Einflusses der Hirntätigkeit auf die 
Fortpflanzungszellen. Die innere Sekretion stellt wahr¬ 
scheinlich den Konnex zwischen beiden Organen her. 

Man muß nun befürchten, daß die Hirnanlagen von allen im Keime liegenden 
Organanlagen am ersten und intensivsten geschädigt werden. Denn erstlich 
sind die Hirnanlagen wahrscheinlich schon in der Keimzelle stärker entwickelt 
als die übrigen Anlagen. Darauf deutet der ungeheuere Entwicklungsvorsprung 


*) Genie und Talent. 

*) Das Sexualleben unserer Zeit. 
*) Hygiene der Liebe. 


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Der Einfluß d. männlichen Geistesarbeit auf d. biologische Höherentwicklung usw. 229 


hin, den das Gehirn bei einem Embryo der ersten Entwicklungsstadien zeigt 
Keibel 1 ) berichtet, daß bei einem Embryo im Alter von 27—28 Tagen die 
größte Länge 7 mm, die Kopflänge 5,28 mm betrug. Bei 31—32 Tage Alter 
und einer Länge von 11 mm betrug die Kopflänge 9 mm. Ferner aber ist 
die Annahme sehr begründet, daß die Hirnanlagen der Keimzelle in ganz beson¬ 
derer Weise ähnlichen Ernährungsbedingungen unterworfen sind wie das Gehirn 
selbst So daß also die durch einen starken Energieverbrauch des Hirns in 
den Geschlechtszellen hervorgerufenen Ernährungsstörungen am ehesten die 
Hirnanlagen treffen. 

Wenn nun die von der Hirntätigkeit ausgehende Hemmung der Geschlechts- 
funktion in der Hauptsache auf der beständigen Samenzellenproduktion beruht, 
so muß auch umgekehrt eine erhöhte Samenproduktion die geistige Leistungs¬ 
fähigkeit schwächen. Diese Rückwirkung aber gehört zu den seit langem be¬ 
kannten Erscheinungen. Früher verlangten viele Fakultäten aus diesem Grunde 
von ihren Gelehrten sexuelle Keuschheit In Frankreich hat sich der Zölibats¬ 
zwang der Gelehrten am längsten erhalten. Schon Luther sagte, daß das Re¬ 
gieren nioht vielen Umgang mit Weibern erlaube, und daß deshalb die 300 Weiber 
Salomos eine Erfindung sein müßten. Mantegazza 2 ) sagt: „Eine zeitweilige 
Keuschheit ist allen jenen zu empfehlen, welche in einer gewissen Lebenszeit 
einen großen Aufwand an Geisteskräften zu machen haben.“ Und an* anderer 
Stelle: „Der Jüngling ist stolz und glücklich über die neuerworbene Kraft, und 
der Durst nach Wollust in Verbindung mit der natürlichen Spannung einer 
Krkft, welche zum ersten Male in Funktion tritt, verleiten ihn zum Mißbrauch. 
Die geistigen Fähigkeiten werden dadurch zuerst geschwächt. Gedächtnis, Auf¬ 
merksamkeit, das Nachdenken und der Widerstand gegen Ermüdung bei gei¬ 
stiger Arbeit zeigen einen plötzlichen Verfall.“ (1. c. S. 94.) Gehirn und 
Gesohlechtsfunktion stehen also in beständiger engster Wechselwirkung. Bei 
angestrengter Tätigkeit des einen Organs verarmt die Leistungsfähigkeit des 
andern. Gehirn und Geschlecht stehen beim Manne in einem 
unlösbaren Konflikt der Leistungen. Darin liegt die große Tragik 
im Leben des Mannes. Hier liegt auch der letzte Grund, weshalb beim Manne 
Genie und Wahnsinn so nahe zusammenstehen. Und aus diesem Konflikt ist 
auch die größte Tragik des ganzen Menschengeschlechts geboren, weil von hier 
aus die Weiterentwicklung der angeborenen Hirnorganisation ihre stärksten Hem¬ 
mungen erfahren hat 

Eine weitere Bestätigung für die innige Wechselwirkung zwischen Gehirn 
und Geschlechtsfunktion beim Manne liefert auch das Köllikersche Gesetz. 
Kölliker fand bei seinen Spermauntersuchungen, daß das Sperma um so emp¬ 
findlicher ist, je höher organisiert das Tier ist und umgekehrt Da nun die 
Stellung eines Tieres in der Tierreihe von der Entwicklungsstufe seines Hirns 
bestimmt wird, so besagt das Köllickersche Gesetz, daß mit steigender Hirn¬ 
vervollkommnung die Empfindlichkeit des Samens wächst Jedenfalls beweist 
das Köllickersche Gesetz, daß die Fortpflanzungszellen des Mannes von allen 
Wesen der Erde am empfindlichsten sind. Nun aber sind gerade des Mannes 
biologische Vaterkräfte stets am wenigsten geschützt worden. Eine Ausnahme 
scheinen nur die alten Ägypter zu bilden, das älteste Kulturvolk, dem auch 
von allen Kulturvölkern das längste Leben beschieden war. Sonst begegnet 
man bei allen Völkern Verwüstung und Mißbrauch der Vaterkräfte. Das Emp- 

l ) Hertwigs Handbuch der Entwicklungslehre I, 2. S. 150 

*) 1. c. 8. 220. 


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M. Vaerting. 


findlichste, das am leichtesten Verletzlichste hat man am wenigsten geschützt. 
Der Männerkrieg, die Prostitution, die Männerdoppelmoral, das männliche Familien¬ 
ernährersystem, die Männerkaserne, all diese Sitten und Gewohnheiten sind ein 
ewiges Zeugnis dafür, wie gering unsere Achtung vor dem Vater im Manne 
ist Man muß schon aus diesem Grunde die Hoffnung aufgeben, daß die Ent¬ 
wicklung unserer Hirnorganisatiou sich augenblicklich in aufsteigender Linie 
bewegt 

Vor allem aber drängt die immer mehr zunehmende geistige Betätigung 
des Mannes zu einer sehr pessimistischen Auffassung. Das merkwürdigste dabei 
ist daß man in diesem Punkte vollkommen blind zu sein scheint Wenn man 
auf Warnungen trifft, das Reproduktivsystem nicht durch geistige Arbeit zu 
schädigen, so wenden sie sich immer nur an das weibliche Geschlecht 

Spencer vertritt z. B. die Ansicht, die heute allgemein verbreitet ist, daß 
die Fortpflanzungsfähigkeit bei der Frau durch geistige Arbeit mehr als beim 
Manne gestört wird. Als Beweis führt Spencer den geringen Grad des Ver¬ 
mehrungsvermögens der höheren Gesellschaftsklassen gegenüber den ärmeren T 
die größere Häufigkeit absoluter Sterilität und das frühere Aufhören der 
Befruchtungsfähigkeit an. Keiner dieser Beweise ist stichhaltig, besonders vor 
den Ergebnissen moderner Statistiken fallen sie schnell in sich zusammen. So¬ 
wohl die absolute wie relative Herabsetzung des VermehrungsVermögens der 
höher gebildeten Stände hat wohl in den allerwenigsten Fällen in der Unfrucht¬ 
barkeit der Frauen ihren Grund. Erstens ist es allgemein bekannt, daß die 
freiwillige Beschränkung der Kinderzahl in höheren Kreisen allgemein verbreitet 
ist, im Volke aber zu Spencers Zeiten erst wenig Eingang gefunden hatte. 
Zweitens huldigt Spencer noch der alten Ansicht, daß bei ungewollter steriler 
Ehe die Ursache stets in der Frau zu suchen sei. Das ist Jahrtausende lang 
geschehen, bis die moderne Forschung die Tatsache aufdeckte, daß der Mann 
zum mindesten ebensoviel, wenn nicht sogar mehr als die Frau die Ursache 
der Sterilität sein kann. (Rohleder.) Ferner hat man festgestellt, daß die 
Männer der gebildeten Stände den weitaus größten Prozentsatz der Geschlechts¬ 
kranken stellen. Daß Geschlechtskrankheiten in sehr häufigen Fällen die Ehe 
unfruchtbar machen, ist bekannt. Zudem ist das Durchschnittsheiratsalter der 
Männer der gebildeten Stände um etwa fünf Jahre höher als das der niederen 
Bevölkerungsklassen. Kiaer aber hat nachgewiesen, daß mit steigendem Heirats¬ 
alter des Mannes die Fruchtbarkeit — absolute und relative — in der Ehe 
abnimmt. Außerdem ist die Fruchtbarkeit größer, wenn die Frau bis zu fünf 
Jahren älter ist als der Mann, was in den seltensten Fällen in diesen Ständen 
realisiert ist. Aus all diesen Gründen muß es natürlich den Anschein erwecken, 
daß die Befruchtungsfähigkeit der Frau früher aufhört — eben weil die Zeugungs¬ 
fähigkeit bei ihrem alten und abgelebten Gatten fehlt. 

Auch bei Frauen findet man diese Ansicht vertreten. Ellen Key x ) ist ein 
typisches Beispiel dafür. M. v. Kemnitz 2 ) ist m. W. die erste Frau, welche 
dieser allgemeinen Ansicht nicht nachbetet, sondern sagt, daß bis heute jeder 
Beweis dafür fehlt, daß die Geistesarbeit das Fortpflanzungsvermögen des Weibes 
schädigt. Von dem Schaden, den des Mannes Reproduktivsystem nimmt, wird 
allerdings auch hier nichts erwähnt, trotzdem doch gerade beim Manne die 
Anzeichen dieser Schädigung recht deutlich in Erscheinung treten wie die Ab- 


*) Mißbrauchte Frauenkraft. 

2 ) Das Weib und seine Bestimmung. 


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Der Einfluß d. männlichen Geistesarbeit auf d. biologische Höherentwicklung usw. 231 > 


nehme der Samenproduktion bis zur Impotenz, der schlechte Nachwuchs der 
tüchtigen und genialen Väter, wenn sie nicht früh heiraten. 

Eine physiologisch - biologische Prüfung des Einflusses der Geistesarbeit 
auf die beiden Geschlechter zeigt nun, daß die Frau in diesem Punkte sehr 
viel günstiger gestellt ist. Ausschlaggebend für die innige Wechselwirkung 
zwischen Gehirn und Geschlechtsfunktion ist beim Manne die beständige 
Samenbildung. Beim Weibe findet hingegen keine Neubildung von Keimzellen 
statt, da die Eizellen in ihrer Gesamtheit bei der Geburt bereits angelegt sind. 
(Waldeyer, v. Winiwarter.) Infolge der beständigen Samenproduktion ist die 
Zahl der Geschlechtszellen, die der männliche Organismus wälirend seiner 
aktiven Geschlechtsperiode hervorbringt, ungeheuerlich groß, wogegen die Zahl 
der Eizellen verschwindend gering zu nennen ist. Waldeyer hat berechnet, daß 
auf jede reife Eizelle beim Weibe 850 Millionen Samenzelleu beim Manne 
kommen. Der Energieverbrauch der Geschlechtszellenbildung ist also beim 
Manne ungeheuerlich groß im Vergleich zum Weibe, deren Organismus zudem 
die wenigen Eizellen nicht einmal neu bildet. Dadurch ist die Eizelle der Ein¬ 
wirkung der Geistesarbeit mehr entzogen. Es ist also klar, daß die Geistes¬ 
tätigkeit beim Manne die Fortpflanzungsfunktion in ganz anderer Weise schädigen 
muß als beim Weibe. 

Zu diesen Vorteilen beim Weibe kommen noch weitere zum Schütze seiner 
Keimzellen gegen den Einfluß der Geistesarbeit hinzu. Die Empfindlichkeit 
und An griff lichkeit der Samenzelle ist w r eit größer als die der Eizelle, weil der 
Samenzellkern, welcher die eigentliche Erbsubstanz ausmacht, nicht wie der 
Eikern in eine reichliche Menge Protoplasma eingebettet ist. Die Spermatozoen 
bestehen zum größten Teil nur aus Kernsubstanz, sie haben nur eine dünne 
Protoplasmaschicht 1 ). Diese Protoplasmahülle bildet eine Art Schutzwall gegen 
die Schädigungsmöglichkeiten, welche dem Zellkern, dem unendlich feinen und 
empfindlichen Träger der Vererbung drohen. Die Einbettung des Eikerns in 
Protoplasma sichert ihm ferner eine stetige und ausreichende Ernährung und 
gibt dieser Ernährung eine gewisse Konstanz. Köllicker 2 ) sagt, daß die Kerne 
mit Rücksicht auf ihr Wachstum und die Vermehrung ihrer Substanz ganz auf 
die Zufuhr von Stoffen von außen angewiesen sind, mithin in erster Linie an 
das Protoplasma gebunden sind. Deshalb bezeichnet er das Protoplasma auch 
direkt als Ernährungsplasma. Die Erbsubstanz der Spermie, der diese Proto¬ 
plasmahülle fehlt, ist dadurch in ihrer Ernährung großem Schwankungen aus¬ 
gesetzt und von allen Störungen weit leichter zu beeinflussen. 

Ferner wird die Empfindlichkeit der Samenzelle gegenüber der Eizelle, 
besonders die Angrifflichkeit gegenüber Ernährungsstörungen in der Zelle, ge¬ 
steigert durch die Verschiedenheit der Reifevorgänge. Bei der Reifung gehen 
aus jeder Samenmutterzelle vier befruchtungsfähige Samenzellen hervor. Bei 
der Einmutterzelle hingegen gehen bei der Vierteilung drei der Zellen zu¬ 
grunde (als Richtungskörper) und dienen der letzten, die allein zur fort¬ 
pflanzungsfähigen Eizelle \wird, als Nährmaterial. (Hertwig.) Die Ernährung 
der Ezelle ist also durch die Vorgänge bei der Reife aufs vollkommenste ge¬ 
sichert. 

Trotzdem nun alle diese Unterschiede seit geraumer Zeit bekannt sind, 
hat man niemals daraus den Schluß gezogen, daß die Gefahr von Ernährungs¬ 
störungen des Zellkerns und überhaupt die Angrifflichkeit der männlichen Erb- 


*) Vergl. u. a. Verworn, Physiologie S. 203. 

2 ) Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie Bd. 42. S. 29. 


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M. Vaerting. 


subßtanz weit größer ist als die der weiblichen, daß auch der schädliche Ein¬ 
fluß der Geistesarbeit die Vaterleistung des Mannes weit intensiver und ver¬ 
derblicher bedrohen muß als des Weibes Mutterleistung. 

Das ist um so merkwürdiger, als auch alle Anzeichen, die beim Manne 
den Einfluß der Geschlechtsbetätigung auf die Hirnleistungsfähigkeit aufzeigen, 
beim Weibe fehlen. Starke Geschlechtsbetätigung, selbst sexuelle Exzesse, ver¬ 
trägt das Weib viel besser als der Mann. (Ellis, Forel u. a.) Nach Eulenburg 
ist sexuelle Neurasthenie viel seltener als bei Männern. Unter 168 Patienten 
dieser Art waren nur 6 weiblichen Geschlechts. Nervenkrankheiten kommen 
beim männlichen Geschlecht viel häufiger vor als beim weiblicheu und zeigen 
außerdem einen weit schwereren Verlauf (Campbell, Orschansky, Bucura.) Lom- 
broso weist noch im besonderen darauf hin, daß sexuelle Psychosen beim 
Manne sehr häufig Vorkommen, während sie beim Weibe zu den Seltenheiten 
gehören. Lombroso führt diesen Unterschied auf die stärkere Sexualität des 
Mannes zurück, die nicht einmal als erwiesen gelten kann. Dies ist zweifellos 
ein Irrtum, die Ursache liegt viel tiefer und ist mit viel größerer Wahrschein¬ 
lichkeit in der beständigen Samenproduktion zu suchen. Der nachteilige Ein¬ 
fluß der geschlechtlichen Überanstrengungen auf die Hirnleistungsfähigkeit fehlt 
also beim Weibe ebenso wie die umgekehrte Wirkung. Hirn und Geschlecht 
stehen nicht im Widerstreit, wie beim Manne, und die Warnungen, die man 
in diesem Punkte so häufig an die Frauen gerichtet hat, wären für das männ¬ 
liche Geschlecht nützlicher gewesen. Um so mehr, als seit den Zeiten des 
Vaterrechts der Mann den Hauptteil der geistigen Arbeit geleistet hat 

Im allgemeinen hat man bereits früher bemerkt, daß das Geschlechts¬ 
system des Mannes viel leichter durch schlechte Elinflüsse geschädigt wird als 
das des Weibes. Schon Darwin beobachtete, daß die Domestikation auf das 
männliche Reproduktivsystem einen viel tiefer gehenden Einfluß übt und es 
weit empfindlicher schädigt als das weibliche 1 ). Orschansky hat durch eine 
eingehende Untersuchung nachgewiesen, daß bei kranken Eltern die pathologische 
Vererbung von seiten des Vaters viel gefährlicher ist als bei einer kranken 
Mutter. Die pathologische Vererbung zeigt bei einem kranken Vater die Tendenz, 
sich fortschreitend zu verschlimmern, während bei der Mutter ein regressiver 
Charakter hervortritt. Aber auch diese beiden Nachweise einer größern 
Empfindlichkeit und Angrifflichkeit der männlichen Fortpflanzungszellen haben 
die Gefährlichkeit der männlichen Geistesarbeit für die Nachkommenschaft nicht 
in das rechte licht zu rücken vermocht. 

Wenn man nun den jetzigen Stand der Hirnentwicklung in bezug auf den 
Einfluß der männlichen Geistesarbeit betrachtet, so kommt man zu dem Urteil, 
daß das männliche Geschlecht, welches fast ausschließlich das traditionelle Erb¬ 
gut an Erkenntnis aufgespeichert hat, dabei aber zugleich das größte 
Verbrechen an der lebendigen Intelligenz der Menschheit 
begangen hat Die tote Weisheit ist mit einem kostbaren lebendigen Strom 
angeborener Begabung bezahlt, die nicht nur von Kind zu Kindeskindern weiter¬ 
fließen, sondern immer stärker anschwellen sollte. Ohne es zu ahnen, hat die 
Menschheit den Raubbau an der angeborenen Begabung in ein System gebracht 
Und immer raffinierter wird dieses System ausgebaut, das den Niedergang der 
Intelligenz rapide beschleunigt. Nach diesem System muß die Intelligenz immer 
mehr sich selbst verzehren. 


*) Entstehung der Arten und das Variieren der Tiere. 


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Der Einfluß d. männlichen Geistesarbeit anf d. biologische Höherentwicklung usw. 233 


Denn je stärker die Hirnausbildung und -anstrengung des Mannes, umso 
mehr nimmt die Vererbungskraft für geistige Anlagen ab, umso weniger begabt 
sind die Nachkommen. Heute beginnt die Hiruausbildung des Knaben schon 
in frühester Kindheit und wird bis in die späte Jugend, ja bis ins reifste 
Mannesalter hinein fortgesetzt. Wir sind aufs eifrigste dabei, diesen Schul- und 
Bildungszwang sowohl immer intensiver in den Anforderungen ' als auch der 
Zeit nach immer ausgedehnter zu gestalten. Dem allgemeinen Schulzwang bis 
zum 14. Jahre ist der Fortbildungsschulzwang gefolgt. Bei den akademischen 
Berufen ist man eifrig bemüht, die Ausbildung auf noch längere Zeit zu er¬ 
strecken und auch hier die Anforderungen immer mehr zu steigern. Die Aus¬ 
bildung wird immer schwieriger und länger, die Kinder¬ 
zeugung des Mannes erfolgt immer später, ln diesem Punkte liegt 
die Riesengefahr einer immer mehr fortschreitenden Verdummung des mensch¬ 
lichen Geschlechts. Dieser Begabungsverarmung, die durch keine noch so große 
Vermehrung der traditionellen Erkeuntnis aufgewogen werden kann, nyiß mit 
allen Mitteln entgegengearbeitet werden. Dies ist um so notwendiger, als der 
Krieg Europa eugenisch in eine ungeheuer kritische Lage gebracht hat Es 
geht um das Leben der alten Welt, und da heißt es retten, was noch zu 
retten ist. 

Schutz vor geistiger Überanstrengung, besonders in der Jugend, vor Beginn 
der Kinderzeugung, und Frühehe für das männliche Geschlecht muß die Losung 
werden. Im Interesse der Nachkommenschaft muß Schulbildungswesen und 
Ehegründung einer gründlichen und weitherzigen Reform unterzogen werden. 
Viel kostbares biologisches Erbgut hat der blindwütende Krieg auf immer ver¬ 
nichtet. Wir dürfen seine blutige Zerstörungsarbeit nicht im Frieden unblutig 
fortsetzen. Um so weniger, weil auch dieses Verwüstungswerk wahrscheinlich 
am meisten das männliche Geschlecht trifft. Orachansky *) hat nachgewiesen, 
daß von der pathologischen Vererbung des Vaters die Söhne weit stärker ge¬ 
troffen werden als die Töchter, dasselbe hat v. d. Velden bei degenerierenden 
Familien festgestellt. Aüs diesem Grunde ist es sehr Wahrscheinlich, daß bei 
allen Zeugungsverschlechterungen des Vaters das männliche Geschlecht am 
meisten Schaden leidet, daß also auch die angestrengte Geistesarbeit des Mannes 
am nachteiligsten auf die Begabung des eigenen Geschlechts zürückwirkt. Es 
liegen Anzeichen vor, daß die Begabung des männlichen Geschechts schneller 
abnimmt als die des weiblichen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß in den 
Hilfsschulen die Zahl der Knaben die der Mädchen ganz bedeutend übersteigt. 
In den Idiotenanstalten ist es ebenso. * Weygandt z. B. teilt die Tabelle von 
Bicötre, der großen Pariser Idiotenanstalt, mit. Auf 2239 Knaben kamen nur 
587 Mädchen, also fast viermal so viel Knaben als Mädchen. Priestley hat 
62 000 Schulkinder untersucht, unter denen sich 9,5 v. H. Knaben und nur 
6,5 v. H. Mädchen mit Intelligenzdefekten befanden. Das sind Zahlen, die zu 
denken geben sollten. 

Daß wir beim männlichen Geschlecht einen schnelleren Rückgang der 
Begabung befürchten müssen, zeigt beispielsweise weiterhin eine Feststellung 
der Berliner Schulärzte über den Zusammenhang zwischen Alkoholgenuß und 
schlechten Schulleistungen aus dem Jahre 1904/05. Von den nie oder ganz 
selten Alkohol genießenden Kindern hatten nämlich 24,9 vorn Hundert der 
Knaben, dagegen um 8,3 v. H. der Mädchen die Zensur unter genügend. 
Es fanden sich also unter den unter normalen Verhältnissen lebenden Kindern 


') Die Vererbung im gesunden und krankhaften Zustande 


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Felix Theilhaber. 


dreimal soviel mangelhaft begabte Knaben als Mädchen, ein gewaltiges Plus, 
welches ein trauriges Zeugnis ablegt dafür, daß das männliche Geschlecht im 
Niedergange der Intelligenz am weitesten fortgeschritten ist. Die Menschheit darf 
nicht länger das unheilvolle Zerstörungswerk fortsetzen, darf nicht länger tote 
Geistesschätze anhäufen auf Kosten der lebendigen. Keine Generation hat 
das Recht, das ihr überkommene lebendige geistige Erbgut zu 
verbrauchen. Es ist im Gegenteil Pflicht, es in den Nachkommen zu ver¬ 
mehren. Die Höherentwicklung der Intelligenz ist die vornehmste Aufgabe dea 
Menschengeschlechts. Die Leistung der gegenwärtigen Generation braucht da¬ 
durch nicht einmal verringert zu werden. Es heißt nur, beim Manne geistige 
Leistung und gute und tüchtige Fortpflanzung in Einklang zu bringen. Orga¬ 
nische Entwicklung des Gehirns und Frühehe, Schulreform und Lebensreform, 
das sind die Forderungen, die allerdings in ihrer Verwirklichung immer 
schwerer werden, je mehr wir uns in der Entwicklung der Intelligenz auf 
absteigender Bahn bewegen. 


Zur Sexualpathologie der Blutungen 
insbesondere des „gefährlichen Alters“. 

Von Felix A. Theilhaber 
in Charlottenburg, z. Z. im Felde. 

In mehreren Beiträgen in Fachzeitschriften 1 ) und in einer Monographie*) 
hat Hofrat Dr. A. Theilhaber die Entstehung der Gebärmutterblutungien 
abweichend von überkommenen Anschauungen dargelagt. Wenn wir von bös- ; 
artigen Geschwülsten, die an jeder anderen Stelle auch bluten würden, absehen, 
so handelt es sich an der Gebärmutter um Vorgänge, welche bisher — auf eine 
ausführliche Angabe der Literatur muß ich vom Felde aus verzichten — in der 
Hauptsache also erklärt wurden: 

Die klassische Vorstellung, die der Physiologe Pflüger begründete, ging 
dahin, daß periodisch reifende Follikel einen beständigen Druck auf die Nerven 
des Eierstockes ausüben. Durch deren Summation wird eine stärkere Blut¬ 
zuführung zu den Geschlechtsorganen hervorgerufen. Wenn der Reiz eine 
bestimmte Größe erreicht, erzeugt diese Kongestion eine Veränderung der 
Schleimhaut (Endometritis) und somit die Blutung, anderseits die Berstung der 
Follikel und den Austritt des Eies. 

Neuere Untersuchungen, von denen Ha 1 bans und Knauers u. a. diese 
Auffassung modifizieren, führen den Reiz und die Auslösung der Blutung auf 
den Übertritt chemischer Stoffe aus den Eierstöcken in die Blutbahn. Über 
diese periodische Funktion der Ovarien, die letzten Endes den Anstoß zu den 
menstruellen Veränderungen abgeben, sind eine Reihe wertvoller Arbeiten er¬ 
schienen, an die auch Untersuchungen Iwan Blochs sich anknüpfen. Die 
Bedeutung dieser somatischen Vorgänge sind aber nicht nur auf den lokalen 
weiblichen Organismus und auf das allgemeine Wohlbefinden beschränkt Es 
ist heute wissenschaftlich anerkannt, daß die ganze weibliche Psyche von den 

f I 

1 ) Münchn. med. Woch. 1000, Nr. 14. Monatsschr. f. Geburtsh. Bd. 31. Arch. f. 
Gynäkol. Bd. 62 u. Bd. 107 u. Bd. 94. 

2 ) Blutungen und Ausfluß. München 1909. Reinhards Verlag. 


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Zur Sexualpathologie der Blutungen insbes. des „gefährlichen Alters“. 23q 


turnusmäßigen feinsten Vorgängen des Sexualapparates in stärkstem Maße in 
Mitleidenschaft gezogen wird. 

Georg Busch an spricht von. der Menstruation als einer in Monatszyklen 
verlaufenden Wellenbewegung des weiblichen Organismus, welche seine 
physische und psychische Persönlichkeit einem beständigen Wechsel unterwirft, 
und gleichsam Wellenberg und Wellental in seinen Funktionen erzeugt. Jedes¬ 
mal vor Einsetzen der Periode erreicht die Energie der Wellenbewegung ihren 
höchsten Punkt 

Die Zeit der Regel ist der Kulminationspunkt im Leben des Weibes. Sie 
bringt schwere körperliche und seelische Veränderungen hervor. Alle Er¬ 
scheinungen, welche einer verstärkten Reizbarkeit entstammen, hängen mit ihr 
zusammen: Geisteskrankheiten z. T. und Selbstmord. Es ist das Verdienst 
Buschans, den Zusammenhang der weiblichen Kriminalität mit den sexuellen 
Prozessen nachgewiesen zu haben. In seinem Werk „Geschlecht und Ver¬ 
brechen“ (Berlin 1908) führt er die Vergehen durch Widerstand gegen die 
Staatsgewalt, Kleptomanie, Brandstiftung u. a. auf den geschlechtlichen Ablauf 
des weiblichen Sexuallebens zurück. Auch die morphologischen Vorgänge des 
Klimakteriums rufen eigenartige geistige Umwälzungen in den Frauen hervor, 
die heute jeder Psychiater und Kriminalist kennt. Von Delikten führt der Fach¬ 
mann besonders Beleidigung, Hausfriedensbruch u. a. auf die letzten Höhe¬ 
punkte des weiblichen Geschlechtstriebes zurück. Selbst im breiten Volke sind 
diese Epochen im Leben des Weibes allgemein so stark zur Erkenntnis ge¬ 
kommen, daß wir auf ihre allgemeine Bedeutung nicht näher einzugehen 
brauchen. 

Wenn also der normale Ablauf der monatlichen Blutung eine befriedigende 
Erklärung in der chemischen Sekretion innerer Organe gefunden hat, so stand 
das pathologische Auftreten unzeitgemäßer Blutungen, protrahierter Menstrua¬ 
tionen oder das Aussetzen derselben zur Debatte. Es lag nahe, der mangel¬ 
haften oder vermehrten Tätigkeit der Ovarien die Schuld hierfür anzuhängen. 
Noch vor kurzem (Juli 1915) hat Lauth 1 ) sich zur Behauptung verstiegen, 
daß „alle Gebärmutterblutungen, die sich nicht aus einer Schwangerschaft und 
Neubildungen erklären lassen, auf die Ovarien zurückgehen". Die Behauptung, 
daß es eine Hypertrophie und Hypersekretion der Ovarien gibt, welche ins¬ 
besondere im Klimakterium die so viel verbreiteten Blutungen verursachen, 
weist A. Theilhaberin den angezogenen Arbeiten eingehend zurück. Ferner 
ergeben seine anatomischen Untersuchungen, daß die berühmte Endometritis, 
welcher eine so große Rolle bei allen diesen Fragen angedichtot wird, eine Aus¬ 
geburt freier Phantasie ist Das Endometrium spielt bei der Entstehung der 
Menorrhagien und Metrorrhagien eine überaus untergeordnete Rolle, ihre Er¬ 
krankung oder Veränderung wurde zumeist falsch beurteilt. 

Bei der Bedeutung des ganzen Problems ist eine Klarlegung des Sach¬ 
verhaltes nicht nur für den Gynäkologen von Bedeutung. A. Theilhaber hat 
entsprechend der ganzen Fragestellung — wie wir sofort sehen werden — die 
sexualwissonschaftliche Seite der Sachlage entsprechend mehr berücksichtigt, 
als es die Gynäkologen bisher getan haben. 

Die Vorbedingung der Blutungen der Gebärmutter ist entweder die Blut¬ 
überfüllung dieses Organes, oder ihre Unfähigkeit, infolge kräftiger Kontrak¬ 
tionen ein rechtzeitiges Ende derselben herbeizuführen. , 

Die Blutüberfüllung der Gebärmutter hat ihre vielfachen Ursachen: Die 
sitzende Lebensweise unserer erwerbstätigen Frauen, die in Bureaus, Fabriken 

1 ) Monatsschr, f. Geburtsb. 1015. 


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Felix Theilhaber. 


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und Werkstätten gezwungen sind, stundenlang auf einem Stuhl oder einer Bank 
zu kleben, die vielfach reizhaltige Kost, welche den Blutandrang zu den unteren 
Organen fördert. Wir wissen von vieleu Bemfsarten (Bäckern, Maurern usw.), die eine 
gleichmäßige, konstante, stehende Haltung oinnehmen, daß sich bei ihnen eine 
vonöse Überladung des Kreislaufes der unteren Extremität mit vielfacher Er¬ 
krankung und Entzündung der Venen einstellt; die venöse Stase der männ¬ 
lichen Staatshämorrhoidalier ist sprichwörtlich. Auf die venöse Stase der 
woiblichen Unterleibsorgano ist noch viel zu wenig hingewiesen worden. 

Ich habe zusammen mit A. Theilhaber Blutgefäße des Uterus mikro¬ 
skopisch untersucht. Wie nicht anders denkbar ist, ergaben sich entsprechende 
histologische Funde. Die Arterien und Venen der Multiparae und ältefen 
Frauen sind rigider, fast stets vergrößerter und haben infolge feinster Verände¬ 
rungen an der Intima und der MuskoLschicht gelitten. Dementsprechend können 
die Gofäße auf nervöse, chemische Einflüsse und auf den groben Muskeldruck 
der Umgebung nicht mehr so fein reagieren, wie die jugendlichen Gefäße von 
Nulliparae. Es entstehen im Gewebe Sokretstauungen und Hyperämien. Viele 
Uteri bleiben jahrelang nach der letzten Entbindung vergrößert und voluminös, 
obwohl der eigentliche Muskel atropliisch und degeneriert ist. Der Einfluß der 
sitzenden Lebensweise auf die Dauer der Regel ergab eine Enquete in einom 
Bureau, in dam viele Mädchen eine lange Arbeitszeit ruhig sitzend auszuhalten 
hatten. Mit verschwindenden Ausnahmen hatten alle eine protrahierte Men¬ 
struation, die bei fast allen übermäßig auftrat. Den Einfluß von sozialer Stellung 
und Lebensweise auf den Beginn, den Verlauf und die Dauer der Regel habe 
ich in früheren Jahren in anderen Arbeiten untersucht Meine Befunde sind 
vielfach nachgeprüft. Alle Autoren räumen dem Einfluß der ökonomischen 
Lebenslage einen Zusammenhang mit der stärkeren Uterusdurchblutung ein. 
Aber abgesehen davon ist es überhaupt die Frage, ob die normale Gebärmutter 
nicht schon anatomisch derartig angelegt ist, daß sich in ihr langsam ein 
Reservoir überflüssigen Blutes anspeichert, daß der Blutabfluß infolge einer 
entsprechenden Anlage minimal behindert ist, um in dem Verlauf eines Monats 
eine überschüssige Menge zu enthalten, die entleert werden kann, und durch 
den Anstoß des Ovarialsekretes abgestoßen werden soll. 

Die Hyperämie der Gebärmutter ist somit eine Vorausbedingung der un¬ 
natürlichen Blutungen, die zweite stellt die Hyporplasie des Uterus in den 
40er Jahren dar. Makroskopisch und mikroskopisch ergibt sich in ihm eine 
Ersetzung des normalen Muskelgewebes durch Bindegewebe. Wie der Herz¬ 
muskel bei bindegewebiger Durchsetzung, so ist auch die Muskulatur des Uterus 
in ihrer Kontraktionsfähigkeit behindert. Das Blut staut sich erst recht in den 
Maschen, und wenn erst' einmal die kleinen Endarterien zu bluten anfangen, 
findet der Muskel nicht die Kraft sich bald zusammenzuziehen. Erst spätere 
Gerinnung in den kleinen Endgofäßen führt allmählich zur Beendigung der 
Metrorrhagie. 

Damit entstehen nach den A. Theilhaber sehen Untersuchungen die 
außergewöhnlichen Blutungen (die protrahierten, intermittierenden, abundanten) 
nicht infolge chemischer Einwirkungen, sondern auf Grund anatomisch¬ 
physikalischer Veränderungen der Gebärmutter. 

Gegen eine verstärkte Sekretion der Eierstöcke spricht, daß erfahrungs¬ 
gemäß die Ovarien in den 40er Jahren gerade zu atrophieren beginnen, daß 
ferner die Zunahme der Blutungen anamnestisch mit vorher erwähnten Um¬ 
ständen zusammenfällt, und daß gerade anatomische Untersuchungen solcher 
Fälle die geschilderten pathologischen Gewebsverhältnisse ergaben. 


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Zar Sexaalpathologie der Blatangen inshes. des „gefährlichen Alters“. 237 


Diese Blutungen kommen beim weiblichen Geschlecht so überaus häufig 
vor, daß sie vielleicht das bekannteste Frauenleiden darstellen. Sind die Blu¬ 
tungen gering und fast noch normal, so mag ihre 1 Bedoutung übersehen werden, 
stärkere Blutungen jedoch können nicht unbeachtet bleiben. Sie verursachen 
solche Störungen im subjektiven und objektiven Wohlbefinden der Frau, daß 
eine richtige Therapie einzuschlagen ist. 

Solange die Gynäkologie sich an den absolut unbewiesenen 'Pheorien der 
Ovarialhypertrophie klammerte, konnte auf diesem Wege kein Erfolg erzielt 
werden. Die Behandlung ging daher auch — was ein weiterer Beweis unserer 
Anschauung ist — dahin, den Utorus zu stärkeren Kontraktionen zu bringen. 
Je prompter die Muskeln wieder funktionierten, desto rascher lief die Blutung 
ab. Die Empirie siegte und die Ovarialtheorie blieb hier machtlos. Für die 
Medizin ist daher die Untersuchung der Unschädlichkeit der pathologischen 
Gebärmutterblutungen von großer Reichweite, für die Sexualwissenschaft dürften 
die nachfolgenden Zusammenhänge besonders interessant sein. 

W'enn nun auch die Voraussetzungen für die Blutungen in histologisch¬ 
physikalischen Verhältnissen gegeben waren, so zeigte doch eine eingehende 
Untersuchurtg, daß gerade sexuelle Vorgänge recht wesentlich die Aus¬ 
lösung der Blutungen inaugurieren. Die normale Frau wird bei normalem Ge¬ 
schlechtsverkehr nicht ohne weiteres pathologisch auf den Koitus reagieren. 

A. Thoilhaber nahm.nun bei Patientinnen, die er längere Zeit kannte 
und die volles Vertrauen zu ihm hatten, wobei junge Mädchen absichtlich nicht 
befragt wurden, genaue Anamnesen auf, die genauer im „Archiv für Gynä¬ 
kologie, Bd. 107, H. 1“ nachgelesen werden können. Der größte Teil eines ganz 
ansehnlichen Materials führte selbst die Blutungen auf sexuelle Vorgänge 
zurück. Vielfach kamen Blutungen ganz unvorgesehen nach einom unerwar¬ 
teten sexuellen Verkehr, oder es schlossen sich Blutungen jeweilig nach der 
Masturbation an. Vielfach war der Zusammenhang zu frühzeitiger Blutung 
mit dem Koitus jahrzehntelang beobachtet. Nach vielen Anamnesen erscheinen 
sexuelle Erregungen, oft schon Küsse, sinnliche Vorstellungon usw. starke 
Wallungen im Gefolge zu haben, die zu Blutungen führen. Wir wissen ja, 
daß bei nervösen Personen Erektionen lediglich durch Vorstellungon ausgelöst 
werden; wir wissen, daß der Uterus ebenso wie der Penis ein erektiles Organ 
ist. Der Uterus schwillt daher bei Wollustgefühlen ebenso wie der P